Koljä führte den Fürsten nicht weit: nur bis zur Liteinaja, in ein
Café-Billard, das zu ebener Erde lag und seinen besonderen Eingang von
der Straße hatte. Hier hatte sich Ardalion Alexandrowitsch in der Ecke
eines kleinen Raumes als alter Stammgast niedergelassen, vor sich auf
dem Tisch eine Flasche und in der Hand seine Zeitung. Er erwartete den
Fürsten. Kaum hatte er ihn erblickt, als er die Zeitung auch schon
beiseite legte und eine wortreiche Erklärung begann, von der der Fürst
so gut wie nichts begriff; denn der General befand sich bereits in
»vorgerücktem Stadium«.
»Zehn Rubel habe ich nicht,« unterbrach ihn der Fürst, »doch hier sind
fünfundzwanzig. Wechseln Sie das Geld und geben Sie mir fünfzehn zurück;
denn sonst bleibe ich selbst ohne eine Kopeke.«
»Oh, sofort, sofort, sofort! Seien Sie überzeugt, daß ich sogleich ...«
»Ich bin mit einer Bitte zu Ihnen gekommen, General. Sind Sie niemals
bei Nastassja Filippowna gewesen?«
»Ich? Ich nicht bei ihr gewesen? Fragen Sie das mich? Unzähligemal,
unzähligemal, mein Lieber!« rief der General wie in einem Anfall mit
selbstzufriedener und stolzer Miene aus. »Doch habe ich schließlich
selbst diese Beziehungen abgebrochen; denn ich will diese unanständige
Verbindung nun einmal nicht zulassen. Sie haben doch selbst gesehen, Sie
waren doch Zeuge heute: ich tat alles, was ein Vater tun konnte, und
nicht wahr, ein guter und nachsichtiger Vater! Jetzt jedoch wird ein
ganz anderer Vater auf die Szene treten, und dann -- wollen wir sehen,
ob dann der verdienstvolle alte Soldat die Intrige zerstören oder ob
eine schamlose Kamelie in die vornehmste Familie eindringen wird!«
»Ich wollte Sie gerade bitten, ob Sie mich nicht, als Bekannter, bei
Nastassja Filippowna heute abend einführen könnten? Es muß unbedingt
noch heute geschehen, und ich weiß keine andere Möglichkeit,
hinzugelangen. Ich wurde ihr heute zwar vorgestellt, doch hat sie mich
nicht aufgefordert, und heute abend empfängt sie nur geladene Gäste. Ich
würde sogar bereit sein, mich über gewisse gesellschaftliche Formen
hinwegzusetzen, selbst wenn man sich auch über mich lustig machen
sollte. Wenn ich nur nicht abgewiesen werde!«
»Ich habe genau, genau denselben Gedanken gehabt, mein junger Freund!«
rief der General begeistert aus. »Ich habe Sie nicht etwa dieses
lumpigen Geldes wegen gerufen,« fuhr er fort, indem er das Geld in die
Tasche steckte, »sondern ich wollte Sie gerade zu diesem Gang zu
Nastassja Filippowna auffordern, oder besser gesagt, zu diesem Feldzuge.
