Lieber Engels!
Ich schicke Dir in ein oder zwei Tagen den Proudhon selbst, den Du mir
aber, sobald gelesen, zurückschickst. Ich will nämlich – von wegen des
Geldes – zwei bis drei Bogen über das Buch drucken lassen. Du teilst mir
deswegen Deine Ansicht ausführlicher mit, als Du sonst im Raschschreiben
pflegst.
Der Proudhonsche Witz – und das Ganze ist vor allem eine Polemik gegen
den Kommunismus, so viel er auch davon stiehlt und so sehr er ihm in
Cabet-Blancscher Verklärung erscheint – resümiert sich meiner Ansicht
nach auf folgendes Räsonnement:
Der eigentliche Feind, der zu bekämpfen, ist das Kapital. Die rein
ökonomische Affirmation des Kapitals ist der Zins. Der sogenannte Profit
ist nichts anderes als eine besondere Form des Salärs. Den Zins heben
wir auf, indem wir ihn in eine _annuité_, das ist jährliche
Abschlagszahlung des Kapitals verwandeln. So wird der Arbeiterklasse –
lies _industriellen_ Klasse – auf immer das Prä gesichert und die
eigentliche Kapitalistenklasse zu einer stets verschwindenden Existenz
verurteilt. Die verschiedenen Formen des Zinses sind Geldzins, Mietzins,
Pachtzins. So wird die bürgerliche Gesellschaft beibehalten,
gerechtfertigt und nur ihrer _mauvaise tendance_[1] beraubt.
Die _liquidation sociale_[2] ist bloß das Mittel, um die „gesunde“
bürgerliche Gesellschaft von vorn anfangen zu können. Rasch
oder langsam, _peu nous importe_.[3] Über die Widersprüche,
Unentschiedenheiten, Unklarheiten dieser Liquidation selbst will ich
erst Dein Urteil hören. Aber der wahrhaft heilende Balsam der von vorn
angefangenen Gesellschaft besteht in der Abschaffung des Zinses, das
heißt in der perennierenden Verwandlung des Zinses in eine _annuité_.
Dies, nicht als Mittel, sondern als _ökonomisches Gesetz_ der
reformierten bürgerlichen Gesellschaft aufgestellt, resultiert natürlich
zweierlei:
1. Verwandlung der kleinen nichtindustriellen in industrielle
Kapitalisten. 2. Verewigung der großen Kapitalistenklasse, denn _au
fond_, wenn man die Sache im Durchschnitt nimmt, zahlt die Gesellschaft
im _großen und ganzen_ – den industriellen Profit abgerechnet – nie
etwas anderes als die _annuité_. Wäre das Gegenteil wahr, so würde die
Zins-von-Zinsenrechnung des Dr. Price eine Realität sein und der ganze
Globus nicht hinreichen, das kleinste von Christo herrührende Kapital zu
_verzinsen_. In der Tat aber ist mit Sicherheit zu behaupten, daß das
zum Beispiel in England – also dem ruhigstbürgerlichen Lande – seit 50
oder 100 Jahren, sei es in Grund und Boden oder sonst angelegte Kapital
sich – wenigstens dem Preise nach, worauf es hier ankommt – noch nie
verzinst hat. Man nehme zum Beispiel die höchste Schätzung des
Nationalreichtums von England, zum Beispiel 5 Milliarden. Also England
produziert jährlich 500 Millionen. Der ganze Reichtum Englands also nur
= die jährliche Arbeit Englands multipliziert mit 10. Also nicht nur,
daß das Kapital sich nicht verzinst, es _reproduziert_ sich nicht
einmal, dem Werte nach. Und aus dem einfachen Gesetz. Der Wert [wird]
ursprünglich bestimmt durch die ursprünglichen Produktionskosten, der
Arbeitszeit nach, die ursprünglich nötig war, um die Sache herzustellen.
