»Da sehen Sie mich nun alle mit solcher Neugier an,« begann der Fürst,
»daß Sie mir womöglich böse sein werden, wenn ich Sie nicht ganz
zufriedenstelle. Doch -- das sagte ich ja nur zum Scherz,« fügte er
schnell mit einem Lächeln hinzu.
»Dort ... dort gab es viele Kinder, und ich habe meine ganze Zeit mit
Kindern zugebracht, nur mit Kindern. Das waren die Dorfkinder, die die
Schule besuchten, eine ganze Schar. Ich kann nicht sagen, daß ich sie
gerade unterrichtet hätte, o nein; denn sie hatten ja einen
Schulmeister, Jules Thibaut; ich aber, nun ja -- wenn ich sie auch
unterwies, so war ich eigentlich doch nur so mit ihnen zusammen, und in
dieser Weise vergingen die ganzen vier Jahre. Ich wollte auch nichts
anderes. Ich habe ihnen alles erzählt, nichts habe ich ihnen
verheimlicht. Ihre Eltern und Verwandten waren nicht wenig ungehalten
über mich, denn die Kinder konnten zu guter Letzt gar nicht mehr ohne
mich auskommen und saßen den ganzen Tag bei mir. Der Schulmeister war
bald mein erbittertster Feind. Überhaupt machte ich mir dort viele
Feinde, und immer nur wegen der Kinder. Sogar Schneider machte mir
Vorwürfe. Und weshalb nur, was befürchteten sie denn? Einem Kinde kann
man doch alles sagen, alles! Es hat mich oft stutzig gemacht, wie
schlecht Erwachsene Kinder verstehen, selbst Väter und Mütter ihre
eigenen Kinder. Kindern sollte man nichts verheimlichen, wie man es
gewöhnlich unter dem Vorwande tut, daß sie zu jung seien, und es für sie
noch zu früh sei, etwas zu wissen. Was das doch für eine traurige und
klägliche Auffassung ist! Und wie gut es die Kinder begreifen, daß die
Eltern sie für zu klein und zu dumm zum Verstehen halten, während sie
doch tatsächlich alles verstehen! Die Erwachsenen wissen nicht, daß ein
Kind sogar in der schwierigsten Angelegenheit einen äußerst guten Rat zu
geben vermag. Mein Gott! wenn so ein Kind mit seinen hellen Augen wie
ein kleiner Vogel einen treuherzig und glücklich ansieht -- da muß man
sich doch schämen, es zu belügen! Ich nenne sie deshalb kleine Vögel,
weil es etwas Reizenderes als kleine Vögel nicht gibt. Übrigens hatte
mir ein ganz besonderer Fall die Feindschaft des Dorfes eingetragen ...
Thibaut übrigens war einfach neidisch. Anfangs schüttelte er nur den
Kopf und wunderte sich, wie es zugehen mochte, daß die Kinder bei mir
alles begriffen, bei ihm aber so gut wie überhaupt nichts. Und dann
machte er sich über mich lustig, als ich ihm sagte, daß wir beide sie in
nichts unterrichten könnten, daß im Gegenteil sie uns unterrichteten.
Wie konnte er mich nur beneiden und verleumden, wenn er doch selbst
unter Kindern lebte! Durch Umgang mit Kindern gesundet die Seele ...
