»Er mag mit Dir gehn« sagte er endlich leise, »aber _wenn_ er ein Mann
wäre hätte er selber schon das Schwert aufgegriffen und sein Volk zu den
Waffen gerufen -- oh daß Dein Vater lebte, Pomare.«
»Und was dann, wird aus den Lehrern dieses Volks, was wird aus uns und
unseren Häusern?« rief der ehrwürdige Mr. Rowe. »Vertrauungsvoll sind
wir an Eueren Strand gekommen, Euch den Frieden und die Liebe zu
bringen, und sollen wir jetzt als Geißeln in den Händen der Feinde
zurückbleiben? So lange Du unter Britischem Schutz stehst, Pomare, wird
ebensowohl _Dein_ Eigenthum hier geachtet werden, denn die Feranis
fürchten unseren Stamm, mögen sie jetzt hier so trotzig auftreten wie
sie wollen, einmal aber erst in die Berge geflüchtet, als erklärter
Feind und mit den Waffen in der Hand, so ist nach den Gesetzen des
Kriegs Alles dem verfallen, der das Feld behauptet.«
»Und denkt Ihr an Euch jetzt allein?« rief Tati zornig, »wo das
Schicksal des ganzen Landes am Rande des Abgrunds steht?«
»Viel weniger an mich« -- erwiederte ruhig der Missionair, »als an
alle meine Brüder hier auf den Inseln, ja an das Schicksal der Mission
selber, die damit ihrem gewissen Untergang entgegen zöge. Sobald Pomare
jetzt offenkundig den Krieg beginnt, liegt die Vergangenheit
abgeschnitten hinter ihr, und die Gewalt der Waffen allein entscheidet
wer künftig und welche Religion herrschen soll. Wird sie besiegt, so ist
es der Sieger, der die Bedingungen schreibt und denen sie sich fügen
muß, indeß sie jetzt noch immer Englands Hülfe sich erhält, seine
Vermittlung die stets nur auf Seiten der Bibel sein kann.«
»Zum Abgrund mit der Bibel!« schrie aber der im Herzen noch immer den
alten Göttern zugethane Häuptling jetzt, bei dem der Zorn über den
egoistischen Geistlichen die Ueberhand gewann -- »es gilt hier nicht das
dicke Buch, es gilt das ganze Land, es gilt hier für Pomare die Herzen
ihres Volks, die jetzt noch mit ihr, doch wer weiß wie lange sind. Tati
läßt auch Alles zurück was er sein eigen nennt, ebenso Utami -- wir
wollen uns selber, wollen unsere Ehre, unser Reich retten, mag der Feind
die Brandfackel in unsere Hütten werfen und unsere Brodfruchtbäume
niedermähn; die Berge tragen Feis, der Wald Orangen und Guiaven und
tausend andere Früchte, und Gottes Sonne glüht und leuchtet da oben so
rein und frisch, wie hier im Thal.«
»Ich will auf das Schiff gehn, Tati« sagte aber jetzt Pomare, die bis
dahin unschlüssig und ängstlich gestanden -- »der Mitonare hat recht; so
lange ich unter Englischem Schutz bin und nicht gegen sie kämpfe, werden
sie unser Eigenthum achten und nicht zerstören, und das fromme Werk der
Mission, das mir von Gott überantwortet ist, wird nicht zu Grunde gehn;
ich will nicht das Schwert nehmen, ich bin eine Frau und meine Kinder
sollen ihre Krone nicht vergossenem Blute zu verdanken haben -- wenn
Andere Unrecht thun will ich nicht selber sündigen. Und auch Du Tati,
schaudere vor dem Abgrund zurück an dem Du stehst, denn Du verachtest
die Bibel und sie ist Deine einzige Rettung.«
»Pomare -- laß uns nicht in dieser Stunde um ein Wort, um eine Meinung
zanken,« bat aber der Häuptling -- »schicke mich nicht fort von Dir mit
solcher Antwort; noch bist Du Königin und will Dich England schützen,
wird es das eher thun, wenn Du Dir Achtung von ihm _erzwingst_, durch
Königliches Handeln, als wenn Du feige auf eines ihrer Schiffe
flüchtest, von vorn herein gleich erklärend, ich bin zu schwach, ich
_kann_ nicht Königin sein.«
»Da kommt Bruder Brower in großer Eile« rief Mr. Rowe da, der einen
Blick durch das Fenster geworfen -- »was wird er bringen?«
»Unheil diesem Haus« sagte Tati düster, der in den Augen Pomare's schon
seine Antwort las, und nicht mit Unrecht befürchtete der zweite Mitonare
würde den Ausschlag geben. Er sollte darüber nicht lange in Zweifel
bleiben; mit ängstlicher Miene brach der kaum angemeldete Priester ins
Zimmer, und nur einen mißtrauischen Blick auf den Häuptling werfend,
dessen Parthei den Interessen Pomare's bis dahin selten freundlich
gewesen, rief er aus:
»Die Noth ist groß Pomare, größer aber die Gefahr, denn soeben höre ich
daß die Französische Regierung beschlossen hat Dich zu fangen und zu
halten, bis zu Abschluß des Friedens. Glücklicher Weise aber war das
Boot des Basilisk hier an Land -- sein Officier ist von mir in Kenntniß
gesetzt und liegt am Ufer, dicht hier vor dem Haus, Dich unter dem
Schutz seiner Flagge sicher fortzuführen -- aber der Augenblick drängt,
Du hast keine Viertelstunde mehr zu Deiner Verfügung.«
»Eben so rasch entkommst Du in die Berge, Pomare« rief da Tati noch
einmal, den letzten Versuch zu machen, die Königin ihrem Lande zu
erhalten -- »über die Straße hinüber beginnen die Guiaven, und mein Kopf
bürge Dir für Deine Sicherheit.«
Pomare Tane brach in diesem Augenblick in's Gemach; es war ein junger
bildschöner Mann, wohl sechs oder acht Jahr jünger als die Königin,
aber mit weichen, weibischen Zügen, die Oelgetränkten Haare mit Blumen
geschmückt und die Finger mit Ringen besteckt. Auch seine Züge waren
jetzt angstentstellt, und die Männer nicht beachtend die im Zimmer
standen rief er laut:
»Flieh Pomare, flieh -- an den Bergen haben die Feranis Soldaten mit
geladenen Gewehren stehn und das Volk schreit, sie kämen Dich zu fangen
und zu binden.«
»Das Boot liegt am Strand, in fünf Minuten bist Du frei,« drängte da Mr.
Rowe.
»Tati, Du wirst Dich an die Spitze meiner Krieger stellen« bat Pomare --
»der Allmächtige wird Dir seinen Schutz verleihen und den Sieg in unsere
Hände geben.«
»Verdorren soll der Finger der sich für Deine Sache regt wenn Du ihr
selbst den Rücken kehrst;« -- rief aber der Häuptling trotzig und
finster -- »Pomare -- hah, was ist _mir_ der Name? dem _Vaterlande_ hätt'
ich mein Blut geweiht, und jeden feindlichen Gedanken, jede Idee von
Uneinigkeit draus fern zu halten, selbst _Deinem_ Stamm gehorcht. Du
bist aus edlem Blut entsprossen und das Land hätte, so von jedem
Partheienhaß befreit, seiner Königin zugejauchzt und sich für sie mit
Freuden in den Kampf geworfen -- das ist vorbei, die schwarzen Männer
haben Dich wieder in ihrer Gewalt und Tati ist für Dich verloren.«
Noch stand Pomare zögernd, da schallte ein kurzer Trommelwirbel, eine
vorbeiziehende Patrouille vielleicht, an ihr Ohr.
»Der Feind!« rief Pomare Tane, riefen die Missionaire -- »sie kommen
Dich zu holen.«
»Wo sind meine Kinder« flehte die arme Königin jetzt selber von der
Angst der Uebrigen eingeschüchtert -- »meine Kinder!«
»Hier im Zimmer bei den Einanas« beruhigte sie Mr. Brower -- »ich ließ
sie selber hier zusammenkommen, jetzt fort -- in wenigen Minuten bist Du
an Bord -- schon im Boot bist Du sicher und ungefährdet« und ihre Hand
ergreifend, die sie ihm willig überließ, folgte sie ihm hinaus.
»Meine Kinder« rief die Königin.
»Hier, hier -- Ihr Mädchen da rasch mit den Kindern in's Boot das am
Strande liegt -- fort mit Euch.«
»Aber meine Matten, meine Kleider --«
»Alles wird Dir nachgeschickt Pomare,« rief Mr. Rowe rasch -- »wir
selber wollen Dein Eigenthum schützen, das der Ferani nicht wagen darf
anzutasten.«
Pomare, durch das erneute Trommeln nur noch mehr außer Fassung gebracht,
folgte fast willenlos den Führern, und mit den Kindern voran floh der
kleine Zug über den schmalen Strand dem zum augenblicklichen Abstoßen
bereiten Englischen Boote zu. Eine Französische Patrouille kam gerade
zufällig am Wasserrand nieder, aber der Officier, der auch
wahrscheinlich gar keinen Befehl dazu hatte, hinderte das Einschiffen
der recht gut gekannten Königin nicht, ja es ist leicht möglich, daß die
Franzosen sehr zufrieden damit waren einer unangenehmen Ueberwachung
Pomares solcher Art vollkommen überhoben zu sein. Sie bekamen dadurch
viel freiere und ungestörtere Hand in der Stadt, und hatten
gewissermaßen eine Verantwortlichkeit weniger.
