Lieber Engels!
Ich war einige Tage ernstlich unwohl und so erhältst Du diesen Brief
nebst Anzeige von dem Empfang der beiden Post Office Ordres später, als
mein Wunsch war. Dem Seiler habe ich die 7-1/2 Schilling zukommen
lassen. Was die [Nummern der] Indépendance betrifft, so schulden wir
beide ihm einstweilen nichts, da er, zu gelegener Zeit, sich von seinem
Wirte hat herauswerfen lassen und ihm als Kompensation für die 10 Pfund,
die er ihm schuldet, nichts hinterlassen hat als die unbezahlte
Indépendance, für 18 Pence Mobiliareigentum und zwei oder drei Bücher,
die er von mir und anderen geborgt hat. Er besitzt wirklich _in a high
degree_[1] das Talent, auf amerikanische Weise den Überschuß seiner
Ausgaben über seine Einnahmen zu liquidieren.
Von unserer Revue habe ich noch nichts gesehen und gehört. Ich stehe mit
Köln in Unterhandlung wegen Herausgabe der Quartalschrift.
Teils aus Unwohlsein, teils aus Absicht komme ich in den _Pulteney
stores_ mit den anderen nur noch an den offiziellen Tagen zusammen. Da
die Herren so viel debattiert haben, ob diese Gesellschaft ennuyant ist
oder nicht, überlasse ich es natürlich ihnen selbst, über die Komforts
ihrer Unterhaltung sich wechselseitig zu verständigen. Mich aber mache
ich rar. Wir haben beide die Erfahrung gemacht, daß man bei diesen
Leuten in demselben Maße im Werte sinkt, als man sich ihnen liberal
zuführt. Zudem bin ich sie müde und will meine Zeit möglichst produktiv
ausnutzen. Freund Schramm, der seit mehreren Wochen den Malkontenten
spielte und sich endlich überzeugt hat, wie man durchaus nicht geneigt
ist, dem natürlichen Laufe seiner Gemütsstimmungen Hindernisse in
den Weg zu legen, eignet sich nach und nach den mit dem
_Model-Lodging-house_[2] verträglichen Humor wieder an.
Unterdessen haben die großen Männer der Great Windmillstreet[3] einen
Triumph erlebt, wie folgt [wir geben das von Marx im französischen Texte
mitgeteilte Manifest gleich in Übersetzung. D. H.]:
„An die Demokraten aller Nationen. Bürger! Verbannte Flüchtlinge in
England und _schon allein dadurch_ besser placiert, um die
politischen Bewegungen des Festlandes zu beurteilen, haben wir alle
Kombinationen der koalierten Mächte verfolgen und tätig überwachen
können, die sich auf eine neue Besetzung Frankreichs rüsten, wo
(sehr scheene!) die Kosaken des Nordens von ihren Mitverschworenen
erwartet werden, um (noch einmal: erwartet, _um_) in seinem eigenen
Heim (die Geburtsstätte von Barthélemy und Pottier) den Vulkan der
Weltrevolution auszulöschen. Die Könige und die Aristokraten Europas
haben begriffen, daß es Zeit sei, Dämme aufzuführen, um die
Volksflut (hieße besser die Volksversumpfung) aufzuhalten, welche
ihre wankenden Throne zu verschlingen droht. – Zahlreiche, in
Rußland, in Österreich, in Preußen, in Bayern, in Hannover, in
Württemberg, in Sachsen, kurz in allen Staaten Deutschlands
aufgebotene Truppen sind bereits vereinigt. (Truppen ... sind
bereits vereinigt!) In Italien bedrohen 130 000 Mann die
schweizerische Grenze. Der Vorarlberg ist von 80 000 Mann besetzt.
