Am zweiten Tage nach den sonderbaren Vorgängen in der Wohnung Nastassja
Filippownas reiste Fürst Myschkin nach Moskau, um dort alles Nötige in
seiner Erbschaftsangelegenheit persönlich zu erledigen. Es wurde damals
davon gesprochen, daß er auch noch aus anderen Gründen seine Abreise so
beschleunigt hätte; doch können wir sowohl darüber, wie auch über alle
weiteren Erlebnisse des Fürsten in Moskau oder überhaupt während seiner
Abwesenheit aus Petersburg nicht sehr viel Näheres berichten. Der Fürst
war ganze sechs Monate von Petersburg abwesend, und in dieser Zeit
konnten selbst diejenigen, die Ursache hatten, sich für sein Schicksal
zu interessieren, fast nichts über seinen Verbleib oder sein Tun und
Treiben erfahren. Freilich drangen diesem und jenem bisweilen Gerüchte
zu Ohren, doch waren dieselben größtenteils recht seltsamer Art und
widersprachen sich außerdem in der Regel sehr. Das größte Interesse
hatte man für den Fürsten im Hause des Generals Jepantschin, wo der
Fürst, nebenbei bemerkt, nicht einmal seinen Abschiedsbesuch gemacht
hatte. Der General war mit ihm allerdings noch zwei- oder dreimal
zusammengekommen, und sie hatten beide sogar sehr ernst miteinander
gesprochen, doch hatte der General in der Familie kein Wort davon
verlauten lassen. Und überhaupt wurde bei Jepantschins in der ersten
Zeit, d. h. fast einen ganzen Monat nach der Abreise des Fürsten, nicht
von diesem gesprochen. Nur die Generalin Lisaweta Prokofjewna äußerte
ganz zu Anfang, daß sie sich im Fürsten »grausam getäuscht« habe. Einige
Tage später bemerkte sie, doch jetzt ohne den Fürsten zu nennen, sondern
nur so im allgemeinen, ihr »auffallendster Charakterzug« sei, daß sie
sich beständig in den Menschen täusche. Und schließlich, nach Verlauf
weiterer zehn Tage, schloß sie, durch die Töchter aus irgendeinem Anlaß
in gereizte Stimmung versetzt, bereits in Form einer Sentenz: »Genug der
Täuschungen! Jetzt werden keine mehr vorkommen.« Das war ihr letztes
Wort. Doch auch ganz abgesehen davon, herrschte in ihrem Hause, was hier
nicht verschwiegen werden darf, ziemlich lange eine recht unangenehme
Stimmung: es lag eine gewisse Spannung, eine Unzufriedenheit in der
Luft, alle waren mißvergnügt und gereizt. Der General hatte namentlich
im Dienst viel zu tun; er war vom Morgen bis zum Abend beschäftigt, so
daß ihn seine Angehörigen kaum zu Gesicht bekamen. Was aber die drei
Mädchen betrifft, so ließ keine von ihnen in Gegenwart der Eltern ein
Wort über den Fürsten fallen, und vielleicht hatten sie auch unter sich
nur wenig über ihn gesprochen -- vielleicht aber auch nicht einmal das.
Sie waren stolze, hochmütige Mädchen, die auch dann, wenn sie unter sich
waren, nicht ihre innersten Gefühle aussprachen.
Jedenfalls hätte aus oben Erwähntem ein Beobachter, falls ein solcher
vorhanden gewesen wäre, mit ziemlicher Sicherheit das Richtige erraten
können: daß der Fürst doch einen gewissen Eindruck im Hause des Generals
hinterlassen hatte, obschon er nur ein einziges Mal und auch dann nur
kurze Zeit dort gewesen war. Möglicherweise war dieser Eindruck nur
durch die etwas seltsamen Erlebnisse des Fürsten zu erklären ... Doch
wie dem auch sein mochte, jedenfalls hatte er Eindruck gemacht.
