Erst am dritten Tage wurde dem Fürsten von Jepantschins verziehen. Zwar
sprach der Fürst, wie gewöhnlich, sich allein die ganze Schuld zu und
erwartete daher mit Gewißheit seine Strafe; trotzdem war er innerlich
von Anfang an überzeugt, daß Lisaweta Prokofjewna ihm nicht ernstlich
böse sein könne, sondern sich aller Wahrscheinlichkeit nach mehr über
sich selbst ärgere. Deshalb fühlte er sich denn auch am dritten Tage,
als ihm noch immer nicht Verzeihung gewährt worden war, moralisch ganz
niedergedrückt. Außerdem kamen noch andere Dinge hinzu, die ihn quälten,
namentlich etwas, das sich im Laufe der drei Tage dank dem zunehmenden
Mißtrauen des Fürsten progressiv vergrößerte und immer beängstigender
wurde. (Er machte sich seit einiger Zeit heftige Vorwürfe wegen seines
»sinnlosen, zudringlichen« Vertrauens und seines »finsteren, niedrigen«
Mißtrauens.) Kurz und gut -- bis zum Abend des dritten Tages hatte der
Zwischenfall mit der exzentrischen Dame, die aus dem Wagen zu Jewgenij
Pawlowitsch gesprochen, in seinen Gedanken bereits eine wahrhaft
rätselhafte Bedeutung von nahezu erschreckendem Umfang angenommen. Die
unheimlichste Frage war für ihn -- ganz abgesehen von allen anderen
unangenehmen Seiten des Vorfalls -- ob nun wiederum er allein an dieser
neuen »Ungeheuerlichkeit« schuld sei, oder nur ... Doch er sprach es
nicht aus, wen er meinte. Was jedoch die Umänderung der Buchstaben A. M.
D. in N. F. B. anlangte, so glaubte er jetzt nur einen harmlosen Scherz
darin erblicken zu dürfen, eine kindliche Unart, so daß ihm selbst
längeres Nachdenken darüber beschämend und in einer Beziehung sogar
unehrenhaft erschien.
Übrigens hatte der Fürst am nächsten Tage nach jenem »scheußlichen
Abend« das Vergnügen gehabt, den Fürsten Sch. und Adelaida bei sich zu
empfangen: sie waren »_hauptsächlich_ deshalb gekommen, um sich nach
seiner Gesundheit zu erkundigen«. Adelaida hatte im Park einen
»entzückenden alten Baum« entdeckt, eine Trauerbirke mit langen
hängenden Ästen in frischem jungen Grün; unterwegs -- sie waren beide
»nur so« spazieren gegangen -- hatte Adelaida beschlossen, »unbedingt,
unbedingt diesen Baum zu malen«. Und von diesem Baum war fast die ganze
Zeit gesprochen worden, mindestens eine halbe Stunde lang. Fürst Sch.
war so liebenswürdig und aufmerksam gewesen, wie er es immer war, hatte
den Fürsten nach diesem und jenem gefragt, hatte ihn an ihre erste
Begegnung in der kleinen Provinzstadt erinnert, so daß des
vorhergegangenen Abends mit keinem Wort Erwähnung getan wurde.
Schließlich hatte es Adelaida doch nicht ausgehalten: sie hatte zu
lachen begonnen und gestanden, daß sie beide gewissermaßen »inkognito«
zu ihm gekommen seien. Doch das war auch alles, was sie verriet, --
nicht viel, aber auch gewiß nicht wenig, denn aus diesem »inkognito«
konnte man mit Leichtigkeit die Stimmung ihrer Eltern erraten. Doch
weder über ihre Mutter, noch über Aglaja und nicht einmal über Iwan
Fedorowitsch ließ Adelaida ein Wort fallen, und als sie aufbrachen, um
ihren Spaziergang wieder fortzusetzen, forderten sie den Fürsten nicht
auf, sich ihnen anzuschließen, -- von »sie zu besuchen« war erst recht
keine Rede! Ja, in der Beziehung verriet ein kurzes Gespräch sogar noch
viel mehr: als Adelaida von ihrer letzten Aquarellmalerei erzählte,
wünschte sie plötzlich sehr, daß der Fürst sie kritisiere. »Aber wie
soll ich sie Ihnen zeigen?« stutzte sie auf einmal. »Warten Sie! Ich
werde Koljä bitten, wenn er heute zu uns kommt ... oder nein, ich werde
sie Ihnen morgen selbst bringen, wenn ich mit dem Fürsten wieder
spazieren gehe!« entschied sie schnell, sehr erfreut über die gefundene
Lösung des Problems.
Sie verabschiedeten sich bereits, als Fürst Sch. sich scheinbar erst
jetzt ganz plötzlich einer Sache zu entsinnen schien.
»Ach, _à propos_,« wandte er sich an den Fürsten, »wissen Sie nicht
wenigstens, bester Lew Nikolajewitsch, wer diese Dame war, die gestern
Jewgenij Pawlowitsch diese rätselhaften Worte zurief?«
»Das war Nastassja Filippowna,« sagte der Fürst. »Sollten Sie es noch
nicht erfahren haben, daß sie es war? ...«
»Doch, doch, ich weiß, ich hab's gehört!« unterbrach ihn Fürst Sch.
eilig. »Aber was bedeutete das, was sie ihm da zurief? Das ist, ich muß
gestehen, ein solches Rätsel ... für mich, wie auch für alle anderen
...«
Fürst Sch. sprach ersichtlich in größter Verwunderung.
»Sie sprach von irgendwelchen Wechseln Jewgenij Pawlowitschs,«
antwortete der Fürst sehr einfach, »die Rogoshin von einem Wucherer
gekauft hat, auf ihre Bitte hin, und daß Rogoshin auf die Einlösung
derselben noch warten werde.«
»Ich weiß, ich weiß, mein bester Fürst, aber das ist ja doch ein Ding
der Unmöglichkeit! Jewgenij Pawlowitsch hat überhaupt keine Wechsel
ausgestellt, wozu hätte er das nötigt -- bei seinem Vermögen! ... Es ist
ja wahr, er hat ja früher mitunter aus Leichtsinn welche ausgestellt,
und sogar ich habe ihn manchesmal aus der Patsche gezogen ... Aber bei
einem solchen Vermögen einem Wucherer Wechsel auszustellen und sich dann
ihretwillen noch Sorgen zu machen -- das ist doch ausgeschlossen, ganz
ausgeschlossen! Und ebenso kann er sich doch mit Nastassja Filippowna
unmöglich auf du und du stehen -- das ist mir noch das Rätselhafteste!