Unbelästigt erreichte die Königin das Boot, wohin ihr ihr Gemahl mit den
Kindern und zweien der Einanas folgte, und während die Brüder Rowe und
Brower am Ufer standen und mit einem dankenden Blick nach oben die
Rettung Pomare's feierten, schoß das scharfgebaute Boot mit seiner
kostbaren Ladung blitzesschnell dem nahen kleinen Kriegsschiff[J] zu,
wo die seltenen Schützlinge von dem Englischen Capitain auf das
Zuvorkommendste und Freundlichste empfangen und, so gut als der enge
Raum des Fahrzeugs es erlaubte, untergebracht wurden.
[J] Der »~Basilisk~«, nur eine sogenannte »~catch~« von circa 200
Tons.
So ruhig sich aber die Bewohner von Papetee bis jetzt verhalten hatten,
und so gelassen sie der, vor ihren Augen geschehenen Occupation
zugesehn, eine Ruhe die nicht einmal durch die Gefangennahme ihres
ersten Missionairs gestört werden konnte, so heftig erschütterte dagegen
das Gerücht: Pomare hat fliehen müssen vor den Feranis, jedes Gemüth,
und wer nur jetzt irgend glaubte den Zorn der nichts heilig achtenden
Fremden auf ein oder die andere Art gereizt zu haben, flüchtete in die
Berge, ihrer Rache zu entgehn, und sich zum Widerstand zu rüsten. Halb
Papetee stand einsam und verlassen, während die Eroberer, damit gar
nicht unzufrieden, Besitz von den geräumten Häusern nahmen, und sie
theils zu Kasernen und Wachen, theils zu eigenen Wohnungen herrichteten,
zugleich aber auch mit vereinten Kräften daran gingen den Wall und
Graben um die Stadt zu beenden und mit Kanonen zu besetzen, wie
überhaupt Alles zu thun, was sie im Fall eines wirklichen Angriffs gegen
eine Ueberzahl der Feinde schützen konnte.
Nichtsdestoweniger blieb die Stadt ruhig -- kein wirklicher Ueberfall
geschah, ja die einzelnen Franzosen die sich hie und da noch immer
sorglos zwischen den Eingeborenen herumtrieben, wurden nicht belästigt
noch beleidigt, wenn ihnen auch die finsteren Blicke der Männer deutlich
genug verriethen, wie gern sie hier gesehn wurden.
Capitel 9.
Der erste Kampf.
Die Kunde von den neuen Gewaltthätigkeiten der Franzosen lief aber auch,
wenn es selbst die Bewohner von Papetee noch nicht zu einem Ausbruch
trieb, mit fabelhafter Schnelle über die ganze Insel, und das Volk fing
jetzt zum ersten Mal an einzusehn, was die Entfernung seiner Flagge
eigentlich bedeutet, was der Ferani beabsichtigte, als er das Bündniß
mit den Häuptlingen schloß, und seine Priester ihnen herüberbrachte.
Dumpfe Gerüchte folgten dem zu gleicher Zeit, daß die Feinde sich aller
ihrer Häuptlinge bemächtigen wollten, die nach dem Lande der Ferani's
geschafft werden sollten, und wenn das Volk bis jetzt noch nicht daran
gedacht hatte zu rüsten, begann es jetzt. Waffen tauchten überall auf,
Munition wurde vorgesucht, der Gebrauch der Muskete von den einzeln
zwischen ihnen zerstreuten Europäern gelernt und geübt, und ein Eifer
zeigte sich plötzlich in der Bevölkerung, eine Regsamkeit, die einen
ernsten Widerstand, selbst unter den Kanonen des Feindes, keineswegs als
eine Unmöglichkeit erscheinen ließ. Nur an einem wirklich thätigen Grund
zum Beginn fehlte es noch, einem ersten Ausschlagen irgend einer
Parthei; das Geschütz war geladen, es bedurfte nur noch der Lunte es zu
entzünden, und wie sich die Völker jetzt entgegenstanden, _konnte_ das
nicht lange auf sich warten lassen.
Es war an einem Sonnabend (wie bekannt der frühere Sabbath der Bewohner
von Tahiti) Nachmittag -- und Bruder Dennis hatte an diesem Tage
Gottesdienst auf der Halbinsel Tairabu gehalten. Die Bewohner dieses
freundlichen Distrikts lebten allerdings zu entfernt von dem Schauplatz
wirklicher Feindseligkeiten, ihr ruhig patriarchalisches Leben schon
aufgegeben und zu den Waffen gegriffen zu haben, zu nahe aber auch sie
gleichgültig an sich haben vorübergehn zu lassen, und wenn auch
äußerlich noch Nichts den Geist verrieth, der in den Bewohnern anfing
sich zu regen, waren unter der Hand die Rüstungen mit vielleicht nicht
weniger Eifer betrieben worden, als in der unmittelbaren Nähe Papetee's.
Schon während der Predigt selbst war an diesem Tag ein fremdes
Französisches Kriegsschiff, die jetzt dort an der Küste täglich auf- und
abkreuzten, in ihren Hafen eingelaufen, und hatte die Sabbathfeier
dadurch wesentlich gestört und die Aufmerksamkeit der Gemeinde natürlich
von dem Geistlichen ab, dem viel interessanteren Schiffe zugewandt.
Harte Worte waren es denn auch gewesen die der fromme Mann gegen die
»Papisten und Sabbathschänder« sprach, die Herzen seiner Zuhörer mehr
noch mit Zorn und Entrüstung füllend.
Nichtsdestoweniger blieben die gelandeten Bootsmannschaften, die sich
ziemlich sorglos zwischen die Gruppen am Ufer mischten, unbelästigt, und
wenn ihnen die Eingebornen wohl auch oft finstre Blicke zuwarfen, und
die Mädchen besonders, die sie nach altgewohnter Weise anfassen und mit
ihnen scherzen wollten, zornig den Rücken drehten und mit verächtlichem
Ruf die Lenden schlugen, geschah Nichts was die Freiheit ihrer
Bewegungen, ja durch den Widerstand der Schönen zuletzt gereizt, selbst
ihrem Uebermuth, hätte irgend eine Grenze gesteckt.
Die Trupps der Soldaten und Matrosen begnügten sich übrigens damit am
Ufer, oder in der Nähe desselben umherzuschwärmen; nur ein einzelnes
kleines Piquet, von etwa zehn Mann marschirte, als der Gottesdienst
schon lange vorüber war und sich die einzelnen Familien in ihre
Wohnungen zurückgezogen hatten, einer Patrouille gleich, aber nur
theilweis bewaffnet, durch den kleinen Ort durch und an dem nächsten
Hügelhang hinauf, wo nur einzelne Häuser zerstreut unter vorhängenden
Palmen lagen, und der schmale Pfad sich zwischen fruchtbaren Gärten und
kleinen Guiavendickichten hinaufzog.
Vor dem ersten dieser Häuser saß eine kleine Gruppe sorgloser fröhlicher
Indianer lachend und singend auf einem offenen von hohen
Brodfruchtbäumen und Palmen dicht beschatteten Platz, die Frauen als am
Sabbath mit keiner Arbeit beschäftigt, hie und da eine sogar auf ihre
Matte ausgestreckt und auf den zusammengefalteten Armen liegend, um in
einer großen aufgeschlagenen Tahitischen Bibel zu buchstabiren, während
die Männer untereinander plauderten und erzählten, oder auch wohl zu
Vieren oder Fünfen kurze Verse einzelner Hymnen mit vollkommen richtiger
Eintheilung der Stimmen sangen. Ein Zuschauer hätte hier nie geahnt daß
sich dies muntere, glückliche, sorglose Volk am Vorabend eines Krieges
befände, und den Feind unter sich wußte, der es schon geärgert und
gereizt, und jeden Augenblick weiter gehn und zum Angriff schreiten
konnte.
Zwischen den Frauen waren drei reizende junge Mädchen, zwei von Tairabu,
und eine, ein Gast in ihrer Mitte von Papetee, und auf feingeflochtene
reinliche Matten gelehnt, ihre Hände in denen der beiden Jungfrauen, die
sich lächelnd zu ihr hinüberneigten, erzählte die Fremde den Freundinnen
von der Stadt an der andern Seite der Insel, von den frechen Wi-Wis die
ihre Waffen und Kanonen an Land geschafft, und die Herren sein wollten
der ganzen Insel, aber mehr noch von ihren komischen Sitten und
Gebräuchen, von ihren großen Bärten und heißen Kleidern, von der
wunderlichen Sprache -- wie oft und schnell hintereinander sie das Wi-Wi
sprächen, das ihnen den Namen gegeben, und wie sie -- fuhr die Jungfrau
leise und schüchtern fort, den Mädchen nachstellten und ihnen stets von
ewiger Liebe sprächen, und sie dann wieder verließen wo sie ein anderes
junges Gesicht gesehn.
Es war ein liebliches zauberschönes Bild, diese drei jungen Kinder der
Insel mit den blitzenden sprechenden Augen und üppigen Formen, denen die
Bronzefarbe der Haut nur womöglich einen noch höheren Reiz verlieh. Und
dicht hinter ihnen saß ein alter Mann, in seinen Tapamantel
eingeschlagen, und an den Stamm an einer hochwüchsigen mit goldgelben
Früchten dicht umschlossenen Papaya gelehnt, finster vor sich
niederbrütend, und doch dabei dem Schwatzen des holden Mädchens
lauschend. Es war der alte trotzige Häuptling Fanue, dem das heiße Blut
die Zornesader an der Stirn hoch aufschwellte, als er den Uebermuth der
frechen Fremden von rosigen Lippen lachend bestätigt hörte, und der die
Faust fest unter dem Mantel ballte wenn er daran dachte, wie sie die
Schmach schon so lange ertragen, und immer und immer noch nicht
losgeschlagen hätten in das Herz des Feindes hinein.