Die Gerüchte, die sich anfänglich über ihn in der Stadt verbreitet
hatten, gerieten alsbald in Vergessenheit. Es war eine Zeitlang in
gewissen Kreisen von irgendeinem recht beschränkten jungen Fürsten --
den Namen wußte niemand genau -- gesprochen worden, von einem, man kann
wohl sagen, halben Idioten, der ein großes Vermögen geerbt und eine
zugereiste Französin, eine bekannte Kankantänzerin aus dem Château des
Fleurs zu Paris, geheiratet habe. Dann hatte es eine Zeitlang geheißen,
das Vermögen hätte ein gewisser General geerbt, und die Französin habe
ein ungeheuer reicher russischer Kaufmann geheiratet, der auf seiner
Hochzeit einzig aus Prahlsucht für runde siebenhunderttausend Rubel
Lotterielose an einer Stearinkerze verbrannt hätte, natürlich in der
Trunkenheit. Doch alle diese Gerüchte verstummten sehr bald infolge der
Veränderung der Verhältnisse selbst. So war zum Beispiel die ganze Rotte
Rogoshins mit diesem selbst an der Spitze nach Moskau gereist -- eine
Woche nach der Orgie in Jekateringoff, an der auch Nastassja Filippowna
teilgenommen hatte --, und somit waren gerade diejenigen, die am ehesten
etwas hätten erzählen können, nicht mehr in Petersburg. Nur einige
wenige, die wirklich Grund hatten, sich für die Angelegenheit zu
interessieren, erfuhren dann später, daß Nastassja Filippowna schon am
nächsten Tage nach jener Orgie geflüchtet und verschwunden und daß man
ihr jetzt endlich auf die Spur gekommen sei: wie verlautet, hatte sie
sich nach Moskau begeben, und als nun Rogoshin gleichfalls nach Moskau
fuhr, brachte man den Zweck seiner Reise unwillkürlich mit Nastassja
Filippowna in Zusammenhang.
Desgleichen wurde auch über Gawrila Ardalionytsch Iwolgin, der in seinem
Kreise durchaus nicht so unbekannt war, gar mancherlei gesprochen; doch
auch hier trat bald ein Umstand ein, der alle für ihn nachteiligen
Gerüchte vergessen ließ: er erkrankte und konnte daher nicht nur nicht
in der Gesellschaft erscheinen, sondern auch nicht einmal die Arbeit,
die er als Angestellter der Aktiengesellschaft zu verrichten hatte,
fortsetzen. Nachdem er einen Monat das Bett gehütet, setzte er seine
Bekannten dadurch in Erstaunen, daß er diese Anstellung aufgab, worauf
seinen Posten ein anderer erhielt. Auch beim General Jepantschin
erschien er nicht mehr, so daß ihn auch dort ein anderer ersetzen mußte.
Seine Feinde hätten nun annehmen können, daß er sich schäme, sich auch
nur auf der Straße zu zeigen, doch das war nicht der Fall. Er fühlte
sich in der Tat nicht wohl, war fast zum Hypochonder geworden, war
nachdenklich und sehr reizbar. Warwara Ardalionowna verheiratete sich
noch im Laufe des Winters mit Iwan Petrowitsch Ptizyn. Alle Bekannten
der Familie behaupteten, daß sie ihn einzig deshalb genommen habe, weil
Ganjä seine frühere Arbeit nicht wieder aufnehmen wollte und daher auch
die Familie nicht mehr unterstützen konnte; ja, er bedurfte sogar selbst
der Unterstützung und wollte gepflegt sein.
Bei der Gelegenheit sei noch nebenbei bemerkt, daß im Hause des Generals
Jepantschin auch Gawrila Ardalionytschs mit keinem Wort Erwähnung getan
wurde, ganz als hätte es nie einen solchen Menschen in der Welt gegeben.
Und doch hatten dort alle Damen bald etwas sehr Bedeutsames über ihn
erfahren. Es war das folgendes: Als er in jener Nacht von Nastassja
Filippowna zurückgekehrt war, hatte er sich nicht schlafen gelegt,
sondern in fieberhafter Ungeduld die Rückkehr des Fürsten erwartet. Der
Fürst nun war aus Jekateringoff erst um sechs Uhr morgens zurückgekehrt.
Da war Ganjä zu ihm ins Zimmer gegangen und hatte das Geldpaket -- die
ihm, als er ohnmächtig auf dem Boden lag, von Nastassja Filippowna
geschenkten hunderttausend Rubel -- vor dem Fürsten auf den Tisch gelegt
und ihn mit allem Nachdruck gebeten, bei nächster Gelegenheit dieses
Geschenk Nastassja Filippowna zurückzugeben. Als Ganjä beim Fürsten
eintrat, war er in feindseliger und verzweifelter Stimmung gewesen,
doch, hieß es, waren dann zwischen ihm und dem Fürsten einige Worte
gefallen, woran Ganjä noch ganze zwei Stunden bei jenem geblieben war
und die ganze Zeit bitterlich geschluchzt hatte. Geschieden waren sie
freundlich voneinander.
Und diese Nachricht beruhte auch vollkommen auf Wahrheit. Unverständlich
war nur, daß Nachrichten dieser Art sich so schnell verbreiten konnten;
so war zum Beispiel der Verlauf der ganzen Abendgesellschaft bei
Nastassja Filippowna fast schon am nächsten Tage im Hause des Generals
bekannt geworden, und sogar noch mit ziemlich genauen Einzelheiten. Man
hätte annehmen können, daß Warwara Ardalionowna, die zum größten
Erstaunen Lisaweta Prokofjewnas ganz plötzlich mit den drei jungen
Mädchen enge Freundschaft pflegte, diesen alles Nähere erzählt habe.
