3. Gliedmassen der Quadrupeda.

Der Schultergürtel (Fig. 735, 736 u. 738) besteht bei den primitivsten

Formen aus einem dorsal vom Schultergelenk (g) gelegenen Theil, der

Scapula oder dem Schulterblatt (s), und einem ventralen Theile, dem

(oft plattenförmigen) Coracoid oder Rabenbein (co oder c + pc); vor

dem Coracoid liegt die Clavicula oder das Schlüsselbein (cl), das mit

dem unpaaren Episternum oder Interclavicula (e) in Verbindung steht

und mit dem äusseren Ende an die Scapula (s) grenzt[G]. Ist ein echtes

Sternum (st) vorhanden, so ist mit demselben das Episternum mehr

oder weniger innig verbunden; je mehr das Sternum ausgebildet ist, um

so mehr wird gewöhnlich das Episternum reducirt, während es bei den

primitiven Stegocephala, die noch kein verknöchertes Sternum besitzen,

mächtig entwickelt ist (Fig. 736 th.m -- mittlere Kehlbrustplatte).

Ist ein besonderes Episternum nicht vorhanden, so legt sich die

Clavicula direct an das Vorderende des Sternum, mit dem auch meist das

Coracoid verbunden ist. Doch kann sowohl die Clavicula wie das Coracoid

rudimentär werden.

[Illustration: Fig. 735. Palaeohatteria longicaudata Credn.

Rothliegendes bei Dresden. Schultergürtel von unten. cl = Clavicula; co

= Coracoid; e = Episternum; h = Humerus; s = Scapula.]

[Illustration: Fig. 736. Melanerpeton pulcherrimum Fritsch.

Rothliegendes bei Dresden. Schultergürtel von unten. co = Coracoid; s

= Scapula (?); th.l = seitliche Kehlbrustplatte (Clavicula); th.m =

mittlere Kehlbrustplatte (Episternum).]

[Illustration: Fig. 737. Beckengürtel und Sacralwirbel eines Reptils;

schematisch. N = Rückenmarkscanal. Theile des Sacralwirbels: c =

Wirbelcentrum; ob = oberer Bogen; od = Dornfortsatz; q = Querfortsatz;

z = Gelenkfortsatz. Theile des Beckens: il = Ileum; is = Ischium; p

= Pubis; sy = Symphyse der beiden Ischien. Aeussere Gliedmassen: f =

Femur; tf = Tibia und Fibula.]

[Illustration: Fig. 738. Schultergürtel von Echidna von der Seite und

etwas von unten. c = Coracoid; cl = Clavicula; e = Episternum; g =

Schultergelenk; pc = Praecoracoid; r₁-r₆ = 1. bis 6. Rippe (sternaler

Theil); s = Scapula; st = Sternum.]

Am Beckengürtel (Fig. 737) verbindet sich das dorsal vom Hüftgelenk

(Acetabulum) gelegene Ileum (il -- Darmbein) mit den Rippenfortsätzen

(q) der Sacralwirbel, am ventralen Theile ist meist ein vorderes

Pubis (p -- Schambein) vom hinteren Ischium (is -- Sitzbein) zu

unterscheiden. Bei den niedersten Stegocephala (Fig. 742) ist das

Pubis noch nicht verknöchert und kann selbst ganz fehlen. Pubis und

Ischium sind ursprünglich plattenförmig (Fig. 757); meist entsteht eine

einfache oder paarige Lücke zwischen ihnen, das Foramen obturatorium.

Bei den höheren Formen sind alle Theile jeder Beckenhälfte mit

einander innig verschmolzen. Die beiden Ischien und ebenso die beiden

Pubis sind gewöhnlich in der Mittellinie vereinigt (Sitzbein- und

Schambeinsymphyse -- Fig. 737 sy).

[Illustration: Fig. 739. A u. B Hatteria punctata Gray. Recent.

Neuseeland. Linkes Vorderbein. H = Humerus (B = distaler Theil von

unten) R = Radius U = Ulna c, c’ = Centralia ect u. ent = Foramina

epicondylaria i = Intermedium r = Radiale u = Ulnare 1-5 = 1.-5.

