Lieber Engels!
Ich sehe, daß ich das vorige Mal den Brief von Reinhardt vergessen habe.
Den Artikel an Dana geschickt, von dem ich noch keine Antwort habe auf
meine Forderung, mir in London ein Haus anzuweisen. Meine Alte hat trotz
ihres Versprechens noch nichts von sich hören lassen. Auf Briefe an
Bekannte in Deutschland habe ich bisher ebensowenig eine Antwort
erhalten. Seit einer Woche habe ich den angenehmen Punkt erreicht, wo
ich aus Mangel an den im Pfandhaus untergebrachten Röcken nicht mehr
ausgehe und aus Mangel an Kredit kein Fleisch mehr essen kann ...
Ich schreibe heute nicht ausführlich, da ich mit dem Diktieren eines
Artikels für Weydemeyer und der Expedition und Korrektur der übrigen
Beiträge für ihn beschäftigt bin.
In der Augsburger [Allgemeinen] Zeitung habe ich gesehen, durch Seilers
Handlangerdienst, daß Herr Stirner eine „Geschichte der
Konterrevolution“ herausgegeben hat. Er wird beweisen, daß die
Revolution unterging, weil sie „die Heilige“ war, und die
Konterrevolution siegte, weil sie „egoistisch“ sich verhielt.
Am 25. Februar feierten die Franzosen ein Februarbankett oder vielmehr
ein trockenes Meeting mit Zubehör von Tee und Sandwiches. Ich und Frau
waren eingeladen. Das übrige Publikum hatte Zutritt für einen Frank. Da
ich weder hingehen konnte noch wollte, schickte ich meine Frau mit einem
_frenchman_ hin. Ledru-Rollin, Pyat, Thoré, Martin Bernard usw., kurz,
die ganze melinistische [?] Clique, von der die Sache ausgegangen war,
erschien nicht, weil das Entree zum Besten der Flüchtlinge ihr zu gemein
war. Louis Blanc hatte auch abgeschrieben. Es war nur die unterste Hefe
der Emigration da, die sich zum großen Teil blanquistisch nennt. Nachdem
aber der kleine, falsche Korse, der sich in irgend einem Parlour in der
Nähe aufhielt, nachdem ihm seine Spione die Abwesenheit Ledru-Rollins
und Ko. versichert, erschien, und bei dem gänzlichen Mangel an Talent
und Autorität, wurde der kokette stahlblaue Frack mit _rapturous
applause_[1] aufgenommen. Seine Rede, nach deren Abhaltung er sich
sofort entfernte, brachte seine Feinde zum Entzücken. Riß sie hin.
Besiegte sie. Und was sagte _that little man_,[2] dieser Johnny Russell
des Sozialismus? Man wundere sich hier im Ausland über die sonderbaren
Ereignisse in Frankreich; er glaube fester denn je an den Stern _de la
patrie_. Und warum? _Je veux_, sagte er, _vous expliquer le mouvement
historique etc._[3] Nämlich im Leben aller großen Militärs, zum Beispiel
von Frederic le Grand, von Napoleon le Grand, finden sich _des grandes
victoires et des grands revers. Eh bien! la France est une _nation
militaire_._ Sie hat ihre _élans_ und ihre _catastrophes_. _Quod erat
demonstrandum._[4] Was es wollte, hat es noch immer fertig gebracht,
1789 die Feudalität, 1830 die Könige verjagt. Wen wollte es 1848
stürzen? Du meinst vielleicht die Bourgeoisie. Beileibe nicht. _La
misère, la hideuse misère._[5] Folgt nun ein sozialistischer Tränenstrom
über die Misere. _La misère, ce n’est pas quelque chose de fixe, quelque
chose de saisissable_,[6] aber dennoch wird die französische Nation in
der neuen Revolution die Misere besiegen und dann _la mère ne détruira
pas de ses propres mains le fruit de ses entrailles, la petite fille de
sept ans ne se „groupera“ plus sous la machine_,[7] und was dergleichen
Eseleien mehr sind. Dabei verschwendete er in seiner Rede drei ganze
Witze. Er nannte Bonaparte 1. _un aventurier_, 2. _un bâtard_ und 3. _le
singe de son oncle_.[8] Die letztere Neuigkeit versetzte die Anwesenden
in wahre St. Veitstänze. _Qu’en dis-tu?_[9] Es ist, um an den _crapauds_
zu verzweifeln. Ihre Geschichte im großen ist epigrammatisch, ein wahres
dramatisches Kunstwerk, aber die Kerls! _Mon dieu!_ Herrn Blancs Einfall
erinnert mich an einen Witz, den mir Massol mitteilte. Bonaparte ist
nach zwölf abends regelmäßig betrunken, in der Gesellschaft der _mâles
und femmelettes_,[10] die er in seinen Orgien um sich versammelt. Er
flucht und schwört dann. Eine der Damen seiner Bekanntschaft
entschuldigt ihn mit den Worten: _Mais c’est un militaire!!_[11]
Addio!
