VI.

Warwara Ardalionownas Mitteilung, daß man in der Villa Jepantschin zum

Abend Gäste erwartete, entsprach zwar an sich vollkommen der Wahrheit,

nur hatte sie sich wieder so ausgedrückt, daß Ganjä dieser

Abendgesellschaft unwillkürlich eine weit größere Bedeutung zuschreiben

mußte, als ihr von Rechts wegen zukam. Gewiß sah die Familie Jepantschin

mit ganz unnötiger Erregung diesem Abend entgegen, nur geschah das

vornehmlich deshalb, weil in dieser Familie nun einmal »alles anders als

bei anderen Leuten« geschah. Die vielleicht etwas unverständliche Hast,

mit der man die Angelegenheit betrieb, fand jedoch ihre Erklärung in der

Stimmung Lisaweta Prokofjewnas, die die Ungewißheit nicht länger

ertragen wollte. Ihr Mutterherz zitterte für das Glück ihres Lieblings

und auch der General war sehr besorgt. Hinzu kam, daß die Bjelokonskaja

Petersburg bald wieder verlassen sollte, und da ihre Protektion, die sie

voraussichtlich auch dem Fürsten Lew Nikolajewitsch gnädig gewähren

würde, in der »hohen« Gesellschaft viel zu bedeuten hatte, so würde,

meinten die Eltern, diese Gesellschaft den etwas seltsamen Bräutigam

Aglajas, falls er auch ihr seltsam erscheinen sollte, weit

liebenswürdiger und nachsichtiger aufnehmen, wenn er unter dem Schutze

der allmächtigen alten Fürstin stand, als wenn er diese unter seinen

Gegnern hatte. Insofern war die Berechnung der Eltern sehr richtig, um

so mehr, als sie selbst auf keine Weise zu entscheiden vermochten, ob

nun an dieser Verlobung etwas Sonderbares war oder nicht. Daher war

ihnen in diesen Tagen, in denen sich infolge von Aglajas Verhalten noch

immer nichts entschieden hatte, die Meinungsäußerung maßgebender

Persönlichkeiten sehr erwünscht. Und schließlich mußte der Fürst doch

einmal in diese Gesellschaft, von der er sich bis jetzt überhaupt noch

keinen Begriff machte, eingeführt werden. Kurzum, man hatte beschlossen,

ihn vorläufig zu »zeigen«, und zu dem Zweck lud man denn zum Abend

einige »Freunde des Hauses« ein. Außer der Bjelokonskaja und einigen

alten oder älteren Herren erwartete man an Damen nur noch die Gattin

eines höchst einflußreichen Würdenträgers, und von jungen Leuten außer

dem Fürsten -- Jewgenij Pawlowitsch, den die alte Bjelokonskaja

voraussichtlich mitbringen würde.

Von dem bevorstehenden Besuch der Bjelokonskaja hatte der Fürst schon

drei Tage vorher gehört; daß man jedoch eine ganze Gesellschaft geben

wolle, erfuhr er erst am Abend vor dem festgesetzten Tage. Natürlich war

es ihm nicht entgangen, daß die Familienmitglieder ein wenig besorgt

dreinschauten und daß hin und wieder kritisierende Blicke auf ihm

ruhten, aus denen er sofort erriet, daß man für den Eindruck fürchtete,

den er auf die Gesellschaft machen würde. Seltsamerweise war man aber

bei Jepantschins ohne weiteres überzeugt, daß er in seiner Einfalt nie

und nimmer erraten würde, was man für ihn fürchtete, und deshalb dachte

auch niemand weder daran, diese Empfindung zu verbergen, noch ward sich

jemand dessen bewußt, daß diese Empfindung überhaupt irgendwie zutage

trat. Übrigens schrieb er selbst dem bevorstehenden Ereignis kaum eine

Bedeutung zu; er war zu sehr mit anderem beschäftigt: Aglaja wurde von

Stunde zu Stunde launischer und düstrer -- das bedrückte ihn. Als er

erfuhr, daß auch Jewgenij Pawlowitsch kommen würde, freute er sich sehr

darüber und sagte, daß er ihn schon längst habe wiedersehen wollen.

Diese Bemerkung mißfiel aus irgendeinem Grunde allen Anwesenden. Aglaja

verließ sogar sichtlich geärgert das Zimmer, und erst spät am Abend, als

er gegen zwölf aufbrach, wußte sie es so einzurichten, daß sie ihn ein

paar Schritte begleitete und ihm bei der Gelegenheit einige Worte unter

vier Augen sagen konnte.

»Ich würde wünschen, daß Sie morgen den ganzen Tag nicht zu uns kämen;

erst am Abend, wenn diese -- Gäste ... erscheinen, dann können Sie

kommen. Sie wissen doch, daß Gäste kommen werden?«

Sie sprach sehr nervös und mit übertriebener Strenge; zum erstenmal

hatte sie den Abend erwähnt. Der Gedanke daran war für sie unerträglich.

Alle hatten es bemerkt. Sie hätte sich gern mit ihren Eltern darüber

ausgesprochen, ihn zu verhindern gesucht, doch Stolz und Scham ließen es

nicht zu. Der Fürst begriff sofort, daß sie für ihn fürchtete und selbst

nicht zugeben wollte, daß sie sich fürchtete -- und er erschrak sehr

darüber.

»Ja, ich bin auch eingeladen,« bemerkte er.

»Kann man denn mit Ihnen überhaupt über irgend etwas ernsthaft sprechen?

Auch nur einmal im Leben?« fuhr sie plötzlich gereizt auf, ohne zu

wissen, warum, und nicht mehr fähig, länger an sich zu halten.

»Gewiß kann man das, und ich bin gern bereit, Sie anzuhören; es freut

mich sehr ...« Der Fürst verstummte.

