Lieber Engels!
Man verrechnet sich immer, wenn man auf entscheidende Krisen unter den
demokratischen Herren rechnet. Ein Skandal, wie der vor vierzehn Tagen,
erheischt mehrwöchentliche Erholung für diese _performers_.[1] Und so
kam es denn gestern, Freitag den 29., zu nichts Bedeutendem.
_D’abord_.[2] Am Montag, den 25. August, wie ich Dir schon
mitgeteilt, drohten Willich und Schapper mit ihrem Abtritt aus dem
Flüchtlingskomitee der Great Windmill. Am folgenden Dienstag traten sie
wirklich in offizieller Sitzung ab und löste sich das Komitee überhaupt
in Wohlgefallen auf. Bei dieser Gelegenheit kam es zu bitteren Worten.
Willich moralisierte und sittenpredigte, worauf ihm seine Laster
entgegengehalten wurden. Der Hauptanklagepunkt gegen ihn aber war der,
daß diesmal, wie schon bei einer früheren Gelegenheit, wo Rechenschaft
abgelegt werden sollte über die Zwanzige von Pfunden, die in die
Bürstenmacherei gesteckt sind, dafür gesorgt worden, daß Herr Lüssel
(?), verantwortlicher Garant derselben, durchgebrannt war.
Freitag hatte sich General Sigel in der allgemeinen Sitzung der
Vereinbarungslustigen eingefunden. Er hatte auf das Erscheinen der
„niedrigen Emigration“ gerechnet, für die er einige gewaltige Lanzen mit
Willich brach, der seiner Entrüstung über die sittenlose, früher von ihm
uns gegenüber apotheosierte Lumpenherde freien Lauf ließ. Wer aber nicht
erschien, war das Lumpenproletariat. Diejenigen, die sich vor den Türen
des Areopag eingefunden, waren zu wenig zahlreich, um auf Erfolg rechnen
zu können, und zogen sich deshalb zurück. Du weißt, daß es feige Patrone
sind.
Lupus, der, aus alter Freundschaft zur Gräfin Reichenbach und ihrem
ebenfalls hier anwesenden Bruder, von Zeit zu Zeit das Haus des
Reichenbach frequentiert, fand gestern daselbst Herrn Techow, den er von
der Schweiz her kannte. Kurz nachher erschien Willich in eigener Person
und in Gesellschaft des tiefsinnigen Eduard Meyen. Lupus ging fort, als
diese Größen Platz griffen.
_Voilà tout ce que j’ai à rapporter pour le moment._[3] Mit den 160
amerikanischen Pfunden hat Kinkel teils direkt, teils durch seine
Anhänger den „Respektablen“ und den „_hommes d’état_“[4] eine gewaltige
Meinung von seiner Macht und seinen Verbindungen beizubringen gewußt.
Der edle Willich aber hat durch Auflösung des Windmillkomitees das
solideste Band zerrissen, das ihn mit der „Canaille“ verklitterte.
_Maintenant_,[5] was Dich anbetrifft, so ist es positiv, daß _Fischer_
Dich ausdrücklich genannt unter den Paten der 160 Pfund. General Sigel
und Goegg teilten das angeblich _au secret_[6] ihrem Freund Schabelitz
mit, in der Tat aber, wie ich glaube, um es Dir zukommen zu lassen. Nach
meiner Ansicht hast Du nichts zu tun, als Herrn Kinkel zu schreiben, Du
habest aus New Orleans die Nachricht über die Geldsendung und Deine
Mitzurateziehung bei Verwendung desselben erhalten. Du fragtest ihn
simplement, was mit dem Gelde geschehen oder beabsichtigt sei. Die
Adresse Kinkels ist: Dr. phil. (so schreibt er sich auf seinen
Visitenkarten) Kinkel, 1 Henstridge Villas, St. Johns Wood. Ich werde
Dir zum Spaß einmal eine solche Visitenkarte zuschicken, die ganz Inhalt
und Form einer Londoner Reklame für Heilung von Krähenaugen _and so
forth_[7] hat.
Damit ich das große Ereignis nicht vergesse. In der Nummer vom 13.
August kündet der unglückliche Heinzen an, daß Otto seine Kapitalien
zurückgezogen und so er allein mit seinem geistigen Kapital
zurückgeblieben, womit in dem industriellen Amerika ein Blatt nicht
erscheinen könne. Er schreibt also eine Elegie über den Fall Hektors vor
der Zeit. Und in derselben Nummer fordern Hoff und Kapp zu
Aktienzeichnungen für eine neue Zeitung auf, die an die Stelle der
Schnellpost treten solle. Und wie das Schicksal wunderliche Nücken hat,
macht gleichzeitig die Staatszeitung dem edlen Heinzen –
unter Enthüllung vieler seiner Geldgemeinheiten – einen
Prozeß wegen Verleumdung, der ihn, wie er vorhersieht, in ein
„Sittenverbesserungshaus“ bringen wird. _Le pauvre_ Heinzen! Auch ist
dieser große Mann jetzt moralisch entrüstet über Amerika und die
„gemütsarmen Yankees“ und die „Deutsch-Amerikaner“, die ihnen
nachschlagen, statt an der „Humanisierung der Gesellschaft“ zu arbeiten
und für die großen politisch-sozialen Enthüllungen Arnold Ruges sich zu
begeistern ...
