Lieber Frederic!
Du begreifst, daß ich bei sehr brouilliertem [mißlichem] Familienwesen
erst jetzt einige Zeilen an Dich richte.
Du erinnerst Dich, daß der Pieper in seinem letzten Briefe schrieb, der
Kontrakt über meinen Anti-Proudhon sei dem Abschluß nahe. Aus seinem
einliegenden Briefe wirst Du ersehen, daß _dieses Manuskript_ gar nicht
mehr erwähnt wird. Das ist dieselbe Weise, worin unsere lieben Getreuen
mich seit sechs Monaten hinhalten. Andererseits hat Ebner mir
geschrieben, Löwenthal wolle den Versuch mit einem Bande machen,
erwähnte aber nicht, daß ich mit der „Geschichte der Ökonomie“ anfangen
solle. Dies wäre ein Umwerfen meines ganzen Planes. Ferner schrieb
Ebner, daß Löwenthal nur „niedrig“ zahlen könne. Dies lasse ich mir
gefallen, wenn er das herausgibt, was ich zunächst herausgeben will.
Zwingt er mich aber, meinen ganzen Plan zu verderben, so muß er mir auch
so zahlen, als wenn ich direkt in seinem Auftrag schriebe. Indes, ich
lasse einstweilen den Ebner gewähren. Er hat mir mitgeteilt, daß er
nicht abschließen wird ohne meine Genehmigung. _Qu’en penses-tu?_[1] – –
Eccarius’ Bruder ist hier angekommen. Er und sämtliche übrige in Hamburg
inhaftierte Straubinger sind mit einem Laufpaß freigegeben worden. Daß
Haupt ursprünglich nicht die Absicht hatte, zu verraten, geht aus
folgendem hervor: Bürgers Brief an ihn fiel in die Hände seines Alten,
der ihn darüber zur Rede stellte und ihn der Polizei ausliefern wollte.
Letzteres verhinderte er, zerriß ihn und brachte nachher die Stücke
Eccarius usw., um sie erst zusammenzusetzen und zu lesen und dann in
deren Gegenwart zu verbrennen. Dieses Faktum ist wichtig. Der
Familiendruck hat den _unglücklichen_ Kerl ruiniert.
Vor einigen Tagen las ich in der Bibliothek Herrn Proudhons
Elukubrationen über die _gratuité du crédit_[2] gegen Bastiat. Dies
übertrifft an Charlatanerie, Poltronnerie, Tapagerie und Schwäche alles,
was der Mann geleistet hat. _Exempli gratia:_[3] Die Franzosen glauben,
im Durchschnitt 5 bis 6 Prozent Zinsen zu zahlen. Sie zahlen 100
Prozent. _Comment donc?_[4] Nämlich so. Die Zinsen auf die hypothekar-
und chirographische Staats- usw. Schuld beträgt 1600 Millionen. Nun
existiert aber in Frankreich nur eine Milliarde Kapital in Gold und
Silber. Also _q. e. d._[5] Anderes Beispiel: Als die _Banque de France_
errichtet wurde, betrug ihr Kapital 90 Millionen. Damals, auf diese
Summe, gestattete ihr das Gesetz, 5 Prozent zu nehmen. Sie operiert
jetzt (Depositen usw. eingerechnet) auf ein Kapital von 450 bis 460
Millionen, wovon drei Viertel nicht ihr, sondern dem _public_ gehören.
Wenn also die Bank (90 zu 450 = 1 : 5) statt 5 nur 1 Prozent nimmt, so
erhält sie den legitimen Profit. Und weil die _Banque de France_ im
Notfall (2) mit 1 Prozent sich begnügen könnte (das heißt die
_Aktionäre_), darum kann der Zinsfuß für _Frankreich_ auf 1 Prozent
herabgesetzt werden. Und 1 Prozent _c’est la presque gratuité du
crédit_.[6]
Dabei solltest Du sehen, wie der Kerl dem Bastiat gegenüber mit der
_dialectique hégelienne_[7] renommiert.
Ich habe hier Deine Kritik noch einmal durchgelesen. Es ist schade,
_qu’il n’y a pas moyen_,[8] sie drucken zu lassen. Wenn ich noch meinen
Senf hinzugetan, könnte sie sonst unter unserem Doppelnamen erscheinen,
vorausgesetzt, daß dies Deiner Handelsfirma kein Ärgernis gäbe.
Kossuth reiste, wie Du weißt, am 20. ab, aber, was Du noch nicht weißt,
begleitet von Lola Montez und _caballero_[9] Göhringer.
Dein K. M.
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[1] Was denkst Du darüber?
[2] Unentgeltlichkeit des Kredits.
[3] Zum Beispiel.
[4] Wie also?
[5] _Quod erat demonstrandum_ – was zu beweisen war.
[6] Das ist beinahe die Unentgeltlichkeit des Kredits.
[7] Hegelschen Dialektik.
[8] Daß es kein Mittel gibt.
[9] Ritter, Kavalier.
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