Aglaja schwieg wieder eine Weile und begann dann mit ersichtlichem

Widerwillen:

»Ich will mich mit Ihnen da nicht herumstreiten, es gibt Fälle, in denen

Sie keine Vernunft annehmen. Widerwärtig sind mir die Regeln, die Mama

beobachtet. Von Papa lohnt es sich überhaupt nicht zu reden, ihn fragt

man gar nicht danach. Mama ist natürlich eine ehrenwerte Frau, doch vor

diesem ... >Nichts< beugt sie sich! Ich spreche nicht von der

Bjelokonskaja: sie ist eine alte Frau mit schlechtem Charakter, doch

klug -- sie versteht es vorzüglich, alle Menschen zu lenken, wie sie

will, nun, und das ist wenigstens etwas. Oh, welche Niedrigkeit! Und wie

lächerlich: wir sind immer Leute mittleren Standes gewesen, des

allermittelmäßigsten, den es nur gibt; wozu kriechen wir da in diese

>höheren Sphären<? Die Schwestern gleichfalls. Fürst Sch. hat ihnen den

Kopf verdreht. Warum sind Sie übrigens froh, daß Jewgenij Pawlowitsch

auch da sein wird?«

»Hören Sie mich an, Aglaja,« sagte der Fürst, »ich glaube, Sie fürchten

sehr, daß ich mich morgen blamieren werde ... in dieser Gesellschaft?«

»Ich mich fürchten? Um Ihretwillen?« fuhr Aglaja auf. »Warum soll ich

mich wohl Ihretwegen fürchten, mögen Sie doch ... mögen Sie sich doch

blamieren! Was geht das mich an? Wie können Sie solche Worte überhaupt

gebrauchen? Was heißt das: >blamieren<? Das ist ein gemeines Wort.«

»Das ist ein ... Ausdruck von der Schule her.«

»Einerlei, ein Schulausdruck! Ein gemeines Wort ist es! Sie haben wohl

die Absicht, morgen nur solche Worte zu gebrauchen? Suchen Sie doch zu

Hause in Ihrem Lexikon nach, ob Sie noch solche Worte finden: das wird

sicher Effekt machen. Schade, daß Sie verstehen, gut einzutreten. Wo

haben Sie das eigentlich gelernt? Ich glaube, Sie verstehen sogar,

anständig eine Tasse Tee zu trinken, selbst dann, wenn alle Sie

absichtlich beobachten?«

»Ich denke, daß ich es verstehe.«

»Das ist schade: sonst könnte ich Sie sicher auslachen. Zerschlagen Sie

doch wenigstens die große chinesische Vase im Salon! Sie kostet sehr

viel: bitte, zerschlagen Sie sie doch! Die ist Mama geschenkt worden,

und Mama wird den Verstand darüber verlieren und wird vor allen zu

weinen anfangen -- so wertvoll ist sie für sie. Machen Sie irgendeine

große Geste, so, wie Sie sie immer machen, und zerschlagen Sie sie.

Setzen Sie sich doch, bitte, absichtlich neben sie!«

»Im Gegenteil, ich werde mich bemühen, mich so weit wie möglich von ihr

hinzusetzen: ich danke Ihnen, daß Sie hier vorgebeugt haben.«

»Es scheint also doch, daß Sie sich schon im voraus fürchten, große

Gesten zu machen. Ich möchte wetten, daß Sie wieder über ein >Thema<

sprechen werden, über ein ernstes, erhabenes, großes Thema? Was meinen

Sie ... würde das angehen?«

»Ich glaube, daß es dumm wäre, wenn es nicht angebracht erschiene ...«

»Hören Sie ein für allemal,« fuhr Aglaja schließlich ungeduldig heraus.

»Wenn Sie morgen von der Todesstrafe, oder von dem ökonomischen Zustande

Rußlands, oder von >der Erlösung der Welt durch die Schönheit< zu reden

anfangen, so werde ich mich natürlich sehr darüber freuen und über Sie

lachen, doch ... das sage ich Ihnen im voraus: treten Sie mir dann nicht

mehr vor die Augen! Hören Sie: ich sage es Ihnen im Ernst! Dieses Mal

verstehe ich keinen Spaß!«

Sie sprach wirklich im Ernst ihre Drohung aus, etwas Sonderbares klang

aus ihren Worten und in ihren Augen blitzte etwas auf, das der Fürst

früher nie an ihr bemerkt hatte.

»Nun, jetzt haben Sie es so weit gebracht, daß ich sicher davon >reden<

... und sicher ... auch die Vase zerschlagen werde. Ich habe mich vor

nichts gefürchtet, jetzt fange auch ich an, mich zu fürchten. Jetzt

werde ich mich sicher blamieren.«

»So schweigen Sie. Sitzen Sie und schweigen Sie.«

»Das wird mir unmöglich sein. Ich werde vor Angst sprechen und auch vor

Angst die Vase zerschlagen. Vielleicht werde ich auf dem Parkett

ausgleiten oder es geschieht sonst etwas ... von der Art, wie es mir

schon einmal passiert ist; mir wird die ganze Nacht davon träumen; warum

haben Sie es gesagt!«

Aglaja sah ihn finster an.

»Wissen Sie: ich werde morgen überhaupt nicht erscheinen, ich werde mich

krank melden, und somit wäre die Geschichte abgemacht!« entschloß er

sich zu guter Letzt.

Aglaja stampfte mit dem Fuße auf und erbleichte vor Ärger.

»Mein Gott! Hat man einen solchen Menschen schon erlebt! Er will nicht

kommen, während man gerade für ihn den Abend ... Mein Gott! Das ist ein

Vergnügen, mit einem solchen Menschen etwas zu tun zu haben ... mit

einem so einfältigen Menschen, wie Sie es sind!«

»Nun, ich komme schon, ich komme!« unterbrach sie so schnell wie möglich

der Fürst. »Und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich den ganzen Abend

still dasitzen werde, ohne ein Wort zu sprechen. Ich werde es schon so

einrichten.«

»Nun, Sie werden sehr gut daran tun. Sie sagten soeben: Sie werden sich

>krank melden<. Wieder gebrauchen Sie eine sonderbare Form. Macht Ihnen

das Vergnügen, sich mir gegenüber so auszudrücken? Wollen Sie sich über

mich lustig machen, wie?«

»Entschuldigen Sie; das war wieder ein Schulausdruck; ich werde es nicht

mehr tun. Ich verstehe sehr wohl, daß Sie ... für mich fürchten ... (so

ärgern Sie sich doch wenigstens nicht!) und ich freue mich darüber. Sie

glauben mir nicht, wie sehr ich mich jetzt fürchte und -- wie ich mich

über Ihre Worte freue. Doch diese ganze Angst, ich schwöre es Ihnen, ist

mir etwas Kleinliches und Nebensächliches. Aber die Freude, die bleibt,

Aglaja! Ich habe es so gern, daß Sie noch ein solches Kind sind, so ein

gutes, liebes Kind! Ach, wie können Sie reizend sein, Aglaja!«

Auch darüber wollte sich Aglaja schon ärgern, doch überkam ihre Seele im

selben Augenblick ein so sonderbares Gefühl.

