Ganjäs Wohnung lag im dritten Stock, zu dem eine äußerst saubere, helle
und breite Treppe hinaufführte. Sie bestand aus sechs oder sieben
größeren und kleineren Zimmern, die, wenn sie sich auch durch nichts
Besonderes auszeichneten, für eine Beamtenfamilie, in der nur ein
einziger verdiente, doch sicherlich zu teuer war, mochte dieser eine
sich auch auf zweitausend Rubel jährlich stehen. Es hatte jedoch einen
besonderen Grund, weshalb Iwolgins vor zwei Monaten in diese große
Wohnung gezogen waren: Ganjäs Mutter und Schwester -- Nina Alexandrowna
und Warwara Ardalionowna -- hatten, um die Einkünfte wenigstens etwas zu
vergrößern, schon vor längerer Zeit beschlossen, einige Zimmer mit Kost
und Bedienung zu vermieten, was ihnen denn auch nach langen Kämpfen von
seiten Ganjäs schließlich erlaubt worden war. Doch trotz seiner
Einwilligung ärgerte sich Ganjä nicht wenig darüber und nannte »diese
ganze Vermieterei« einfach eine »Unanständigkeit«; er glaubte sich jetzt
in der Gesellschaft, in der er bis dahin als junger, hoffnungsvoller
Mann stets mit Selbstbewußtsein und als Gentleman aufgetreten war,
seiner Familie geradezu schämen zu müssen. Jedenfalls hinterließen alle
diese Dämpfer, die ihm das Schicksal zugedacht hatte, und die
Erniedrigungen dieses »engen Lebens« die tiefsten Wunden in seiner
Seele. Seit einiger Zeit konnte er sich über jede Kleinigkeit bis zur
Maßlosigkeit aufregen, und wenn er auch beschlossen hatte, vorläufig
noch nachzugeben und das Vermieten zu dulden, so tat er es doch nur,
weil er sich geschworen hatte, in kürzester Frist diesem ganzen Zustande
ein Ende zu machen und eine neue Ordnung und neue Verhältnisse zu
schaffen. Nur sollte es sich leider bald zeigen, daß das Mittel, das er
zur Ermöglichung einer solchen Veränderung gewählt hatte, an sich noch
viel unangenehmer und schwieriger war, als alles Vorhergegangene.
Die Wohnung wurde durch einen Korridor, der sogleich am Eingang begann,
in zwei Hälften geteilt. Auf der einen Seite des Korridors lagen die
drei Zimmer, die für die »besonders empfohlenen« Mieter bestimmt waren,
und dann noch ein viertes, kleines Zimmerchen neben der Küche, das dem
Familienoberhaupt und verabschiedeten General, Ardalion Alexandrowitsch
Iwolgin, zugewiesen war; er schlief dort auf einem breiten Diwan und
mußte stets durch die Küche und über die Hintertreppe ein- und ausgehen.
In demselben Zimmerchen lebte auch der fünfzehnjährige Bruder Gawrila
Ardalionytschs, der Gymnasiast Koljä: der mußte sich gleichfalls hier
aufhalten, auf einem anderen alten, schmalen und kurzen Diwan schlafen
und vor allen Dingen »nach dem Vater sehen,« was mit jedem Tage
unerläßlicher wurde. Dem Fürsten wurde das mittlere von den drei Zimmern
zugewiesen; im ersten Zimmer rechts wohnte Herr Ferdyschtschenko, und
links das dritte, stand noch leer. Doch Ganjä führte den Fürsten zuerst
in die Familienhälfte der Wohnung. Diese bestand aus einem »Salon«, der
zur Essenszeit in ein Speisezimmer verwandelt wurde, aus einem
»Empfangszimmer«, das aber nur tagsüber »Empfangszimmer« war und am
Abend sich in Ganjäs Arbeits- und Schlafzimmer verwandelte, und dann
noch aus einem kleinen, engen, stets verschlossenen Stübchen, in dem
Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna schliefen. Mit einem Wort,
die ganze Familie hatte sich so eng wie möglich eingerichtet, worüber
Ganjä vor Empörung »innerlich knirschte«. Zwar bemühte er sich stets,
ehrerbietig zu seiner Mutter zu sein, aber nichtsdestoweniger merkte man
es doch sofort, daß er der große Despot in der Familie war.
Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna saßen nicht allein im
Empfangszimmer: sie unterhielten sich, beide mit irgendeiner
Strickarbeit beschäftigt, mit ihrem Gast, Iwan Petrowitsch Ptizyn. Nina
Alexandrowna mochte etwa fünfzig Jahre alt sein; sie hatte ein hageres,
eingefallenes Gesicht und tiefe Schatten unter den Augen. Sie sah
kränklich und vergrämt aus, doch machten ihr Gesicht und ihr Blick einen
recht angenehmen Eindruck. Schon aus den ersten Worten sprach ein
ernster, ehrbarer Charakter. Trotz ihres vergrämten Antlitzes sah man
ihr sogleich ihre Festigkeit und sogar Entschlossenheit an. Gekleidet
war sie sehr bescheiden, dunkel und altjüngferlich; doch ihre
Bewegungen, ihre Sprechweise, ihr ganzes Auftreten verrieten die Dame,
die sich einst in besserer Gesellschaft bewegt hatte.
Warwara Ardalionowna war ein Mädchen von dreiundzwanzig Jahren,
mittelgroß, ziemlich hager und mit einem Gesicht, das nicht gerade sehr
schön war, dafür aber das Geheimnis in sich barg, ohne Schönheit zu
gefallen und bis zur Leidenschaft anzuziehen. Sie war der Mutter sehr
ähnlich, sogar in ihrer Kleidung; denn ihr Sinn stand nicht danach, sich
zu putzen. Ihre grauen Augen konnten mitunter sehr heiter und freundlich
blicken, doch waren sie gewöhnlich ernst und nachdenklich, ja in der
letzten Zeit waren sie es fast allzuoft. Auch aus ihrem Gesicht sprach
Festigkeit und Entschlossenheit, doch fühlte man, daß diese
Entschlossenheit noch energischer sein konnte als die der Mutter.