Carpale mt = Metacarpale des 1. Fingers I-V = Endphalangen. C Eryops

platypus Cope. Kohlenschichten von Ohio. Linker Hinterfuss. F =

Fibula f = Fibulare t = Tibiale c = Centrale 1-5 = 1.-5. Tarsale mt =

Metatarsale des 5. Fingers ph = Phalangen des 5. Fingers.]

Die einzelnen Abschnitte der freien Gliedmassen sind wenigstens

ursprünglich stets durch Gelenke mit einander verbunden;

Flossenstrahlen sind nie vorhanden. An den Vordergliedmassen sind

folgende Abschnitte zu unterscheiden (Fig. 739 A): Oberarm oder

Humerus (H), Unterarm mit Ulna (U) und Radius (R), Handwurzel oder

Carpus, Mittelhand oder Metacarpus, aus den 5 neben einander liegenden

Metacarpalia (mt) bestehend, deren jedes einen Finger (I-V) trägt

jeder Finger besteht aus mehreren Phalangen. Die entsprechenden

Theile der Hintergliedmassen (Fig. 739 C) sind: Oberschenkel (Femur),

Unterschenkel mit Tibia und Fibula (F), Fusswurzel (Tarsus), Mittelfuss

mit 1.-5. Metatarsale (mt) und 5 Zehen, jede wieder aus mehreren

Phalangen (ph) bestehend. Am Carpus und Tarsus sind folgende Elemente

zu unterscheiden:

Carpus (Fig. 739 A) | Tarsus (Fig. 739 C u. 740)

|

Proximale Reihe

|

{ Pyramidale (Triquetrum) = Ulnare (u) | Fibulare (f) = Calcaneus (Fig. 740 c)

{ Lunare (Lunatum) = Intermedium(i) | Intermedium } = Astragalus (a, Talus)

{ Scaphoid (Naviculare) = { Radiale (r) | Tibiale (t) }

{ Centrale (c) | Centrale(c) = Naviculare (n, Scaphoid)

|

Distale Reihe

|

{ Trapez (Multangulum majus) = Carpale 1 | Tarsale 1 = Cuneiforme 1

{ Trapezoid (Multangulum minus) = " 2 | " 2 = " 2

{ Magnum (Capitatum) = " 3 | " 3 = " 3

{ Unciforme (Hamatum) = { " 4 | " 4 = } Cuboid (cb)

{ " 5 | " 5 = }

Anm. Die cursiv gedruckten Ausdrücke werden bei Säugethieren verwendet,

die eingeklammerten sind in der menschlichen Anatomie gebräuchlich.

[Illustration: Fig. 740. Phenacodus primaevus Cope. Wasatch-Eocän von

Wyoming. Linker Hinterfuss. a = Astragalus; c = Calcaneus; cb = Cuboid;

n = Naviculare; 1-3 = Cuneiforme I-III; I-V = Metatarsale der 1.-5.

Zehe.]

Der Humerus (Fig. 739 B) zeigt bei zahlreichen Quadrupeda oberhalb

seines distalen Gelenkes Durchbrechungen, das Foramen ectepicondylare

(ect) auf der radialen Seite, das F. entepicondylare (ent) auf der

ulnaren Seite. Sehr selten (Hatteria -- Fig. 739 B) finden sich beide

Foramina; das F. entepicond. allein besitzen die Theromorpha und viele

Mammalia, das F. ectepicond. besitzen viele Reptilia; sehr häufig

fehlen diese Durchbrechungen ganz (Amphibia, viele Reptilia, Aves

und die höheren Mammalia). Die Knochen des Carpus und Tarsus ordnen

sich meist in zwei Reihen, eine proximale und eine distale, die mit

einander das Intercarpal-, bez. Intertarsalgelenk bilden. Bleibt das

Centrale (selten verdoppelt) isolirt, so liegt es zwischen beiden

Reihen. Während die proximale Reihe am Carpus meist drei Knochen zeigt,

sind dieselben am Tarsus (Fig. 740) meist auf zwei Knochen, Astragalus

und Calcaneus (a u. c) reducirt. Die distale Reihe zeigt gewöhnlich

nur noch vier Knochen, da das 4. und 5. Carpale bez. Tarsale selten

getrennt sind. Das häufig am Ulnare befestigte Pisiforme (Fig. 835 pi)

wird als Rudiment eines sechsten Fingers angesehen.

