Warwara Ardalionowna hatte im Gespräch mit ihrem Bruder alles, was sie
bei Jepantschins über die »Verlobung« des Fürsten mit Aglaja in
Erfahrung gebracht, genau genommen, ziemlich übertrieben. Allerdings war
es möglich, daß sie mit dem Instinkt der echten Frau aus den erhaltenen
Mitteilungen das Bevorstehende um so sicherer erraten hatte. Vielleicht
aber hatte sie sich nach der eigenen Enttäuschung bloß die Genugtuung
nicht versagen können, auch dem Bruder, den sie sonst aufrichtig liebte,
eine ebenso große, wenn nicht noch viel größere Enttäuschung zu
bereiten. Jedenfalls ist es nicht anzunehmen, daß ihre Freundinnen sie
so genau unterrichtet hatten: es werden wohl nur Andeutungen oder mit
Schweigen übergangene Fragen gewesen sein, aus denen dann Warjä selbst
das Weitere gefolgert hatte. Vielleicht hatten auch Aglajas Schwestern
mit Absicht manches verlauten lassen, um auf diese Weise selbst von
Warjä etwas zu erfahren. Endlich aber konnte es sich noch so verhalten,
daß auch sie ihre ehemalige Gespielin ein wenig ärgern wollten, denn daß
sie in dieser langen Zeit überhaupt nichts von Warjäs Plänen erraten
haben sollten, ist wohl nicht anzunehmen.
Andererseits kann man auch vom Fürsten sagen, daß er sich in einem
kleinen Irrtum befand, als er Lebedeff versicherte, daß er ihm nichts
besonderes mitzuteilen habe, da mit ihm nichts besonderes geschehen sei.
Das war gerade das Eigentümliche an der Sache: es war allerdings nichts
geschehen, dabei war aber doch sehr viel geschehen, und gerade das hatte
Warwara Ardalionowna mit ihrem sicheren weiblichen Instinkt sogleich
erraten.
Wie es nun eigentlich gekommen war, daß bei Jepantschins plötzlich alle
in dem Gedanken, Aglaja stehe vor einem entscheidenden Schritt und es
sei etwas Besonderes mit ihr vorgefallen, übereinstimmten, dürfte nicht
leicht zu erklären sein. Doch kaum war dieser Gedanke aufgetaucht --
seltsamerweise kam er allen fast zu gleicher Zeit --, als auch alle
sogleich überzeugt waren, daß sie es »schon längst« bemerkt und »klar
vorausgesehen« hätten, und zwar habe es bereits mit dem »Armen Ritter«
begonnen, oder noch früher, nur habe man an etwas so Widersinniges
anfangs überhaupt nicht glauben wollen. So wenigstens behaupteten die
Schwestern. Natürlich hatte Lisaweta Prokofjewna alles noch viel früher
»vorausgesehen«, und »lange schon« hatte ihr das Herz »deshalb weh
getan«; doch ob nun lange oder nicht lange, jedenfalls war ihr der
Gedanke an den Fürsten quälend, und das hauptsächlich deshalb, weil sie
so gar nicht wußte, was sie nun eigentlich denken sollte. Vorläufig war
ihr nur eines klar: daß es sich hier um eine Frage handelte, über die
sie unverzüglich mit sich selbst ins reine kommen mußte; nur konnte sich
die arme Lisaweta Prokofjewna nicht einmal die Frage, d. h. worin diese
Frage nun eigentlich bestand, klar und deutlich vorlegen, von einem
»Ins-Reine-Kommen« ganz zu schweigen. Die Sache war in der Tat nicht
einfach: War nun der Fürst überhaupt annehmbar? oder war er es nicht?
War das alles gut? oder war es nicht gut? Wenn es nicht gut war -- und
das war es zweifellos -- worin bestand dann das Schlechte? Wenn es aber
vielleicht gut war -- das war ja schließlich auch nicht so
ganz unmöglich -- worin bestand dann wiederum das Gute? Das
Familienoberhaupt, der General Iwan Fedorowitsch, war ganz zuerst nur
einfach erstaunt und völlig baff, dann aber vernahm seine Gattin
wirklich das Geständnis von ihm, daß doch, »bei Gott, auch ihm die ganze
Zeit so etwas Ähnliches geschienen habe, zwar nicht ohne weiteres und
nicht immer, aber mitunter doch so wie in etwa ...« Er verstummte aber
schnell unter dem Blick seiner Gemahlin. Das war am Morgen -- am Abend
jedoch, als er mit ihr allein war und sich wiederum zu einer
Meinungsäußerung gezwungen sah, sprach er ebenso plötzlich, doch
auffallend gut gelaunt ein paar äußerst unerwartete Gedanken aus: »Aber
schließlich -- was ist denn dabei so schlimm? ...« meinte er. Die
Antwort der Generalin war Schweigen. »Natürlich ist das alles immerhin
sehr seltsam, vorausgesetzt, daß überhaupt etwas daran ist, doch im
übrigen ...« Schweigen. »Andererseits aber, wenn man die Dinge positiv
betrachtet, das heißt, so wie sie sind, so ist doch der Fürst, bei Gott,
ein prächtiger Junge und ... und ... nun und schließlich ist doch auch
der Name etwas wert, der Name eines alten Geschlechts, und so etwas
nimmt sich doch gar nicht übel aus, ist sozusagen eine Aufrechterhaltung
des alten Stammes, und somit in den Augen der Gesellschaft ... das
heißt, ich meine nur ... Gesellschaft bleibt Gesellschaft ... Und dann:
der Fürst ist ja auch gerade kein Armer, wenn er auch gerade kein
Millionär ist, und ... und ... hm! ...« Das Schweigen dauerte an, und
Iwan Fedorowitsch verstummte endgültig.
Als Lisaweta Prokofjewna ihren Mann angehört hatte, war sie über alle
Maßen empört.
Ihrer Meinung nach war alles nur ein »unverzeihlicher und sogar im
höchsten Grade unschicklicher Unsinn, irgendein dummer phantastischer
Einfall und weiter nichts!« Und zwar allein schon deshalb, weil »dieser
elende Fürst ein kranker Idiot, erstens, und zweitens ein Dummkopf ist,
der weder die Welt kennt noch eine Stellung in der Welt einnimmt. Wem
zeigst du ihn, wo kannst du ihn unterbringen? Ein Mensch mit ganz
unmöglichen demokratischen Ideen, und nicht einmal im Staatsdienst steht
er, und ... und was wird die Bjelokonskaja sagen? Haben wir denn einen
solchen, einen solchen Mann für Aglaja erwartet?« Das letzte Argument
war selbstverständlich das wichtigste. Ihr Mutterherz erzitterte bei
diesem Gedanken und »weinte blutige Tränen«, wenn sich auch gleichzeitig
in diesem Herzen etwas regte, das ihr plötzlich ganz gegen ihren Willen
die Frage aufzwang: »Aber weshalb ist denn der Fürst nicht der Richtige
für Aglaja?« Diese Widerlegungen des eigenen Herzens waren es gerade,
die der armen Lisaweta Prokofjewna am meisten zu schaffen machten.
Aglajas Schwestern jedoch erschien der Gedanke, den Fürsten zum Schwager
zu bekommen, durchaus nicht so unmöglich und sogar nicht einmal
sonderbar; im Gegenteil, sie waren sogar sehr für ihn, nur schienen sie
beide stillschweigend beschlossen zu haben, vorläufig noch zu schweigen.