Er schwört, daß er kein Wort von der ganzen Sache verstehe, und ich
glaube es ihm gern. Die Sache ist nur die, bester Fürst, -- ich wollte
Sie fragen, ob _Sie_ nicht vielleicht irgend etwas wissen? Das heißt,
ich meine ja nur -- vielleicht ist Ihnen durch irgendeinen Zufall etwas
zu Ohren gekommen?«
»Nein, ich weiß nichts, und ich versichere Sie, daß ich daran nicht
beteiligt gewesen bin.«
»Aber lieber Fürst, wer denkt denn daran! Wie Sie wirklich sind! Ich
erkenne Sie heute kaum wieder. Hätte ich denn jemals so etwas auch nur
vermuten können? -- _Sie_, beteiligt an einer _solchen_ Intrige? ...
Doch Sie sind heute nervös.«
Er umarmte und küßte ihn herzlich.
»Das heißt -- an welch einer >_solchen_< Intrige beteiligt? Ich kann
hier keinerlei >_solche_< Intrige sehen.«
»Nun, zweifellos hat doch die betreffende Person Jewgenij Pawlowitsch an
irgend etwas verhindern wollen, indem sie ihm in den Augen der
Anwesenden Eigenschaften beilegte, die er nicht hat und auch gar nicht
haben kann,« antwortete Fürst Sch. ziemlich trocken.
Den Fürsten Lew Nikolajewitsch schien diese Antwort nicht wenig zu
verwirren, doch blickte er trotzdem unverwandt Fürst Sch. an; jener
verstummte aber plötzlich.
»Sollten es nicht doch einfach Wechsel sein? Ist es nicht buchstäblich
so, wie sie gestern sagte?« stieß der Fürst plötzlich in nervöser
Ungeduld hervor, man hörte jedoch heraus, daß er unsicher war.
»Aber so urteilen Sie doch selbst, was kann es denn Gemeinsames geben
zwischen Jewgenij Pawlowitsch und ... ihr und außerdem noch Rogoshin?
Glauben Sie mir, er besitzt tatsächlich ein großes Vermögen, ich weiß es
ganz positiv. Und ein zweites großes Vermögen wird ihm vielleicht bald
noch von seinem Oheim zufallen. Einfach, Nastassja Filippowna ...«
Wieder verstummte Fürst Sch. ganz plötzlich; offenbar wollte er dem
anderen gegenüber nicht mit seinen Gedanken über Nastassja Filippowna
herausrücken.
»Aber dann ist sie doch jedenfalls mit ihm bekannt?« fragte der Fürst
nach kurzem Schweigen.
»Das allerdings -- ja. Doch übrigens, wenn er auch mit ihr bekannt
gewesen ist, so ist das immerhin schon lange her, so ... sagen wir, --
zwei bis drei Jahre. Er war ja doch mit Tozkij gut bekannt. Jetzt aber
kann von einer näheren Bekanntschaft oder gar einer Freundschaft auf du
und du überhaupt nicht die Rede sein! So intim ist er mit ihr nie
gewesen, nie! Und Sie wissen doch selbst sehr gut, daß sie lange Zeit
gar nicht in Petersburg gelebt hat. Und die meisten wissen es überhaupt
noch nicht, daß sie wieder hier aufgetaucht ist. Diesen Wagen und die
Pferde habe ich erst vor etwa drei Tagen zum erstenmal hier gesehen.«
»Ein entzückendes Gespann!« bemerkte Adelaida.
»Ja, das Gespann ist allerdings tadellos.«
Übrigens verließen sie den Fürsten in der freundschaftlichsten Stimmung,
fast kann man sogar sagen, daß sie sich wie Geschwister von ihm
verabschiedeten.
Für den Fürsten Lew Nikolajewitsch war aber dieser Besuch von ganz
ungeheuerer Bedeutung. Nun ja, er hatte ja selbst vieles vermutet,
bereits seit der gestrigen Nacht (vielleicht aber auch schon früher);
doch hatte er bis zu ihrem Besuch immer noch nicht gewagt, seine
Befürchtungen vor sich selbst zu rechtfertigen. Jetzt aber war
wenigstens so viel klar, daß Fürst Sch., der natürlich das Ganze an sich
falsch auffaßte, immerhin der Wahrheit auf der Spur war, wenn er hier
eine _Intrige_ vermutete.
»Übrigens ...« dachte der Fürst bei sich, »vielleicht faßt er es im
geheimen ganz richtig auf, will es aber nur nicht anderen aufdecken und
legt die Sache deshalb absichtlich falsch aus.«
Jedenfalls stand jetzt eines fest: daß Adelaida und Fürst Sch.
(namentlich Fürst Sch.) in der Hoffnung zu ihm gekommen waren, von ihm
etwas Näheres erfahren zu können; war aber das der Fall, so mußte man
ihn doch unbedingt für beteiligt an der Intrige halten. Und außerdem:
wenn der ganze Vorfall wirklich von solch einer Wichtigkeit war, dann
mußte _sie_ doch irgend etwas Furchtbares im Sinne haben, -- was aber
konnte das sein? ... Wie diese Gedanken quälten!
»Und wie könnte man _sie_ von etwas abbringen, das sie sich einmal in
den Kopf gesetzt hat? Das ist ja doch ganz unmöglich, ganz
ausgeschlossen, wenn sie sich von der Notwendigkeit der Durchführung
ihrer Absicht überzeugt hat!« Das wußte der Fürst aus Erfahrung nur zu
gut. »Sie ist ja doch wahnsinnig! ... wahnsinnig! ...«
Doch der quälenden Probleme gab es für ihn an diesem Morgen gar zu
viele; alle tauchten sie jetzt auf einmal auf, und über alle mußte er
nachdenken, lange nachdenken, und alle wollten schnell gelöst sein. So
kam es, daß der Fürst sehr ernst und niedergedrückt war. Ein wenig
Zerstreuung brachte ihm Wjera Lebedewa, die mit ihrem kleinen
Schwesterchen Ljubotschka zu ihm kam und lachend irgend etwas erzählte.
Bald darauf erschien auch ihre andere Schwester, die, welche beim
Sprechen und beim Lachen den Mund immer so unheimlich weit auftat, und
dieser folgte Lebedeffs Sohn, der Gymnasiast, der sich dann gleichfalls
an der Zerstreuung des Fürsten beteiligte und lebhaft versicherte, daß
der Stern in der Apokalypse, der »auf die Quellen der Gewässer« fiel,
nach der Auslegung seines Vaters nichts anderes als das Eisenbahnnetz
bedeute, das sich jetzt über Europa auszubreiten beginne. Der Fürst
wollte es nicht glauben, daß Lebedeff den Stern so deute, worauf dann
beschlossen wurde, ihn selbst bei nächster Gelegenheit danach zu fragen.
Von Wjera Lebedewa erfuhr der Fürst ferner, daß Herr Keller sich bei
ihnen gestern heimisch niedergelassen hatte und aller Voraussicht nach
nicht sobald wieder fortziehen werde, zumal er in dem alten General
Iwolgin einen Kompagnon und guten Freund gefunden hätte; übrigens habe
er erklärt, daß er einzig »zur Komplettierung seiner Bildung« bei ihnen
bliebe. Überhaupt begannen die Kinder Lebedeffs, dem Fürsten mit jedem
Tage mehr zu gefallen.