Dort in der Anstalt war ein Kranker, den Professor Schneider behandelte,
ein armer Unglücklicher. Sein Unglück war so groß, daß man es kaum für
möglich zu halten vermag, wie ein Mensch so etwas ertragen kann. Er
sollte dort vom Irrsinn geheilt werden, doch meiner Ansicht nach war er
nicht irrsinnig, sondern litt nur unsäglich -- Leiden war seine ganze
Krankheit. Wenn Sie wüßten, was diesem Menschen schließlich unsere
Kinder wurden! ... Doch ich werde Ihnen lieber ein anderes Mal von
diesem Kranken erzählen. Jetzt aber werde ich erzählen, wie das alles
damals begann. Zu Anfang liebten mich die Kinder gar nicht. Ich war so
lang und immer so unbeholfen; ich weiß, daß ich auch sonst häßlich bin
... und dann war ich auch noch ein Ausländer. Zuerst lachten sie nur
über mich und begannen sogar, mit Steinen nach mir zu werfen, nachdem
sie gesehen hatten, wie ich Marie küßte. Ich habe sie aber im ganzen nur
ein einziges Mal geküßt ... Nein, lachen Sie nicht,« unterbrach sich der
Fürst, als er das Lächeln seiner Zuhörerinnen bemerkte, »ich küßte sie
nicht, weil ich in sie etwa verliebt war. Wenn Sie wüßten, was für ein
unglückliches Geschöpf sie war, Sie würden sie ebenso bemitleiden, wie
ich es getan habe. Sie war ein Mädchen aus unserem Dorf. Ihre Mutter war
eine alte, kranke Frau, die in ihrem kleinen, baufälligen Häuschen
hinter dem einen der beiden kleinen Fenster mit Erlaubnis der
Dorfobrigkeit einen Krämerladen eingerichtet hatte. Aus diesem Fenster
verkaufte sie Stiefelschmiere, Garn, Tabak, Seife; lauter Kleinigkeiten,
die wenig einbrachten, und von diesem kleinen Verdienst lebte sie. Sie
war schon lange krank, ihre Füße waren geschwollen, so daß sie immer auf
ein und demselben Fleck saß und sich nicht rühren konnte. Marie war ihre
einzige Tochter, zwanzig Jahre alt, schwächlich und mager; sie war schon
seit längerer Zeit schwindsüchtig, verrichtete aber trotzdem die
schwerste Arbeit als Tagelöhnerin bei fremden Leuten: sie scheuerte die
Fußböden, wusch Wäsche, fegte die Höfe rein, besorgte das Vieh. Nun
geschah es, daß ein französischer Kommis auf der Durchreise ins Dorf
kam, sie verführte und sie mit sich nahm. Er verließ sie jedoch schon
nach einer Woche und fuhr heimlich davon. Sie machte sich zu Fuß auf den
Heimweg, bettelte sich unterwegs das Notwendigste zusammen, bis sie dann
endlich schmutzig und zerlumpt und mit zerrissenen Stiefeln wieder im
Dorf ankam. Eine ganze Woche war sie gewandert; genächtigt hatte sie
unter freiem Himmel und sich dabei natürlich erkältet. Ihre Füße und
Hände waren wund und geschwollen. Sie war auch früher nicht hübsch
gewesen, nur ihre Augen waren so still und gut und unschuldig.