Sie wußten aus alter Erfahrung, daß die Mutter, wenn sie sich am
hartnäckigsten einer Sache widersetzte, sich dann im Herzen bereits
halbwegs mit ihr ausgesöhnt hatte. Übrigens konnte Alexandra Iwanowna
doch nicht lange bei ihrem Schweigen bleiben: da es der Mutter nun
einmal zur Angewohnheit geworden war, ihre Älteste in allen schwierigen
Dingen um Rat zu fragen, so rief sie sie auch jetzt fast stündlich zu
sich, um ihre Meinung zu hören oder -- und das vor allen Dingen -- um
sie immer wieder zu fragen, wie das nur alles gekommen wäre, warum es
niemand früher bemerkt, weshalb man nicht früher davon gesprochen habe?
Und was hatte dieser verwünschte »Arme Ritter« zu bedeuten gehabt? Warum
war sie, Lisaweta Prokofjewna, allein dazu verurteilt, sich um alle zu
sorgen, alles zu bemerken und zu erraten, während die anderen einfach
schliefen? Alexandra Iwanowna war anfangs etwas vorsichtig und bemerkte
nur, daß ihr die Auffassung des Vaters, die Gesellschaft würde die
Verbindung einer Jepantschin mit dem Fürsten Myschkin nur gutheißen,
sehr richtig erschiene. Doch allmählich geriet sie in Eifer und erklärte
unumwunden, daß der Fürst durchaus kein »Dummkopf« sei, und was seine
Bedeutung in der Gesellschaft anlange, so könne man doch gar nicht
wissen, wonach in ein paar Jahren das Ansehen eines Menschen in Rußland
beurteilt werden würde: ob immer noch nach dem alten Maßstabe, den
pflichtschuldigen Erfolgen im Staatsdienst, oder nach etwas ganz
anderem. Auf alle diese Äußerungen hatte die Generalin nur die eine
Antwort, daß Alexandra eine Freidenkerin und daß alle ihre Ansichten auf
»diese unselige Frauenfrage« zurückzuführen seien. Eine halbe Stunde
später fuhr Lisaweta Prokofjewna nach Petersburg, wo sie sich nach dem
Kamennyj Ostrow[30] begab, um die alte Fürstin Bjelokonskaja, die nur
auf kurze Zeit nach Petersburg gekommen war, zu besuchen. Die Fürstin
war Aglajas Taufmutter.
Die alte Bjelokonskaja vernahm alle fieberhaften und verzweifelten
Geständnisse Lisaweta Prokofjewnas mit ungewöhnlicher Ruhe und ließ sich
auch von ihren Tränen nicht rühren, ja fast blickte sie spöttisch auf
sie herab. Sie war eine große Despotin, die auch jetzt noch, nach
fünfunddreißigjähriger Freundschaft, ihre Lisaweta Prokofjewna
gewissermaßen als ihren Schützling betrachtete. Deshalb war ihr jede
Selbständigkeit an der Generalin zum mindesten nicht nach Wunsch. In
ihrer Antwort bemerkte sie unter anderem, daß »man bei euch, meine
Liebe, nach alter Gewohnheit wieder aus einer Mücke einen Elefanten
gemacht hat. Oder wäre es nicht besser, man wartete noch ein wenig ab!?«
Übrigens halte sie den Fürsten für einen sehr anständigen jungen Mann,
allerdings sei er krank, ein Sonderling und von etwas gar zu geringer
Bedeutung. Das Schlimmste sei jedoch, daß er ganz offiziell eine
Geliebte unterhalte. Lisaweta Prokofjewna begriff natürlich, daß die
Bjelokonskaja sich noch immer ein wenig über den Mißerfolg Jewgenij
Pawlowitschs ärgerte, da sie ihn ganz besonders empfohlen hatte. Im
übrigen kehrte sie noch gereizter nach Pawlowsk zurück, als sie
fortgefahren war. Zu Hause angelangt, erhielten alle Familienmitglieder
sogleich einen Verweis, hauptsächlich deshalb, weil sie »sämtlich
verrückt geworden« seien und es entschieden in keinem anderen Hause so
zugehe wie bei ihnen. »Was ist denn eigentlich geschehen? Weshalb dieses
Geschrei? Ich wenigstens vermag nichts zu entdecken, nichts, das von so
außerordentlicher Wichtigkeit wäre! Wartet doch, bis erst etwas
geschieht! Vieles, was Iwan Fedorowitsch >so vorkommt< -- was ist's in
Wirklichkeit? Man kann doch nicht immer aus einer Mücke einen Elefanten
machen!« usw. usw.
Somit ergab sich also, daß man sich beruhigen, kaltblütiger werden und
warten mußte. Aber ach, das war leichter gesagt als getan: die Ruhe
dauerte keine zehn Minuten. Den ersten erschütternden Stoß erhielt
Lisaweta Prokofjewnas »Kaltblütigkeit« durch die Mitteilung dessen, was
sich während ihrer Abwesenheit zugetragen hatte. (Es war das am Tage
nach jenem nächtlichen Besuch des Fürsten, als er, im Glauben, es sei
erst zehn Uhr, um ein Uhr nachts bei ihnen erschienen war.) Die
Schwestern erzählten auf die immer ungeduldiger werdenden Fragen der
Generalin, daß eigentlich »so gut wie nichts« in ihrer Abwesenheit
geschehen sei, der Fürst sei nur gekommen, Aglaja habe sich jedoch lange
nicht gezeigt, erst nach etwa einer halben Stunde wäre sie dann
erschienen und habe dem Fürsten sogleich den Vorschlag gemacht, eine
Partie Schach zu spielen. Da nun der Fürst ein sehr schlechter
Schachspieler sei, habe ihn Aglaja mit Leichtigkeit geschlagen, sich
sehr darüber gefreut, ihn wegen seines Nichtkönnens gehörig aufgezogen
und so über ihn gelacht, daß der Fürst ihnen geradezu leid getan habe.
Darauf habe sie ihm eine Partie »Duraki«[31] vorgeschlagen, doch hier
sei es umgekehrt gekommen: der Fürst habe sich als ein vorzüglicher
Durakispieler erwiesen, er habe »wirklich meisterhaft gespielt, wie ...
wie ein Professor«. Aglaja habe zwar auf alle Arten zu gewinnen
versucht, habe betrogen, die Karten falsch ausgegeben und vor seinen
Augen seine Stiche gestohlen, doch trotzdem habe der Fürst sie jedesmal
zum »Durak« gemacht, von fünf Partien habe sie keine einzige gewonnen.
Das habe Aglaja über alle Maßen geärgert, sogar so sehr, daß sie sich
völlig vergessen und dem Fürsten solche Anzüglichkeiten und
Ungezogenheiten ins Gesicht gesagt habe, daß der Fürst nicht nur zu
lachen aufgehört habe, sondern sogar ganz bleich geworden sei, bis sie
schließlich ausgerufen, daß sie dieses Zimmer nicht mehr betreten werde,
solange er hier säße, und daß es von ihm geradezu gewissenlos sei, sie
weiterhin zu besuchen, und noch dazu um ein Uhr nachts ins Haus zukommen
--: »_nach allem, was geschehen sei_!« Und damit sei sie hinausgegangen
und habe zornig die Tür hinter sich zugeschlagen. Der Fürst sei hierauf
aufgestanden und ungeachtet all ihrer Beruhigungen und Trostversuche so
traurig wie von einer Beerdigung heimgegangen.