»Sie werden mir also meine schlechten, rohen Worte nicht nachtragen ...

irgendeinmal ... nachher?« fragte sie ihn plötzlich.

»Was sagen Sie, was sagen Sie! Und was haben Sie? Warum sehen Sie so

düster drein! Sie sehen jetzt manchmal so düster aus, Aglaja, wie das

früher nie der Fall war. Ich weiß, warum Sie ...«

»Schweigen Sie, schweigen Sie!«

»Nein, es ist besser, ich sage es Ihnen. Ich wollte es Ihnen schon lange

sagen, doch ... Sie hätten es mir vielleicht nicht geglaubt. Zwischen

uns steht noch ein Wesen ...«

»Schweigen Sie, schweigen Sie, schweigen Sie!« unterbrach ihn Aglaja und

preßte ihm schmerzhaft die Hand, ihn mit Entsetzen anstarrend.

In diesem Augenblick rief man sie -- augenscheinlich erfreut darüber,

lief sie davon.

Der Fürst lag die ganze Nacht hindurch im Fieber. Sonderbarerweise

befand er sich schon seit mehreren Nächten in diesem Zustande. Plötzlich

kam ihm im Halbschlummer der Gedanke: wie, wenn er morgen in Gegenwart

aller einen Anfall bekäme? Er erstarrte bei diesem Gedanken. Die ganze

Nacht über befand er sich in einer der wunderbarsten Umgebungen, in

Gesellschaft sonderbarer, eigenartiger Menschen. Das für ihn

Verhängnisvolle war, daß er »redete« und doch wußte er, daß er nicht

reden sollte. Doch er sprach die ganze Zeit und versuchte die Zuhörer

von irgend etwas zu überzeugen. Jewgenij Pawlowitsch und Hippolyt waren

auch in der Zahl der Gäste und schienen sehr befreundet miteinander.

Er erwachte um neun Uhr morgens mit Kopfschmerzen, wirren Gedanken und

sonderbaren Empfindungen. Er hätte gar zu gern Rogoshin gesehen und

gesprochen -- warum eigentlich und worüber er mit ihm sprechen wollte,

das wußte er selbst nicht. Darauf entschloß er sich, zu Hippolyt zu

gehen. Etwas Schweres lag ihm auf dem Herzen und bedrückte ihn so sehr,

daß alle darauffolgenden Ereignisse des Tages wenn auch einen großen, so

doch unklaren, verschwommenen Eindruck auf ihn machten. Eines dieser

Ereignisse war der Besuch Lebedeffs.

Lebedeff erschien schon am Morgen früh, gleich nach neun Uhr, und zwar

angetrunken. Obwohl der Fürst in letzter Zeit seiner Umgebung gar keine

Aufmerksamkeit schenkte, so fiel es ihm jetzt doch auf, daß bei Lebedeff

eine Veränderung zum Schlechten vor sich gegangen war, besonders, seit

der General nicht mehr wiederkam. Er war schmutzig und unordentlich

angezogen, sein Schlips war schlecht gebunden, der Kragen saß schief,

der Rockkragen war nicht gebürstet. Bei sich zu Hause schrie und lärmte

er, daß man es bis über den Hof hören konnte; Wjera lief mit verweinten

Augen umher. Als er jetzt beim Fürsten erschien, sprach er allerhand

sonderbares Zeug, schlug sich vor die Brust, sagte, daß er schuldig sei

...

»Habe ... erhalten habe erhalten die Belohnung für meinen Verrat, für

meine Niedertracht ... Habe eine Ohrfeige erhalten!« schloß er plötzlich

in tragischem Ton.

»Eine Ohrfeige! Von wem? ... Und so früh am Tage?«

»So früh am Tage?« Lebedeff lächelte sarkastisch. »Die Zeit hat da

nichts zu bedeuten ... selbst für eine physische Ohrfeige hat sie nichts

zu bedeuten ... ich aber habe eine moralische ... eine moralische

Ohrfeige erhalten, und nicht eine physische!«

Er setzte sich plötzlich, ohne Umstände zu machen, und begann zu

erzählen. Seine Erzählung war ganz zusammenhanglos; der Fürst runzelte

die Stirn und gab es schon auf, ihm zuzuhören, als ihn plötzlich einige

Worte aus dem Gespräch stutzig machten. Er erstarrte vor Verwunderung

... Sonderbare Sachen erzählte Herr Lebedeff.

Aller Wahrscheinlichkeit nach war zuerst die Rede von einem Briefe, den

Aglaja geschrieben haben sollte. Plötzlich beschuldigte Lebedeff voll

Bitterkeit den Fürsten: der Fürst hätte ihn, Lebedeff, zuerst seines

Vertrauens für würdig gehalten in Sachen einer gewissen »Person«

(Nastassja Filippowna); darauf hätte er alle Beziehungen zu ihm

(Lebedeff) abgebrochen, ihn mit Schimpf und Schande davongejagt -- und

noch dazu in einer so beleidigenden Art und Weise! Mit Tränen in den

Augen fuhr Lebedeff fort und klagte, daß er es nicht mehr habe ertragen

können, um so weniger, als er alles wüßte und sehr vieles erfahren habe

... Durch Rogoshin, durch Nastassja Filippowna, und durch die Freundin

Nastassja Filippownas. Er wußte alles von Warwara Ardalionowna ... von

ihr ... und von ... Aglaja Iwanowna durch Wjera, durch seine geliebte

Tochter Wjera, sein eingeborenes Kind ... ja--a--a, oder nicht

eigentlich sein eingeborenes, denn er habe ja deren vier. Und er habe

durch Briefe Lisaweta Prokofjewna von allen Geheimnissen unterrichtet,

he, he! Wer habe sie in alle Beziehungen eingeweiht und ... ihr über

Nastassja Filippowna he, he, he! alles mitgeteilt -- wer sei dieser

Anonyme, wenn der Fürst ihm zu fragen gestattete?