Auffallend an ihr war ihre Schweigsamkeit. Früher hatte sie einmal bei
der Arbeit zu singen begonnen, und da hatten alle sie ganz erstaunt
angesehen, bis sie in Lachen ausgebrochen waren: >Marie singt! Denkt
doch, Marie singt!< Marie aber soll sehr verlegen gewesen sein, und seit
dem Tage hat sie niemand mehr singen hören. Damals war man noch
freundlich zu ihr gewesen; als sie nun aber krank und erschöpft
zurückkehrte, da hatte kein einziger auch nur das geringste Mitleid für
sie übrig! Wie grausam die Menschen doch sind! Was für enge Begriffe sie
haben! Ihre Mutter war die erste, die sie mit bösen Worten und offener
Verachtung empfing. >Du hast mich jetzt entehrt,< sagte sie. Und die
Mutter gab sie auch als erste der Schande und den Schmähungen der
anderen preis. Als man im Dorf erfuhr, daß Marie zurückgekehrt war, lief
alles hin, um sie zu sehen: fast das ganze Dorf versammelte sich in der
Hütte der Alten -- Greise, Kinder, Weiber, Mädchen, alle eilten
neugierig herbei. Marie kniete zu Füßen der Mutter, hungrig und
zerlumpt, und schluchzte. Als nun die Menschen sich so in die Stube
drängten, um die Sünderin zu betrachten, verbarg Marie ihr Gesicht im
aufgelösten Haar und warf sich in ihrer Verzweiflung auf den Fußboden,
wo sie schluchzend liegen blieb. Alle, die sie rings umstanden, blickten
auf sie herab, als wäre sie irgendein Geschmeiß gewesen. Die Männer
verurteilten sie schonungslos, die jüngeren lachten und machten sich
über sie lustig, am meisten aber schalten die Weiber, die sie wie eine
scheußliche Spinne oder etwas noch Ekelhafteres behandelten. Und die
Mutter ließ das zu, saß dabei, nickte mit dem Kopf und fand es ganz in
der Ordnung. Die Alte war damals von den Ärzten bereits aufgegeben. Nach
zwei Monaten starb sie denn auch. Sie wußte, daß ihre Tage gezählt
waren, aber sie söhnte sich nicht mit der Tochter aus, ließ sie im
kalten Vorhaus schlafen und gab ihr kaum etwas zu essen. Die kranken
Füße der Alten mußten alle paar Stunden in warmes Wasser gesetzt werden,
was Marie denn auch pünktlich und sorgsam tat. Sie wusch ihr die Füße
und pflegte sie überhaupt aufopfernd. Die Alte aber nahm alle Dienste
der Tochter als etwas Selbstverständliches hin und sagte ihr nicht
einmal ein freundliches Wort. Marie ertrug alles, und wie ich später bei
näherer Bekanntschaft sah, empfand sie diese Behandlung von seiten der
Mutter als vollkommen gerecht und hielt sich selbst für die Verworfenste
aller Verworfenen. Als man dann die Alte in ihren letzten Wochen zu Bett
hatte legen müssen, kamen die Dorfweiber abwechselnd zu ihr, um sie zu
pflegen, wie es dort Sitte ist. Nun bekam Marie überhaupt nichts mehr zu
essen; im ganzen Dorf wurde sie verfolgt, und man wollte ihr nicht
einmal Arbeit geben wie früher. Alle spien hinter ihr her, und die
Männer betrachteten sie wohl überhaupt nicht mehr als ein Weib -- solche
Schändlichkeiten sagten sie ihr. Nur sehr selten, wenn sie sich
betranken, Sonntags gewöhnlich, warfen sie ihr in der Trunkenheit zum
Spott ein Kupferstück hin, so -- einfach auf die Erde, und Marie hob es
schweigend auf. Sie hustete damals bereits sehr stark und begann Blut zu
speien. Schließlich hingen ihre Kleider nur noch wie Lumpen an ihrem
Körper, so daß sie sich schämte, sich im Dorf zu zeigen. War sie doch
seit ihrer Rückkehr immer nur barfuß gegangen! Da begannen denn
besonders die Kinder -- es waren ihrer dort eine ganze Schar, mindestens
vierzig Schulrangen -- ja, besonders die Kinder begannen, sie zu necken
und ihr mit Straßenschmutz nachzuwerfen. Sie bat den Hirten, daß er ihr
erlauben möge, seine Kühe zu hüten, aber der Hirt jagte sie davon. Sie
jedoch nahm eine Gelegenheit wahr und zog ohne seine Erlaubnis mit der
Herde hinaus und blieb den ganzen Tag fort, worauf der Hirt einsah, daß
sie ihm großen Nutzen bringen konnte, und sie nicht mehr fortjagte und
ihr bisweilen sogar die Überreste seiner Mahlzeit gab, etwas Käse und
Brot. Das hielt er natürlich für eine große Gnade. Als ihre Mutter
endlich gestorben war und beerdigt wurde, schämte sich der Pastor nicht,
sie öffentlich zu schmähen, und er tat das noch dazu in der Kirche.