Doch siehe da, kaum eine Viertelstunde nach dem Fortgehen des Fürsten
sei Aglaja ganz plötzlich aus ihrem Zimmer, das im oberen Stock lag, die
Treppe heruntergerast und auf die Terrasse gelaufen -- alles das in
einer solchen Eile, daß sie ihre verweinten Augen nicht einmal zu
verbergen gesucht habe, und zwar deshalb, weil -- Koljä mit einem Igel
erschienen war. Alle hatten sich alsbald um den Igel versammelt und ihn
interessiert betrachtet. Auf ihre Fragen habe Koljä erklärt, daß der
Igel nicht ihm gehöre; er, Koljä, sei mit seinem Freunde, dem
Gymnasiasten Kostjä Lebedeff, der unten auf der Straße auf ihn warte
(dieser hatte sich geniert, einzutreten, da er ein Beil trug), sei also
mit diesem Kostjä Lebedeff gegangen, und unterwegs hätten sie von einem
Bauern, der ihnen begegnet, den Igel für fünfzig Kopeken gekauft, und
dann hätten sie ihn noch beredet, ihnen auch das Beil zu verkaufen, denn
es wäre doch eine gute Gelegenheit und ein sehr gutes Beil gewesen. Da
habe Aglaja plötzlich den Koljä flehentlich zu bitten begonnen, ihr den
Igel zu verkaufen, ja, sie habe sogar »lieber, lieber Koljä« zu ihm
gesagt, doch Koljä habe lange nicht eingewilligt, endlich aber habe er
sich erweichen lassen und Kostjä Lebedeff gerufen, der dann auch mit
seinem Beil erschienen und sehr verlegen gewesen sei. Da aber hatte es
sich dann plötzlich herausgestellt, daß der Igel gar nicht ihnen,
sondern einem dritten Jungen gehörte, einem gewissen Petroff, der ihnen
Geld gegeben hatte, damit sie ihm Schlossers »Weltgeschichte« von
irgendeinem vierten Jungen, der das Werk infolge Geldmangels billig
abgab, kaufen sollten; sie aber hatten nun, statt Schlossers
»Weltgeschichte«, unterwegs diesen Igel gekauft, da sie beide der
Versuchung nicht hatten widerstehen können: folglich aber gehörten der
Igel und das Beil jenem dritten Jungen, dem sie sie nun an Stelle der
Weltgeschichte zu überbringen im Begriff gewesen waren! Doch Aglaja habe
nicht nachgelassen und immer dringender gebeten, bis die Jungen sich zum
Verkauf des Igels entschlossen hätten. Hierauf habe Aglaja den Igel
sogleich mit Koljäs Hilfe in ein Körbchen eingepackt und mit einer
Serviette hübsch zugedeckt. Und dann habe sie Koljä gebeten, »sogleich,
unverzüglich, ohne sich irgendwo aufzuhalten«, dieses Körbchen dem
Fürsten zu bringen, mit der Bitte, es in ihrem Namen als »Beweis ihrer
größten Hochachtung empfangen zu wollen«. Koljä habe mit Freuden
eingewilligt, habe aber sogleich, naseweis wie er war, zu fragen
begonnen, was denn dieser Igel und ein solches Geschenk überhaupt für
eine Bedeutung habe. Aglajas Antwort sei gewesen, daß das nicht seine
Sache sei und ihn somit nichts angehe. Hierauf habe Koljä geäußert, daß
seiner Überzeugung nach der Igel unbedingt ein Symbol sein müsse.
Darüber habe sich Aglaja geärgert und ihm gesagt, er sei ein »dummer
Bengel und weiter nichts«. Doch Koljä, der auch nicht auf den Mund
gefallen sei, habe sofort entgegnet, daß er, wenn er in ihr nicht das
Weib und überdies seine Überzeugungen achtete, ihr unverzüglich beweisen
würde, daß er auf eine solche Beleidigung zu entgegnen wisse. Geendet
habe der Streit aber doch damit, daß Koljä strahlend mit dem Igel
abgezogen sei, gefolgt von dem gleichfalls strahlenden Kostjä Lebedeff.
Als jedoch Aglaja, die ihnen nachgeschaut, bemerkt hatte, daß Koljä den
Korb schaukelte, habe sie ihm von der Terrasse fast ängstlich
nachgerufen: »Koljä, Täubchen, bitte, werfen Sie den Igel nicht heraus!«
ganz als hätte sie sich durchaus nicht soeben noch mit ihm gezankt. Und
da sei denn Koljä stehengeblieben und habe ebenso freundlich, d. h.
gleichfalls so, als wäre nichts Böses vorgefallen, und mit der größten
Bereitwilligkeit, zurückgerufen: »Nein, ich werde ihn nicht
herauswerfen, Aglaja Iwanowna. Sie können ganz ruhig sein!« worauf er
seinen Weg eilig und freudig fortgesetzt hatte. Aglaja aber habe
entsetzlich zu lachen begonnen und sei äußerst zufrieden in ihr Zimmer
zurückgekehrt und überhaupt den ganzen Tag überaus lustig gewesen.
Lisaweta Prokofjewna war wie betäubt. Doch im Grunde genommen: was war
denn schließlich so Ungeheuerliches geschehen? Nichtsdestoweniger
erreichte ihre Unruhe die äußerste Grenze. Die Hauptsache war -- der
Igel! Was bedeutet ein Igel? Was sollte dieses Geschenk? Was sollte das,
was hieß das, was war darunter zu verstehen?! Zum Unglück mußte Iwan
Fedorowitsch, der gerade zugegen war, durch seine Antwort die Sache noch
beängstigend verschlimmern. Seiner Meinung nach war hier »gar nichts
darunter zu verstehen, ein Igel ist ein Igel und weiter nichts --
höchstens, daß er noch Freundschaft bedeutet, vergessene Kränkung,
Versöhnung und so weiter, kurz und gut, das Ganze ist doch nur ein
Scherz, jedenfalls aber ein unschuldiger und verzeihlicher.«
Nebenbei bemerkt -- er hatte alles vollkommen richtig erraten. Der Fürst
war, nachdem er von Aglaja verspottet und beschimpft und fast
hinausgeworfen worden, nach Hause zurückgekehrt, und hatte wohl über
eine halbe Stunde in einer düsteren, fast verzweifelten Stimmung
verbracht -- als plötzlich Koljä mit dem Igel im Körbchen erschien. Da
klärte sich der Himmel im Augenblick auf: der Fürst schien förmlich von
den Toten aufzuerstehen, überschüttete Koljä mit Fragen, hing an seinen
Lippen, fragte wieder und nochmals, so daß Koljä dem Inhalte nach wohl
zehnmal ein und dasselbe erzählte. Der Fürst war selig wie ein Kind und
blickte mit sonnigen Augen die Knaben an, die auch ihn mit lachenden
Blicken betrachteten und die seinen Händedruck -- er dankte unzählige
Male -- ebenso froh und von Herzen erwiderten. Aglaja hatte ihm also
verziehen! und nun konnte er wieder zu ihr gehen! konnte noch an diesem
Abend hingehen! das aber war doch die Hauptsache -- mehr verlangte er ja
gar nicht!
»Was für Kinder wir doch noch sind, Koljä! und ... und ... wie gut das
doch ist, daß wir solche Kinder sind!« rief er zu guter Letzt ganz
begeistert aus.
»Ach, ganz einfach, sie ist in Sie verliebt, Fürst, und das ist alles!«
versetzte Koljä überzeugt.
Der Fürst wurde feuerrot, sagte aber diesmal kein Wort, während Koljä
schallend auflachte und vor Freude in die Hände klatschte. Nach einer
Weile lachte auch der Fürst, dann aber blickte er alle fünf Minuten nach
der Uhr, um zu sehen, ob noch viel Zeit bis zum Abend sei und ob er
nicht schon hingehen könne.
