seinen Anfang nimmt. Wie ein Zug Wallfahrer steigen die grauen

beschindelten Güterchen und Häuser des sehr verarmten Dorfes von der

Sohle des Ortsbaches einen hohen Berg nach dem Forstwalde empor, auf

dessen Culmen der Tempel ruht, welchen die aus 1972 Köpfen bestehende

Einwohnerschaft für ihren Gottesdienst benutzt und ihre Todten um

denselben beerdigt. Wäre es nicht bekannt, daß in frühern Zeiten das

Dorf Rittersgrün nach Breitenbrunn eingepfarrt gewesen, so würde es

schwer sein, zu errathen, weshalb es die Kirche letztern Orts ihren

Küchlein so unbequem gemacht, sich unter ihre Flügel zu sammeln. In

ihrer Nachbarschaft erheben sich noch die Trümmer eines ehemaligen

Jagdschlosses, umgeben von einem 6 Ellen breiten Wallteichlein, welches

aber dermalen für andere Zwecke ausgefüllt ist. Jedenfalls würde es

besser gewesen sein, wenn dieser Reservoir für das wasserarme Dorf

erhalten worden wäre.

Am 13. März 1604 brannte dieses Jagdhaus ab und 6 Jahre später wurde es

wieder auf- und höher gebaut.

Die Jagdherrlichkeiten der Vorzeit sind eben so wie die jagdbaren

Thiere selten und dünn geworden, und es werden deshalb schon lange

keine Hoflager mehr in der Provinz gehalten.

Im vorerwähnten Forstwalde wurden zuerst auf dortigen Kalklagern die

Helvine getroffen; auch zeichnet sich der Granat, Peponit und andere

Fossilien vor vielen andern aus und zieht fleißig Mineralogen dahin.

Aus dem Umstande, daß ein Revierförster das Forstgut, welches mit dem

Walde grenzt, benutzt, ist der Pleonasmus -- Forstwald -- entstanden. --

Der schon bei Breitenhof erwähnte Lagerbergbau ist wahrscheinlich der

älteste im Obergebirge und mithin auch die Ursache zum Anbau und zur

frühzeitigen Bevölkerung des Dorfes. Die Gruben Fortuna, Kaltwasser,

alte Grube und St. Christoph haben außer Eisenstein hauptsächlich

Zinnstein geschüttet und, in Verbindung mit dem von Berneck'schen

Hammer- und Hüttenwerk in Breitenhof, Nahrung und Wohlhabenheit um sich

her verbreitet. So geregelt aber und einfach der Erwerb eines Bergmanns

auch immer sein mag, so hebt er ihn doch zur Wohlhabenheit nicht empor;

deshalb tritt er in Dürftigkeit und Entbehrungen über, wenn die Gruben

auflässig werden. In einem solchen Zustande befindet sich Breitenbrunn

bei weitem zum größern Theil, weil seine Ländereien im rauhen Klima nur

magere Ernten geben und das Klöppel- und Nähwesen der Volksmenge und

ihrem Bedarf nicht gewachsen ist. Holzmacher und Fuhrleute, Handwerker

und Butterhändler geben nur precären Gewinn und scheiden von Zeit zu

Zeit eine Menge Arme aus, die Unterstützung verlangen (gegenwärtig hat

der Ort 27 Almosenpercipienten, welche zusammen wöchentlich 15 Thlr. 22

Ngr. erhalten), die aber nicht ausreichend gewährt werden kann, weil

selbst die Gemeinde für die Zeit der Noth weder Communeigenthum noch

sonst ein anderes Einkommen hat und beziehen kann, folglich auch der

Gemeinderath in ewigen Ferien lebt.

Ein solches unsicheres Gewerbsleben hat nothwendig auf den sittlichen

Zustand der Einwohner und auf die sinnlichen Genüsse mächtigen Einfluß

ausgeübt: denn es sind offenbar zu viel Wirthshäuser im Dorfe, die den

mühsam errungenen Dreiern und Sechsern Eintrag thun.

Wir wenden uns wieder hinab in das Schwarzwasserthal, wo wir den

grobkörnigen Granit zu beiden Seiten in mächtigen Bergen aufsteigen

sehen, die überall mit Fichtenholz bestanden sind und der Landschaft

eine ernste Physiognomie aufdrücken. In ewigem Getöse scheuern die

Wellen an den Granitblöcken des Flußbettes -- sie arbeiten für die

Steinsetzer.