Doch wenn es Warwara Ardalionowna aus irgendeinem Grunde auch nötig
erschienen war, mit Jepantschins Freundschaft zu schließen, so würde sie
doch niemals ungebeten von ihrem Bruder erzählt haben. Sie war
gleichfalls stolz, allerdings in ihrer Art -- und obwohl sie jetzt
Freundschaft dort anknüpfte, wo ihrem Bruder der Verkehr so gut wie
abgesagt worden war. Sie war freilich schon früher mit den Schwestern
bekannt gewesen, doch hatte sie dieselben nur wenige Male besucht.
Übrigens zeigte sie sich auch jetzt nur selten in ihrem Empfangssalon,
und gewöhnlich kam sie über die Hintertreppe, um dann nur eine kurze
Zeit bei den jungen Mädchen zu verweilen. Die Generalin war ihr niemals
besonders gewogen gewesen, obschon sie Warjäs Mutter sehr achtete. Über
Warjäs Besuche ärgerte sie sich und schrieb diese neue Freundschaft
ihrer Töchter den Launen »dieser Mädchen« zu, die »selbst nicht mehr
wüßten, was sie ihr noch zum Trotz antun sollten«. Doch ungeachtet ihres
Ärgers setzte Warwara Ardalionowna auch nach ihrer Verheiratung mit
Ptizyn die Besuche bei den Generalstöchtern fort.
Da erhielt die Generalin eines Tages -- es war ungefähr ein Monat nach
der Abreise des Fürsten vergangen -- von der alten Fürstin
Bjelokonskaja, die vor etwa zwei Wochen nach Moskau zu ihrer ältesten,
verheirateten Tochter gefahren war, einen Brief, und dieser Brief machte
auf die Generalin Jepantschin offenbar einen nicht geringen Eindruck.
Zwar teilte sie von seinem Inhalt weder ihren Töchtern, noch ihrem
Gemahl Iwan Fedorowitsch etwas mit; doch konnte man aus untrüglichen
Anzeichen schließen, daß sie sich durch ihn in merkwürdig gehobener
Stimmung befand. Sie knüpfte mit den Töchtern Gespräche über die
seltsamsten Dinge an, über Dinge, die, wie man meinen sollte, ganz fern
lagen. Allem Anscheine nach hatte sie etwas auf dem Herzen, das sie
jedoch vorläufig noch für sich behalten wollte. Am ersten Tage nach dem
Empfang des Briefes war sie sogar sehr lieb zu ihren Töchtern, küßte
Aglaja und Adelaida und erklärte sich in irgend etwas für schuldig vor
ihnen -- doch worin gerade, das konnten beide nicht verstehen. Selbst
gegen Iwan Fedorowitsch, der jetzt einen Monat in Acht und Bann war,
ward sie plötzlich gnädig gestimmt. Versteht sich: schon am nächsten
Tage ärgerte sie sich wieder unsäglich über ihre »Sentimentalität« und
fand bereits vor Tisch Zeit und Gelegenheit, sich mit allen von neuem zu
überwerfen, doch zum Abend klärte sich der Horizont wieder auf. Diese
freundlichere Stimmung hielt sogar eine ganze Woche an, was man
eigentlich lange nicht mehr erlebt hatte.
Es vergingen acht Tage, und die Generalin erhielt einen zweiten Brief
von der Bjelokonskaja, worauf sie sich dann doch entschloß, ihr
Schweigen zu brechen. Nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit hub sie ihre
Mitteilung an: daß die »alte Bjelokonskaja« -- sie nannte sie nie
Fürstin, wenn sie mit anderen von ihr sprach -- ihr äußerst beruhigende
Dinge über diesen ... »nun, diesen da, diesen Sonderling, den Fürsten«
mitgeteilt habe. Die alte Dame hatte in Moskau Erkundigungen über ihn
eingezogen und, wie sie schrieb, etwas sehr Gutes über ihn erfahren.