Bei Jepantschins aber war es zu Ende mit der Kaltblütigkeit: Lisaweta
Prokofjewna war mehr als nervös, war geradezu hysterisch erregt und
ließ, ungeachtet der Einwendungen ihres Gatten und der beiden älteren
Schwestern, Aglaja sogleich zu sich rufen, um von ihr eine »endgültige,
klare Antwort zu erhalten, damit das endlich einmal aufhört und man die
Geschichte ein für allemal vom Halse hat, denn sonst -- bin ich noch vor
dem Abend tot, einfach tot!«
Wie groß aber war ihre Verwunderung, von Aglaja nichts anderes zu hören,
als -- nach scheinbarem Erstaunen -- Ausdrücke des Unwillens, sowie
spöttische Bemerkungen und Gelächter über den Fürsten und über »dieses
ganze Verhör«. Lisaweta Prokofjewna legte sich halb krank zu Bett und
stand erst zum Tee wieder auf, da sie den Fürsten erwartete. Als dieser
dann auch endlich erschien, konnte sie sich kaum noch beherrschen vor
innerer Unruhe.
Schüchtern, fast ganz verzagt, trat der Fürst ein, mit einem seltsamen
Lächeln im Gesicht und einem noch seltsameren Blick, mit dem er jedem in
die Augen sah, und der fragen zu wollen schien, weshalb denn -- Aglaja
nicht im Zimmer war. Das hatte ihn sogleich erschreckt. Es war an diesem
Abend niemand außer der Familie anwesend. Fürst Sch. weilte in
Petersburg, da ihm und Jewgenij Pawlowitsch der Skandal, den der Tod von
dessen Onkel hervorgerufen, immer noch viel zu schaffen machte. »Wenn
doch Fürst Sch. jetzt hier wäre, der könnte wenigstens ein Gespräch
anknüpfen!« dachte Lisaweta Prokofjewna ganz verzweifelt. Iwan
Fedorowitsch saß mit einer äußerst besorgten Miene da und wußte offenbar
nichts zu reden; zum Unglück schwiegen auch die Schwestern und machten
ernste Gesichter. »Mein Gott, wovon soll man sprechen!« dachte Lisaweta
Prokofjewna, ohne einen rettenden Gedanken zu finden. Schließlich nahm
sie sich energisch zusammen, erzählte kurz, daß sie in Petersburg
gewesen sei, und sprach dann sehr abfällig über die Eisenbahn, worauf
sie mit entschiedener Herausforderung den Fürsten anblickte.
Doch wehe, Aglaja kam noch immer nicht, und der Fürst verlor seinen
letzten Mut. Kaum verständlich, fast stotternd äußerte er »auch seine
Meinung«, daß eine Verbesserung der Bahn sicherlich sehr nützlich wäre,
doch plötzlich hielt es Adelaida nicht aus und lachte hell auf. Da war
der Fürst wieder wie vernichtet. In diesem Augenblick erschien Aglaja.
Ruhig und vornehm und etwas zeremoniell erwiderte sie den Gruß des
Fürsten, nahm feierlich den sichtbarsten Platz am runden Tisch ein und
blickte fragend den Fürsten an. Alle begriffen, daß jetzt der Augenblick
der Entscheidung gekommen war.
»Haben Sie meinen Igel erhalten?« fragte sie mit fester Stimme, fast
böse.
»Ja, ich habe ihn erhalten,« antwortete der Fürst, indem er errötete und
kaum zu atmen wagte.
»Haben Sie dann die Güte, mir sofort zu erklären, was Sie darüber
denken. Das ist zur Beruhigung meiner Mutter und der ganzen Familie
unbedingt erforderlich.«
»Hör' mal, Aglaja ...« stotterte der General beunruhigt.
»Das, das geht ja über alle Grenzen!« rief Lisaweta Prokofjewna
erschrocken.
»Hier handelt es sich nicht um Grenzen, Mama,« versetzte das Töchterchen
sogleich in strengem Tone. »Ich habe -- und das ist alles -- heute dem
Fürsten einen Igel gesandt und will nun die Ansicht des Fürsten hören.
Also bitte, Fürst, reden Sie jetzt.«
»Das heißt, was für eine Ansicht, Aglaja Iwanowna?«
»Über den Igel.«
»Das heißt, ich denke, Aglaja Iwanowna, Sie wollen erfahren wie ich ...
den Igel empfangen ... oder ... ich wollte sagen, wie ich diese
Zusendung ... des Igels ... aufgefaßt habe ... In dem Fall muß ich
gestehen, daß ich ... mit einem Wort, daß ich ...«
Er verwirrte sich rettungslos und verstummte.
»Nun, viel haben Sie nicht gesagt,« meinte Aglaja, nachdem sie noch eine
Weile gewartet hatte. »Aber gut, ich gebe mich damit zufrieden, lassen
wir den Igel. Es freut mich sehr, daß ich endlich Gelegenheit habe, alle
diese Mißverständnisse, die sich hier aufgehäuft haben, beseitigen zu
können. Gestatten Sie also, endlich von Ihnen persönlich zu erfahren:
bewerben Sie sich um meine Hand oder nicht?«
»Großer Gott!« entfuhr es der Generalin.
Der Fürst zuckte zurück, wie von einem Schlage getroffen; Iwan
Fedorowitsch erstarrte; die Schwestern zogen mißbilligend die Brauen
zusammen.
»Lügen Sie nicht, Fürst, sagen Sie die volle Wahrheit. Ich muß mir
Ihretwegen die seltsamsten Verhöre gefallen lassen. Haben diese Verhöre
nun irgendeine Berechtigung: das ist es, was ich wissen will. Nun!«
»Ich habe nicht um Ihre Hand geworben, Aglaja Iwanowna,« sagte der
Fürst, plötzlich wieder zu sich kommend. »Aber ... Sie wissen, wie ich
Sie liebe und an Sie glaube ... sogar jetzt ...«
»Ich frage Sie: werben Sie um mich oder nicht?«
»Ich ... werbe um Sie,« sagte der Fürst leise.
Es folgte eine allgemeine Bewegung.
»Aber, mein Freund, das geht doch nicht so!« stammelte Iwan
Fedorowitsch, nicht wenig erregt. »Das ... das ist fast unmöglich, wenn
es so ist, Aglaja ... Verzeihen Sie, Fürst, verzeihen Sie, mein Lieber!
... Lisaweta Prokofjewna!« wandte er sich hilfesuchend an seine Gattin,
»hier müßte man doch vor allen Dingen versuchen, dachte ich, den
Sachverhalt zu ... begreifen ...«
»Ich weigere, ich weigere mich, zu begreifen!« rief Lisaweta
Prokofjewna, mit beiden Händen abwehrend.
»Erlauben Sie, _maman_, daß auch ich zu Wort komme. Habe ich doch in
dieser Angelegenheit wohl auch etwas zu bedeuten! Der entscheidende
Augenblick meines Schicksals naht heran« (Aglaja drückte sich
buchstäblich so aus) »und daher will ich alles vorher genau feststellen.
Es freut mich, daß es in Gegenwart aller geschieht ... Gestatten Sie
also, Fürst, die Frage: wenn Sie solche Absichten hegen, womit gedenken
Sie dann mein Glück zu begründen?«
»Ich weiß nicht, wirklich ... ich weiß nicht, Aglaja Iwanowna, was ich
Ihnen sagen soll; hier ... hier ... Was soll man denn darauf antworten?
Ja und ... ist es denn überhaupt nötig?«
»Sie scheinen verwirrt, befangen, außer Atem zu sein, erholen Sie sich
ein wenig, und sammeln Sie Ihre Kräfte; trinken Sie ein Glas Wasser;
übrigens wird man Ihnen sogleich Tee reichen.«
»Ich liebe Sie, Aglaja Iwanowna, ich liebe Sie sehr, ich liebe nur Sie
allein und ... scherzen Sie, bitte, nicht, ich habe Sie sehr, sehr
lieb.«
»Aber, einstweilen, -- es ist das doch eine wichtige Sache, wir sind
keine Kinder, und man muß ernstlich ... nun, ich meine: einstweilen
haben Sie die Güte, sich jetzt die Mühe zu nehmen, mir Ihre
Vermögensverhältnisse zu erklären.«
»Aber ... aber, Aglaja! Was fällt dir ein! Das geht doch nicht so, das
geht doch nicht ...« stotterte Iwan Fedorowitsch geradezu angstvoll.