Koljä erschien den ganzen Tag nicht: er war am Morgen nach Petersburg
gefahren (Lebedeff hatte sich bereits in aller Frühe dorthin begeben --
in Geschäften, wie es hieß), und so erwartete der Fürst mit Ungeduld den
Besuch Gawrila Ardalionytschs, den ihm dieser am Abend vorher beim
Abschied zugesagt hatte.
Um sieben Uhr abends erschien er denn auch richtig -- sogleich nach dem
Essen[21]. Beim ersten Blick auf ihn glaubte der Fürst zu erraten, daß
ihm alles, was an dem Abend passiert war, bis aufs Letzte bekannt sei.
Wie sollte es auch anders sein, wenn er solche Helfershelfer wie seine
Schwester Warjä und seinen Schwager Ptizyn hatte! Zwischen Ganjä und dem
Fürsten bestand ein etwas eigentümliches Verhältnis. Der Fürst hatte ihm
zum Beispiel die Führung der ganzen Angelegenheit mit Burdowskij
anvertraut und ihn noch ganz besonders gebeten, die Sache zu übernehmen;
doch ungeachtet dieses Vertrauens und noch so mancher anderen Bande, die
sie verknüpften, blieben gewisse Punkte zwischen ihnen bestehen, die von
ihnen gleichsam nach gemeinsamer Verabredung mit keinem Wort berührt
wurden. Dem Fürsten hatte allerdings geschienen, daß Ganjä ihm gegenüber
vielleicht vollkommen und freundschaftlich aufrichtig zu sein wünschte,
und so dachte er auch jetzt, daß Ganjä, als er eintrat, im höchsten
Grade überzeugt sei, daß nun der Augenblick gekommen wäre, in dem das
Eis an diesen gewissen Punkten von beiden Seiten gebrochen werden
könnte. Nur hatte Ganjä diesmal leider nicht viel Zeit: seine Schwester
wartete auf ihn bei Lebedeffs, und sie hatten beide noch etwas Eiliges
vor.
Doch wenn Ganjä vielleicht tatsächlich eine ganze Reihe ungeduldiger
Fragen, unwillkürlicher Äußerungen oder gar freundschaftlicher
Mitteilungen und Herzensergüsse erwartet hatte, so harrte seiner
allerdings eine große Enttäuschung. Während der ganzen Zeit seines
Besuches war der Fürst fast wie geistesabwesend, wenigstens sehr
wortkarg und sehr zerstreut.
Die ganze Reihe Fragen, oder vielmehr die eine Frage, die Ganjä erwartet
hatte, wurde vom Fürsten nicht an ihn gerichtet. Da beschloß auch Ganjä,
zurückhaltender zu sein. Nichtsdestoweniger erzählte er ohne Unterlaß
die ganze Zeit, lachte, scherzte, -- kurzum, unterhielt den Fürsten
während der zwanzig Minuten, die er bei ihm war, in der
liebenswürdigsten Weise, doch die Hauptsache berührte er mit keinem
Wort.
Unter anderem erzählte er, daß Nastassja Filippowna sich erst seit etwa
vier Tagen in Pawlowsk aufhalte und doch bereits die allgemeine
Aufmerksamkeit auf sich gelenkt habe. Sie wohne in einem kleinen,
unscheinbaren Hause bei Darja Alexejewna, irgendwo in einer
»Matrosenstraße«, wenn er sich nicht irre, ihre Equipage aber sei die
schönste in Pawlowsk. Es habe sich auch bereits eine ganze Schar von
alten und jungen Verehrern um sie versammelt, von denen sie auf ihren
Spazierfahrten mitunter hoch zu Roß begleitet werde. Zwar sei sie immer
noch sehr wählerisch in ihrem Verkehr mit Herren, doch stände ihr
trotzdem ein ganzes Korps zur Verfügung, falls sie irgendwie desselben
bedürfen sollte. Ein erklärter Bräutigam, einer der Pawlowsker
Datschenbesitzer, habe sich bereits ihretwegen mit seiner Braut entlobt,
und ein alter General habe ihretwegen seinen Sohn fast verflucht.
Gewöhnlich fahre sie mit einem sehr schönen jungen Mädchen, einer
Verwandten Darja Alexejewnas aus; dieses junge, etwa sechzehnjährige
Mädchen habe eine wundervolle Stimme und singe des Abends so schön, daß
das unansehnliche Haus Darja Alexejewnas die Aufmerksamkeit von ganz
Pawlowsk auf sich lenke. Übrigens führe sich Nastassja Filippowna
überall tadellos auf, kleide sich nicht auffallend, doch stets so
elegant, daß alle Damen sie wegen ihres Geschmacks, ihrer Schönheit und
ihrer prachtvollen Equipage beneideten.
»Ihr exzentrischer Ausfall von gestern abend,« verschnappte sich Ganjä
schließlich doch einmal, »ist natürlich auf eine besondere Absicht
zurückzuführen und zählt daher nicht mit. Um ihr etwas anhaben zu
können, müßte man es direkt darauf absehen oder sie einfach verleumden,
was übrigens das schnellste und sicherste Mittel wäre,« schloß er in der
Erwartung, daß der Fürst jetzt unbedingt fragen werde, weshalb er ihrem
Ausfall eine »besondere Absicht« zugrunde lege und weshalb er
»Verleumdung das schnellste und sicherste Mittel« nenne.
Doch der Fürst sagte nichts.
Da begann Ganjä auch von Jewgenij Pawlowitsch ohne besondere
Aufforderung des Fürsten zu sprechen, was um so seltsamer war, als er
ganz unvermittelt begann. Seiner Meinung nach war Jewgenij Pawlowitsch
früher nicht mit Nastassja Filippowna bekannt gewesen und kannte sie
auch jetzt kaum, da er ihr erst vor vier Tagen auf dem Spaziergang
vorgestellt worden sei; und daß er sie mit den anderen zusammen in ihrem
Hause besucht habe, sei wiederum aus gewissen Gründen nicht anzunehmen.