Aber einmal produziert, wird der Preis des Produktes bestimmt durch die
Kosten, die nötig sind, um es zu _reproduzieren_. Und die Kosten der
Reproduktion sinken beständig und [um] so rascher, je industrieller das
Zeitalter. Also Gesetz der fortwährenden Entwertung des Kapitalwertes
selbst, wodurch das sonst ins Absurde führende Gesetz der Renten und des
Zinses gecheckt [gehemmt] wird. Es ist das auch die Erklärung des von
Dir aufgestellten Satzes, daß keine Fabrik ihre Produktionskosten deckt.
Proudhon kann die Gesellschaft also nicht neu gestalten durch die
Einführung eines Gesetzes, das sie _au fond_ jetzt ohne seinen Rat
befolgt.
Das Mittel, womit Proudhon alles bewirkt, ist die Bank. _Il y a ici un
qui pro quo._[4] Das Bankgeschäft ist in zwei Teile aufzulösen: 1. Die
_Versilberung_ des Kapitals. Hier gebe ich bloß _Geld_ für _Kapital_,
und das kann allerdings zu den bloßen Produktionskosten geschehen, also
zu 1/2 oder 1/4 Prozent. 2. _Vorschießen von Kapital_ in der Form von
Geld, und hier wird sich der Zins nach der Quantität des Kapitals
richten. Was der Kredit hier tun kann, ist nur, vorhandenen, aber
unproduktiven Reichtum durch Konzentration usw. usw. in wirkliches
aktives Kapital zu verwandeln. Proudhon hält Nummer 2 für so leicht wie
Nummer 1, und er wird, _au bout du compte_,[5] finden, daß, indem er
eine illusorische Masse von Kapital in der Form von Geld anweist, er nur
im besten Fall den _Zins_ des Kapitals reduziert hat, um seinen _Preis_
in demselben Verhältnis zu erhöhen. Womit nichts gewonnen ist als der
Mißkredit seines Papiers.
Den Zusammenhang der Douane mit dem Zins überlasse ich Dir im Original
zu genießen. Die Sache war zu köstlich, um sie durch Verstümmlung zu
verderben. Herr Proudhon erklärt sich weder genau, wie es mit dem Anteil
der Kommune an Häusern und Land sich verhält – und gerade das hätte er
den Kommunisten gegenüber tun müssen –, noch wie die Arbeiter in den
Besitz der Fabriken kommen. Jedenfalls will er „_des compagnies
ouvrières puissantes_“,[6] hat aber doch solche Angst vor diesen
industriellen „Zünften“, daß er, zwar nicht dem Staate, wohl aber der
_société_ das Recht vorbehält, sie _aufzulösen_. Als echter Franzose
beschränkt er die Assoziation auf die Fabrik, weil er weder einen _Moses
and son_ kennt, noch a _midlothian farmer_.[7] Der französische Bauer,
der französische Schuster, Schneider, _merchant_[8] erscheinen ihm als
_des données éternelles et qu’il faut accepter_.[9] Je mehr ich aber den
Dreck treibe, um so mehr überzeuge ich mich, daß die Reform der
Agrikultur, also auch der darauf basierten Eigentumssauerei, das Alpha
und Omega der kommenden Umwälzung ist. Ohne das behält Vater Malthus
recht.
Dem Louis Blanc usw. gegenüber ist die Schrift kostbar, namentlich durch
die frechen Ergießungen über Rousseau, Robespierre, Gott, die
_fraternité_ und ähnlichen Salbader.
Was nun die New York Tribune betrifft, so mußt Du mir jetzt, wo ich mit
der Ökonomie die Hände voll habe, helfen. Schreibe eine Reihe von
Artikeln über Germanien, von 1848 an. Geistreich und ungeniert. Die
Herren sind sehr _frech_ im ausländischen Departement.
In ein paar Tagen schicke ich Dir zwei Bände Römisches. Nämlich
„_Économie Politique des Romains. Par Dureau de Lavalle_.“[10] Ich habe
das Buch (grundgelehrt) von Paris kommen lassen. Es werden Dir da
Lichter aufgehen auch über den ökonomischen Hinterhalt der römischen
Kriegsführung, der nichts anderes war als das – _Cadaster_. Wie schicke
ich Dir die Sache am wohlfeilsten? Die zwei Bände sind dick. Den Artikel
der Lith. Korr. mußt Du schießen oder in Abschrift zu erhalten suchen.
