Als brachyodont (Fig. 843 u. 844 A) werden die Formen von Mahlzähnen
bezeichnet, welche insofern das ursprüngliche Verhalten bewahrt
haben, als ihr Wachsthum sehr bald abgeschlossen ist. Ihre Krone ist
niedrig, mit dachförmig abfallenden, von dickem Schmelz bedeckten
Höckern oder Leisten, die Thäler seicht, die Wurzeln lang und unten
geschlossen, Cement auf die Wurzeln beschränkt. Der dicke, äusserst
harte Schmelzbelag wird erst im späteren Alter ganz durchgerieben, so
dass erst spät das Dentin auf der Kaufläche frei liegt (Fig. 840 H).
[Illustration: Fig. 843. A Brachyodonter Zahn von Anchitherium.
B Hypselodonter Zahn von Hippotherium. C Stark hypselodonter
(prismatischer) Zahn von Equus. c = Kante auf der Aussenseite des
Zahnes.]
[Illustration: Fig. 844. Schema der Entwickelung des brachyodonten
Zahnes (A) durch den wenig hypselodonten Zahn (B) zum prismatischen
(C). D = Dentin; p = Pulpahöhle; s = Schmelz; u = Usurfläche; z =
Cement.]
Indem nun bei den brachyodonten Zähnen der Abschluss des Wachsthums,
und damit die Bildung einer Wurzel allmählig immer später eintritt,
wobei die Krone immer höher, der Schmelzbelag immer dünner wird,
entstehen aus ihnen die hypselodonten Zähne, von denen zahllose
Abstufungen (Fig. 843, 844 B) vorhanden sind; ihre extremsten Formen
(Säulenzähne oder prismatische Zähne -- Fig. 843 u. 844 C) sind
wurzellose Mahlzähne, deren Wachsthum sehr lange fortdauert, und die
erst sehr spät oder nie eine geschlossene Wurzel erhalten; die unten
weit offene Krone ist sehr hoch, säulenförmig, mit dünnem Schmelzbelag,
der selbst ganz fehlen kann (Edentata), sämmtliche Leisten oder Höcker
zu Platten (Lamellen) oder Pfeilern mit senkrecht ansteigenden Wänden
entwickelt, die Thäler entsprechend tief und mit Cement ausgefüllt, das
dann auch die ganze Krone überziehen kann. Der dünne Schmelzbelag ist
an den Spitzen beim Kauen sehr bald abgerieben, so dass sehr frühzeitig
das Dentin auf der Kaufläche sichtbar wird, umgeben von Schmelzrändern,
welche selbst wieder von Cement umschlossen sein können (Fig. 844 C).
In dem Verhältniss als die Krone oben abgekaut wird, wächst sie von
unten her immer nach. Es ist die höchste Entwickelungsstufe, die der
Mahlzahn eines Pflanzenfressers erreichen kann; besonders bezeichnend
ist diese Zahnform für Grasfresser, deren stark kieselhaltige Nahrung
die Zähne sehr abnutzt.
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Selten stehen alle Zähne einer Backzahnreihe auf gleicher
Entwickelungshöhe; fast stets sind die M am weitesten fortgeschritten
(manchmal der letzte M, der aber in anderen Fällen hinter den vorderen
M zurückbleibt), während die P einfacher bleiben (heterodont, Fig. 949)
und zwar die vorderen P immer einfacher als die hinteren (Fig. 912;
ähnlich verhält sich das Milchgebiss -- Fig. 845); doch haben innerhalb
gewisser Entwickelungsreihen nach und nach alle oder wenigstens die
hinteren P (Fig. 969) die volle Ausbildung der M erreicht (homöodont).
Bei carnivoren Seesäugethieren kann eine Vereinfachung (Rückbildung)
im Bau der Backzähne eintreten, die allmählich wieder alle auf die
ursprüngliche Form einwurzeliger, kegelförmiger Fangzähne (isodont)
zurücksinken können.
Innerhalb der verschiedensten Gruppen der Säugethiere haben sich
selbständig vielhöckerige aus einfacheren Zähnen, lophodonte und
secodonte aus bunodonten, hypselodonte aus brachyodonten, homöodonte
aus heterodonten Zähnen entwickelt; zwischen den Extremen finden sich
die mannigfaltigsten Zwischenstufen.
[Illustration: Fig. 845. Untere Backzähne von Dicotyles torquatus
(8/7). Recent.]
Das Milchgebiss ist als eine kleinere Ausgabe des definitiven Gebisses
zu betrachten, von dem es sich in seiner Function nur quantitativ,
nicht qualitativ unterscheidet; das ganze Gepräge des Milchgebisses
ist das des definitiven Gebisses. In der Regel ist der hinterste D den
M ähnlich (oft dem letzten M, wenn derselbe complicirter ist als die
übrigen -- Fig. 845 d₄ u. m₃), während die an ihre Stelle tretenden P
oft auf einer tieferen Entwickelungsstufe stehen bleiben; sind also die
M complicirter gebaut als die P, so sind es meist auch die hinteren D.