Was jedoch die Wechselgeschichte betreffe, so könne sehr wohl etwas
Wahres daran sein (das wurde von Ganjä mit auffallender Sicherheit
behauptet, -- offenbar hatte er etwas Näheres hierüber von Ptizyn
erfahren). Jewgenij Pawlowitschs Vermögen sei allerdings sehr groß,
»doch zum Teil sind seine Vermögensverhältnisse ziemlich im unklaren,«
fügte er kurz hinzu und damit brach er plötzlich ab. Auch über Nastassja
Filippowna sprach er weiter kein Wort. Endlich kam Warjä, um den Bruder
abzuholen, setzte sich aber doch noch auf einen Augenblick und erzählte
-- gleichfalls ungebeten --, daß Jewgenij Pawlowitsch »heute den ganzen
Tag und vielleicht auch noch morgen« in Petersburg bleiben werde, und
daß auch ihr Mann, Iwan Petrowitsch Ptizyn, in Petersburg sei. Ja, fast
kam es so heraus, als weile ihr Mann nur wegen einer Geldangelegenheit
Jewgenij Pawlowitschs in der Stadt. Bereits im Fortgehen begriffen,
sagte sie dann noch, daß Lisaweta Prokofjewna sich in entsetzlicher
Stimmung befinde, doch am meisten befremde es sie, Warjä, daß Aglaja
sich mit der ganzen Familie, nicht nur dem Vater und der Mutter, sondern
auch mit den beiden Schwestern ernstlich entzweit habe, -- »und sogar
wirklich im Ernst«. Und nachdem sie anscheinend ganz gleichmütig diese
Nachrichten -- die für den Fürsten von so großer Wichtigkeit waren! --
mitgeteilt hatte, entfernten sich Bruder und Schwester.
Der Fürst blieb allein zurück. Auch Burdowskijs hatte Ganjä mit keinem
Wort Erwähnung getan, vielleicht aus falschem Zartgefühl, um den Fürsten
nicht an Unangenehmes zu erinnern; doch der Fürst ließ es sich trotzdem
nicht entgehen, ihm für seine Mühe zu danken.
Es freute ihn sehr, daß er endlich allein war. Langsam stieg er die
Stufen der Terrasse hinunter und ging über den Fahrweg in den Park. Er
wollte sich einen entscheidenden Schritt, den er fast im Begriff war zu
tun, reiflich überlegen. Doch dieser »Schritt« war gerade einer von
denen, die man sich nicht überlegt, sondern zu denen man sich einfach
kurz entschließt; er wollte plötzlich unsäglich gern wieder dorthin
zurückkehren, woher er gekommen, nur irgendwohin, weit, weit fort, in
den Wald, in die einsamste Gegend, und alles hier so zurücklassen, wie
es war, nicht einmal sich von jemandem verabschieden! Eine fast drohende
Ahnung sagte ihm, daß er, wenn er auch nur noch wenige Tage hier blieb,
sich rettungslos in diese Welt würde hineinziehen lassen, und diese
Welt, die würde dann sein Schicksal sein! Doch er hatte noch keine zehn
Minuten den Plan dieser Flucht erwogen, als er auch schon entschied, daß
es »ganz unmöglich« für ihn sei, so zu flüchten, daß es von ihm
»kleinmütig« wäre, daß er jetzt vor großen Aufgaben stände, die er
unbedingt lösen müsse, oder wenn auch nicht das, so habe er jetzt doch
überhaupt nicht mehr das Recht, fortzufahren, sondern müsse zum
mindesten alle seine Kräfte anspannen zu ihrer Lösung. Mit diesem
Gedanken kehrte er zur Villa zurück, nachdem er kaum eine Viertelstunde
im Park gewesen war. Er fühlte sich entsetzlich unglücklich in diesem
Augenblick.
Lebedeff war noch immer nicht aus der Stadt zurückgekehrt, und so gelang
es am Abend dem verabschiedeten Leutnant Keller, ungehindert beim
Fürsten einzutreten. Er war nicht gerade betrunken, aber jedenfalls auch
nicht gerade nüchtern; denn seine Redseligkeit war auffallend und seine
geradezu verblüffende Offenherzigkeit mehr als verdächtig. Er begann
sogleich damit, daß er den Grund seines Erscheinens erklärte: er sei
gekommen, um dem Fürsten seine ganze Lebensgeschichte zu erzählen, und
nur zu dem Zweck sei er in Pawlowsk geblieben. Es war nicht die
geringste Hoffnung vorhanden, ihn loszuwerden; selbst wenn man ihm die
Tür gewiesen hätte, wäre er doch nicht gegangen. Er setzte sich fest und
schickte sich an, lange und ziemlich ungereimt zu reden; doch siehe da,
fast schon nach den ersten Worten sprang er ganz plötzlich auf den
Schluß über und erklärte, mit der Zeit sei ihm jeder Schimmer von
Sittlichkeit »abhanden gekommen« -- und das einzig infolge seines
Unglaubens an den Höchsten --, so daß er sogar gestohlen habe.
»Können Sie sich das vorstellen!«
»Hören Sie, Keller, ich würde an Ihrer Stelle doch nicht so
unnützerweise solche Dinge gestehen,« wandte der Fürst ein. »Doch --
vielleicht wollen Sie sich mit Absicht anschwärzen? Wozu sagen Sie das
alles?«
»Nur Ihnen auf Gottes ganzem Erdboden, einzig und allein Ihnen sage ich
es, und zwar nur deshalb, um damit meine Entwicklung zu fördern! Sonst
keinem eine Silbe! Keinem einzigen! Wenn ich sterbe, soll mein Geheimnis
mit mir in die Grube fahren und von dort dann meinetwegen aufwärts gen
Himmel! Aber, Fürst, wenn Sie nur wüßten, wenn Sie nur wüßten, wie
schwer es heutzutage ist, irgendwo Geld zu bekommen! Wo soll man es denn
hernehmen, wenn Sie mir das doch wenigstens gefälligst sagen könnten?
Die einzige Antwort ist: >Bring Gold und Brillanten, dann kriegst du
welches<, -- mit anderen Worten, also gerade das, was ich nicht habe. --
Können Sie sich das vorstellen? Ich -- wurde schließlich wütend, stand,
stand: -- >Aber für Smaragden<, fragte ich, >geben Sie dafür auch
welches?< -- >Gewiß, auch für Smaragden geben wir welches.< -- >Na,
bon,< sagte ich, nahm meinen Hut und ging. Der Teufel hol' sie samt und
sonders, 's ist 'ne Gaunerbande, bei Gott!«
»Hatten Sie denn Smaragden?«
»Wie sollt' ich wohl Smaragden haben? Oh, Fürst, wie ahnungslos und
unschuldig, wie rosig und, man kann wohl sagen -- schäferhaft Sie noch
auf das Leben blicken!«
Dem Fürsten tat er schließlich ... nicht gerade leid, aber der Fürst
glaubte plötzlich, sich schämen zu müssen. Ihm kam sogar der Gedanke:
»Könnte man nicht noch etwas aus diesem Menschen machen? -- wenn er
unter einen guten Einfluß käme?« Seinen eigenen Einfluß hielt er aus
gewissen Gründen für absolut untauglich dazu, und das nicht etwa aus
falscher Bescheidenheit oder falscher Beobachtung, sondern eigentlich
nur infolge seiner nunmehrigen Auffassung verschiedener Dinge und
Verhältnisse. Allmählich aber kamen sie beide so ins Sprechen hinein,
daß sie ans Aufhören gar nicht mehr dachten. Keller bekannte mit
ungewöhnlicher Bereitwilligkeit, sogar an solchen Dingen schuldig zu
sein, von denen auch nur zu sprechen man wohl nie und nimmer für möglich
halten würde. Vor Beginn jeder neuen Erzählung versicherte er
nachdrücklich, daß er es bereue und »inwendig voll Tränen« sei, worauf
er aber dann jedesmal so erzählte, als wenn er auf seine Tat noch ganz
besonders stolz gewesen wäre, und dabei wußte er noch alles so amüsant
wiederzugeben, daß schließlich beide, sowohl er selbst wie auch der
Fürst, sich die Seiten vor Lachen hielten.