»Etwa Sie?« rief der Fürst erstaunt aus.

»Wer denn sonst,« antwortete ihm Lebedeff voll Würde, »und heute noch,

um halb neun Uhr, im ganzen vor einer halben Stunde ... nein, vor einer

dreiviertel Stunde, habe ich die ehrenwerteste Mutter benachrichtigt,

daß ich ihr etwas mitzuteilen habe ... etwas sehr Wichtiges. Durch einen

Brief teilte ich es ihr mit, schickte das Mädchen durch die Hintertreppe

zu ihr hinauf ... und sie nahm ihn an, empfing mich ...«

»Sie haben soeben Lisaweta Prokofjewna gesehen?« fragte der Fürst und

schien kaum seinen Ohren zu trauen.

»Habe sie soeben gesehen und eine Ohrfeige von ihr bekommen ... eine

moralische. Sie warf mir den Brief uneröffnet ins Gesicht ... und jagte

mich hinaus ... übrigens, auch hier nur moralisch, wie gesagt, nicht

physisch ... das heißt, fast auch physisch, es fehlte nicht viel!«

»Was für einen Brief warf sie Ihnen uneröffnet ins Gesicht?«

»Wie ... he, he, he! Habe ich es Ihnen denn noch nicht gesagt! Und ich

dachte, ich hätte es Ihnen schon gesagt ... Ich habe so ein Briefchen

bekommen, zur Übergabe ...«

»An wen? Von wem?«

Die Erklärungen Lebedeffs, die jetzt folgten, waren überhaupt nicht zu

verstehen. Der Fürst konnte nur so viel daraus entnehmen, daß der Brief

früh am Morgen durch eine Magd Wjera Lebedeff eingehändigt worden war,

an eine bestimmte Adresse ... »wie auch schon früher ... ganz wie

früher«, an eine bekannte »Person« und von einer »Dame« ... (denn die

eine von ihnen nenne er »Dame«, die andere nur »Person«, zur

Unterscheidung der Rangstufen, weil nämlich ein großer Unterschied

zwischen einer unschuldigen, wohlgeborenen Generalstochter und ... einer

Kameliendame bestehe) ... »Und so war denn der Brief von der >Dame<,

deren Name mit dem Buchstaben A beginnt ...«

»Wie ist das möglich? An Nastassja Filippowna? Unsinn!« rief der Fürst

aus.

»Na, wenn nicht an sie, so an Rogoshin, das ist ganz gleich. An

Rogoshin, auch an Herrn Terentjeff hat es Briefe zur Übergabe gegeben,

auch von der Dame mit dem Buchstaben A,« blinzelte und lächelte

Lebedeff.

Da er oft von einer Sache auf die andere übersprang und dabei vergaß,

wovon er eigentlich zu sprechen angefangen hatte, so schwieg der Fürst,

um ihn nicht noch mehr zu verwirren: unklar war vor allem, ob die Briefe

ihm oder Wjera anvertraut wurden? Es war wohl eher anzunehmen, daß Wjera

sie beförderte, und daß Lebedeff ihr diesen entwendet hatte! So mochte

er auch diesen Brief von ihr heimlich gestohlen haben, um ihn der

Generalin mit einer besonderen Absicht zu überreichen. In dieser Weise

dachte es sich der Fürst.

»Sie haben den Verstand verloren, Lebedeff!« rief er in

außerordentlicher Erregung.

»Jedoch nicht ganz, Euer Hochwohlgeboren,« antwortete ihm Lebedeff nicht

ohne Bosheit. »Zuerst wollte ich das Briefchen in Ihre eigenen Hände

legen, um Ihnen zu dienen ... doch entschloß ich mich lieber, dort einen

Dienst zu leisten, und vor allem, der Hochwohlgeborenen Frau Mutter ...

Denn auch früher schon einmal hatte ich sie durch einen geheimen Brief

benachrichtigt; und als ich sie jetzt in einem Briefchen um acht Uhr

zwanzig Minuten um eine Unterredung bat, da unterschrieb ich mich: >Ihr

geheimer Korrespondent<. Man empfing mich sofort, sogar in großer Eile,

über die Hintertreppe ... bei der gnädigen Frau.«

»Nun, und? ...«

»Und dort kam ich, wie gesagt, sehr schlecht an, beinah wurde ich

verprügelt, es fehlte nicht viel ... jawohl, verprügelt ... Den Brief

warf sie mir ins Gesicht ... Sie hätte ihn gerne behalten, ich bemerkte

es wohl, doch bezwang sie sich und warf ihn mir ins Gesicht: >wenn man

ihn dir anvertraut hat, ihn zu übergeben, so tue es auch ...< Sie war

außer sich. Wenn sie sich doch schon vor mir nicht beherrschen konnte

... Oh, ein heftiger Charakter!«

»Wo ist denn der Brief jetzt?«

»Ich habe ihn doch: hier ist er.«

Und er reichte dem Fürsten das Briefchen Aglajas an Gawrila

Ardalionytsch, dasselbe, das dieser an demselben Morgen, zwei Stunden

nachher, triumphierend seiner Schwester zeigte.

»Dieser Brief kann nicht bei Ihnen bleiben.«

»Ich gebe den Brief Ihnen, Ihnen! Ihnen bringe ich ihn,« betonte

Lebedeff eifrig und voll Feuer. »Ich bin jetzt wieder ganz der Ihre, der

Ihre, vom Kopf bis zum Herzen, Ihr treuer Diener -- nach diesem

einmaligen und letzten, übrigens nur minutenlangen Verrat! Richten Sie

über mein Herz, aber schonen Sie mir meinen Bart, wie jener Thomas Morus

... in England und in Großbritannien sagte. _Mea culpa, mea culpa_, wie

die römische Päpstin sagte ... das heißt der römische Papst, ich aber

nenne ihn: >römische Päpstin<.«

»Dieser Brief muß sofort überbracht werden!« sagte der Fürst in

bestimmtem Tone. »Ich werde es tun.«

»Würde es nicht besser sein, besser sein, wohlerzogenster Fürst, besser

sein, wenn ...«

Lebedeff schnitt eine sonderbare, sauersüße Grimasse; er sprang hin und

her, als hätte man ihn mit einer Nadel gestochen, zwinkerte mit den

Augen, zappelte mit den Händen.