Schließlich sei auch der Fürst selbst bei ihr erschienen und habe einen
fast ungeheuren Eindruck auf sie gemacht. Ferner habe sie ihn
eingeladen, sie täglich zwischen eins und zwei zu besuchen, »und jener
schleppt sich auch täglich zu ihr hin und ist ihr bis jetzt noch nicht
langweilig geworden,« schloß die Generalin, worauf sie noch kurz
hinzufügte, daß der Fürst dank der »alten Bjelokonskaja« auch in zwei
oder drei anderen sehr angesehenen Familien empfangen worden sei. --
»Gut wenigstens, daß er nicht nur in seinen vier Wänden hockt und sich
nicht wie ein Tölpel vor den Menschen fürchtet.«
Den jungen Mädchen fiel es nach diesen Mitteilungen sogleich auf, daß
die Mutter ihnen lange nicht alles gesagt hatte, was die Briefe
enthielten. Vielleicht hatten sie bereits viel mehr von anderer Seite
erfahren, etwa von Warwara Ardalionowna, die ja doch alles wissen
konnte, was Ptizyn wußte. Ptizyn aber wußte höchstwahrscheinlich mehr
als alle anderen, und wenn er auch als Geschäftsmann einem jeden
gegenüber sehr verschwiegen war, so machte er doch in der Beziehung mit
Warjä eine Ausnahme, weshalb sich denn auch die Generalin nicht wenig
über deren Besuche ärgerte.
Doch wie dem nun auch sein mochte, jedenfalls war das Eis gebrochen, und
in der Familie konnte man wieder von dem Fürsten sprechen: und da zeigte
es sich denn nur zu deutlich, einen wie großen Eindruck der Fürst im
Hause des Generals hinterlassen hatte. Die Generalin wunderte sich auch
nicht wenig über den Eindruck, den ihre Moskauer Nachrichten auf die
drei Mädchen machten, und diese wiederum wunderten sich ebenfalls nicht
wenig über ihre Mutter, die doch so feierlich erklärt hatte, daß ihr
»auffallendster Charakterzug« das ewige Sichtäuschen in Menschen sei,
und die dabei gleichzeitig den Fürsten der Aufmerksamkeit der
»allmächtigen« Fürstin empfahl -- wobei nicht zu vergessen war, daß man
deren Aufmerksamkeit mit endlosen Reden erkaufen mußte, denn die alte
Dame war etwas schwer von Begriff. Doch da nun, wie gesagt, das Eis
gebrochen war und ein neuer Wind in der Familie wehte, entschloß sich
auch der General, seine Meinung zu äußern, und so zeigte es sich, daß
auch er sich in ganz erstaunlicher Weise für den Fürsten interessierte.
Was er mitteilte, bezog sich übrigens nur auf die »geschäftliche Seite«
der Angelegenheit. Zur nicht geringen Verwunderung der Gattin und
Töchter hatte der General zwei zuverlässige und in ihrer Art
einflußreiche Herren in Moskau beauftragt, über den Fürsten und
namentlich über Ssalaskin, seinen Rechtsbeistand, Erkundigungen
einzuziehen und ihn auch gewissenhaft zu überwachen. Die Erbschaft, »das
heißt die Tatsache der Erbschaft«, habe ihre Richtigkeit, doch das
Vermögen sei schließlich gar nicht so groß, wie man zuerst angenommen
hatte; die Hälfte desselben liege fest; da seien Schulden; da seien weiß
Gott was für Prätendenten; und der Fürst selbst verführe trotz aller
Ratgeber und Beiräte in einer Weise mit dem Kapital, die bei jedem
Geschäftsmann nur ein Kopfschütteln hervorrufen könne. »Ich wünsche ihm
selbstverständlich nur das Beste,« sagte der General, und da jetzt der
Bann aufgehoben war, konnte er es sogar »von ganzem Herzen wünschen«;
denn »wenn der Junge auch so ... nun ja ... etwas _so_ ist, so ist er es
doch wert, daß man ihm Gutes wünscht«. Kurz und gut, der Junge habe aber
bei dieser Gelegenheit doch eine große Dummheit begangen: es seien da
verschiedene Gläubiger des alten Kaufmanns gekommen, mit ganz
ungenügenden Dokumenten, mit Dokumenten, deren Ungültigkeit auf der Hand
lag, und manche, die von dem fürstlichen Erben Wind bekommen hatten,
seien sogar ohne Dokumente gekommen, und was war geschehen? -- der Fürst
hatte ihre Forderungen beglichen, trotz aller Vorhaltungen seiner
Freunde, die ihm vergeblich versicherten, daß alle diese Leutchen ganz
rechtlos wären. Und zwar hätte er ihnen nur deshalb gezahlt, weil einige
von ihnen andernfalls ihr tatsächlich geliehnes Geld verloren oder
sonstwie »durch Papuschin« gelitten hätten.
