2. Der Schädel der Quadrupeda.

Bei den niedersten Quadrupeda, den Branchiosauri, war wie bei vielen

niederen Fischen das Gehirn noch vollständig von einer knorpeligen

Kapsel, dem Primordialcranium, eingehüllt; mit demselben sind

Palatoquadratum und Hyomandibulare verwachsen; auch die am Cranium

bewegliche Mandibula (Meckel’scher Knorpel) und das Hyoideum war nicht

verknöchert, so dass überhaupt kein Knorpelknochen am Schädel vorhanden

war. Dagegen zeigte sich (wie bei vielen niederen Euichthyes) der ganze

Kopf nach oben und nach den Seiten von einem zusammenhängenden Dach,

dem Kopfpanzer, bedeckt (Fig. 728), der aus zahlreichen oberflächlich

liegenden, sculptirten Haut- oder Deckknochen bestand und nur Lücken

liess für Auge (A), Nase (N) und Scheitelloch (P). Auch das Dach der

Mundhöhle zeigt Deckknochen. Vergl. S. 521-524.

[Illustration: Fig. 728. Branchiosaurus amblystomus Credn.

Rothliegendes des Plauenschen Grundes bei Dresden. Schädel von oben.

A = Augenhöhle; N = Nasengrube; P = Scheitelloch; e = Epioticum; f =

Frontale; fa = Praefrontale; fp = Postfrontale; im = Intermaxillare;

j = Jugale; m = Maxillare; n = Nasale; op = Postorbitale; os =

Supraoccipitale (Interparietale?); p = Parietale; qj = Quadratojugale

(von oben kaum sichtbar); sc = Scleroticalring; sq = Squamosum; ts =

Supratemporale.]

Auf einer höheren Stufe treten nun neben diesen Deckknochen auch

einzelne Knorpelknochen auf, und zwar entstehen in erster Linie die

anfangs allein die Hinterhauptsgelenke tragenden Exoccipitalia (Fig.

733 co), die das Gehörorgan bergenden Otica (Fig. 732 o) nebst den

Gehörknöchelchen, und die mit einander das Unterkiefergelenk bildenden

Quadratum (Fig. 732 g u. q, 730 q u. q’) und Articulare; es verknöchert

sodann das Supraoccipitale (os) oberhalb des Foramen magnum, im Boden

und in den Seitentheilen der Gehirnkapsel das Basioccipitale (Fig.

732, 733 ob) und das Basisphenoid (sb) mit den Alisphenoiden (as);

zuletzt das Präsphenoid mit den Orbitosphenoiden, sowie das Ethmoid;

dagegen ersetzen die oberhalb der knorpeligen Hirnkapsel liegenden

äusseren Deckknochen, Parietalia (Fig. 729 pa u. 730 p) und Frontalia

(f), die darunter liegenden Knorpelpartien und nehmen selbst Theil an

der Bildung der knöchernen Hirnkapsel, welche zuletzt bei den höheren

Quadrupeda das Gehirn vollkommen einschliesst (Fig. 729 u. 733) mit

Ausnahme der Oeffnungen, die zum Durchtritt der Gehirnnerven u. s. w.

nothwendig sind.

[Illustration: Fig. 729. Oreodon Culbertsoni Leidy.

White-River-Oligocän von Nebraska. Schädel von der Seite. ang =

Unterkieferwinkel; co = Condyli occipitales; f = Frontale; im =

Intermaxillare; j = Jugale; l = Lacrymale (mit Thränengrube); mx

= Maxillare; n = Nasale; o = Ohröffnung; ol = Exoccipitalia; os =

Supraoccipitale; pa = Parietale; pm = Processus paramastoideus; t =

Temporale mit dem Processus zygomaticus (z); i = Schneidezähne; c =

Eckzähne; p = Prämolaren; m = Molaren.]

[Illustration: Fig. 730. Hatteria (Sphenodon) punctata Gray von

Neuseeland; recent. Schädel von der Seite. A = Augenhöhle; D =

Durchbruch im Unterkiefer; F = Scheitelloch; N = Nasenhöhle; S = obere,

S’ = untere Schläfenhöhle. a = Angulare; as = Epipterygoid (Columella);

d = Dentale; f = Frontale; fa = Praefrontale; fp = Postfrontale;

im = Intermaxillare; j = Jugale; mx = Maxillare; n = Nasale; o =

Opisthoticum (der linken Seite); op = Postorbitale; p = Parietale; pa =

Palatinum; pt = Pterygoid; q = Quadratum der rechten, q’ = der linken

Seite; qj = Quadratojugale; sq = Squamosum.]