Marie stand in ihren Lumpen hinter dem Sarge und weinte. Viel Volks
hatte sich versammelt, um zu sehen, wie sie weinen und hinter dem Sarge
hergehen würde. Da hub der Pastor an -- er war ein noch junger Mensch,
der den Ehrgeiz hatte, ein großer Redner zu werden -- wandte sich an
alle Anwesenden und wies auf Marie. >Seht, dort steht sie, die die
Schuld am Tode dieser alten Frau trägt,< begann er -- es war gar nicht
wahr, denn die Alte war doch ganze zwei Jahre lang krank gewesen --
>seht, da steht sie nun vor euch und wagt nicht, den Blick zu erheben;
denn der Zorn des Herrn ruht auf ihr! Da steht sie barfuß und in Lumpen
-- ein Beispiel aus der Schar jener, die den Pfad der Tugend verlassen!
Und wer ist sie? Wer ist sie, die diese fromme Frau ins Grab gebracht?
Sie ist ihre -- Tochter!< -- und so weiter, immer in demselben Ton. Und
können Sie sich so etwas denken: diese Gemeinheit gefiel allen! Doch ...
da kam etwas anderes dazwischen: die Kinder traten für sie ein; denn
damals waren sie bereits alle auf meiner Seite und hatten Marie gern.
Das war folgendermaßen geschehen: Ich wollte etwas für Marie tun, man
mußte ihr Geld verschaffen, denn sie hatte es sehr nötig. Ich besaß aber
-- dort, bei Schneider -- nie Geld. Dafür hatte ich eine kleine
Krawattennadel mit einem Brillanten, die verkaufte ich an einen
Aufkäufer alter Sachen; es war dort gerade einer, der von Dorf zu Dorf
fuhr und mit alten Kleidern handelte. Er gab mir acht Franken, während
die Nadel wenigstens vierzig wert war. Darauf bemühte ich mich lange
Zeit vergeblich, Marie einmal allein zu treffen. Endlich gelang es mir:
wir begegneten uns hinter dem Dorf auf einem einsamen Fußsteig, der auf
die Berge hinaufführte, gerade hinter einem Baum. Ich gab ihr die acht
Franken und sagte ihr, daß sie sparsam mit ihnen umgehen müsse; denn
mehr Geld hätte ich nicht, und dann küßte ich sie und sagte, sie solle
nicht denken, daß ich irgendeine schlechte Absicht hätte, daß ich sie
nicht deshalb geküßt, weil ich etwa in sie verliebt sei, sondern nur,
weil sie mir sehr leid täte und ich sie niemals für schuldig, sondern
nur für sehr unglücklich halten würde. Ich wollte sie gern noch etwas
trösten und ihr klarmachen, daß sie sich doch nicht für so tief unter
den anderen stehend zu halten brauche; aber ich sah es ihr an, daß sie
mich nicht verstand, obschon sie kein Wort sagte, mit gesenktem Blick
vor mir stand und sich entsetzlich schämte. Als ich geendet hatte,
beugte sie sich plötzlich nieder und küßte mir die Hand, worauf ich
sofort ihre Hand nahm, um sie gleichfalls zu küssen, doch sie zog sie
erschrocken zurück. Da tauchten plötzlich die Kinder auf, eine ganze
Schar. Wie ich später erfuhr, hatten sie mich beobachtet und waren mir
sogar heimlich gefolgt. Kaum hatten sie uns erblickt, als sie auch schon
in ein Hohngelächter ausbrachen, pfiffen, schrien und in die Hände
klatschten. Marie lief natürlich fort, so schnell sie nur konnte. Ich
wollte zu den Kindern reden, aber sie warfen mit Steinen nach mir. Noch
am selben Abend wußte es das ganze Dorf, und Marie mußte dafür büßen:
sie wurde noch mehr verfolgt und gehaßt. Wie ich hörte, wollte man sie
sogar gerichtlich zu einer Strafe verurteilen lassen, doch zum Glück kam
es nicht so weit. Dafür aber ließen die Kinder sie keinen Augenblick
mehr in Ruhe: sie schalten sie mit häßlichen Worten, warfen ihr Schmutz
nach, trieben sie fort, und sie mußte mit ihrer schwachen Brust laufen,
keuchend, atemlos, die Kinder mit Geschrei hinter ihr her. Einmal trat
ich der Schar entgegen und prügelte mich sogar mit den Jungen. Dann
begann ich mit ihnen zu reden. Und so redete ich jeden Tag, wenn sich
nur Gelegenheit dazu bot. Bisweilen blieben sie dann stehen und hörten
zu, wenn sie auch das Schelten noch nicht ließen. Ich erzählte ihnen,
wie unglücklich Marie sei, und bald hörten sie auf, sie zu verfolgen und
gingen nur schweigend fort, wenn sie kam. Mit der Zeit begannen sie auch
mit mir zu sprechen, und wir unterhielten uns; ich verheimlichte ihnen
nichts, ich erzählte ihnen alles. Sie hörten mir sehr neugierig zu und
bald empfanden auch sie Mitleid mit Marie. Einzelne von ihnen gingen
sogar so weit, daß sie sie jetzt freundlich grüßten, wenn sie ihr
begegneten. Es ist dort Sitte, daß einander Begegnende, gleichviel ob
sie sich kennen oder nicht, >Grüß Gott< sagen. Ich kann mir denken, wie
erstaunt Marie anfangs gewesen sein muß. Einmal hatten zwei kleine
Mädchen sich irgendwoher Essen verschafft, und kamen dann zu mir, um es
mir zu erzählen. Sie sagten, Marie habe angefangen zu weinen, und sie
hätten sie jetzt sehr lieb. Es dauerte nicht lange, und sie wurde von
allen geliebt, und durch sie gewannen die Kinder auch mich plötzlich
lieb. Von der Zeit an kamen sie oft zu mir und baten mich, ihnen zu
erzählen. Ich glaube, ich habe nicht schlecht erzählt, denn sie hörten
mir sehr gern zu. Späterhin lernte und las ich nur zu dem Zweck, um
ihnen dann das Gelesene erzählen zu können, und so habe ich ihnen ganze
drei Jahre lang erzählt. Als mich dann später alle, selbst Schneider
nicht ausgenommen, verurteilten, weil ich mit ihnen wie mit Erwachsenen
redete und ihnen nichts verheimlichte, sagte ich, daß man sich schämen
müßte, Kinder zu belügen, daß sie ja sowieso alles wüßten, wie sehr man
es auch vor ihnen geheimhalten wollte. Wenn sie all das dann aber im
Leben erfahren würden, dann würden sie es als etwas Schmutziges
erfahren, von mir aber erführen sie es als etwas Reines. Es sollte,
meinte ich, doch ein jeder nur daran denken, wie es gewesen war, als er
selbst noch ein Kind war. Die Menschen waren aber anderer Meinung ...
Daß ich Marie geküßt hatte, war ungefähr zwei Wochen vor dem Tode ihrer
Mutter gewesen, so daß die Kinder, als der Pastor die Beerdigungsrede
hielt, schon alle auf meiner Seite waren. Ich erklärte ihnen
unverzüglich die ganze Schändlichkeit dieser Rede, und sie wurden alle
böse auf ihn, einige sogar in dem Maße, daß sie mit Steinen seine
Fensterscheiben einwarfen. Ich verbot es ihnen natürlich, denn das ging
doch nicht an; aber im Dorf hatte man schon den ganzen Zusammenhang
erfahren, und alle beschuldigten mich, daß ich die Kinder verderbe.