Die Kaufläche brachyodonter und mässig hypselodonter Zähne,
welche einer Abnutzung unterliegen, verändert ihr Aussehen in oft
ausserordentlichem Grade, je weiter die Abnutzung fortschreitet. Es
bilden sich, zuerst nur an den höchsten Stellen der Krone, Usurflächen
(Fig. 845 m₁), in deren Mitte früher oder später das Dentin in
Form von Inseln zu Tage tritt, umgeben von den ihrer grösseren
Widerstandsfähigkeit wegen stets etwas vorragenden Schmelzrändern (d₄);
die verschiedenen Usurflächen, und ebenso die Dentininseln vergrössern
sich nun allmählig und verschmelzen mehr und mehr mit einander (d₃),
wobei der Zahn zuletzt bis auf die Wurzeln abgekaut wird. Usurflächen
prismatischer Zähne dagegen behalten stets das gleiche Aussehen.
Im Gebisse ist die Lebensweise der Thiere ungefähr ausgeprägt; man kann
danach unter anderem unterscheiden:
A. Oben und unten J, C, P, M vorhanden.
a. M mit langen, scharfen, kantigen Spitzen. Insectivores Gepräge.
b. C verlängert; ein oder mehrere Backzähne zu einer schmalen Klinge
ausgebildet. Carnivores Gepräge.
c. C wohlentwickelt; Backzähne mit niedrigen, stumpfen Höckern.
Omnivores Gepräge.
B. C fehlen; mittlere J wurzellos, meiselförmig. Rodentes Gepräge.
C. J und C vorhanden oder fehlend; M lophodont. Herbivores Gepräge.
Fußnoten:
[K] Im Text und an den Figuren sind hier allgemein folgende
Bezeichnungen für die Zähne und Zahntheile angewendet worden:
Im Texte: J = Schneidezähne, C = Eckzähne, P = Prämolaren, M = Molaren;
D = Milchbackzähne, DJ = Milchschneidezähne, DC = Milcheckzahn.
An den Figuren: i, c, p, m; d, di, dc für die entsprechenden Zähne.
Die Zähne sind stets von vorn nach hinten gezählt, also i₁, p₁, m₁:
vorderster J, P, M. (Von manchen Autoren werden die P von hinten nach
vorn gezählt.)
An den unteren Backzähnen bedeutet: α = Vorderhöcker, β = Aussenhöcker,
β’ = Innenhöcker der Vorderhälfte; γ = Aussenhöcker, γ’ = Innenhöcker
der Hinterhälfte oder des »Anhanges«; δ = dritter Lobus.
An den oberen Backzähnen bedeutet: a = vorderer Aussenhöcker, b
= vorderer Innenhöcker, c = hinterer Aussenhöcker, d = hinterer
Innenhöcker; die Nebenhöcker sind mit a’ (vor dem vorderen
Aussenhöcker), b’, b’’, d’ etc. bezeichnet.
Im Texte wird dementsprechend je nach der Ausbildung der Höcker von
α-Spitze, β’-Höcker, b-Mond etc. gesprochen.
Soweit es nicht besonders angegeben ist, sind die von der Kaufläche
abgebildeten oberen und unteren Backzähne so orientirt, dass ihr
Vorderrand nach links, ihr Aussenrand nach oben gerichtet ist.
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Die Säugethiere lassen sich in drei Unterklassen mit zusammen
24 Ordnungen eintheilen:
I. Coracoid gross, selbständig, erreicht das Brustbein. Beutelknochen
und eine Kloake vorhanden. Eierlegend.
1. Unterklasse Prototheria.
a. Zahnlos (p. 696).
1. Ordnung Monotremata.
b. Stellung zweifelhaft; wenigstens 44 Zähne (p. 696).
? 2. Ordnung Pantotheria.
c. Stellung zweifelhaft; weniger als 44 Zähne; ein J verlängert, im
Unterkiefer keine weiteren vorhanden (p. 698).
? 3. Ordnung Multituberculata.
II. Coracoid rudimentär, als Processus coracoideus mit der Scapula
verwachsen. Keine Kloake. Lebendiggebärend.
A. Beutelknochen; Palatinum durchbrochen. Nur ein Milchzahn, hinter
dem meist vier sogenannte Molaren von gleicher Gestalt sich
entwickeln; Unterkieferwinkel eingebogen. Ohne Placenta
(Aplacentalia, p. 700).
