Die Hufthiere bilden eine natürliche Gruppe von pflanzenfressenden
(auch omnivoren) Landsäugethieren, die dadurch ausgezeichnet
sind, dass ihre Gliedmassen ganz ausschliesslich zur
Locomotion auf dem Erdboden dienen. Schlüsselbeine fehlen stets;
fast nie ist ein freies Centrale vorhanden. Die Endphalangen sind stumpf
und sehr breit oder dreikantig, mit Hufen versehen. Schwanz meist ohne
untere Bögen. Zu ihnen gehören die grössten Landsäugethiere. Die
Fortschritte innerhalb der Gruppe bestehen hauptsächlich in der Vervollkommnung
der Gliedmassen zu Laufbeinen, die eine so extreme Ausbildung
erreichen können, wie bei keinem anderen Säugethiere, sodann
in der Ausbildung eines herbivoren Gebisses, wie es in solcher Vollkommenheit
allenfalls nur noch bei Rodentia erreicht wird, in der Ausbildung
von Hörnern als Waffen zum Ersatz für die verlorengehenden Eckzähne
und endlich in der Vergrösserung des Gehirns.
Folgende Tabelle giebt links den primitivsten Zustand, rechts die fortgeschritteneren
Zustände, die für einzelne Organe unter den Hufthieren
bekannt sind.
Primitivster Zustand. Fortgeschrittener Zustand.
Hirn sehr klein und glatt (Fig. 829 Hirn gross, gefurcht (Fig. 829 C).
A).
Nasenöffnung eng, weit vorn liegend; Nasenöffnung weit; Nasenbeine kurz
Nasenbeine lang. bis rudimentär (Elephas, Saiga).
Stirnhöhlen unbedeutend. Stirnhöhlen oft ausserordentlich
gross.
Orbitalrand hinten offen. Orbitalrand vollständig.
Schädel hornlos. Schädel mit Hörnern.
Processus postglenoideus vorhanden. Unterkiefergelenk ohne Processus.
Epistropheus mit cylindrischem Epistropheus mit rinnenförmigem
Zahnfortsatze. Zahnfortsatze (die meisten
Wiederkäuer).
Halswirbel biplan. Halswirbel opisthocöl.
Füsse noch fast plantigrad. Füsse digitigrad, meist unguligrad.
5/5 Zehen. Weniger als 5/5 Zehen, im
extremsten Falle nur 1/1 oder 2/2
Zehen.
Centrale frei (nur Hyrax, Fig. 914). Centrale mit Scaphoid verwachsen.
Carpus und Tarsus serial gebaut, d. Carpus und Tarsus alternirend
h. jedes Carpale und Tarsale der gebaut, indem die distale Reihe
distalen Reihe besitzt nur eine gegen die proximale nach innen
proximale Gelenkfläche, da es nur verschoben wird, so dass wenigstens
mit einem Knochen der proximalen einige Knochen der distalen Reihe
Reihe articulirt. (Fig. 907 A u. zwei proximale Gelenkflächen
908). aufweisen und mit zwei Knochen der
proximalen Reihe articuliren (Fig.
907 C u. 942 B, C); der
alternirende Bau giebt dem Fusse
offenbar eine grössere Festigkeit.
Proximales Astragalusgelenk kaum Proximales Astragalusgelenk
kopfartig abgesetzt und einfach kopfartig abgesetzt und mit
convex (Fig. 907 B u. 934 A). mittlerer Furche, rollenartig
(Fig. 907 A, C u. 943).
Distales Astragalusgelenk flach Astragalus mit distaler Rolle
(Fig. 943). (Fig. 978).
Calcaneus mit Fibulargelenk. Calcaneus ohne Fibulargelenk.
Ulna und Fibula so lang wie Radius Ulna und Fibula z. Th. rudimentär
bez. Tibia, frei (Fig. 911). und verwachsen (Equinae, Bovidae
etc.).
Distales Humerusgelenk einfach (Fig. Distales Humerusgelenk durch einen
909, g). Kiel in zwei Theile getheilt.
Humerus mit Foramen (Fig. 909, ent). Humerus ohne Foramen.
Femur mit drittem Trochanter Femur ohne dritten Trochanter.
(Fig. 909, tr₃).
Gebiss J, C, P können z. Th. oder alle
(3 · 1 · 4· 3)/(3 · 1 · 4 · 3). rudimentär werden oder ganz fehlen.
C fangzahnartig verlängert; J C oder J hauerartig (Fig. 1009),
schneidezahnartig. oder C schneidezahnähnlich (unten
bei Ruminantia).
M trigonodont (Fig. 910). M tetragonodont (Fig. 913),
manchmal ausserordentlich
vergrössert (Elephas).
P einfacher als M (kegelförmig). P allmählich den M ähnlich werdend.
Backzähne bunodont (Fig. 912). Backzähne lophodont.
Backzähne brachyodont. Backzähne mehr und mehr
hypselodont.