General Iwolgin und Fürst Myschkin! Wie das klingt! Wird es ihr nicht
imponieren? Und ich werde dann in aller Liebenswürdigkeit an ihrem
Geburtsfest endlich meinen Willen aussprechen, -- durch die Blume,
versteht sich, nicht geradeaus ... aber es wird doch ebensogut wie
geradeaus sein. Mag dann Ganjä selbst entscheiden, zu wem er halten
will: zum alten verdienstvollen Vater und ... sozusagen ... und so
weiter, oder ... Doch wir werden ja sehen. Ihr Einfall ist im höchsten
Grade fruchtbar. Um neun Uhr brechen wir auf; bis dahin haben wir noch
Zeit.«
»Wo wohnt sie?«
»Ziemlich weit von hier: neben dem Großen Theater, im Hause der
Mytowzowa in der Beletage, gleich am Platz ... Es werden nicht viele
Gäste bei ihr sein, -- obschon sie heute ihren Geburtstag feiert, -- und
auch die werden früh aufbrechen.«
Inzwischen wurde es Abend. Der Fürst saß immer noch, hörte zu und
wartete, daß der General sich endlich erheben würde. Dieser jedoch war
ins Erzählen hineingekommen und gab alle seine Geschichten zum besten,
von denen er immer wieder eine neue begann, ohne die vorhergehende
beendet zu haben. Als der Fürst gekommen war, hatte der General eine
neue Flasche bestellt und im Verlauf einer Stunde ausgetrunken; dann
bestellte er noch eine, die er gleichfalls allein leerte. Man hätte
denken können, daß der General in dieser Zeit so ungefähr sein ganzes
Leben erzählte. Endlich riß dem Fürsten die Geduld: er erhob sich und
erklärte, daß er nicht länger warten könne. Der General trank noch den
letzten Rest aus, erhob sich dann gleichfalls und schritt äußerst
unsicher aus dem Zimmer. Der Fürst war der Verzweiflung nahe, als er ihn
gehen sah. Er konnte es sich nicht verzeihen, daß er sich auf den alten
Trinker verlassen und sich ihm anvertraut hatte. (Im Grunde vertraute er
sich nie einem Menschen an.) Er bedurfte des Generals ja nur, um an
diesem Abend zu Nastassja Filippowna gelangen zu können, wenn es auch
einen kleinen Skandal kostete! Immerhin hatte er nicht mit einem so
unvermeidlichen und so großen Skandal gerechnet. Was sollte er tun? Der
General war vollkommen betrunken und von einer Redseligkeit, die ihn
ohne Unterbrechung mit Gefühl und »Tränen in der Seele« sprechen ließ.
Es drehte sich zumeist darum, daß durch die schlechte Aufführung seiner
Familie -- er selbst war natürlich nicht darunter gemeint -- alles
zugrunde gehe, und daß er nun endlich eingreifen müsse.
Sie traten auf die Liteinaja hinaus. Das Tauwetter hielt noch immer an;
ein wehmütiger, warmer, modriger Wind pfiff durch die Straßen, die
Gummireifen der Equipagen klatschten im Straßenschmutz, und die Hufe der
Traber und Droschkengäule klangen hier und da hell auf einem
Pflasterstein auf. Die Fußgänger schoben sich in freudloser, durchnäßter
Masse auf den Trottoirs durcheinander. Hin und wieder sah man einen
Betrunkenen.
»Sehen Sie dort diese erleuchteten Beletagen,« fuhr der General
unermüdlich fort, »hier leben alle meine Freunde, ich aber, der ich dem
Vaterlande am meisten gedient und für dasselbe gelitten habe, ich irre
zu Fuß zum Großen Theater und begebe mich in die Wohnung eines
zweideutigen Weibes! Ein Mensch, der dreizehn Kugeln in der Brust hat
... Sie glauben mir nicht? Mein Herr, einzig meinetwegen hat Pirogoff[8]
nach Paris telegraphiert und das belagerte Sebastopol zeitweilig im
Stich gelassen. Nélaton, dem Pariser Hofarzt, wirkte er im Namen der
Wissenschaft freie Durchfahrt aus, worauf dieser persönlich im
belagerten Sebastopol erschien, um mich zu untersuchen. Oh, selbst den
höchsten Vorgesetzten war es bekannt. >Ah, das ist der Iwolgin mit den
dreizehn Kugeln in der Brust! ...< hieß es allgemein. Sehen Sie, Fürst,
dort jenes Haus? Dort wohnt in der Beletage mein alter Freund General
Ssokolowitsch, mit seiner edlen und zahlreichen Familie. Diese Familie
hier, drei, die am Newskij wohnen, und zwei in der Großen Morskaja --
das ist mein ganzer Verkehr; denn Nina Alexandrowna hat sich schon
längst den Verhältnissen gefügt, während ich noch fortfahre, mich ...
sozusagen zu erholen im Kreise meiner früheren Bekannten, Freunde und
Untergebenen, die auch jetzt noch nicht aufgehört haben, mich zu
vergöttern. Dieser General Ssokolowitsch -- eigentlich habe ich ihn
lange nicht mehr besucht und auch Anna Fedorowna nicht gesehen ...
