IX. Kreis: Tunicata (Mantelthiere).

Der Körper der Tunicata enthält keine Hartgebilde; es sind daher auch

keine fossilen Reste aus dieser Thiergruppe bekannt.

Anhang zu den Evertebraten.

Eine Anzahl erst unvollständig gekannter oder nicht bestimmt gedeuteter

Fossilien, wie das präcambrische Eozoon, die Archaeocyathinae,

Receptaculitidae u. a., wurden in der vorhergehenden Darstellung der

wirbellosen Thiere übergangen. Zum Schlusse möge noch einer Gruppe von

Körpern gedacht werden, die den Namen Fossilien in bedingter Weise

Verdienen, der

Organolithe.

Als solche bezeichnet man mikroskopisch kleine, zumeist

scheibenförmige, oft manschettenknopfartige oder stabförmige

Kalkkörperchen (Fig. 610), die in grossen Mengen in den heutigen

Meeresabsätzen gefunden werden, mit gleicher Häufigkeit aber in allen

Kalksteinen und Mergeln aus früheren Erdperioden anzutreffen sind,

soweit dieselben keine tiefgreifende Umkrystallisation erfahren haben.

So besteht namentlich die weisse Schreibkreide zum überwiegenden

Theile aus Coccolithen und Discolithen (A-C) oder ähnlichen, weniger

regelmässig umgrenzten Kalkkörperchen. Dieselben werden häufig nicht

aus einem einzigen Kalkspathkrystall, vielmehr aus sehr zahlreichen,

aber äusserst kleinen, entweder ungefähr parallel orientirten oder

nach Art der Sphärokrystalle radial um einen Punkt angeordneten

Kryställchen gebildet; das letztere ist bei den Coccolithen der

Fall, welche dementsprechend eine feine radiale Streifung (Fig. 610

B) und zwischen gekreuzten Nicols ein schwarzes Interferenzkreuz

erkennen lassen. Alle Versuche, diese Körper als das Product eines

bestimmten, sehr niedrig organisirten marinen Lebewesens (Bathybius)

hinzustellen, sind gescheitert, obgleich es kaum zweifelhaft sein

kann, dass bei ihrer Bildung organische Thätigkeit wirksam war und

ist. Denn wir kennen keinen Vorgang, durch welchen der im Meerwasser

kaum spurenweise gelöste kohlensaure Kalk in bedeutenderen Mengen

zum Absatz gebracht werden könnte, da der in das Meer in gelöster

oder aufgeschwemmter Form eingeführte kohlensaure Kalk sofort in das

schwefelsaure (bez. Haloid-) Salz übergeführt wird. Ein einfacher

Versuch lehrt, dass Eiweisssubstanz, in Gyps- oder Chlorcalciumhaltigem

Wasser der Zersetzung überlassen, kohlensauren Kalk in der Form

einfacher, scheibenförmiger, kugeliger oder stabförmiger Coccolithen

ausscheidet. Die Ausscheidung erfolgt durch das bei der Zersetzung

entstehende kohlensaure Ammoniak. Das Restproduct der Eiweisssubstanz

(eine stickstoffärmere, dem Chitin, Conchyliolin, Spongin etc.

ähnliche, sehr widerstandsfähige Masse) umgiebt die ausgeschiedenen

Kalkspathkryställchen als feine Häutchen und macht sie dadurch weniger

leicht angreifbar. Sein Vorhandensein verhindert die Bildung einfacher

Krystalle und verursacht die Sphärostructur. Nach diesem Versuche zu

schliessen findet eine Ausscheidung von kohlensaurem Kalk überall dort

im Meerwasser statt, wo Eiweiss- oder überhaupt Stickstoffhaltige

Substanzen der Verwesung anheimfallen. Das geschieht aber nicht nur an

abgestorbenen Organismen, sondern auch an der Körperoberfläche sehr

vieler, wenn nicht aller Wasserthiere. Auch solche Theile lebender

Wasserthiere, welche keine Kalkschale besitzen, wie z. B. der Fuss und

Sipho der Zweischaler, die ganze Oberfläche nackter Mollusken etc.

etc., sind in der Regel mit einem Ueberzuge von Conchyolin oder Chitin

bedeckt und letzterer enthält ausnahmslos kleine Kalkkörper zumeist

von unregelmässiger Begrenzung. Diese werden mit dem Chitinüberzuge

abgeworfen und tragen zur Bildung des Kalkschlammes auf dem Meeresboden

bei. Es erscheint dieser Vorgang der Kalkausscheidung wesentlich

identisch mit demjenigen, welcher zur Bildung fester Kalkschalen führt,

wobei das lösliche Kalksalz z. Th. vom umgebenden Medium oder (wie bei

den Landschnecken) ausschliesslich durch den Lebensprozess zugeführt

wird.

[Illustration: Fig. 610. Organolithe des Tiefseeschlammes. A Coccolith

im Querschnitt, B derselbe in der Flächenansicht, C Discolith, D

Cyatholith, E Rhabdolithe, F Coccosphären (um eine Kugel angeordnete

Coccolithe), G Rhabdosphären (um eine Kugel angeordnete Rhabdolithe).

Alle in sehr starker Vergrösserung.]

Hiernach scheint es berechtigt zu sein, alle in heutigen Meeren

entstandenen Absätze von kohlensaurem Kalk als durch organische

Thätigkeit bedingt anzusehen und diese Auffassung auch auf alle die

überwiegende Menge der kalkigen Sedimente aus früheren Zeiten unter der

Voraussetzung auszudehnen, dass die chemischen Vorgänge in den Meeren

der Vorzeit ähnliche waren, wie heut zu Tage. In diesem Sinne sind alle

marinen Kalksteine als Fossilien (zumeist durch Evertebrata erzeugt)

anzusprechen.

Unter welchen Bedingungen die zierlichen, stabförmigen Gebilde,

welche man als Rhabdolithen bezeichnet, gebildet werden, bleibt noch

zweifelhaft; sie finden (Fig. 610 E, G) sich mit den Coccolithen

zusammen im Tiefseeschlamm.

In bedingter Weise dürfte eine gleiche, d. h. wesentlich durch

organische Thätigkeit bedingte Entstehung auch für andere im Meere

abgesetzte Substanzen, wie die amorphe Kieselerde, das Eisenoxydhydrat

etc. geltend zu machen sein.

Elemente der Paläontologie · 第 256 / 606 题