»Die Hauptsache ist, daß Sie noch eine gewissermaßen kindliche
Zutraulichkeit und eine wirklich seltene Wahrheitsliebe besitzen,« sagte
schließlich der Fürst. »Wissen Sie auch, daß Sie schon allein damit sehr
vieles wieder gutmachen?«
»Edel bin ich, edel, ritterlich edel!« bestätigte Keller sofort gerührt.
»Aber wissen Sie, Fürst, das beschränkt sich alles leider immer nur auf
die Träume, auf die Gedankenwelt, und tritt sozusagen immer nur in
meiner Courage so etwas wie zutage, in der Wirklichkeit aber kommt's nie
eigentlich heraus! Und weshalb ist es so? Ich begreif's wahrhaftig
nicht!«
»Verzagen Sie deshalb nicht. Sie haben mir jetzt alles bis aufs Letzte
erzählt; wenigstens können Sie doch an Häßlichem und Schlechtem nichts
mehr hinzufügen, denke ich ...«
»Nichts mehr hinzufügen?!« rief Keller in einem geradezu mitleidigen
Tone aus. »Jesus, Fürst, bis zu welch einem Grade Sie die Menschen doch
immer noch sozusagen schweizerisch auffassen!«
»Gibt es denn wirklich noch etwas ...?« fragte mit zaghafter
Verwunderung der Fürst. »Aber was haben Sie denn von mir erwartet,
Keller, sagen Sie mir das doch, bitte, weshalb sind Sie denn mit Ihrer
Beichte zu mir gekommen?«
»Von Ihnen? Was ich von Ihnen erwartet habe? Erstens ist es so angenehm,
Ihre Herzenseinfalt zu sehen; es ist ein wahrhaft herzerquickendes
Gefühl, bei Ihnen zu sitzen und zu schwatzen; wenigstens weiß ich dann,
daß der tugendhafteste Mensch vor mir sitzt; und zweitens ... zweitens
... khm ...«
Er stockte, räusperte sich und wußte nicht recht, wie weiter.
»Sie wollten vielleicht Geld von mir leihen?« half ihm der Fürst
vollkommen ernst und sehr einfach, sogar ein wenig schüchtern.
Keller sprang fast vom Stuhl auf; er blickte dem Fürsten ganz starr vor
Verwunderung in die Augen ... und plötzlich schlug er mit der Faust auf
den Tisch.
»Das ist es ja, weiß der Teufel, womit Sie einen total aus dem Konzept
bringen! Erbarmen Sie sich, Fürst: bald sind Sie die leibhaftige
Verkörperung einer solchen Unschuld, einer solchen Herzenseinfalt, wie
sie selbst im goldenen Zeitalter unerhört gewesen sein muß, und bald
wiederum oder vielmehr gleichzeitig durchschauen Sie einen mit den
tiefsten psychologischen Beobachtungen, die einem wie Pfeile durch Mark
und Bein gehen! Erlauben Sie, Fürst, das verlangt noch Erklärungen, denn
ich ... ich bin einfach auf den Kopf getroffen! Selbstverständlich war
zu guter Letzt Zweck und Ziel meines Besuches -- von Ihnen Geld zu
leihen. Sie aber fragen mich das plötzlich von vornherein und noch dazu
in einem Tone, als würden Sie nicht den geringsten Anstoß daran nehmen,
als ob es gerade so sein müßte!«
»Ja ... von Ihnen mußte es auch so sein.«
»Und Sie sind nicht empört?«
»Weshalb denn?«
»Hören Sie, Fürst, ich muß Ihnen alles von Anfang an sagen: ich blieb
gestern abend in erster Linie aus besonderer Hochachtung für den
französischen Erzbischof Bourdaloue hier -- wir entkorkten bei Lebedeff
bis drei Uhr morgens Flaschen --, und in zweiter Linie und hauptsächlich
-- ich schlage mir alle Kreuze vor die Stirn, Sie können es mir also
aufs Wort glauben! -- hauptsächlich deshalb, weil ich die Absicht hatte,
Ihnen, Fürst, einmal mein ganzes Herz auszuschütten, um durch diese
sozusagen von Herzen kommende Ohrenbeichte meiner eigenen moralischen
Entwicklung etwas auf die Beine zu helfen; mit diesem Gedanken schlief
ich denn auch so gegen vier Uhr morgens unter fließenden Tränen ein. Und
jetzt glauben Sie mir: in demselben Augenblick, als ich im Begriff war,
einzuschlummern -- ich war schon halbwegs weg -- (und dabei war ich doch
so voll aufrichtiger innerer Tränen, daß sie sozusagen sogar
überflossen; denn zu guter Letzt weinte ich tatsächlich, dessen entsinne
ich mich noch ganz genau!) in demselben Augenblick kam mir plötzlich ein
teuflischer Gedanke: >Aber was,< dachte ich bei mir, >sollte man nicht
ganz zum Schluß, nach der Beichte, einen Pumpversuch bei ihm machen?<
Und so bereitete ich mich denn unter Tränen einerseits zu meiner Beichte
vor, die ich gleichfalls unter Tränen vortragen wollte, um andererseits
mit diesen Tränen den Weg zu finden oder Ihr Herz zu erweichen, damit
Sie dann zum Schluß, von Mitleid bewegt, mir hundertundfünfzig Rubel
einhändigten. Ist das nun nicht eine Gemeinheit, was meinen Sie?«
»Aber das ist doch bestimmt nicht so gewesen, das eine ist nur ganz
zufällig zum anderen gekommen, zwei Gedanken sind sich begegnet, wie das
sehr oft geschieht. Bei mir geschieht das fortwährend. Übrigens glaube
ich, daß das nicht gut ist, und offen gestanden, gerade wegen dieser
Doppelgedanken mache ich mir die größten Vorwürfe. Es ist mir fast, als
hätten Sie mir von mir selbst erzählt. Ich habe sogar mitunter gedacht,«
fuhr der Fürst sehr ernst und aufrichtig interessiert fort, »daß alle
Menschen so seien, so daß ich schließlich aufhörte, mich deshalb zu
quälen; denn es ist sehr schwer, gegen diese Doppelgedanken anzukämpfen;
ich weiß es ... Gott weiß, woher sie kommen, wie sie entstehen ... Da
kommen Sie aber jetzt und nennen es doch einfach eine Gemeinheit! Nun
fange auch ich wieder an, diese Gedanken zu fürchten. Jedenfalls kann
ich nicht Ihr Richter sein. Aber immerhin finde ich, daß man es doch
nicht so ohne weiteres eine Gemeinheit nennen kann, was meinen Sie? Sie
haben auf schlaue Weise durch Tränen Geld herauslocken wollen; aber Sie
schwören doch selbst, daß Ihre Beichte für Sie auch einen anderen Zweck
hatte, einen geistigen, edlen, und nicht nur materiellen. Und was das
Geld betrifft, so brauchen Sie es doch zum Verzechen, nicht wahr? Das
aber ist freilich nach solch einer Beichte zum mindesten kleinmütig.
