Lieber Marx!
In ein paar Tagen, längstens acht, erhältst Du weitere 5 Pfund, ich
würde sie Dir schon heute schicken, hätte ich nicht soeben 10 Pfund auf
einem Brett auszahlen müssen.
Ich habe seit ein paar Tagen den Brief von Lupus und den von Dronke
vergeblich gesucht. Du mußt sie beide mitgenommen haben. Wenn Du sie
findest, schicke sie mir umgehend, ich schreibe dann gleich. Auch den
Brief von Fischer aus New Orleans finde ich nicht.
_Ne nous plaignons pas trop de la mauvaise queue._[1] Ich habe gerade
Savarys Memoiren zu Hause. Napoleon hatte die seinige – und welche!
Dieser Savary ist ein famoses Exemplar davon. Etwas Mittelmäßigeres als
diesen Kerl gibt es nicht. Wenn gewisse Leute glauben _up to the
mark_[2] zu sein und nicht einmal das Kommunistische Manifest verstehen,
so bildet sich dieser Savary ein, Napoleon in der Tasche zu haben, einer
der wenigen Auserwählten zu sein, die die ganze Größe des Kerls
begreifen, und dabei hat er nicht einen einzigen Feldzugs- oder
Schlachtplan begriffen. Als er diese Memoiren schrieb, war kaum eine
einzige ordentliche Darstellung dieser Kampagnen geschrieben, er hätte
also, da das Ding apologetisch sowohl für Napoleon wie für ihn selbst
ist, gewiß nicht unterlassen, sein Bestes in dieser Beziehung zu tun;
statt dessen überall nur ein paar allgemeine Phrasen und
unzusammenhängende verworrene Details eines untergeordneten Augenzeugen.
Von Austerlitz weiß der Kerl zum Beispiel nur, daß der Feind in einem
Flankenmarsch überrascht und in so viel Stücke zersplittert wurde, wie
französische Kolonnen anrückten – wörtliche Kopie aus Napoleons
Bulletin. Wie das aber geschah, davon weiß er nichts. Im übrigen enorm
viel Klatsch aus der Kaiserzeit und dem Konsulat; ein wahrer
Mustercrapaud, renommierend, verlogen, servil, und sich mit wahrer
Wollust in der edlen Tätigkeit des Polizisten ergehend, sowohl was den
Genuß der Autorität bei Verhaftungen als was die Freude am Mouchardieren
angeht; dabei brauchbar zu allerhand Allotriis und Intrigen, aber doch
überall so mittelmäßig, diensteifrig und beschränkten Horizonts, daß er
überall kurzgehalten und mit positiven Orders versehen werden mußte.
_Enfin_, durchaus kein repräsentables Subjekt, _au fond_ nicht besser
und nicht schlechter, nicht brauchbarer und nicht kompromittierlicher
als gewisse _amici_, und doch machte Napoleon mit der Zeit eine passable
Maschine, einen Herzog von Rovigo und einen Hofmann aus ihm, der ihn
beim Kaiser von Rußland nicht blamierte. Aber freilich, solche Kerls muß
man sich kaufen können, und dazu gehört vor allem Geld und Macht.
Übrigens hat der edle Thiers den Savary, dessen Memoiren doch in
Frankreich bekannt genug waren, mit einer Unverschämtheit abgeschrieben,
die der der englischen Ökonomie im Plagiieren nichts nachgibt, und das
nicht bloß im Klatsch; auch in Sachen über Verwaltung usw. ist hier und
da Herr Savary Hauptquelle. – – –
Den Krawall unter dem Stadtrat in Köln wegen der Rede des Beigeordneten
Schenk an den Pr[inz] von Pr[eußen] wirst Du gelesen haben, sowie die
unverschämte Rede dieses letzteren. „Die Presse ist schlecht, die
Kölnische Presse muß sich bessern!“ _Ce pauvre_ Brüggemann – er benutzt
natürlich die Gelegenheit zu einer Seichbeutelei, wie man sie unter der
Zensur zu schreiben bescheidenst und wohlmeinendst sich die große
Freiheit nahm. Dafür ist aber jetzt auch „unser Stupp“ Bürgermeister und
der größte Mann in Köln, und Dein Schwager [Minister v. Westphalen]
konfisziert Bücher mit lobenswertem Eifer. Ich fürchte nur, er wird
nächstens _en Brutus prussobureaucrate_[3] sich auch an Deinen Sachen
vergreifen, und das wird die Honorarzahlungen unangenehm stoppen können.
Der andere Schwager dieses Edlen, der pp. Florencourt, ist ja, wie
deutsche Blätter melden, _tambour battant et mèche allumée_[4] in den
Schoß der katholischen Kirche übergegangen. Deine Familie ist doch
wenigstens interessant, in der meinigen muß ich allein die
affenteuerlichen Geschichten machen.
Wie geht es in Deinem Hause? Grüße Deine Frau und Kinder und schreibe
bald.
Dein F. E.
Soeben finde ich die Briefe von Lupus und Fischer – den von Dronke kann
ich aber nicht finden. An Lupus schreibe ich noch heute. Wenn Du nach
Köln schreibst, wäre es gut, wenn Du sie wegen des Reisegeldes trätest –
Du kennst ja die Kölner.
----------
[1] Beschweren wir uns nicht zu sehr über schlechtes Gefolge.
[2] Auf der Höhe.
[3] Als preußisch-bureaukratischer Brutus.
[4] Mit klingendem Spiel und brennender Lunte.
80