Dein K. M.
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[1] Stürmischem Beifall.
[2] Der kleine Mann.
[3] [Stern] des Vaterlandes .... Ich will, sagte er, euch die
Bewegung der Geschichte auseinandersetzen usw.
[4] Große Siege und große Schlappen. Wohlan, Frankreich ist eine
militärische Nation. [Sie hat ihre] Aufschwünge [und ihre]
Zusammenbrüche. Was zu beweisen war.
[5] Das Elend, das scheußliche Elend.
[6] Das Elend ist nichts fest Umschriebenes, nichts zu Greifendes.
[7] Die Mutter wird nicht mehr mit eigenen Händen die Frucht ihres
Leibes vernichten, das Mädchen von sieben Jahren wird sich nicht
mehr an die Maschine „gruppieren“.
[8] 1. Einen Abenteurer, 2. einen Bastard und 3. den Affen seines
Oheims.
[9] Was sagst Du dazu?
[10] Männchen [und] Weibchen.
[11] Aber er ist ein Militär.
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Manchester, 2. März 1852.
Lieber Marx!
Die 5 Pfund, die ich gestern zur Hälfte an Dich direkt, zur Hälfte unter
Kuvert an Lupus schickte, wirst Du erhalten haben. –
Stirners Geschichte der Reaktion ist, nach der Augsburger Allgemeinen
Zeitung, eine miserable Kompilation oder vielmehr Zusammenstellung von
Lesefrüchten und gedruckten und ungedruckten Stirnerschen
Zeitungsartikeln – „verschmähte Blätter und Blüten“ über alles in der
Welt und noch einiges andere –, zwei Bände, die mit der Drohung
schließen, daß der dritte „die Grundlage und das Lehrgebäude“ enthalten
werde. Weit entfernt, sich zum Heiligen zu versteigen, sind seine
eigenen Glossen vielmehr für höhere Töchterschulen bestimmt.
Der kleine Simon von Trier muß sich doch bei Dana schrecklich blamieren,
wenn er uns so lächerlichen Blödsinn unterschiebt und Dana dabei unsere
Artikel liest, die doch _anything but that_[1] enthalten .... Mein
Artikel für den Southampton Steamer hat diesen verfehlt, da ich mich um
einen Tag wegen dessen Abfahrt verrechnet hatte; Du erhältst ihn nun
Freitag mit noch einem zweiten, der die Sache bis Ende 1848 bringen
wird. Dann kommen die preußischen Kammern, die Reichsverfassungskampagne
und schließlich die preußisch-österreichischen Wirren von 1850/51,
endlich Konklusion – zusammen wird das Ganze vielleicht noch sechs bis
acht Artikel machen, Summa Summarum 17 bis 20 Artikel. – In vierzehn
Tagen wird Charles wieder hier sein, und dann habe ich mehr Zeit. Jones
muß sich bis dahin gedulden. –
Herr Derby also erklärt geradeheraus, daß er _à la_ Sir J. Graham
etwaige zukünftige Bandieras wieder den Österreichern und Konsorten in
die Hände spielen wird. Also wieder Brieferbrechungen _en masse_. Wer
hauptsächlich hierunter leiden wird, ist Mazzini und die Ungarn. Uns
wird das wenig genieren.
Die Unverschämtheit des Derby ist aber groß. „Ich erkläre euch hiermit,
daß ich bei passender Gelegenheit einen Zoll auf Korn legen werde. Wann,
darüber habe ich allein zu urteilen. Wenn ihr, die Majorität des
Unterhauses, aber nicht _des factieux_[2] sein wollt, so müßt ihr mich
in Ruhe lassen, bis ich mich so weit konsolidiert und das Land so weit
toryfiziert habe, daß ich in aller Gemütsruhe den ganzen Fortschritt der
letzten zwanzig Jahre wieder umwerfen kann.“ Das arme _house of
commons_![3] Anstatt eines Ministeriums, das sich in relativer Minorität
befand, erhält es jetzt eines, das in der absoluten und permanenten
Minorität ist, und es soll ihm nicht einmal Opposition machen dürfen.
Den schlappen Freetraders aber geschieht ganz recht. Die Kerls hatten
eine Schlacht gewonnen, eine neue strategische Linie erobert und
vernachlässigen, sie zu besetzen und zu befestigen, ja vernachlässigen,
vom Siege zu profitieren und selbst bloß den Feind zu verfolgen. Jetzt
haben sie die Schlacht noch einmal auf demselben Terrain zu liefern.