Lautes Geräusch, Rufen und Lachen, fremde Stimmen und Worte tönten zu
ihnen von unten herauf, und ein junger Bursch kam gesprungen der die
Nachricht brachte, die gelandeten Wi-Wis stiegen auch jetzt, die Mädchen
neckend und die Männer ärgernd, bis zu ihnen herauf.
»Die Wi-Wis« -- die Mädchen drängten sich neugierig vor, ob sie nicht
irgend wo auf dem freien Pfad eine der feindlichen wunderlichen
Gestalten erkennen könnten, schüchtern aber dabei und bereit zu
augenblicklicher Flucht, wenn das wirklich der Fall gewesen wäre.
Trommeln wirbelten indessen unten im Thal, aber nicht der bekannte
fröhliche Laut zum jubelnden Tanz, sondern in kurz abgebrochenem
schroffen Takt, und Hörner und Trompeten klangen herauf die von der
munteren Soldateska mit herüber genommen waren die Herzen der Hörer zu
gewinnen.
Fester Tritt und lautes Lachen schallte da näher und deutlicher zu ihnen
herüber, und unten am Hang, in den Gärten schon wo die Reihen sorgfältig
gepflanzter Bananen und süßer Kartoffeln standen, wurden die bunten
Uniformen der Fremden sichtbar, die an den Fruchtbäumen, wenig sich um
den Eigenthümer kümmernd, herumgingen, reife Früchte zu suchen und zu
pflücken.
Die Mädchen welche aufgesprungen waren und rasch mit einander geflüstert
hatten, wollten fliehen, aber Fanue's finstres Wort hielt sie zurück.
Was hatten sie zu fürchten an _seiner_ Hütte? glaubten sie daß der
Fremde es wagen dürfe, einen der Seinen ungestraft zu beleidigen? Die
Mädchen schämten sich ihrer Furcht und nahmen ihren alten Sitz auf der
Matte ein, nur die Fremde wollte nicht bei ihnen bleiben, und sie faßten
sie endlich halb mit Bitten halb mit Gewalt an ihrem Kleid, und zogen
sie wieder zu sich nieder. Es war ihnen selber so schon nicht recht daß
sie dableiben mußten, und nun wollte das Mädchen von Papetee sie auch
noch dazu allein lassen -- das ging unter keiner Bedingung an.
Die Franzosen, von denen einige mit ihren Seitengewehren bewaffnet
waren, drei oder vier sogar ihre schweren Musketen trugen, andere jedoch
in die leichte Tracht der Europäer auf den Inseln, weite Hosen und
Jacken und breiträndigen Strohhut gekleidet gingen, kamen indeß näher
und näher und steuerten, als sie die bunten Kleider der Mädchen vor dem
Haus erkannten, gerade auf die kleine hier befindliche Gruppe zu.
Die Männer oben hörten dabei auf zu singen, und blickten finster auf die
ungebetenen Gäste, die hier die Heiligkeit des Sabbath sowohl wie des
eigenen Hauses störten, und die Mädchen rückten enger zusammen, und
flüsterten ängstlich miteinander, denn die Feranis kamen gerade auf sie
zu, und blieben lachend und plaudernd vor ihnen stehen. Sie wagten nicht
einmal zu ihnen aufzuschaun. Nur der alte Fanue verharrte, die Arme fest
auf der Brust gekreuzt, in seiner Stellung, und sah die Fremden ernst
und fragend an.
»Hallo Waihine's!« rief da der Eine der Franzosen in ihrer Sprache --
»auf mit den Köpfchen, was haltet Ihr das Kinn auf der Brust und das
Näschen im Schultertuch -- aufgeschaut Dirnen und laßt ein vernünftig
Wort mit Euch reden. -- Vor Allem sollt Ihr mir eine Frage beantworten,
und ich weiß Ihr könnt, wenn Ihr wollt.«
Die beiden Töchter Fanue's wandten ihr Antlitz trotzig ab, und nur die
Fremde senkte ihr Köpfchen tiefer und tiefer, und glühendes Roth schoß
ihr über Wange und Stirn und färbte ihr den Nacken selbst bis unter das
Oberkleid. Der alte Fanue aber, die Verlegenheit der Mädchen bemerkend
und kaum noch im Stand den Zorn zurückzuzwingen der in ihm kochte und
gährte, sagte finster, die Feinde seines Vaterlandes mit den Augen
messend:
»Und was habt _Ihr_ für Fragen zu stellen und zu einem Haus zu kommen,
zu dem man Euch nicht das ~hare mai~ gerufen hat? -- fort mit Euch wohin
Ihr gehört auf Euere Schiffe, und mit denen weiter über das blaue Wasser
nach den Lee-Inseln; unsere Augen schmerzen von Euerem Anblick.«
»Dir wird bald noch etwas anderes schmerzen, alter Bursche, wenn Du so
unverschämte Reden führst!« rief Einer der Bewaffneten drohend;
ȟbrigens hat kein Mensch mit Dir gesprochen, sondern mit den Dirnen
hier, so warte hübsch bis Du gefragt wirst -- hallo hier Waihine, gieb
Antwort mein Kind, und vor allen Dingen mir einen Kuss« sich
niederbeugend zu ihr, legte er seinen rechten Arm um ihren schlanken
zitternden Körper, während sie sich ihm mit lautem ängstlichem Ruf zu
entziehen suchte.
Der alte Fanue sprang in grimmer Wuth empor, zu gleicher Zeit hatte aber
auch Einer der Franzosen das Mädchen von Papetee erkannt, und den Arm
nach ihr ausstreckend rief er in freudigem Staunen:
»~Nahuihua~ -- bei Allem was da lebt -- die Perle die ich suchte; da
bist Du ja, Mädchen!«
»Zurück -- Le-fe-ve« -- rief aber die Schöne mit zornfunkelnden Augen --
»zurück falscher Wi-Wi -- todtmüde auf der Matte liegt drin im Haus
Aumama -- und sie hat den Fluch über Dich gesprochen.«
»Aumama?« rief Lefévre etwas bestürzt, »sie ist hier?« jede weitere
Unterhandlung wurde aber rasch und plötzlich durch den greisen Häuptling
selber abgeschnitten, der mit zornfunkelnden Augen zwischen die Fremden
sprang und Lefévre, denn dieser war es wirklich, an der Schulter faßte
und zurückschleuderte von dem Mädchen. Er hatte den Namen gehört und
dachte in dem Augenblick nicht an die Folgen.
»Fort mit Dir!« schrie er und sein Auge blitzte -- »fort mit Dir
falscher Wi-Wi, oder diese Hand greift noch einmal nach der Kriegskeule
und dem Speer, nach dem es mich lange und lange gejuckt hat; fort mit
Dir, meineidiger feiger ~Huapareva~[K] oder Du sollst den Tag
verfluchen der Dich zu unserem Leid an diese Küste gebracht!«
[K] Das Ei des Vogels Pareva das oft in der See, auf altem Schilf
schwimmend gefunden wird, und womit die Insulaner Personen von
unbekannter dunkler Herkunft vergleichen.
»Teufel!« schrie aber Lefévre in toller Wuth, der von der kräftigen Hand
des Alten seitab geschleudert wirklich Augenblicke brauchte sich im
Gleichgewicht zu halten daß er nicht zu Boden fiel -- »Teufel!« und sich
in wildem Grimm auf ihn werfend, wollte er einen Schlag nach ihm führen,
aber der Alte kam ihm zuvor, warf seinen Arm zur Seite und traf ihn mit
kräftiger Faust dermaßen gegen die Stirn, daß er betäubt einen Schritt
zurücktaumelte.
»Rebellion!« schrie da Einer der Bewaffneten, und den Hahn spannend
und die Flinte emporreißend, schlug er auf den ihm trotzig
gegenüberstehenden Häuptling an und feuerte. Die Kugel wäre dem alten
Mann auf die kurze Entfernung auch jedenfalls verderblich gewesen, hätte
nicht ~Nahuihua~, während die beiden anderen Mädchen flüchteten, selber
den Lauf des Gewehres gerade noch zur rechten Zeit emporgeschlagen, das
tödtliche Blei durch das Dach des Hauses zu senden.
Jetzt aber sprangen auch die andern Männer empor, an dem beginnenden
und in der That nicht mehr zu vermeidenden Kampfe Theil zu nehmen;
Lefévre nur, der sich rasch von dem Schlag erholte, kümmerte sich nicht
weiter um den Alten, auf den sich schon zwei der Soldaten geworfen
hatten, ihn nieder zu reißen und als Gefangenen mitzunehmen, sondern
sprang mit einem Satz auf die zusammenschreckende Maid, die in
Todesangst der Schwester Namen rief, faßte sie mit unwiderstehlicher
Gewalt in seine Arme, hob sie, trotz allem Sträuben und Wehren vom Boden
auf, und floh mit ihr den Pfad hinunter, den Strand und mit ihm sein
Boot zu erreichen, und seine Beute in Sicherheit zu bringen.
Mehre Schüsse wurden indessen oben gefeuert und unter dem Zeterschrei
der Frauen stürzten zwei der Insulaner, der Eine schwer verwundet, der
Andere todt, zur Erde nieder. Auf der Schwelle der Hütte aber erschien,
gleich nach dem ersten Schuß, eine andere Frau, ein junges schönes Weib,
die Haare aber wild und ungeordnet um Stirn und Schläfe hängend, das
Schultertuch selbst gelöst und nur von der linken Hand zusammengehalten,
wild und verstört wie sie aufgesprungen aus festem Schlaf nach langer
Wanderung und Ermattung. Aber nur einen Blick warf sie auf die
Kämpfenden, ihr Auge suchte ein anderes Ziel, und mit der Schwester
Hülfeschrei erkannte sie kaum die Gestalt, in deren Arm sie sich
sträubte, als sie auch, alles Andere um sich her vergessend, vorsprang
sie zu retten -- sich selber zu rächen.
