6. Januar 1851.

Lieber Engels!

Du wirst mich sehr verpflichten, _s’il est possible_,[1] das Geld

umgehend zu schicken. Meine Wirtin ist _very poor_;[2] sie ist jetzt die

zweite Woche nicht bezahlt und tritt mit schrecklicher Energie.

Gestern in der Kreissitzung erschien Wolff; nicht aber Liebknecht und

Schramm. Die neuen Statuten angenommen, habe ich das Ding aufs

Unbestimmte vertagt.

Dein K. M.

Unsere Revue wird wahrscheinlich in der Schweiz neu erscheinen. Arbeite

also _something_,[3] damit ich das Manuskript im Notfall _ready_[4]

habe.

----------

[1] Wenn es möglich ist.

[2] Sehr arm.

[3] Etwas.

[4] Fertig.

49

London, 7. Januar 1851.

Lieber Engels!

Ich schreibe Dir heute, um Dir eine _questiuncula theoretica_[1]

vorzulegen, natürlich _naturae politico-economicae_.[2]

Du weißt, um _ab ovo_[3] zu beginnen, daß nach der Ricardoschen Theorie

der Rente sie nichts anderes ist, als der Unterschied zwischen den

Produktionskosten und dem Preise des Bodenproduktes, oder wie er das

auch ausdrückt, der Unterschied des Preises, wozu das schlechteste Land

verkaufen muß, um seine Kosten herauszubringen (immer den Profit und

Zinsen des Pächters eingerechnet in die Kosten), und wozu das beste Land

verkaufen kann. Das Steigen der Rente beweist nach ihm, wie er selbst

seine Theorie auslegt:

1. Es wird zu immer schlechteren Erdarten Zuflucht genommen, oder

dasselbe Quantum Kapital, sukzessive auf denselben Boden angewandt,

bringt nicht dasselbe Produkt. Mit einem Worte: die Erde verschlechtert

sich in demselben Maße, als die Bevölkerung ihr mehr abverlangen muß.

Sie wird relativ unfruchtbarer. Worin dann Malthus den realen Boden

seiner Populationstheorie gefunden hat und worin seine Schüler jetzt

ihren letzten Notanker suchen.

2. Die Rente kann nur steigen, wenn der Getreidepreis steigt (wenigstens

_ökonomisch legal_); sie muß fallen, wenn er fällt.

3. Wenn das _Rental eines ganzen Landes_ steigt, so ist dies nur

erklärlich dadurch, daß eine sehr große Masse relativ schlechteren

Bodens in Bebauung gesetzt worden ist.

Diesen drei _Propositions_[4] widerspricht nun überall die Geschichte.

1. Kein Zweifel, daß immer schlechtere Erdarten in Bebauung gesetzt

werden mit dem Fortschritt der Zivilisation. Aber ebensowenig Zweifel,

daß diese schlechteren Erdarten relativ gut sind gegen die früher guten,

infolge des Fortschritts der Wissenschaft und Industrie.

2. Seit 1815 ist der Getreidepreis von 90 auf 50 Schilling gefallen und

darunter – vor der Abschaffung der Korngesetze, unregelmäßig aber

beständig. Die Rente ist beständig gestiegen. So in England. _Mutatis

mutandis_ überall auf dem Kontinent.

3. In allen Ländern finden wir, wie schon Petty bemerkte, daß, wenn der

Preis des Getreides abnahm, das Gesamtrental des Landes stieg.

Die Hauptsache bei alledem bleibt, das Gesetz der Rente mit dem

Fortschritt der Fruchtbarkeit der Agrikultur im allgemeinen

auszugleichen, wodurch einmal die historischen Tatsachen allein erklärt

werden können, andererseits die Malthussche Verschlechterungstheorie

nicht nur der Hände, sondern auch der Erde allein beseitigt wird.

Ich glaube, daß die Sache einfach zu erklären ist wie folgt.

