Der Körper der Tunicata enthält keine Hartgebilde; es sind daher auch
keine fossilen Reste aus dieser Thiergruppe bekannt.
Anhang zu den Evertebraten.
Eine Anzahl erst unvollständig gekannter oder nicht bestimmt gedeuteter
Fossilien, wie das präcambrische Eozoon, die Archaeocyathinae,
Receptaculitidae u. a., wurden in der vorhergehenden Darstellung der
wirbellosen Thiere übergangen. Zum Schlusse möge noch einer Gruppe von
Körpern gedacht werden, die den Namen Fossilien in bedingter Weise
Verdienen, der
Organolithe.
Als solche bezeichnet man mikroskopisch kleine, zumeist
scheibenförmige, oft manschettenknopfartige oder stabförmige
Kalkkörperchen (Fig. 610), die in grossen Mengen in den heutigen
Meeresabsätzen gefunden werden, mit gleicher Häufigkeit aber in allen
Kalksteinen und Mergeln aus früheren Erdperioden anzutreffen sind,
soweit dieselben keine tiefgreifende Umkrystallisation erfahren haben.
So besteht namentlich die weisse Schreibkreide zum überwiegenden
Theile aus Coccolithen und Discolithen (A-C) oder ähnlichen, weniger
regelmässig umgrenzten Kalkkörperchen. Dieselben werden häufig nicht
aus einem einzigen Kalkspathkrystall, vielmehr aus sehr zahlreichen,
aber äusserst kleinen, entweder ungefähr parallel orientirten oder
nach Art der Sphärokrystalle radial um einen Punkt angeordneten
Kryställchen gebildet; das letztere ist bei den Coccolithen der
Fall, welche dementsprechend eine feine radiale Streifung (Fig. 610
B) und zwischen gekreuzten Nicols ein schwarzes Interferenzkreuz
erkennen lassen. Alle Versuche, diese Körper als das Product eines
bestimmten, sehr niedrig organisirten marinen Lebewesens (Bathybius)
hinzustellen, sind gescheitert, obgleich es kaum zweifelhaft sein
kann, dass bei ihrer Bildung organische Thätigkeit wirksam war und
ist. Denn wir kennen keinen Vorgang, durch welchen der im Meerwasser
kaum spurenweise gelöste kohlensaure Kalk in bedeutenderen Mengen
zum Absatz gebracht werden könnte, da der in das Meer in gelöster
oder aufgeschwemmter Form eingeführte kohlensaure Kalk sofort in das
schwefelsaure (bez. Haloid-) Salz übergeführt wird. Ein einfacher
Versuch lehrt, dass Eiweisssubstanz, in Gyps- oder Chlorcalciumhaltigem
Wasser der Zersetzung überlassen, kohlensauren Kalk in der Form
einfacher, scheibenförmiger, kugeliger oder stabförmiger Coccolithen
ausscheidet. Die Ausscheidung erfolgt durch das bei der Zersetzung
entstehende kohlensaure Ammoniak. Das Restproduct der Eiweisssubstanz
(eine stickstoffärmere, dem Chitin, Conchyliolin, Spongin etc.
ähnliche, sehr widerstandsfähige Masse) umgiebt die ausgeschiedenen
Kalkspathkryställchen als feine Häutchen und macht sie dadurch weniger
leicht angreifbar. Sein Vorhandensein verhindert die Bildung einfacher
Krystalle und verursacht die Sphärostructur. Nach diesem Versuche zu
schliessen findet eine Ausscheidung von kohlensaurem Kalk überall dort
im Meerwasser statt, wo Eiweiss- oder überhaupt Stickstoffhaltige
Substanzen der Verwesung anheimfallen. Das geschieht aber nicht nur an
abgestorbenen Organismen, sondern auch an der Körperoberfläche sehr
vieler, wenn nicht aller Wasserthiere. Auch solche Theile lebender
Wasserthiere, welche keine Kalkschale besitzen, wie z. B. der Fuss und
Sipho der Zweischaler, die ganze Oberfläche nackter Mollusken etc.
etc., sind in der Regel mit einem Ueberzuge von Conchyolin oder Chitin
bedeckt und letzterer enthält ausnahmslos kleine Kalkkörper zumeist
von unregelmässiger Begrenzung. Diese werden mit dem Chitinüberzuge
abgeworfen und tragen zur Bildung des Kalkschlammes auf dem Meeresboden
bei. Es erscheint dieser Vorgang der Kalkausscheidung wesentlich
identisch mit demjenigen, welcher zur Bildung fester Kalkschalen führt,
wobei das lösliche Kalksalz z. Th. vom umgebenden Medium oder (wie bei
den Landschnecken) ausschliesslich durch den Lebensprozess zugeführt
wird.
[Illustration: Fig. 610. Organolithe des Tiefseeschlammes. A Coccolith
im Querschnitt, B derselbe in der Flächenansicht, C Discolith, D
Cyatholith, E Rhabdolithe, F Coccosphären (um eine Kugel angeordnete
Coccolithe), G Rhabdosphären (um eine Kugel angeordnete Rhabdolithe).
Alle in sehr starker Vergrösserung.]
Hiernach scheint es berechtigt zu sein, alle in heutigen Meeren
entstandenen Absätze von kohlensaurem Kalk als durch organische
Thätigkeit bedingt anzusehen und diese Auffassung auch auf alle die
überwiegende Menge der kalkigen Sedimente aus früheren Zeiten unter der
Voraussetzung auszudehnen, dass die chemischen Vorgänge in den Meeren
der Vorzeit ähnliche waren, wie heut zu Tage. In diesem Sinne sind alle
marinen Kalksteine als Fossilien (zumeist durch Evertebrata erzeugt)
anzusprechen.
Unter welchen Bedingungen die zierlichen, stabförmigen Gebilde,
welche man als Rhabdolithen bezeichnet, gebildet werden, bleibt noch
zweifelhaft; sie finden (Fig. 610 E, G) sich mit den Coccolithen
zusammen im Tiefseeschlamm.
In bedingter Weise dürfte eine gleiche, d. h. wesentlich durch
organische Thätigkeit bedingte Entstehung auch für andere im Meere
abgesetzte Substanzen, wie die amorphe Kieselerde, das Eisenoxydhydrat
etc. geltend zu machen sein.