Die Generalin bemerkte hierauf, daß auch die Bjelokonskaja ihr in diesem
Sinne schriebe, und das sei natürlich »sehr dumm von ihm, sehr dumm,
aber einen Dummen kann man nicht klug machen,« fügte sie schroff hinzu;
doch ihrem Gesicht sah man es an, wie sehr ihr die Handlungsweise dieses
»Dummen« innerlich gefiel. Jedenfalls fiel es dem General plötzlich auf,
daß seine Lisaweta Prokofjewna »für diesen Fürsten eine Teilnahme
übrighabe, als wäre er ihr leiblicher Sohn«, und daß sie zu Aglaja doch
etwas auffallend zärtlich war. Nach Beendigung dieses Gedankenganges und
einem nochmaligen prüfenden Blick auf seine Gattin beschloß der General,
zeitweilig die Haltung eines vielbeschäftigten Mannes anzunehmen.
Doch diese gute Stimmung sollte wiederum nicht lange dauern. Es
vergingen nur kurze zwei Wochen, und plötzlich »schlug das Wetter wieder
um«, wie der General bei sich sagte: die Generalin war wieder schlechter
Laune und er selbst mußte sich, nachdem er ein paarmal die Schultern in
die Höhe gezogen, schließlich doch drein fügen, daß über gewisse
Vorgänge und Personen fortan eisiges Schweigen herrschte. Vor zwei
Wochen hatte er die kurze und deshalb etwas unklare, doch
nichtsdestoweniger glaubwürdige Nachricht erhalten, daß Nastassja
Filippowna, die anfangs in Moskau gelebt, und die Rogoshin nach langem
Suchen endlich dort gefunden, wieder geflohen und wieder von Rogoshin
aufgesucht worden war, zu guter Letzt doch eingewilligt habe, diesen zu
heiraten. Das war die erste Nachricht. Und nun, nach kaum vierzehn
Tagen, hatte Seine Exzellenz wieder eine Nachricht erhalten, die ihn
nicht weniger erregte: Nastassja Filippowna war zum drittenmal geflohen,
fast vom Altare fort, und diesmal sollte sie irgendwo in einer Provinz
verschwunden sein. Nun aber war plötzlich auch Fürst Myschkin aus Moskau
verschwunden, nachdem er alle seine Erbschaftsangelegenheiten Ssalaskin
übertragen hatte; »ob nun mit ihr zusammen oder hinter ihr her, das weiß
man nicht, doch steht seine Abreise zweifellos mit ihrer Flucht in
Zusammenhang,« schloß der General. Auch die Generalin hatte unangenehme
Nachrichten erhalten. So kam es, daß man nach zwei Monaten in Petersburg
nichts mehr vom Fürsten wußte, und im Hause des Generals Jepantschin
wurde »das Eis des Schweigens« hinfort nicht mehr gebrochen. Doch
Warwara Ardalionowna besuchte immer noch ab und zu die drei jungen
Mädchen ...
Um nun mit all diesen Gerüchten, Nachrichten und Stimmungen
abzuschließen, sei hier noch erwähnt, daß sich bei Jepantschins zum
Frühling hin sehr vieles veränderte, so daß es schließlich nur natürlich
war, wenn man den Fürsten, der nichts von sich hören ließ und vielleicht
auch sogar selbst vergessen sein wollte, mit der Zeit tatsächlich ganz
vergaß. Im Laufe des Winters hatte man sich allmählich entschlossen, im
Sommer eine Reise ins Ausland zu machen, das heißt, nur Lisaweta
Prokofjewna und die drei Töchter. Der General dagegen hatte keine Zeit
für »nutzlose Zerstreuungen«. Der Beschluß war gefaßt worden, weil die
drei jungen Mädchen sich eingeredet hatten, daß die Eltern sie nur
deshalb nicht ins Ausland bringen wollten, weil sie sie sobald als
möglich an den Mann zu bringen wünschten. Vielleicht waren nun die
Eltern zur Überzeugung gekommen, daß es ja auch im Auslande Männer gab,
und die Reise ins Ausland nicht nur nichts »verderben«, sondern sogar
sehr »zustatten« kommen könnte. Hier muß noch erwähnt werden, daß die
einstmals projektierte Heirat zwischen Afanassij Iwanowitsch Tozkij und
Alexandra Jepantschin ganz ins Wasser gefallen und es zu einem formellen
Antrag seinerseits gar nicht gekommen war. Es hatte sich das ganz von
selbst gemacht, ohne viele Worte oder gar Familienszenen. Seit der
Abreise des Fürsten war von beiden Seiten nicht mehr davon gesprochen
worden, aber wenn die Generalin auch damals schon gesagt hatte, daß es
sie nur freue und sie mit beiden Händen ein Kreuz schlage, so war das
doch den Winter über mit ein Grund der schlechten Stimmung gewesen, in
der sich die Familie befunden. Der General fühlte zwar, daß er selbst
daran schuld war, spielte aber trotzdem oder vielmehr gerade deshalb den
Stolzen. Ihm tat nur Freund Tozkij leid -- »wenn man bedenkt: ein
solches Vermögen und dazu ein so gewandter Mensch!« Doch es dauerte
nicht lange, und der General erfuhr, daß »Freund Tozkij« sich von den
Reizen einer vor kurzem in Petersburg eingetroffenen Französin hatte
bestricken lassen, einer Marquise und Legitimistin, und daß Freund
Tozkij sie baldigst heiraten würde, worauf sie mit ihm nach Paris und
von dort nach der Bretagne zu fahren gedächte. »Nun, wenn du dich schon
mit Französinnen einläßt, ist es aus mit dir, Freund!« dachte der
General bei sich.