Gesetzt, in einem gegebenen Zustand der Agrikultur sei der Preis des

Quarter Weizens 7 Schilling und ein Acre Land der besten Qualität, das

eine Rente von 10 Schilling zahlt, produziere 20 Bushel.[5] Der Ertrag

des Acre also = 20 × 7 oder = 140 Schilling. Die Produktionskosten

betragen in diesem Falle 130 Schilling. 130 Schilling ist also der Preis

des Produktes des schlechtesten in Bebauung gesetzten Landes.

Gesetzt, es trete nun eine allgemeine Verbesserung der Agrikultur ein.

Setzen wir diese voraus, so nehmen wir an, gleichzeitig, daß

Wissenschaft, Industrie und Bevölkerung im Zunehmen begriffen sind. Eine

durch Verbesserung allgemein vermehrte Fruchtbarkeit des Bodens setzt

diese Bedingungen voraus, im Unterschied der bloß vom Zufall einer

günstigen Jahreszeit hervorgebrachten Fruchtbarkeit.

Der Weizenpreis falle von 7 auf 5 Schilling per Quarter. Das beste Land,

Nr. 1, das früher 20 Bushel hervorbrachte, bringe nun 30 Bushel hervor.

Bringt also jetzt ein, statt 20 × 7 oder 140 Schilling, 30 × 5 oder 150

Schilling. Das heißt eine Rente von 20 Schilling statt früher von 10.

Der schlechteste Boden, der keine Rente trägt, muß produzieren 26

Bushel, denn nach unserer obigen Annahme ist der notwendige Preis

desselben 130 Schilling und 26 × 5 = 130. Ist die Verbesserung nicht so

allgemein, das heißt der allgemeine Fortschritt der Wissenschaft, der

mit dem Gesamtfortschritt der Gesellschaft, Population usw. Hand in Hand

geht, daß der schlechteste Boden, der in Bebauung gesetzt werden muß, 26

Bushel hervorbringen kann, so kann der Getreidepreis nicht auf 5

Schilling per Quarter fallen.

Die 20 Schilling Rente drücken nach wie vor den Unterschied zwischen den

Produktionskosten und dem Getreidepreis auf dem besten Boden oder

zwischen den Produktionskosten des schlechtesten und denen des besten

Bodens aus. Relativ bleibt das eine Land immer ebenso unfruchtbar gegen

das andere wie vorher. Aber die _allgemeine Fruchtbarkeit_ hat sich

gehoben.

Vorausgesetzt wird nur, daß, wenn der Getreidepreis von 7 auf 5

Schilling fällt, die Konsumtion in demselben Maße zunimmt, [das heißt]

die Nachfrage, oder daß die Produktivität nicht die Nachfrage

übersteigt, die zu dem Preise von 5 Schilling erwartet werden kann. So

sehr diese Voraussetzung falsch wäre, wenn der Preis von 7 auf 5

Schilling gefallen wäre durch einen ausnahmsweise üppigen Herbst, so

notwendig ist sie bei einer graduellen und durch die Produzenten selbst

bewirkten Steigerung der Fruchtbarkeit. In allen Fällen handelt es sich

hier nur um die ökonomische Möglichkeit dieser Hypothese.

Es folgt hieraus:

1. Die Rente kann steigen, obgleich der Preis des Bodenproduktes fällt,

und doch _bleibt Ricardos Gesetz richtig_.

2. Das Gesetz der Rente, wie Ricardo es in einfachster These, abgesehen

von seiner Ausführung, hinstellt, setzt nicht die abnehmende

Fruchtbarkeit des Bodens voraus, sondern nur, _trotz der mit der

Entwicklung der Gesellschaft allgemein zunehmenden Fruchtbarkeit des

Bodens, verschiedene_ Fruchtbarkeit der Ländereien oder verschiedenes

Resultat des sukzessiv auf demselben Boden angewandten Kapitals.