Steinheidel auf einer beträchtlichen Berghöhe, Fellbach, Erlabrunn

und andere in den Thalungen herumgezettelte Häuserchen verdanken ihre

Entstehung vorzüglich dem Bergbau, der theils noch im Gange, theils

lange schon auflässig geworden ist. Ihre Bewohner sind regelmäßig von

dem größern Weltverkehr und seinen Genüssen abgeschieden und kennen

seine Herrlichkeiten und Thorheiten nicht.

Eine oder einige Kühe sind die Ernährerinnen des kleinen Hausstandes

und darum auch das Werthvollste in demselben, die Kinder folgen

unmittelbar darauf. --

Die Hefenklöße.

Eine an der Chaussee, wie große Wollsäcke aufgethürmte Granitparthie,

die mehrere senkrechte Klüfte zertheilen, die wiederum durch

Quereinschnitte getrennt sind und solchemnach die Masse in

parallelepipedische Stücke absondert, haben scherzweise dem Gebilde den

Namen verliehen.

Die Hefenklöße, eine Lieblingsspeise der Erzgebirger, haben allerdings

im Kleinen dieselbe Form. Vor etlichen zwanzig Jahren rutschte ein

solcher Hefenkloß herab auf die Straße und versperrte sie, was sich

leicht über lang oder kurz wieder zutragen kann. Solche Parthieen

zu plötzlicher Absperrung der Wege mögen ihren Werth im kleinen

Gebirgskrieg haben; diesem wollten wir allenfalls die Hefenklöße

abtreten, wenn nicht zugleich den ordentlichen Klößen Gefahr drohte.

Von dort, wo der Steinbach seine rauschenden Wellen in das

Schwarzwasser jagt, nimmt die Thalung eine finstere Miene an, die

weder die schüchtern herabschauenden zwei Häuser am Rabenberge, noch

das Teumerhaus mit der neuen Papiermühle auszuglätten vermögen.

Fichtenwälder zu beiden Seiten der Gebirgsabhänge lassen ihr

dunkelgrünes Gewand überall herabrollen bis an die Straße und verbergen

die Rippen und Knochen des Granitgebirges da, wo es steil nach dem

Thale herein die Knie beugt.

Doch wird nun die Straße lebendiger; das Nestler'sche Walzenwerk mit

seinem rußigen Kleide, die Haberlandsmühle, so wie das Zoll- und

Chausseehaus mit seiner nachbarlichen Bretmühle verkünden die Nähe

eines bevölkerten Oertchens. Es ist

Johanngeorgenstadt,

welches sich mit seinen 384 meist hölzernen und mithin

löschpapiergrauen Häusern, in welchen 3472 Menschen wohnen, gegen das

Hinabgleiten von seinem, 2300 Fuß über dem Meer gelegenen Fastenberg

in das Wittigsthal sträubt. Es ist eine Exulantenstadt; denn als die

Lutheraner in Böhmen, die sich auch Utraquisten nannten, in der Mitte

des 17ten Jahrhunderts von den Papisten hart bedrängt wurden, kamen

ein großer Theil von Gottesgabe, Platten und andern Grenzorten zur

Nachtzeit herüber an den Fastenberg, Wittigsthal und Jugel, um den

Verfolgungen zu entgehen. Am 2. Februar 1654 ertheilte der Churfürst

Johann Georg diesen armen Leuten Erlaubniß zum Anbau und schenkte

ihnen das nöthige Holz mit dem eigenhändigen Bemerken, daß dieser neue

Ort »Johanngeorgenstadt« heißen solle. Sie ist regelmäßig gebaut. Ein

Schulmeister aus Schwarzenberg, Namens Zacharias Georgi, hatte die

Baustellen vermessen, in welche sich die Exulanten durch's Loos zu

theilen wußten.