Wissen Sie, lieber Fürst, wenn man selbst nicht empfängt, so gibt man es
ganz unwillkürlich auf, andere zu besuchen. Indes ... hm! ... Sie,
scheint es, glauben mir nicht ... Doch -- da fällt mir eben ein! --
weshalb soll ich nicht den Sohn meines besten Freundes und
Jugendgespielen in diese bezaubernd liebenswürdige Familie einführen?
General Iwolgin und Fürst Myschkin! Sie werden ein entzückendes, junges
Mädchen kennen lernen, nein, nicht nur eines, sondern zwei, sogar drei!
Eine schöner als die andere! Sie sind die Zierde der Residenz und der
Gesellschaft. Schönheit, Bildung, Erziehung ... Frauenfrage, Poesie --
alles das hat sich in ihnen zu einem tadellosen Ganzen glücklich
vereinigt, ganz abgesehen von den achtzigtausend Rubeln Mitgift, die
eine jede erhält -- was ja doch kein Fehler und niemals überflüssig ist,
weder bei sozialen noch bei Frauenfragen ... Mit einem Wort, ich muß Sie
unbedingt, unbedingt dort einführen; es ist sogar meine Pflicht, Sie mit
ihnen bekannt zu machen! General Iwolgin und Fürst Myschkin! Mit einem
Wort ... Tableau!«
»Wie, doch nicht jetzt? Heute? Sie vergessen ...« begann der Fürst.
»Nichts, nichts vergesse ich, gehen wir! Hier, diese prachtvolle Treppe
geht's hinauf. Ich wundere mich nur, daß der Schweizer[9] nicht zu sehen
ist ... Richtig, es ist ja heut Feiertag, da kann auch er sich einmal
fortbegeben haben. Er ist übrigens ein alter Trinker, den man eigentlich
schon längst hätte vor die Tür setzen müssen. Dieser Ssokolowitsch
verdankt sein ganzes Lebensglück und seine ganze Karriere einzig mir,
mir allein und keinem anderen, aber ... doch da sind wir ja schon.«
Der Fürst versuchte nichts mehr dagegen einzuwenden und folgte ergeben
dem General, um ihn nicht zu reizen. Er war fest überzeugt, daß der
General Ssokolowitsch mit seiner ganzen Familie alsbald wie eine Fata
morgana verschwinden und sich als nie dagewesen erweisen werde, und daß
ihnen somit nichts Schlimmes begegnen könne; und dann würden sie die
Treppe wieder hinuntersteigen. Doch zu seinem Entsetzen mußte er diese
Überzeugung bald aufgeben; denn der General stieg die Treppen mit einer
Sicherheit hinauf, als habe er tatsächlich alte Bekannte in diesem
Hause, und zwischendurch erzählte er noch die verschiedensten
biographischen und topographischen Einzelheiten mit wahrhaft
erdrückender, nahezu mathematischer Genauigkeit. Als sie dann
schließlich im ersten Stock anlangten und der General bereits an der Tür
einer hochvornehmen Wohnung die Hand nach dem Klingelzuge ausstreckte,
beschloß der Fürst, sogleich zurückzugehen ... doch da fiel ihm
plötzlich etwas auf:
»Sie haben sich geirrt, General,« sagte er schnell, »hier an der Tür
steht Kulakoff, und Sie wollen doch zu Ssokolowitsch!«
»Kulakoff ... Kulakoff beweist noch nichts. Die Wohnung hat
Ssokolowitsch inne, und ich klingle bei Ssokolowitsch, zum Teufel mit
Kulakoff ... Da kommt man schon!«
Die Tür wurde von einem Diener geöffnet, der sie fragend ansah und dann
meldete, daß die Herrschaft nicht zu Hause sei.
»Wie schade, oh, wie schade, das ist ja wie vorherbestimmt!« wiederholte
Ardalion Alexandrowitsch mehrmals mit tiefstem Bedauern. »Dann melden
Sie, daß General Iwolgin und Fürst Myschkin ihre Aufwartung zu machen
wünschten und unendlich, unendlich bedauerten ...«
Durch die offene Zimmertür blickte plötzlich das Gesicht einer
Haushälterin oder Gouvernante, eines etwa vierzigjährigen Frauenzimmers
in einem dunklen Kleide. Neugierig und doch mißtrauisch näherte sie
sich, als sie die Namen General Iwolgin und Fürst Myschkin hörte.
