69 Deanstreet, Soho, London, 2. Dezember 1850.

Lieber Engels!

Ich war einige Tage ernstlich unwohl und so erhältst Du diesen Brief

nebst Anzeige von dem Empfang der beiden Post Office Ordres später, als

mein Wunsch war. Dem Seiler habe ich die 7-1/2 Schilling zukommen

lassen. Was die [Nummern der] Indépendance betrifft, so schulden wir

beide ihm einstweilen nichts, da er, zu gelegener Zeit, sich von seinem

Wirte hat herauswerfen lassen und ihm als Kompensation für die 10 Pfund,

die er ihm schuldet, nichts hinterlassen hat als die unbezahlte

Indépendance, für 18 Pence Mobiliareigentum und zwei oder drei Bücher,

die er von mir und anderen geborgt hat. Er besitzt wirklich _in a high

degree_[1] das Talent, auf amerikanische Weise den Überschuß seiner

Ausgaben über seine Einnahmen zu liquidieren.

Von unserer Revue habe ich noch nichts gesehen und gehört. Ich stehe mit

Köln in Unterhandlung wegen Herausgabe der Quartalschrift.

Teils aus Unwohlsein, teils aus Absicht komme ich in den _Pulteney

stores_ mit den anderen nur noch an den offiziellen Tagen zusammen. Da

die Herren so viel debattiert haben, ob diese Gesellschaft ennuyant ist

oder nicht, überlasse ich es natürlich ihnen selbst, über die Komforts

ihrer Unterhaltung sich wechselseitig zu verständigen. Mich aber mache

ich rar. Wir haben beide die Erfahrung gemacht, daß man bei diesen

Leuten in demselben Maße im Werte sinkt, als man sich ihnen liberal

zuführt. Zudem bin ich sie müde und will meine Zeit möglichst produktiv

ausnutzen. Freund Schramm, der seit mehreren Wochen den Malkontenten

spielte und sich endlich überzeugt hat, wie man durchaus nicht geneigt

ist, dem natürlichen Laufe seiner Gemütsstimmungen Hindernisse in

den Weg zu legen, eignet sich nach und nach den mit dem

_Model-Lodging-house_[2] verträglichen Humor wieder an.

Unterdessen haben die großen Männer der Great Windmillstreet[3] einen

Triumph erlebt, wie folgt [wir geben das von Marx im französischen Texte

mitgeteilte Manifest gleich in Übersetzung. D. H.]:

„An die Demokraten aller Nationen. Bürger! Verbannte Flüchtlinge in

England und _schon allein dadurch_ besser placiert, um die

politischen Bewegungen des Festlandes zu beurteilen, haben wir alle

Kombinationen der koalierten Mächte verfolgen und tätig überwachen

können, die sich auf eine neue Besetzung Frankreichs rüsten, wo

(sehr scheene!) die Kosaken des Nordens von ihren Mitverschworenen

erwartet werden, um (noch einmal: erwartet, _um_) in seinem eigenen

Heim (die Geburtsstätte von Barthélemy und Pottier) den Vulkan der

Weltrevolution auszulöschen. Die Könige und die Aristokraten Europas

haben begriffen, daß es Zeit sei, Dämme aufzuführen, um die

Volksflut (hieße besser die Volksversumpfung) aufzuhalten, welche

ihre wankenden Throne zu verschlingen droht. – Zahlreiche, in

Rußland, in Österreich, in Preußen, in Bayern, in Hannover, in

Württemberg, in Sachsen, kurz in allen Staaten Deutschlands

aufgebotene Truppen sind bereits vereinigt. (Truppen ... sind

bereits vereinigt!) In Italien bedrohen 130 000 Mann die

schweizerische Grenze. Der Vorarlberg ist von 80 000 Mann besetzt.