»Diese Schmach!« stieß Lisaweta Prokofjewna hervor.
»Sie ist verrückt!« sagte Alexandra Iwanowna laut.
»Vermögen ... das heißt Geld, wieviel Geld ich besitze?« fragte der
Fürst verwundert.
»Genau das.«
»Ich ... ich habe ... ich besitze noch hundertfünfunddreißigtausend
Rubel,« sagte der Fürst leise, indem er errötete.
»Nu--ur?« wunderte sich Aglaja ganz offen, ohne ihrerseits auch nur im
geringsten zu erröten. »Übrigens, tut nichts; wenn man ökonomisch lebt
... Beabsichtigen Sie, in den Staatsdienst zu treten?«
»Ich hatte die Absicht, ein Examen als Lehrer abzulegen ...«
»Sehr vernünftig; das würde unsere Mittel natürlich um ein Bedeutendes
vermehren. Sie beabsichtigen also nicht, Kammerjunker zu werden?«
»Kammerjunker? Das habe ich mir noch nie vorgestellt, aber ... aber ...«
Doch hier konnten sich die Schwestern nicht mehr bezwingen und brachen
in schallendes Gelächter aus. Adelaida hatte am Zucken der Mundwinkel
Aglajas erraten, daß sie selbst kaum noch ernst zu bleiben vermochte.
Aglaja blickte die Lachenden im ersten Augenblick drohend an, doch schon
nach einer Sekunde brach sie selbst in das unbändigste, in ein krankhaft
unbezwingbares Lachen aus, sprang dann plötzlich auf und lief aus dem
Zimmer.
»Ich wußte ja, daß es von ihr nichts als Scherz war!« rief Adelaida
immer noch lachend, »schon vom Igel an!«
»Nein, das ist aber doch empörend, nein, das dulde ich nicht, das dulde
ich auf keinen Fall!« fuhr Lisaweta Prokofjewna zornig auf und ging
eilig ihrer Tochter nach.
Ihr folgten sogleich auch die Schwestern. Im Zimmer blieben nur der
Fürst und Iwan Fedorowitsch zurück.
»Das, das ... hättest du dir so etwas denken können, Lew
Nikolajewitsch?« rief der General, offenbar ohne selbst zu wissen, was
er sagen wollte. »Nein, im Ernst, sag' vollkommen im Ernst?«
»Ich sehe, daß Aglaja Iwanowna sich über mich lustig gemacht hat,« sagte
der Fürst tief niedergeschlagen.
»Wart, mein Freund, ich werde sogleich hingehen, du aber, bleib hier ...
denn ... -- So erklär' doch du mir wenigstens, Lew Nikolajewitsch: wie
ist denn das alles gekommen und was hat das alles zu bedeuten? Du siehst
doch ein, mein Bester, ich bin doch -- der Vater. Und als Vater muß ich
doch auch etwas wissen, daher erkläre du mir doch wenigstens -- denn,
nicht wahr, das geht doch nicht so!«
»Ich liebe Aglaja Iwanowna. Ich weiß es und ... ich glaube, sie weiß es
schon lange.«
Der General zog die Schultern in die Höhe.
»Sonderbar, höchst sonderbar! ... Und du liebst sie sehr?«
»Ich liebe sie ... sehr.«
»Hm, sonderbar ... tja, aber was ist da zu machen? Ich gestehe, das ist
mir eine solche Überraschung, solch ein Schlag geradezu, daß ... Sieh
mal, mein Lieber, ich rede nicht vom Vermögen, -- obschon ich, wenn ich
ehrlich sein soll, gedacht hätte, daß dir mehr übriggeblieben sei --
aber ... es handelt sich für mich hier nur um das Glück meiner Tochter
... und deshalb ... bist du nun auch fähig, sozusagen, dieses Glück ...
zu begründen -- das möcht' ich nur wissen? Und ... und ... was ist das
schließlich: Scherz oder Ernst? Das heißt, nicht deinerseits, sondern,
versteht sich, nur ihrerseits?«
Aus dem Nebenzimmer ertönte Alexandras Stimme: sie rief den Papa.
»Wart', mein Freund, wart'! Bleib hier und überleg' dir die Sache, ich
werde im Augenblick ...« sagte er in aller Eile, indem er fast
erschrocken dem Ruf Alexandras folgte.
Doch was er im Nebenzimmer vorfand, hatte er eigentlich nicht erwartet:
seine Frau und seine Tochter Aglaja saßen eng umschlungen und vergossen
beide Tränen. Es waren Tränen der Freude, der Rührung und der
Versöhnung. Aglaja küßte der Mutter die Hände, die Wangen, die Lippen,
und beide preßten sie sich eng, eng aneinander.
»Nun sieh, da hast du sie, Iwan Fedorowitsch, so ist sie jetzt!« sagte
Lisaweta Prokofjewna.
Aglaja wandte ihr glückliches, ganz verweintes Gesichtchen, das sie an
der Brust der Mutter verborgen hatte, dem Papa zu, schaute ihn an und
lachte laut auf. Im nächsten Augenblick war sie schon aufgesprungen, lag
an seiner Brust, umarmte ihn krampfhaft und küßte ihn mehrmals. Und im
allernächsten Augenblick saß sie wieder auf dem Schoß der Mutter, und
verbarg an deren Brust ihr Gesicht, damit niemand sie sähe, und wieder
weinte sie herzbrechend. Lisaweta Prokofjewna streichelte sie zärtlich
und bedeckte sie mit dem einen Ende ihres Schals.
»Nun, was, was tust du jetzt mit uns, du grausames Mädchen, das du nach
alldem bist, pfui!« sagte sie mit mütterlichem Vorwurf, doch klang es
bereits wie aus innerer Freude gesprochen, als sei ihr eine wahre Last
vom Herzen gefallen und als könne sie leichter atmen.
»Grausam! Ja! Grausam!« griff plötzlich Aglaja heftig das Wort auf.
»Einfach ein Scheusal! Verzogen! Eigensinnig! Sagen Sie das Papa. Ach,
er ist ja hier. Papa, sind Sie noch hier? Hören Sie?« lachte sie wieder
unter Tränen.
»Mein kleiner Liebling, mein Herzenskind!« Der General strahlte vor
Glück und küßte ihre Hand, die Aglaja, nebenbei bemerkt, nicht fortzog.
»Dann liebst du also diesen jungen Mann? ...«
»O pfui, gar nicht! Ich kann ihn nicht ausstehen ... euren jungen Mann,
ich hasse ihn einfach!« brauste Aglaja plötzlich wild auf, und sie erhob
wieder den Kopf. »Und wenn Sie, Papa, noch einmal wagen ... Ich sage es
im Ernst, hören Sie: im Ernst!«
Und sie sprach es auch wirklich vollkommen im Ernst: sie wurde ganz rot
dabei, und ihre Augen blitzten auf. Der Papa schwieg erschrocken, doch
Lisaweta Prokofjewna gab ihm über Aglajas Köpfchen hinweg einen Wink,
den er als »Nicht ausfragen!« ganz richtig verstand.
»Wenn es so ist, mein Engel, dann natürlich -- wie du willst ... das
hängt nur von dir ab. Aber er wartet jetzt dort allein -- sollte man ihm
nicht andeutungsweise zu verstehen geben, daß er sich verabschieden
könnte?«
Der General gab nun wiederum seinerseits Lisaweta Prokofjewna einen
Wink.