Dicht vor ihr rang Einer der Soldaten mit einem Insulaner, und der
Indianer hatte dessen Gewehr gepackt, das er ihm zu entwinden suchte,
sein kurzer Degen aber hing in der Scheide, ihrem Griff frei, und mit
Gedankenschnelle die Waffe an sich reißend, floh sie den Hang nieder.
Das Schultertuch flog ihr von den Achseln, die Haare flatterten wild
hinterdrein, aber was achtete das die Rasende -- wie eine zürnende Göttin
ihres Waldes, und so schön wie zornig, flog sie dahin, die Füße kaum den
Boden berührend, und ehe noch der Räuber den Waldrand erreicht war sie
dicht hinter ihm.
»Le-fe-ve!« hauchte sie, und kaum brachte sie das Wort über die Lippen,
aber der Fliehende hörte es und es traf ihn wie ein Stoß in's Herz
-- »Le-fe-ve!« und er wandte den Kopf, ließ aber auch in dem nämlichen
Moment die Gefangene frei, die ihm unter den Händen fort und in die
Büsche glitt, während das zürnende Weib mit geschwungener Wehr gegen den
erschreckt Zurückfahrenden ansprang.
»Dieb!« schrie sie mit heiserer fast erstickter Stimme, »falscher
schurkischer Dieb!« und wäre die schwache Hand gewohnt gewesen eine
Waffe zu führen, der Schlag mit dem sie nach dem Haupt des Verräthers
niederschmetterte, hätte für diesen keinen zweiten nöthig gemacht.
Selbst so traf er den rechten Arm, den er schützend vorgestreckt, daß er
kraftlos an seiner Seite niederfiel, und Lefévre wagte nicht dem zweiten
Hieb, wagte nicht länger dem zürnenden Auge der von ihm so schändlich
verrathenen Frau zu trotzen, und floh in feiger Angst, rücksichtslos
wohin die Flucht ihn brachte, in den Wald hinein und den Hang nieder,
zum Strand zurück.
Von dort aber stürmten indeß die Franzosen gleich nach dem ersten Schuß
in wilder Eile bergauf, dem Schauplatz des Kampfes zu, wo sich indeß die
Sachlage wesentlich verändert hatte.
»Sind wir Hunde?« schrie der alte Fanue in grimmer Wuth den, ihm zu
kurzem, Athem verlangenden Waffenstillstand gegenüberstehenden Feinden
zu -- »daß Ihr uns so behandelt? -- wir waren ein ruhiges Volk, wir
_wollten_ Frieden, aber Ihr laßt uns nicht Ruhe, Ihr reizt uns bis in
das innerste Herz hinein, so nehmt denn auch die Folgen!«
»Die Bestie droht noch!« schrie ein Soldat, »so, das für Dich, Du rothe
Giftkröte!« und auf ihn anschlagend zielte er ihm auf den Kopf und
drückte ab; aber die Kugel zischte ihm dicht am Ohr vorbei, das sie
leicht streifte, und schlug in den hinter ihm stehenden Brodfruchtbaum.
In demselben Augenblick hatte sich aber auch der alte Häuptling auf ihn
geworfen, und ein kleines Handbeil hoch geschwungen in der Hand, traf er
damit die Stirn des Unglücklichen daß er, mit dem Todesröcheln auf den
Lippen leblos zusammenbrach.
»Nieder mit den Verräthern!« schrieen die Franzosen, »hierher Kameraden
-- hierher zu Hülfe!« und einzelne Schüsse fielen; aber aus dem
benachbarten Orangendickicht, während eine Schaar von französischen
Soldaten den Pfad heraufstürmte, brach ein dunkler Haufe von
Eingebornen, nicht unbewaffnet, sondern mit blitzenden bayonnetbewehrten
Musketen in der Hand, und den Franzosen gerade gegenüber feuerten sie
mitten hinein in den Schwarm, der sich also überrascht und bestürzt in
der Flanke angegriffen sah. Der gellende Kriegsschrei tönte zugleich von
den Lippen der Insulaner, und wurde von allen Seiten her beantwortet.
Die Franzosen aber merkten jetzt wohl daß sie es in kurzer Zeit mit
einem, ihnen weit überlegenen Feind würden zu thun bekommen, während sie
sich hier höchst leichtsinniger Weise zu weit von dem Strand entfernt
hatten, und in dem dichten Gebüsch dem schlauen Gegner viel eher in die
Hand gegeben waren. Fest deshalb zusammenrückend, und jetzt nur auf
Vertheidigung bedacht, feuerten sie ihre Gewehre gegen die Angreifer ab
und zogen sich dann, ihnen die Bayonnette entgegengestreckt und die
Unbewaffneten in ihre Mitte nehmend, den Weg zurück den sie gekommen.
Die Insulaner aber, voll Grimm und Wuth über das vergossene Blut der
ihren, und durch den Rückzug des Feindes nur noch mehr ermuthigt, warfen
sich in toller Todesverachtung ihnen entgegen, und manche schwere Wunde
wurde noch gegeben und empfangen, ehe die Franzosen den offenen Strand
wieder erreichten.
Hier von den ihrigen unterstützt, wollten sie einen neuen Angriff
machen, theils die Insulaner zu züchtigen, theils einzelne ihrer
Verwundeten, die sie hatten nach dem ersten Anprall zurücklassen müssen,
zurück zu erobern, und nicht gefangen, wer wußte welchem Schicksal, zu
überlassen; aber das was sie fanden war mehr als Widerstand, es war der
endlich losgebrochene Grimm eines mißhandelten Volkes, und mit dem alten
Fanue an der Spitze, der schon aus vier oder fünf Wunden blutete, warfen
sich die Eingebornen dem viel besser bewaffneten Feind mit solcher
Hartnäckigkeit und Todesverachtung immer auf's Neue entgegen, daß
dieser zuletzt in voller Flucht die Boote suchen und nach dem Schiffe
zurückrudern mußte. Dieses eröffnete jetzt, da die eigenen Leute den
Kugeln nicht mehr im Wege standen, ein unregelmäßiges aber von wenig
Erfolg begleitetes Feuer auf die Eingebornen, die sich dabei wieder in
den Wald zurückzogen, und die Corvette, mit keiner Ordre hier einen
wirklichen Kampf zu beginnen, der sogar höchst unsicher schien da die
Eingebornen wider alles Erwarten reichlich mit Feuerwaffen versehen
waren, lichtete ihren Anker und suchte so rasch sie konnte wieder nach
Papetee aufzukreuzen, dorthin die wohl schon erwartete, aber jedenfalls
höchst unwillkommene Nachricht von dem Aufstand der Insulaner zu
bringen.
An Todten und Verwundeten hatten sie bei diesem ersten Kampf zwischen
vierzig und fünfzig verloren, von denen sie nur einen Theil im Stande
waren wieder auf ihre Boote in Sicherheit zu bringen; fast alle Todte
und viele der Verwundeten blieben in der Gewalt der Feinde.
Von Papetee wurde, sobald die Nachricht dort eintraf, augenblicklich ein
Kriegsdampfer, und die ~Jeanne d'Arc~ mit den nöthigen Marinesoldaten
abgeschickt, die Insurgenten zu züchtigen und zu zerstreuen, während die
Eingebornen um Papetee, die noch rascher durch abgeschickte Läufer
Kunde von dem Beginn der Feindseligkeiten erhalten, ebenfalls zu den
Waffen griffen und sich in nicht unbedeutenden Schwärmen in der Nähe der
jetzt vollständig befestigten Stadt, wo man jeden Augenblick einen
Angriff erwartete, sammelten. Die Lage der Franzosen in Papetee wurde
dadurch denn auch zu einer keineswegs angenehmen, da die Uranie, wie
mehre andere Kriegsschiffe, den Hafen erst ganz kürzlich verlassen
hatte, einen temporären Westwind benutzend, die Marquesas zu erreichen.
Die Besatzung, durch das Auslaufen der übrigen, irgendwo an der Küste
verlangten Fahrzeuge, blieb deshalb fast allein nur auf sich selber
angewiesen, und war sich der Gefahr in der sie, einem wirklich ernsten
Angriff der Eingeborenen gegenüber, schwebte, recht gut bewußt.
Capitel 10.
Der Abschied.
Die Lage der Dinge war aber jetzt eine so mißliche geworden, daß René
selber fürchtete außerhalb der Befestigungen, und in der That gerade in
einem Distrikt wohnen zu bleiben, der mitten zwischen dem Hauptsitz der
Europäer und den Strecken lag, auf denen sich die Insulaner schon an zu
sammeln und zu verbarrikadiren fingen, und von wo aus sie auch
jedenfalls Streifzüge gegen Papetee selber unternehmen würden. Welche
Parthei nun auch Sieger blieb, die Unannehmlichkeit, ja die Gefahr einer
solchen Lage blieb dieselbe. Aber Sadie wollte nicht nach Papetee --
Monsieur Belard hatte ihnen schon ein kleines Gebäude, das auf seinem
Grundstück lag und leer stand, anbieten lassen; der Gedanke aber was
sie dort gesehn, die Angst selber dann vielleicht gezwungen zu sein
länger zwischen den Fremden wohnen zu bleiben, und wieder in einen
Umgang gezogen zu werden, dessen Gefahren ihr Herz mit einer ihr selber
unbegreiflichen Furcht erfüllten, trieben sie zu wirklich entschlossener
Weigerung, und sie fand einen Bundesgenossen der sie darin unterstützte
in dem ehrwürdigen Mr. Nelson.