Du hast sicher schon längst aus den Journalen ersehen, daß Girardin sich
mit Ledru-Rollin liiert. Der glaubte auch schon der künftige
französische Großmogul zu sein. Nun hat sich aber ein Gegenkomitee
Lammenais-Michel (de Bourges)-Schölcher gebildet, das die „Vereinigten
Staaten von Europa“ durch die _romanischen Völker_ – Franzosen, Spanier,
Italiener – bewirken will, woran sich dann die Deutschen usw.
anzukristallisieren haben. – Also, die Spanier (!) sollen uns
zivilisieren! _Mon Dieu_, das übertrifft nach den Karl Heinzen, der die
Feuerbach und Arnold Ruge unter die Yankee zur „Humanisierung“ einführen
will. Der „Proscrit“ von Ledru-Rollin attackierte bitter das
rivalisierende Komitee. Sie antworteten ihm mit gleicher Münze. Was aber
noch bitterer für den Großmogul _in partibus_[8] ist: In Paris fand ein
Konklave der ganzen Presse statt. Der Proscrit war auch durch einen
Deputierten vertreten. Zweck: Einigung über einen gemeinschaftlichen
Präsidenten. Der Proscrit fiel mit seinen Anträgen durch, und es wurde
rein herausgesagt, die Herren in London hätten gut schwatzen, aus
Frankreich selbst müsse das Erforderliche für Frankreich geschehen,
Ledru-Rollin schneide sich sehr, wenn er sich für „die wichtige Person“
halte, wofür ihn Mazzini ausgibt.
Übrigens trennte sich der Konklave unter Skandal und ohne Resultat. Die
einheitssüchtige Demokratie gleicht sich überall wie ein Ei dem anderen.
Addio!
Dein K. M.
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[1] Theaterspieler.
[2] Erstens.
[3] Das ist alles, was ich im Augenblick zu berichten habe.
[4] Staatsmänner.
[5] Jetzt.
[6] Vertraulich.
[7] Und so weiter.
[8] In den Landesteilen [der Ungläubigen], das heißt ohne
tatsächliche Macht.
109
Montag, 1. September 1851.
Lieber Marx!
Du mußt mich abermals entschuldigen.
Erstens habe ich mit dem Proudhon noch weiter nichts anfangen können,
weil ich seit vier Tagen mit den scheußlichsten Zahnschmerzen geplagt
gewesen bin, die mich total unfähig machten, irgend etwas zu tun. Dazu
kommt nun noch heute abend mein Bruder (den Du kennst) von London und
wird mich, ich weiß nicht wie lange, am Arbeiten verhindern. _Que le
diable emporte l’exposition!_[1]
Zweitens kann ich Dir die für heute versprochenen 5 Pfund erst morgen
schicken, da absolut kein Geld in der Geschäftskasse ist und ich sie
also erst morgen bekommen kann.
Der Triumphartikel der Lithographierten Korrespondenz über die endlich
erreichte Einheit der honetten Emigration ist ja bereits durch ein neues
Lamento und Ausfälle der „Preußen“ gegen die „Süddeutschen“ und den
„Pommer“ Ruge in derselben Lithographierten Korrespondenz widerrufen.
_Sic transit gloria_ – die Freude hat nicht lange gedauert. Es ist gut,
daß wir in jedem der neuen zwei Vereine so viel Freunde haben, daß
keiner von beiden uns behelligen wird.
Die Failliten haben in Liverpool und London ja schon angefangen, und der
Economist trotz seiner Beweise, daß der Trade des Landes äußerst gesund,
das heißt, daß das meiste Surpluskapital in der soliden Produktion
angelegt ist, muß doch gestehen, daß Ostindien wieder überführt ist und
im ostindischen Handel die alten Konsignations- und Vorschußgeschichten
mit unveränderlicher Regelmäßigkeit wieder eingerissen sind. Nächste
Woche will er uns lehren, wie man das Konsignationsgeschäft auf soliden
Grundlagen betreiben kann – ich bin begierig darauf. Inzwischen
verdienen die Spinner und Weber hier enorm – die meisten sind bis
Neujahr engagiert, und auf dem Lande wird allgemein wenigstens bis 8 Uhr
abends, also 12 bis 12-1/2 Stunden, gearbeitet, oft länger. Aus
Baumwolle zu 3-3/4 bis 4-1/2 Pence pro Pfund spinnen sie Garn zu 7 bis 8
Pence das Pfund; die Spinnkosten bei diesen groben Nummern kaum 1-1/2
bis 2 Pence das Pfund, also bei einer wöchentlichen Produktion von 12
Millionen Pfund (bei 600 000 000 Pfund Einfuhr roher Baumwolle) verdient
die Gesamtmasse der Spinner, wenn die groben Nummern als Norm gelten, in
England wöchentlich 75 000 Pfund Sterling, jährlich 3-3/4 Millionen
Pfund netto. Dasselbe ist richtig, wenn statt Nr. 6 bis 12 die
Durchschnittsnummern des Garnes, 18 bis 24, angenommen werden, und
manche, die bei guten Maschinen schlechtere Baumwolle anwenden können,
verdienen am Pfund Garn nicht 1-1/2 Pence, sondern 2-1/2 Pence. Alles
das datiert vom April und Mai, vom Fall der Baumwollpreise, und wer
verhältnismäßig am meisten Twist kauft, sind die Deutschen. Wenn der
Tanz losbricht – und dieser Trade dauert gewiß nicht länger als bis in
den März – und zu gleicher Zeit in Frankreich ein Ulk losgeht, so werden
die Deutschen es schön fühlen mit all dem unverkäuflichen Garn auf dem
Hals, und das Land wird auch so gut präpariert werden.