Während sich so im Innern eine knöcherne Gehirnkapsel nach und

nach ausbildet und vervollständigt, wird andererseits der äussere

Kopfpanzer, soweit er nicht besondere Funktionen erfüllt (Schutz

der Nasenhöhle, Theilnahme an der Bildung der Hirnkapsel, Träger

des Gebisses etc.) durchbrochen und hinfällig, indem er allmählich

mehr oder weniger grosse Lücken erhält. Vor allem wichtig sind

die Durchbrüche (Fig. 730) hinter der Augenhöhle (A), welche die

Schläfenlücken oder Schläfenhöhlen bilden, von denen eine obere (S)

und eine untere (S’) zu unterscheiden sind. Von der Augenhöhle (A)

werden sie abgegrenzt durch eine Brücke, die vom Frontale (f) nach

dem Maxillare (mx) (vom oberen nach dem unteren Orbitalrande) zieht,

und die aus dem Postfrontale (fp), Postorbitale (op) und Jugale (j)

besteht; die untere Schlafenhöhle (S’) wird nach unten abgeschlossen

durch den unteren Schläfenbogen, der aus dem Jugale (j) und

Quadratojugale (qj) besteht und das Maxillare (mx) mit dem Quadratum

(q) verbindet. Die untere Schläfenhöhle (S’) wird von der oberen (S)

getrennt durch den oberen Schläfenbogen, den Fortsätze des Squamosum

(sq, incl. Supratemporale) und Postorbitale (op) mit einander bilden;

nach hinten wird die obere Schläfengrube (S) abgeschlossen durch das

Squamosum (sq), welches Quadratum (q) und Parietale (p) mit einander

verbindet, die untere (S’) durch Squamosum und Quadratojugale (qj),

welche das Quadratum (q) bedecken.

Eine oder beide Schläfengruben sind bei vielen Reptilia wohl

ausgebildet; bei zahlreichen Quadrupeda aber geht die Auflösung

des Kopfpanzers noch weiter; es fällt der obere Schläfenbogen weg,

so dass beide Schläfengruben sich zu einer einzigen vereinigen (z.

B. Theromorpha, Aves, Mammalia -- Fig. 729), die oft auch von der

Augenhöhle nicht mehr abgeschlossen ist (Aves, viele Mammalia); es kann

auch der untere Schläfenbogen allein fehlen, während der obere erhalten

bleibt (Lacertilia); es können selbst beide Schläfenbögen zugleich

fehlen (z. B. Amphisbaenidae, Centetidae), und ebenso der Abschluss der

Schläfengruben nach hinten.

[Illustration: Fig. 731. Ceratosaurus nasicornis Marsh. Jura der

Felsengebirge. A Schädel von der Seite, B von oben. A = Augenhöhle;

L = Gesichtslücke (Thränenhöhle); N = Nasenhöhle; S = obere, S’ =

untere Schläfenhöhle; U = Durchbruch im Unterkiefer. -- d = Dentale;

f = Frontale; fa = Praefrontale; im = Intermaxillare; j = Jugale; l =

Lacrymale; m = Maxillare; n = Nasale; op = Postorbitale; q = Quadratum;

qj = Quadratojugale; sq = Squamosum.]

Ausser den Schläfenlücken entstehen manchmal noch Gesichtslücken (Fig.

731 L) vor den Augenhöhlen (Aves, viele Reptilia, Cervidae) und Lücken

im Unterkiefer (Fig. 731 U). Je lückenhafter der äussere Kopfpanzer

wird, um so mehr wird die ursprünglich bedeutende Anzahl der denselben

zusammensetzenden einzelnen Deckknochen beschränkt, indem Verwachsungen

eintreten oder einzelne Knochen nicht mehr zur Ausbildung gelangen. So

fehlen bei Ophidia fast sämmtliche postorbitale Deckknochen.

Die Gehirnkapsel ist ursprünglich, entsprechend der geringeren Grösse

des Gehirnes bei niederen Quadrupeda, sehr klein im Verhältniss zum

ganzen Schädel; mit der Grössenzunahme des Gehirnes bei den höheren

Quadrupeda wird auch die Gehirnkapsel umfangreicher und tritt dann

mit Deckknochen in Berührung, die früher von ihr entfernt waren; so

ist z. B. bei höheren Quadrupeda das Squamosum (Schuppe des Temporale

-- Fig. 729 t) im Stande, einen Theil der Seitenwände der Hirnkapsel

zu bilden. Die oberen Kieferränder werden (Fig. 731 u. 732) stets vom

Intermaxillare (im) und Maxillare (m) gebildet, an den unteren nimmt

das Dentale (d) den Hauptantheil (vgl. p. 524).

Die Mundhöhle besitzt ursprünglich nur ein einfaches Dach

(Schädelbasis) aus Deckknochen, die grosse Lücken (Fig. 744) zwischen

sich lassen, welche aber bei zahlreichen Formen mehr oder weniger

sich schliessen. Dies Dach (Fig. 732) besteht vorn aus dem paarigen

oder unpaaren Vomer (v), an den sich beiderseits die Gaumenbeine (pa)

anlegen und an diese die Flügelbeine (pt), welche sich meist bis zum

Quadratum (q) erstrecken; die Flügelbeine (pt) sind mitunter durch ein

besonderes Transversum (tr) mit dem Maxillare (m) in Verbindung (viele

Reptilia), manchmal auch durch ein Epipterygoid oder Columella (Fig.