Der Oberrhein ist mit 80 000 Mann, Württemberger, Badenser und
Preußen, besetzt, der Main von 80 000 Bayern und Österreichern
bewacht. Während 370 000 Mann die von uns bezeichneten Punkte
besetzt halten, hat Preußen 200 000 Soldaten mobil gemacht, die es
bereit hält (_sic!_), gegen die Grenzen Belgiens und Frankreichs
geworfen zu werden; Holland und Belgien werden durch die Koalitionen
gezwungen, die Einmarschierungsbewegung mit einer 150 000 Mann
starken Armee zu unterstützen. In Böhmen stehen 150 000 Mann bereit
und warten nur auf Order, um sich mit der Mainarmee zu vereinigen,
die dann 230 000 Mann stark sein würde. Um Wien herum sind 80 000
Mann konzentriert. 300 000 Russen lagern in Polen und 80 000 in der
Umgebung St. Petersburgs. Diese Armeen bilden zusammen eine
Heeresmacht von einer Million dreimalhunderttausend Kämpfern, die
nur auf das Signal zum Angriff warten. Hinter jenen Truppen halten
sich ferner bereit 180 000 Österreicher, 200 000 Preußen, 100 000
von den Kleinstaaten Deutschlands gestellte Mannschaften und 120 000
Russen, welche Armeen zusammen eine Reservetruppe bilden von 700 000
Mann, ohne die unzählbaren (_sic!_) Horden von Barbaren, welche der
moskowitische Attila hervorbrechen lassen würde, um sie wie einst
(!) auf die europäische Zivilisation zu werfen. Deutsche Blätter
(wird nämlich in einer Note ein ... Satz aus der Neuen Deutschen
Zeitung zitiert, um Lüning günstig zu stimmen) und unsere _eigenen
Ermittlungen lassen uns die geheimen Pläne der Mächte erkennen_,
deren Bevollmächtigte am vergangenen 25. Oktober in Warschau
versammelt waren. Es wurde in der (!) Konferenz _beschlossen_, daß
ein Scheinkrieg (Teufel, was für Diplomatie!) zwischen Preußen und
Österreich als ein Vorwand dienen solle für die Bewegung der
Soldaten, die der _Wille_ des Zaren in blinde Werkzeuge und wilde
Meuchelmörder gegen die Verteidiger der Freiheit verwandelt.
(Bravo!) Im Angesicht dieser Tatsache ist kein Zweifel mehr möglich:
man organisiert in diesem Augenblick die schon begonnene (!!)
Niedermetzelung aller Republikaner. Die Tage des Juni 1848 mit ihren
blutigen Hinrichtungen und den auf diese folgenden Ächtungen – die
Verwüstung und Knechtung Ungarns durch Österreich –, die
Auslieferung Italiens an den Papst und die Jesuiten nach der
Erdrosselung der römischen Republik durch die Soldaten der
französischen Regierung haben die Wut unserer Feinde nicht stillen
können. Sie träumen von der Knechtung aller Völker, die für den
Triumph der allgemeinen Freiheit kämpfen. Wenn die Demokratie nicht
acht gibt, werden Polen, Ungarn, Deutschland, Italien und Frankreich
bald wiederum dem Wüten der wilden Soldateska des Nikolas
preisgegeben sein, der den Barbaren, um sie zum Kampfe anzustacheln,
die Verwüstung und Ausplünderung Europas verspricht. – Gegenüber
dieser Gefahr, die uns bedroht, auf, auf! ... französische,
deutsche, italienische, polnische und ungarische Republikaner,
erheben wir uns aus dieser Erstarrung (Pot Schapper und Willich!),
die unsere Kräfte entnervt und unseren Unterdrücker den Sieg leicht
macht. Auf! ... Lassen wir auf die Tage der Ruhe und jetzigen
Schmach die Tage der Mühen und des Ruhmes folgen, die uns der
heilige Krieg für die Freiheit vorbereitet! Wenn Ihr die Gefahren