Und so stand es denn fest, daß Jepantschins im Sommer verreisen würden.
Doch siehe, plötzlich kam wieder etwas dazwischen, das abermals alle
Pläne umwarf und die Reise zur größten Freude des Generals und der
Generalin hinausschob.
Vor nicht langer Zeit war in Petersburg ein gewisser Fürst Sch.
eingetroffen, ein Moskauer Aristokrat, der sich eines sehr, sehr guten
Rufes erfreute. Er war einer jener Leute oder man kann sogar sagen
Tatmenschen der »neuen Zeit«, die ehrlich und bescheiden sind, die sich
niemals vordrängen, die aufrichtig und bewußt das Nützliche wollen und
durchführen, immer arbeiten und sich auch noch durch die seltene und
glückliche Eigenschaft auszeichnen, daß sie immer Arbeit finden. Ohne
sich um die Zwietracht und die Händel der großredenden Parteien zu
kümmern, ohne sich zu überheben oder zu den Ersten zählen zu wollen,
faßte der Fürst doch vieles von dem jüngst Geschehenen oder sich noch
Vollziehenden in höchst verständiger Weise auf. Er hatte zuerst im
Staatsdienst gestanden und sich dann mit den Agrarfragen zu beschäftigen
begonnen. Außerdem war er ein geschätzter Mitarbeiter mehrerer gelehrter
Verbände. In Gemeinschaft mit einem bekannten Techniker hatte er auf
Grund eingehender Untersuchungen einer gerade projektierten, sehr
wichtigen Eisenbahnlinie die Baukommission derselben auf verschiedene
Fehler im Projekt aufmerksam gemacht und gleichzeitig das Projekt einer
mit Rücksicht auf die Ortsverhältnisse weit zweckmäßigeren Linie
eingereicht. Er war fünfunddreißig Jahre alt, gehörte zur vornehmsten
Gesellschaft und besaß ein »gutes, sicheres Vermögen«, wie der General
verlauten ließ, der den Fürsten in einer ziemlich schwierigen Sache beim
Grafen, seinem Vorgesetzten, kennen gelernt hatte. Der Fürst machte
seinerseits wiederum sehr gern die Bekanntschaft von russischen
»Tatmenschen«. Kurzum, der Fürst wurde mit der Familie des Generals
bekannt und Adelaida Iwanowna, die mittlere der drei Schwestern, machte
einen so großen Eindruck auf ihn, daß er zu Ende des Winters bei den
Eltern um ihre Hand anhielt. Und da er sowohl Adelaida Iwanowna wie auch
der Generalin sehr gefiel, wurde die Hochzeit auf das Frühjahr
festgesetzt. Der General freute sich von Herzen und war in sehr
gehobener Stimmung. Selbstverständlich mußte nun die Reise ins Ausland
vorläufig aufgeschoben werden.
Freilich hätte die Generalin deshalb immer noch im Sommer oder zu Ende
des Sommers auf ein bis zwei Monate mit Alexandra und Aglaja reisen
können, allein schon um der Zerstreuung willen: nach der Trauer um den
Verlust Adelaidas! Doch da kam wieder etwas dazwischen: gegen Ende des
Frühlings führte Fürst Sch. -- die Hochzeit war auf die Mitte des
Sommers verschoben worden -- seinen entfernten Verwandten Jewgenij
Pawlowitsch Radomskij bei Jepantschins ein. Es war das ein noch junger
Offizier, Flügeladjutant des Zaren, eine auffallend schöne Erscheinung,
vornehmer Herkunft, geistreich, glänzend, »modern in jeder Beziehung und
unerhört gebildet«, wie es hieß, und zum Überfluß noch enorm reich. In
betreff dieses letzten Punktes pflegte der General stets etwas skeptisch
zu sein. Er zog Erkundigungen ein, aber das Ergebnis derselben war
zufriedenstellend: »Es scheint tatsächlich etwas Wahres daran zu sein,
doch, wie gesagt, man muß sich noch vergewissern«, äußerte sich der
General. Dieser junge Offizier, dem eine »glänzende Zukunft« bevorstand,
war von der alten Bjelokonskaja in einem Brief aus Moskau in den
siebenten Himmel gehoben worden. Nur ein einziger Punkt war dabei etwas
kitzliger Art: man sprach von gewissen Verbindungen, von gewissen Siegen
und Eroberungen und von unglücklichen Herzen. Nachdem er aber Aglaja
erblickt und kennen gelernt hatte, wurde er auffallend seßhaft im Hause
Jepantschin. Es war allerdings noch von nichts gesprochen worden, selbst
Andeutungen hatte noch niemand gehört, doch den Eltern wurde es trotzdem
klar, daß man in diesem Sommer an eine Reise ins Ausland wirklich nicht
denken konnte. Aglaja selbst war vielleicht die einzige, die anders
dachte.
