[13] Am Zigeuner liegt die Grube Fridolin mit ihren schönen einfachen

Säulen des Zinnsteins, Pistacit, Arinit, Sahlit u. s. w.

Großpöhla.

In den 109 dicht zusammengedrängten und vielfach in einander

verkästelten und beschindelten Häusern, mit Einschluß von dem

nebenangelegenen Kleinpöhla, wohnen nicht weniger als 1489 Menschen,

von welchen das Männergeschlecht bei den beiden Hammerwerken, dem

sogenannten Biedermann'schen und dem Pfeilhammer, großentheils seine

Nahrung findet, Weiber und Kinder hingegen das Spitzenklöppeln treiben.

Schon im Jahre 1593 besaß +Hans Klinger+ den Pfeilhammer und nach ihm

der Hauptmann +Karl Goldstein+ zu Quedlinburg und der Kammermeister

+Marcus Röhlig+ 1600. Das Erbgericht zu Großpöhla erhielt +Velten Hans+

durch den +Grafen Ernst von Schönburg+ zuerst in dieser Eigenschaft.

Die +Leistner+'sche Spitzenhandlung ist sehr gut renommirt, auch

die großartige Kalkbrennerei und der Magneteisensteinbergbau des

Pfeilhammerbesitzers. Großpöhla ist in dem Rufe, viel schöne Mädchen

und Weiber zu haben, denen jedoch eine große Geschwätzigkeit und ein

solcher ungemeiner Wortverbrauch im Conversationsleben, das heißt unter

sich, eigen ist, wie es im Gebirge nicht leicht wieder vorkommt. Sie

wiederholen nämlich häufig die Phrasen stückweise; z. B. »Wo gehst Du

hin -- gehst de?« -- »Was machst Du denn Mahd (Magd) -- he, Mahd?« --

»Kneip die Katz nicht in Schwanz -- kneip se, sie hot Junge im Leib --

hot se.« -- »Tausende, güldige, schöne Band-, Borden- und Zwirnlorn von

Ehrenfriedersdorf, sei sie ner amol so gut und hol' sie mein'n Bruder

'n Gevatter Schererzgottlieb a weng Tobakpfeifenfeuer 'rein;« statt:

»hole doch meinem Bruder Tabakfeuer;« -- mag wohl erdacht sein, ist

aber für die Vielredenheit sehr bezeichnend. Zu der Geschwätzigkeit

gesellt sich noch unter den Proletariern eine Menge sonderbarer

Gebräuche und das Familienleben bezeichnender abergläubischer

Gebahrungen, besonders zur Weihnachtszeit, denen man in folgendem

Liedchen begegnet, welches eine Pöhlaerin in ihrem Dialekt selbst zum

Verfasser hat.

Das Weihnachtsfest.

Heut is der heil'ge Ahmt (Abend) ihr Mähd,

Kummt h'rei, mir gießen Blei;

Rick', laf glei 'naus zur Hanne-Christ,

Die muß bei Zeiten h'rei.

Ich ho men Lechter ohgezünd't,

Sät 'nauf ihr Mähd die Pracht!

Ah, drieb'n bei euch is oh racht fei,

Ihr hat a Sau geschlacht't.

Säht oh ihr Mähd das rare Licht

Uem zwa un zwanzig Pfeng,

Ich muß meins in a Tippel stell'n,

Mei Lechter is ze eng.

Kahr (Karl) zünd a Weihnachtskerzle oh,

Daß's wie Weihnachten riecht,

Un stell's hin uf das Scherbel dort,

Dos unnern Ufen liegt.

Lott'! dorten uf der Hühnersteig

Do liegt men Lob sei Blei;

Mohd, rossel fei net sehr dort rüm,

Sinst wird der Krinerts scheu.

Denn's Mahsvolk hot sei Frahd (Freude) an wos,

Sei's ah, an wos es will;

Mei Voter hot's an Vogelstell'n,

Der Kahr hot's an dem Spiel.

Ich gieß fei erst! -- Wen krieg' ich däh? --

Säht oh, än Hammerschmied;

Die Korli (Karoline) lacht, die denkt wuhl gor,

Ich mähn (meine) ihr'n Karl-Fried.

Mer (wir) ham uf sachze Butterstolln,

Su lang wie d' Ufenbank;

Heut wird ämol gefraßen wärn,

Ihr Mähd mer wären krank.

Mer hon ah neunerlah gekocht,

Ah Worst und Sauerkraut;

Mei Mutter hot sich ohgerennt (abgerennt)

Die olle gute Haut.

Rick', bruck dä Sammelmillig ei,

Nasch' aber net darvu;

Ihr Jungen, wärft ken Respel roh (herunter)

In's heil'ge Ahmt Struh.

Wär is dort über'n Schwamme-Tupp?

Nu Henner (Heinrich), härst de net!

Wort'! itze wenn der Voter kimmt,

Mußt wahrlich n'auf ze Bett.

Ach, horcht ner nei in Ufen-Tupp,

Die Rumpeln un die Geig'n;

Weil es ner net winzeln thut,

Bedets (bedeutet es) fei käne Leich'n.

