Die echten »Raubthiere« sind dadurch ausgezeichnet, dass der obere
P₄ und der untere M₁ in eigenthümlicher Weise entwickelt sind als
Reisszähne (= R), welche auch gewöhnlich die übrigen und anders
gebauten Backzähne an Grösse übertreffen (Fig. 875). Die vor den R
stehenden P werden als Lückzähne, die hinter ihnen stehenden M als
Höckerzähne bezeichnet. In seiner typischen Ausbildung besteht der
obere R (Fig. 872) aus den beiden zu schneidenden Klingen verlängerten
Aussenhöckern a und c, die mit einander eine weitklaffende Scheere
bilden; der Innenhöcker b und ein Vorderhöcker a’ sind meist
vorhanden; dieser Zahn ist auf einen zweihöckerigen oberen Backzahn
zurückzuführen mit a- und b-Höcker (vergl. Fig. 866, p₄), an welchem
vor und hinter dem a-Höcker sich die Nebenhöcker a’ und c ausbilden.
Der untere R (Fig. 873) ist typisch trigonodont, aber der Vorder-
und der Aussenhöcker α und β ebenfalls klingenförmig, zu einer
weitklaffenden Scheere ausgebildet.
Je mehr nun das Raubthiernaturell entwickelt ist und die Fleischnahrung
vorwiegt, um so grösser werden die R auf Kosten der Höckerzähne, um
so länger, schmäler und messerartiger werden an ihnen die a- und b-,
bez. α- und β-Höcker, um so unbedeutender der b- und β’-Höcker, sowie
der Anhang γ, und um so weiter rückt der b-Höcker nach vorn. Je mehr
aber die Pflanzenkost vorwiegt, um so unbedeutender bleibt der obere
R, um so umfangreicher wird der obere M₁ und der Anhang γ des unteren
R, oft auch die übrigen Höckerzähne, während der b- und β’-Höcker wohl
entwickelt bleiben, und um so mehr kegel- oder warzenförmig werden alle
Höcker.
Fast stets 3/3 kleine J, die äusseren am grössten, mit schneidendem
Rand, in geschlossener Reihe; der untere J₂ fast immer etwas
zurückgeschoben. C sind stets stark verlängerte Fangzähne mit vorderer
und hinterer Kante; Lückzähne sind mehr oder minder comprimirte Kegel,
mit oder ohne Nebenzacken. Die Höckerzähne nehmen nach hinten fast
stets an Grösse ab; ursprünglich trigonodont, sind sie oft stark
reducirt, mitunter aber auch vergrössert und tetragonodont, fast immer
aber mit niedrigen stumpfen Höckern. Die Raubthiere besitzen ein
vollständiges Milchgebiss, das längere Zeit in Gebrauch ist; D₄ ähnelt
dem M₁, der obere D₃ dem P₄.
Hirn von bedeutender Grösse, Grosshirn mit Windungen. Sagittalkamm oft
kräftig, Nasenöffnung ziemlich eng, weit vorn gelegen; am Unterkiefer
liegt das Gelenk ungefähr in einem Niveau mit der Backzahnreihe;
dasselbe ist stark verbreitert, cylinderförmig, und passt in eine
tiefe Querrinne, die keine Bewegung nach vorne und hinten gestattet.
Krallen sehr kräftig; Füsse sind ursprünglich plantigrad, werden aber
oft digitigrad. Scaphoid, Lunare und Centrale stets mit einander
verwachsen (Fig. 877 s + c + l). Astragalus (Fig. 877 a) mit kopfförmig
abgesetztem proximalen Rollengelenk. Foramen entepicondylare häufig
vorhanden; Femur ohne dritten Trochanter. Clavicula fehlt oder ist
rudimentär.
Echte Raubthiere erscheinen zuerst im Oligocän, wo sie besonders in
Europa bereits einen grossen Formenreichthum aufweisen. Noch in der
Gegenwart sind sie überall (ausser in Australien) reich vertreten.
Es lassen sich sieben Familien unterscheiden (p. 718).
