28 Deanstreet, 3. Juli 1852.

Lieber Engels!

Ich komme spät, aber ich komme. Den Aufschub wirst Du aus folgender

Geschichtserzählung Dir erklären ....

Kloses Frau, lang kränkelnd, abzehrend im Hospital, wird von dem

Hundepack entlassen gerade im Moment der letzten Krise, stirbt

vorgestern in seinem Hause. Nun kein Centime da, Begräbniskosten usw.

Freiligrath konnte nichts tun, da er eben alle seine Bekanntschaften

erschöpft hatte, um Heilbergs Frau und Kind nach Breslau

zurückzufördern, ihn selbst am Leben zu halten und schließlich ins

Hospital zu fördern. So fiel die Sache auf mich und machte unsägliche

Laufereien, bis sie ins reine gebracht war. _Maintenant_[1] ist wieder

Ruhe!

Du wirst von neuen Verhaftungen in Paris gelesen haben. Die Tölpel

(diesmal Ruge-Clique) mußten natürlich eine Scheinkonspiration wieder

von neuem auf die Tapete bringen. Ihr Korrespondent in Paris, wie mir

schon vor geraumer Zeit mitgeteilt war, _Engländer_, notorischer

Polizeiagent (in Paris), deponiert natürlich jeden ihrer Briefe sofort

im Office. Nicht zufrieden damit, schickt die französische Polizei Simon

Deutsch her, um dem Panzerum die Würmer aus der Nase zu ziehen. L[ouis]

N[apoleon] bedarf unter allen Umständen einer Konspiration.

Ein Hauptagent der Polizei ist bestochen. Zwei Generale sollen gewonnen

sein. Nemours war selbst vor vierzehn Tagen in Paris. Große Summe zur

Verbreitung von Pamphleten gegen L. N. verausgabt.

Der Hund Cherwald hat den Preußen noch den Pfänderschen Brief an ihn

ausgeliefert.

_Au revoir._

Dein K. M.

Von Weydemeyer keine Spur. Bonaparte wird wohl eher in Amerika sein als

meine Broschüre über ihn in Europa. Wenn möglich, schicke mir bald einen

Artikel für Dana.

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[1] Jetzt.

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Manchester, 6. Juli 1852.

Lieber Marx!

Ich sitze hier bis über die Ohren in der Arbeit. Vor mir liegen jetzt

noch elf Geschäftsbriefe, die ich heute noch schreiben muß, und es ist

gleich 7 Uhr. Ich will indes womöglich noch heute, spätestens aber

morgen abend einen Artikel für Dana machen.

Ich habe gerade den Herrn Görgey vor. Wir haben damals aus den

österreichischen Berichten den Gang des ungarischen Krieges in der Neuen

Rheinischen Zeitung famos richtig geraten und glänzend, aber auch

vorsichtig, richtig prophezeit. Das Buch von Görgey ist hundsgemein, so

etwas klein Neidisches, infam _mesquin_ Borniertes existiert nicht mehr.

Das Militärische ist gut, Görgey, wie er leibt und lebt, der talentvolle

Exleutnant, der sofort General wird und dem der Kompagniedienst und das

elementartaktische Detail noch als Eierschale überall anklebt. Die

Ungarn, die behaupten, Görgey hätte das nicht schreiben können, sind

_Esel_. Das echt Görgeysche und das österreichische Element sind im

Buche so leicht zu unterscheiden, wie im Chenu die beiden heterogenen

Elemente. Als Quelle ist das Buch – mit Vorsicht – aber sonst sehr gut

zu gebrauchen. Die boshafte Borniertheit des Kerls geht so weit, daß sie

ihn dazu treibt, sich selbst zu blamieren, wie durch die Geschichte von

der Waizener Proklamation, worin er Kossuth vorwirft, in der

Wirklichkeit gescheiter gewesen zu sein als in seinen bombastischen

Reden, und durch die ganze unbeholfene Darstellung, die den Verfasser

sich immer wider Willen kompromittieren läßt. Diese Borniertheit läßt

Görgey nie zu einer wirklichen Charakterisierung irgend eines Kerls

kommen, doch sind nette Züge und einzelne Glossen drin über Kossuth und

die meisten anderen. Trotz dieser Borniertheit der Boshaftigkeit war

Görgey – man sieht es überall – doch allen überlegen – was sind also die

anderen erst für Kerle!

Über den ungarischen Krieg schreibe ich jedenfalls.

Dein F. E.

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Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 105 / 196 题