Nä heil'gen Ahmt zä Mitternocht,

Do laft statt's Wasser Wei,

Wenn ich mich ner net ferchten thät,

Ich hult' än Tupp vull h'rei.

Lob, hul' gleich bei der Hannelies'

Nä Voter 's Kännel Bier,

Noch wenn dä kimmst, do singe mir (wir)

»Ich freue mich in Dir.«

* * * * *

Nachdem die Pöhla den Lux- und Friedrichsbach aufgenommen hat, tritt

sie hinaus in ein breites, lachendes und mit Wiesen und Feldern

bedecktes Thal -- das erzgebirgische Chamouny. Es ist das einzige

Längen- oder Hauptthal des Obergebirges, welches sich vom Fichtelberg

herab bis nach Zwickau und mithin von Osten nach Westen zieht und

alle Wässer der Transversalthäler, als die Pöhla, das Schwarzwasser,

Mulde und dergl., aufnimmt und sie zu folgen nöthigt. Der breite,

fächerartig entfaltete Schatz von Feldern des mit ungefähr 2200

Menschen bevölkerten Dorfes Raschau und die an seinen Flanken wie

bunte Wäsche herumgelegte Länderei des Dorfes Grünstädtel (sonst

Dorfstädtel genannt) liefern eins der lieblichsten Bilder des

Erzgebirges. Die Strohdächer der Begüterten beurkunden eine gewisse

bäuerliche Wohlhabenheit, die sich durch Berechtigung zu städtischer

Gewerblichkeit im Dorfe Raschau unterhält, indem die Erzeugnisse des

Areals rings umher einen sichern und schnellen Absatz finden. Seit

etlichen zwanzig Jahren ist ein Bad hier, etablirt von einem gewissen

~Dr.~ +Karch+ aus Annaberg; allein, wenn schon das Wasser einige Grade

wärmer ist, als die den Ort durchwässernde Mittweida, so dürfte man

doch schwerlich mehr Wirkungen darin finden, als die der Reinigung, was

bekanntlich auch heilsam für den Körper ist.

Das hiesige Vitriol- und Arsenikwerk Allerheiligen hat in der neuern

Zeit eine größere Bedeutung erhalten und wird in den Händen des

gegenwärtigen Besitzers ein besseres Gedeihen finden.

In dem Thale aufwärts dehnen sich die Dörfer Mittweide, Markersbach und

Obermittweider-Hammer immer so, daß sie sich die Hände reichen; doch

sind sie, weil rechts und links die Gneus- und Glimmerschieferberge

näher zusammenrücken, in eine engere Thalschlucht eingebettet, die

man in der Gegend »den Grund« zu nennen pflegt. Ueberall gewerbliche

Lebendigkeit, hauptsächlich Nagel- und Plattenschmiede, und ziemlich

mühsamer, aber doch, wegen des milden Klimas, noch lohnender Feldbau.

Von Markersbach gegen Morgen hebt sich das Gebirge stufenweis über

Unter- und Oberscheibe nach

Scheibenberg,

dessen geradlinige Gassen 165 Häuser bilden. Es hat 790 Einwohner, die

sich hauptsächlich mit Fertigung von Band, Borden, Blonden, Fransen,

auch Spitzenklöppeln beschäftigen. Eine vor etwa 17 Jahren angelegte

Pappfigurenfabrik scheint sich keiner rentirenden Lebendigkeit zu

erfreuen. Dieses Städtchen, in dessen Nähe ein gewisser +Kaspar

Klinger+ im Jahre 1515 reiche Silbererze erschürft hatte, wurde 1525

von +Ernst von Schönburg+, welcher diese Gegend bis Oberwiesenthal

hinauf mit seiner obern Grafschaft Hartenstein bis zum Jahre 1559,

wo solche der Kurfürst August an sich kaufte, besaß, am westlichen

Fuße des Scheiben- oder auch Orgelberges zu Gunsten der Bergleute

angelegt. Der Bergbau hat jedoch in der spätern Zeit seine Segnungen

vertagt und die Gegenwart das Absehen auf solche materielle Interessen

gerichtet, die leichter zu beurtheilen und ohne Anlagecapital schneller

erreichbar sind, oder zu sein scheinen. Und so haben alle menschliche

Unternehmungen in ungeregelten Pausen ihr Steigen und Fallen.

Der Scheibenberg, dem gleichnamigen Städtchen gegen Südost gelegen,

erhebt sich 2443 pariser Fuß über die Nordsee und seine schwarze

Basaltmasse gleicht, aus der Ferne gesehen, dem Hügel eines

Riesengrabes, wie der hinter ihm nach Ost und Süd gelegene Pielberg

und Bärenstein, die mit ihm ein rechtschenkliges Dreieck bilden, deren

Winkel eine Meile von einander entfernt liegen. Dieser Scheibenberg

ist es auch, welchen der berühmte Bergrath +Werner+ in Freiberg

als Beweismittel für seine Neptunität aufstellte und dadurch einen

interessanten Streit mit den Plutonisten hervorrief.