Warwara Ardalionowna konnte sehr heftig werden, und ihr Bruder schien
diese Heftigkeit fast ein wenig zu fürchten. Dasselbe tat auch der Gast,
der gerade jetzt bei ihnen saß, Iwan Petrowitsch Ptizyn. Es war das ein
noch junger Mann, von annähernd dreißig Jahren, nicht auffallend, doch
gut gekleidet, mit sympathischem, wenn auch vielleicht ein wenig gar zu
ehrbarem Wesen. Sein kurzgeschnittener, dunkelblonder Bart kennzeichnete
ihn als einen, der nicht im Staatsdienst stand. Er konnte sich sehr
verständig und angenehm unterhalten, war aber sonst nicht gesprächig und
zog es gewöhnlich vor, ganz zu schweigen. Der allgemeine Eindruck, den
er machte, war ein angenehmer. Warwara Ardalionowna war ihm offenbar
nicht gleichgültig, was er übrigens auch gar nicht zu verbergen suchte.
Warwara Ardalionowna dagegen verhielt sich zwar freundschaftlich zu ihm,
zögerte aber immer noch mit der Antwort auf eine Frage, von der sie ihn
eigentlich auch nur ungern sprechen hörte, was Ptizyn jedoch durchaus
nicht entmutigte. Nina Alexandrowna war freundlich gegen ihn, und in der
letzten Zeit hatte sie sogar großes Zutrauen zu ihm gefaßt. Übrigens war
es allen bekannt, wie er sich sein Geld verdiente, -- daß er gegen mehr
oder weniger sichere Garantien Geld zu hohen Prozenten lieh. Mit Ganjä
stand er sich sehr gut.
Als der Fürst und Gawrila Ardalionytsch eintraten, grüßte dieser nur
seine Mutter in sehr trockenem Tone, übersah die Schwester vollkommen,
und nachdem er den Fürsten vorgestellt hatte, wandte er sich sofort an
Ptizyn, mit dem er gleich darauf das Zimmer verließ. Nina Alexandrowna
sagte dem Fürsten ein paar freundliche Worte und befahl Koljä, dessen
Kopf sich gerade durch die Türspalte schob, den Fürsten ins mittlere
Zimmer zu führen. Koljä war ein munterer Knabe mit einem netten Gesicht
und zutraulichem, offenherzigem Benehmen.
»Wo ist denn Ihr Gepäck?« fragte er, als er den Fürsten in dessen Zimmer
geführt hatte.
»Ich habe ein Bündel; es ist im Vorzimmer geblieben.«
»Ich werde es sofort herschaffen. Wir haben an Dienstboten nur die
Köchin und Matrjona, so daß auch ich helfe. Warjä[7] sieht nur nach
allem nach und ärgert sich. Ganjä sagt, Sie seien soeben aus der Schweiz
zurückgekehrt?«
»Ja.«
»Ist es schön in der Schweiz?«
»Sehr schön.«
»Alles Berge?«
»Ja.«
»Ich werde Ihnen sofort Ihre Bündel herbringen.«
Warwara Ardalionowna trat ins Zimmer.
»Matrjona wird Ihnen sogleich das Bett überziehen. Haben Sie einen
Koffer?«
»Nein, nur ein Bündel. Ihr Bruder wollte es herbringen; es ist im
Vorzimmer.«
»Dort ist überhaupt kein Bündel, außer diesem Bündelchen hier; wohin
haben Sie es denn gelegt?« fragte Koljä, der wieder zurückgekommen war.
»Ja, das ist auch alles, was ich habe,« sagte der Fürst und nahm sein
Bündel in Empfang.
»A--a!« Koljä sperrte etwas erstaunt den Mund auf. »Und ich dachte
schon, ob nicht Ferdyschtschenko es bereits expediert hat.«
»Schwatz nicht so dummes Zeug,« verwies ihn Warjä streng, die auch mit
dem Fürsten zwar nicht gerade unhöflich, doch sehr trocken sprach.
»Chére Bebette, mit mir kann man auch etwas zärtlicher umgehen, ich bin
ja doch nicht Ptizyn.«
»Dich kann man noch durchhauen, Koljä, so dumm bist du trotz deiner
fünfzehn Jahre. Wenn Sie sonst etwas brauchen, können Sie sich an
Matrjona wenden. Um halb fünf speisen wir. Sie können gemeinschaftlich
mit uns oder auch in Ihrem Zimmer essen, ganz wie Sie wünschen. Gehen
wir, Koljä, du sollst nicht stören.«
»Gehen wir, Charaktermensch!«
In der Tür stießen sie auf Ganjä.
»Ist der Vater zu Hause?« fragte er Koljä, und als dieser bejahte,
flüsterte er ihm etwas zu.
Koljä nickte mit dem Kopf und folgte der Schwester.
»Nur auf ein Wort, Fürst -- ich habe es über diesen ... diesen
Scherereien zu sagen vergessen. Ich will Sie um etwas bitten: seien Sie
so gütig und sprechen Sie, wenn es Ihnen nicht gar so schwerfällt, weder
hier davon, was ich mit Aglaja gehabt habe, noch dort davon, was Sie
hier erleben; denn auch hier gibt es genug des Widerwärtigen. Zum
Teufel, übrigens ... Versuchen Sie wenigstens, sich heute zu bezwingen.«
»Ich versichere Sie, daß ich weit weniger gesagt habe, als Sie
vermuten,« sagte der Fürst einigermaßen gereizt.