Durch den raschen Angriff des Baues wurden hier und da Erzgänge

getroffen, die sich bald edel bewiesen und der neuen Einwohnerschaft

Nahrung und Gedeihen brachten. Da aber der Bergbau seine Segnungen

dem Bergmann nur periodisch in die Hände legt und solche hinwieder in

längern oder kürzern Zeitabständen versagt: so mußten auch Dürftigkeit

und Entbehrungen die neue Stadt um so sicherer abmagern, als ihre

Ländereien, so ausgedehnt sie auch immer sein mögen, nur für Gemenge,

Hafer, Heufutter und Kartoffelbau ertragsfähig sind. Gegenwärtig sind

die sogenannten Tiefbaue der dortigen Gruben in lebhaften Angriff

genommen, und wenn die bergmännischen Hoffnungen nicht trügen, kann

der Ort über lang oder kurz an fröhlicher Lebendigkeit gewinnen. Das

Spitzen- und Nähwesen und einige Handwerker, worunter etliche sehr

geschickte Tischler sind, können den Wohlstand in einer bevölkerten

Stadt wohl fördern, aber nicht allein aufrecht erhalten, besonders

da der seit langen Zeiten ausgebildet gewesene Grenzhandel durch das

diesseitige Zollsystem vernichtet worden ist, ohne daß dieses eine

andere Hilfsquelle zu öffnen vermochte.

Wohlthätig indessen macht sich die Schafwollkämmerei des

Kreisoberforstmeisters von +Leipziger+ und des Majors von +Peterkowsky+

in Schneeberg, die dieselben in Johanngeorgenstadt etablirt haben. Sie

beschäftiget zur Zeit gegen 400 Menschen beiderlei Geschlechts und

gleicht eine nicht geringe Lücke des Nothstandes aus. Dennoch aber sind

gegenwärtig 71 Arme vorhanden, welche allwöchentlich den Almosenfond in

Anspruch nehmen, ohne daß er gnügen kann.

Das Bergmagazin vor der Stadt ist ein großartiges, massives Gebäude

und schaut weit über die nach Westen ausgedehnten Fluren hinaus, deren

Früchte nicht selten Frost und Schnee übereilt. Merkwürdig ist es,

daß die Johanngeorgenstädter kein Kraut anpflanzen und lieber die

Krauthäupter, die in mehr als hundert Wagen aus der Schwarzenberger

Gegend im Herbste zu ihnen gebracht werden, ankaufen und dennoch die

Strünke, die sich als so nützliches Viehfutter im Winter sehr lange

aufbewahren lassen, entbehren. Man hat mir erzählt, daß zwar das

Kraut sehr gut auf dem Fastenberg gedeihe, allein die Feldbesitzer

könnten es vor den Dieben nicht erhalten. Und wenn ja dann und wann

ein solcher Dieb eingefangen oder zur Anzeige gebracht worden wäre:

so habe ihn die Obrigkeit wieder laufen lassen -- weil er gewöhnlich

arm gewesen und keine Kosten habe bezahlen können. Derartige

Patrimonialgerichts-Böcke können wohl bisweilen vorgekommen sein, seit

die Thurmuhr auf dem Rathhaus gebaut wurde; allein gegenwärtig, da ein

königliches Justitiariat errichtet, ist wohl davon keine Rede mehr. Die

Einwohnerschaft darf mit Vertrauen ihre Felder mit Kraut bepflanzen,

wie die viel höher gelegenen Wiesenthäler; der Nutzen für sie und ihre

Viehbestände ist von großer Bedeutung.

Wer mag Johanngeorgenstadt verlassen, ohne die freundliche

Zuvorkommenheit dankbar zu rühmen, mit welcher der Fremde aufgenommen

zu werden pflegt! Was die Natur hier an einladender Lieblichkeit

versagt, sucht man im geselligen Leben durch Heiterkeit und fröhlichen

Sinn auszugleichen. Man erzählt sich, daß diese Stadt besonders

reich an hübschen Mädchen und Frauen sei; es muß wahr sein, weil es

auswärtige Frauen bezweifeln.

Tief unterhalb des sich steil abstürzenden Fastenbergs gegen Morgen

liegt das Eisenhüttenwerk Wittigsthal mit seinen Hütten, umschanzt mit

riesenhaften Halden, Kauen, Poch- und Wäschwerken des Bergwerks und in

wechselseitiger Benutzung des Schwarzwassers, welches sich hier mit dem

Breitenbach vereinigt. Ein ehemaliger Hammermeister +Kaspar Wittig+

erhielt den 28. Mai 1651 landesherrliche Vergünstigung zu Anlegung des

Eisenhüttenwerks, das von ihm den Namen trägt. Eilf Jahr später, den

19. Juni 1662, erlangte er auch die Erbgerichtsbarkeit, um, wie es

in dem Rescripte heißt, »das unbändige Hammervolk besser im Zaume zu

halten.«

Die gegenwärtigen Besitzer dieses Werks, +Nestler+ und +Breitfeld+,

sind die Ersten, welche mit vielen Opfern die zur Zeit möglichst

großen Holzersparnisse durch Schmelzen mit erhitzter Luft und

Erbauung sogenannter französischer Feuer und eiserner Bedachungen,

Gartengeländer und dergleichen errungen haben.