Alles das geschah kurz vor der abermaligen Ankunft unseres Helden in
Petersburg, zu einer Zeit, als dem Anscheine nach bereits alle den armen
Fürsten Myschkin vergessen hatten. Wäre er jetzt plötzlich unter seinen
Bekannten aufgetaucht, so hätten sie ihn wie einen vom Himmel
Herabgefallenen überrascht und verwundert angestarrt. Indes -- es muß
doch noch eines Faktums Erwähnung getan werden, bevor wir die Einleitung
abschließen.
Koljä Iwolgin setzte nach der Abreise des Fürsten sein früheres Leben
unverändert fort, d. h. er besuchte das Gymnasium, besuchte seinen
Freund Hippolyt, beaufsichtigte den General und half Warjä in der
Wirtschaft, indem er gewissermaßen als Laufbursche in ihren Diensten
stand. Mit den Mietern war es übrigens bald zu Ende. Ferdyschtschenko
verschwand am dritten Tage nach der Orgie in Jekateringoff, und bald war
er ganz verschollen; anfangs hatte es noch geheißen, er »trinke dort
irgendwo«, aber Genaueres wußte niemand von ihm. Fürst Myschkin fuhr,
wie gesagt, nach Moskau, und weitere Pensionäre hatten sie nicht gehabt.
Späterhin, als Warjä heiratete, zogen mit ihr auch Nina Alexandrowna und
Ganjä zu Ptizyn, der in dem Stadtteil Ismailowskij Polk lebte. Was
jedoch den alten verabschiedeten General Iwolgin betrifft, so war ihm
etwas sehr Seltsames zugestoßen: er kam nämlich in das Schuldgefängnis.
Hineingebracht hatte ihn seine ehemalige »Seelenfreundin«, die
Kapitanscha, auf Grund seiner ihr zu verschiedenen Zeiten ausgestellten
Schuldverschreibungen, alle zusammen in der Höhe von zirka zweitausend
Rubeln. Diese Einforderung der Schuld kam für den armen General
vollkommen unerwartet, er war »entschieden das Opfer seines
unbeschränkten Glaubens an den Edelmut des Menschenherzens, im
allgemeinen gesprochen«, wie er sich ausdrückte. Es war ihm zur
beruhigenden Gewohnheit geworden, Pfandbriefe und Wechsel zu
unterzeichnen, da er nicht einmal an die Möglichkeit, daß die
verschriebenen Summen eingefordert werden könnten, dachte, sondern
vielmehr überzeugt war, daß das alles »_nur so_« sei. »Traue jetzt noch
den Menschen, bekunde jetzt noch Zutrauen!« rief er pathetisch im Kreise
seiner neuen Freunde im Gefängnis aus und erzählte ihnen dann bei einer
Flasche Rotspon die Belagerung von Kars und die Geschichte vom
auferstandenen Soldaten. Übrigens hatte er sich dort sehr schnell und
vorzüglich eingelebt. Ptizyn und Warjä sagten, daß diese Unterkunft für
ihn wie geschaffen sei, und Ganjä war ungefähr derselben Ansicht. Nur
die arme Nina Alexandrowna weinte im stillen bitterlich -- was ihre
Angehörigen eigentlich recht wunderte --, und obschon sie kränkelte,
machte sie sich doch immer wieder auf und ging zu ihrem Mann ins
Schuldgefängnis.
