Der Fürst suchte, als er die Treppe hinaufstieg, mit aller Gewalt seiner
Aufregung Herr zu werden. »Das Schlimmste, was mir begegnen kann,«
dachte er, »ist, daß man mich empfängt und etwas Schlechtes von mir
denkt ... oder schließlich empfängt man mich auch, um dann über mich zu
lachen? ... Ach, mögen sie doch!« Was ihn aber am meisten schreckte, war
der Gedanke oder die Frage, was er denn dort eigentlich zu tun
beabsichtige, und weshalb er überhaupt hinging, -- eine Frage, auf die
er entschieden keine zufriedenstellende und beruhigende Antwort zu
finden vermochte. Selbst wenn sich ihm dort die Gelegenheit böte,
Nastassja Filippowna unbemerkt zu sagen: Heiraten Sie diesen Menschen
_nicht_, stürzen Sie sich nicht ins Verderben, er liebt nicht Sie,
sondern Ihr Geld, das hat er mir selbst gesagt, und auch Aglaja
Jepantschina hat es mir gesagt, ich aber bin gekommen, um es Ihnen zu
hinterbringen, -- so war damit wohl kaum in jeder Beziehung das Richtige
getan. Ferner gab es da noch eine andere schwierige Frage, und zwar eine
von solcher Wichtigkeit, daß der Fürst nicht einmal an sie zu denken
wagte, geschweige denn, sie bewußt als vorhandene Tatsache anerkannte;
ja, er hätte sie kaum zu formulieren verstanden, und er errötete und
zitterte, sobald seine Gedanken nur in diese Richtung kamen. Doch wie
dem auch war, jedenfalls endete es damit, daß er trotz aller Zweifel und
Befürchtungen die Glocke zog, eintrat und sich bei der Dame des Hauses
anmelden ließ.
Nastassja Filippowna hatte eine nicht sehr große, doch luxuriös
eingerichtete Wohnung inne. Zu Anfang dieser fünf Jahre, die sie nun
schon in Petersburg lebte, hatte Afanassij Iwanowitsch Tozkij ganz
besonders viel Geld für sie verschwendet. Damals hatte er noch auf ihre
Liebe gerechnet und geglaubt, sie mit Luxus und Geld betören zu können,
mit Dingen, die, wie er wußte, bald unentbehrlich werden, wenn man sich
einmal an sie gewöhnt hat. Tozkij blieb eben seinen guten alten
Anschauungen treu, ohne von ihnen auch nur das Geringste aufzugeben. So
hoch schätzte er die »unbezwingliche Macht« seiner sinnlichen
Einwirkungen ein! Nastassja Filippowna wies die prunkvolle Ausstattung
nicht zurück, ja, sie gefiel ihr sogar. Nichtsdestoweniger aber -- und
das war doch sehr sonderbar -- ließ sie sich durch dieselbe nicht im
geringsten bestechen. Es war, als hätte sie jeglichen Komfort mit
Leichtigkeit entbehren können. Ja, sie äußerte sich sogar hin und wieder
in diesem Sinne -- was Afanassij Iwanowitsch Tozkij recht unangenehm
überraschte. Übrigens gab es da noch so manches an ihr, das ihm im Laufe
der Zeit peinliche Überraschungen bereitete. Ganz abgesehen von der
(gelinde gesagt) Unvornehmheit der Menschensorte, mit der sie verkehrte
-- und das hieß doch so viel, daß sie sich zu den Betreffenden
hingezogen fühlte -- legte sie noch andere äußerst seltsame Neigungen an
den Tag. Es war eine geradezu barbarische Mischung zweier
Geschmacksrichtungen in ihr: sie war fähig, sich mit Dingen abzugeben
und an Dingen Gefallen zu finden, deren bloßes Dasein ein
feingebildeter, ästhetisch empfindender Mensch, wie man meinen sollte,
überhaupt nicht für möglich halten konnte. Dagegen: hätte Nastassja
Filippowna z. B. eine liebe kleine Unwissenheit verraten, wie etwa die,
daß Bauernmädchen ebensolche Batistwäsche tragen wie sie, so hätte das
Afanassij Iwanowitsch aus unbestimmten Gründen sehr angenehm berührt.
Hätte doch nach Tozkijs Erziehungsprogramm Nastassja Filippownas
wissenschaftlich-literarisch-ästhetische Bildung unfehlbar zu diesen
Resultaten führen müssen -- und er hielt sich für durchaus kompetent in
solchen Fragen. Doch leider waren die Resultate, wie es sich in der
Praxis erwies, ganz anderer und zum mindesten sehr seltsamer Art.
Trotzdem aber war und blieb in Nastassja Filippowna ein »Etwas«, das
sogar Tozkij durch seine ungewöhnliche und anziehende Originalität,
durch seine gewisse Kraft stutzig machte und ihn auch jetzt noch
mitunter bestrickte, obschon doch alle seine Hoffnungen auf
Luftschlösser schon längst, längst eingestürzt waren.