Ober- und Unterjugel sind beide älter als Johanngeorgenstadt, denn

schon im Jahre 1571 erhielt +Sebastian Preisler+[9] Concession zu

Erbauung einer Glashütte und 8 Häusern; ebenso hatte +Johann Gabriel

Löbel+ die Vergünstigung zu Anlegung eines Blaufarbenwerks erhalten.

Die Glashütte ist längst schon eingegangen, und das Farbenwerk kaufte

den 11. October 1668 der Churfürst um 8500 Thlr. an sich und vereinigte

es mit dem zu Schlema bei Schneeberg, welches seitdem ein Doppelwerk

genannt wird.

[9] Es hat sich die Sage im Volke erhalten, das die jetzt allgemein

bekannten Preißelbeeren ihren Namen von diesem Preißler empfingen,

weil dieser sie erst in den Handel gebracht und genießbar zu machen

gelehrt habe.

Uebrigens waren beide Jugel nach Eibenstock eingepfarrt, seit dem 18.

Septbr. 1657 hingegen gingen sie bequemlich in die neue Kirche nach

Johanngeorgenstadt.

* * * * *

Wir wandeln jetzt von Wittigsthal aus einen Weg nach den Quellen

des Schwarzwassers hinauf, dicht an der böhmischen Grenze, und bald

befinden wir uns in einer rauhen, eben nicht anmuthigen Gegend, die

uns aber bald dies-, bald jenseits der Grenze manches Interessante

darbietet. Als sich Prinz Albrecht, derselbe, welcher im Jahre 1455

seine Befreiung am Fürstenberge fand, mit der Prinzessin-Tochter des

böhmischen Königs Podibrat vermählte, erhielt dieselbe die Herrschaft

Schwarzenberg zur Morgengabe mit. Die Abgrenzung dieser Herrschaft von

dem eigentlichen Böhmen mochte sehr unbestimmt, so wie die werthlose

und undurchdringliche Waldung, wenig von Menschen, ungleich mehr aber

von wilden Thieren bewohnt, die Ursache sein, daß man sich darum wenig

kümmerte, ob einige Joche Land mit seiner Wildniß da- oder dorthin

gehörten.

Am südlichen Abhange des sächsischen Fichtelberges liegt ein

beschindeltes Häuflein Häuser, wie ein Volk frostiger Rebhühner, in

steriler Gegend. Es ist +Gottesgabe+, also benannt von dem reichen

Segen des damaligen Bergbaues in seiner Nähe, denn außerdem gediehen

nicht immer Erdäpfel und Hafer. Churfürst Johann Friedrich befahl

den 2. November 1534: »daß jedem, so sich alda niederlassen will, 15

Ellen breit und 30 Ellen lang zu einem Wohnplatz eingeräumt und ein

Schichtglöckchen angeschafft werden solle.« Eben so ertheilte derselbe

Churfürst ein Jahr später eine Bergordnung für das damals jugendliche

Städtchen Platten; beide gehörten daher zu Sachsen. Allein die großen

Jagden, welche die Könige von Böhmen und die Churfürsten von Sachsen

alljährlich abzuhalten pflegten, hauptsächlich aber deren Jagdpersonal

gaben vielfach Gelegenheit zu unangenehmen Irrungen, besonders bei

Verfolgung des Wildes, so daß zuletzt durch den sogenannten »ewigen

Egerschen Erbvertrag«, welcher den 26. October 1556 zu Schneeberg seine

wechselseitige Genehmigung fand, die Grenzen zwischen beiden Ländern

durch Grenzsteine bestimmt, dabei aber auch Gottesgabe, Platten und die

dazwischen gelegenen Ländereien, gegen Reservat des halben Bergzehnten

und diesseitiger jährlicher Gewähr von 180 Stämmen Schacht- und

Grubenhölzer, an Böhmen für immer abgetreten werden.