Gleichzeitig erfuhren sie auch den Grund: daß die Kinder Marie liebten
-- und sie erschraken unsäglich. Marie aber war glücklich. Den Kindern
wurde strengstens verboten, mit ihr zusammenzukommen. Da liefen sie denn
heimlich fort und stahlen sich auf Umwegen zur Herde, die sie hütete. Es
war ziemlich weit -- eine gute halbe Werst vom Dorf. Und sie brachten
ihr Leckerbissen, die sie sich selbst abgespart, oder sie liefen auch
nur so hin, um sie zu grüßen und zu streicheln und ihr zu sagen: >Ich
hab dich lieb, Marie<. Und dann liefen sie blitzschnell wieder nach
Hause. Marie war wie von Sinnen vor Glück: es kam so plötzlich, daß sie
gar nicht wußte, wohin damit! So etwas hatte sie ja nie im Traume für
möglich gehalten. Sie schämte sich und war doch selig. Die Kinder aber,
namentlich die Mädchen, liefen gern zu ihr hin, um ihr zu sagen, daß ich
sie liebe und ihnen sehr viel von ihr erzähle. Sie erzählten ihr sogar,
daß ich ihnen alles gesagt hätte, und daß sie sie jetzt liebten und
bemitleideten, und daß es immer so bleiben würde. Und von ihr kamen sie
dann eilig zu mir gelaufen, um mir mit freudigen Gesichtchen und
geschäftigen Mienen höchst wichtig mitzuteilen, daß sie soeben Marie
gesehen und gesprochen hätten, und daß sie mich grüßen lasse. Am Abend
ging ich dann zum Wasserfall: dort war eine rings von Pappeln
umstandene, einsame Stelle, die man vom Dorfe aus nicht sehen konnte,
und dorthin kamen sie dann zu mir gelaufen, viele nur ganz heimlich. Das
war unser Versammlungsort. Ich glaube, meine Zuneigung zu Marie war für
sie von ungeheurem Reiz, und so habe ich ihnen denn nur in dieser einen
Beziehung nicht die Wahrheit gesagt: ich ließ sie in dem Glauben, daß
ich Marie tatsächlich liebe, das heißt, daß ich in sie verliebt sei,
während sie mir doch nur leid tat; ich ersah aus allem, daß es ihnen so
besser gefiel, wie sie es sich selbst zurechtgelegt hatten; und deshalb
schwieg ich und tat, als hätten sie das Geheimnis erraten. Und wie
zartfühlend und zärtlich diese kleinen Herzen waren! Unter anderem
schien es ihnen ganz ungehörig, daß Marie, die von ihrem guten Lew
geliebt wurde, so schlecht gekleidet war und sogar barfuß ging. Und
können Sie sich denken: sie verschafften ihr Schuhe und Strümpfe und
Wäsche und sogar ein Kleid -- wie sie das fertigbrachten, begreife ich
heute noch nicht! Jedenfalls wird sich die ganze Schar zusammengetan und
mit vereinten Kräften am großen Werk gearbeitet haben. Als ich sie
fragte, wie sie das angestellt hätten, lachten sie nur fröhlich, und die
kleinen Mädchen klatschten in die Hände und kamen zu mir gelaufen und
küßten mich. Auch ich ging bisweilen zu Marie, aber gleichfalls nur
heimlich. Sie wurde immer schwächer und konnte bald kaum noch gehen.
Aber trotzdem schleppte sie sich an jedem Morgen hinaus und ging mit der
Herde mit und saß dort im Freien, den ganzen Tag: sie setzte sich etwas
abseits an einen steilen, fast senkrechten Abhang auf einen kleinen
Vorsprung, dort lag am äußersten Rande ein großer Stein, ganz verborgen
hinter Felsvorsprüngen. Und dort saß sie fast regungslos, vom Morgen bis
zum Abend, bis zu dem Augenblick, wenn die Herde heimkehren mußte. Sie
war von der Schwindsucht so entkräftet, daß sie gewöhnlich mit
geschlossenen Augen saß, den Kopf an den Fels gelehnt, schwer atmend,
und so verträumte sie halb schlummernd den ganzen Tag. Ihr Gesicht war
so mager geworden, daß man glauben konnte, ein Skelett vor sich zu
haben, und auf der Stirn und an den Schläfen trat immer Schweiß hervor.