»Nein, nein, das ist gar nicht nötig, und erst recht nicht so ...
andeutungsweise. Geht nur zu ihm hinein, alle, alle, ich komme dann
nach, gleich nach euch. Ich will diesen ... jungen Mann um Verzeihung
bitten, ich habe ihn gekränkt.«
»Und unverzeihlich gekränkt!« bekräftigte Iwan Fedorowitsch sehr ernst.
»Nun dann ... bleibt lieber alle hier, und ich werde zuerst allein zu
ihm gehen, ihr aber müßt dann sogleich nachkommen, in derselben Sekunde
noch, so wird es besser sein.«
Sie ging zur Tür, hatte den Griff bereits in der Hand, doch plötzlich
wandte sie sich wie hilflos wieder zurück.
»Ich werde lachen! Ich werde sterben vor Lachen!« klagte sie traurig.
Doch im selben Augenblick klinkte sie auch schon plötzlich die Tür auf
und lief hinein -- zum Fürsten.
»Nun, was hat das zu bedeuten? Was meinst du?« flüsterte Iwan
Fedorowitsch hastig seiner Gattin zu.
»Ich fürchte, es auch nur auszusprechen,« antwortete Lisaweta
Prokofjewna ebenso, »aber meiner Ansicht nach ist es doch klar ...«
»Auch meiner Ansicht nach ist es klar. Klar wie der Tag. Sie liebt.«
»Sie liebt nicht nur, sie ist sogar verliebt!« äußerte sich Alexandra
Iwanowna. »Nur in wen, fragt es sich?«
»Gott segne sie, wenn das ihr Schicksal sein sollte!« sagte Lisaweta
Prokofjewna und bekreuzte sich andächtig.
»Dann ist nichts mehr zu wollen,« meinte der General, »seinem Schicksal
entgeht keiner.«
Und alle begaben sich ins Empfangszimmer, um den Fürsten und Aglaja
nicht allein zu lassen. Doch siehe, dort harrte ihrer eine neue
Überraschung.
Aglaja hatte nicht etwa zu lachen begonnen, als sie sich dem Fürsten
genähert, sondern hatte ihm fast schüchtern die Hand gereicht und
gesagt:
»Verzeihen Sie dem dummen, schlechten, verzogenen Mädchen, und seien Sie
überzeugt, daß wir Sie alle unendlich achten. Und wenn ich gewagt habe,
Ihre prächtige ... gute Treuherzigkeit zu verspotten, so verzeihen Sie
es mir, wie man einem Kinde eine Unart verzeiht. Verzeihen Sie, daß ich
auf einer Unmöglichkeit bestand, die natürlich nicht die geringsten
Folgen haben kann ...«
Die letzten Worte sprach Aglaja dabei mit besonderem Nachdruck.
Der Vater, die Mutter und die Schwestern waren noch rechtzeitig
eingetreten, um diese letzten Worte zu hören, und sowohl deren Bedeutung
wie die ernste Miene Aglajas kamen ihnen so unerwartet, daß sie sich
erstaunt und fragend ansahen. Nur der Fürst schien den Sinn der Worte
nicht begriffen zu haben.
»Weshalb reden Sie so,« stammelte er überglücklich, »weshalb ... bitten
Sie um Verzeihung ...«
Er wollte noch sagen, daß er gar nicht wert sei, um Verzeihung gebeten
zu werden. Doch -- wer kann es wissen -- vielleicht hatte er den Sinn
der letzten Worte sehr wohl begriffen, als sonderbarer Mensch aber sich
vielleicht sogar auch über diesen Sinn gefreut? Zweifellos war es für
ihn schon der Gipfel der Glückseligkeit, daß er jetzt unbehindert Aglaja
würde besuchen können, daß man ihm erlauben würde, mit ihr zu reden, bei
ihr zu sitzen, mit ihr spazieren zu gehen, und vielleicht hätte ihm das
auch sein Leben lang genügt! (Diese Genügsamkeit war es aber gerade, die
Lisaweta Prokofjewna im stillen fürchtete: sie war die einzige, die ihn
erkannte. Oh, vieles fürchtete sie im geheimen, was sie vielleicht
selbst kaum auszusprechen verstanden hätte!)
Es ist schwer, sich vorzustellen, in welch einem Maße sich der Fürst an
diesem Abend belebte. Er sprühte förmlich und war von einem Feuer
erfüllt, daß man, ob man wollte oder nicht, sich gleichfalls begeistert
fühlte -- wie später Aglajas Schwestern erzählten. Er kam zum erstenmal
nach jenem Vormittag, den er vor sechs Monaten bei Jepantschins
verbracht hatte, wieder ins Reden, denn seit seiner Rückkehr nach
Petersburg war er ersichtlich schweigsam und zurückhaltend gewesen. Zu
Fürst Sch. hatte er einst gesagt -- es war an jenem Abend, an dem sie
nachher zum Konzert gegangen waren --, daß er sich bezwingen und
schweigen müsse, weil er nicht das Recht habe, seine Gedanken zu
erniedrigen, indem er dieselben ungeschickt ausspräche. Heute aber war
er es allein, der den ganzen Abend über sprach; er erzählte viel, und
wenn hin und wieder Fragen an ihn gestellt wurden, dann antwortete er
klar und ausführlich und mit sichtlicher Freude. Doch von Liebe war mit
keinem Wort mehr die Rede, wie auch sonst nichts an ihm Verliebtheit
verriet. Es waren alles so ernste Dinge, von denen er sprach, mitunter
äußerte er sogar so tiefe Gedanken, und legte einige seiner
Anschauungen, seiner eigenen geheimen Beobachtungen dar, daß das Ganze
vielleicht lächerlich gewirkt hätte, wenn es von ihm aus nicht so
»vorzüglich klar gemacht« worden wäre, wie sich später seine Zuhörer
äußerten. Der General hatte zwar sonst ernste Unterhaltungen sehr gern,
doch diesmal fand im geheimsten Innern auch er, ganz wie die Generalin,
daß es denn doch etwas »zu viel des Ernstes und der Philosophie« war, so
daß sie zum Schluß beide ganz traurig und nachdenklich wurden. Übrigens
war der Fürst zu guter Letzt so animiert, daß er noch ein paar köstliche
Anekdoten zum besten gab, über die er selbst so ausgelassen lachen
konnte, daß die anderen schon bei seinem Anblick mitlachen mußten.
Aglaja dagegen sprach fast den ganzen Abend über kein Wort, dafür aber
hing sie förmlich an den Lippen des Fürsten, keine Silbe entging ihr,
die er sprach, und keinen Blick wandte sie von ihm ab.
»Und wie sie ihn ansah! Sie verschlang ihn ja förmlich mit den Augen,
als ob ihr kein Buchstabe entgehen dürfte,« sagte Lisaweta Prokofjewna
später zu ihrem Gatten. »Sagst du ihr aber, daß sie liebt, dann trage
nur schnell alle Heiligen hinaus!«
»Tja, da läßt sich nichts ändern -- Schicksal!« meinte der General
achselzuckend. Und das war nicht das letztemal, daß er dieses Wort
gebrauchte. Es muß hier bemerkt werden, daß ihm als General und
Geschäftsmann sehr vieles an dem vorläufigen Stand der Dinge mißfiel, so
vor allem die Unklarheit. Doch beschloß er trotzdem, »bis dahin« noch zu
schweigen und ... lieber seiner Lisaweta Prokofjewna in die Augen zu
schauen.