2. Unterklasse Marsupialia.
1. Ordnung Polyprotodontia.
2. Ordnung Diprotodontia.
B. Keine Beutelknochen; mit Placenta.
3. Unterklasse Placentalia.
1. Hinterfüsse fehlen; Vorderfüsse flossenähnlich; Körper
fischähnlich. Milchgebiss rudimentär oder fehlend.
Seesäugethiere.
a. Kein Ellbogengelenk; Unterkiefer ohne aufsteigenden Ast.
Vielleicht zu den Sarcotheria gehörig (p. 705).
1. Ordnung Cetacea.
b. Ellbogengelenk vorhanden; Unterkiefer mit aufsteigendem
Aste. Vielleicht zu den Ungulata gehörig (p. 707).
2. Ordnung Sirenia.
2. Hinterfüsse wohlentwickelt; ursprüngliche Zahnformel
(3 · 1 · 4 · 3(4))/(3 · 1 · 4 · 3(4)), ursprünglich mit 32
Milchzähnen. Landsäugethiere.
a. Endphalangen comprimirt oder kegelförmig, gekrümmt und
zugespitzt, mit Krallen. Füsse selten ausschliesslich
locomotorisch.
α. Die Krone sämmtlicher J, P und M vollständig von Schmelz
bedeckt; sämmtliche Schneide- und Backzähne mit
geschlossenen Wurzeln; Gebiss vollständig. Meist
Fleischfresser.
1. Gruppe Sarcotheria.
aa. Vorderextremität durch Verlängerung der Finger zum
Flugorgan ausgebildet. Hirn klein und glatt.
Milchgebiss rudimentär (p. 709).
3. Ordnung Chiroptera.
bb. Geh- und Lauffüsse; äussere Zehen nicht verlängert.
αα. Scaphoid und Lunare selten verwachsen; J₁ meist
länger als J₃; J conisch, oder C nicht
verlängert, oder C verlängert und zweiwurzelig.
Milchgebiss selten functionirend. Hirn klein und
glatt (p. 709).
4. Ordnung Insectivora.
ββ. Scaphoid und Lunare nie verwachsen; J₁ nie
länger als J₃; J meiselförmig; C stark
verlängert; unten M₁ nicht grösser als M₂ und
M₃, denselben ähnlich; Milchgebiss
wohlentwickelt; Hirn klein und glatt (p. 711).
5. Ordnung Creodonta.
γγ. Scaphoid, Lunare und Centrale mit einander
verwachsen; J₁ nie länger als J₃; J
meiselförmig; C stark verlängert; unten M₁
grösser als M₂ und M₃; Milchgebiss
wohlentwickelt; Hirn gross und gefurcht
(p. 716).
6. Ordnung Carnivora.
cc. Schwimmfüsse; äussere Zehen der Hinterfüsse
verlängert. Scaphoid, Lunare und Centrale
verwachsen; C verlängert; mehrere ähnliche M mit nur
einer Hauptspitze; Milchgebiss rudimentär; Hirn
gross und gefurcht (p. 728).
7. Ordnung Pinnipedia.
β. An einzelnen oder allen J, P und M ist die
Schmelzbedeckung mangelhaft (oder zahnlos); einzelne
oder alle Zähne wurzellos mit weit offener Pulpahöhle.
Meist Pflanzenfresser.
2. Gruppe Aganodontia.
aa. C und J vorhanden; wenigstens ein J wurzellos,
meiselförmig; ein Processus postglenoideus (p. 728).
8. Ordnung Tillodontia.
bb. C fehlen; J wurzellos, meiselförmig; kein Processus
postglenoideus (p. 731).
9. Ordnung Rodentia.
cc. J fehlen (meist); alle Zähne wurzel- und schmelzlos,
oder fehlend; Milchgebiss rudimentär, meist fehlend;
Zahnzahl manchmal vermehrt (p. 736).
10. Ordnung Edentata.
b. Endphalangen vorn meist abgerundet, deprimirt oder
dreikantig, nicht gekrümmt, mit Nägeln oder Hufen;
Milchgebiss wohlentwickelt.
α. Daumen opponirbar; Nägel tragend; plantigrad; bunodont;
Orbitalrand vollständig; Claviculae (p. 741).
3. Gruppe Primates.
11. Ordnung Prosimiae.
12. Ordnung Simiae.
β. Daumen nicht opponirbar; Hufe tragend; fast immer
digitigrad oder unguligrad; Orbitalrand meist hinten
offen oder Gebiss lophodont; keine Claviculae (p. 746).
4. Gruppe Ungulata.
13. Ordnung Condylarthra.
14. Ordnung Hyracoidea.
15. Ordnung Toxodontia.
16. Ordnung Proboscidea.
17. Ordnung Amblypoda.
18. Ordnung Perissodactyla.
19. Ordnung Artiodactyla.