Dieser war längere Zeit unten in Papara gewesen, und ganz kürzlich erst
wieder von da nach Papetee zurückberufen, eine andere noch nicht fest
bestimmte Station auszufüllen. Sadie hatte dem würdigen Mann ihr ganzes
Herz ausgeschüttet, Alles geklagt was ihr fehle, Alles gestanden was sie
bei einem längeren Aufenthalt unter den Fremden fürchte, und in dem
Geständniß, während sie sprach, und Worte fand für das, was ihr bis
dahin still und schwer im Herzen gelegen und ihr so weh gethan, war es
auch fast als ob sich Manches, was ihr bis dahin selber noch nicht klar
gewesen und ihr mit finsterer unbegriffener Ahnung die Brust erfüllte,
von selber löse und zu fester Form gestalte. Sie öffnete dem alten
ehrwürdigen Mann ihr ganzes Herz, und erfuhr dabei erst selber wie
dunkel doch die Welt jetzt um sie lag, und wie sie nur in der That
noch durch eine Flucht nach Atiu dem Allen wieder entgehen, und
glücklich werden könne. René liebte sie noch wie in früherer Zeit, sein
Herz war gut und brav und edler Regung, Handlung rasch geöffnet, -- nur
der Verführung mußte er hier entzogen sein -- nur erst wieder vergessen
was er Alles aufgegeben für sie, dann würde auch Alles wieder gut wie in
früherer Zeit, und der Himmel wieder blau, der jetzt wohl recht lange
trüb gewesen -- recht trüb und traurig.
Ein erster Sonnenblick in dieses Dunkel war die Berufung des alten
wackeren Missionairs Nelson nach Atiu, die er, wie er Sadie versicherte,
der freundlichen Verwendung des Mr. Rowe, der überhaupt jetzt Einer der
leitenden Missionaire geworden war, zu danken hatte. Ein Englischer
Wallfischfänger, der hier vor einigen Tagen erst eingelaufen
Erfrischungen einzunehmen, hatte sich dabei, von den Geistlichen der
Inseln aufgefordert, erboten, den Missionair mit seinen Habseligkeiten
an den neuen Ort seiner Bestimmung zu schaffen, und Mr. Nelson kam jetzt
Sadie und René den Vorschlag zu machen, ihre Sachen und Mobilien
einzupacken, und Sadie mit dem Kinde ihm anzuvertrauen. Er hatte schon
die Versicherung erhalten daß man Bruder Ezra erlauben würde ihn zu
begleiten, und zweifelte sogar nicht daran, auch vielleicht René
seines Worts entbunden zu sehn, der dann gleich Schiffsgelegenheit wie
Alles geordnet hatte, seine längst besprochene Uebersiedelung
auszuführen. Günstigeren Zeitpunkt dazu gab es nicht für ihn, und
verzögerte sich selbst jetzt noch, durch Französische Weitläufigkeit
aufgehalten, seine Abreise, so wußte er nicht allein, wenn der Kampf
hier wirklich losbrach, Weib und Kind in Sicherheit, sondern er selber
war auch durch Nichts mehr behindert, frank und frei nachzukommen sobald
er sich nur selber dieser trostlosen Untersuchung entzogen.
Sadie erschrak anfänglich bei dem Gedanken sich von René, und wenn auch
nur auf kurze Zeit, zu trennen, so sehr ihr auch das Herz freudig pochte
in wenigen Tagen vielleicht ihr liebes Atiu dann wieder zu sehn. Sollte
-- _durfte_ sie den Gatten hier allein zurücklassen, wo ihm vielleicht
noch Gefahr für seine Freiheit, und wie sich der Kampf gestaltete, für
sein Leben drohte? Und _allein_ nach Atiu zurückzukehren? -- sie hatte
sich das so ganz anders gedacht -- so lieb und glücklich sich das
ausgemalt wenn sie, an die Brust des Gatten geschmiegt, ihr Kind am
Herzen, von fern die ersten Kuppen der lieben Insel wieder erschauen
würde -- wenn die Thäler und Hänge dem Meer entstiegen -- rechts und
links das niedere Palmenbewachsene Land austräte von den Gebirgen, und
höher und deutlicher würde, und sie sich dann jeden felsigen Vorsprung
zeigen konnten, jedes Thal, jede Schlucht und zuletzt -- Ach sie seufzte
recht schwer und schmerzlich auf wenn sie daran dachte, daß sie das
Alles jetzt _allein_ nur schauen sollte, wo die Freude über den Anblick
doch das Bewußtsein halb ertödten müßte -- _er_, durch den Dir die
Plätze und Thäler ja so lieb gewesen, er der Dir dies Land ja erst zum
Paradies geschaffen, ist nicht bei Dir, und wenn er kommt, muß er das
Alles auch allein nur wiedersehn, und hat seine Sadie, hat sein Weib und
Kind nicht bei sich, dem seligen Gefühle Wort und Laut zu geben.
Ging sie aber jetzt nach Atiu, so bot ihr das auch einen Ausweg nicht
hinein in die Stadt, nicht nach Papetee zu ziehn, fort fort zu dürfen
aus der Nähe der Menschen, die sie nicht verstanden, die zu ihr
_nieder_blickten, mit ihrer Haut und Bildung, die ihr nie das Bedürfniß
stillen konnten und -- mochten, ein Herz zu finden dem sie sich
anschlösse, eine Brust in die sie ausschütten konnte was sie quäle, der
sie zujubeln durfte was sie freue.
René sträubte sich Anfangs ebenfalls gegen den Gedanken Frau und Kind
vorausziehn zu lassen, so lieb es ihm auch sonst war, sie jeder hier
aufsteigenden Gefahr enthoben zu sehn; er wußte aber auch recht gut,
wie schwer es in jetziger Zeit sei eine so günstige Gelegenheit zu
finden auf einem großen sicheren Schiff die Seinen an den Ort ihrer
Bestimmung zu schaffen, und nur einen letzten Versuch wollte er machen,
von dem jetzigen Gouverneur die Erlaubniß zu erhalten die Frau begleiten
zu dürfen. Trotz einer unausgesetzten Untersuchung jenes Falles, bei dem
sich die Französischen Behörden ganz besonders solche Mühe gaben, irgend
etwas Gravirendes gegen die Protestantischen Geistlichen oder die auf
der Insel überhaupt wohnenden Engländer zu finden, hatte sich nicht das
Geringste herausgestellt, was auch nur den Schatten eines Verdachts auf
seine Betheiligung werfen konnte; ausgenommen vielleicht daß sein
Ueberfall an dem Abend, René wußte selber nicht wie, bekannt geworden,
und man ihm das gewissermaßen zum Vorwurf machte, es gegen die seine
Untersuchung leitende Behörde verschwiegen zu haben. Anderseits sprach
das aber wieder um so mehr für seine Unschuld, von dem beabsichtigten
Verbrechen, verbotene Waffen auf die Insel zu führen, Nichts gewußt zu
haben; was hätte den Insulanern sonst an seiner Person gelegen. Die
Sache schien überhaupt keinen Erfolg zu versprechen und man wurde ihrer
müde. Bruder Ezra hatte dabei wirklich die Erlaubniß erhalten nach Atiu
zurückzukehren, mit der Bedingung jedoch, gleich aus dem Gefängniß an
Bord geschafft zu werden, und mit weiter Niemandem an Land auch nur den
geringsten Verkehr zu haben.
René ging denn auch ohne Weiteres zur Wohnung des Gouverneurs, diesem
die Sache noch einmal, wie seine ganzen Verhältnisse vorzutragen, und
ihn zu bitten ihn seines Worts zu entbinden. Sei denn später seine
Gegenwart wirklich noch einmal nöthig, was aber jetzt sehr zu bezweifeln
stand, so lag ja Atiu auch nicht aus der Welt, und er wäre jeden
Augenblick bereit gewesen sich zu stellen.
Aber auch hier sollte er sich wieder in seiner Hoffnung getäuscht sehen;
Gouverneur Bruat war gar nicht in Papetee, sondern mit einer
Dampf-Fregatte selber hinunter nach Tairabu gegangen, von wo der, im
Bureau befindliche Secretair glaubte, daß der Oberbefehlshaber der
Inseln wahrscheinlich eine Rundreise nach der benachbarten Gruppe
hinübermachen wollte, da besonders von Huaheina und Bola Bola ebenfalls
bedenkliche Nachrichten über den Zustand der dortigen Verhältnisse
eingelaufen waren. Der Secretair konnte natürlich Nichts in der Sache
beschließen, die nur der Gouverneur zu erledigen vermochte, und er bat
den jungen Mann nur noch höchstens zehn oder zwölf im allerlängsten
Fall vierzehn Tage zu warten, wo Mons. Bruat unter jeder Bedingung
zurück sein müßte, und dann der Entbindung von seinem Wort auch sicher
nichts weiter im Wege stände, da er ihm die Beruhigung allerdings geben
könne, daß sich der Gouverneur selber dahin geäußert habe die
Untersuchung als trostlos fallen zu lassen. Nur einen definitiven
Beschluß vermochte er selber nicht zu geben.
Das schlug zwar alle seine Hoffnungen zu Boden mit dem, schon am
nächsten Morgen zum Auslaufen bestimmten Wallfischfänger in See gehn zu
können, beruhigte ihn doch aber auch so weit, daß seinem raschen
Nachfolgen nichts mehr im Wege stehn würde. Ohne Weiteres beschloß er
nun aber auch in die Abreise seiner Frau und seines Kindes mit dem
bequemen Wallfischfänger, dessen Capitain er gleich selber aufsuchte, zu
willigen, besprach mit diesem das an Bordschaffen der verschiedenen
Güter, das am nächsten Morgen mit Tagesanbruch durch die vier
Wallfischboote des Schiffes selber geschehen sollte, wie denn Mr.