Ihre Stellung zueinander wurde ersichtlich immer feindseliger.
»Nun, ich habe heute schon genug durch Sie auszuhalten gehabt. Also mit
einem Wort, ich bitte Sie darum.«
»Gestatten Sie mir die Frage, Gawrila Ardalionytsch, inwiefern ich denn
vorhin gebunden war, und weshalb ich mit keinem Wort der Photographie
hätte Erwähnung tun dürfen? Sie hatten mich doch weder darum gebeten,
noch mich in die Verhältnisse eingeweiht.«
»Pfui, was das für ein scheußliches Zimmer hier ist,« lenkte Ganjä von
diesem Gespräch ab, indem er sich mit angewiderter Miene im Zimmer
umsah, »dunkel und die Fenster gehen auf den Hof. Sie sind in jeder
Beziehung zur Unzeit zu uns gekommen ... Nun, aber das ist nicht mehr
meine Sache, nicht ich vermiete hier Zimmer.«
Ptizyn blickte zur Tür herein und rief Ganjä. Dieser verließ eilig den
Fürsten und ging hinaus, obwohl er augenscheinlich noch etwas sagen
wollte, doch schien er in der Verlegenheit nicht das richtige Wort
finden zu können. Auch das Zimmer hatte er offenbar nur aus Verlegenheit
kritisiert.
Der Fürst hatte sich kaum gewaschen und mit einiger Sorgfalt
umgekleidet, als die Tür sich wieder öffnete und eine neue Gestalt
erschien.
Es war das ein Herr von etwa dreißig Jahren, groß von Wuchs,
breitschultrig und mit einem äußerst großen Kopf, der durch das
rotblonde krause Haar noch größer erschien, als er an sich schon war.
Sein Gesicht war fleischig und rosig, die Lippen dick, die Nase breit
und platt und die kleinen Augen unter den dicken Lidern schienen
fortwährend spöttisch zu blinzeln. Der Gesamteindruck war der eines
ziemlich unverschämten Menschen. Seine Kleider ließen an Sauberkeit zu
wünschen übrig.
Die Tür öffnete er anfangs nur so weit, daß er knapp den Kopf
durchschieben konnte. Hierauf betrachtete der durchgeschobene Kopf das
Zimmer etwa fünf Sekunden lang in unveränderter Stellung. Dann erst
begann sich die Tür allmählich so weit aufzuschieben, daß man auch die
Gestalt auf der Schwelle erblickte, doch trat der Herr immer noch nicht
herein, sondern begann, von der Schwelle aus, blinzelnd den Fürsten zu
betrachten. Endlich entschloß er sich zum ersten Schritt, schloß die
Tür, trat näher, setzte sich auf einen Stuhl, faßte den Fürsten mit
kräftigem Griff bei der Hand und drückte ihn schräg gegenüber auf das
Sofa nieder.
»Ferdyschtschenko,« stellte er sich vor und blickte aufmerksam und
fragend dem Fürsten ins Gesicht.
»Nun, und?« fragte der Fürst, der kaum noch ernst blieb.
»'n Mieter,« antwortete Ferdyschtschenko, mit dem Daumen über die Achsel
nach rückwärts weisend, und blickte den Fürsten unverändert mit
demselben Ausdruck an.
»Sie wollen sich wohl mit mir bekannt machen?«
»O--oh!« war die Antwort des Gastes, worauf er die Stirn in Längsfalten
legte, während das Haar dabei gleichsam zu Berge stieg und er selbst in
die entgegengesetzte Zimmerecke zu schauen begann. »Haben Sie Geld?«
fragte er plötzlich, sich wieder dem Fürsten zuwendend.
»Nicht viel.«
»Wieviel denn auf den Knopf?«
»Fünfundzwanzig Rubel.«
»Zeigen Sie mal.«
Der Fürst entnahm seiner Westentasche den Fünfundzwanzigrubelschein, den
ihm der General Jepantschin gegeben hatte, und reichte ihn
Ferdyschtschenko. Dieser faltete die Note auseinander, betrachtete sie
zuerst von der einen, dann von der anderen Seite, drehte sie nochmals um
und hielt sie dann gegen das Licht.
»Sonderbar,« meinte er nachdenklich, »weshalb mögen sie nur so braun
werden? Diese Fünfundzwanziger werden mitunter verteufelt braun, andere
aber bleichen wiederum völlig aus. Nehmen Sie.«
Der Fürst nahm sein Geld zurück. Ferdyschtschenko erhob sich vom Stuhl.
»Ich bin gekommen, um Sie zu warnen: erstens, mir niemals Geld zu
pumpen; denn ich werde Sie unfehlbar darum bitten.«
»Gut.«
»Haben Sie die Absicht, hier zu bezahlen?«
»Gewiß.«
»Ich nicht. Danke. Ich wohne hier rechts von Ihnen, die erste Tür -- Sie
wissen? Bemühen Sie sich, mich nicht allzuoft zu besuchen. Ich werde
schon zu Ihnen kommen, seien Sie unbesorgt. Den General haben Sie schon
gesehen?«
»Nein.«
»Und auch nicht gehört?«
»Nein.«
»Na, dann werden Sie ihn noch sehen und hören; der will ja sogar mich
anpumpen! _Avis au lecteur._{[3]} Leben Sie wohl. Kann man denn leben
mit dem Namen: Ferdyschtschenko? Hm?«
»Weshalb nicht?«
»Adieu.«
Und er ging zur Tür. Wie der Fürst später erfuhr, hatte es sich dieser
Herr gewissermaßen zur Pflicht gemacht, einen jeden durch Originalität
und Heiterkeit in Erstaunen zu setzen, doch wollte ihm das nie so recht
gelingen. Auf manche Leute machte er sogar einen direkt unangenehmen
Eindruck, was ihm selbst aufrichtigen Kummer bereitete. Trotzdem konnte
er es nicht über sein Herz bringen, auf den einmal erwählten Lebensberuf
zu verzichten. In der Tür hatte er Gelegenheit, den Eindruck, den er auf
den Fürsten gemacht hatte, seiner Meinung nach noch zu verbessern: im
Begriff hinauszugehen, stieß er nämlich mit einem älteren Herrn
zusammen, der gerade eintreten wollte; er trat vor diesem neuen, dem
Fürsten gleichfalls unbekannten Gast zur Seite, und nachdem jener an ihm
vorübergegangen war, machte er hinter seinem Rücken verschiedene
warnende Zeichen, worauf er sich mit einem gewissen Siegesbewußtsein
schneidig entfernte.
