Die Systematik der Ammonoidea

gestaltet sich für den Anfänger deshalb besonders schwierig, weil die

auffallendsten Merkmale, wie Involution, Berippung und Lobirung sich in

verschiedenen Zweigen des Stammes in gleicher oder sehr ähnlicher Weise

wiederholen. Nach der früheren Eintheilung unterschied man:

Goniatiten mit ganzrandiger Lobenlinie,

Ceratiten mit gezähnter Lobenlinie und

Ammoniten mit zerschlitzter Lobenlinie

und brachte damit nur Veränderungen zum Ausdruck, welche alle oder

doch die meisten Glieder des Stammes mehr oder weniger gleichmässig

betroffen haben. Nach der Aufrollung der Schale wurden innerhalb dieser

Abtheilungen Gattungen nach der Berippung und Lobirung, innerhalb der

Gattungen Gruppen unterschieden, welche theils nahe verwandte, theils

aber weit entfernt stehende Formencomplexe umfassten. Die Auffindung

zahlreicher neuer Formen in den letzten Decennien -- es mögen wohl

an 4000 sog. Arten im Ganzen fixirt sein -- ermöglichte es, vielfach

genetische Reihen festzulegen, deren einzelne Glieder nur durch

geringfügige Merkmale von einander abweichen. Es steht zu erwarten,

dass eine weitere Bereicherung des Materials eine wirklich natürliche

Gruppirung aller Ammonoidea, als Ausdruck der Stammesentwickelung,

gestatten wird; denn Quenstedt sagt mit Recht:

»Formen an sich giebt es bei den Ammoniten unzählige, sie bilden

zusammen eine continuirliche Reihe, worin nicht zwei absolut gleich

werden, aber die Kennzeichen treten sich zuletzt so nahe, dass der

ausgebildetste Formensinn sie nicht mehr zu erfassen vermag. Die

Sterne am Himmel kann man nothdürftig zählen, aber Ammonitenspecies im

Schoosse der Erde nicht.«

Die jetzt gebräuchliche Eintheilung in Familien darf im Grossen und

Ganzen wohl als eine natürliche gelten, aber der Zusammenhang mancher

derselben ist noch nicht mit Sicherheit ermittelt. Zweifellos sind

aber die Mehrzahl der formenreicheren Gattungen polyphyletische; die

allmählich eintretenden Veränderungen haben sich über einen grösseren

Formencomplex mehr oder weniger gleichzeitig erstreckt und dadurch sind

scheinbar sehr ähnliche, genetisch aber verschiedene Parallelreihen

entstanden. In die Categorie der in verschiedenen Reihen fast oder

ganz gleichartig eingreifenden Veränderungen sind z. B. zu zählen: die

Aufrollung der Schale, die Complication und Reduction der Loben, das

Auftreten von Hilfs- und Adventivloben, die Rippen-, Knoten-, Kiel-

und Furchenbildung, die Verdickung des Aptychus u. a. Im Nachstehenden

wurden die Goniatiten aus Zweckmässigkeitsgründen von den Ammoniten

getrennt behandelt, letztere nach dem Verhalten der ersten Scheidewand

in die beiden Abtheilungen der Latisellati und Angustisellati zerlegt,

wobei jedoch zu bemerken ist, dass die glattschaligen Latisellati

vielleicht mit den Angustisellati näher verwandt sein mögen, als mit

den rauhschaligen Latisellati. Wir folgen im Wesentlichen der uns im

Manuscript zur Verfügung gestellten Eintheilung v. Sutner’s.

Abtheilung I. Goniatitidae.