»Was soll das bedeuten?« fragte ihn mit strenger Miene der Fürst.

»Man könnte ihn vorsichtig öffnen!« flüsterte der andere ihm in

vertraulichem Tone zu.

Der Fürst sprang so wütend auf, daß Lebedeff schnell zur Tür lief; dort

blieb er stehen, um das Weitere abzuwarten.

»Ach, Lebedeff! Wie kann man nur so tief sinken?« rief der Fürst bitter

aus.

Das Gesicht Lebedeffs erhellte sich.

»Jawohl, ich bin gemein, gemein!« er näherte sich sogleich wieder dem

Fürsten und schlug sich, mit Tränen in den Augen, vor die Brust.

»Das ist doch mehr als eine Gemeinheit!«

»Mehr als eine Gemeinheit. Das ist es!«

»Und was treibt Sie denn, so zu handeln? Sie sind ja doch einfach ...

ein Spion! Warum haben Sie denn diese anonymen Briefe geschrieben und

diese gute und edle Frau beunruhigt? Warum sollte Aglaja Iwanowna nicht

das Recht haben, jedem zu schreiben, wie es ihr gefällt? Wie kamen Sie

denn darauf, das ihrer Mutter zu hinterbringen? Sie wollten sich wohl

über sie beklagen? Und was hofften Sie damit zu erreichen? Was hat Sie

denn dazu getrieben?«

»Nur aus einem gewissen Interesse und ... um der ehrenwerten Mutter

gefällig zu sein, ja--a --! Doch jetzt bin ich wieder ganz der Ihre,

wenn Sie wollen, hängen Sie mich auf!«

»Und in solchem Zustande erschienen Sie vor Lisaweta Prokofjewna?«

fragte der Fürst voll Widerwillen und zugleich Neugier.

»Nein--n ... frischer und sogar anständiger; erst nach der erlittenen

Niederlage ... mache ich so einen Eindruck.«

»Nun wohl, verlassen Sie mich jetzt.«

Diese Bitte mußte der Fürst übrigens einigemal an seinen Gast richten,

ehe der sich entschließen konnte, wirklich fortzugehen. Als er schon

hinter der Tür verschwunden war, kehrte er nochmals zurück, kam auf den

Fußspitzen wieder herangeschlichen, bis in die Mitte des Zimmers, und

machte mit den Händen von neuem seine Zeichen, den Brief doch zu öffnen.

Seinen Rat in Worten auszudrücken, durfte er nicht mehr wagen. Darauf

ging er dann hinaus, mit süßem Lächeln auf den Lippen.

Es war dem Fürsten nicht leicht gefallen, diese Mitteilungen Lebedeffs

anzuhören. Aus ihnen konnte er zunächst nur die eine Tatsache entnehmen,

daß Aglaja sich in großer Unruhe und Unentschlossenheit befand und sich

sehr quälen mußte (vielleicht aus »Eifersucht«, dachte der Fürst bei

sich). Ferner schien es ihm, daß böse Menschen sie beeinflußten, und

sonderbar war es, daß sie ihnen zu glauben schien. In diesem

eigenwilligen, heißen, doch stolzen Köpfchen schienen Pläne zu reifen,

die sie vielleicht ins Verderben stürzen konnten -- ganz unmögliche

Pläne! Der Fürst war sehr beunruhigt und wußte nicht, wozu er sich

entschließen sollte. Hier mußte irgendwie vorgebeugt werden, das fühlte

er. Er blickte noch einmal nach der Adresse des Briefes; was ihn

beunruhigte, war, daß er wohl Aglaja, nicht aber Gawrila Ardalionytsch

vertrauen konnte! Und doch befand er sich schon auf dem Wege, um ihm

persönlich den Brief zu übergeben. Fast am Hause Ptizyns angelangt, traf

er jedoch zufällig Koljä. Er übergab den Brief also diesem mit dem

Auftrage, ihn so zu übergeben, als ob er ihn von Aglaja selbst erhalten

hätte. Koljä tat es auch, ohne weiter den Fürsten auszuforschen;

infolgedessen hatte Ganjä dann keine Ahnung davon, durch wessen Hände

der Brief gegangen war. Als der Fürst zu Hause ankam, rief er Wjera

Lukjanowna zu sich und erzählte ihr alles und beruhigte sie, denn sie

hatte die ganze Zeit über geweint und den Brief gesucht. Sie erschrak

furchtbar, als sie erfuhr, daß der Vater den Brief Lisaweta Prokofjewna

hinterbracht hatte. (Später erfuhr der Fürst noch von ihr, daß sie

niemals eine geheime Korrespondenz zwischen Rogoshin und Aglaja

vermittelt hatte; auch wäre es ihr nie eingefallen, daß sie damit zum

Schaden des Fürsten gehandelt hätte.)

