Die Zellen der Chilostomata sind häufig gar nicht oder nur zum Theil
verkalkt, wodurch ihre Erhaltung im fossilen Zustande beeinträchtigt
wird. Nur bei dieser Unterordnung kommen die p. 190 als Avicularien
und Vibrakel erwähnten umgebildeten Zellen vor. Auch Ovicellen finden
sich häufig, während sie bei Cyclostomen nur sehr selten auftreten.
Die Chilostomata müssen als die jüngere Abtheilung gelten, denn ihre
ältesten Vertreter werden erst im Jura, ja vielleicht sogar erst in der
Kreide gefunden. Im Tertiär und in der Jetztwelt dominiren sie über die
Cyclostomata.
A. Zellen nicht vollständig verkalkt. Vorderwand der Zellen häutig.
[Illustration: Fig. 188. Membranipora bipunctata Schafh. Oberoligocän.
Astrupp bei Osnabrück. r = die verkalkten, vorstehenden Seitenwände; o
= Zellmündungen.]
[Illustration: Fig. 189. Lepralia coccinea Johnst. Miocän. Ungarn. a =
Zellmündungen; ov = Ovicellen av = Avicularien.]
Membranipora Blv. (Fig. 188). Der Stock überzieht rindenartig andere
Körper oder ist frei und besteht aus einer Schicht horizontal neben
einander gelagerter, polygonaler, flacher Zellen. Die Seitenwände
sind verkalkt und stehen auf der Vorderseite mit einem Rande vor (r),
während die häutigen, an fossilen Stücken oft ganz verschwundenen
Vorderwände eingedrückt erscheinen. Die Zellmündung (o) liegt am oberen
Ende der Vorderwand und besitzt einen annähernd halbmondförmigen
Umriss. Ovicellen und Avicularien vorhanden oder fehlend. In
zahlreichen Arten von der unteren Kreide bis in die Gegenwart.
M. irregularis Hag. Obere Kreide. Frankreich, Norddeutschland,
Böhmen etc.
M. bipunctata Schafh. (Fig. 188). Eocän, Oligocän und Miocän.
Mitteleuropa.
M. membranacea Blv. Lebend. Europäische Meere.
B. Zellen vollständig verkalkt.
Lepralia John. (Fig. 189). Der Stock wächst incrustirend oder frei
in blätterigen Ausbreitungen. Eine, oder zwei mit der Rückseite
verwachsene Zelllagen vorhanden. Zellen ganz kalkig, eiförmig, mit
hufeisenförmiger Mündung (a). Ovicellen (ov) und Avicularien (av)
häufig vorhanden. Kreide, tertiär und lebend. Häufig im Tertiär und in
den heutigen Meeren.
L. fenestra Rss. Obereocän. Nord- und Südseite der Alpen.
L. coccinea Johnst. (Fig. 189). Jungtertiär und lebend häufig.
Lunulites Lmk. (Fig. 190 A, B). Freie, seltener festgewachsene,
oben gewölbte, unten flache oder concave, kreisrunde Stöcke, die
nur aus einer Schicht radial angeordneter, gerundet quadratischer
Zellen bestehen. Die grossen Zellmündungen (z) liegen alle auf der
Oberseite. Abwechselnd mit den normalen Zellen stehen kleine, ovale
Vibracularzellen (C v). Unterseite mit radialen Furchen (B). Kreide,
Tertiär und lebend.
L. cretacea d’Orb. (Fig. 190 A, B). Senon. Frankreich,
Norddeutschland.
L. radiata Lmk. Eocän. Pariser Becken.
L. tetragona Rss. (Fig. 190 C). Oligocän. Vicentin.
[Illustration: Fig. 190. A, B Lunulites cretacea d’Orb. Oberes Senon.
Meudon b. Paris. A ein Stock von oben. B Querschnitt desselben. C
L. tetragona Rss. Eocän. Vicentin. Ein Theil der Oberfläche mit den
Oeffnungen der normalen Zellen (z) und den kleineren Vibracularzellen
(v).]
[Illustration: Fig. 191. A, B Cellepora proteiformis Rss. Obereocän.
Vicentin. A ein Stock. B vergrösserte Oberfläche desselben, die
krugförmigen Zellen mit ihren doppelten Mündungen (a = Zellmündungen,
av = Mündungen der Avicularzellen) zeigend.]
Cellepora Fabr. (Fig. 191 A, B). Stock knollig oder ästig, ein
unregelmässiges Agglomerat krugförmiger Zellen bildend. Meist zeigt
jede Zelle 2 verschieden grosse Oeffnungen, deren eine von der normalen
Zelle (a), deren andere, kleinere (av), von einer Avicularzelle
herrührt. Zellwände oft durch Eindrücke verziert (B). Sehr häufig im
Tertiär; auch lebend.
C. proteiformis Rss. (Fig. 191). Obereocän. Vicentin.
C. conglomerata Gf. Oligocän, Miocän. Europa.
C. ramulosa Lin. Neogen und lebend. Nordeuropa.
Obgleich fossile Bryozoen fast in allen Formationen zu den häufigeren
Erscheinungen gehören, so ist doch die Systematik zur Zeit noch wenig
ausgearbeitet. Bezüglich der vertikalen Verbreitung lässt sich nur
anführen, dass die Cyclostomata offenbar die ältere, im paläozoischen
und mesozoischen Zeitalter herrschende Unterordnung, die Chilostomata
die jüngere Abtheilung ist, welche sich erst zur Kreidezeit formenreich
entwickelt und im Tertiär und in der heutigen Fauna über die ältere
Abtheilung überwiegt. Einige, zur paläozoischen Periode herrschende
Typen, wie Fenestella, Acanthocladia etc., sind als ausgestorben zu
betrachten.
Die Bryozoen der Vorzeit lebten, wie ihre heutigen Nachkommen, meist
gesellig; die zierlichen, kalkigen Stöcke finden sich in gewissen
Schichten in so grossen Mengen angehäuft, dass man nach Analogie
der Korallenriffe von Bryozoenriffen sprechen kann. Doch setzen sie
selten ein Gestein ausschliesslich, sondern meist unter gleichzeitiger
Betheiligung anorganischen Sedimentes und anderer Thierreste zusammen.
Derartige massenhafte Anhäufungen von Bryozoenstöcken finden sich z. B.
im:
Unter- und Obersilur. Nordeuropa, Nordamerika.
Subcarbon. Nordamerika.
Perm (Zechstein). Norddeutschland. England.
Mittleren Dogger (Sowerbyi-Schichten). Lothringen.
Oberen Dogger. Normandie, Lothringen.
Neocom. Norddeutschland, Schweizer Jura, Oestl. Frankreich.
Urgo-Aptien. Nordalpen, Schweizer Jura.
Cenoman. Frankreich, Norddeutschland.
Oberen Turon, Senon und Danien. Frankreich, England, Norddeutschland.
Obereocän und Unteroligocän. Nord- und Südrand der Alpen.
Mittel- und Oberoligocän. Norddeutschland.
Miocän. Süddeutschland, Oesterreich-Ungarn, Westfrankreich, Italien.
Pliocän. Italien, England.