Stuttgart 1921
Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H.
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
(Siehe auch Art. 3 der Übereinkunft zwischen Deutschland und Rußland
zum Schutze von Werken der Literatur und Kunst.)
_Copyright 1919 by J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. Stuttgart._
Druck von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart.
Vorwort.
Friedrich Engels, der treue Arbeits- und Kampfgenosse von Karl Marx, hat
die beiden Unterzeichneten zu Erben seines literarischen Nachlasses
sowie des Briefwechsels zwischen ihm und Karl Marx eingesetzt. Wir
übergeben diesen Briefwechsel, der sich über ungefähr vier Jahrzehnte
erstreckt, nunmehr der Öffentlichkeit. Er wird in den vorliegenden
Bänden bis auf Unwesentliches und Intimitäten, die für weitere Kreise
kein Interesse haben, unverkürzt zum Abdruck gebracht.
Die Unterzeichneten sind überzeugt, daß der Inhalt dieses Briefwechsels
für die spätere Geschichtschreibung sehr wertvolles Material in reicher
Fülle bietet. Von diesem Gedanken geleitet, können sie nur wünschen, daß
die Ausgabe die lebhafteste Aufmerksamkeit sowohl der leitenden
Parteikreise wie der Gelehrtenwelt finde.
Vor allem hat die sozialistisch denkende Welt Anspruch, ein
unverfälschtes Bild von dem Werdegang, dem Fühlen und Denken der
beiden Männer zu erhalten, die als die Begründer des modernen
wissenschaftlichen Sozialismus angesehen werden müssen und die für ihn
als die Sache des Proletariats ihre ganze Persönlichkeit einsetzten.
Was uns die Briefe hierüber mitteilen, liefert zugleich neue, in vielem
selbst Freunde der Verfasser überraschende Beweise dafür, wie sehr Marx
und Engels in all ihrem Tun untrennbare Persönlichkeiten waren, deren
hingebendes Zusammenwirken während Jahrzehnten es allein ermöglichte,
daß jene wissenschaftlichen Leistungen vollbracht wurden, die nachher
als reife Frucht unter der Autorschaft von Karl Marx der Öffentlichkeit
übergeben wurden.
Der Leser begegnet in diesem Briefwechsel einem Freundschaftsverhältnis,
wie es vielleicht in der Geschichte der Menschheit einzig dasteht und
sicher nicht übertroffen worden ist. Man darf nach Kenntnisnahme dieses
Briefwechsels ferner aussprechen, daß der größte Teil der schöpferischen
Arbeiten und wissenschaftlichen Entdeckungen eines Karl Marx ohne die
unermüdliche, nie versagende Mithilfe geistiger und finanzieller Natur
von Friedrich Engels schwerlich das Tageslicht erblickt haben würden.
Und mancherlei Veröffentlichungen, die bis heute auf das Konto von Karl
Marx gingen, sehen wir dem Eingreifen von Friedrich Engels geschuldet,
der dem fast unausgesetzt an schweren Nöten aller Art leidenden Freunde
allezeit in hingebender Bereitwilligkeit zu Hilfe kam, aber der
Öffentlichkeit gegenüber sich bescheiden im Hintergrund hielt.
Als Vertrauensmann der Frau Laura Lafargue, die als literarische Erbin
von Marx ihre Genehmigung zur Veröffentlichung eines Teils des
Briefwechsels zu geben hatte, ist Franz Mehring an der Redaktion
beteiligt gewesen. Auch hat uns N. Rjasanoff durch seine große Sachkunde
wertvolle Dienste geleistet, wofür wir ihm an dieser Stelle unseren Dank
aussprechen.
Schöneberg bei Berlin.
*A. Bebel. Ed. Bernstein.*
Anmerkungen.
Bei der Herstellung der Briefe für den Druck wurden folgende Grundsätze
beobachtet:
Der große Wert des Briefwechsels besteht darin, daß er die Ergänzung zu
den von den Verfassern selbst veröffentlichten Schriften und Aufsätzen
bildet, daß aus ihm die Antriebe zur Abfassung und Veröffentlichung
jener Schriften, ihr unmittelbarer und weiterer Zweck ersichtlich
werden, daß er tiefere Einblicke in das geistige Werden, das
wissenschaftliche Arbeiten und politische Wirken der Schreiber gewährt
und damit zum besseren Verständnis ihres Schaffens beiträgt, und daß er
schließlich über die persönlichen Verhältnisse und Schicksale der
Freunde genauere Auskunft gibt, ihre Kämpfe für die Anforderungen des
Daseins, ihre menschlichen Beziehungen, Freundschaften und
Feindschaften, ihre intimeren Urteile über Freunde und Feinde, über
politische, soziale und literarische Vorgänge, den Wandel in
verschiedenen dieser Urteile, kurz jenes Mosaik der Lebensäußerungen uns
unmittelbar vor Augen bringt, dessen Einzelheiten oft unwesentlich
erscheinen, das aber erst in seiner Fülle ein naturtreues Bild der
Menschen erstehen, ihren Charakter, ihre Lebensauffassung und
Lebensführung richtig begreifen läßt.
