G. I.«

»Dieser Mensch versichert,« sagte Aglaja scharf, als der Fürst den Brief

zu Ende gelesen hatte, »daß das verlangte Wort, er solle mit allem

brechen, mich nicht kompromittieren und auch zu nichts verpflichten

würde, wofür er mir noch, wie Sie sehen, in diesem Brief eine

schriftliche Garantie gibt. Bitte, beachten Sie doch nur, wie naiv er

sich beeilt hat, einzelne Wörtchen zu unterstreichen, und wie plump

dabei doch sein geheimer Gedanke überall hervorschaut. Im übrigen weiß

er sehr gut, daß ich, wenn er mit allem brechen würde -- aber aus

eigenem Antriebe, von sich aus, ohne mein Wort zu erwarten oder

überhaupt mir etwas davon zu sagen, ohne jede Hoffnung auf mich -- daß

ich dann anders über ihn denken und vielleicht sogar sein Freund werden

würde. Das weiß er selbst ganz genau! Aber er hat eine schmutzige Seele:

er weiß es, und dennoch entschließt er sich nicht, sondern bittet um

Garantien. Er ist unfähig, auf sein eigenes Risiko hin sich zu

entscheiden; er will, daß ich ihm, als Ersatz für die dort aushängenden

Hunderttausend, auf mich zu hoffen erlaube. Und was das früher einmal

von mir ausgesprochene Wort betrifft, von dem er im Brief spricht, und

das sein ganzes Leben erhellt haben soll, so lügt er einfach

unverschämt. Ich habe ihn nur einmal flüchtig bedauert, und das ist

alles. Ihm aber ist in seiner Frechheit sogleich der Gedanke an die

Möglichkeit einer Hoffnung gekommen. Das merkte ich sehr bald. Seit der

Zeit sucht er mich nun in die Falle zu locken. Und das tut er auch

jetzt. Doch genug davon. Behalten Sie diesen Brief und geben Sie ihn ihm

zurück, sogleich, das heißt natürlich, sobald Sie unser Haus verlassen

haben, nicht früher.«

»Und was soll ich ihm als Antwort sagen?«

»Nichts, versteht sich. Das ist die beste Antwort. Ach so, Sie wollen,

glaube ich, bei ihm wohnen?«

»Iwan Fedorowitsch hat mir vorhin selbst diesen Rat gegeben,« antwortete

der Fürst.

»Dann seien Sie auf der Hut vor diesem Menschen, ich warne Sie, er wird

es Ihnen nie verzeihen, daß Sie ihm diesen Brief zurückgeben.«

Aglaja drückte dem Fürsten leicht die Hand und ging hinaus. Ihr Gesicht

war ernst und verriet ihren Unmut; sie lächelte nicht einmal, als sie

dem Fürsten zum Abschied zunickte.

»Sofort, ich hole nur noch mein Bündel,« sagte der Fürst zu Ganjä, »dann

gehen wir.«

Ganjä stampfte vor Ungeduld mit dem Fuß auf. Sein Gesicht wurde ganz

dunkel vor Wut. Endlich traten sie beide auf die Straße, der Fürst mit

seinem Bündel in der Hand.

»Die Antwort, die Antwort?« drängte Ganjä wieder in größter Spannung.

»Was hat sie Ihnen gesagt? Haben Sie ihr den Brief gegeben?«

Der Fürst reichte ihm schweigend den Brief. Ganjä erstarrte.

»Wie! Mein Brief!« schrie er. »Er hat ihn ihr überhaupt nicht gegeben!

Haha, das hätte ich mir doch denken können! Oh, ver--r--rfl ...