Der neue Gast war groß von Wuchs, etwa fünfundfünfzig Jahre alt oder
noch älter, ziemlich wohlbeleibt, mit einem leuchtendroten, fleischigen,
aufgedunsenen Gesicht, das von einem dichten grauen Backenbart umrahmt
wurde, mit einem Schnurrbart und großen, hervortretenden Augen. Die
Erscheinung wäre ziemlich imposant gewesen, wenn ihr nicht etwas
Heruntergekommenes, Schäbiges, geradezu Schmieriges angehaftet hätte. Er
trug einen alten Überrock, dessen Ellenbogen fast durchgerieben waren,
und auch die Wäsche war nicht gerade sauber. In seiner Nähe roch es ein
wenig nach Branntwein. Nichtsdestoweniger war sein Auftreten sehr
effektvoll, ein wenig einstudiert vielleicht und augenscheinlich von dem
Wunsch beseelt, unter allen Umständen Eindruck zu machen. Der Herr
näherte sich dem Fürsten mit freundlichem Lächeln, doch ohne sich zu
beeilen, ergriff schweigend seine Hand, und indem er sie in der seinen
behielt, blickte er ihm eine Zeitlang ins Gesicht, als wolle er bekannte
Züge wiedererkennen.
»Er! Er!« sagte er dann leise und feierlich. »Wie leibhaftig! Ich höre
einen mir so bekannten und teuren Namen nennen und muß an die
unwiederbringliche Vergangenheit denken ... Fürst Myschkin?«
»Ja.«
»General Iwolgin, verabschiedet und unglücklich. Ihr Rufname und
Patronym, wenn ich fragen darf?«
»Lew Nikolajewitsch.«
»Ja, ja, ganz recht! Der Sohn meines Freundes und, ich kann wohl sagen,
Spielkameraden, Nikolai Petrowitsch!«
»Mein Vater hieß Nikolai Lwowitsch.«
»Lwowitsch,« verbesserte sich der General, ohne sich zu beeilen, eben
mit der vollkommenen Ruhe eines Menschen, der den Namen nicht im
geringsten vergessen, sondern sich nur zufällig versprochen hat. Er
setzte sich, und den Fürsten bei der Hand erfassend, zog er ihn neben
sich auf das Sofa. »Ich habe Sie auf den Armen getragen.«
»Wirklich?« fragte der Fürst überrascht. »Mein Vater ist schon vor
zwanzig Jahren gestorben.«
»Ja; vor zwanzig Jahren; vor zwanzig Jahren und drei Monaten. Wir haben
zusammen die Schule besucht; ich kam dann zum Militär ...«
»Auch mein Vater war Offizier -- Sekondeleutnant beim Wassilkoffskischen
Regiment.«
»Beim Bjelomirskischen. Die Nachricht von seiner Versetzung ins
Bjelomirskische traf kurz vor seinem Tode ein. Ich war zugegen und
drückte ihm die Augen zu. Ihre Mutter ...«
Der General hielt inne, wie um seine Ergriffenheit zu überwinden.
»Ja, auch sie starb nach einem halben Jahr an einer Erkältung,« sagte
der Fürst.
»Nicht an einer Erkältung! Nicht an einer Erkältung, glauben Sie einem
alten Mann. Ich war zugegen, ich habe auch sie beerdigt. Sie starb aus
Kummer um ihren verlorenen Gatten, nicht aber an einer Erkältung. Ja,
unvergeßlich ist mir diese Fürstin! O Jugend! Ihretwegen wurden wir
beide, der Fürst und ich, wir zwei Jugendfreunde, fast zu gegenseitigen
Mördern.«
Der Fürst begann, etwas mißtrauischer zuzuhören.
»Ich hatte mich sterblich in Ihre Mutter verliebt, als sie noch Braut
war -- die Braut meines Freundes. Er aber merkte es! Kommt zu mir,
frühmorgens um sieben Uhr, weckt mich. Ich -- kleide mich ganz
verwundert an ... Schweigen beiderseits. Ich begriff alles. Er nimmt aus
der Tasche zwei Pistolen. Amerikanisches Duell, versteht sich. Ohne
Zeugen. Wozu Zeugen, wenn wir uns nach fünf Minuten beide in die
Ewigkeit befördern? Wir luden, breiteten das Taschentuch aus, nahmen
jeder seine Stellung ein, setzten die Pistolenmündung einander auf die
Brust und schauten uns an. Plötzlich bricht ein Strom von Tränen aus
unseren Augen, die Hände sinken herab -- bei beiden, bei beiden
gleichzeitig! Nun, dann natürlich Umarmungen, und jeder kämpft mit
seiner Großmut. Der Fürst sagt: >Nimm du sie!< Mit einem Wort ... mit
einem Wort ... Sie wollen bei uns wohnen ... wirklich wohnen?«
»Ja, eine Zeitlang ... vielleicht,« sagte der Fürst, gleichsam etwas
stockend.