Dem Fürsten öffnete eine Zofe die Tür (Nastassja Filippowna hatte
grundsätzlich nur weibliche Bedienung), und diese vernahm zu seiner
Verwunderung ohne das geringste Erstaunen die Bitte, ihn anzumelden.
Weder seine schmutzigen Stiefel, noch sein breitrandiger Filzhut, weder
sein ärmelloser Kapuzenmantel noch seine verwirrte Miene erregten
Bedenken in ihr. Sie half ihm, sich des Mantels zu entledigen, bat ihn
höflich, im Empfangssalon zu warten, und ging dann ohne weiteres, um
ihrer Herrin den Besuch zu melden.
Die Gesellschaft, die Nastassja Filippowna eingeladen hatte, bestand nur
aus ihren alten Bekannten. Es waren diesmal bedeutend weniger Gäste
versammelt als an ihren früheren Geburtstagsfesten. In erster Reihe
waren Afanassij Iwanowitsch Tozkij und Exzellenz Iwan Fedorowitsch
Jepantschin anwesend; beide bemühten sich, liebenswürdig zu sein; doch
sah man beiden an, daß die bevorstehende Entscheidung Nastassja
Filippownas sie nicht wenig beunruhigte. Außer ihnen war natürlich auch
Ganjä anwesend -- finster, nachdenklich und, fast kann man sagen, das
Gegenteil von liebenswürdig. Er stand etwas abseits und schwieg. Warjä
mitzubringen, hatte er doch nicht für ratsam gehalten, aber Nastassja
Filippowna fragte auch mit keinem Wort nach ihr. Dafür jedoch hatte sie
ihn sogleich nach seiner Begrüßung an jenen Zwischenfall mit dem Fürsten
erinnert. Der General, der noch nichts davon gehört, erkundigte sich
interessiert, was denn vorgefallen sei, worauf Ganjä in knappen Worten
sehr sachlich, doch vollkommen wahrheitsgetreu alles erzählte und auch
ausdrücklich erwähnte, daß er den Fürsten bereits um Verzeihung gebeten
habe. Zum Schluß äußerte er noch in etwas lebhafterem Tone seine
Meinung: daß der Fürst seltsamerweise -- Gott weiß weshalb -- ein
»Idiot« genannt werde, daß er, Ganjä, sich aber vom vollkommenen
Gegenteil überzeugt habe; denn »dieser Mensch hat sicher seinen Kopf für
sich,« wie er hinzufügte. Nastassja Filippowna hörte dieser
Meinungsäußerung sehr aufmerksam zu und blickte Ganjä neugierig an; doch
das Gespräch ging sogleich auf Rogoshin über, der ja bei Iwolgins eine
so große Rolle gespielt hatte, und diesem Gespräch folgten Tozkij und
Jepantschin mit größter Aufmerksamkeit. Ptizyn, der sich bis neun Uhr
abends für Rogoshin in geschäftlichen Angelegenheiten gemüht hatte,
wußte noch einzelne Neuigkeiten über ihn zu berichten. Wie er erzählte,
setzte Rogoshin alle Hebel in Bewegung, um noch vor der Nacht
hunderttausend Rubel in barem Gelde zusammenzubringen. »Allerdings
scheint er betrunken zu sein,« fügte Ptizyn hinzu, »doch wird er
wahrscheinlich sein Wort halten; denn wenn es auch schwer ist,
hunderttausend an einem Tag flüssig zu machen, so helfen ihm doch viele:
Trepaloff, Kinder und Biskup ... Nur weiß ich nicht, ob es ihnen gerade
heute noch gelingen wird ... Auf die Höhe der Prozente kommt es ihm gar
nicht an, er zahlt alles -- natürlich in der Trunkenheit, im ersten
Rausch ...« schloß Ptizyn. Alle diese Mitteilungen wurden von den
Anwesenden mit zum Teil finsterem Interesse vernommen. Nastassja
Filippowna schwieg, wahrscheinlich mit einer besonderen Absicht. Ganjä
schwieg gleichfalls. General Jepantschin beunruhigte sich innerlich
vielleicht am meisten von allen: sein kostbares Geschenk war von ihr mit
etwas gar zu kühler Freundlichkeit empfangen worden; ja, vielleicht
täuschte er sich nicht einmal, wenn er sogar so etwas wie leisen Spott
in ihrem Blick und Lächeln bemerkt zu haben glaubte. Nur
Ferdyschtschenko befand sich als einziger von allen Gästen in gehobener,
feiertäglicher Stimmung und lachte laut, ohne selbst zu wissen weshalb
-- vielleicht nur, weil er sich selbst die Rolle des Narren auferlegt
hatte. Tozkij, den die Fama als eleganten und geistreichen Erzähler
pries, und der an solchen Abenden gewöhnlich die ganze Unterhaltung
beherrscht hatte, war diesmal offenbar nicht dazu aufgelegt. Man merkte
ihm sogar eine gewisse, an ihm ganz fremde Betretenheit an. Die übrigen
Gäste -- ein armer, alter Lehrer, der Gott weiß weshalb eingeladen
worden war, irgendein unbekannter und sehr junger Mann, der entsetzlich
schüchtern zu sein schien und den Mund überhaupt nicht auftat, eine
lebhafte ältere Dame von etwa vierzig Jahren, die einstmals
Schauspielerin gewesen war, und dann noch eine auffallend hübsche, reich
gekleidete junge Dame, die gleichfalls so gut wie gar nichts sprach --
sie alle konnten das Gespräch nicht nur nicht beleben, sondern wußten
mitunter nicht einmal, was sie antworten oder wovon sie überhaupt
sprechen sollten.