Schon lange her ist der Bergbau in dem damals an die Krone Böhmens

abgetretenen Landestheil, bis auf die Eisensteingrube Irrgang am

Hengstgebirge bei Platten, ohne alle Bedeutung, und das Ausbringen

von Zinn nicht mehr der Rede werth. Die sogenannten Försterhäuser und

die am Streitseifen liegen ordnungslos zerstreut auf ihrem magern

Boden, den nur ein dürftiges Gras bedeckt, aus welchem verkrüppeltes

Ahorngesträuch und kränkelnde Vogelbeerbäumchen emporzustreben suchen.

Das Schwarzwasser, welches durch Moor- und Torfboden seinen Lauf nimmt,

führt ein gelbes coventartiges Wasser, was selbst für die Wässerung

nicht so tauglich ist, als da, wo es in die tieferen Gebirgswannen

hinabgestiegen ist. Dessenungeachtet verlassen wir die Gegend noch

nicht, bis wir den böhmischen Spitzberg bei den Försterhäusern

erklettert und von da aus die fernen Gegenden nach Karlsbad hin

betrachtet, auch theilweise die Grenzörtchen Börnichen und Abertham

(Aberdam) betrachtet haben. Der bewaldete und aus Basalt bestehende

Spitzberg hat die Form eines riesenhaften Heuschobers und wird daran,

weit nach Sachsen hinein, erkannt. Auf ihm wächst, nach Paulus'

Orographie, die isländische Zwergbirke (~Betula nana~), die ich aber

nicht habe auffinden können. Von hier aus fällt das Gebirgsjoch,

welches Sachsen von Böhmen trennt, steil in dieses gesegnete Land

hinab; die Thäler sind tief eingefurcht und jagen ihre Gewässer rasch

in die Ebenen hinaus. Die meist ärmlichen Wohnungen der Menschen hängen

sich an die jähen Abhänge, die hier schon allerwärts die beschwerliche

Bewirthschaftung mit reichlicherem Ertrage lohnen.

Böhmen ist das Land der Musik und sie hat sich an allen Grenzorten,

wo sonst reger Bergbau war, in eben dem Maßstabe erweitert und

vervollkommnet, wie jener zum Sinken kam. Preßnitz, Platten und andere

Orte entsenden ganze Schaaren Musiker in fremde Länder, die oft in

einem Jahre nur einmal heimkehren, um die Angehörigen zu sehen und mit

Geldmitteln zu versorgen. Dieser Sinn für Musik hat sich auch weit

über die Grenze nach Sachsen herein verbreitet und zur Nachahmung

aufgefordert, sich den Unterhalt durch Geigen, Blasen und Pfeifen zu

verschaffen.

Damit aber das Herumziehen mit musikalischen Instrumenten nicht in

gemeine Bettelei ausarte und das Publicum belästige, müssen alle

derartige Gesellschaften, auf Anordnung der Kreisdirection, eine Probe

ihrer Leistungen ablegen und erhalten nur dann Erlaubniß für das

gewählte Gewerbe, wenn solches als vorzüglich genannt werden kann. Im

Laufe vorigen Jahres wurden im Kreisamtsbezirk Schwarzenberg allein von

9 musikalischen Gesellschaften derartige Proben abgelegt.

Das böhmische Grenzörtchen Abertham hat sich von langen Zeiten her

einen Namen mit seinen Käsen, die es aus Ziegenmilch bereitet, erworben

und bis zur Stunde erhalten. Sie haben die Größe eines Zwiebacks oder

eines Zweithalerstücks und werden weit und breit verführt. In früheren

Zeiten mußte die Amtsschreiberei (Rentamt) zu Schwarzenberg dergleichen

Käse ankaufen und zur Hofküche nach Dresden einliefern.

Dieses Abertham mit seinem Nachbarorte Börnichen treibt noch ein

anderes Geschäft, was seiner Eigenthümlichkeit halber, einer kurzen

Erzählung werth ist.

Es besteht nämlich in dem oft lebensgefährlichen Aufsuchen der

Gimpelnester, der Erziehung dieser Vögel (Dompfaffen) und in der Kunst,

denselben Melodieen pfeifen zu lehren. Dann wird ein Handel damit nach

Wien, Berlin und anderen Städten des In- und Auslandes getrieben,

welcher, wenn der Fleiß des Lehrers und das Talent der Vögel gut war,

viel Geld in die Heimath bringt.