Seit dieser »Generalüberraschung«, wie Ganjä sie nannte, und der
Verheiratung Warjäs hatte sich Koljä immer mehr von der Familie
losgemacht und in der letzten Zeit brachte er es sogar so weit, daß er
selbst zur Nacht nicht nach Hause kam, sondern es vorzog, bei seinen
Freunden zu schlafen. Wie man hörte, hatte er viele neue Freundschaften
angeknüpft und war auch im Schuldgefängnis ein fast täglicher Besucher
geworden. Nina Alexandrowna konnte dort gar nicht ohne ihn auskommen, zu
Hause aber wurde er nicht einmal mit Neugier belästigt, obschon eine
solche bei seinem Treiben doch ganz verständlich gewesen wäre. Selbst
Warjä, die früher so strenge Warjä, nahm ihn jetzt nie ob seiner
Lebensweise ins Verhör. Und auch Ganjä begann, zur größten Verwunderung
der Familie, ganz freundschaftlich mit ihm zu reden und umzugehen --
trotz seiner Hypochondrie --, was gegen sein früheres Verhältnis zum
Bruder sehr abstach. Hatte doch der siebenundzwanzigjährige Ganjä den
fünfzehnjährigen Koljä nicht der geringsten freundschaftlichen Beachtung
gewürdigt, ihn »einfach grob« behandelt, von allen anderen wie auch von
sich selbst nur Strenge ihm gegenüber verlangt und ewig gedroht, »einmal
noch mit seinen Ohren in nähere Berührung zu kommen,« was dann Koljä
»aus den letzten Grenzen menschlicher Geduld« brachte. Man konnte sogar
glauben, daß der jüngere Bruder Ganjä gewisse Dienste leistete und
diesem daher unentbehrlich wurde. Koljä war sehr erstaunt darüber
gewesen, daß Ganjä das Geld zurückgegeben hatte, und war deshalb bereit,
ihm vieles zu verzeihen.
Etwa im dritten Monat nach der Abreise des Fürsten erfuhr man in der
Familie Iwolgin, daß Koljä inzwischen auch mit Jepantschins bekannt
geworden war und von den jungen Mädchen sehr nett behandelt wurde. Das
hatte Warjä bald in Erfahrung gebracht. Übrigens war Koljä nicht durch
Warjä bekannt geworden, sondern »von sich aus«, wie er sagte. Allmählich
gewannen ihn Jepantschins sehr gern. Die Generalin war ihm anfänglich
nicht sehr geneigt gewesen. Doch bald wurde er fast ihr Liebling, »weil
er aufrichtig ist und nicht schmeichelt,« wie sie behauptete. Daß Koljä
nicht schmeichelte, war richtig: er hatte es verstanden, als
gesellschaftlich vollkommen gleichstehender, unabhängiger junger Mann
aufzutreten, und dabei blieb es auch, selbst wenn er der Generalin
Zeitungen oder Bücher vorlas -- er war eben gern gefällig. Zweimal hatte
er sich aufs heftigste mit Lisaweta Prokofjewna überworfen, hatte ihr
erklärt, daß sie eine Despotin sei und er seinen Fuß nicht mehr in ihr
Haus setzen werde. Das erstemal war der Grund des Streites die
Frauenfrage gewesen und das zweitemal die Frage, welche Jahreszeit zum
Zeisigfang die beste sei. Wie unwahrscheinlich es nun auch scheinen mag,
so ist es doch Tatsache, daß Lisaweta Prokofjewna ihm am dritten Tage
nach dem Zerwürfnis mit dem Diener einen Brief sandte, in dem sie ihn
bat, unbedingt zu ihr zu kommen, worauf Koljä sich nicht lange zierte
und ohne Aufschub hinging. Nur Aglaja allein schien ihm nicht ganz
wohlgeneigt zu sein und behandelte ihn von oben herab. Gerade sie aber
sollte er einmal in Erstaunen setzen.
Eines Tages, es war in der Osterwoche, benutzte Koljä, als sie einmal
allein im Zimmer waren, die Gelegenheit, um ihr einen Brief zu
überreichen. Er sagte nur, es sei ihm aufgetragen, den Brief zu
übergeben. Aglaja maß den »eingebildeten Bengel« mit zornigem Blick vom
Kopf bis zu den Füßen, doch Koljä kümmerte sich weiter nicht um sie und
ging hinaus. Aglaja entfaltete den Brief und las:
»Eines Tages würdigten Sie mich Ihres Vertrauens. Doch vielleicht
haben Sie mich jetzt schon ganz vergessen? Wie komme ich nun darauf,
an Sie zu schreiben? Ich weiß es nicht; aber ich habe plötzlich ein
unbezwingbares Verlangen, Sie, gerade Sie an mich zu erinnern. Wie
oft habe ich mich nach Ihrer aller Gegenwart gesehnt, doch von allen
dreien sah ich immer nur Sie vor mir stehen. Ich bedarf Ihrer, ich
bedarf Ihrer unsäglich. Von mir habe ich Ihnen nichts zu schreiben,
nichts zu erzählen. Nicht deshalb schreibe ich an Sie; ich würde nur
unendlich gern Sie glücklich wissen. Sind Sie glücklich? Das ist
alles, was ich Sie fragen wollte.