prüft, die wir Euch anzeigen, so werdet Ihr wie wir begreifen, daß
es Wahnsinn wäre, länger den Angriff des gemeinsamen Feindes
abzuwarten; wir müssen alles vorbereiten und der Gefahr, die uns
umgibt, zuvorkommen. (Kommt einmal einer Gefahr zuvor, die Euch
_umgibt_!) Bürger, Sozialdemokraten, unser Heil liegt nur bei uns
selbst, wir dürfen nur auf unsere eigenen Kräfte rechnen, und aus
den Beispielen der Vergangenheit belehrt, müssen wir uns gegen die
Verrätereien im voraus waffnen. Vermeiden wir, vermeiden wir
insbesondere die Falle, die uns von den Schlangen (!) der Diplomatie
gestellt wird. Die Schüler der Metternich und Talleyrand sinnen in
diesem Moment darauf, die Fackel der Revolution dadurch
auszulöschen, daß sie Frankreich durch die Invasion, die sie
vorbereiten, zu einem nationalen Kriege bewegen, in welchem die
Völker zum Vorteil der Feinde ihrer Befreiung einander die Kehlen
abschneiden würden! Nein, Bürger! Kein Nationalkrieg mehr! Die
Schlagbäume, welche die Despoten zwischen den Nationen, die sie
unter sich geteilt, errichtet hatten, werden fortan für uns
niedergerissen sein, und die in eins verschmolzenen Völker haben nur
noch eine Fahne, auf welche wir mit dem fruchtbaren Blut unserer
Märtyrer geschrieben haben: ‚Universelle demokratische und soziale
Republik!‘ Für ihre Vereine: Die Mitglieder des Komitees der
geächteten französischen Sozialdemokraten in London: Adam
(Combreur), Barthélemy (Emml), Caperon (Paulin), Favon, Gouté,
Thierry, Vidil (Jules). Die Delegierten der ständigen Kommission der
Sektion der polnischen Demokratie in London: Sawaszkiewicz,
Waßkowski. Die Mitglieder des sozialdemokratischen Komitees
deutscher Flüchtlinge und des Deutschen Arbeitervereins: Dietz
(Oswald), Gebert (A.), Mayer (Adolf), Schärttner (A.), Schapper
(Karl), Willich (August). Die Delegierten des Ungarischen
Demokratischen Vereins in London: Molihary, Simonyi. London, den 16.
November 1850.“
Als ich das Manifest [Ledru-]Rollin, Mazzini, Ruge usw. an die Deutschen
gelesen hatte, worin man sie auffordert, das Bardiet zu singen, [und]
sie erinnert, daß ihre Vorfahren „Franken“ hießen, und worin der König
von Preußen schon abgemacht hatte, sich von Österreich klopfen zu
lassen, glaubte ich, etwas Dümmeres sei unmöglich. _Mais non!_[4] Kommt
das Manifest Ganon Caperon Gouté, wie die Patrie es nennt, der _dii
minorum gentium_,[5] mit demselben Inhalt, wie sie richtig bemerkt, aber
ohne Chic, ohne Stil, mit den armseligsten Rednerblumen von
_serpents_[6] und _sicaires_[7] und _égorgements_![8] Die Indépendance
erzählt, indem sie einige Sätze aus diesem Meisterwerk mitteilt, es sei
von den _soldats _les plus obscurs_ de la Démocratie_[9] abgefaßt, und
diese armen Teufel hätten es ihrem Korrespondenten in London
zugeschickt, obgleich sie konservativ sei. So sehr sehnten sie sich nach
dem Drucke. Sie nennt zur Strafe _keinen_ Namen, wie die Patrie nur die
obigen drei nennt. Zur Erfüllung der Mission geben sie von hier einem
Straubinger (selbiges Subjekt hat die klägliche Geschichte gestern dem
Pfänder erzählt) 50 Exemplare nach Frankreich mit. Kurz vor Boulogne
schmeißt er 49 Stück ins Meer, in Boulogne wird Bruder Straubinger wegen
mangelnden Passes zurückgeschickt nach London und erzählt, „daß er jetzt
nach Boston gehe“.