Lieber Engels!
Du hast doch meinen Brief vom vorigen Montag erhalten? Bei Deiner großen
Exaktheit im Schreiben beunruhigt mich Dein Stillschweigen.
Von Pieper habe ich bis auf diesen Moment noch nichts gehört. Wenn ihm
nichts passiert ist, ist er unverzeihlich leichtsinnig. Dronke ist noch
nicht angekommen. Von Köln nichts gehört.
Einliegend ein Brief von Fischer, der als rechter demokratischer
Philister schreibt. Einstweilen, _il faut le laisser faire_,[1] da
nichts mehr zu ändern ist. Wenn er nur keine Dummheiten dem Kinkel
gegenüber begeht. Sein Brief scheint darauf hinzudeuten.
Also, wie wir jetzt erfahren, Kinkel hatte es folgendermaßen angelegt.
Von den 160 Pfund wurde Schurz auf geheime Mission geschickt nach
Belgien, Frankreich und der Schweiz. Er hat dort sämtliche großen
Männer, bis auf die Reichsversammler (den _late_[2] Raveaux nicht
ausgenommen), den Kinkel bevollmächtigen und sie zugleich die auf die
künftige deutsche Republik zu kontrahierende Schuld garantieren lassen.
Die große Masse ist jetzt also vereinigt, und E. Meyen konnte in der New
Yorker Staatszeitung das große Geheimnis promulgieren, daß jetzt der
Sinn der künftigen Bewegung in Deutschland aufgefunden sei, nämlich das
Prinzip des Volkstums. So dumm, wie dieser Mensch jetzt schreibt,
schrieb er selbst in seinen blühendsten Zeiten nicht. Die Kerls sind
geistig völlig bankrott. Addio!
Dein K. M.
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[1] Muß man ihn gewähren lassen.
[2] Verflossen, weiland.
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Nach dem 26. Oktober 1851.
Lieber Marx!
Wenn ich Dir nicht gleich auf Deinen Brief vom 19. antwortete, so
geschah es, weil ich Weerth in einigen Tagen hier erwartete und wegen
Haupt die Sachen abmachen wollte; und weil ich den Proudhon ebenfalls
abschließen wollte. Letzteres wird heute und morgen abend geschehen, und
Weerth war Samstag und Sonntag hier, er wird noch einige Zeit in
Bradford bleiben, kann also selbst keinen Brief hinnehmen und weigerte
sich auch eventuell es zu tun, da die Verhältnisse in Deutschland jetzt
so brillant seien, daß man ohne weiteres bei der geringsten Veranlassung
abgefaßt werde und er keine Lust hat, in diese Bundesgeschichte
irgendwie verwickelt zu werden. Dies ist ihm _au fond_[1] nicht
übelzunehmen. Er will mir indes einen Brief sicher an H[aupt] besorgen
und verlangt nur, daß er ganz aus der Sache herausgelassen werde.
Außerdem erzählte er, daß er dem H[aupt] in der letzten Zeit mehrmals
begegnet und auf ihn zugegangen sei, daß dieser ihm aber jedesmal mit
großer Verlegenheit plötzlich ausgewichen und durchgebrannt sei. Möglich
wäre es, daß H[aupt] von seiner Familie usw. im Cachot etwas
breitgeschlagen wäre und einige Geständnisse gemacht hätte, die ihm
jetzt schwer auf dem Herzen liegen. Sonst meint Weerth auch, daß diese
anderen Willich-Stechanschen Geschichten reine Verleumdungen seien, da
H[aupt] gar keinen Grund haben könne, sich zu verkaufen.
Der Fischersche Brief ist allerdings das Dümmste, was mir seit langer
Zeit vorgekommen ist. Ich erwartete aber so etwas und glaube auch, daß
es bei seinen _Geldversprechungen_ sein Bewenden haben wird. Es ist von
demokratischen Eseln nicht zu verlangen, daß sie uns Geld schicken
sollen, wenn ihre eigenen Leute persönlich bei ihnen betteln, und das
Höchste, wozu sie zu kriegen sind, ist, wie Fischer selbst sagt, daß sie
uns eine Stimme in der Verwendung der Gelder geben wollen, wenn wir uns
dazu verstehen wollen, mit dergleichen Pack in einem Konklave zu sitzen
und noch dazu in einer Minorität. Der Pumpplan _à la_ Mazzini mit
Reichsgarantie (das Deutsche Reich garantiert die Republik!) ist gar so
übel nicht und hat jedenfalls die Gesamttätigkeit sämtlicher
Musterbettler zu seiner Erzeugung nötig gehabt. Seitdem diese Erfindung
zustande gebracht, wird unserer Partei nichts übrig bleiben, als sich
vom demokratischen Geldmarkt völlig zurückzuziehen. _This impudence
beats us hollow._[2] Die Gelder, die wir überhaupt von den Demokraten
für politische Zwecke erhalten haben, sind uns ohnehin bloß _per
abusum_[3] zugekommen, und seit die großen Männer selbst als _joint
stock company_[4] am Markt erschienen sind, hört diese Illusion
vollständig auf. Alle unsere Aufforderungen würden uns bloß _refus_[5]
und Blamagen zuziehen, es sei denn, daß es Weydemeyer gelingt, in New
York etwas auszurichten, und auch das würde bloß unter den Arbeitern
sein.
Weerth wird Dir dieser Tage schreiben. Er ist sehr unschlüssig, was er
anfangen soll. Er hat famose Offerten, aber sie konvenieren ihm alle
nicht recht.
Herr Kossuth ist wie der Apostel Paulus, alles für alle. In Marseille
schreit er _Vive la République_, in Southampton _God save the Queen_.
Welche merkwürdige, hyperkonstitutionelle Moderation paradiert der Kerl
jetzt. Es ist aber den Herren Pettie und der Clique Harney recht, daß er
ihr Bankett gar nicht besuchen will. Selbst Herr Mazzini würde sehr kühl
empfangen werden – wenigstens von dem Publikum. Wieder einer, in dem man
sich nicht getäuscht hat. Wie lange wird es übrigens dauern, wenn es
nächstes Jahr keine _secousses_[6] geben sollte, so sinkt Herr Kossuth
auch auf die Mazzinische ordinäre Brülldemagogie herab.
Morgen oder übermorgen den Proudhon. Ich werde Fischer womöglich die
Revue schicken, habe aber nur vom letzten Heft mehrere Exemplare. Kannst
Du mir Nr. 1 bis 4 noch verschaffen?
Dein F. E.
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[1] Im Grunde.
[2] Diese Unverschämtheit schlägt uns aus dem Felde.
[3] Mißbräuchlicherweise.
[4] Aktiengesellschaft.
[5] Zurückweisungen.
[6] Erschütterungen.
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