»Marja Alexandrowna ist nicht zu Hause,« sagte sie mit kritischem Blick
auf den General, »sie ist mit dem Fräulein, mit Alexandra Michailowna,
zur Großmutter gefahren.«
»So ist auch Alexandra Michailowna nicht zu sprechen? O Gott, welches
Pech! Und das passiert mir wirklich jedesmal! Haben Sie die Güte, meinen
ergebensten Gruß zu bestellen, und Alexandra Michailowna sagen Sie, daß
sie nicht vergessen soll ... mit einem Wort, sagen Sie ihr, daß ich ihr
von Herzen die Erfüllung dessen wünsche, was sie sich Donnerstag abend
bei den Klängen der Chopinschen Ballade gewünscht hat. Sie wird es schon
selbst wissen ... Also meinen herzlichsten Gruß! General Iwolgin und
Fürst Myschkin!«
»Schön, ich werde es ausrichten,« sagte die Person, die etwas Zutrauen
gefaßt hatte, mit einer leichten Verbeugung.
Als sie die Treppe hinunterstiegen, bedauerte der General noch aufs
lebhafteste, daß sie die Familie nicht angetroffen und der Fürst nun die
Bekanntschaft so entzückender Menschen nicht hatte machen können.
»Wissen Sie, mein Lieber, ich bin im Grunde dichterisch veranlagt, ist
Ihnen das noch nicht aufgefallen? Doch übrigens ... übrigens ...
übrigens sind wir, wie mir scheint, nicht ganz richtig gegangen,« schloß
er plötzlich selbst völlig überrascht. »Ssokolowitschs wohnen -- jetzt
fällt's mir ein! -- in einem ganz anderen Hause, ich glaube sogar in ...
Moskau. Ja, ich habe mich ein wenig versehen, doch ... doch das hat
nichts zu sagen.«
»Ich würde jetzt nur eines wissen wollen,« bemerkte der Fürst
resigniert, »ob ich mich überhaupt noch auf Sie verlassen kann, oder ob
ich besser tue, wenn ich allein zu ihr gehe?«
»Allein? Zu ihr? Ohne mich? Aber weshalb denn das, wenn es doch für mich
ein großes Unternehmen ist, von dem soviel für mich und meine ganze
Familie abhängt? Nein, mein junger Freund, dann kennen Sie Iwolgin
schlecht! Wer >Iwolgin< sagt, der sagt so viel wie >Mauer<. >Verlaß dich
auf Iwolgin wie auf eine Mauer!< -- sehen Sie, so sagte man schon in der
Schwadron, bei der ich einst meinen Dienst begann. Ich muß jetzt nur
hier auf einen Augenblick in ein Haus eintreten, wo meine Seele von den
Aufregungen und Schicksalsschlägen nun schon seit mehreren Jahren
Erholung findet ...«
»Wie, Sie wollen nach Hause gehen?«
»Nein! Ich will ... zu Frau Terentjewa, der Witwe des Hauptmanns
Terentjeff, meines ehemaligen Untergebenen ... und sogar Freundes ...
Hier bei dieser Kapitanscha[10] lebt meine Seele wieder auf, und hierher
trage ich mein Lebens- und Familienunglück und lasse mich von meinem
Kummer erlösen ... Und da ich heute gerade soviel auf dem Herzen habe,
will ich die große Last ...«
»Ich sehe, daß ich eine ungeheure Dummheit begangen habe,« brummte der
Fürst, »als ich Sie vorhin mit meiner Bitte belästigte. Zudem sind Sie
ja jetzt ... Leben Sie wohl.«
»Aber ich kann, ich kann Sie nicht von mir fortlassen, mein junger
Freund!« rief der General beschwörend aus und hielt ihn krampfhaft fest.