Sobald Weydemeyer da ist, muß man die Esel Spießruten laufen lassen in
New York. Dazu gehören alle Aktenstücke. Faucher ist Korrespondent der
Neuen Preußischen Zeitung. Sigel hat sich noch nicht sehen lassen.
Willich ist natürlich Mitglied der _Verbrüderung der Emigration_.
Freitag hatten sie ihre erste Generalversammlung. Wir hatten einen
Kundschafter da. Die Sitzung wurde eröffnet mit Verlesung (durch
_General_ Haugh) des Artikels gegen uns in der Lith. Korr. Denn um uns
leben, weben und sind sie. Dann noch allerlei mißliebige
Katzbalgereiverträge beschlossen. Meldete sich für Preußen Herr Meyen,
für England Oppenheim, für Frankreich Ruge, Kinkel für Amerika – und die
Zukunft. Ich freue mich übrigens sehr, Dein Urteil über das Gesamtliche
(?) zu hören.
[Karl Marx.]
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[1] Schlechte Tendenz.
[2] Liquidation der Gesellschaft.
[3] Verschlägt uns nichts.
[4] Es liegt da eine Verwechslung vor.
[5] Am Schlusse der Rechnung.
[6] Machtvolle Arbeitergesellschaften.
[7] Moses & Sohn [eine große Firma der Herrenkonfektion in London].
_Midlothian_-Pächter [Midlothian, eine Grafschaft in Südschottland,
zeichnet sich durch hochentwickelte Landwirtschaft aus, die meist
von wohlhabenden Pächtern betrieben ward].
[8] Kaufmann.
[9] Auf ewig gegebene Dinge, die man hinnehmen muß.
[10] Volkswirtschaft der Römer, von Dureau de Lavalle.
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Manchester, 21. August 1851.
Lieber Marx!
Du erhältst hierbei einen beliebigen Artikel. Verschiedene Umstände
haben konspiriert, das Ding schlecht zu machen. Erstens war ich seit
Samstag zur Abwechslung einmal unwohl. Dann fehlte alles Material –
reine Ärmelschüttelei und Aushelferei mit dem bloßen Gedächtnis. Dann
die kurze Zeit und Arbeit auf Bestellung, fast totale Unkenntnis des
Blattes und seines Leserkreises, also kein ordentlicher Plan möglich.
Endlich die Unmöglichkeit, das Manuskript der ganzen Reihe zum
Vergleichen zusammenzuhalten, also Notwendigkeit eines _plus ou moins_
pedantisch-systematischen Anfangs, um Wiederholungen in den folgenden
Artikeln zu vermeiden. Alles das, und meine ohnehin ganz aus der Übung
gekommene Schreiberei dazu, haben das Ding sehr trocken gemacht, und
wenn es sich durch etwas empfiehlt, so ist es durch kulanteres Englisch,
das ich der Gewohnheit, seit acht Monaten fast nur Englisch zu sprechen
und zu lesen, verdanke. _Enfin, tu en feras ce que tu voudras._[1]
Den Proudhon habe ich zur Hälfte durch und finde Deine Ansicht
vollkommen bestätigt. Sein Appell an die Bourgeoisie, sein Zurückgehen
auf Saint-Simon und hundert andere Geschichten, schon im kritischen
Teil, bestätigen, daß er die industrielle Klasse, Bourgeoisie und
Proletariat, als eigentlich identisch und nur durch die Nichtvollendung
der Revolution in Gegensatz gebracht ansieht. Die pseudo-philosophische
Geschichtskonstruktion liegt ganz klar auf der Hand: vor der Revolution
industrielle Klasse im Ansichsein, 1789 bis 1848 im Gegensatz, Negation;
Proudhonsche Synthese _to wind up the whole with a flourish_.[2] Mir
kommt das Ganze als ein letzter Versuch vor, die Bourgeoisie theoretisch
zu halten; unsere Prämissen über entscheidende historische Initiative
der materiellen Produktion, Klassenkampf usw. usw. größtenteils
adoptiert, meist verdreht und hierauf das Experiment gegründet,
vermittels pseudo-hegelscher Eskamotage das Proletariat scheinbar in die
Bourgeoisie zurückzunehmen. Den synthetischen Teil habe ich noch nicht
gelesen. In den Angriffen gegen Louis Blanc, Robespierre, Rousseau sind
hier und da nette Sachen, aber im ganzen kann man nichts
Prätentiös-Flacheres lesen als seine Kritik der Politik, zum Beispiel
bei der Demokratie, wo er, wie die Neue Preußische Zeitung und die ganze
alte historische Schule, mit der Kopfzahl herankommt, und wo er sich
nicht schämt, mit kleinen praktischen Bedenken, die eines Schuljungen
würdig sind, Systeme aufzubauen. Und welche große Idee, daß _pouvoir und
liberté_[3] unvereinbare Gegensätze sind, und daß keine Regierungsform
ihm einen genügenden moralischen Grund angeben kann, weswegen er ihr
gehorchen sollte! _Par dieu_, wozu brauchte man denn ein _pouvoir_?