Aber andererseits: wie soll man so plötzlich von seinen bisherigen
Gewohnheiten lassen? Das geht doch nicht. Also was tun? Am besten ist,
man überläßt das Ihrem eigenen Gewissen, was meinen Sie?«
Der Fürst blickte Keller mit ungeheurem Interesse an. Das Problem der
»Doppelgedanken« hatte ihn offenbar schon lange beschäftigt.
»Jetzt sagen Sie mir nur gefälligst, weshalb man Sie nach alledem noch
einen Idioten nennt! -- das verstehe ich nicht! -- da hört doch alles
auf!« rief Keller ganz begeistert aus.
Der Fürst errötete ein wenig.
»Selbst der gerechte Mann Gottes, Bourdaloue, hätte einen Menschen nicht
so geschont wie Sie! Und Sie haben mich noch menschlich mir selbst näher
gebracht! Nun gut, um mich zu bestrafen und zu beweisen, daß ich gerührt
bin, will ich jetzt nicht mehr hundertundfünfzig Rubel -- geben Sie mir
nur fünfundzwanzig, und damit basta! Das ist alles, was ich brauche,
wenigstens für zwei Wochen. Vor zwei Wochen werde ich bestimmt nicht
wiederkommen mit dieser Bitte. Ich wollte mal meine Agaschka etwas
verwöhnen, aber was! -- sie ist es ja doch nicht wert! O nein, gütigster
Fürst, ich danke Ihnen, Gott segne Sie dafür!«
Lebedeff, der soeben aus der Stadt zurückgekehrt war und gerade eintrat,
machte, als er Keller die Banknote von fünfundzwanzig Rubeln in Empfang
nehmen sah, ein finsteres Gesicht; doch Keller drückte sich schleunigst.
Da begann Lebedeff sofort über ihn herzuziehen.
»Sie sind ungerecht,« bemerkte schließlich der Fürst, »er hat
tatsächlich aufrichtig bereut.«
»Ja, aber was will das sagen! Das ist ja doch ebenso wie ich gestern:
>gemein, gemein bin ich< -- wunderschön, aber das sind doch alles nur
kurze Worte!«
»So waren es also nur Worte von Ihnen? Und ich dachte bereits ...«
»Na, ich will Ihnen, aber auch nur Ihnen allein, die Wahrheit sagen;
denn Sie durchschauen ja doch jeden Menschen: leere Worte und
Aufrichtigkeit, Lüge und Wahrheit -- alles zusammen war's, und jedes war
echt, war wirklich echt! >Wahrheit und Aufrichtigkeit< bestehen bei mir
in der aufrichtigen Reue -- glauben Sie es oder glauben Sie es nicht,
ich schwöre es jedenfalls -- >leere Worte und Lüge< bestehen in dem
teuflischen und immer gegenwärtigen Gedanken, wie ich auch hier den
Menschen übers Ohr hauen, wie ich auch hier aus den Tränen der Reue
Vorteil ziehen könnte! Bei Gott, so ist es! Einem anderen würde ich es
nicht sagen -- er würde mich auslachen; Sie aber Fürst, Sie denken
menschlich.«
»Nun, sehen Sie: genau dasselbe, fast mit denselben Worten, hat mir auch
Keller soeben gesagt, -- und beide scheinen Sie sich damit gleichsam
brüsten zu wollen! Sie setzen mich sogar damit wirklich in Erstaunen ...
nur hat er aufrichtiger gesprochen als Sie; denn bei Ihnen ist es schon
entschieden zu einer Art Handwerk geworden. Nun, genug, reden wir nicht
davon, und machen Sie schnell ein anderes Gesicht, Lebedeff, und pressen
Sie doch nicht immer so die Hand aufs Herz! Haben Sie mir nicht etwas zu
sagen? Sie pflegen doch nie grundlos zu mir zu kommen ...«
Lebedeff begann sich zu krümmen, zu wenden und zu drehen und hinterm Ohr
zu kratzen, sagte aber kein Wort.
»Ich habe Sie den ganzen Tag erwartet, um eine Frage an Sie stellen zu
können; antworten Sie mir jetzt und sagen Sie mir doch wenigstens einmal
im Leben sogleich die Wahrheit: Sind Sie an dem Vorfall mit dem Wagen
gestern abend beteiligt oder nicht?«
Lebedeff begann sich wieder zu winden, fuhr sich mit dem Finger in den
Kragen und zweimal unter der Gurgel hin und her, räusperte sich,
kicherte, räusperte sich wieder, rieb sich die Hände, nieste sogar; doch
zu sprechen entschloß er sich noch immer nicht.
»Ich sehe schon, daß Sie mitgewirkt haben.«
»Aber indirekt, einzig nur indirekt! Ich sage die reinste Wahrheit! Nur
insoweit mitgewirkt, als ich die gewisse Dame rechtzeitig benachrichtigt
habe, daß bei ... bei mir sich so eine Gesellschaft versammelt habe, und
daß auch gewisse Personen darunter seien.«
»Ich weiß, daß Sie Ihren Sohn _dorthin_ geschickt haben, er hat es mir
vorhin selbst gesagt; aber was soll denn diese Intrige wieder bedeuten!«
rief der Fürst ungeduldig aus.
»Das ist nicht meine Intrige, nicht meine Intrige, bei Gott nicht!«
wehrte Lebedeff mit beiden Händen ab. »Hier handelte es sich um andere,
ganz andere, und das Ganze ist mehr ein phantastischer Einfall, als eine
Intrige zu nennen.«
»Aber um _was_ handelt es sich denn, so erklären Sie mir doch wenigstens
_das_, um Christi willen! Begreifen Sie denn nicht, daß mich das diesmal
direkt angeht? Hier wird doch Jewgenij Pawlowitsch angeschwärzt!«
»Fürst! Durchlauchtigster Fürst!« begann Lebedeff wieder sich zu
verneigen und dabei die Hand aufs Herz zu pressen, »Sie erlauben mir
doch nicht, die ganze Wahrheit zu sagen! Ich habe doch schon oft davon
angefangen, nicht nur einmal, Sie aber haben mir immer sofort verboten,
weiterzusprechen ...«
Der Fürst schwieg eine Weile und dachte nach.
»Nun gut; sprechen Sie die Wahrheit,« sagte er endlich gepreßt,
augenscheinlich nach einem schweren Kampfe.