Weihen wir eine stille Träne den Manen Brüggemanns! Unverdienteres
Unglück hat wohl nie einen Biedermann getroffen – _sit illi terra
levis_.[2]
Dein F. E.
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[1] Der Teufel hole die Ausstellung!
[2] Möge ihm die Erde leicht sein.
110
Montag, 8. September 1851.
Lieber Marx!
Morgen geht mein Bruder fort, und ich werde dann endlich wieder zur Ruhe
kommen. Ich bin die ganze Zeit über keinen Augenblick allein gewesen,
und es war mir rein unmöglich, Dir die Banknote früher zu schicken als
Samstag, und zwar beide Stücke mit derselben Post, da Sonntags nur eine
_delivery_[1] ist. Da hierbei Gefahr der Entwendung ist, so gebe ich Dir
_particulars_[2] der Note – sie war numeriert _E_ 01780, und datiert
Leeds, 15. Juli 1850. Sollte sie Dir also nicht zugekommen sein, so gehe
gleich auf die Bank und _stop payment_,[3] was noch frühzeitig genug
sein wird. Es war eine Fünfpfundnote.
Freitag abend erhalte ich plötzlich einen Brief von meinem Alten, worin
er mir erklärt, ich verbrauche viel zu viel Geld und müsse mit 150 Pfund
auskommen. Ich werde mir diese lächerliche Zumutung natürlich nicht
gefallen lassen, um so weniger, als sie mit der Drohung begleitet ist,
nötigenfalls die Ermens anzuweisen, mir nicht mehr als diese Summe
auszuzahlen.
Ich denke mit Hilfe meines Bruders und meiner Alten die Sache in Ordnung
zu bringen, werde mich aber doch zunächst etwas einschränken müssen, da
ich Summa Summarum hier schon 230 Pfund vermöbelt habe und bis zum
November, wo ich ein Jahr hier bin, diese Summe nicht zu sehr steigern
darf. Jedenfalls ist dieser neue Trick wieder sehr unangenehm und ärgert
mich bedeutend, namentlich die unnoble Manier, die mein Alter dabei
anschlägt. Es ist richtig, er verdient hier dies Jahr lange nicht so
viel wie das vorige, aber das liegt einzig in dem schlechten Management
seiner Associés, über die ich keine Kontrolle habe.
Was ist das für ein neuer Tuck in Paris? Diesmal scheint die Clique
Hippopotamus ins Pech geraten zu sein; was ich von den deutschen
verhafteten Namen kenne, sind lauter alte Weitlingianer aus der Epoche
von 1847 und früher. Es scheinen da mehrere Mogeleien durcheinander zu
laufen. Der schwäbische Heiland scheint sich auch unter den Glücklichen
zu befinden. _Tant mieux pour lui._[4] Was Du erfährst, teile mir mit.
Wie deutsche Blätter melden, sollen die Kölner nicht vor die nächsten –
Oktober – Assisen kommen.
Morgen oder übermorgen mehr.
Dein F. E.
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[1] Auslieferung.
[2] Einzelheiten.
[3] Verhindere die Auszahlung.
[4] Um so besser für ihn.
111
Donnerstag, 11. September 1851.
Lieber Marx!
Ich hatte gehofft, Dir heute einen Artikel für Amerika fertig machen zu
können. Da fehlen mir noch zirka drei bis vier Seiten daran. Ich muß
also auf die morgige Post verzichten, wenn ich aber nicht irre, geht
Mittwoch ein Collins Steamer, und damit kann der Artikel gehen und dann
Freitag der dritte nachfolgen. Ich werde mich danach erkundigen. Ich
halte _in the present moment_[1] dies amerikanische Geschäft, das ja
positiv Geld einbringt, für pressanter als den Proudhon, von dem ich
nicht weiß, ob er es ebenso sicher und rasch einbringt, daher habe ich
dies zuerst vorgenommen. Solltest Du anderer Meinung sein, so schreibe.
Meinen Brief von Montag wirst Du erhalten haben.
_En attendant tes nouvelles._[2]
Dein F. E.
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[1] Im gegenwärtigen Augenblick.
[2] Deinen Nachrichten entgegensehend.
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