3. Je allgemeiner die Verbesserung des Bodens ist, desto mehr Sorten von

Ländereien wird sie umfassen, und das Rental des ganzen Landes kann

steigen, obgleich der Getreidepreis im allgemeinen sinkt. Gesetzt zum

Beispiel das obige Beispiel, so kommt es nur darauf an, wie groß die

Anzahl der Ländereien ist, die mehr als 26 Bushel zu 5 Schilling

produzieren, ohne gerade deren 30 produzieren zu müssen, das heißt um

wie mannigfaltiger die Qualität des Landes ist, das zwischen dem besten

und dem schlechtesten liegt. Es geht dies die _ratio_[6] der Rente des

besten Landes nichts an. Es geht überhaupt die _ratio_ der Rente nicht

direkt an.

Du weißt, daß der Hauptwitz bei der Rente der ist, daß sie erzeugt ist

durch die Ausgleichung des Preises für die Resultate verschiedener

Produktionskosten, daß aber dies Gesetz des Marktpreises nichts als ein

Gesetz der bürgerlichen Konkurrenz ist. Indessen bliebe, selbst nach

Abschaffung der bürgerlichen Produktion, der Haken, daß die Erde relativ

unfruchtbarer würde, daß mit derselben Arbeit weniger sukzessiv

geschaffen würde, obgleich nicht mehr, wie im bürgerlichen Regime, der

beste Boden so teures Produkt lieferte wie der schlechteste. Dieses

Bedenken fiele mit dem Obigen fort.

Ich bitte Dich um Deine Ansicht über die Sache.

Weil ich Dich mit dieser Sauce gelangweilt, schicke ich Dir zur

Erheiterung folgendes Pack Briefe von Dr. _Magnus Groß_ (doppelt großer

Groß! Allergrößter Groß!) aus Cincinnati. Du wirst finden, daß, wenn

Monsieur Groß nicht _grand_,[7] er jedenfalls _gros_[8] ist. Tellering

II. _in nuce_.[9] Gleichen sich doch alle Koblenzer. Schicke mir die

Sache zurück, und wenn Du willst und Zeit und Lust hast, mit einer Zeile

für Dronke.

Dein K. M.

----------

[1] Kleine theoretische Frage.

[2] Politisch-ökonomischer Natur.

[3] Vom Ei an.

[4] Sätze.

[5] Buschel = englischer Scheffel, der 36,3 Liter faßt.

[6] Hier: Höhe, Satz.

[7] Groß.

[8] Ungeschlacht [unübersetzbares Wortspiel in bezug auf den Namen

Groß].

[9] In der Nußschale [das heißt: zusammengefaßt].

50

Manchester, 8. Januar 1851.

Lieber Marx!

Inliegend Post Office Ordre[1] für ein Pfund, die Particulars wie

früher. Mein Käufer – unser Kommis – scheint in der letzten Zeit viel

ausgegeben zu haben und nicht zu viel Geld auf einmal von der Firma

nehmen zu wollen. Er will nicht recht eingehen – ich presse ihn nicht zu

viel, _cela se conçoit_.[2] Ich selbst bin durch unsere Londoner

Reiseexpensen sehr stark in Auslagen geraten, sonst würde ich Dir mit

Vergnügen den ganzen Betrag schicken; so muß ich mich für heute darauf

beschränken, die Pflicht eines gewöhnlichen Warenempfängers zu erfüllen

und Dir ein Halb des Wertes auf Abschlag zuschicken. Die andere Hälfte

erfolgt spätestens in den ersten Tagen des Februar, vielleicht früher,

sobald nämlich ein Brief der Firma an meinen Alten, der die an mich

gemachten Zahlungen enthält, abgegangen sein wird.