»Aglaja Iwanowna ...« begann Lebedeff sofort bereitwillig.
»Schweigen Sie, schweigen Sie!« schrie ihn der Fürst sogleich
beschwörend an, und er wurde rot vor Unwillen, -- vielleicht auch vor
Scham. »Das ist doch unmöglich, das kann doch nie und nimmer sein, das
ist doch Unsinn! Sie haben sich das alles selbst ausgedacht, oder ebenso
Wahnsinnige wie Sie! Und hören Sie: daß ich nie mehr auch nur ein Wort
davon aus Ihrem Munde vernehme!«
Spät am Abend, bereits gegen elf Uhr, erschien endlich Koljä mit einem
ganzen Sack voll Neuigkeiten. Zuerst erzählte er schnell in ein paar
Worten das Wichtigste aus der Stadt, das sich hauptsächlich auf Hippolyt
und den vorhergegangenen Abend bezog, und ging dann, um später wieder
darauf zurückzukommen, schnell zu den Pawlowsker Neuigkeiten über.
Vor etwa drei Stunden war er aus Petersburg zurückgekehrt und, ohne beim
Fürsten vorzusprechen, direkt zu Jepantschins gegangen. »Dort ist
einfach alles auf den Kopf gestellt! Natürlich steht in erster Linie und
obenan der Vorfall mit dem Wagen,« berichtete Koljä; doch müsse
unbedingt noch etwas geschehen sein, was ihm und dem Fürsten noch
unbekannt war.
»Ich wollte natürlich nicht spionieren oder ausforschen. Übrigens wurde
ich sehr gut empfangen, sogar so gut, wie ich es gar nicht erwartet
hatte; doch von Ihnen, Fürst, -- kein Wort!«
Die Hauptsache und das interessanteste jedoch sei, daß Aglaja sich mit
allen anderen Ganjäs wegen »verrissen« habe. »Wie und weshalb -- das
weiß ich nicht, nur ist es tatsächlich Ganjäs wegen geschehen -- können
Sie sich das denken? Und nicht etwa im Scherz, sondern vollkommen ernst,
also muß es doch etwas Wichtiges sein.« Der General sei erst spät aus
der Stadt ziemlich »brummig« heimgekehrt, zusammen mit Jewgenij
Pawlowitsch, der gleichfalls vorzüglich empfangen worden sei. Jewgenij
Pawlowitsch sei selbst erstaunlich guter Laune, heiter und liebenswürdig
gewesen. Die kapitalste Nachricht war aber die, daß die Generalin
Lisaweta Prokofjewna ohne viel Wesens und Aufsehen Warwara Ardalionowna,
Koljäs Schwester, die bei den jungen Mädchen gesessen, zu sich gerufen
und sie ein für allemal ersucht habe, ihr Haus fernerhin nicht mehr zu
betreten -- »übrigens in der höflichsten Weise -- Warjä selbst hat's mir
erzählt,« fügte Koljä hinzu. Als Warjä dann noch zu den jungen Mädchen
gegangen war, um sich von ihnen zu verabschieden, hatten diese ihr alle
ganz unbefangen die Hand gereicht und offenbar keine Ahnung davon
gehabt, daß die Mutter der Freundin die Tür gewiesen hatte und diese
sich nun zum letztenmal von ihnen verabschiedete.
»Aber Warwara Ardalionowna -- war noch um sieben Uhr bei mir,« bemerkte
der Fürst verwundert, »und ...«
»Und hinausgeworfen worden ist sie erst um acht oder kurz vor acht!
Warjä tut mir sehr leid und ebenso Ganjä ... Sie haben natürlich immer
etwas vor, ewig spinnen sie ihre Intrigen, ohne die können sie, wie's
scheint, nicht auskommen. Was sie aber eigentlich wollen, was sie im
Schilde führen, was sie beabsichtigen -- das habe ich nie begreifen
können ... und will's auch nicht. Aber ich versichere Ihnen, lieber,
guter Fürst, Ganjä hat wirklich Herz! Er ist in vielen Dingen natürlich
ein verlorener Mensch, aber in anderen Dingen hat er doch gewisse Züge,
die zu entdecken sich wirklich lohnt, und ich werde es mir nie
verzeihen, daß ich ihn früher nicht begriffen habe ... Ich weiß nicht,
soll ich dort noch weiter verkehren, nach der Geschichte mit Warjä? Ich
habe mich ja wohl von Anfang an ganz unabhängig gestellt, aber man muß
es sich doch noch überlegen.«
»Sie haben keine Ursache, Ihren Bruder zu bedauern,« bemerkte der Fürst.
»Wenn es schon dazu gekommen ist, daß Lisaweta Prokofjewna Ihrer
Schwester den Verkehr mit ihren Töchtern verboten hat, so muß Gawrila
Ardalionytsch in ihren Augen gefährlich geworden sein; folglich aber
müssen sich doch einzelne seiner Hoffnungen bestätigen.«
»Wie, was für Hoffnungen?« fragte Koljä erstaunt. »Oder glauben Sie
etwa, daß Aglaja Iwanowna ... das ist doch unmöglich!«
Der Fürst schwieg eine Weile.
»Sie sind ein furchtbarer Skeptiker, Fürst,« sagte Koljä endlich, nach
vielleicht ganzen zwei Minuten. »Es fällt mir auf, daß Sie seit einiger
Zeit immer skeptischer werden; Sie fangen an, an nichts mehr zu glauben
und alles zu vermuten ... Habe ich in diesem Fall das Wort >Skeptiker<
nicht richtig gebraucht?«
»Ich glaube, daß es richtig ist, doch übrigens -- weiß ich es selbst
nicht genau.«
»Nein, nein! -- ich sage mich selbst vom >Skeptiker< los; denn ich habe
eine andere Erklärung gefunden!« rief plötzlich Koljä laut auflachend,
»Sie sind nicht skeptisch, sondern einfach eifersüchtig! Sie sind wegen
eines gewissen stolzen Mädchens höllisch eifersüchtig auf Ganjä!«
Koljä sprang auf und lachte, lachte, -- lachte, wie er vielleicht noch
nie im Leben gelacht hatte. Und als er sah, daß der Fürst plötzlich ganz
rot geworden war, lachte er noch unbändiger. Ihm gefiel der Gedanke, daß
der Fürst Aglajas wegen auf Ganjä eifersüchtig sei »ganz furchtbar!«
Doch kaum bemerkte er, daß der Fürst aufrichtig darunter litt, als er
auch sofort zu lachen aufhörte. Dann sprachen sie noch eine oder
anderthalb Stunden sehr ernst und besorgt miteinander.