Natürlich konnte sie dann nichts verstehen vorhin! Aber wie denn, wie

konnten Sie ihr denn meinen Brief nicht übergeben, o ver--r--rrfluch

...«

»Entschuldigen Sie, im Gegenteil: zufällig konnte ich ihr den Brief

sogleich, nachdem ich ihn erhalten hatte, einhändigen, und zwar ganz so,

wie Sie es wünschten. Ich bin nur jetzt wieder in seinen Besitz

gekommen, weil Aglaja Iwanowna ihn mir zurückgegeben hat.«

»Wann? Wann?«

»Nachdem ich in ihr Album eingeschrieben hatte und auf ihre Bitte ihr

ins andere Zimmer folgte -- Sie waren doch zugegen? Wir kamen ins

Speisezimmer, sie reichte mir den Brief, wünschte ausdrücklich, daß ich

ihn lese und dann -- Ihnen zurückgebe.«

»Daß Sie ihn l--e--esen?« schrie Ganjä fast aus vollem Halse,

»l--e--esen? Und Sie lasen ihn?«

Ganjä blieb wie zu Stein erstarrt mitten auf dem Trottoir stehen und war

dermaßen erstaunt, daß er sogar den Mund zu schließen vergaß.

»Ja, ich las ihn.«

»Und sie selbst, sie selbst gab Ihnen den Brief zum Durchlesen? Sie

selbst?«

»Ja, sie selbst, und Sie können mir glauben, daß ich ihn ohne ihre

Aufforderung gewiß nicht gelesen hätte.«

Ganjä schwieg eine Weile in qualvoll angestrengtem Nachdenken, doch

plötzlich packte ihn wieder die Wut:

»Das kann nicht sein! Sie hat Ihnen den Brief unmöglich zum Durchlesen

geben können! Sie lügen! Sie haben ihn eigenmächtig gelesen!«

»Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt,« sagte der Fürst in demselben

ruhigen Ton, »und ich versichere Sie, es tut mir sehr leid, daß diese

Nachricht einen so unangenehmen Eindruck auf Sie macht.«

»Aber, Sie Unglücksmensch, sie hat Ihnen bei der Gelegenheit doch

wenigstens etwas gesagt! Irgend etwas muß sie doch geantwortet haben!«

»Ja gewiß ...«

»Aber dann tun Sie doch den Mund auf, reden Sie doch, sprechen Sie, zum

Teufel! ...«

Und Ganjä stampfte vor Ungeduld und Wut mit dem rechten Fuß, der in der

Galosche stak, zweimal aufs Trottoir.

»Als ich den Brief zu Ende gelesen hatte, sagte sie mir, daß Sie sie in

eine Falle zu locken suchten; Sie möchten sie gern kompromittieren, um

sich dann Hoffnungen, von denen sie nichts wissen wolle, hingeben zu

können. Und auf Grund dieser Hoffnungen würden Sie dann ohne Verlust

eine andere Hoffnung auf hunderttausend Rubel aufgeben. Ferner sagte

sie, daß, wenn Sie dieses getan hätten, ohne mit ihr zu handeln -- wenn

Sie von sich aus mit dem Früheren gebrochen hätten, ohne von ihr im

voraus Garantien für einen Ersatz zu erbitten -- sie vielleicht Ihr

Freund geworden wäre. Und das war alles, glaube ich. Richtig, noch eins:

als ich sie dann fragte, welche Antwort ich Ihnen bringen solle, sagte

sie, daß gar keine Antwort die beste Antwort sei -- ich glaube, so

war's. Verzeihen Sie, daß ich den genauen Wortlaut vergessen habe und

Ihnen nur den Sinn mit meinen Worten so wiedergebe, wie ich ihn

verstanden habe.«

Ganjä erbleichte und seine ganze grenzenlose Wut schaffte sich in Worten

Ausdruck.

»Ah! Also so!« knirschte er. »Also meine Briefe werden einfach

fortgeworfen! Ah! Sie läßt sich in keinen Handel ein! Schön, dann werde

ich mich in einen Handel einlassen! Wollen wir doch sehen! Mir steht

noch vieles ... Wir werden schon sehen! Ich werde sie schon ins

Bockshorn jagen!«

Er zitterte, erbleichte, schäumte vor Wut; er drohte sogar mit der Faust

und machte wilde Bewegungen mit den Händen. So gingen sie ein paar

Schritte. Der Fürst genierte ihn nicht im geringsten -- >dieser Idiot<!