Dies Tory-Avènement[4] hat den Kerls die Fragen aber plötzlich enorm
klar gemacht. Die Parlamentsreform, und zwar bis zu einem Grade, der
wenigstens die unvermischten Tories und Whigs auf ewig von der
Herrschaft ausschließt und eine Majorität von Industriellen im Kabinett
und im Parlament sicherstellt, ist jetzt Lebensfrage für die
Fabrikanten. Hier sind diese Gentlemen wieder sehr aktiv. In diesem
Augenblick ist die Anti-Corn-Law-League versammelt und berät, ob sie
sich wieder organisieren soll. Cobden, Bright, M[ilner] Gibson usw. sind
hier. Wahrscheinlich werden sie das Gerippe der Organisation wenigstens
wieder zusammenstoppeln. Aber erst wenn es zur Auflösung kommt, wird der
rechte Tanz losgehen. Die Auflösung muß aber bald kommen, die
Kollisionen können trotz der sanften Worte und friedlich-versöhnenden
Absichten des Derby nicht ausbleiben.
Leider ist wenig Aussicht, daß die Handelskrise mit der Auflösung
gleichzeitig eintritt. Der Commerce geht hier fortwährend brillant. Die
Nachrichten von Amerika sind äußerst günstig. Was die Krise
hinausschiebt und noch etwas hinausschieben kann, ist 1. Kalifornien,
sowohl der Trade dahin, wie die Massen Gold, die in Verkehr kommen, und
die Auswanderung dahin, kurz, der ganze Stimulus, den Kalifornien auf
die ganzen Vereinigten Staaten ausübt. 2. Der Zügel, den die hohen
Baumwollpreise von 1849 und 1850 der Baumwollindustrie anlegten, die
sich erst seit Frühjahr 1851 flott entwickelt hat. 3. Der enorme Fall in
den Baumwollpreisen – fast 50 Prozent – seit 1-1/2 Jahren. In New
Orleans kostete Baumwolle (Middling, die Durchschnittssorte) am 1.
September 1850 13-1/2 Cents = 7-3/4 Pence in Liverpool; jetzt kostet
Middling in New Orleans 7-5/8 Cents = 4-7/8 Pence in Liverpool und stand
eine Zeitlang auf 7 Cents. Das muß den Konsum natürlich bedeutend
vermehren. Im vorigen Jahre – Januar und Februar – wurden hier im
Baumwollbezirk wöchentlich 29 000 Ballen konsumiert, dies Jahr 33 000,
und das ist bloß amerikanische, dazu noch Surate, ägyptische, usw. –
Wenn das so fortgeht, konsumiert England dies Jahr 800 bis 850 Millionen
Pfund Baumwolle. 4. Die allgemeine Scheu vor der Spekulation, die nicht
einmal auf Goldminen und Dampfschiffe sich mit Ausdauer werfen will.
Nach allem, was ich sehe, sollte ich meinen, daß noch sechs Monate so
forcierter Produktion wie jetzt hinreichen müßten, um die ganze Welt zu
überführen; dazu noch zirka vier Monate für die Zeit, bis die Waren am
Bestimmungsort ankommen und die Nachrichten von der definitiven
Überführung wieder her, sowie für die Zwischenzeit, wo die Leute sich
besinnen, bis sie von Panik erfaßt werden – so wäre die Zeit vom
November 1852 bis Februar 1853 wohl die wahrscheinlichste für den
Ausbruch der Krise. Das ist aber alles _guess-work_,[5] und wir können
sie ebensogut schon im September haben. Sie wird aber schön werden, denn
solche Massen Waren aller Art sind noch nie auf den Markt geschleudert
worden und solche kolossale Produktionsmittel sind noch nie dagewesen.
Der dumme Streik der _engineers_ hält sie gewiß für einen Monat
wenigstens auf; Maschinen werden jetzt so gut wie gar keine gemacht und
sehr viele verlangt. Hibbert, Platt & Son haben Hunderte von Ordres
sowohl für hier wie fürs Ausland und können natürlich nicht eine einzige
ausführen. Wenn dies kommerzielle Ungewitter übrigens dem Herrn Derby
über den Hals kommt, so wird’s ihm schlecht gehen! – –
Das Buch von Ewerbeck schicke mir ja nicht. Es ist die 6 Pence nicht
wert, die das Porto kosten würde.
Grüße Deine Frau und Kinder bestens.
Dein F. E.
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[1] Alles andere als das.
[2] Ränkespinner.
[3] Haus der Gemeinen.
[4] Das zur Regierung Kommen der Tories.
[5] Sache des Vermutens.
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