Der Oberrhein ist mit 80 000 Mann, Württemberger, Badenser und

Preußen, besetzt, der Main von 80 000 Bayern und Österreichern

bewacht. Während 370 000 Mann die von uns bezeichneten Punkte

besetzt halten, hat Preußen 200 000 Soldaten mobil gemacht, die es

bereit hält (_sic!_), gegen die Grenzen Belgiens und Frankreichs

geworfen zu werden; Holland und Belgien werden durch die Koalitionen

gezwungen, die Einmarschierungsbewegung mit einer 150 000 Mann

starken Armee zu unterstützen. In Böhmen stehen 150 000 Mann bereit

und warten nur auf Order, um sich mit der Mainarmee zu vereinigen,

die dann 230 000 Mann stark sein würde. Um Wien herum sind 80 000

Mann konzentriert. 300 000 Russen lagern in Polen und 80 000 in der

Umgebung St. Petersburgs. Diese Armeen bilden zusammen eine

Heeresmacht von einer Million dreimalhunderttausend Kämpfern, die

nur auf das Signal zum Angriff warten. Hinter jenen Truppen halten

sich ferner bereit 180 000 Österreicher, 200 000 Preußen, 100 000

von den Kleinstaaten Deutschlands gestellte Mannschaften und 120 000

Russen, welche Armeen zusammen eine Reservetruppe bilden von 700 000

Mann, ohne die unzählbaren (_sic!_) Horden von Barbaren, welche der

moskowitische Attila hervorbrechen lassen würde, um sie wie einst

(!) auf die europäische Zivilisation zu werfen. Deutsche Blätter

(wird nämlich in einer Note ein ... Satz aus der Neuen Deutschen

Zeitung zitiert, um Lüning günstig zu stimmen) und unsere _eigenen

Ermittlungen lassen uns die geheimen Pläne der Mächte erkennen_,

deren Bevollmächtigte am vergangenen 25. Oktober in Warschau

versammelt waren. Es wurde in der (!) Konferenz _beschlossen_, daß

ein Scheinkrieg (Teufel, was für Diplomatie!) zwischen Preußen und

Österreich als ein Vorwand dienen solle für die Bewegung der

Soldaten, die der _Wille_ des Zaren in blinde Werkzeuge und wilde

Meuchelmörder gegen die Verteidiger der Freiheit verwandelt.

(Bravo!) Im Angesicht dieser Tatsache ist kein Zweifel mehr möglich:

man organisiert in diesem Augenblick die schon begonnene (!!)