Molaren mit selbständigen Zwischenhöcker von den Haupthöckern
Zwischenhöckern (Fig. 912 b’ u. b"). nicht unterscheidbar (Fig. 1010).
Kleine Lücken im Gebiss. Lücken fehlen (Fig. 991), oder sehr
gross (Fig. 1026).
[Illustration: Fig. 907. Linker Hinterfuss von A Phenacodus primaevus
Cope, Wasatch-Eocän von Wyoming. B Elephas indicus. Recent. C
Rhinoceros pachygnathus Wagn. Pliocän von Pikermi. a = Astragalus; c =
Calcaneus; cb = Cuboid; n = Naviculare; 1, 2, 3 = Cuneiforme I., II.,
III.; I-V = 1.-5. Zehe.]
Hufthiere finden sich in Nordamerika bereits im ältesten (Puerco-)
Eocän; diese (Condylarthra) sind weitaus die primitivsten Formen,
die auch den anderen gleichzeitig lebenden primitivsten Ordnungen
von Land-Placentalia ausserordentlich nahe stehen. Fleischfressende
Formen (? Creodonta) müssen als die Ahnen der Condylarthra angenommen
werden. Auf Condylarthra lassen sich die übrigen Ordnungen der
Hufthiere direct zurückführen. Unter diesen sind nur noch die
Amblypoda auf das Eocän beschränkt; die Hyracoidea sind nur lebend
bekannt. Die Proboscidea erscheinen im Miocän; die Perissodactyla und
Artiodactyla beginnen beide schon im Eocän, erstere sind hauptsächlich
nordamerikanischen, letztere altweltlichen Ursprungs. Die Toxodontia
sind Südamerika eigenthümlich. Hufthiere sind für den Paläontologen
weitaus die wichtigsten Säugethiere. Fast an allen Fundstellen fossiler
Landsäugethiere in Europa und Nordamerika sind sie die vorherrschenden
Formen, sowohl wegen ihrer meist beträchtlichen Grösse, wie wegen ihrer
meist alles Andere überwiegenden Anzahl.
Übersicht der sieben Ordnungen von Hufthieren:
A. Tarsus und Carpus serial gebaut: cuboid articulirt proximal nur mit
Calcaneus, Astragalus distal nur mit Naviculare (Fig. 907 A);
Scaphoid articulirt distal nur mit Trapez und Trapezoid, Lunare nur
mit Magnum (Fig. 908).
a. C fangzahnartig verlängert; 3/3 J normal; Backzähne meist bunodont
(Fig. 912); 5/5 Zehen; Fibula berührt den Calcaneus. p. 749.
13. Ordnung Condylarthra.
b. C fehlen; (2(1))/2 J, die mittleren oben gross und wurzellos;
Backzähne lophodont; 5/3 Zehen; Fibula eingekeilt zwischen
Calcaneus und Astragalus. p. 751.
14. Ordnung Hyracoidea.
c. C nicht verlängert, klein oder fehlend; J schaufelförmig (Fig.
915-917), manchmal prismatisch, ebenso wie die lophodonten
Backzähne; 5/5-3/3 Zehen; Calcaneus mit Fibulargelenk. p. 752.
15. Ordnung Toxodontia.
B. Cuboid articulirt proximal mit Calcaneus und Naviculare,
Astragalus distal nur mit Naviculare (Fig. 907 B); Carpus nahezu
serial; Astragalus mit einfach convexem, nicht kopfartig abgesetztem
Tibialgelenk; Calcaneus mit Fibulargelenk; 5/5 Zehen, wenig
digitigrad. p. 754.
16. Ordnung Proboscidea.
C. Cuboid articulirt proximal mit Calcaneus und Astragalus (Fig. 907 C).
a. Scaphoid articulirt distal nur mit Trapez und Trapezoid, Lunare
mit Magnum und Unciforme (Fig. 934 B); Astragalus mit einfach
convexem Tibialgelenk; Calcaneus mit Fibulargelenk; 5/5 Zehen;
wenig digitigrad. p. 762.
17. Ordnung Amblypoda.
b. Scaphoid articulirt distal auch mit Magnum, Lunare mit Magnum und
Unciforme (Fig. 942 C); Astragalus mit kopfförmig abgesetztem,
rollenartigem Tibialgelenk (Fig. 907 C u. 943); unguligrad.
Diplarthra.
α. 4/3-1/1 Zehen; dritte Zehe stärker als die übrigen, zweite und
vierte gleich stark (Fig. 942); distales Astragalusgelenk flach
(Fig. 943 n); Calcaneus ohne Fibulargelenk; Femur mit drittem
Trochanter (Fig. 944). p.765.
18. Ordnung Perissodactyla.
β. 4(5)/4-2/2 Zehen; dritte und vierte Zehe gleich stark, stärker
als die übrigen; zweite Zehe ähnlich der fünften (Fig. 979,
980); distales Astragalusgelenk ebenfalls rollenförmig (Fig.
978); Calcaneus mit Fibulargelenk; Femur ohne dritten
Trochanter. p. 784.
19. Ordnung Artiodactyla.