Als zwei Stunden nachher der Fürst von der plötzlichen Erkrankung des

Generals Iwolgin benachrichtigt wurde, war er so zerstreut, daß er

anfangs diese Nachricht gar nicht verstand. Doch ließ ihn das Ereignis,

als er es endlich begriffen hatte, wieder zu sich kommen. Er ging

sogleich zu Nina Alexandrowna, zu der man den Kranken natürlich sofort

gebracht hatte, und blieb bis zum Abend bei ihr. Er konnte ihr freilich

von keinem Nutzen sein, aber es gibt Menschen, die man gern in einer

schweren Minute bei sich sieht. Koljä weinte, ganz aufgelöst vor

Schmerz, dabei lief er die ganze Zeit umher, war bei drei Doktoren, in

der Apotheke usw. Man brachte den General wieder zu sich, doch kam er

nicht mehr zu vollem Bewußtsein. Die Ärzte meinten, daß »der Patient in

Lebensgefahr schwebe«. Warjä und Nina Alexandrowna verließen den Kranken

nicht; Ganjä war erschüttert und betroffen, doch fürchtete er sich, den

Kranken zu sehen, er kam nicht nach oben und rang nur in stummer

Verzweiflung seine Hände. Von seinen zusammenhangslosen Klagen behielt

der Fürst nur die Worte: »Welch ein Unglück, und das gerade in diesem

Augenblick!« Der Fürst glaubte ihn zu verstehen und wußte, von welchem

Augenblick die Rede war. Hippolyt traf der Fürst schon nicht mehr im

Hause Ptizyns an. Gegen Abend kam Lebedeff angelaufen. Er hatte seit

seiner »morgendlichen Erklärung« geschlafen. Jetzt war er nüchtern und

weinte am Bette des Kranken heiße Tränen, als ob er sein leiblicher

Bruder gewesen wäre. Ohne nähere Erklärungen zu geben, schrieb er sich

die Schuld am Unglück zu und wich nicht von Nina Alexandrowna, ihr immer

und immer wieder versichernd, daß er, er allein der Grund zu allem

gewesen sei, nur er allein und seine Neugier ... und daß der »Selige«

(er nannte den General so, obgleich dieser noch lebte) ein genialer

Mensch gewesen sei! Er bestand besonders auf dessen Genialität, als ob

das in diesem Augenblick von großem Nutzen hätte sein können. Als Nina

Alexandrowna sein aufrichtiges Leid bemerkte, machte sie ihm keinen

einzigen Vorwurf und versuchte sogar, ihn zu trösten: »Nun, weinen Sie

doch nicht, Gott wird Ihnen verzeihen!« Lebedeff war durch diese Worte

und vor allem durch den Ton dieser Worte so gerührt, daß er sich den

ganzen Abend nicht mehr von Nina Alexandrowna trennte und während der

ganzen drei Tage bis zum Tode des Generals Tag und Nacht im Hause

verblieb. Im Laufe des Tages kam von Lisaweta Prokofjewna ein Bote zu

Nina Alexandrowna, um sich nach dem Zustande des Kranken zu erkundigen.

Als der Fürst am Abend um neun Uhr im Salon bei Jepantschins erschien,

der schon ganz mit Gästen angefüllt war, erkundigte sich Lisaweta

Prokofjewna sofort bei ihm teilnehmend und ausführlich nach dem Kranken,

und beantwortete die Fragen der Bjelokonskaja, »wer der Kranke und wer

Nina Alexandrowna sei«, mit großer Teilnahme und Achtung für die Familie

Iwolgin. Dem Fürsten gefiel das sehr. Er selbst führte sich im Gespräch

mit Lisaweta Prokofjewna »vorzüglich« auf, wie sich später die

Schwestern Aglajas äußerten; »bescheiden, einfach, ohne Gesten,

würdevoll; trat gut auf, war vorzüglich angezogen« und »glitt durchaus

nicht auf dem Parkett aus«, sondern machte auf alle Anwesenden einen

sehr angenehmen Eindruck.

Der Fürst bemerkte seinerseits, als er Platz genommen hatte, daß die

Gesellschaft durchaus nicht den Gespenstern glich, mit denen Aglaja ihn

geschreckt, noch den Alpdrücken, die er in der Nacht ihretwegen gehabt

hatte. Zum erstenmal im Leben sah er etwas davon, was man unter dem

schrecklichen Namen »die große Welt« versteht. Schon lange hatte er den

geheimen, auf bestimmten Absichten beruhenden Wunsch gehabt, in diesen

Zauberkreis von Menschen einzudringen, und war daher sehr gespannt auf

den ersten Eindruck, den er von ihr empfangen würde. Dieser erste

Eindruck nun entzückte ihn über alle Maßen. Es schien ihm sofort, daß

alle diese Menschen geboren waren, um zusammen zu sein, daß hier bei

Jepantschins durchaus keine »Abendgesellschaft« stattfand und die

Menschen keine »geladenen Gäste« waren, sondern alles »Hausgenossen«,

daß er selbst ein ihnen ergebener Freund und Gesinnungsgenosse, und daß

er nach langer Trennung jetzt wieder zu ihnen zurückgekehrt sei. Die

eleganten Manieren, das ungezwungene, fast herzliche Benehmen wirkten

einfach bezaubernd auf ihn. Ihm kam auch nicht im entferntesten der

Gedanke, daß diese Offenherzigkeit und Vornehmheit, dieser Scharfsinn

und das hohe Selbstbewußtsein eine angenommene und völlig künstliche

Form waren. Die Mehrzahl der Gäste waren ungeachtet ihres einnehmenden

Äußeren leere Menschen und hohle Köpfe, die in ihrer Selbstgefälligkeit

nicht einmal wußten, daß ihre ganze Vortrefflichkeit ein Kunstprodukt

war, zu dem sie selbst nichts beigetragen hatten, sondern das ihnen als

Erbschaft unbewußt zugefallen war. Daran wollte der Fürst bei dem ersten

glänzenden Eindruck, unter dem er stand, überhaupt nicht denken. Er sah

nur, wie zum Beispiel dieser Greis, dieser vornehme Würdenträger, der

den Jahren nach sein Großvater hätte sein können, sein Gespräch mit dem

Nachbar unterbrach, um ihm zuzuhören, ihm, einem so jungen und

unerfahrenen Menschen; und nicht nur, daß er ihm zuhörte, sondern daß er

auch seine Meinung zu schätzen schien, und sich zu ihm so aufrichtig und

offenherzig verhielt, als wären sie einander gar nicht fremd. Auf die

Empfänglichkeit des Fürsten wirkte wohl am meisten gerade die Feinheit

dieser Höflichkeit. Außerdem war er vielleicht selbst in besonders

glücklicher Stimmung und geneigt, alles im besten Lichte zu sehen.