Er benahm sich, als wäre er ganz allein in seinem Zimmer gewesen. Doch

plötzlich stutzte er und besann sich.

»Ja, aber wie denn,« wandte er sich an den Fürsten, »wie kommt es, daß

Sie« (dieser Idiot! fügte er innerlich wieder hinzu) »daß Sie plötzlich

dieses Vertrauen genießen, zwei Stunden nach der ersten Bekanntschaft?

Wie ist das zu erklären?«

Zu all seinen Qualen kam jetzt noch der Neid hinzu -- der hatte gerade

noch gefehlt! Ganz plötzlich tauchte er auf und stach ihm ins Herz.

»Das vermag ich Ihnen freilich nicht zu erklären,« antwortete der Fürst.

Ganjä sah ihn gehässig an.

»Sollte es nicht gar ihr _Vertrauen_ sein, was sie Ihnen in dem anderen

Zimmer schenken wollte? Sie sagte doch, bevor sie hinausging, daß sie

Ihnen etwas schenken wolle!«

»Anders fasse ich es auch nicht auf, als gerade so.«

»Ja, aber wofür denn, zum Teufel noch eins! Was haben Sie denn dort so

Großes vollbracht? Womit haben Sie ihr Vertrauen errungen? Hören Sie,«

unterbrach er sich plötzlich in seiner sich überstürzenden Weise --

alles in ihm war in diesem Augenblick gleichsam kopflos

durcheinandergeworfen und kochte in wirrer Unordnung, so daß von einem

Überlegen oder auch nur einem Zusammenhalten der Gedanken gar keine Rede

sein konnte. »Hören Sie, können Sie sich denn nicht irgendwie noch

entsinnen oder sich in einigermaßen richtiger Reihenfolge dessen

erinnern, was Sie dort gesprochen haben, alles, alles, jedes Wort, ganz

von Anfang an? Haben Sie vielleicht irgend so eine Bemerkung fallen

lassen -- können Sie sich denn gar nicht mehr Ihres Gesprächs

entsinnen?«

»Oh, gewiß kann ich das,« antwortete der Fürst. »Ganz zu Anfang, nachdem

das Erste überstanden war, sprachen wir von der Schweiz.«

»Nun, zum Teufel mit der Schweiz!«

»Dann sprachen wir von der Todesstrafe ...«

»Von der Todesstrafe?«

»Ja; es kam die Rede darauf ... Dann erzählte ich ihnen, wie ich die

vier Jahre in der Schweiz verbracht habe, und ferner die Geschichte

eines armen Dorfmädchens ...«

»Ach, zum Teufel alle armen Dorfmädchen! Weiter!« Ganjä raste innerlich

vor Ungeduld.