»Fürst, Mama läßt Sie zu sich bitten,« rief plötzlich Koljä, der in der
Tür erschien.
Der Fürst erhob sich, doch der General legte ihm seine Rechte auf die
Schulter und drückte ihn wieder aufs Sofa.
»Als aufrichtiger und treuer Freund Ihres Vaters will ich Sie warnen,«
sagte der General. »Ich selbst bin, wie Sie sehen, durch eine tragische
Katastrophe ins Unglück geraten. Doch ohne vor die Schranken, ohne vor
die Schranken gekommen zu sein! Nina Alexandrowna ist eine seltene Frau!
Warwara Ardalionowna, meine Tochter, ist ein seltenes Mädchen! Die
Verhältnisse zwingen uns, Zimmer zu vermieten -- eine unerhörte
Erniedrigung! ... Und das mir, dem es bevorstand, Generalgouverneur zu
werden! ... Doch Sie sind uns zu jeder Zeit willkommen. Aber jetzt,
gerade jetzt spielt sich in meinem Hause eine Tragödie ab!«
Der Fürst blickte ihn fragend und interessiert an.
»Ein Ehe soll geschlossen werden, eine seltsame Ehe! Ein zweideutiges
Frauenzimmer soll einen jungen Mann heiraten, der, wenn er wollte,
Kammerjunker sein könnte. Und dieses Frauenzimmer soll in mein Haus
eingeführt werden, in dem meine Frau und meine Tochter leben! Doch so
lange, wie ich noch lebe, wird ihr Fuß nicht mein Haus betreten! Ich
werde mich auf die Schwelle hinwerfen, mag sie dann über mich
hinwegtreten! ... Mit Ganjä spreche ich jetzt fast überhaupt nicht mehr,
vermeide es sogar, ihm zu begegnen. Ich warne Sie absichtlich. Wenn Sie
bei uns leben werden, werden Sie ja ohnehin Zeuge sein ... Aber Sie sind
der Sohn meines Freundes, und ich kann doch wohl hoffen ...«
»Verzeihung, Fürst. Bitte, seien Sie so freundlich und kommen Sie auf
einen Augenblick zu mir ins Empfangszimmer,« unterbrach ihn Nina
Alexandrowna, die diesmal selbst gekommen war, um den Fürsten zu sich zu
rufen.
»Denke dir nur, mein Schatz,« rief ihr der General sofort zu, »es stellt
sich heraus, daß ich den Fürsten als kleines Kind auf meinen Armen
gewiegt habe!«
Nina Alexandrowna warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und sah dann
forschend den Fürsten an, sagte aber kein Wort. Der Fürst folgte ihr.
Doch kaum waren sie im anderen Zimmer angelangt, kaum hatte Nina
Alexandrowna halblaut etwas offenbar Peinliches mitzuteilen begonnen,
als auch der General plötzlich wieder in der Tür erschien. Seine Frau
verstummte sofort und beugte sich ersichtlich ärgerlich über ihre
Strickarbeit. Der General bemerkte ihren Ärger sehr wohl, ließ sich aber
dadurch nicht im geringsten seine gute Laune nehmen.
»Der Sohn meines Freundes!« rief er begeistert aus, sich an Nina
Alexandrowna wendend. »Und so unerwartet! Wie hätte ich das noch gestern
erhoffen können! Aber, mein Schatz, entsinnst du dich denn wirklich
nicht mehr des seligen Nikolai Lwowitsch? Du trafst ihn doch noch ... in
Twerj?«
»Nein, ich entsinne mich Nikolai Lwowitschs nicht. Ist das Ihr Vater?«
fragte sie den Fürsten.
»Ja, aber er starb, glaube ich, nicht in Twerj, sondern in
Jelissawetgrad,« bemerkte der Fürst etwas verlegen. »Ich habe es von
Pawlischtscheff gehört ...«
»In Twerj starb er,« behauptete der General. »Kurz vor seinem Tode wurde
er nach Twerj versetzt, vor dem Ausbruch der Krankheit. Sie waren damals
viel zu klein, um sich jetzt noch der Versetzung oder der Reise
entsinnen zu können, und Pawlischtscheff kann sich geirrt haben -- er
war ja doch auch nicht mehr als ein Mensch, wenn er auch sonst ein
seltener Mensch war.«
»Sie kannten auch Pawlischtscheff?«
»Ein seltener Mensch war er, aber ich war ja doch Augenzeuge, ich habe
ihm die Augen zugedrückt ...«
»Aber mein Vater starb doch, soviel ich weiß, als
Untersuchungsgefangener,« bemerkte wieder der Fürst, »obwohl ich niemals
habe erfahren können, welches Vergehens er eigentlich beschuldigt worden
ist. Er starb im Hospital.«
»Oh, das war doch die Geschichte mit dem Soldaten Kolpakoff -- der Fürst
wäre ganz zweifellos freigesprochen worden!«
»Ja? Sie wissen es genau?« fragte der Fürst lebhaft interessiert.