Niedermetzelung aller Republikaner. Die Tage des Juni 1848 mit ihren

blutigen Hinrichtungen und den auf diese folgenden Ächtungen – die

Verwüstung und Knechtung Ungarns durch Österreich –, die

Auslieferung Italiens an den Papst und die Jesuiten nach der

Erdrosselung der römischen Republik durch die Soldaten der

französischen Regierung haben die Wut unserer Feinde nicht stillen

können. Sie träumen von der Knechtung aller Völker, die für den

Triumph der allgemeinen Freiheit kämpfen. Wenn die Demokratie nicht

acht gibt, werden Polen, Ungarn, Deutschland, Italien und Frankreich

bald wiederum dem Wüten der wilden Soldateska des Nikolas

preisgegeben sein, der den Barbaren, um sie zum Kampfe anzustacheln,

die Verwüstung und Ausplünderung Europas verspricht. – Gegenüber

dieser Gefahr, die uns bedroht, auf, auf! ... französische,

deutsche, italienische, polnische und ungarische Republikaner,

erheben wir uns aus dieser Erstarrung (Pot Schapper und Willich!),

die unsere Kräfte entnervt und unseren Unterdrücker den Sieg leicht

macht. Auf! ... Lassen wir auf die Tage der Ruhe und jetzigen

Schmach die Tage der Mühen und des Ruhmes folgen, die uns der

heilige Krieg für die Freiheit vorbereitet! Wenn Ihr die Gefahren

prüft, die wir Euch anzeigen, so werdet Ihr wie wir begreifen, daß

es Wahnsinn wäre, länger den Angriff des gemeinsamen Feindes

abzuwarten; wir müssen alles vorbereiten und der Gefahr, die uns

umgibt, zuvorkommen. (Kommt einmal einer Gefahr zuvor, die Euch

_umgibt_!) Bürger, Sozialdemokraten, unser Heil liegt nur bei uns

selbst, wir dürfen nur auf unsere eigenen Kräfte rechnen, und aus

den Beispielen der Vergangenheit belehrt, müssen wir uns gegen die

Verrätereien im voraus waffnen. Vermeiden wir, vermeiden wir

insbesondere die Falle, die uns von den Schlangen (!) der Diplomatie

gestellt wird. Die Schüler der Metternich und Talleyrand sinnen in

diesem Moment darauf, die Fackel der Revolution dadurch

auszulöschen, daß sie Frankreich durch die Invasion, die sie

vorbereiten, zu einem nationalen Kriege bewegen, in welchem die

Völker zum Vorteil der Feinde ihrer Befreiung einander die Kehlen

abschneiden würden! Nein, Bürger! Kein Nationalkrieg mehr! Die

Schlagbäume, welche die Despoten zwischen den Nationen, die sie

unter sich geteilt, errichtet hatten, werden fortan für uns

niedergerissen sein, und die in eins verschmolzenen Völker haben nur

noch eine Fahne, auf welche wir mit dem fruchtbaren Blut unserer

Märtyrer geschrieben haben: ‚Universelle demokratische und soziale

Republik!‘ Für ihre Vereine: Die Mitglieder des Komitees der

geächteten französischen Sozialdemokraten in London: Adam

(Combreur), Barthélemy (Emml), Caperon (Paulin), Favon, Gouté,

Thierry, Vidil (Jules). Die Delegierten der ständigen Kommission der

Sektion der polnischen Demokratie in London: Sawaszkiewicz,

Waßkowski. Die Mitglieder des sozialdemokratischen Komitees

deutscher Flüchtlinge und des Deutschen Arbeitervereins: Dietz

(Oswald), Gebert (A.), Mayer (Adolf), Schärttner (A.), Schapper

(Karl), Willich (August). Die Delegierten des Ungarischen

Demokratischen Vereins in London: Molihary, Simonyi. London, den 16.

November 1850.“

Als ich das Manifest [Ledru-]Rollin, Mazzini, Ruge usw. an die Deutschen

gelesen hatte, worin man sie auffordert, das Bardiet zu singen, [und]

sie erinnert, daß ihre Vorfahren „Franken“ hießen, und worin der König

von Preußen schon abgemacht hatte, sich von Österreich klopfen zu

lassen, glaubte ich, etwas Dümmeres sei unmöglich. _Mais non!_[4] Kommt

das Manifest Ganon Caperon Gouté, wie die Patrie es nennt, der _dii

minorum gentium_,[5] mit demselben Inhalt, wie sie richtig bemerkt, aber

ohne Chic, ohne Stil, mit den armseligsten Rednerblumen von

_serpents_[6] und _sicaires_[7] und _égorgements_![8] Die Indépendance

erzählt, indem sie einige Sätze aus diesem Meisterwerk mitteilt, es sei

von den _soldats _les plus obscurs_ de la Démocratie_[9] abgefaßt, und

diese armen Teufel hätten es ihrem Korrespondenten in London

zugeschickt, obgleich sie konservativ sei. So sehr sehnten sie sich nach

dem Drucke. Sie nennt zur Strafe _keinen_ Namen, wie die Patrie nur die

obigen drei nennt. Zur Erfüllung der Mission geben sie von hier einem

Straubinger (selbiges Subjekt hat die klägliche Geschichte gestern dem

Pfänder erzählt) 50 Exemplare nach Frankreich mit. Kurz vor Boulogne

schmeißt er 49 Stück ins Meer, in Boulogne wird Bruder Straubinger wegen

mangelnden Passes zurückgeschickt nach London und erzählt, „daß er jetzt

nach Boston gehe“.

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 20 / 196 题