Nelsons Effecten schon eingenommen waren, und schritt nun langsam nach
Hause zurück, die letzte Nacht unter dem Dache an Mativaibai, wo er so
manche frohe und glückliche Stunde verlebt, mit seiner Sadie
zuzubringen.
Die letzte Nacht -- es liegt ein eigener, wehmüthiger Zauber in dem
Wort, wenn wir einen lang bewohnten, wohl gar lieb gewonnenen Platz
verlassen sollen; trifft uns ja doch schon die Bedeutung des Worts bei
selbst gleichgültigen Stellen, bei einem Ort vielleicht, aus dem wir uns
fortgesehnt haben mit aller Kraft unserer Seele. Wir drängten und
trieben, bis wir das Ziel erreicht, bis wir das Haus, den Platz zuletzt
verlassen konnten, wo uns der Boden vielleicht schon Monate lang unter
den Füßen gebrannt, und wenn wir fort _dürfen_, wenn die Welt frei und
offen vor uns liegt, und die Schranken fielen, die uns bis dahin
hielten, dann faßt uns ein eigenes, unerklärbares, unbegreifliches
Gefühl von Weh und Reue fast die Brust -- wir stehn und zögern, wenden
uns zum Gehn, und der Fuß ist schwer geworden, der uns in Gedanken schon
oft im Fluge weiter trug. Und frägst Du Dich _warum_? -- zum letzten
Male bewohn ich diesen Platz, sagst Du Dir leise -- zum letzten Mal
betret ich ihn vielleicht -- dazwischen liegt die Ewigkeit, und der
Gedanke an jenes unbestimmte Sein, dem wir mit diesem neuen Schritt
schon wieder so viel mehr entgegen gehn, klopft und regt sich Dir in der
Tiefe des Herzens, und mahnt und warnt, und Dein Zögern ist nicht mehr
die Anhänglichkeit an den vielleicht verhaßten Platz -- es ist die
Furcht, die kaum gefühlte Scheu der Zukunft gegenüber.
Und wie viel stärker muß das Gefühl da sein, wo sich das Herz noch mit
allen Fasern an die Erinnerung lieber Plätze klammert, und nicht
loslassen will und mag, der ersten Forderung; was uns da fern liegt
stößt uns noch zurück, und das Gewohnte, dem sich das Herz ja so gern zu
eigen giebt, wahrt und behauptet seinen alten Raum.
In ernstem Schweigen blieb René stehn, als er den freien offenen Platz
erreicht, von dem aus er die kleine friedliche Heimath, die er seit
Jahren nun sein eigen genannt, überschauen konnte, und trübe
schmerzliche Gedanken waren es, die ihm das Hirn durchzuckten. Manches
Andere gesellte sich noch dazu -- er war gealtert seit er sich einst hier
angebaut, gealtert an Leib und Seele -- und mehr noch an Seele wie an
Leib. Und hatte sich Alles das erfüllt was er hier einst gehofft? -- war
das Wahrheit geworden, was ihm die Phantasie in seinem leichten Herz da
vorgemalt mit bunten blitzenden, schimmernden Farben? bot ihm die
Zukunft noch, was sie ihm einst in schöner Zeit versprochen? -- doch
fort, fort mit den Gedanken, die ihm die dunklen Zweifel durch die Seele
jagten, fort -- sein Leben lag vorgezeichnet mit klarer Schrift -- für
ihn gab es kein Abweichen von der geraden Bahn; weshalb das Herz da
noch mishandeln erst und quälen.
Und als er noch so da stand und, erst die düsteren Geister gebannt, aus
dem Schatz seiner Erinnerungen all die lieben seligen Bilder herauf
beschwor; das Glück in dem er geschwelgt, den süßen Frieden den er hier
gefunden, als ihn die ganze Welt zurück gestoßen und das Herz verschmäht
das er ihr bot, da schoß das Blut ihm wieder auf in Wange und Stirn.
Seine Augen belebten sich, seine Brust hob sich höher, freier -- seine
Lippen lächelten und jetzt? -- der laute fröhliche Jubelruf des
glücklichen spielenden Kindes traf sein Ohr; dort in die Winden umrankte
Thür des freundlichen Häuschens trat sein Weib, das herzige Mädchen auf
dem Arm, auszuschaun nach dem so lange bleibenden bösen Vater, und mit
einem Satz war er drüben, über der Einfriedigung, hatte sein treues Weib
umfaßt und an sein Herz gedrückt, das sich an ihn schmiegende Kind auf
dem Arm, und die Stunden verflogen dem Glücklichen wie in alter Zeit.
Jetzt erzählte René auch der, darüber fast wieder traurig werdenden
Frau, von der Verabredung die er mit dem Capitain getroffen, und wie der
Gouverneur den lächerlichen Proceß wolle fallen lassen, wegen dem Mord
der Schildwacht, bei dem er ja doch wahrlich nicht betheiligt gewesen,
so daß er nun gleich nachfolgen könne, sobald Jener zurückgekehrt -- und
lange durfte er ja gar nicht wegbleiben, wie jetzt die Sachen standen,
und jeder Tag den Aufstand bis dicht nach Papetee zu bringen vermochte.
So sollte denn Sadie morgen endlich zurück kehren nach ihrem lieben
Atiu, und bis sie dort Alles mit Mr. Nelsons und des kleinen Mitonare
Hülfe in Ordnung gebracht, konnte René auch schon wieder eine
Gelegenheit gefunden haben nachzukommen -- die wenigen Tage oder selbst
Wochen gingen rasch vorüber. Und Sadie lachte und jubelte, und war
wieder ganz das fröhliche heitere Kind der Palmeninsel, und die Kleine
schrie und jauchzte vor lauter Lust, als sie die Mutter so lachen sah
und fröhlich sein.
Den Abend plauderten sie noch bis spät in die Nacht hinein und am
anderen Morgen, als Sadie traurig werden wollte daß es nun bald an den
Abschied ging, hatte sie so viel zu thun, daß sie gar nicht Zeit bekam
daran zu denken, und die Boote wohl eine halbe Stunde liegen und warten
mußten bis Alles zusammengerollt und eingeschnürt zum niedertragen
fertig lag. Nur das Nothdürftigste behielt René zurück, jetzt durch so
wenig als möglich belästigt zu bleiben, und das Wenige dann
mitzubringen, wenn er selber käme.
Um zehn Uhr, wenn die Landbrise ordentlich einsetzte, sollte das Boot
wieder da sein, und Frau und Kind gleich von hier aus, wenn der
Wallfischfänger in Sicht käme, hinaus in See und an Bord bringen.
Eben waren die Boote mit dem Gepäck abgefahren und um die nächste
Landspitze verschwunden, und René und Sadie standen noch und schauten
ihnen nach, denn es war fast als ob sie sich scheuten nach dem _leeren_
Haus zurück zu gehn, da hörten sie Schritte hinter sich und Sadie stieß
einen leisen Angstschrei aus, während sich Renés Brauen finster und
drohend zusammenzogen, als durch den Garten zu ihnen nieder die lange
düstere Gestalt des Missionairs Rowe feierlich und ernst herunter
schritt, und unbekümmert um den wohl nicht ganz herzlichen Empfang, die
beiden jungen Leute mit einem frommen Blick nach oben und
vorgestreckten, nach unten gedrehten Händen, wie segnend grüßte. Seine
Lippen lispelten dazu ein leises Gebet, und der tief aus innerster Brust
geholte Seufzer, der das kaum hörbar geflüsterte Amen begleitete,
verrieth das Mitgefühl, das sein Herz bewegte bei den Leiden derer, die
um ihn her sündigten und litten.
»Und welchem glücklichen Zufall habe ich die Ehre dieses in der That
unerwarteten Besuchs zu danken?« sagte René kalt, als der Geistliche
noch einige Schritte auf sie zu kam, und dann dicht vor ihnen stehen
blieb, ohne jedoch irgend ein Wort als sonstigen Gruß oder Anrede zu
sagen; »oder hat Mr. Rowe sich im Haus geirrt und ist, das
wahrscheinlichere, ein paar Thüren zu weit gegangen, wo er dann freilich
mitten hinein ist gerathen in die »papistischen Gräuel« und den
»Baalsdienst«.
»René« bat Sadie, und drückte leise und bittend des Gatten Arm, aber das
Herz war ihr selber fast wie zugeschnürt, denn jedem entscheidenden
Schritt ihres Lebens voran, trat ihr der Mann entgegen so ernst und
finster wie er jetzt da vor ihr stand; und hatte nicht immer sein Kommen
ihr Leid gebracht, und viele viele Thränen? Wie eine dunkle Ahnung, der
sie nicht Worte geben konnte und wollte, füllte ihr sein Anblick die
Brust, das Herz in dieser Stunde, und sie mußte sich zwingen den leisen
Gruß auch freundlich zu erwiedern. Aber der Geistliche verlangte weder
Gruß noch Freundes Wort; nein, aus sich selber heraus quoll ihm des
heiligen Wortes Spruch und Vers mit der salbungsvollen Rede, die Trost
und Frieden in ihrem Aeußeren in Wort und Bild wohl brachte, aber das
Herz kalt ließ dabei und unbefriedigt.