Sonderbar ist es, daß nicht jeder von diesen kleinen gefiederten

Lehrlingen, auch wenn sie aus einem und demselben Neste sind, gleiche

Gelehrigkeit besitzt, vielmehr giebt es eben nicht seltene Fälle, daß

alle Mühe und Arbeit verloren und es gerathener ist, ihnen die Freiheit

wieder zu geben, wo sie durch ihre Dummheit in ihrem Vogelstaate

vielleicht zu Ehrenstellen gelangen, wie überall, wo es Gimpel giebt.

Die ganz schwarzen, als Seltenheit auch ganz weißen Vögel dieser Art,

welche letztere rothe Augen haben wie die Albino's, lernen zwar auch

wenig, werden aber dennoch als Raritäten mit in den Handel gebracht.

Von diesem kleinen Abstecher zurückkehrend, gehen wir den Mückenbach,

der die Grenze bildet, hinunter und gelangen bald nach den obersten

Häusern von

Rittersgrün,[10]

wo das Kaffgebirge und der Taubenfels, von Osten her wie ein Keil nach

dem Thale eingetrieben ist, um Räumlichkeiten für die Einwohnerschaft

zu erzwingen. Der nur erwähnte Mückenbach, der Kaff-, Zwei- und

Kunertsbach treten hier zusammen und bilden mit ihrem krystallhellen

Gewässer die Pöhla (Biela), welche dem Thal entlang wunderliebliche

Wiesen bewässert und die Füße des Haueisens, des Ochsenkopfs, des

Klötzerwaldes rechts, so wie der hintern und vordern Kehlung, des

Forstwaldes und des Härtenberges links, benetzt. Dieses gegenwärtig

eine volle Stunde lange Dorf gehört nicht unter die jüngern

Ansiedelungen des Obergebirges, denn am 20. Juli 1584 erhielt +Nicolaus

Klinger+ zu Elterlein Concession zu Anlegung eines Hammerwerks

in Oberrittersgrün, so wie der Obristwachtmeister Hannibal von

Schmerzinger die Erbgerichte über sein Hammerwerk, Arnold Rothenhammer

und die von ihm erbauten 17 Häuser den 13. März 1670, um für sein

Hammerwerk die Berg- und Hüttenleute unterzubringen, von welchen

Erstere den Lagereisenstein des nachbarlichen Rothenberges und des

sogenannten Glimmer ausbeuteten.

[10] Rittersgrün besteht eigentlich aus Ober-, Unter- und

Hammer-Rittersgrün; diese bilden aber gegenwärtig eine Gesammtheit,

die 157 Häuser mit 2319 Menschen zählt. Hammerrittersgrün hat

eigene Gerichte.

Der Hammerberg und der Gänsegrund sonnet gegenwärtig an seinem

mittägigen Gehänge eine ansehnliche Zahl ordnungslos hingewürfelter

Häuser, welche in der Mehrzahl Hütten- und Waldarbeiter bewohnen.

Der Ort fand von jeher viel Nahrung im Handel und Vertriebe der Hölzer

aus böhmischer Waldung, und wer die Bestechlichkeit der dortigen

Forstdienerschaft zu benutzen und zu erhalten verstand, konnte

es zur Wohlhabenheit bringen und selbst in dieser Lage mit dem

Walddominialamt in Joachimsthal in ersprießlichem Einverständnisse

leben. Jetzt ist dieser Holzverschleiß nicht mehr so lebhaft, weil

in dieser Richtung hin die Waldungen niedergetrieben und gelichtet

sind, deshalb aber leidet Rittersgrün ziemlich an geregelter

Arbeitsgelegenheit.

Einer zahlreichen Familie mit ihren Abkömmlingen muß ich noch

gedenken, die sich ebenfalls, wie in Abertham und in Börnichen,

mit dem Unterricht der Gimpel beschäftigen und deshalb unter dem

Namen: »+Gimpel-Poller+« bekannt sind. Ein Stamm davon hauset in dem

sogenannten Ehrenzipfel, welcher am obern Ende von Rittersgrün einem

Anbaue gleicht, welchen man an das Hauptgebäude anflickt, um etwa

Auszügler hinein zu stecken.