»Sie ist Witwe, Mutter einer Familie! Nur sie allein versteht, in ihrem
Herzen jene Saiten anzuschlagen, die in dem meinen einen Widerhall
finden. Der Besuch bei ihr wird nur fünf Minuten dauern. In diesem Hause
kann ich ganz ohne Formalitäten ein- und ausgehen, ich lebe ja hier so
gut wie ganz, wasche mich, kleide mich an ... und dann fahren wir sofort
zum Großen Theater. Glauben Sie mir, ich kann Sie den ganzen Abend nicht
entbehren ... Hier in diesem Hause ... wir sind schon da ... Ah, Koljä,
du bist auch schon hier? Ist Marfa Borissowna zu Hause? Oder bist du
selbst erst im Augenblick gekommen?«
»Oh, nein,« sagte Koljä, der gleichzeitig mit ihnen an der Tür angelangt
war. »Ich bin schon lange hier bei Hippolyt. Er fühlt sich schlecht,
liegt seit dem Morgen zu Bett. Ich war soeben nur in den Krämerladen
gegangen und habe ein Spiel Karten gekauft. Marfa Borissowna erwartet
Sie, Papa. Nur ... ach Gott, Papa, wie haben Sie sich ...« rief Koljä
vorwurfsvoll und erschrocken aus, indem er prüfend die Haltung des
Generals betrachtete. »Ach nun, gehen wir, gleichviel!«
Die Begegnung mit Koljä bewog den Fürsten, den General zu Marfa
Borissowna zu begleiten, doch wollte er dort nur eine Minute bleiben. Er
mußte mit Koljä sprechen. Den General beschloß er unbedingt zu
verlassen. Er konnte es sich nicht verzeihen, daß er sich ihm überhaupt
anvertraut hatte. Langsam stiegen sie auf der Hintertreppe bis zum
vierten Stockwerk empor.
»Wollen Sie den Fürsten mit ihr bekannt machen?« fragte Koljä.
»Jawohl, mein Freund, gewiß bekannt machen. General Iwolgin und Fürst
Myschkin! Aber wie ... was sagt ... Marfa Borissowna?«
»Wissen Sie, Papa, es wäre besser, Sie gingen jetzt nicht zu ihr! Sie
wird Sie zerreißen vor Wut! Sie haben sich drei Tage lang nicht gezeigt,
sie aber wartet auf Geld. Weshalb haben Sie ihr denn wieder Geld
versprochen? Das tun Sie immer wieder. Sehen Sie jetzt zu, wie Sie sich
herausreden.«
Im vierten Stockwerk angelangt, machten sie vor einer niedrigen Tür
halt. Dem General wurde ersichtlich bange, und er schob den Fürsten vor.
»Ich werde mich hier verstecken,« flüsterte er, »um sie dann zu
überraschen ...«
Koljä trat als erster ins Vorzimmer. Eine stark geschminkte und
gepuderte Dame von etwa vierzig Jahren, in Pantoffeln und einer alten
Hausjacke, die Haare in dünne Zöpfchen geflochten, blickte aus dem
Zimmer durch die Türspalte und -- die Überraschung des Generals fiel ins
Wasser. Kaum hatte sie ihn erblickt, als sie auch schon ein großes
Geschrei erhob.
»Da ist er, da ist er, dieser niedrige, dieser gemeine Mensch, das ahnte
mein Herz!«
»Treten wir ein, das ist nur so,« flüsterte der General noch harmlos
lächelnd dem Fürsten zu.
Doch er täuschte sich sehr. Die Hausfrau ließ ihnen kaum Zeit, durch das
dunkle, niedrige Vorzimmer in die »bessere Stube« einzutreten -- ein
schmales Zimmer, in dem ein halbes Dutzend Rohrstühle und zwei einfache
Tische standen --, als sie auch schon von neuem mit ihrer gleichsam
eingeübt weinerlichen und ordinär klingenden Stimme fortfuhr:
»Und du schämst dich nicht, du schämst dich gar nicht, du Barbar und
Tyrann meiner Familie, du Barbar und Heide! Bestohlen hast du mich bis
aufs Letzte, all meine Säfte hast du mir ausgesogen, und immer hast du
noch nicht genug! Wie lange werde ich dich noch ertragen, du schamloser,
du ehrloser Mensch?«
»Marfa Borissowna, Marfa Borissowna! Das ... hier ist Fürst Myschkin.
General Iwolgin und Fürst Myschkin ...« stotterte der zitternde und ganz
kleinlaut gewordene General.