Am nächsten Tage mußte der Fürst in einer unaufschiebbaren Angelegenheit
nach Petersburg fahren, wo er den ganzen Vormittag verblieb. Als er
gegen fünf Uhr auf den Bahnhof kam, um nach Pawlowsk zurückzufahren,
stieß er dort mit General Jepantschin zusammen. Dieser erschrak zuerst,
ergriff dann schnell seine Hand, und nachdem er sich fast ängstlich
umgeblickt, zog er ihn schnell mit sich in ein Coupé erster Klasse, um
mit ihm zusammen zurückzufahren. Er brannte vor Verlangen, mit ihm über
alle die wichtigen Ereignisse zu reden.
»Vor allen Dingen, mein lieber Fürst, sei mir nicht böse, und wenn
meinerseits etwas nicht so war, wie es hätte sein sollen -- so vergiß
es. Ich wäre selbst gestern zu dir gekommen, ich war aber nicht sicher,
wie Lisaweta Prokofjewna es ... Bei mir zu Hause ist einfach ... die
Hölle los! Eine rätselhafte Sphinx hat sich dort niedergelassen, und ich
gehe umher und verstehe nichts. Was dich betrifft, so bist du meiner
Meinung nach von uns allen am wenigsten an der Sache schuld, wenn auch
nur durch dich allein fast alles gekommen ist. Sieh, mein lieber Fürst,
Philanthrop zu sein, ist angenehm, aber an sich sehr schwer. Wirst
vielleicht auch schon selbst in die Früchte gebissen haben. Ich,
versteht sich, ich liebe Güte und achte Lisaweta Prokofjewna, aber ...«
Der General sprach noch lange in dieser Art, doch seine Sätze waren
seltsam unzusammenhängend. Jedenfalls sah man es ihm an, daß er durch
etwas für ihn absolut Unbegreifliches vor den Kopf gestoßen und
verwirrt, wenn nicht erschüttert war.
»Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß du an diesem ganzen
Zwischenfall nicht im geringsten beteiligt bist,« sprach er sich endlich
etwas deutlicher aus; »aber ich bitte dich als Freund von ganzem Herzen:
besuch' uns vorläufig nicht, warte ab, bis sich der Wind gedreht hat.
Und was Jewgenij Pawlowitsch betrifft,« fuhr er mit ungewöhnlichem Eifer
fort, »so war das die sinnloseste Verleumdung, die man sich nur denken
kann! Es liegt doch auf der Hand, daß einfach eine Intrige
dahintersteckt! Die Absicht, uns mit ihm zu entzweien, schaut doch nur
zu deutlich hervor! Sieh, Fürst, ich werde dir etwas ins Ohr sagen:
zwischen uns und Jewgenij Pawlowitsch ist noch kein Wort gefallen, du
weißt -- du verstehst doch? Wir sind noch durch nichts gebunden, -- aber
dieses Wort kann vielleicht bald gesprochen werden, vielleicht sogar
sehr bald! Also galt es, das zu verhindern! Weshalb aber das, wozu,
warum -- das mag ein anderer wissen! Sie ist ja doch ein
un--be--_rechen_--bares Frauenzimmer! Ich fürchte sie so, daß ich kaum
noch schlafen kann. Und was für Pferde sie hat, was für einen Wagen! Das
ist doch einfach schick, genau das, was der Franzose unter schick
versteht! Und wer hat ihr das geschenkt? Bei Gott, ich habe gesündigt,
noch vorgestern verdächtigte ich Jewgenij Pawlowitsch. Jetzt aber hat es
sich herausgestellt, daß das ganz ausgeschlossen ist ... Wenn es aber
ausgeschlossen ist, was will sie dann eigentlich, weshalb kommt sie uns
dann in den Weg, weshalb will sie dann die Sache aus dem Leim bringen?
_Das, das_ ist ja das Rätsel! Um Jewgenij Pawlowitsch zu behalten? Aber
ich versichere dir, und hier hast du ein Kreuz, daß er mit ihr überhaupt
nicht bekannt und die Wechselgeschichte nichts als ihre eigene Erfindung
ist! Und mit welch einer Frechheit sie ihn noch öffentlich mit >du<
anredet! Das ist ja eine reine Verschwörung! Es ist doch klar, daß man
das Ganze nur mit Verachtung zurückweisen kann und die Hochachtung für
Jewgenij Pawlowitsch verdoppeln muß. Das habe ich auch Lisaweta
Prokofjewna gesagt. Doch jetzt werde ich dir meinen intimsten Gedanken
mitteilen -- was ich so bei mir selbst denke: ich bin _fest überzeugt_,
daß sie das nur deshalb getan hat, um sich an mir persönlich zu rächen;
du weißt doch, für das Frühere, obgleich ich mir doch ihr gegenüber nie
etwas habe zuschulden kommen lassen! Ich erröte wirklich schon bei der
bloßen Erinnerung daran. Jetzt, sieh, ist sie wieder aufgetaucht, und
ich glaubte bereits, sie sei für immer verschwunden. Wo sitzt denn
dieser Rogoshin eigentlich, sag' mir das doch wenigstens! Ich glaubte,
sie sei schon längst Madame Rogoshina!«
Mit einem Wort, man sah es dem Manne an, daß er tatsächlich durch dieses
Ereignis wie vor den Kopf gestoßen war. Während der ganzen Fahrt sprach
fast nur er allein; er stellte Fragen, die er selbst beantwortete,
drückte dem Fürsten die Hand, und wenn er diesen von etwas schließlich
überzeugt hatte, so war es nur das, daß er, der General, in bezug auf
ihn, den Fürsten, nicht den geringsten Verdacht in irgendeiner,
gleichviel welch einer Beziehung, ja nicht einmal ein leises Ahnen von
einem möglichen Verdacht hegte. Das aber war für den Fürsten von
außerordentlicher Wichtigkeit. Zum Schluß erzählte er noch von einem
leiblichen Onkel Jewgenij Pawlowitschs, der in irgendeiner Kanzlei so
etwas wie ein Präsident war -- »jedenfalls ein großes Tier, stark in den
Siebzigern, _viveur_,{[26]} Gastronom, überhaupt, wie gesagt, ein
verlockender Greis ... haha! Wie ich weiß, hat er sich auch um Nastassja
Filippownas Gunst bemüht. Ich war heute zu ihm hingefahren; leider ist
er krank, empfängt nicht. Aber reich ist er, schwer reich, nicht ohne
Einfluß und ... gebe Gott ihm langes Leben, aber wenn er stirbt, fällt
sein ganzes Vermögen wiederum Jewgenij Pawlowitsch zu ... Ja, ja ...
aber ich habe doch Angst! Ich weiß selbst nicht, was ich fürchte, aber
ich fürchte mich ... Es muß etwas in der Luft sein, etwas Dunkles, wie
eine Fledermaus ... irgendein Unheil ist in der Luft ... Ich fürchte
mich, weiß Gott, ich fürchte mich wirklich! ...«
Und erst am dritten Tage, wie bereits oben erwähnt, erfolgte schließlich
die formelle Aussöhnung der ganzen Familie Jepantschin mit dem Fürsten
Lew Nikolajewitsch.