Bei der ursprünglicheren Form von Gliedmassen der Quadrupeda, dem

primitiven Gehfuss (Fig. 739), bleiben sämmtliche Knochen von einander

getrennt (bei den niedrigsten Formen ist der Carpus und Tarsus noch

nicht oder unvollständig verknöchert), die auf einander folgenden

Abschnitte sind durch Gelenke mit einander verbunden, der ganze Fuss

vom Carpus bez. Tarsus an ist flach und berührt den Boden (plantigrad),

Ulna und Radius, bez. Tibia und Fibula sind etwa gleich lang und

gleich stark, die fünf (selten vier) Finger (bez. Zehen) sind wohl von

einander gesondert, einzeln beweglich und bestehen aus einer mässigen

Anzahl von Phalangen. [Die Phalangenzahl ist ziemlich charakteristisch

für grosse Gruppen unter den Quadrupeda; so zeigen vom 1. bis 5. Finger

viele Amphibia 2, 2, 3, 4, 3, die meisten Sauropsida 2, 3, 4, 5, 3, die

Theromorpha und die meisten Mammalia 2, 3, 3, 3, 3 Phalangen.] Bei den

Sauropsida und Mammalia, ausnahmsweise auch bei Amphibia, tragen die

Endphalangen meist Krallen (Nägel oder Hufe).

Durch Anpassung an bestimmte Formen der Locomotion, besonders

Schwimmen, Fliegen, Laufen verändert sich der Fussbau ausserordentlich:

1. Bei Schwimmfüssen (Flossen -- Fig. 785) bleibt Ober- und Unterarm

kurz, die Hand wird verlängert; die einzelnen Abschnitte werden gegen

einander unbeweglich unter Verlust ihrer Gelenke, die Finger werden

mit einander durch ein gemeinsames Integument vereinigt, oft unter

starker Vermehrung ihrer Phalangenzahl und unter Verlust der Krallen;

alle Knochen werden platt (Ichthyopterygii, Pythonomorpha, Cetacea

etc.). Gewöhnlich sind hierbei die Vorderbeine mächtiger als die

Hinterbeine, die manchmal ganz verkümmern.

2. Bei Flügeln (nur Vordergliedmassen -- Fig. 796) werden einzelne

Abschnitte der Gliedmassen ausserordentlich verlängert, mitunter unter

Reduction der Fingerzahl, Verwachsungen, Verlust der Krallen

(Pterosauria, Aves, Chiroptera).

3. Bei Laufbeinen (Fig. 825) tritt der Fuss nur noch mit den Zehen

auf (digitigrad), der Mittelfuss wird verlängert und seitlich

eingerollt, einzelne Zehen werden kräftiger auf Kosten der übrigen,

die rudimentär werden und schliesslich ganz verschwinden können,

ebenso wird Radius und Tibia stärker auf Kosten von Ulna und Fibula,

und endlich können umfangreiche Verwachsungen eintreten (manche

Dinosauria, Aves, viele Mammalia). Entweder zeigen die Hinterbeine

ausschliesslich oder doch in höherem Grade als die Vorderbeine die

Charaktere der Laufbeine.

Bei manchen Quadrupeda verkümmern die äusseren Gliedmassen und können

selbst vollständig fehlen; mit ihnen verkümmern die Gliedmassengürtel,

aber nur in den extremsten Fällen (z. B. Ophidia) bis zu ihrem völligen

Verschwinden.

Unpaare Flossen können bei Quadrupeda vorkommen, besitzen aber nie

Flossenstrahlen oder Flossenträger.

Elemente der Paläontologie · 第 333 / 606 题