»Werden Sie es mir glauben,« wandte sich die Kapitanscha sogleich an den
Fürsten, »werden Sie es mir glauben, daß dieser schamlose Mensch nicht
einmal meine verwaisten Kinderchen verschont hat? Alles hat er uns
geraubt, alles hat er fortgeschleppt, alles hat er verkauft und
verpfändet, nichts hat er uns gelassen! Was soll ich denn mit deinen
Schuldverschreibungen anfangen, du schlauer, du gerissener Mensch? So
antworte doch wenigstens, du Betrüger, antworte mir doch, du
nimmersatter, gemeiner Mensch! Sag' mir doch, womit soll ich, womit soll
ich jetzt meine verwaisten Kinderchen ernähren? Da kommt er nun
betrunken angetorkelt, kann kaum auf den Beinen stehen ... Womit ich
wohl den Zorn Gottes erregt haben mag, daß er mich so bitter straft! --
So antworte, du schändlicher, du schamloser Mensch, so antworte doch
wenigstens!«
Der General jedoch war nicht gerade aufgelegt zum Antworten, er hatte
anderes im Sinn.
»Hier, Marfa Borissowna, hier sind fünfundzwanzig Rubel ... alles, was
ich dank der Großmut meines Freundes Ihnen geben kann. Fürst! Ich habe
mich grausam geirrt! So ... ist das Leben ... Jetzt aber ... Verzeihung,
ich bin schwach,« fuhr der General, der mitten im Zimmer stand, sich
nach allen Seiten verbeugend, mit schwacher Stimme fort. »Ich ... bin
schwach, verzeiht! Lenotschka! ein Kissen ... Kleine!«
Lenotschka, das achtjährige Töchterchen der Witwe, lief flink nach einem
Kissen, das sie dann auf das harte, zerrissene Wachstuchsofa legte. Der
General setzte sich darauf nieder, mit der Absicht, noch vieles zu
sagen, doch kaum saß er, als sein Haupt auch schon aufs Kissen sank und
er -- einschlief.
Marfa Borissowna sah kummervoll den Fürsten an, deutete zeremoniell auf
einen Stuhl am Tisch, setzte sich selbst ihm gegenüber, stützte das Kinn
in die rechte Hand und begann den Gast, nur ab und zu aufseufzend, stumm
zu betrachten. Ihre drei kleinen Kinder (zwei Mädchen und ein Knabe),
von denen Lenotschka das ältere war, traten auch an den Tisch heran,
legten alle drei die Händchen auf die Tischkante und begannen
gleichfalls alle drei stumm und aufmerksam den Fürsten anzusehen. Da
erschien Koljä in der Tür.
»Koljä! Es freut mich sehr, daß ich Sie hier angetroffen habe,« wandte
sich der Fürst an ihn, »vielleicht können Sie mir helfen. Ich muß
unbedingt heute noch zu Nastassja Filippowna. Ich hatte Ardalion
Alexandrowitsch gebeten, mich hinzuführen, und er wollte mir auch den
Dienst erweisen, aber nun ist er mir, wie Sie sehen, eingeschlafen.
Würden Sie mich hinbegleiten; denn ich kenne hier weder die Straßen,
noch den Weg zu ihr. Zum Glück habe ich durch ihn wenigstens ihre
Adresse erfahren: am Großen Theater, im Hause der Mytowzowa.«
»Nastassja Filippowna? Aber die hat doch nie im Leben dort gewohnt, und
mein Vater ist niemals bei ihr gewesen, wenn Sie's wissen wollen. Mich
wundert nur, daß Sie ihm überhaupt ein Wort geglaubt haben. Nastassja
Filippowna wohnt nicht weit von den >Fünf Ecken<, in der Gegend der
Wladimirskaja, das ist viel näher von hier. Wollen Sie jetzt gleich hin?
Es ist halb zehn. Schön, ich werde Sie hinbegleiten.«
Der Fürst und Koljä machten sich sofort auf den Weg. Der Fürst hatte
kein Geld mehr, um eine Droschke zu bezahlen. So mußten sie zu Fuß
gehen.