Diese Menschen waren indessen, wenn auch »Freunde des Hauses« und

untereinander bekannt, doch durchaus nicht so befreundet, wie es dem

Fürsten zuerst erschien. Dort gab es Leute, die es niemals zugelassen

hätten, Jepantschins zu ihresgleichen zu zählen. Dort gab es Leute, die

sich gegenseitig nicht ertragen konnten. Die alte Bjelokonskaja

»verachtete« ihr ganzes Leben lang die Frau des »alten Würdenträgers«

und diese liebte wiederum Lisaweta Prokofjewna durchaus nicht. Ihr Mann,

»der Würdenträger« selbst, der aus irgendeinem Grunde von jeher als

Protektor der Jepantschins galt, war wiederum in den Augen Iwan

Fedorowitschs ein so erhabenes Wesen, daß dieser aus Ehrfurcht und Angst

in seiner Gegenwart nichts zu äußern wagte und sich selbst aufrichtig

verachtet hätte, wenn es ihm eingefallen wäre, sich mit diesem

Olympischen Zeus gleichzustellen. Auch gab es dort Leute, die sich seit

einigen Jahren nicht mehr gesehen hatten und füreinander nichts

empfanden als Gleichgültigkeit, wenn nicht Widerwillen, und die sich

doch jetzt so freundschaftlich begrüßten, als wären sie noch gestern in

angenehmster Gesellschaft zusammen gewesen. -- Im übrigen war die

»Gesellschaft« gar nicht so zahlreich vertreten. Außer der Bjelokonskaja

und dem »alten Würdenträger« nebst Gemahlin gab es nur noch eine

wichtige Persönlichkeit: einen sehr soliden aktiven General, Baron oder

Graf, mit deutschem Namen. Es war das ein außergewöhnlich schweigsamer

Mensch mit dem Ruf außerordentlicher Gelehrsamkeit, und ein

bewundernswerter Kenner seines Ressorts -- einer dieser Halbgötter von

Administratoren, die alles kennen »außer Rußland selbst«, einer dieser

hochgestellten Beamten, die gewöhnlich nach langem Dienst (bis zur

Verwunderung lang) im höchsten Rang und mit großem Vermögen sterben,

ohne irgendeinen Fortschritt herbeigeführt zu haben, ja, die sogar jedem

Fortschritt im Prinzip feindlich gegenüber gestanden haben. Dieser

General war der unmittelbare Vorgesetzte Iwan Fedorowitschs, der ihn

gleichfalls aus Dankbarkeit seines Herzens für seinen Wohltäter hielt,

während dieser seinerseits sich durchaus nicht für einen Wohltäter Iwan

Fedorowitschs hielt, sich vielmehr ruhig und kaltblütig zu ihm stellte.

Obgleich er die verschiedenen Gefälligkeitsdienste Iwan Fedorowitschs

gerne entgegennahm, hätte er doch an dessen Stelle sofort einen anderen

Beamten eingesetzt, wenn es irgendwelche höhere Vorteile verlangten.

Auch befand sich dort ein vornehmer Kavalier, ein älterer Lebemann, der

für einen Verwandten von Lisaweta Prokofjewna angesehen wurde, was er

aber durchaus nicht war. Ein Mann von hohem Rang, ein reicher

Aristokrat, von erprobter Gesundheit, ein großer Schwätzer, der im Rufe

eines unbefriedigten Menschen stand (unbefriedigt natürlich im höheren

und erlaubten Sinne des Wortes). Ein Durchgänger (was an ihm sogar noch

das Sympathischste war), der die Gewohnheiten eines englischen

Aristokraten hatte, englischen Appetit und Geschmack (besonders was die

blutigen Roastbeefs anbelangte), sowie englische Pferde, Lakaien usw.

hielt. Er war ein großer Freund des »Würdenträgers«, zerstreute und

beschäftigte denselben und -- außerdem auch Lisaweta Prokofjewna, die

den sonderbaren Gedanken gefaßt hatte, daß dieser schon etwas ältliche

Lebemann, außerdem ein leichtsinniger Mensch und Liebhaber des

weiblichen Geschlechts, ihre Alexandra mit einem Antrag beehren würde.

Dieser höheren und solideren Schicht der Gesellschaft folgte eine

Schicht jüngerer Leute: auch sie durchaus glänzend mit eleganten,

blendenden Eigenschaften. Außer dem Fürsten Sch. und Jewgenij

Pawlowitsch gehörte zu ihr der bekannte und bezaubernde Fürst N., ein

Besieger aller Frauenherzen in ganz Europa, ein Mann von jetzt schon

fünfundvierzig Jahren, doch immer noch eine bestechende Erscheinung mit

glänzender Rednergabe, ein Mann von Vermögen, wenn auch etwas

zerrütteten Geldverhältnissen, der meist im Auslande lebte. Es gab aber

dort schließlich auch noch Leute, die schon eine dritte Schicht

bildeten, die genau genommen nicht zu diesem »höheren Kreise« gehörten,

doch die man, ganz wie Jepantschins selbst, in diesem »höheren Kreise«

antreffen konnte. Aus einem gewissen Taktgefühl hatten Jepantschins es

sich ein für allemal zur Regel gemacht, in den seltenen Fällen, in denen

bei ihnen großer Besuch stattfand, in ihre höhere Gesellschaft auch

Leute mittleren Standes einzuladen. Man lobte Jepantschins sehr, daß sie

es verstanden, ihren Platz einzunehmen, und so viel Takt bewiesen,

worauf Jepantschins ihrerseits wiederum sehr stolz waren. Einer dieser

Vertreter mittleren Standes war ein Techniker, ein guter Freund des

Fürsten Sch., der von ihm bei Jepantschins eingeführt worden war. Er war

in Gesellschaft ungewöhnlich schweigsam und trug am Zeigefinger der

rechten Hand einen großen Siegelring, der ihm wohl höheren Ortes

verliehen worden war. Es war außerdem ein Literat erschienen, von

deutscher Herkunft, doch dichtete er russisch: eine durchaus anständige

Erscheinung, die man ohne Gefahr in die Gesellschaft einführen konnte.

