25. Oktober 1851.

Lieber Engels!

Du hast doch meinen Brief vom vorigen Montag erhalten? Bei Deiner großen

Exaktheit im Schreiben beunruhigt mich Dein Stillschweigen.

Von Pieper habe ich bis auf diesen Moment noch nichts gehört. Wenn ihm

nichts passiert ist, ist er unverzeihlich leichtsinnig. Dronke ist noch

nicht angekommen. Von Köln nichts gehört.

Einliegend ein Brief von Fischer, der als rechter demokratischer

Philister schreibt. Einstweilen, _il faut le laisser faire_,[1] da

nichts mehr zu ändern ist. Wenn er nur keine Dummheiten dem Kinkel

gegenüber begeht. Sein Brief scheint darauf hinzudeuten.

Also, wie wir jetzt erfahren, Kinkel hatte es folgendermaßen angelegt.

Von den 160 Pfund wurde Schurz auf geheime Mission geschickt nach

Belgien, Frankreich und der Schweiz. Er hat dort sämtliche großen

Männer, bis auf die Reichsversammler (den _late_[2] Raveaux nicht

ausgenommen), den Kinkel bevollmächtigen und sie zugleich die auf die

künftige deutsche Republik zu kontrahierende Schuld garantieren lassen.

Die große Masse ist jetzt also vereinigt, und E. Meyen konnte in der New

Yorker Staatszeitung das große Geheimnis promulgieren, daß jetzt der

Sinn der künftigen Bewegung in Deutschland aufgefunden sei, nämlich das

Prinzip des Volkstums. So dumm, wie dieser Mensch jetzt schreibt,

schrieb er selbst in seinen blühendsten Zeiten nicht. Die Kerls sind

geistig völlig bankrott. Addio!

Dein K. M.

----------

[1] Muß man ihn gewähren lassen.

[2] Verflossen, weiland.

122

Nach dem 26. Oktober 1851.

Lieber Marx!

Wenn ich Dir nicht gleich auf Deinen Brief vom 19. antwortete, so

geschah es, weil ich Weerth in einigen Tagen hier erwartete und wegen

Haupt die Sachen abmachen wollte; und weil ich den Proudhon ebenfalls

abschließen wollte. Letzteres wird heute und morgen abend geschehen, und

Weerth war Samstag und Sonntag hier, er wird noch einige Zeit in

Bradford bleiben, kann also selbst keinen Brief hinnehmen und weigerte

sich auch eventuell es zu tun, da die Verhältnisse in Deutschland jetzt

so brillant seien, daß man ohne weiteres bei der geringsten Veranlassung

abgefaßt werde und er keine Lust hat, in diese Bundesgeschichte

irgendwie verwickelt zu werden. Dies ist ihm _au fond_[1] nicht

übelzunehmen. Er will mir indes einen Brief sicher an H[aupt] besorgen

und verlangt nur, daß er ganz aus der Sache herausgelassen werde.

Außerdem erzählte er, daß er dem H[aupt] in der letzten Zeit mehrmals

begegnet und auf ihn zugegangen sei, daß dieser ihm aber jedesmal mit

großer Verlegenheit plötzlich ausgewichen und durchgebrannt sei. Möglich

wäre es, daß H[aupt] von seiner Familie usw. im Cachot etwas

breitgeschlagen wäre und einige Geständnisse gemacht hätte, die ihm

jetzt schwer auf dem Herzen liegen. Sonst meint Weerth auch, daß diese

anderen Willich-Stechanschen Geschichten reine Verleumdungen seien, da

H[aupt] gar keinen Grund haben könne, sich zu verkaufen.

Der Fischersche Brief ist allerdings das Dümmste, was mir seit langer

Zeit vorgekommen ist. Ich erwartete aber so etwas und glaube auch, daß

es bei seinen _Geldversprechungen_ sein Bewenden haben wird. Es ist von

demokratischen Eseln nicht zu verlangen, daß sie uns Geld schicken

sollen, wenn ihre eigenen Leute persönlich bei ihnen betteln, und das

Höchste, wozu sie zu kriegen sind, ist, wie Fischer selbst sagt, daß sie

uns eine Stimme in der Verwendung der Gelder geben wollen, wenn wir uns

dazu verstehen wollen, mit dergleichen Pack in einem Konklave zu sitzen

und noch dazu in einer Minorität. Der Pumpplan _à la_ Mazzini mit

Reichsgarantie (das Deutsche Reich garantiert die Republik!) ist gar so

übel nicht und hat jedenfalls die Gesamttätigkeit sämtlicher

Musterbettler zu seiner Erzeugung nötig gehabt. Seitdem diese Erfindung

zustande gebracht, wird unserer Partei nichts übrig bleiben, als sich

vom demokratischen Geldmarkt völlig zurückzuziehen. _This impudence

beats us hollow._[2] Die Gelder, die wir überhaupt von den Demokraten

für politische Zwecke erhalten haben, sind uns ohnehin bloß _per

abusum_[3] zugekommen, und seit die großen Männer selbst als _joint

stock company_[4] am Markt erschienen sind, hört diese Illusion

vollständig auf. Alle unsere Aufforderungen würden uns bloß _refus_[5]

und Blamagen zuziehen, es sei denn, daß es Weydemeyer gelingt, in New

York etwas auszurichten, und auch das würde bloß unter den Arbeitern

sein.

Weerth wird Dir dieser Tage schreiben. Er ist sehr unschlüssig, was er

anfangen soll. Er hat famose Offerten, aber sie konvenieren ihm alle

nicht recht.

Herr Kossuth ist wie der Apostel Paulus, alles für alle. In Marseille

schreit er _Vive la République_, in Southampton _God save the Queen_.

Welche merkwürdige, hyperkonstitutionelle Moderation paradiert der Kerl

jetzt. Es ist aber den Herren Pettie und der Clique Harney recht, daß er

ihr Bankett gar nicht besuchen will. Selbst Herr Mazzini würde sehr kühl

empfangen werden – wenigstens von dem Publikum. Wieder einer, in dem man

sich nicht getäuscht hat. Wie lange wird es übrigens dauern, wenn es

nächstes Jahr keine _secousses_[6] geben sollte, so sinkt Herr Kossuth

auch auf die Mazzinische ordinäre Brülldemagogie herab.

Morgen oder übermorgen den Proudhon. Ich werde Fischer womöglich die

Revue schicken, habe aber nur vom letzten Heft mehrere Exemplare. Kannst

Du mir Nr. 1 bis 4 noch verschaffen?

Dein F. E.

----------

[1] Im Grunde.

[2] Diese Unverschämtheit schlägt uns aus dem Felde.

[3] Mißbräuchlicherweise.

[4] Aktiengesellschaft.

[5] Zurückweisungen.

[6] Erschütterungen.

123

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 69 / 196 题