»Ich wollte Sie gerade mit Hippolyt bekannt machen,« sagte Koljä, als
sie auf die Straße traten, »das ist der älteste Sohn dieser Kapitanscha
mit den Rattenschwänzen auf dem Kopf. Er wohnt hinten, im anderen
Zimmer. Heute hat er den ganzen Tag gelegen, er fühlte sich bedeutend
schlechter. Er ist aber so sonderbar, ist entsetzlich empfindlich. Ich
glaube, er würde sich vor Ihnen schämen, weil Sie in einem solchen
Augenblick gekommen sind ... Mir ist es doch immerhin weniger peinlich
als ihm; denn bei mir ist es ja nur der Vater, bei ihm aber die Mutter,
das ist doch noch ein Unterschied! Männern geht so etwas nicht gleich an
die Ehre. Doch ist das vielleicht nur ein Vorurteil, das sich aus dem
Vorrecht des männlichen Geschlechts entwickelt haben mag. Hippolyt ist
ein famoser Junge, bloß in manchen Dingen ist er einfach Sklave seiner
Vorurteile.«
»Sie sagten, er sei schwindsüchtig?«
»Ja, wahrscheinlich. Es wäre besser, er stürbe bald. Ich würde an seiner
Stelle unbedingt sterben wollen. Ihm tun aber die kleinen Geschwister
leid, die drei Gören, -- Sie haben sie ja gesehen. Wenn es nur ginge,
wenn wir nur das Geld dazu hätten, würden wir uns eine eigene Wohnung
mieten und uns von unseren Verwandten einfach lossagen. Das ist unser
Ideal! Aber wissen Sie, als ich ihm vorhin von Ihrer Szene erzählte,
wurde er in seiner Reizbarkeit ganz wild und behauptete, daß jeder, der
eine Ohrfeige erhält und seinen Beleidiger nicht fordert, einfach ein
Lump sei. Er war aber in sehr gereizter Stimmung, daher wollte ich auch
weiter nicht mit ihm streiten. Also Nastassja Filippowna hat Sie denn
auch richtig gleich eingeladen zu sich?«
»Das ist es ja, daß sie mich nicht eingeladen hat.«
»Wie? Aber wie können Sie dann zu ihr gehen?« fragte Koljä fast
erschrocken und blieb vor Verwunderung mitten auf dem Trottoir stehen.
»Und ... und in diesem Anzuge? Dort ist doch geladener Besuch!«
»Bei Gott, ich weiß es selbst nicht, wie ich eintreten werde. Werde ich
empfangen -- gut, wenn nicht -- dann nicht: dann ist eben nichts daraus
geworden. Und was den Anzug betrifft -- ja, was ist da zu machen?«
»Ah so, Sie haben wohl einen ernsten Grund, hinzugehen? Oder gehen Sie
nur, _pour passer le temps_{[8]} in >gute Gesellschaft<?«
»Nein, im Grunde ... ja, doch, ich habe ... das läßt sich schwer
erklären, Koljä ...«
»Nun, gleichviel was das für ein Grund ist, das ist Ihre Sache. Ich
meine nur, -- Sie wollen sich doch nicht dieser Gesellschaft aufdrängen,
den Kameliendamen, Generälen und Wucherern ... Wenn das der Fall wäre --
verzeihen Sie, Fürst -- dann müßte ich Sie auslachen und verachten! Hier
gibt es nur sehr wenige Menschen, die ehrenwert sind, wirklich, es gibt
hier keinen, den man achten kann. Da blickt man unwillkürlich auf sie
herab, wenn sie auch alle geachtet sein wollen. Warjä ist die erste,
die's tut. Und ist es Ihnen nicht aufgefallen, Fürst, daß in unserem
Jahrhundert alle Abenteurer sind! Und namentlich noch bei uns in
Rußland, in unserem lieben Vaterlande. Woher das nur alles kommen mag --
wirklich, ich begreife es nicht. Man sollte meinen, daß alles fest stand
-- aber jetzt? Das sagen und schreiben alle Menschen. Bei uns wollen
alle >alles entlarven<! Die Eltern sind die ersten, die sich ihrer
früheren >alten< Moral schämen. In Moskau zum Beispiel hat ein Vater
seinen Sohn gelehrt, vor _nichts_ zurückzuschrecken, wenn es sich um
Gelderwerb handelt -- tatsächlich! Es stand in der Zeitung. Und nehmen
Sie doch zum Beispiel meinen General. Was ist aus ihm geworden? Aber
wissen Sie was, ich glaube, daß mein General ein ehrlicher Mensch ist.