Er hatte ein gefälliges Äußere, stand in den Dreißigern, war tadellos

gekleidet und gehörte einer deutschen Familie an, die im höchsten Grade

bürgerlich, doch auch im höchsten Grade anständig und von gutem Rufe

war; auch verstand er es, jede günstige Gelegenheit auszunutzen und die

Protektion einflußreicher Leute zu erwerben. Er hatte eine berühmte

deutsche Dichtung in Versen ins Russische übersetzt und sie einer

hochgestellten Persönlichkeit gewidmet; er konnte sich der Freundschaft

eines großen verstorbenen russischen Dichters rühmen (es gibt eine ganze

Schicht Schriftsteller, die vom Ruhm der Freundschaft eines großen, doch

verstorbenen Dichters leben) und war unlängst durch die Frau des

»Würdenträgers« bei Jepantschins eingeführt worden. Diese Frau war als

Gönnerin von Schriftstellern und Gelehrten bekannt, und sie hatte auch

wirklich durch höhere Protektion, die sie genoß, zwei Schriftstellern

eine Pension verschaffen können. Eine Bedeutung geistiger Art besaß sie

dabei durchaus nicht. Sie war eine Dame von fünfundvierzig Jahren (also

eine junge Frau im Vergleich zu ihrem Gemahl), eine gewesene Schönheit,

die sich auch jetzt noch, wie es mancher Dame in diesem Alter eigen ist,

sehr auffallend zu kleiden liebte. Ihr Verstand war nicht sehr umfassend

und ihre literarischen Kenntnisse waren es nicht minder. Man widmete ihr

Aufsätze und Übersetzungen: zwei oder drei Schriftsteller hatten mit

ihrer Erlaubnis einen Briefwechsel über sehr wichtige Dinge, den sie mit

ihr gehabt, veröffentlicht ...

Diese ganze Gesellschaft nun nahm der Fürst für bare Münze, für reines,

unlegiertes Gold. Im übrigen schienen die Leute an diesem Abend in

besonders guter Stimmung und sehr mit sich selbst zufrieden zu sein.

Alle wußten sie, bis auf den letzten, daß sie Jepantschins mit ihrem

Erscheinen eine große Ehre erwiesen. Doch -- o weh! Der Fürst ahnte

nichts von den Feinheiten, die es da gab. Er ahnte zum Beispiel nichts

davon, daß Jepantschins bei einem so wichtigen Schritt, wie die

Entscheidung des Schicksals ihrer Tochter, es gar nicht gewagt hätten,

ihn, den Fürsten Lew Nikolajewitsch, dem »Würdenträger« und Beschützer

ihrer Familie _nicht_ vorzustellen. Der Würdenträger, der seinerseits

ruhig die Nachricht von einem großen Unglück, das Jepantschins

betroffen, hingenommen hätte, wäre tief beleidigt gewesen, wenn

Jepantschins ihre Tochter ohne seinen Rat, das heißt, ohne seine

Erlaubnis, verlobt hätten. Der Fürst N. wiederum, dieser liebenswürdige

und fraglos geistreiche, großzügige Mensch, war fest davon überzeugt,

daß er wie eine Art Sonne den Salon der Jepantschins erhellte. Er

betrachtete die letzteren als tief unter sich stehend, und dieser

treuherzige und edle Gedanke erzeugte in ihm dann seine Leutseligkeit

und Zuvorkommenheit Jepantschins gegenüber. Er wußte sehr gut, daß er

noch an diesem Abend eine Probe seines Erzählertalents geben würde, um

die Gesellschaft zu entzücken, und bereitete sich fast mit Begeisterung

auf den großen Augenblick vor. Als Fürst Lew Nikolajewitsch die

Erzählung gehört hatte, glaubte er, noch niemals einen so glänzenden

Humor und eine so wunderbare Naivität erlebt zu haben, die einen fast

rühren mußte von den Lippen eines solchen Don Juans, wie Fürst N. einer

war. Wenn er dabei bloß geahnt hätte, wie alt und abgetragen diese

Erzählung war, wie auswendig gelernt und wie bekannt in allen Salons!

Nur bei den unschuldigen Jepantschins tauchte sie wieder als Neuheit

auf, als improvisierte, echte und glänzende Gabe eines Gastes,

dargebracht von einem so eleganten und schönen Menschen! Sogar der

deutsche Dichterling, der sich bescheiden und außerordentlich

liebenswürdig zeigte, glaubte mit seinem Besuch diesem Hause eine Ehre

anzutun. Doch der Fürst sah von alledem nichts. Selbst Aglaja hatte das

nicht vorausgesehen. Sie war wunderschön an diesem Abend. Alle drei

Schwestern waren, wenn auch nicht auffallend, so doch sehr geschmackvoll

gekleidet; dazu trugen sie eine Haartracht, die ganz besonders war.

Aglaja saß neben Jewgenij Pawlowitsch und unterhielt sich sehr

freundschaftlich mit ihm, scherzte und lachte. Jewgenij Pawlowitsch

benahm sich etwas gemessener, als er es sonst getan hatte, wohl aus

Hochachtung vor den Würdenträgern. Ihn kannte man übrigens schon lange

in dieser Welt, zu der er so recht gehörte. Jetzt trug er einen

Trauerflor am Arm, und die Bjelokonskaja hatte ihn deswegen bereits sehr

gelobt. Auch Lisaweta Prokofjewna war damit zufrieden, doch schien sie

an diesem Abend recht zerstreut und zerfahren. Der Fürst bemerkte es,

wie Aglaja ihn zweimal aufmerksam ansah, und es schien ihm, daß sie mit

ihm zufrieden war. Seine Stimmung wurde immer gehobener und glücklicher.

Alle seine früheren »phantastischen« Gedanken und Befürchtungen

erschienen ihm jetzt plötzlich, bei näherer Betrachtung, als ein

wesenloses, und lächerliches Hirngespinst! (Und sein erster, wenn auch

unbewußter Wunsch war schon den ganzen Tag über, alles zu tun, um nicht

mehr an diesen Traum zu denken!) Er sprach wenig und beantwortete nur

die Fragen, die man an ihn richtete, und verstummte zuletzt ganz, doch

hörte und sah er alles wie in großer Verzückung. Und langsam bereitete

sich in seinem Innern eine mächtige Begeisterung vor, die bereit war,

sich Luft zu machen ... Und ganz zufällig begann er denn auch, zu

sprechen, ... zufällig, als er wieder eine Frage beantwortete ... von

ungefähr, ohne jede Absicht, es zu tun ...

Sämtliche Werke 3-4 · 第 66 / 75 题