»Das fehlte noch, daß ich's nicht wüßte!« rief der General fast
entrüstet aus. »Das Kriegsgericht löste sich auf, ohne auch nur das
geringste Urteil zu fällen. Ein ganz unmöglicher Fall! Man kann sogar
sagen -- geradezu mysteriös! Eines Tages stirbt der Hauptmann Larionoff,
unser Kompagniechef; dem Fürsten werden zeitweilig die Pflichten
desselben übertragen; schön. Der gemeine Soldat Kolpakoff begeht darauf
einen Diebstahl -- er stiehlt einem Kameraden die Stiefel und vertrinkt
sie; schön. Der Fürst -- und vergessen Sie nicht, es geschah in
Gegenwart des Feldwebels und Korporals -- wäscht dem Kolpakoff tüchtig
den Kopf und droht ihm mit Prügelstrafe. Sehr schön. Kolpakoff geht in
die Kaserne, legt sich auf die Pritsche und nach einer Viertelstunde ist
er tot. Vortrefflich. Aber wie dem auch sein mag, jedenfalls bleibt die
Sache unerklärlich, geradezu unmöglich. Nun gut, Kolpakoff wird
beerdigt; der Fürst rapportiert und Kolpakoff wird aus den Listen
gestrichen. Die Sache ist erledigt, nicht wahr? Was kann man noch
verlangen? Doch siehe da, genau nach einem halben Jahre steht bei einer
Brigadebesichtigung der Soldat Kolpakoff, als wäre er nie gestorben, in
der dritten Rotte des zweiten Bataillons des Nowosemljanskischen
Infanterie-Regiments, in derselben Brigade und derselben Division!«
»Was!« Der Fürst fiel natürlich aus den Wolken.
»Es verhält sich nicht so, das ist ein Irrtum!« wandte sich plötzlich
Nina Alexandrowna an den Fürsten, und ihr Blick bat ihn um Verzeihung.
»_Mon mari se trompe_,«{[4]} fügte sie leise hinzu.
»Aber, mein Schatz, _se trompe_,{[5]} das ist leicht gesagt, aber
urteile du über diesen Fall! Alles war natürlich baff! Ich hätte ja gern
als erster gesagt, _qu'oun se trompe_!{[6]} Zum Unglück aber war ich
Augenzeuge und selbst ein Mitglied der Untersuchungskommission.
Sämtliche Konfrontationen ergaben immer nur das eine: daß es derselbe,
vollkommen derselbe Kolpakoff war, den man vor einem halben Jahr unter
Trommelwirbel begraben hatte. Der Fall war wirklich eine Seltenheit,
etwas fast Unmögliches, das gebe ich vollkommen zu, aber ...«
»Papa, das Essen für Sie ist schon aufgetragen,« meldete Warwara
Ardalionowna, ins Zimmer tretend.
»Ah, schön, schön! Ich habe auch schon Hunger ... Aber der Fall war, man
kann wohl sagen, sogar psy--cho--logisch ...«
»Die Suppe wird wieder kalt werden!« sagte Warjä ungeduldig.
»Ich geh' ja schon,« murmelte der General, der sich bereits gehorsam auf
den Weg zu seiner Suppe machte, -- »... doch trotz aller
Untersuchungen,« hörte man noch vom Korridor her.
»Sie werden Ardalion Alexandrowitsch vieles nachsehen müssen, wenn Sie
bei uns bleiben,« sagte Nina Alexandrowna zum Fürsten. »Übrigens wird er
Sie nicht gar zu oft belästigen. Er speist auch allein. Sie werden
zugeben, daß ein jeder seine Mängel hat und seine ... besonderen
Eigenschaften, der kleinen vielleicht noch mehr als der großen, auf die
man gewöhnlich mit Fingern zeigt. Nur um eines wollte ich Sie sehr
bitten: falls mein Mann sich einmal wegen des Kostgeldes an Sie wenden
sollte, so sagen Sie, daß Sie es mir bereits bezahlt hätten.
Selbstverständlich wird Ihnen auch das, was Sie eventuell Ardalion
Alexandrowitsch geben, als Bezahlung der Pension angerechnet werden, ich
bitte Sie aber nur um der Ordnung willen ... Was ist das, Warjä?«
Warwara Ardalionowna, die den Vater hinausgeleitet hatte, war wieder
zurückgekehrt und reichte der Mutter Nastassja Filippownas Photographie.
Nina Alexandrowna zuckte zusammen und starrte, anfangs erschrocken, dann
jedoch mit einem erdrückend bitteren Ausdruck auf das Bild der schönen
Frau. Endlich blickte sie auf und sah fragend ihre Tochter an.
»Sie hat es ihm heute selbst geschenkt,« sagte Warjä, »und am Abend wird
sich alles entscheiden.«
»Heute abend!?« stieß Nina Alexandrowna wie in hoffnungsloser
Verzweiflung leise hervor. »Nun, dann kann hierüber kein Zweifel mehr
bestehen, dann lohnt es sich auch gar nicht mehr, noch zu hoffen: mit
dem Geschenk des Bildes hat sie alles gesagt ... Hat er es dir selbst
gezeigt?« fragte sie gleich darauf ganz verwundert.
»Sie wissen doch, daß wir schon über einen Monat kein Wort miteinander
sprechen. Ptizyn hat mir alles erzählt, das Bild aber lag dort neben dem
Tisch auf dem Fußboden. Ich hob es auf.«
»Ich wollte Sie fragen, Fürst,« wandte sich Nina Alexandrowna an ihn,
»deshalb bat ich Sie auch her -- ob Sie meinen Sohn schon lange kennen?
Er sagte, wenn ich mich nicht irre, daß Sie heute erst irgendwoher
angekommen seien.«
Der Fürst gab ihr in kurzen Worten die nötigen Erklärungen. Mutter und
Tochter hörten ihn ruhig an.
»Glauben Sie nicht, daß ich Sie über Gawrila Ardalionytsch ausforschen
will, wenn ich Sie einiges frage,« sagte Nina Alexandrowna. »O nein, das
müssen Sie nicht von mir denken. Wenn es etwas gibt, was er mir nicht
selbst sagen kann, so will ich sicher nicht hinter seinem Rücken danach
forschen. Ich meine nur ... Ganjä sagte vorhin auf meine Frage, als Sie
hinausgegangen waren: >Er weiß alles, vor ihm braucht man sich nicht zu
genieren!< Was hat das nun zu bedeuten? Ich meine nur ... ich möchte
gern wissen, inwiefern ...«
Ganjä und Ptizyn traten ins Zimmer. Nina Alexandrowna verstummte. Der
Fürst blieb ruhig auf seinem Platz neben ihr sitzen, Warjä jedoch trat
zur Seite. Nastassja Filippownas Bild lag, allen sichtbar, auf ihrem
Nähtischchen. Ganjä bemerkte es sogleich, runzelte die Stirn, nahm es,
ohne zu fragen, fort und warf es ärgerlich auf seinen Schreibtisch, der
am anderen Ende des Zimmers stand.