So war es denn begreiflich, daß das Erscheinen des Fürsten allen
Anwesenden sehr gelegen kam. Übrigens rief seine Anmeldung doch gewisses
Erstaunen und auf manchen Gesichtern sogar ein gewisses Lächeln hervor,
namentlich als man aus Nastassja Filippownas überraschter Miene erriet,
daß sie gar nicht daran gedacht hatte, ihn einzuladen. Doch schon im
nächsten Augenblick verriet ihr Gesicht so viel aufrichtige Freude über
seinen Besuch, daß die Mehrzahl der Gäste sich sofort gleichfalls
anschickte, den ungebetenen Gast mit Vergnügen zu empfangen.
»Nun ja, wenn das auch wieder nur ein Ausdruck seiner Unschuld ist,«
meinte General Jepantschin, »und solche -- hm! -- Neigungen zu
begünstigen ziemlich gefährlich sein kann, so ist es doch im Augenblick
nicht übel, daß er das Geburtstagskind mit seinem Besuch bedacht hat,
zumal er es noch in einer so originellen Weise tut. Aller Voraussicht
nach wird er uns sogar erheitern, wenigstens ... soviel ich über ihn --
urteilen kann.«
»Oh, das steht um so mehr zu erwarten, als er uneingeladen kommt!« rief
sofort Ferdyschtschenko aus.
»Sie meinen?« fragte ihn der General trocken. Er konnte diesen Menschen
nicht ertragen.
»Nun, ich meine, daß er für den Eintritt zahlen muß,« erklärte jener.
»Mir scheint, daß ein Fürst Myschkin nicht gerade ein Ferdyschtschenko
ist,« konnte der General sich nicht enthalten zu bemerken. Es fiel ihm
ehrlich schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß er, General
Jepantschin, sich mit einem Ferdyschtschenko in ein und derselben
Gesellschaft befand, ganz als wären sie gleichstehende Persönlichkeiten.
»Ei, Exzellenz, mit Ferdyschtschenko müssen Sie Nachsicht haben,«
antwortete jener lachend, »ich bin doch hier mit ganz besonderen Rechten
ausgestattet!«
»Was sind denn das für Rechte, wenn man fragen darf?«
»Das auseinanderzusetzen hatte ich bereits das vorigemal die Ehre, doch
für Eure Exzellenz will ich es nochmals wiederholen. Also, ich bitte um
Ihre Aufmerksamkeit, Exzellenz: alle Menschen sind geistreich, nur ich
allein bin es nicht. Als Schadenersatz habe ich dafür die Erlaubnis
erhalten, die Wahrheit zu sagen, da doch bekanntlich nur jene die
Wahrheit sagen, die nicht gerade -- nun, wie gesagt, geistreich sind.
Zudem bin ich ein äußerst rachsüchtiger Mensch, und das natürlich
gleichfalls nur aus Mangel an Geist. Ich nehme jede Beleidigung ruhig
hin, doch -- wohlgemerkt! -- nur bis zum ersten Mißerfolge des
Beleidigers. Bei seiner ersten Niederlage entsinne ich mich unverzüglich
alles dessen, was er auf dem Kerbholz hat, und zahle es ihm prompt auf
irgendeine Weise heim -- schlage mit den Hinterbeinen aus, wie Iwan
Petrowitsch Ptizyn es nennt, der, versteht sich, selbst niemals hinten
ausschlägt. Kennen Eure Exzellenz vielleicht Kryloffs Fabel vom Löwen
und vom Esel? Nun, sehen Sie, die ist wie auf uns gedichtet,
tatsächlich, das sind Sie und ich.«
»Sie scheinen ja wieder mal in Ihr unleidliches Faseln hineingekommen zu
sein, Ferdyschtschenko,« entgegnete der General gereizt und grob.
»Aber was haben Sie denn dagegen einzuwenden, Exzellenz?« griff
Ferdyschtschenko schnell auf, ganz als hätte er nur auf diesen Einwand
gewartet. »Beunruhigen Sie sich nicht, Exzellenz, ich kenne sehr wohl
den Platz, der mir zukommt: der Löwe sind natürlich Sie, Exzellenz:
-- Der grimme Leu, des Waldes Schrecken,
Ward mit den Jahren altersschwach --