Wir gehen dem Flusse entlang nach den aus 16 Häusern bestehenden

Schweizerdörfchen

[Illustration:

gez. v. F. König. Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.

KLOBENSTEIN.

]

Globenstein[11]

hinab und begreifen nicht, wie es hat kommen mögen, daß sich Menschen

in einem solchen Felsengewirre ansiedeln konnten. Das Thal ist enge;

hier thurmhohe, den Einsturz drohende Gneus- und Glimmerschiefermassen;

da eine Wüste von Felsgetrümmer, als hätten sich Riesen damit

geworfen, und dennoch hier und da ein Stückchen Feld oder Grasboden,

hervorgemartert unter vielen tausend Gesteinstücken, die wie Wälle

haushoch um die kleinen Herrlichkeiten aufgeschichtet sind, weil es

außerdem weiter keine Räumlichkeit gab. Die kleine Einwohnerschaft

sieht die Sonne eine Stunde später auf- und eben so lange früher

untergehen, was das Forststrafgesetzbuch vom 2. April 1838 S. 181

hätte bemerken sollen.

[11] Aus einem Rescripte vom Churfürst Johann Georg III. ~d. d.~

Dresden den 27. August 1686 geht hervor, daß aus einer Menge alter

Wäschen und Pochwerken kleine Häuser entstanden sind, nachdem

jene wahrscheinlich aus Mangel an Erzen nicht mehr benutzt werden

konnten.

Die Pöhla zerschellt ihre farbenlosen Wellen unter Tosen und Rauschen

an den Klippen, womit ihr Bett belastet ist, und wirft sie in weißem

Schaum die regellose Treppe hinab nach der sanfteren Mündung. Hier

am Fuße des Drachen- und Rottenberges ist ihr Weg mit Türkis und

Smaragd[12] bestreut, beide Ufer mit Laubholz und Blumen bekränzt,

unter welchen sie noch weithin die Mädchenjahre vertanzt. Hebel

in seinen allemannischen Gedichten konnte kein schöneres Bild für

seine Wiese wählen, als das eines Mädchenlebens. Gar oft saß ich

am westlichen Abhange des Zigeuners,[13] lauschte dem Gekose der

Wellen und dem Geplätscher kaum geborner Quellen, wie diese sich

bald überkugelnd der älteren Schwester nacheilen, bald tändelnd

umher die Blumen auf nachbarlichen Wiesen tränken und dann auf den

wunderlichsten Wegen ihre Führerin wieder zu erlangen streben. Hier

tanzt die lebensfrohe Pöhla über die Räder der Mühlen, dort macht sie

gewaltige Pas über die Wehre. Es ist die schottische Zeit des Mädchens.

Die frühzeitige Verbindung mit dem Schwarzwasser bringt eine andere

Farbe in ihr heiteres Leben und Tropfen der Wermuth, herabgesandt von

Beyerfelds Vitriol- und Schwefelwerk, verbittern ihr die Ehe. Adoptirt

von der Mulde bei Aue, entschließt sie sich zur weitern Reise in die

Elbe und mit dieser vielgeprüften Lebenssatten in die Wasserewigkeit

der Meere. Hier wird sie über lang oder kurz, vielleicht unter

tropischen Himmelsstrichen, durch die Macht der Sonne zur Auferstehung

gerufen; geisterartige Gebilde erheben sich aus dem großen Todtenacker

der Flüsse, formen sich in Wolken und geben sich in endlos wechselnden

Gestalten den entferntesten Ländern in erquickendem Thau und Regen

kund, um den Glauben ihrer

»-- -- -- -- -- Lieben,

die in ferner Heimath blieben,«

an die Fortdauer nach dem Tode und an das Wiederfinden der früher

Heimgegangenen zu befestigen.

[12] Die Schlacken von den Eisenhüttenwerken sehen himmelblau

und smaragdgrün; sie werden gepocht, um das darin im Kleinen

befindliche Eisen auszuwaschen, der Schlackensand aber wird in die

Fluth getrieben, wo er abgerundet ihr Bett bedeckt.

Wanderungen durch die interessantesten Gegenden des Sächsischen Obererzgebirges (Erstes Heft) Ein Beitrag zur specielleren Kenntniß desselben, seines Volkslebens, seiner Gewerbsarten, Sitten und Gebräuche · 第 3 / 4 段