»Nicht Zufall, mein Bruder, oder ein Irrthum gar, hat mich auf Deine
Schwelle geführt« erwiederte Bruder Rowe jetzt der etwas frostigen
Anrede des Katholiken, »aber Du und die Gattin die Du Dir erwählt, Ihr
Beide steht an einem Abschnitt Eures Lebens, an dem Euch das fromme Wort
eines Mannes, der es gut und redlich mit Euch meint, nicht fehlen
sollte.«
»Herr Rowe ich dächte daß Sie mir davon den Beweis gegeben« unterbrach
ihn rasch René, der sich nicht helfen konnte dem Gedächtniß des
Geistlichen mit früherer Zeit zu Hülfe zu kommen, ihn vielleicht in
Verlegenheit zu bringen; darin aber hatte er sich bei dem frommen Mann
geirrt.
»Lasset die Zeit die hinter uns liegt und hebet Euer Auge zu Gott und
Seinen Werken« sagte er ernst und feierlich, aber keineswegs erzürnt
über die finstere Mahnung des jungen Mannes. »Was ich gethan und wie ich
gehandelt liegt offen vor Gott; Er nur prüfet die Herzen und Nieren, und
siehe da, vor Seinem Auge ist kein Verbergen noch Hehl. Seine Wege sind
aber wunderbar, und Er führet Alles zum Besten hinaus, und Ihm deshalb
sei Ehre und Preis in der Höhe; unsere Herzen sollen da nicht hochmüthig
selber richten wollen.«
René wollte reden, aber der leise Druck von Sadieens Hand lag bittend
auf seinem Arm, und er biß nur die Unterlippe ein und wandte sich halb
ab von dem Geistlichen; er wollte sich die Abschiedsstunde nicht
verbittern, und dann auch wieder lag eine Art halben Triumphs für ihn
darin, wie er jetzt dem, dieser Verbindung so feindlich gesinnt
gewesenen Priester gegenüber stand. Mr. Rowe übrigens, unbekümmert um
Alles was in der Brust des Franzosen, dessen Gesinnung gegen ihn er
vollkommen gut begriff, vorgehn mochte, schritt auf Sadie zu, nahm die
Hand der jungen Frau die sie ihm widerstandlos und zitternd überließ und
mit den Worten -- »lasset uns beten, daß Gott sein Gedeihen gebe zu
dieser Reise und seinen Segen Dir schenke, meine Tochter, für und für«,
führte er die etwas erstaunte Frau von der Seite ihres Gatten fort in
das Haus, dort, wie er ihr sagte, ungestört ihre Augen und Herzen zu
Gott erheben zu können.
René blieb wirklich erstaunt über diese fabelhafte Ruhe -- und er hatte
noch einen anderen Namen dafür -- zurück, und sah ihnen nach, dann aber
mit dem Kopf schüttelnd und halb lachend, halb ärgerlich nahm er sein
Kind auf den Arm und sprang und spielte damit am Strand herum, die
Rückkunft des frommen Mannes mit seinem Weib zu erwarten.
»Eine Zuversichtlichkeit haben die Burschen« murmelte er dabei vor sich
hin, indem er zuletzt ungeduldig werdend am Strande auf und ab ging, und
durch die rasche Bewegung seinen Unmuth zu beschwichtigen suchte, »ein
Selbstvertrauen das in's Graue geht; und mit dem frommen Gesicht tritt
mir der Mensch da keck und salbungsvoll entgegen, und thut wahrhaftig
nicht als ob er sich schämen müsse mir in's Auge zu sehn, nein, als ob
er mir verziehen hätte, Alles was ich ihm gethan und an ihm verschuldet.
Hahahaha, es ist wahrhaftig zum Todtschießen solche Fragezeichen der
Schöpfung unter uns herumlaufen und ganz bescheiden sich die Krone des
Menschengeschlechts aufsetzen zu sehn. Es gehört aber Geduld dazu, und
verdenken kann ich's meinen Landsleuten gerade nicht, wenn sie die in
diesen Tagen einmal darüber verlieren und mit Kanonenkugeln hinein
donnern in den Kram. Und wer leidet nachher darunter? sicher nicht diese
Schleicher, die sich wohlweislich einzudrücken verstehn und mit einem
frommen dankbaren Blick nach oben Nachbars Haus darüber zu Grunde gehn
sehn -- hol' sie Alle der Henker. -- Und wo er nur bleibt?« -- setzte er
dann nach einer Pause, mit einem ungeduldigen finsteren Blick nach
seiner Thür hinzu -- »es gehört bei Gott die Geduld eines Heiligen dazu,
mit diesen -- Heiligen fertig zu werden.«
Mr. Rowe mochte aber wohl ahnen, ja er wußte das sogar ganz genau, wie
gern ihn der Franzose bei sich sah, hielt es aber für unumgänglich
nothwendig, seinen Halt an das Herz und die Religion der Frau nicht ganz
aufzugeben, und hatte schon lange und ungeduldig eine Gelegenheit
gesucht, mit dem ihm, nicht gerade zum Dank verpflichteten Katholiken
wieder auf etwas freundschaftlichere Weise anzuknüpfen; jedenfalls aber
eine Entschuldigung zu finden sein Haus in seiner Gegenwart zu besuchen,
um dann weiter zu bauen auf dem gewonnenen Vortheil. _Der_ Zeitpunkt war
ein Abschied von Tahiti, wie er sich vielleicht nicht wieder bot, und
der Erfolg bewies daß er recht gehabt; misbrauchen durfte er das aber
auch nicht, wenn er den errungenen Vortheil nicht wieder verlieren
wollte, und deshalb das Gebet vielleicht rascher beendend, als er es
unter anderen Umständen gethan haben würde, erhob er sich wieder,
stäubte sich die Knie ab, küßte Sadie inbrünstig auf die Stirn, legte
seine Hände einen Augenblick auf ihr Haupt und führte sie dann wieder
mit einem freudigen Blick nach oben dem Gatten zu, der ihnen schon an
der Thür entgegen kam, Sadiens Arm erfaßte und in den Seinen zog, und
dann den Geistlichen ansah, als ob er seiner Entfernung nicht das
mindeste in den Weg zu legen wünsche.
Bruder Rowe war aber auch nicht der Mann, der einen Ort verlassen hätte
ehe er es selber für Zeit hielt, und ohne jedenfalls den Samen des
göttlichen Wortes nach Kräften ausgestreut zu haben; fiel der dann auf
unfruchtbares Land, so war das nicht seine Schuld, und er hatte sich
selber keine Vorwürfe darüber zu machen. In einer ziemlich langen
Anrede, die halb Gebet halb Unterhaltung war, wandte er sich dann noch
einmal an den jungen Mann, der nur die Frau nicht kränken mochte und
sonst dem für ihn höchst langweiligen Gespräch wohl bald ein Ende
gemacht hätte, ermahnte ihn auf der beschrittenen Bahn des Guten, die er
hier auf Tahiti, als eine schätzenswerthe Ausnahme von seinen
Landsleuten jedenfalls betreten, ruhig fortzuschreiten, wobei nur Gott
ihm in seiner Allbarmherzigkeit die eine schwere Missethat des Mordes
verzeihen wolle, und verkündigte ihm dann, als er merkte wie René jetzt
wirklich ungeduldig wurde und schon den Mund öffnete zum trotzigen
Einwurf, daß er dafür gesorgt habe ihre alte früher innegehabte Wohnung
in Atiu wieder für sie herrichten zu lassen; daß das Dach neu gedeckt,
das Haus gereinigt und gelüftet sei -- eine nicht ganz unnöthige
Vorsicht des sonst sehr leicht darin nistenden Ungeziefers der
Centipeden wegen -- und daß es Sadie nach ihrer Ankunft dort gleich
beziehen könne, als ob sie es nie verlassen habe.
»Das Haus uns hergestellt?« rief René allerdings im höchsten
unbegrenzten Erstaunen, da er erst gestern Abend ja den Entschluß
gefaßt, und Wochen dazu gehört haben mußten das anzuordnen und
auszuführen -- »und wer, mein Herr, hat Sie darum gebeten?«
»Aber René« beschwor ihn seine Frau.
»Gebeten? -- Niemand --« erwiederte jedoch in voller Ruhe der
Geistliche, »aus freiem Antrieb hab' ich das gethan. Seit jener Nacht«
fuhr er dann mit einem wehmuthvollen Blick nach oben fort, »wo jene
fatale Sache mit der Französischen Schildwacht hier geschah, wußt' ich
daß es sowohl Ihr, wie besonders Prudentias Wunsch war, sich wieder
zurück nach Atiu zu ziehn. Es war das Beste auch für sie, sie konnte
dort ungestörter ihrem Gotte leben, nicht abgelenkt durch sünd'gen
Wandel mehr, und alle Reize der Verführung die hier in Papetee des
Satans Macht zu gold'nem Netze auslegt -- es war die höchste Zeit für
sie, zurückzukehren zu dem stillen Frieden jener Insel die ihre Heimath
nun doch einmal ist.«
Renés Blut kochte, denn recht gut fühlte er, wie der Geistliche zum
ersten Mal wieder die Hand ausgestreckt, in sein Familienleben
einzugreifen, und wie er jetzt gleich entschieden auftreten müsse, ihn
von allen derartigen Versuchen zurückzuschrecken. Sadie dagegen sah in
dem freundlichem Wort, ihr Herz ja selber kein anderes Gefühl bergend,
nur Liebe und Versöhnung, und mit Freude strahlenden Blicken die Hand
des Geistlichen ergreifend, drückte sie diese in frommer dankbarer
Inbrunst an ihre Lippen, René aber, ihren Arm erfassend, zog sie zurück
und sagte finster:
»Laß das Sadie; der Herr da meint's vielleicht recht gut, und ich will
gern Vergangenes auch vergessen, doch damit, hochwürdiger Herr hab' ich
auch Alles gethan was ich vermag, und muß Sie ernstlich bitten sich
nicht um irgend etwas mehr zu kümmern, was mich, Sadie oder mein Haus
betrifft.«
»Herr Delavigne« rief der Geistliche auffahrend, und ein Blitz aus
seinem kleinen lebendig grauen Auge traf den Franzosen in nichts weniger
als christlicher Demuth -- »Sie gehn zu weit -- Prudentia ist
Protestantin, und ihrer Seele Heil fordert der Herr einstens vielleicht
von mir.«
Ein spöttisches Lächeln zuckte um des Franzosen Lippe als er erwiederte:
»Genug und über genug, ich habe keine Lust mich jetzt noch in religiöse
Spitzfindigkeiten einzulassen; Sie wissen daß Sadie mich bald verläßt
und Manches hat sie mir wohl noch zu sagen, Manches ich ihr -- ich
hoffe doch Sie werden mich verstehen.«
»René« bat die Frau mit leiser flehender Stimme.