Im Hinblick auf alles dieses sind die Briefe nur mit geringen Kürzungen
zum Abdruck gebracht worden. Nur wo besonders intime Verhältnisse
behandelt wurden, an die sich kein allgemeineres Interesse irgendwelcher
Art knüpft, wo gleichgültige Dinge über ganz und gar gleichgültige
Personen erwähnt werden, schienen Streichungen gerechtfertigt.
Fortgelassen sind auch hier und dort mißfällige Bemerkungen über dritte
Personen, doch betrifft dies nur solche Äußerungen, die kein politisches
oder wissenschaftliches Urteil einbegriffen, das nicht schon in
vorhergegangenen Briefen deutlich ausgesprochen ist.
Unvermeidlich war dagegen eine gewisse philologische Behandlung der
Briefe, und zwar namentlich der Briefe von Marx. Es handelt sich um den
Gebrauch französischer und englischer Ausdrücke. Die betreffenden
Stellen sind in den Briefen unverändert geblieben, aber in Rücksicht auf
die proletarischen Leser sind den betreffenden Briefen Übersetzungsnoten
beigegeben worden, von denen je nach Bedarf Gebrauch gemacht werden
möge.
Zum zweiten war auch eine gewisse sprachliche Redaktion am deutschen
Text einzelner Briefe nicht zu umgehen. Marx läßt sich zeitweise in
seinen Briefen nicht weniger drastisch aus, als dies der Olympier Goethe
zu tun pflegte, und gelegentlich tut es auch Engels. Es würde aber
durchaus nicht in ihrem Sinn gehandelt sein, wenn die derben Ausdrücke
unverändert im Druck wiedergegeben würden. Denn weder Marx noch Engels
waren etwa doktrinäre Gegner zivilisierter Umgangsformen. Marx äußert
sich vielmehr bei Gelegenheit sehr entrüstet darüber, daß einer seiner
Briefe von den Empfängern unverändert in der „brutalen Sprache von
Briefen“ veröffentlicht worden war. (Es handelt sich um den Brief an den
Braunschweiger Ausschuß der Eisenacher Sozialdemokratie über die
Annexion Elsaß-Lothringens.) Es sind daher Worte, die der deutsche Druck
nun einmal nicht verträgt, durch andere ersetzt worden.
Hinsichtlich der Rechtschreibung wurden, da diese in dem sich über
vierzig Jahre erstreckenden Briefwechsel selbst nicht streng
durchgeführt ist, der Einheit und Einfachheit halber die heute üblichen
Regeln beobachtet. Um den Stil der Verfasser möglichst wenig zu ändern,
wurden Satzflüchtigkeiten, wie sie in hingeworfenen Briefen leicht
unterlaufen, nur dann durch Ergänzungen verbessert, wenn es im Interesse
der Deutlichkeit erfordert zu sein schien, und die ergänzenden Worte
oder Teilworte in griechische Klammern gesetzt. Abkürzungen von Worten –
Gebrauch von Zeichen für Vergleichungsworte und von Ziffern für
Zahlworte usw. – wurden selbstverständlich nicht anders behandelt, wie
regelrechte Kurzschrift behandelt worden wäre, das heißt durch das volle
Wort ersetzt.
Es wird manchem Leser ein Kommentar des Briefwechsels nicht unerwünscht
sein, und es ist auch die Abfassung eines solchen in Aussicht genommen.
Aber da jeder Kommentar notwendigerweise mehr oder weniger Kritik mit
sich bringt, erscheint es angemessen, seine Herausgabe nicht mit der
Ausgabe des Briefwechsels selbst zu verbinden. In dieser sollen nur die
Verfasser das Wort haben.
In den Vorbemerkungen zu den einzelnen Teilen, sowie im Namen- und
Sachregister findet der Leser Nachweise, die ihm die Orientierung über
Menschen und Dinge erleichtern werden.
*Ed. Bernstein.*