Pleuracanthus Ag. (= Diplodus Ag., Orthacanthus Ag., Xenacanthus Beyr.,
Didymodus Cope, Fig. 645 u. 652).
Das ganze Skelet ist dermaassen mit körnchenartigen Verkalkungen
erfüllt, dass es dadurch in hohem Grade fossilisationsfähig ist.
Chordascheide ungegliedert, nicht verkalkt. Die dorsal verlängerten,
mit breiter Basis versehenen oberen Wirbelbogenhälften (Fig. 645 o.b)
bleiben vollständig getrennt. Die unteren Bögen bilden am Rumpfe
paarige Platten (hc), die fadenförmige Rippen (r) tragen; am Schwanze
verwachsen die Enden der unteren Bögen (ub) zu verlängerten Y-förmigen
Dornfortsätzen.
[Illustration: Fig. 652. Pleuracanthus Decheni Goldf. Rothliegendes.
Lebach b. Saarbrücken. A dreispitziger Kieferzahn. B vielspitziger
Schlundzahn von unten, C von oben gesehen.]
Der Schädel ist ganz selachierartig, besitzt aber kein Rostrum, und
der Mund ist endständig. Das Palatoquadratum (pq) ist Notidanus-artig,
indem die hintere Hälfte eine hohe Platte bildet, die mit einem
postorbitalen Fortsatz des Cranium in Gelenkverbindung steht; es trägt
gleich dem Unterkiefer (nd) wie bei Selachii zahlreiche regelmässige
Reihen von Zähnen (z); diese mit breiter Basalplatte versehenen Zähne
(Fig. 652 A) besitzen eine sehr grosse Pulpahöhle und zeigen zwei
lange äussere und eine kurze mittlere Spitze mit etwas gefurchter
Oberfläche. Das am Cranium bewegliche Hyomandibulare (hm) und das
Hyoideum (hy) tragen zahlreiche sehr lange Kiemen(haut)strahlen (k);
dahinter sind sieben Paare von Kiemenbögen beobachtet, die kurze
starre Kiemenstrahlen tragen. Vielspitzige kleine Zähnchen (Fig. 652
B, C) treten im Schlunde (sz) in dichten Haufen auf. Am Hinterende des
Schädels findet sich ein langer, platter, gerader, zweizeilig gezähnter
Nackenstachel (st).
Nicht weit hinter dem Nackenstachel beginnt die lange Rückenflosse
(d), die etwa über der Schwanzmitte durch einen Einschnitt von der
Schwanzflosse (c) getrennt ist; letztere ist diphycerk und endet in
einer dünnen Spitze. Die zahlreichen, gleichlangen Flossenstrahlen
(fs) der Rückenflosse werden von langen stabförmigen Flossenträgern
(ft) getragen, deren unterstes Ende (ft’) fadenförmig und abgegliedert
ist. Die Anzahl der Flossenträger entspricht der der oberen
Wirbelbogenhälften. Vor der Schwanzflosse finden sich unmittelbar
hinter einander zwei sehr kurze Afterflossen (an), deren Flossenträger
von vorn nach hinten an Stärke zunehmen und direct den unteren
Dornfortsätzen aufsitzen.
Der Schultergürtel (sg) besteht aus zwei ventral nicht vereinigten
Spangen mit abgegliedertem unterem Ende (sg’). Ein Höcker trägt die
Brustflossen; dieselben besitzen eine verlängerte vielgliederige
Hauptachse (ax) mit zweizeilig angeordneten Radien (ss), die aber nur
auf der ventralen (postaxialen) Seite auch an den proximalen Gliedern
der Hauptachse auftreten; der erste postaxiale Radius (bs) scheint
direct vom Schultergürtel zu entspringen.
Die an einem kleinen paarigen Becken (p) sitzenden Bauchflossen
bestehen ebenfalls aus einer vielgliederigen [beim Männchen mit dem
stachelähnlichen Begattungsorgan (cop) endenden] Hauptachse (ax’) mit
wesentlich einzeilig (postaxial) angeordneten Radien (ss’); neben der
Hauptachse entspringen direct vom Becken noch mehrere Nebenstrahlen
(bs’). Mit Ausnahme der unmittelbar dem Becken aufsitzenden Theile
tragen beim Männchen sämmtliche Elemente der Bauchflosse eine dichte
periostale Knochenrinde.
Die paarigen Flossen sind wenigstens theilweise mit mosaikähnlichen
Schüppchen (sch) bedeckt, der übrige Körper scheint im Gegensatze zu
den Haien vollkommen nackt gewesen zu sein.
Zähne und Ichthyodoruliten von Pleuracanthiden finden sich im Carbon
und Perm (? Keuper); vollständiger erhaltene Exemplare sind bisher nur
aus dem Perm bekannt geworden und zwar besonders aus dem Rothliegenden
von Lebach bei Saarbrücken, sodann aus Böhmen, Frankreich und
Nordamerika.
P. (Xenacanthus) Decheni Goldf. (= P. Gaudryi Brongn.) waren
gefrässige Raubfische von 30-80 cm Länge, in deren Magen sich nicht
selten vollständige Archegosauren und Acanthodiden finden.
Rothliegendes von Deutschland (bes. Saarbrücken, auch in Sachsen und
Schlesien), von Böhmen (Braunau etc.) und in Frankreich (Kohle von
Commmentry).
P. (Didymodus) platypternus Cope. Perm von Texas.
Unter allen bekannten Fischen, lebenden und fossilen, besitzt
Pleuracanthus den primitivsten Bau, und es ist unter ihnen die Form,
die den gemeinschaftlichen Vorfahren aller echten Fische noch am
ähnlichsten sein dürfte. Der Schädel mit dem Visceralskelet ist
durchaus der der Selachier, an die auch Zähne, Nackenstachel und
männliches Begattungsorgan erinnern; würden die übrigen Theile des
Skelets, nämlich Wirbelsäule und Gliedmassen allein bekannt sein, so
könnten dieselben sehr wohl auf einen Crossopterygier oder Dipnoer
bezogen werden.
Von Pleuracanthus-ähnlichen Formen sind die Selachii abzuleiten,
indem Verkümmerung der oberen und unteren Wirbelbögen und der Rippen,
Rückbildung der Dorsalflosse und ihrer Träger und umfangreiche
Verwachsungen am Skelet der paarigen und unpaaren Flossen eintraten.
(Die Gattung Cladodus (p. 546) ist jedenfalls eine Uebergangsform
von den Proselachii zu den Selachii.) Andererseits könnten auf
Proselachii auch die Teleostomi und Dipnoi zurückgeführt werden, wenn
man annehmen will, dass sich Deckknochen ausbildeten und das männliche
Begattungsorgan verloren ging.