Als Goniatitidae fassen wir hier alle diejenigen Ammonoideen-Schalen

zusammen, welche durch unzerschlitzte Lobenlinie von ihren jüngeren

Nachkommen und Verwandten sich unterscheiden. Ihre Scheidewände sind

zumeist procöl und zu kurzen Septaldüten verlängert. Der Mundrand

zeigt einen Ausschnitt auf der Bauchseite. Der Aussenlobus ist

meist tief trichterförmig, bei den jüngeren Formen wird er durch

einen Mediansattel zweitheilig. Die Sculptur ist zumeist noch wenig

entwickelt. Die jüngeren Ammoniten wurzeln in den Goniatitidae,

aber nicht alle Zweige derselben scheinen in der mesozoischen

Periode mit ammonitischen Nachkommen fortzusetzen, vielmehr dürften

einzelne Gruppen erlöschen. Die Goniatiten beschränken sich nicht

auf die paläozoischen Formationen, auch in der Trias giebt es noch

Schalen mit unzerschlitzter Lobenlinie; letztere lassen sich aber

zum grössten Theil an die gleichaltrigen Ammoniten anschliessen. Von

den eigentlichen Goniatiten scheiden sich die sog. Clymenien durch

die dorsale Lage des Sipho und die langen Septaldüten ab. Sie sind

als ein Zweig der Goniatiten zu betrachten, der sehr früh (im Devon)

zu erlöschen scheint. Die silurischen Ahnen der Goniatitidae sind

theils in gestreckten Orthoceras-Formen, theils wohl in eingerollten

Nautilidae mit erhaltener Embryonalblase wie Trocholites zu suchen.

Man lässt die Goniatiten mit dem Devon beginnen und benutzt als

Unterscheidungsmerkmale von den Nautilidae die geringe Weite des Sipho,

das Auftreten eines Aussenlobus, vor allem aber das Vorhandensein der

Embryonalblase. Letztere ist bei einigen der ältesten Formen eiförmig,

wie bei der lebenden Gattung Spirula -- Asellati spiruliformes

(Fig. 401), bei anderen jedoch schon spiral eingerollt -- Asellati

ammonitiformes. Alle Goniatiten-Reihen beginnen mit Formen, welche ein

flaches erstes Septum besitzen, erst später springt auf der Aussenseite

ein einziger breiter Sattel vor -- Latisellati (Fig. 438). Die

bisherige Eintheilung der Goniatiten basirte auf der Complication der

Lobenlinien (Nautilini, Simplices, etc. -- siehe p. 399). Wir zerlegen

die Goniatiten (mit Ausschluss der Clymenien) in zwei Reihen, aus denen

die beiden Abtheilungen der Latisellati und Angustisellati unter den

Ammoniten sich zu entwickeln scheinen: Anarcestinae und Mimoceratinae.

Diese beiden Reihen unterscheiden sich in ihren ältesten Vertretern nur

wenig; es vermehrt sich aber die Zahl der Seitenloben bei der Mehrzahl

der Mimoceratinae sehr rasch und beträchtlich, so dass im Oberdevon

zumeist schon eine normale oder überzählige Lobenstellung erreicht ist,

während dieser Vorgang bei den Anarcestinae in viel beschränkterem

Maasse und meist viel später (Trias) Platz greift und die Loben niemals

überzählig werden. Diese Unterschiede kommen später auf der ersten

Scheidewand zum Ausdruck. (Latisellat und Angustisellat.)

Eintheilung der Goniatitidae.

Goniatites. Sipho bauchständig, dünn. Septaldüten meist kurz; nur bei

den ältesten Formen trichterförmig. Aussenlobus trichterförmig, bei

den jüngeren Formen durch einen Mediansattel getheilt. Unterdevon --

Perm.

Clymenia. Sipho rückenständig, relativ weit. Septaldüten meist lang.

Aussenlobus nur selten entwickelt. Nur im Oberdevon.

Goniatites.

Die unter diesem Sammelnamen zusammengefassten Formen gruppiren sich

wie folgt:

Reihe I. Anarcestinae (Formenreihe des G. lateseptatus). Lobenzahl

mit seltenen Ausnahmen gering (ein Seitenlobus); wenn mehrere Loben

vorhanden, gewöhnlich gleich gross. Erste Scheidewand anfangs asellat,

später latisellat. Schale bei den jüngeren Formen nicht selten

querberippt.

Reihe II. Mimoceratinae (Formenreihe des G. compressus). Loben sehr

rasch sich vermehrend und ungleich. [Wenn ein einziger Seitenlobus

persistirt, so kommt derselbe innerhalb der Projection des

vorhergehenden Umganges zu liegen (Fig. 477)]. Erste Scheidewand

anfangs asellat, später wahrscheinlich angustisellat. Schale sehr

selten berippt.

Elemente der Paläontologie · 第 194 / 606 题