Leider hielt die frohe Stimmung der Familie nicht lange an. Schon am
nächsten Tage verfeindete sich Aglaja mit dem Fürsten, versöhnte sich
dann zwar wieder mit ihm, doch -- auf wie lange? Am anderen Tage begann
sie von neuem zu streiten. Oft machte sie sich stundenlang über ihn
lustig und stellte ihn fast als Narren hin, oft aber saßen sie wiederum
stundenlang in der Laube des Blumengartens ihrer Villa, doch konnten die
anderen dann immer nur sehen, daß der Fürst ihr fast die ganze Zeit aus
irgendeinem Buch oder einer Zeitung vorlas.
»Wissen Sie,« unterbrach ihn Aglaja einmal beim Zeitunglesen, »es ist
mir aufgefallen, daß Sie entsetzlich ungebildet sind: nichts wissen Sie
genau, wenn man Sie etwas fragt, weder wer es gerade war, noch genau in
welchem Jahre, noch nach welchem Vertrag oder Friedensschluß. Sie sind
ein sehr kläglicher Mensch.«
»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich nicht gelehrt bin,« antwortete der Fürst
einfach.
»Was ist denn eigentlich an Ihnen? Wie kann ich Sie dann noch achten?
Lesen Sie weiter. Doch nein, nicht nötig, hören Sie auf!«
Am Abend dieses Tages geschah ihrerseits wiederum etwas sehr
Sonderbares, daß allen ein Rätsel aufgab. Fürst Sch. war aus Petersburg
gekommen und Aglaja war sehr freundlich zu ihm, sie fragte ihn sogar
nach Jewgenij Pawlowitsch. (Fürst Lew Nikolajewitsch war noch nicht
erschienen.) Da machte Fürst Sch. ganz harmlos die Bemerkung, daß »im
Hinblick auf das Bevorstehende« Adelaidas Hochzeit wohl wieder
hinausgeschoben werden müsse, damit beide Trauungen an einem Tage
stattfänden. Kaum aber hatte er es ausgesprochen, als plötzlich Aglaja
purpurrot wurde und sich heftig »alle diese dummen Vermutungen« verbat,
sie habe durchaus nicht die Absicht, irgendwelche Mätressen durch ihre
Person zu ersetzen.
Diese Bemerkung stieß natürlich alle Anwesenden furchtbar vor den Kopf.
Lisaweta Prokofjewna war zuerst sprachlos, bestand aber dann später, als
sie sich mit ihrem Mann unter vier Augen befand, bedingungslos auf einer
ernsten Aussprache mit dem Fürsten betreffs Nastassja Filippowna, was
Iwan Fedorowitsch als Vater einfach für seine Pflicht ansehen müsse.
Iwan Fedorowitsch schwor bei allem, was ihm heilig war, daß es wohl nur
ein »unbegründeter Ausfall Aglajas gewesen und einzig auf ihre
Verlegenheit zurückzuführen« sei; daß sie, wenn Fürst Sch. nicht diese
Anspielung gemacht hätte, nie und nimmer so etwas gesagt haben würde,
denn sie wisse es selbst nur zu gut, daß dieses ganze Gerücht nichts als
eine Verleumdung von seiten ihnen übelwollender Leute sei und daß
Nastassja Filippowna Rogoshin heiraten werde; daß der Fürst in der
Beziehung nichts mit ihr zu schaffen habe -- derlei könne man ihm weder
jetzt nachsagen, noch habe man es früher jemals sagen können: »von
diesen Dingen liegt nichts, aber auch nichts zwischen ihnen vor, wenn du
nun schon einmal die ganze Wahrheit wissen willst.«
Fürst Lew Nikolajewitsch selbst ließ sich durch nichts verwirren und
fuhr fort, ungetrübt selig zu sein. Oh, auch er bemerkte mitunter etwas
gleichsam Düsteres und Ungeduldiges in Aglajas Augen, doch nachdem er
einmal an sie zu glauben begonnen, konnte diesen Glauben nichts mehr
erschüttern. Vielleicht aber war er dennoch etwas gar zu ruhig;
wenigstens äußerte sich auch Hippolyt in dem Sinne, als er ihm einmal
zufällig im Park begegnete.
»Na, hab' ich damals nicht recht gehabt, als ich Ihnen sagte, daß Sie
verliebt seien?« begann er ohne weiteres, indem er auf den Fürsten
zutrat und ihn aufhielt.
Der Fürst reichte ihm die Hand und gratulierte zum »guten Aussehen«.
Hippolyt sah in der Tat viel wohler aus, was ja bei Schwindsüchtigen
bekanntlich oft vorkommt.
Er war eigentlich nur in der Absicht an den Fürsten herangetreten, um
ihm wegen seiner glücklichen Stimmung etwas Gehässiges zu sagen, doch
wie gewöhnlich begann er schon nach den ersten Worten, von sich selbst
zu sprechen. Er hatte über vieles zu klagen, was er denn auch ziemlich
lange und ziemlich unzusammenhängend tat.
»Sie glauben nicht,« fuhr er fort, »bis zu welch einem Grade sie dort
alle reizbar, kleinlich, egoistisch, ehrgeizig und ordinär sind! Werden
Sie es zum Beispiel für möglich halten, daß sie mich nur unter der
Voraussetzung genommen haben, daß ich bald sterbe? Und da sind sie jetzt
alle wütend darüber, daß ich noch immer nicht sterbe und mich im
Gegenteil besser fühle. Die reine Komödie! Ich könnte wetten, daß Sie
mir das nicht glauben!«
Der Fürst wollte nicht widersprechen.
»Übrigens denke ich mitunter daran, wieder zu Ihnen zurückzukehren,«
fügte Hippolyt nachlässig hinzu. »So halten Sie sie also nicht für fähig
dazu, einen Menschen unter der Bedingung aufzunehmen, daß er möglichst
bald stirbt?«
»Ich dachte, daß sie Sie aus gewissen anderen Gründen zu sich
aufgefordert hätten.«
»He--e! Sie scheinen ja durchaus nicht so einfach zu sein, wie man von
Ihnen annimmt! Es ist jetzt nicht die Zeit dazu, sonst könnte ich Ihnen
etwas Interessantes über Ganetschka und seine Hoffnungen mitteilen. Man
will nämlich Ihr Glück untergraben, Fürst, erbarmungslos untergraben,
und ... da tun Sie einem fast leid, weil Sie so ruhig sind. Doch -- Sie
können ja gar nicht anders!«
»Um was Sie sich Sorgen machen!« lachte der Fürst. »Wie, wäre ich denn
Ihrer Meinung nach glücklicher, wenn ich unruhiger wäre?«
»Lieber unglücklich sein und wissen, als glücklich sein und ... betrogen
werden. Sie scheinen es ja überhaupt nicht für möglich zu halten, daß
mit Ihnen rivalisiert wird und ... noch dazu von der Seite?«
»Ihre Worte sind ein wenig zynisch, Hippolyt; es tut mir leid, daß ich
nicht das Recht habe, Ihnen hierauf zu antworten. Was jedoch Gawrila
Ardalionytsch betrifft, so werden Sie wohl selbst zugeben, daß es etwas
viel verlangt wäre, wollte man von ihm nach allem, was er verloren hat,
noch völlige Ruhe fordern. Ich nehme an, daß Sie wenigstens zum Teil
darüber unterrichtet sind, was er durchgemacht hat? Jedenfalls scheint
es mir besser, das Verhältnis von diesem Standpunkte aus zu betrachten.
Er wird sich noch ändern, ihm steht noch ein langes Leben bevor, und das
Leben ist reich ... doch übrigens ... übrigens ... was das Untergraben
betrifft ... ich verstehe nicht einmal, wovon Sie reden ... Brechen wir
lieber dieses Gespräch ab, Hippolyt.«
»Schön, vorläufig. Zudem können Sie es auch nicht gut mit Ihrem Edelmut
vereinigen. Sie, Fürst, Sie müssen alles immer selbst mit den Fingern
befühlt haben, bevor Sie etwas glauben, ha--ha! Verachten Sie mich jetzt
sehr?«
»Weshalb das? Weil Sie mehr als wir gelitten haben und leiden?«
»Nein, deshalb, weil ich dieses Leidens unwürdig bin.«
»Wer mehr gelitten hat, der ist es auch würdig gewesen, mehr zu leiden.