730 as) mit dem Parietale (p). Der hinterste Theil des Mundhöhlendaches

wird ursprünglich von dem grossen Parasphenoid (Fig. 744 ps) gebildet

(Amphibia), das aber, sobald ein Basisphenoid (Fig. 732 sb) sich

entwickelt, rudimentär wird, mit diesem Knochen verschmilzt (durch

einen vorderen schnabelförmigen Fortsatz vertreten -- Fig. 732 sb) und

schliesslich ganz verschwindet (Sauropsida und Mammalia).

[Illustration: Fig. 732. Hatteria punctata Gray. Neuseeland.

Recent. Schädel von unten (Schädelbasis). Ch = Choanen; co =

Hinterhauptsgelenk (unpaar); g = Gelenkfläche für den Unterkiefer

am Quadratum; im = Intermaxillare; j = Jugale; m = Maxillare; o =

Opisthoticum; ob = Basioccipitale; p = Parietale; pa = Palatinum; pt =

Pterygoid; q = Quadratum; qj = Quadratojugale; sb = Basisphenoid mit

Parasphenoidfortsatz nach vorn; st = Stapes (Columella auris); tr =

Transversum; v = Vomer.]

Die Luft tritt ursprünglich (Fig. 732) durch die Nasenhöhle direct in

den vordersten Theil der Mundhöhle, indem die inneren Nasenöffnungen

(Ch -- Choanen) sich zwischen Vomer (v) und Maxillare (m, hinter dem

Intermaxillare im und vor dem Palatinum pa) öffnen. Bei Mammalia (Fig.

733) und einigen Sauropsida bilden aber die Maxillaria horizontale

Gaumenplatten (mx) quer durch die Mundhöhle, die sich in der

Mittellinie treffen; ihnen schliessen sich die Gaumenbeine (pl), selten

auch die Flügelbeine (pt) an, indem dieselben nach unten wachsen und

dann ebenfalls derartige Gaumenplatten entwickeln, die mit denen der

Maxillaria (mx) zusammen den harten Gaumen darstellen; letzterer bildet

demnach eine horizontale Scheidewand innerhalb der ursprünglichen

einfachen Mundhöhle, durch welche der obere Theil als Nasen-Rachengang

von dem unteren Theile, der eigentlichen Mundhöhle abgetrennt wird; die

Choanen (C) münden hinter dem harten Gaumen.

[Illustration: Fig. 733. Sus scrofa L. Recent. Schädel von unten. as =

Alisphenoid; C = Choanen; F = Foramen magnum; co = Hinterhauptsgelenke

(paarig): im = Intermaxillare; j = Jugale; mx = Maxillare mit

Gaumenplatte; ob = Basioccipitale; os = Supraoccipitale; pe = Petrosum;

pl = Gaumenplatte des Palatinum; pm = Processus paramastoideus; pt =

Pterygoid; sb = Basisphenoid; t = Gelenkfläche des Temporale; ty =

Tympanicura; v = Vomer.]

Gelenkhöcker neben dem Foramen magnum (F) zur Verbindung des Schädels

mit dem ersten Halswirbel sind stets vorhanden, mit Ausnahme der

niedersten Amphibia, deren Schädel noch keine Knorpelknochen besitzt

(Fig. 744); betheiligen sich an ihrer Bildung nur die beiden

Exoccipitalia, so ist das Hinterhauptsgelenk doppelt (Fig. 733 co --

Amphibia und Mammalia), nimmt auch das Basioccipitale (o.b) daran

wesentlichen Antheil (mitunter ausschliesslich), so wird es unpaar

(Fig. 732 co), einfach oder dreitheilig (Sauropsida). Fast stets finden

sich besondere Gehörknöchelchen, nur eines, Stapes oder Columella (Fig.

732 st), bei Amphibia und Sauropsida, drei bei Mammalia.

[Illustration: Fig. 734. Längsschnitt durch einen Säugethierzahn,

schematisch. C = Cement; D = Dentin; P = einfache Pulpahöhle; S =

Schmelz.]

Ein Scheitel- oder Parietalloch (Fig. 728 P) ist nur bei primitiveren

Formen vorhanden. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dasselbe einem

unpaaren Scheitel- oder Parietalauge entsprochen haben soll.

Kiemenbögen sind bei niederen Formen wohl entwickelt, doch auch hier

nur in geringer Zahl und oft nur auf die Jugendzeit beschränkt,

während sie bei Erwachsenen gewöhnlich rudimentär werden und selten

verknöchern; meist fehlen sie fast ganz.

Die Deckknochen des Munddaches scheinen ursprünglich sämmtlich dichte

Haufen kegelförmiger Zähnchen getragen zu haben (Fig. 745), während die

die Kieferränder bildenden Knochen immer nur eine einzige Zahnreihe

besitzen; bei den höheren Formen werden die Zähne allmählich nur auf

die Kieferränder (Fig. 733) beschränkt oder gehen selbst ganz verloren.

Die Zähne (Fig. 734) bestehen fast immer aus echtem Dentin (D), das

eine einfache, mitunter Radiärfalten bildende (Fig. 755) Pulpahöhle (P)

umgiebt; während die Krone eine Schmelzkappe (S) trägt, ist die Wurzel

von Knochengewebe (C -- Cement) bedeckt.

Elemente der Paläontologie · 第 332 / 606 题