1. Die Wirbelsäule der Quadrupeda.

An den Wirbeln der Quadrupeda sind die oberen Bögen stets verknöchert

und paarweise mit einander verschmolzen, gewöhnlich unter Ausbildung

eines längeren oder kürzeren Dornfortsatzes (Fig. 723 od). Abgesehen

von sehr wenigen der niedersten Formen ist auch das Wirbelcentrum (c)

wohl verknöchert. Der Wirbelkörper besteht gewöhnlich nur aus dem

Wirbelcentrum (c) und der Basis der oberen Bögen (ob). Bei den höheren

Formen ist im erwachsenen Zustande das Centrum mit den oberen Bögen

vollkommen verschmolzen, während im Jugendzustande und bei niederen

Formen die Grenze zwischen diesen beiden Theilen noch durch eine

Naht (neurocentrale Sutur) kenntlich ist. Während bei den niederen

Quadrupeda die Wirbelkörper fast stets amphicöl (Fig. 724 D) sind

und die Chorda noch intervertebral erhalten ist (selten Ringwirbel

mit persistirender Chorda), entstehen bei den höheren Formen unter

vollständiger Verdrängung der Chorda procöle, opisthocöle oder biplane

Wirbel. Mitunter zeigen die Wirbelkörper einen medianen ventralen Kiel,

die Hypapophyse.

[Illustration: Fig. 723. Rückenwirbel (links), bez. Halswirbel

(rechts) eines Reptils, schematisch. c = Wirbelcentrum; f = Foramen

transversarium; ob = oberer Bogen; od = oberer Dornfortsatz; q =

Querfortsatz; r = Rippe; r₁ = oberer, r₂ = unterer Rippenfortsatz; st =

Sternum; z = Gelenkfortsatz; N = Rückenmarkscanal.]

Untere Bögen nehmen nur bei einigen der ältesten Amphibia noch wie bei

den Pisces einen erheblichen Antheil am Aufbau aller Wirbel (vgl. p.

519), indem ihr basaler Theil, das Intercentrum (i), umfangreich und

mehr oder weniger weit zwischen je zwei Wirbelkörper eingekeilt ist

(Fig. 724 A, B u. C). Unter den Sauropsida und Mammalia finden sich

nur vereinzelte Formen, die noch kleine Rudimente des Intercentrum

zwischen den Rumpfwirbeln zeigen (Fig. 724 D); bei der grossen Mehrzahl

der Quadrupeda aber finden sich untere Bögen (abgesehen vom ersten

Halswirbel, dem Atlas) nur noch als Anhänge der Schwanzwirbel (Fig.

724 E ud), indem sie, meist als Y-förmige Sparrknochen (Fig. 725 ub,

ud), dem hinteren Theile der Wirbelkörper aufsitzen können, selten mit

denselben verschmolzen.

[Illustration: Fig. 724. A Embolomere Rumpfwirbel von Cricotus

hypantricus Cope aus dem Perm von Texas. B Rhachitome Rumpfwirbel und

C Schwanzwirbel von Archegosaurus Decheni Goldf. aus dem Rothliegenden

bei Saarbrücken. D Amphicöle Rumpfwirbel und E Schwanzwirbel von

Palaeohatteria longicaudata Credn. aus dem Rothliegenden des

Plauenschen Grundes bei Dresden. c = Wirbelcentrum; d = Diapophyse;

i = Intercentrum; k = Wirbelkörper; ob = obere Bögen; od = oberer

Dornfortsatz; p = Pleurocentra; pa = Parapophyse; ub, ud = untere Bögen

mit Dornfortsatz; z = vorderer, z’ = hinterer Gelenkfortsatz.]

Gelenkfortsätze (Fig. 724 A-E u. 725) finden sich stets bei den

Quadrupeda entwickelt, und zwar ein Paar vordere (z), mit der

Gelenkfläche nach oben und innen gerichtete, und ein Paar hintere (z’),

mit der Gelenkfläche nach unten und aussen gerichtete; bei einzelnen

marinen Formen können sie indess verkümmern, andererseits werden sie

bei einigen Lacertilia, den Ophidia und vielen Edentata sehr complicirt.

Die Rippen (vgl. p. 520) der Quadrupeda (Fig. 723 u. 726 r) sind

abgegliederte Theile von Rippenfortsätzen der oberen Bögen. Bleiben

noch proximale nicht abgegliederte Theile von diesen Rippenfortsätzen

übrig, so bilden dieselben Querfortsätze, an deren Enden die Rippen

artikuliren (Fig. 723 links, q). Vielfach sind die Rippen doppelköpfig

(Fig. 723 u. 726), den doppelten Rippenfortsätzen (r₁ u. r₂)

entsprechend, mit zwei proximalen Gelenkköpfen, dem unteren Capitulum

(ca) und oberen Tuberculum (t), die an zwei Gelenkgruben (Fig. 724 A)