Als Aglaja Iwanowna Ihre Beichte gelesen hatte, wollte sie Sie sehen,
aber ...«
»Sie schob es auf ... sie darf nicht, ich verstehe, verstehe ...«
unterbrach ihn Hippolyt, als wolle er schnell von diesem Thema ablenken.
»Ach, apropos, man sagt, Sie hätten ihr diese ganze Litanei vorgelesen
... Ach was, das Ganze ist doch nur im Fieber geschrieben und ...
ausgedacht. Ich begreife wirklich nicht, bis zu welch einem Grade man --
ich will nicht sagen grausam (das wäre erniedrigend für mich), wohl aber
kindisch eitel und rachsüchtig sein muß, um mir diese Beichte
gewissermaßen zum Vorwurf machen zu können und sie gegen mich, den
Verfasser, als Waffe zu benutzen! Beunruhigen Sie sich nicht, das war
nicht auf Sie gemünzt ...«
»Es tut mir leid, daß Sie sich von dieser Beichte lossagen, Hippolyt,
sie ist aufrichtig geschrieben, und wissen Sie, selbst die
lächerlichsten Stellen -- und deren gibt es viele --« (Hippolyt runzelte
wütend die Stirn) »sind mit Schmerzen bezahlt ... denn dieses Gestehen
ist auch schmerzhaft gewesen und ... vielleicht hat dazu eine große
Mannhaftigkeit gehört. Der Gedanke, der Sie dazu bewogen hat, hat
zweifellos einen edlen Ursprung gehabt, gleichviel was andere da sagen.
Je weiter alles zurücktritt, um so deutlicher sehe ich es jetzt, glauben
Sie mir. Ich will Sie nicht richten, ich sage es nur, um mich
auszusprechen, und weil ich es bedauere, daß ich damals schwieg ...«
Hippolyt wurde rot. Im Augenblick kam ihm zwar der Gedanke, daß der
Fürst sich vielleicht verstelle, um ihn zu fangen, doch ein Blick auf
ihn genügte, um jeden Zweifel an seiner Aufrichtigkeit zu verscheuchen.
Da erhellte sich Hippolyts Gesicht.
»Was hilft das alles, sterben muß ich jetzt doch!« sagte er, und fast
hätte er noch hinzugefügt: »solch ein Mensch wie ich!« -- »Können Sie
sich vorstellen, was Ganetschka mir jetzt zumutet: er hat sich
gewissermaßen als Entgegnung ausgedacht, daß von jenen, die damals meine
>Beichte< hörten, drei oder vier wohl noch früher sterben würden als
ich! Wie finden Sie das! Und er glaubt wirklich, daß das ein Trost sei,
ha--ha! Erstens sind diese Leute bis jetzt noch nicht gestorben, und
zweitens, selbst wenn sie's wären, was hätte ich denn davon? Er urteilt
natürlich nach sich selbst. Übrigens geht er jetzt noch weiter, er
schimpft einfach und sagt, daß ein anständiger Mensch in einem solchen
Falle schweigend sterben würde, und daß das alles von mir nichts als
Egoismus gewesen sei! Wie finden Sie das! Oder nein, wie finden Sie hier
den Egoismus seinerseits! Wie finden Sie die Raffiniertheit, oder noch
besser, die viehische Roheit der Selbstliebe dieser Leute, die sie
natürlich niemals an sich selbst bemerken! ... Haben Sie gelesen, Fürst,
vom Tode Stepan Gleboffs im achtzehnten Jahrhundert? Ich las zufällig
gestern ...«
»Von was für einem Stepan Gleboff?«
»Der unter Peter an den Pfahl gebunden wurde!«
»Ach, mein Gott, gewiß! Er stand fünfzehn Stunden am Pfahl in der großen
Kälte und starb heldenhaft; gewiß habe ich es gelesen -- nun und?«
»Gibt doch Gott bisweilen solch einen Tod den Menschen -- weshalb aber
nicht auch mir? Sie glauben vielleicht, daß ich nicht fähig wäre, so zu
sterben wie Gleboff?«
»Oh, durchaus nicht,« sagte der Fürst verwirrt, »oder vielmehr, ich
wollte nur sagen, daß Sie ... das heißt, nicht, daß Sie dem Gleboff
unähnlich wären, sondern ... daß Sie ... daß Sie dann eher ...«
»Ich errate: daß ich dann eher Ostermann gewesen wäre? und nicht Gleboff
-- wollen Sie das damit sagen?«
»Was für ein Ostermann?« wunderte sich der Fürst.
»Na, Ostermann, der große Diplomat Ostermann, Peters Ostermann,«
murmelte Hippolyt, plötzlich etwas verwirrt.
Es folgte eine kleine Pause, in der beide das Mißverständnis fühlten.
»Oh, n--n--nein! Ich wollte nicht das sagen,« fuhr der Fürst langsam
fort. »Sie würden, glaube ich ... niemals ein Ostermann gewesen sein.«
Hippolyt ärgerte sich und runzelte wieder die Stirn.
»Übrigens, ich sage das ja doch nur deshalb,« verbesserte sich der Fürst
schnell, »nur deshalb, weil die Menschen von damals -- wirklich, es hat
mich immer frappiert -- sozusagen gar nicht dieselben Menschen waren,
die jetzt leben. Es ist, als wären wir damals ein ganz anderes Volk
gewesen, nein, wirklich, als handelte es sich um zwei ganz verschiedene
Rassen ... Damals waren die Menschen gewissermaßen Menschen mit nur
einer Idee, jetzt aber sind sie viel problematischer, komplizierter,
sensitiver, sind Menschen mit zwei, drei Ideen zu gleicher Zeit ... Der
jetzige Mensch ist ... geistig breiter -- und ich schwöre Ihnen, gerade
das hindert ihn, ein so einheitlicher Mensch zu sein, wie es die
Menschen in jenen Jahrhunderten waren ... Ich ... ich habe das nur in
dem Sinne gesagt, nicht daß ich ...«
»Ich verstehe schon. Weil Sie so naiv offen nicht mit mir einverstanden
waren, wollen Sie mich jetzt trösten, ha--ha! Sie sind ein vollkommenes
Kind, Fürst. Indes ... ich bemerke, daß Sie mich alle wie ... wie eine
Porzellantasse behandeln. Tut nichts, tut nichts, ich ärgere mich nicht.
Jedenfalls haben wir ein sehr lächerliches Gespräch geführt. Sie sind
mitunter wirklich ein ganzes Kind. Wissen Sie, daß ich vielleicht auch
etwas besseres sein wollte, als ein Ostermann ... für einen Ostermann
lohnt es sich nicht, von den Toten aufzuerstehen. Ich sehe, daß ich
möglichst bald sterben muß, denn sonst würde ich selbst ... Lassen Sie
mich! Auf Wiedersehen! Doch gut, sagen Sie mir selbst, welches wäre für
mich die beste Art, zu sterben, was meinen Sie? ... Damit es möglichst
... nun, sagen wir -- heldenhaft geschähe? Nun, was meinen Sie!«
»Gehen Sie an uns vorüber und verzeihen Sie uns unser Glück!« sagte der
Fürst leise.
»Ha--ha--ha! Das dachte ich mir! Gerade etwas von der Art erwartete ich!
Einstweilen, Sie ... Sie ... Nun ja! Weiß Gott! Schöne Phrasen! Auf
Wiedersehen, auf Wiedersehen!«