»Was heute, Ganjä?« fragte plötzlich Nina Alexandrowna.
»Was heute?« fuhr Ganjä auf und zornig wandte er sich an den Fürsten.
»Ah, ich verstehe, auch hier haben Sie! ... Ja, zum Teufel, ist das bei
Ihnen eine _Krank--heit_ oder was sonst für eine Manie? Können Sie denn
wirklich nicht den Mund halten? So begreifen Sie doch wenigstens
endlich, Fürst ...«
»Hier bin diesmal ich der Schuldige, Ganjä, und kein anderer,«
unterbrach ihn Ptizyn.
Ganjä sah ihn fragend an.
»Es ist schon besser so, Ganjä,« fuhr Ptizyn fort, »um so mehr als es
doch schon beschlossene Sache ist,« brummte er halblaut, trat zur Seite,
setzte sich am Tisch nieder und zog aus seiner Tasche ein mit Bleistift
beschriebenes Blatt Papier hervor, das er aufmerksam zu studieren
begann.
Ganjä blieb finster stehen und erwartete unruhig eine Familienszene.
Sich beim Fürsten zu entschuldigen, fiel ihm gar nicht ein.
»Wenn alles beschlossen ist, so hat Iwan Petrowitsch natürlich recht,«
pflichtete Nina Alexandrowna Ptizyn bei. »Sei, bitte, nicht so böse und
rege dich nicht auf, Ganjä, ich werde dich nicht danach fragen, wenn du
es nicht selbst erzählen willst, und ich versichere dir, daß ich mich
vollkommen ergeben habe. Also sei so gut und rege dich nicht mehr auf.«
Sie sagte es, ohne von der Arbeit aufzublicken, und war auch allem
Anschein nach tatsächlich ruhig. Ganjä war etwas erstaunt, schwieg
jedoch vorsichtshalber und wartete, was sie weiter sagen würde. Diese
Familienszenen kamen seinen Nerven etwas teuer zu stehen. Nina
Alexandrowna bemerkte diese Vorsicht, und so fügte sie mit bitterem
Lächeln hinzu:
»Du zweifelst wohl immer noch und glaubst mir nicht. Ich versichere dir,
es wird weder Tränen noch Bitten geben wie früher, wenigstens nicht
meinerseits. Alles, was ich wünsche, ist ja nur, dich glücklich zu
sehen; das weißt du doch. Ich habe mich dem Schicksal ergeben. Mein Herz
wird immer bei dir sein, gleichviel ob wir beisammenbleiben oder
auseinandergehn. Selbstverständlich rede ich nur von mir, und du kannst
nicht verlangen, daß auch deine Schwester ...«
»Ah, versteht sich! Wieder die Schwester!« rief Ganjä spöttisch aus, mit
haßerfülltem Blick auf Warjä. »Mama! Ich schwöre Ihnen nochmals, worauf
ich Ihnen schon mein Wort gegeben habe: solange ich hier bin, solange
ich lebe, wird niemand Ihnen seine Achtung versagen dürfen. Gleichviel,
wer es sei: wer über unsere Schwelle hereintritt, ist Ihnen die größte
Ehrerbietung schuldig ...«
Ganjä war so erfreut, daß er fast zärtlich auf seine Mutter blickte.
»Für mich habe ich auch niemals etwas gefürchtet, Ganjä, ich habe mich
nicht meinetwegen beunruhigt und gequält, das weißt du. Heute, sagt man,
werde sich alles entscheiden -- was wird sich denn entscheiden?«
»Sie hat versprochen, heute abend zu erklären, ob sie einverstanden ist
oder nicht,« antwortete Ganjä.
»Wir haben beinahe drei Wochen jedes Wort über diese Angelegenheit
vermieden, und das war auch das Beste, was wir tun konnten. Jetzt, wo
nichts mehr zu ändern ist, erlaube ich mir nur eines -- dich zu fragen:
wie hat sie denn deinen Antrag annehmen und dir sogar ihr Bild schenken
können, wenn du sie doch nicht liebst? Hast du denn wirklich eine so ...
eine so ...«
»Nun, eine so erfahrene, wie?«
»Ich wollte mich nicht so ausdrücken. Hast du ihr denn wirklich in
solchem Maße ... Sand in die Augen zu streuen vermocht?«
Eine ungewöhnliche Gereiztheit klang plötzlich aus dieser Frage. Ganjä
stand, dachte eine Weile nach und sagte dann mit unverhohlenem Spott:
»Sie haben sich hinreißen lassen, Mama, haben sich doch nicht bemeistern
können. So haben ja alle diese Gespräche bei uns begonnen. Sie sagten,
es würde weder Fragen noch Vorwürfe geben, und da haben wir nun beides!
Wozu von neuem anfangen? Lassen wir es doch lieber, es ist wirklich
besser. Wenigstens haben Sie die Absicht gehabt ... Ich werde meine
Eltern und Geschwister niemals verlassen, unter keinen Umständen; ein
anderer würde von einer solchen Schwester zum mindesten fortlaufen, --
seht doch, wie sie mich fixiert! Doch beenden wir dieses Gespräch! Ich
hatte mich schon so gefreut ... Woher wissen Sie denn, daß ich Nastassja
Filippowna betrüge? Und was Warjä betrifft, so -- nun, wie sie selbst
will. Doch genug! ... Aber jetzt wirklich einmal Schluß damit!«
Ganjä wurde mit jedem Wort erregter und wanderte ziellos im Zimmer
umher. Diese Gespräche waren der wunde Punkt der Familie.