[Ernest] Jones war hier und trat seinen Feinden in _public meeting_[3]

in ihrem eigenen Lokal entgegen. Leach und Donovan opponierten ihm. Die

Debatte war nicht ganz, was ich erwartete. Kleine Kriegslisten auf

beiden Seiten, viel _chronique scandaleuse_,[4] die über manche Londoner

Annehmlichkeiten tröstete. Auf Jones’ Seite die Überlegenheit des

deklamatorischen Talents. Leach dagegen enorm impertubabel, aber

stellenweise greulich absurd. Donovan eine kommune intrigierende

Lokalgröße. Jones war übrigens durch die Neue Rheinische Zeitung und

meine Anwesenheit gezwungen, sich als _red republican_[5] und Anhänger

der Nationalisation _of landed property_[6] zu erklären, wogegen Leach

als vollständiger Vertreter der _cooperative societies_[7] auftrat, und

zwar auch insofern sie die politische Agitation repudiieren.[8] Diese

Gesellschaften scheinen übrigens jetzt in Lancashire sehr zahlreich zu

sein, und Jones und seine Freunde fürchten, daß sie bei irgend einer

Allianz zwischen ihnen und den Chartisten das Chartist Movement in ihre

Hände bekommen würden. Dieser Umstand erklärt manche der Konzessionen,

die Harney ihnen zu machen für gut hielt.

Der Erfolg von Jones’ Auftreten hier war alles, was zu erwarten stand;

er schlug als Punkt der Entscheidung zwischen ihm und dem Manchester

Chartist Council die Frage der Anerkennung der Exekutive in London vor.

Die Stimmen waren gleich geteilt, obwohl Leach und Komp. zirka drei

Stunden Zeit gehabt hatten, ihre Leute ins Meeting zu bringen und eine

gehörige Masse gekommen war. Am Anfang, wo die Gesellschaft eine rein

zufällige war (Leach hatte kalkuliert, daß Jones nicht vor 9 Uhr da sein

könne, er war aber schon um 8 da, was Leach ihm sehr übelnahm), wurde

Jones enthusiastisch empfangen.

Jones in Gesellschaft von Chartisten, die er gewinnen oder sich mehr

attachieren will, ist keineswegs so naiv, als wenn er unter uns ist. _He

is very wide awake_.[9] Vielleicht etwas zu sehr – unsereins wenigstens

„merkt die Absicht“.

Von Harneys Freunden hier ist der eine ein langweiliger Schotte mit

unendlichen Gefühlen und daher endlosen Reden, der zweite ein kleiner,

resoluter und auffahrender Bursche, über dessen intellektuelle

Kapazitäten ich noch nicht im klaren bin; ein dritter, von dem Harney

mir nicht sprach, Robertson, scheint mir bei weitem der Verständigste zu

sein. Ich werde sehen, daß ich mit den Kerls einen kleinen Klub oder

regelmäßige Zusammenkunft organisiere und mit ihnen das Manifest

diskutiere. Harney und Jones haben hier eine Masse Freunde, und O’Connor

eine Masse versteckter Feinde, aber ehe er nicht einen Akt großartiger

öffentlicher Blamage begangen hat, wird er – offiziell – hier nicht zu

stürzen sein. Jones sprach übrigens von ihm und Reynolds im Meeting mit

möglichst wenig Respekt.

Eine gute Nachricht, die mich betrifft, teilte mir mein Schwager dieser

Tage mit: mein proponierter amerikanischer Associé war in London, und

nach einer Unterhaltung zwischen beiden stellte sich heraus, daß ich

nicht der Mann bin, der in seinem Geschäft brauchbar ist. Amerika ist

also auf unbestimmte Zeit vertagt, da sich jetzt ohne meine Einwilligung

kein neues Projekt formieren kann.

Grüße Deine Frau und Kinder bestens.

Dein F. E.

----------

[1] Postanweisung [deren Betrag sich der Empfänger der Anweisung von

der Post abholen mußte und nur gegen Nennung des Auftraggebers

erhielt. Hierauf bezieht sich das Wort Particulars = Einzelheiten].

[2] Das ist zu verstehen.

[3] Öffentliche Versammlung.

[4] Skandalchronik, Klatsch.

[5] Roter Republikaner.

[6] Des Bodeneigentums.

[7] [Konsum-]Genossenschaft.

[8] Von sich abweisen.

[9] Er paßt sehr auf [kennt sich sehr aus].

51

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 22 / 196 题