»Darauf erzählte ich, wie Schneider mir seine Meinung über meinen

Charakter gesagt und mich veranlaßte ...«

»Der Satan hole Ihren Schneider und seine Meinungen! Weiter!«

»Weiter -- kamen wir auf Gesichter zu sprechen, auf den Ausdruck der

Gesichter, und bei der Gelegenheit sagte ich, daß Aglaja Iwanowna fast

ebenso schön sei, wie Nastassja Filippowna. Und da mußte ich denn auch

sagen, daß ich ihre Photographie gesehen hatte ...«

»Aber Sie sagten doch nicht, Sie erzählten doch nicht, was Sie vorher im

Kabinett gehört hatten? Nein? Nein?«

»Ich wiederhole es Ihnen -- nein.«

»Ja, aber woher denn ... Teufel ... Ach, zum! ... Aber hat Aglaja den

Brief nicht der Alten gezeigt?«

»Nein, sie hat ihn ihr nicht gezeigt. Dessen kann ich Sie vollkommen

versichern. Ich war die ganze Zeit nachher zugegen, so daß ich es

unfehlbar gesehen hätte.«

»Aber vielleicht haben Sie selbst irgend etwas bemerkt ... Oh, dieser

ver-r-rdammte Idiot,« knirschte er außer sich -- diesmal ganz laut --

»nicht einmal zu erzählen versteht er etwas!«

Ganjä, der einmal ins Schimpfen hineingekommen war, hatte allmählich,

wie das oft mit solchen Menschen geschieht, jede Zurückhaltung verloren.

Es fehlte vielleicht nicht mehr viel, und er hätte den Fürsten vor Wut

angespien. Doch gerade diese Wut blendete ihn; denn sonst hätte er schon

längst bemerkt, daß dieser »Idiot«, den er so beleidigend behandelte,

sehr schnell und sehr feinfühlig alles begriff und es ungewöhnlich

treffend wiederzugeben verstand. Doch da geschah mit einem Male etwas

ganz Unerwartetes.

»Ich muß Ihnen sagen, Gawrila Ardalionytsch,« sagte plötzlich der Fürst,

»daß ich früher allerdings so krank war, daß man mich in der Tat fast

als einen Idioten bezeichnen konnte. Jetzt aber bin ich schon lange

geheilt, und daher ist es mir etwas unangenehm, wenn man mich so

einfach, ins Gesicht, einen Idioten nennt. Zwar kann man Sie, in

Anbetracht Ihrer Mißerfolge, noch entschuldigen, doch haben Sie mich in

Ihrem Ärger zweimal beschimpft. Dem will ich mich nun in der Folge nicht

mehr aussetzen; es ist mir, wie gesagt, sehr unangenehm, zumal es so

bald geschehen ist, nachdem wir uns kaum kennen gelernt haben. Wäre es

deshalb nicht besser -- wir sind hier gerade an einer Straßenkreuzung --

wenn wir jetzt auseinandergingen: Sie nach rechts, und ich nach links?

Ich bin im Besitz von fünfundzwanzig Rubeln und werde sicher Unterkunft

in irgendeinem _Hôtel garni_ finden.«

Ganjä machte ein entsetzlich betretenes Gesicht und wurde dunkelrot vor

Scham -- die Zurechtweisung kam ihm gar zu unerwartet.

»Verzeihen Sie, Fürst,« rief er glühend aus -- sein soeben noch äußerst

beleidigender Ton hatte sich schnell in einen äußerst höflichen

verwandelt, »um Gottes willen, verzeihen Sie! Sie sehen, in welch einer

Lage ich mich befinde! Und dabei wissen Sie noch nicht einmal alles;

wenn Sie aber alles wüßten, würden Sie mich vielleicht ein wenig

entschuldigen, obschon ich, versteht sich, nicht mehr zu entschuldigen

bin ...«

»Oh, so große Entschuldigungen verlange ich ja gar nicht,« unterbrach

ihn der Fürst, »ich verstehe ja nur zu gut, wie unangenehm Ihnen das

alles sein muß, nur deshalb fluchen und schimpfen Sie so. Nun, gehen wir

also zu Ihnen. Es wird mir ein Vergnügen sein ...«

»Nein, so kann man ihn nicht fortgehen lassen,« dachte Ganjä bei sich

mit einem gehässigen Seitenblick auf den Fürsten. »Dieser Spitzbube hat

als Idiot zuerst alles aus mir herausgeholt, um dann die Maske

abzunehmen ... Das hat etwas zu bedeuten. Nun, wir werden ja sehen,

jetzt muß sich alles entscheiden, alles, alles! Und noch heute!«

Inzwischen waren sie an dem Hause, in dem Ganjä wohnte, angelangt.

Sämtliche Werke 3-4 · 第 19 / 75 题