In den obersten Schichten der alpinen Trias, ungleich häufiger aber in
den alleruntersten Schichten des Jura in Europa (und Südamerika) tritt
eine Gruppe leiostraker, weit genabelter Ammoniten auf, deren Vorfahren
bis jetzt noch nicht ermittelt sind. Der Mangel einer Berippung (Fig.
516), sowie der phylloide Charakter der Lobenlinie (C) scheinen darauf
hinzudeuten, dass sich diese Formen gleichfalls an die weitnabeligen
Phylloceratidae der Trias anschliessen, wie die Lytoceratidae. Sie
unterscheiden sich von den Gliedern dieser Familie durch die schräge
Stellung des zweiten Seitenlobus und der Hilfsloben, welche einen nach
der Naht hin zurückweichenden Suspensivlobus (C su) bilden. Dieses ist
die Gattung
Psiloceras Hy. (Fig. 516). Schale meist weit-, seltener enggenabelt,
glatt oder berippt. Aussenseite gerundet (B), im Alter oft schwach
zugeschärft, aber ohne Kiel oder Furche. Mundrand aussen schwach
vorgezogen, seitlich ausgebuchtet, oft eingeschnürt (e). Loben häufig
blattförmig endigend (C). Der zweite Seitenlobus mit den Hilfsloben
einen Suspensivlobus bildend. Erster Seitenlobus tiefer als der
Aussenlobus. Anaptychus vorhanden (A an). Im alpinen Rhät, sehr häufig
in den tiefsten Schichten des Lias α (»Psilonotenschichten«) in den
Alpen, auch in Mitteleuropa und Peru.
A. Schale ungerippt.
Ps. planorboides Gü. Rhätische Schichten. Nordalpen.
Ps. planorbis Sow. (= A. psilonotus laevis Qu.) (Fig. 516 A, B).
Leitfossil für die tiefste Zone des Lias in Mitteleuropa, auch in den
Alpen.
Ps. calliphyllum Neum. (Fig. 516 C). In den gleichen Schichten wie
vorige Art, aber nur in den Alpen.
B. Schale mit geraden oder nach vorn geschwungenen Rippen, Falten
oder Streifen, welche gegen die Aussenseite zu schwächer oder
stärker werden und sich meist nach vorn richten.
Ps. Johnstoni Sow. (= A. psilonotus plicatus Qu.).
Psilonotenschichten. Innerhalb und ausserhalb der Alpen.
Ps. laqueolus Schlb. Psilonotenschichten. Mitteleuropa.
Ps. laqueus Qu. Obere Psilonotenschichten. Mitteleuropa.
Ps. Naumanni Neum. Unterer Lias der Nordalpen.
C. Schale mit unregelmässigen, feinen Streifen, welche ohne
Abschwächung oder Verstärkung über die Aussenseite verlaufen.
Ausseralpin.
Ps. miserabile Qu. Unterer Lias (α). Mitteleuropa.
Wie es scheint, stammen alle Ammoniten des Jura und der Kreide,
soweit sie nicht den bereits behandelten Familien der Amaltheidae,
Phylloceratidae und Lytoceratidae zufallen, von den »Psilonoten« des
untersten Lias ab. Es lässt sich das Heer der jüngeren Formen nach der
Gestalt der Schale und Berippung in zwei Abtheilungen bringen, die
zwar nicht immer leicht aus einander gehalten werden können, aber im
Allgemeinen folgendermaassen unterschieden sind:
I. Abth. Carinati. Schalenverzierung im allgemeinen schwach. Rippen
sichelförmig, selten geknotet. Aussenseite der jurassischen Formen
meist mit Septalkiel, die der cretacischen gerundet oder abgeplattet
und dann die Schale meist mit Einschnürungen. Nebenformen unbekannt.
Aptychus gefaltet.
II. Abth. Annulati. Schale meist mit starken und geraden, selten
sichelförmigen, einfachen oder gespaltenen Rippen verziert. Aussenseite
meist gerundet, selten gekielt; der Kiel mancher jurassischen Formen
ist meist ein Schalenkiel. Knoten und Stacheln häufig. Nebenformen
zahlreich. Aptychus ungefaltet.
Innerhalb einer jeden der beiden Abtheilungen unterscheidet man eine
Anzahl von Unterfamilien, deren genetische Beziehungen sich nach dem
heutigen Stande unserer Kenntnisse folgendermaassen darstellen (N
bedeutet das Auftreten von Nebenformen):
Carinati Annulati
+-----------------+ +------------------------------------------+
| | | |
3) Haploceratinae 7) Perisphinctinae N }
| | } Kreide
2) Harpoceratinae 5) Cosmoceratinae N | 6) Stephanoceratinae }
| \ | / } Jura
| \ | / }
1) Arietitinae 4) Aegoceratinae }
\ /
\ /
Psiloceras