An seinem Fuße gewinnt man Thon (Wackenthon), groben Sand, aus

Quarzgerölle bestehend, und Streusand, welcher ein Gegenstand des

Handels ist.

Wunderlieblich ist aber die Um- und Fernsicht auf dem langgedehnten

Plateau des Berges selbst. Gegen Osten, tief im Thale, durch welches

die jugendliche Zschopau fließt, haben sich die 156 Häuser des

Städtchens Schlettau mit einer Mauer umgürtet, hinter welcher sich

im Hussitenkriege 1429 die Einwohner zwar tapfer, aber vergeblich

vertheidigten. In dem dortigen Schlosse, außerhalb der Ringmauer

befindet sich gegenwärtig die +Looß+ische und +Naumann+'sche

Spinnfabrik, deren Besitzer sich zugleich in der neuern Zeit als

Baumzüchter empfohlen und eigentlich den Anfang gemacht haben, das

kahle Städtchen mit Laubgrün zu umhüllen. Schlettau hat für seine

Häuserzahl ungewöhnlich große Feldflächen (2800 Acker à 2 Scheffel),

die der Einwohnerschaft, neben dem Posamentir-, Spitzen- und

Blondengewerbe, hauptsächlich Nahrung und Unterhalt gewähren. Man sagt

von den Schlettauern sprüchwörtlich: »wenn die Bauern auf dem Felde

sind, ist kein Bürger zu Hause.«

Gegen Mitternacht dehnt sich das Städtchen Elterlein mit 194 meist

hübschen Häusern und 1888 Einwohnern an dem südöstlichen Abhange des

Schatzensteines hinauf, damit es von da aus seinen Reichthum an

Feldern, Wiesen und Torfbrüchen übersehen kann; denn auch hier ist

Feldbau und Viehzucht, wie in Schlettau, die Hauptnahrung, und wer

diese nicht hat, ist immer mehr oder minder, bei allem Fleiße und aller

Sparsamkeit, in seinem täglichen Unterhalte durch Mangel bedroht,

wie dies die Schaar von Schuhmachern und Nagelschmieden lehrt. Eine

Menge Roßhändler hausen ebenfalls im Orte, und wer viel Geld hat, kann

immerhin wohlfeile Thiere bekommen.

Vor Jahrhunderten breitete sich eine dichte Waldung von hier aus bis

Wiesenthal an der böhmischen Grenze. Reisenden war in der Nähe, wo

jetzt Elterlein liegt, ein Altärlein für die Andacht aufgerichtet, um

welches sich bald einige Häuserlein erhoben, die Schutz und Nahrung

gewährten. Sie hießen: »die Häuser am Altärlein« und gaben Anlaß für

die allmählige Erbauung des Städtchens, welches in seinem Rathssiegel

ein Altärlein mit 2 Kerzen bis zur Stunde führt und eigentlich

Altärlein, statt Elterlein heißen sollte.[14]

[14] Siehe des Pfarrers Schreiter zu Elterlein Geschichte des

Prinzenraubes. Leipzig, bei Kummer 1804, S. 51.

Noch werfen wir einen Blick von unserm Scheibenberge aus gegen Süden;

ein langes Dorf, Crottendorf genannt, zieht sich mit seinen 294 Gütern

und Häusern, welche 2530 Menschen bewohnen, über eine Stunde lang

herab, nach dem umbuschten und in Laubgrün gehüllten Walthersdorf.

Beide haben weit ausgedehnte Fluren für ihren bedeutenden Flachsbau,

der leider! meist roh in's Ausland verführt wird, weil Niemand spinnen

kann und mag, so lange das Spitzenklöppeln einige Pfennige für den Tag

mehr einbringt. Nicht weit entfernt vom obern Theile Crottendorfs liegt

der sogenannte fiscalische Marmorbruch, der mehr für eine großartige

Kalkbrennerei, als für die Bildhauerkunst benutzt wird, weil ein

dortiger Marmorarbeiter sich mehr andern Beschäftigungsarten zugewendet

hatte und dabei seine eigene Kunst vernachlässigte. Wir verlassen die

Berghöhe, auf welcher kein Strauchholz die Aussicht störte, indem wir

dem fernen Greifenstein im Norden, welcher seine wulstigen Granitmassen

noch über die ihn umgebenden Fichten erhebt, so wie dem entlegenen

Auersberg im Westen und dem Fichtelberg im Süden einige freundliche

Blicke zuwerfen, und treten bald eine zweite Wanderung an, ehe die

Sonne lange Schatten zieht.

Druck der Teubner'schen Officin in Leipzig.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Die unterschiedliche Schreibweise von Ortsnamen wurde beibehalten.

S. 17: Blaufarbarbenwerk → Blaufarbenwerk

mit dem Pfannenstieler +Blaufarbenwerk+ oben

S. 32: Gäuse → Gänse

Oskar hütet die +Gänse+ und Heloise sammelt Holz

Wanderungen durch die interessantesten Gegenden des Sächsischen Obererzgebirges (Erstes Heft) Ein Beitrag zur specielleren Kenntniß desselben, seines Volkslebens, seiner Gewerbsarten, Sitten und Gebräuche · 第 4 / 4 段