artikuliren, der unteren Parapophyse (pa) und der oberen Diapophyse

(d) (welche Ausdrücke auch für die entsprechenden Querfortsätze

gebraucht werden). Die Diapophyse sitzt häufig am Ende eines längeren

Querfortsatzes (Fig. 723 q u. 726 links r₁), während die Parapophyse

oft so weit nach vorn rückt, dass sie auf den vorhergehenden Wirbel

übergreift, und andererseits oft unterhalb der neurocentralen Naht,

am Wirbelcentrum selbst sich findet. Doppelköpfige Rippen können

einköpfig werden durch Verschmelzen der beiden Gelenkköpfe oder durch

Verkümmerung des Capitulum oder des Tuberculum. Meist sind die vorderen

Rippen doppelköpfig und werden nach hinten allmählich einköpfig; doch

finden sich grössere Gruppen unter den Quadrupeda, bei denen nur

einköpfige Rippen vorkommen. Oft sind die Rippen in zwei oder drei

Stücke abgetheilt (Fig. 723, 726). Sind die Rippenfortsätze gar nicht

abgegliedert, so erscheinen sie nur als Querfortsätze (Fig. 725 q);

an den Halswirbeln umschliessen die Querfortsätze oft ein Foramen

transversarium (Fig. 726 rechts f), indem hier gewöhnlich die Enden

der beiden Rippenfortsätze (r₁ u. r₂) mit einander verwachsen.

[Illustration: Fig. 725. Schema eines Schwanzwirbels von Reptilien

mit Y-förmigen unteren Bögen (ub). c = Wirbelcentrum; od = oberer,

ud = unterer Dornfortsatz; q = Querfortsatz; z = Gelenkfortsatz; N =

Rückenmarkscanal.]

[Illustration: Fig. 726. Rückenwirbel (links), bez. Halswirbel (rechts)

eines Säugethieres, schematisch. c = Wirbelcentrum; ca = Rippenkopf

(Capitulum); f = Foramen transversarium; ob = oberer Bogen; od =

Dornfortsatz; r = Rippe; r₁ = oberer Rippenfortsatz (Querfortsatz); r₂

= unterer Rippenfortsatz; st = Sternum; t = Rippenhöcker (Tuberculum);

z = Gelenkfortsatz; N = Rückenmarkscanal.]

[Illustration: Fig. 727. Beckengürtel und Sacralwirbel eines Reptils;

schematisch. N = Rückenmarkscanal. Theile des Sacralwirbels: c =

Wirbelcentrum; ob = oberer Bogen; od = Dornfortsatz; q = Querfortsatz:

z = Gelenkfortsatz. Theile des Beckens: il = Ileum; is = Ischium; p

= Pubis; sy = Symphyse der beiden Ischien. Aeussere Gliedmassen: f =

Femur; tf = Tibia und Fibula.]

Bei den meisten Quadrupeda vereinigen sich die ventralen Endstücke

einer Anzahl von Rippen zur Bildung des Brustbeins oder Sternum (Fig.

723 u. 726 st), das bei niederen Quadrupeda knorpelig bleibt, bei

den höheren verknöchert; es besteht aus einer paarigen oder unpaaren

breiten Platte oder wird durch eine Anzahl schmaler, hinter einander

gelegener Stücke dargestellt (Fig. 738 st).

Sind die Hintergliedmassen nicht rudimentär, so bilden sich stets

ein oder mehrere Kreuzbein- oder Sacralwirbel aus (Fig. 727), deren

kräftige und breite Rippenfortsätze (q) das Becken (il) tragen.

Wenn, wie bei allen Sauropsida und Mammalia, mehrere Kreuzbeinwirbel

vorhanden sind, so vereinigen sich dieselben unbeweglich mit einander,

oft auch mit einigen der folgenden oder vorhergehenden Wirbel, und

bilden so das Kreuzbein oder Sacrum.

Durch die Kreuzbeinwirbel wird die Wirbelsäule der Quadrupeda in drei

Regionen zerlegt, in die präsacrale oder Rumpfregion, in die sacrale

oder Kreuzbeinregion selbst und in die postsacrale oder Schwanzregion.

Ist ferner ein Brustbein vorhanden, so bezeichnet man das Stück der

Wirbelsäule, welches vor dem ersten der das Brustbein tragenden Wirbel

gelegen ist, als Halsregion im Gegensatze zur eigentlichen Rumpfregion.

Bei den primitivsten Quadrupeda (z. B. Branchiosaurus -- Fig. 743)

tragen sämmtliche Wirbel mit Ausnahme der hinteren Schwanzwirbel

abgegliederte bewegliche Rippen. Bei den höheren Quadrupeda treten an

immer mehr Wirbeln unbewegliche Querfortsätze statt beweglicher Rippen

auf, bis letztere schliesslich nur noch auf die vorderen Rumpfwirbel

beschränkt sind; diese heissen dann Brust- oder Rückenwirbel im

Gegensatze zu den nur mit Querfortsätzen versehenen hinteren

Rumpfwirbeln, den Lendenwirbeln. Es lässt sich daher an der Wirbelsäule

der höheren Quadrupeda eine Hals-, Brust-, Lenden-, Kreuzbein- und

Schwanzregion unterscheiden.

1. Die Halswirbel tragen verhältnissmässig kurze, meist doppelköpfige

Rippen (Fig. 723 rechts r₁ + r₂) oder Querfortsätze (Fig. 726 rechts

r₁ + r₂), die ein Foramen transversarium (f) umschliessen können. Der

erste Halswirbel (Atlas) ist meist ringförmig und um sein eigenes

Centrum drehbar, das als Fortsatz (Zahnfortsatz oder Processus

odontoideus) des zweiten Halswirbels (Epistropheus) ausgebildet ist.

2. Die Brustwirbel tragen fast stets Rippen, die vorderen meist

doppelköpfige (Fig. 723 u. 726 links r), die hinteren einfache.

Elemente der Paläontologie · 第 330 / 606 题