»Ei beim Teufel« zürnte aber der junge Mann mit dem Fuß stampfend --
»der Herr hier weiß wie wir zusammen stehn und sollte es vermeiden
Scenen zu erneun, die nur für beide Theile unangenehm sein können. Ich
bedarf seiner Einmischung in meine Angelegenheiten nicht -- ich verlange
sie nicht und, beim Himmel, ich _will_ sie nicht dulden.«
»Herr Delavigne -- Sie trotzen auf die Macht die Ihre Landsleute in
diesem Augenblick gerade hier besitzen« rief der Geistliche aber jetzt
auch gereizt.
»Ich trotze auf die Macht die mir mein Hausrecht giebt« rief aber der
junge Mann.
»Ich glaubte Sie mir zum Dank verpflichtet zu sehn« sagte der Missionair
da, der seine ganze Ruhe wieder gewonnen -- »und bedaure, mich geirrt zu
haben.«
»Er hat es so gut gemeint, René« bat die Frau.
»Die Minuten verfliegen« rief aber der junge Mann, »und wenige nur sind
noch die unseren -- in kurzer Zeit kann das Boot hier sein, Sadie, das
Dich mir entführt.«
»Ich sehe wie es steht« sagte der Missionair ernst und fast traurig --
»Gottes Wort wird überflüssig wo der Welt Stolz die Zügel faßt und dem
ewigen Verderben mit raschen flüchtigen Schritten entgegeneilt. So lebe
denn wohl Prudentia -- die Stunde schlägt die Dich jenem stillen
freundlichen Insellande wieder zuführen soll -- möge es dieselbe sein,
die Dich auch wieder zu Gottes Vaterhuld zurückführt. So bete zu ihm,
daß er Dir gnädig Deine Sünden vergeben möge und behalte und wahre ihn
in Deinem Herzen, der das Licht ist und Heil und die Hoffnung der
Gläubigen in aller Ewigkeit -- Amen.«
Und mit diesen Abschiedsworten hob er das Kind, das Sadie indessen
wieder an sich genommen, zu sich auf, küßte und segnete es, gab es der
Mutter zurück, neigte noch einmal die Hand gegen sie, und den finster
dabei stehenden, den Gruß kalt erwiedernden Gatten und schritt dann
langsam durch den Garten, durch dessen Pforte er bald darauf verschwand.
Sadie aber lehnte ihr Haupt leise an des Gatten Brust und flüsterte mit
weherfüllter Stimme:
»Oh René, Du hast mir weh, recht weh gethan, mit Deinen heftigen,
undankbaren Worten --«
»Undankbar Sadie?«
»Er hatte es so gut um uns gemeint, und Du hast ihn so kalt und heftig
abgewiesen.«
»Täusche Dich nicht, mein Lieb,« sagte René, sie fest an sich pressend
-- »der stolze Priester meint's mit Niemand gut, und wenig Dank werd'
ich ihm, vor allen Andern schulden. Er weiß das selber auch am Besten
und _kann_ nichts Anderes erwartet haben. Ach Sadie, es war mir ein gar
so wehmüthiges, ja bitteres Gefühl, daß sich der finstere Gesell gerad'
in der letzten Stunde noch zwischen uns stellte und die Herzen
auseinander hielt. Ich weiß nicht mir schnürt's die Brust noch jedesmal
zusammen in seiner Nähe.«
»Ach mir ist's auch ein wehes, wunderlich Gefühl« flüsterte Sadie, »und
doch wär's Sünde, denn er meint es treu, und wenn er auch mit strengem
starren Sinn den Weg verfolgt, den er nun einmal für den einzig wahren
hält, so dürfen wir ihn doch darum nicht tadeln. Er ist im Zorn von uns
gegangen.«
»Laß ihn gehn« rief aber René, hochaufathmend, und den Blick dorthin
zurückwerfend, wo der ehrwürdige Herr verschwunden, als ob er der
wirklichen Entfernung desselben noch immer nicht traue -- »mir ist ein
Stein vom Herzen daß er fort ist.«
»Ist er's auch wirklich?« flüsterte da eine Stimme dicht neben ihnen,
und als sie überrascht dorthin umschauten glitt Aia, das wilde schöne
Mädchen hinter einem dichten Orangenbusch vor, und trat zu den Beiden.
»Aia!« rief Sadie erfreut und doch auch vorwurfsvoll -- »Du böses, böses
Kind, wo hast Du so lang Dich herumgetrieben in der Welt, daß Du gar
nicht mehr an Deine Sadie gedacht?«
»Und ich wollte ich müßte auch jetzt nicht an Dich denken« sagte das
Mädchen leise und sie kämpfte dabei hart mit sich, eine aufsteigende,
ihr sonst fast fremde Rührung zu verbergen.
»Und weshalb, Aia?« frug Sadie.
»Mach ihr das Herz nicht wieder schwer, Du wunderliches Kind« sagte aber
René jetzt, ihr leise mit dem Finger drohend, »bist solch ein tolles
Ding wenn Du da draußen herumtobst, unter den wilden die wildeste, und
wie ein anderer Geist scheint es über Dich zu kommen, wenn Du diese
Schwelle betrittst.«
»Du hast mir und ihr auch noch Vorwürfe zu machen, nicht wahr, Du böser,
nichtsnutziger Wi-Wi?« rief aber das Mädchen, trotzig sich die Locken
aus der Stirn schüttelnd und mit zornigem Blick ihn anblitzend -- »Wehe
über Dich; aber die Strafe bleibt Dir nicht aus, und dann denk' an
_mich_, dann erschein' ich Dir in Deinen Träumen und quäle und martere
Dich, trockne Dir Falten in die Wangen und bleiche Dir das Haar -- denk'
an Aia.«
»Tolles Mädchen was hast Du?« lachte aber René -- »kann ich dafür, wenn
jene Kriegsschiffe vielleicht ungerecht dies Volk überfallen und sich
unterwerfen? trag' ich die Schuld des vergossenen Blutes und all der
darum vergossenen Thränen?«
»Nein, Gott sei Dank nicht das auch noch,« sagte Aia, »doch genug,
übergenug davon zu reden. Aber ich bin nicht zu _Dir_ gekommen, falscher
Ferani, sondern zu Deinem Weib -- ich will mein Wort lösen, das ich ihr
einst gegeben.«
»Dein Wort Aia?«
»Sagte ich Dir nicht, daß wenn Dich _Alle_ verließen und von Dir gingen,
ich zu Dir kommen und bei Dir bleiben würde, und daß wir dann lachen und
singen und tanzen und es toller treiben wollten, wie alle Anderen
zusammen? -- und Gott weiß es, sie treiben's toll genug.«
»Aber wunderliches Mädchen Du« sagte Sadie, während dennoch ein eigenes,
wehes Gefühl ihr dabei das Herz durchzuckte, »wie fällst Du auf solch
traurige Gedanken -- wer hat Dir die Grillen in den Kopf gesetzt?«
»Und gehst Du nicht zurück nach Atiu?« rief Aia schnell und fast
freudig.
»Allerdings geh ich dorthin.«
»Und René geht mit Dir?«
»Allerdings.«
»Aber jetzt? -- gleich? -- auf einem Schiff?«
»Wenn auch nicht jetzt in _einem_ Schiff, Aia« nahm hier René das Wort,
während Aia leise und traurig mit dem Kopf nickte, »doch sobald ich darf
-- sie lassen mich noch nicht hier fort.«
»Wer? -- die Wi-Wis? -- die Kanakas halten Dich doch wahrlich nicht,
Ferani,« rief Aia zornig.
»Die Kanakas nein,« lachte René, »aber meine eigenen Landsleute, eines
tollen Streiches der Deinigen wegen.«
»Ja ich weiß wohl« sagte das Mädchen unheimlich lachend, »Ihr helft
einander wo Ihr nur könnt; ich habe das selber erfahren zu meinem Leid
-- aber fort mit Dir, nicht zu _Dir_ bin ich gekommen, mit Dir zu
plaudern -- nimmst Du mich mit, Sadie?«
»Nach Atiu?« rief Sadie rasch und freudig.
»Wohin Du gehst« sagte das wilde Mädchen leise und herzlich.
»Und willst Du dem tollen schlechten Leben entsagen?« frug Sadie ihre
Hand in tiefer Rührung ergreifend -- »willst Du bei mir bleiben, und mit
mir leben von nun an?«
»Wohin Du gehst« flüsterte Aia und schaute ihr dabei recht still und
wehmüthig in's Auge.
»Aber Aia« sagte René, »wenn Du mitreisen willst, wo hast Du Deine
Sachen, Deine Matte, Deine Kleider? -- das Boot wird gleich kommen Euch
abzuholen.«