Übrigens bin ich überzeugt, daß Herr Ewerbeck ihm seine Übersetzung des
Manifestes und vielleicht auch unter der Hand Übersetzungen aus Deinen
Artikeln in der Revue hat zukommen lassen. Eine Anzahl Pointen sind
unbedingt daraus gestohlen – zum Beispiel, daß das Gouvernement nichts
ist als die Macht einer Klasse zur Niederhaltung der anderen und mit dem
Verschwinden des Klassengegensatzes ebenfalls verschwindet. Dann viele
Pointen über die französische Bewegung seit 1848. Ich glaube nicht, daß
er das alles in Deinem Buche gegen ihn gefunden hat.
Ich schreibe dieser Tage ausführlicher über das Ding, sowie ich das
Ganze gelesen habe. Inzwischen erwarte ich dieser Tage Weerth hier, der
wie gewöhnlich auf einmal in Bradford auftaucht, und ich werde deshalb
vielleicht genötigt sein, den Proudhon zwei oder drei Tage länger hier
zu behalten.
Sage Lupus, daß ich mit Watts gesprochen habe und dieser sich alle Mühe
geben wird, und mit aller Aussicht auf Erfolg, ihm hier eine Stelle zu
verschaffen. Watts glaubt, daß seine Qualität als Exreichstagsmann hier
vollständig hinreicht. Er kennt die ganze Sorte von Schulmeistern und
Pfaffen der liberalen Couleur, und wenn er sich einmal in Bewegung
setzt, wird er gewiß etwas ausrichten können. Ich werde ihn deshalb warm
halten; sowie ich aber weiteres höre, werde ich es ihn wissen lassen.
Übrigens ist der Watts trotz alledem doch noch ebenso erträglich als die
übrige Sorte von Philistern. Da der Mann als Engländer, Sozialist,
Doktor und Familienvater lebt, so muß man ihm zugute halten, daß er seit
sieben Jahren Teetotaler ist und sogar Gelüste verspürt, Struvescher
Grasfresser zu werden. Es ist schlimm, aber es ist ein Faktum, hier in
Manchester ist durchschnittlich der ordinäre Spießbürger der
umgänglichste Mensch; er säuft, er reißt Zoten, er ist Rebblkaner (wie
Martens) und man kann über ihn lachen.
Was hörst Du Neues aus Deutschland? In Hamburg sind drei entlassen,
einer neu verhaftet. Die Geständnisse des Schneidergesellen Nothjung
laufen also darauf hinaus, daß er Emissär einer propagandistischen
geheimen Verbindung sei – _quelle découverte_![4]
Dein F. E.
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[1] Kurz, Du wirst daraus machen, was Du willst.
[2] Um das Ganze mit einem Hallo abzuschließen.
[3] [Regierungs-]Gewalt und Freiheit.
[4] Welche Entdeckung!
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