»Ich habe gesagt, sobald sie hier eintritt, gehe ich von hier fort, und
ich werde mein Wort halten,« sagte Warjä.
»Aus Eigensinn! Natürlich!« rief Ganjä wütend aus. »Aus Eigensinn will
sie ja auch nicht heiraten! Was zuckst du mit der Schulter? Mir ist es
wahrhaftig ganz egal, was Sie zu tun gedenken, gnädigste Warwara
Ardalionowna! Ist es gefällig, dann -- bitte: führen Sie Ihre Absicht
ohne Aufschub aus. Weiß Gott, ich hab' Sie mehr als satt. Wie! Sie
entschließen sich also endlich doch, uns allein zu lassen, Fürst?«
wandte er sich an diesen, als er bemerkte, daß der Fürst sich erhob.
Ganjäs Stimme verriet bereits jenen Grad von Gereiztheit, in dem der
Mensch sich fast über dieselbe freut und sich rückhaltlos und womöglich
mit wachsender Freude von ihr hinreißen läßt, gleichviel wohin sie ihn
führen kann. Der Fürst wandte sich in der Tür zurück, um etwas zu
entgegnen, doch als er an dem krankhaft verzerrten Gesicht seines
Beleidigers sah, daß nur noch ein Tropfen zum Überfließen fehlte, trat
er schweigend aus dem Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Kaum war er
ein paar Schritte gegangen, als die Stimmen im Empfangszimmer noch
bedeutend lauter und heftiger wurden.
Er ging durch den sogenannten »Salon« -- richtiger die »gute Stube« --
ins Vorzimmer, um von dort durch den Korridor in sein Zimmer zu
gelangen, doch im Vorübergehen an der Eingangstür bemerkte er, daß
draußen auf dem Treppenflur sich jemand vergeblich bemühte, die Klingel
zu ziehen. Am Klingelzuge mußte aber irgend etwas nicht ganz in Ordnung
sein, denn die Glocke zitterte nur, doch ein Ton war nicht zu hören. Der
Fürst trat näher, schloß auf, öffnete die Tür und -- trat
zusammenzuckend erschrocken einen Schritt zurück: vor ihm stand
Nastassja Filippowna. Er erkannte sie sofort. Ihre Augen blitzten vor
Unwillen. Sie trat schnell ins Vorzimmer, wobei sie ihn mit der Schulter
berührte, da er ihr im Wege stand und sagte zornig, indem sie den Pelz
abwarf:
»Wenn ein Diener zu faul ist, den Klingelzug in Ordnung zu bringen, so
sollte er doch wenigstens im Flur sitzen, damit man nicht stundenlang
vergeblich zu klopfen braucht. Da hat er noch den Pelz fallen lassen,
Tölpel!«
Der Pelz lag tatsächlich auf dem Fußboden. Nastassja Filippowna hatte,
an Bedienung gewöhnt, den Pelz einfach abgeworfen, ohne sich umzusehen
oder zu warten, bis der Fürst ihn ihr abgenommen hätte. Dieser aber
versäumte es, ihn aufzufangen.
»Dich müßte man wahrlich entlassen. Geh, melde mich.«
Der Fürst wollte zwar etwas sagen, war jedoch so verwirrt, daß er nichts
hervorbrachte und mit dem Pelz, den er aufgehoben hatte, in das
Empfangszimmer gehn wollte.
»Da! -- er geht mitsamt dem Pelz! Wozu nimmst du denn den Pelz mit!
Hahaha! Oder bist du total verrückt?«
Der Fürst kehrte zurück und starrte sie wie ein Götzenbild an. Erst nach
ihrem Lachen kam etwas Leben in sein Gesicht: er lächelte, doch die
Zunge konnte er immer noch nicht bewegen. Im ersten Augenblick, als er
ihr die Tür geöffnet hatte, war er erbleicht, jetzt stieg plötzlich eine
heiße Blutwelle in sein Gesicht.
»Ach, das ist ja ein Idiot!« rief Nastassja Filippowna aus. »Nun, wohin
gehst du denn? So wart' doch! Nun, wen wirst du denn melden?«
»Nastassja Filippowna,« murmelte der Fürst.
»Woher kennst du mich?« fragte sie erstaunt. »Ich habe dich nie gesehen!
Geh jetzt, melde mich! Was ist das für ein Geschrei?«
»Sie streiten dort,« antwortete der Fürst und begab sich ins
Empfangszimmer.
Er erschien dort in einem recht gefährlichen Augenblick: Nina
Alexandrowna war bereits im Begriff, gänzlich zu vergessen, daß sie sich
»vollkommen ergeben« hatte. Ihre Tochter verteidigte sie. Ptizyn hatte
sein mit Bleifeder beschriebenes Blatt Papier weggelegt und stand jetzt
neben Warjä, die zwar selbst keine Angst hatte -- doch wurden die
Grobheiten ihres Bruders mit jedem Wort unerträglicher, und in solchen
Fällen pflegte sie gewöhnlich zu verstummen und dann nur mit unsäglich
spöttischem Blick den Bruder zu betrachten, ohne auch nur auf eine
Sekunde die Augen von ihm abzuwenden. Dieses Verhalten aber konnte
Ganjä, wie sie sehr wohl wußte, bis zum Äußersten bringen. In diesem
Augenblick trat der Fürst ins Zimmer und meldete:
»Nastassja Filippowna.«