+--------------------+-------------+-------------------------------+-----------------------------------------------------------------------------------------------+
| | | | Reisszähne | |
| | Zahl | Erster oberer Höckerzahn |---------------------------+------------------------+-------------------+----------------------+
| Familien | der Höcker- | M₁ | Aussenhöcker | Innenhöcker | Anhang γ | |
| | zähne | | (a u. c, α u. β) | b u. β’ | des unteren R | |
| | | | | | | |
+--------------------+-------------+-------------------------------+---------------------------+------------------------+-------------------+----------------------+
| | 2-3 | | lange scharfe Klingen, | | | |
| 1. Canidae | ----- | trigonodont, so gross als der | a’-Höcker fehlend | klein oder rudimentär, | klein, meist | Lückzähne gross, |
| | 2 (3) | R, mit innerem Basalwulst | oder sehr klein | b-Höcker weit vorn | grubig | schmal |
| | | | | | | |
+--------------------+-------------+-------------------------------+---------------------------+------------------------+-------------------+----------------------+
| | 2 | | | gross, | | Lückzähne klein |
| 2. Ursidae | - | tetragonodont, so gross | niedere Kegel | b-Höcker nicht | gross, oft sehr | oder rudimentär, |
| | 2 | oder viel grösser als der R | | nach vorn gerückt | verlängert | Höckerzähne mit |
| | | | | | | Nebenwarzen |
+--------------------+-------------+-------------------------------+---------------------------+------------------------+-------------------+----------------------+
| | 2 | tetragonodont, so gross wie | | gross, oben oft | | Lückzähne |
| 3. Procyonidae | - | der R | runde Kegel | noch ein d-Höcker | gross, grubig | kegelförmig |
| | 1 | | | | | |
+--------------------+-------------+-------------------------------+---------------------------+------------------------+-------------------+----------------------+
| | 2 | trigonodont, kleiner als der | stumpfe oder | gross, b-Höcker | | |
| 4. Viverridae | - | R, Innenhälfte kürzer als | scharfe Klingen | weit vorn | gross, grubig | |
| | 1 | Aussenhälfte | | | | |
+--------------------+-------------+-------------------------------+---------------------------+------------------------+-------------------+----------------------+
| | | trigonodont, kleiner oder | | | | unterer |
| | 1 (2) | grösser als R, mit innerem | | gross, | klein oder sehr | Höckerzahn |
| 5. Mustelidae | ----- | Basalwulst, Innenhälfte so | scharfe Klingen | oder rudimentär, | gross,grubig oder | knopfförmig |
| | 1 | lang oder länger als | | oder fehlend | schneidend | |
| | | Aussenhälfte | | | | |
+--------------------+-------------+-------------------------------+---------------------------+------------------------+-------------------+----------------------+
| | 1 | | sehr lange | rudimentär | | 3 |
| 6. Hyaenidae | --- | rudimentär | scharfe Klingen, | oder fehlend, | rudimentär oder | --- grosse und |
| | 0-1 | | a’-Höcker gross | b-Höcker weit vorn | fehlend | 3-4 |
| | | | | | | sehr dicke Lückzähne |
|+-------------------+-------------+-------------------------------+---------------------------+------------------------+-------------------+----------------------+
| | 0-1 | | sehr lange | rudimentär | | 1-2 |
| 7. Felidae | --- | rudimentär | scharfe Klingen, | oder fehlend, | klein | --- sehr schmale |
| | 0-1 | | a’-Höcker gross, | b-Höcker weit vorn | oder fehlend | 1-4 |
| | | | oder fehlend | | | Lückzähne |
+--------------------+-------------+-------------------------------+---------------------------+------------------------+-------------------+----------------------+
| Ursprüngliche Form | 3 | trigonodont, so gross oder | kantige Höcker, | gross, b-Höcker | | Lückzähne |
| (Creodonta) | ----- | grösser als der R | a’- u. c-Höcker | neben a-Höcker | gross, grubig | kegelförmig |
| | 2 (3) | | klein | | | |
+--------------------+-------------+-------------------------------+---------------------------+------------------------+-------------------+----------------------+
Die verschiedenen Familien der Carnivora sind keineswegs scharf von
einander zu trennen. Zahlreiche Zwischenformen verbinden sie aufs
innigste mit einander, und auch viele Gattungen gehen unmerklich
in einander über. Die zur Unterscheidung der Familien auf p. 718
angegebenen Merkmale gelten daher wohl für die typischen Mitglieder
der Familien, bleiben aber nur theilweise gültig bei eventuellen
Zwischenformen. Durchgehends zeigen z. B. die primitivsten Formen
einer Familie eine grössere Zahl von Zähnen als die übrigen, die
extremsten eine geringere. Die primitiveren, besonders oligocänen
Formen der Canidae, Mustelidae, Viverridae, selbst der Felidae waren
Viverriden-ähnliche Thiere, die einander noch ungemein nahe standen und
sich sehr schwer in verschiedene Familien trennen lassen. Die Carnivora
sind von Miacidae abzuleiten.