Bei Gott, er ist es. Das ist ja alles nur die Unordnung und der Alkohol.
Bei Gott! Er kann einem sogar leid tun. Ich will es nur nicht jedem
sagen; denn sie würden mich ja alle auslachen. Aber er tut mir wirklich
leid, glauben Sie mir. Und was ist denn schließlich an den anderen dran?
-- an diesen sogenannten Klugen? Alle sind sie Wucherer, alle, vom
ersten bis zum letzten. Hippolyt verteidigt die Wucherer, er sagt, so
müsse es sein, es wäre ökonomische Umwälzung, Ebbe und Flut, oder so
etwas Gutes, hol's der Teufel. Mich ärgert es scheußlich, daß _er_ so
etwas sagt. Aber was, er ist ja doch krank und verbittert. Stellen Sie
sich vor, seine Mutter, die Kapitanscha, erhält von meinem Vater Geld,
und dieses Geld borgt sie ihm dann gegen Wucherzinsen! Ist das nicht
eine Gemeinheit? Aber wissen Sie, Mama, das heißt, meine Mama, Nina
Alexandrowna, hilft Hippolyt mit Geld, Kleidern, Wäsche und was sonst
noch nötig ist, und sogar den drei Kleinen hilft sie, durch Hippolyt;
denn die Kapitanscha vernachlässigt sie ganz und gar. Auch Warjä hilft
ihnen.«
»Nun sehen Sie, Sie sagen, es gäbe keine ehrenwerten und starken
Menschen, alle seien Wucherer. Da haben Sie doch Ihre Mutter und Warjä.
Ist denn das kein Beweis sittlicher Kraft, wenn sie hier unter solchen
Umständen helfen?«
»Warjä tut es nur aus Eigenliebe, bei ihr ist es Prahlerei, sie will der
Mutter nicht nachstehen. Aber Mama allerdings ... ich muß sagen, da hat
man alle Hochachtung. Jawohl, das achte ich an ihr und diese Achtung ist
gerechtfertigt. Selbst Hippolyt fühlt es, aber er ist ja schon ganz
verbittert. Anfangs lachte er darüber und nannte es von seiten meiner
Mutter eine Gemeinheit. Aber jetzt fängt er schon an, zu fühlen, daß ...
Also Sie nennen so etwas Kraft? Das werde ich mir merken. Ganjä weiß
nichts davon, sonst würde er es unnütze Verwöhnung nennen.«
»Ganjä weiß es nicht? Ich glaube, Ganjä weiß noch sehr vieles nicht,«
kam es dem nachdenklichen Fürsten unwillkürlich über die Lippen.
»Wissen Sie Fürst, Sie gefallen mir sehr. Ich kann es noch immer nicht
vergessen, wie Sie sich da vorhin verhielten.«
»Auch Sie gefallen mir sehr, Koljä.«
»Hören Sie, wie beabsichtigen Sie hier zu leben? Ich werde mir
irgendeine Beschäftigung suchen und Geld verdienen -- wollen wir dann
alle drei zusammen, Sie, Hippolyt und ich, eine Wohnung mieten?! -- und
der General kann uns dann besuchen!«
»Mit dem größten Vergnügen. Doch wir werden ja übrigens noch sehen ...
Ich bin sehr ... sehr zerstreut. Was? Wir sind schon da? In diesem
Hause? ... Was für eine prächtige Vorfahrt! Der Schweizer öffnet schon
... Nun, Koljä, ich weiß nicht, was daraus werden wird ...«
Der Fürst stand wie verloren vor der Tür.
»Nun, morgen werden Sie mir alles erzählen! Lassen Sie den Mut nicht
sinken. Gott gebe Ihnen guten Erfolg. Ich bin in allem ganz Ihrer
Meinung. Leben Sie wohl. Ich kehre wieder dorthin zurück und werde
Hippolyt alles erzählen. Daß Sie empfangen werden, ist bombensicher,
eine Abweisung brauchen Sie bestimmt nicht zu fürchten! Sie ist
unglaublich originell. Hier, diese Treppe geht's hinauf, im ersten
Stock, der Schweizer wird Ihnen schon Bescheid sagen.«