So traf ich sie regelmäßig an, wenn ich sie aufsuchte. Ich blieb nicht
lange bei ihr, denn ich wollte nicht, daß man mich mit ihr zusammen
sehen sollte. Kaum näherte ich mich ihr, so zuckte sie auch schon
zusammen, schlug die Augen auf, und dann stürzte sie mir entgegen, um
meine Hände zu küssen. Das verbot ich ihr nicht, denn sie war glücklich,
wenn sie es tun konnte. Die ganze Zeit, solange ich bei ihr saß,
zitterte und weinte sie. Sie begann allerdings ein paarmal zu sprechen,
aber es war schwer, sie zu verstehen. Sie war dann wie von Sinnen, doch
weiß ich nicht, ob es nur krankhafte Erregung war oder inneres
Entzücken. Bisweilen kamen auch die Kinder mit mir zu ihr. Dann stellten
sie sich gewöhnlich nicht weit von uns auf und bewachten und beschützten
uns vor weiß Gott was oder wem, und dann waren sie sehr froh. Wenn wir
fortgingen, blieb Marie wieder allein zurück, und saß wieder regungslos
mit geschlossenen Augen, den Kopf an die Felswand gelehnt; vielleicht
träumte sie von irgend etwas. Eines Morgens aber konnte sie nicht mehr
mit der Herde mitgehen und blieb in ihrem alten, leeren Häuschen. Das
hatten die Kinder bald erfahren, und sie besuchten sie fast alle an
diesem Tage. Sie lag mutterseelenallein in ihrem armseligen Bett. Die
ersten zwei Tage wurde sie nur von den Kindern gepflegt, die abwechselnd
zu ihr liefen, so daß die einen die anderen ablösten, dann jedoch, als
man im Dorfe erfuhr, daß Marie im Sterben liege, gingen auch die alten
Dorfweiber zu ihr, um sie nicht ganz allein zu lassen und um sie zu
pflegen. Wahrscheinlich begann man jetzt im Dorf, sie zu bemitleiden
wenigstens hielt man die Kinder nicht mehr zurück, wenn sie zu ihr
laufen wollten. Marie lag die ganze Zeit über wie im Halbschlummer, doch
hatte sie keinen ruhigen Schlaf: sie hustete entsetzlich. Die alten
Weiber ließen aber die Kinder nicht mehr in ihre Stube, und so liefen
die Kleinen immer unter ihr Fenster, um ihr von draußen >Guten Tag,
liebe, gute Marie< zuzurufen. Marie aber war, sobald sie wieder ein
Kleines hinter dem Fenster erblickte oder nur hörte, sogleich wie neu
belebt und mühte sich mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte, ohne auf die
alten Weiber zu hören, sich im Bett etwas aufzurichten, sich auf den
Ellbogen zu stützen, und dann nickte sie ihnen mit dem Kopf zu und
dankte. Die Kinder brachten ihr nach wie vor ihre kleinen Leckerbissen,
aber sie aß fast nichts mehr. Sie können mir glauben, daß sie durch die
Liebe der Kinder mit Glück im Herzen starb. Die Liebe der Kinder ließ
sie ihr trostloses Elend vergessen, sie empfing von ihnen gleichsam die
Vergebung ihrer Sünden; denn sie hielt sich bis zum Tode für eine große
Verbrecherin. Sie kamen wie kleine Vögel an ihr Fenster geflogen und
riefen ihr an jedem Morgen einen Gruß zu und sagten: >Wir haben dich
lieb, Marie!< Sie starb sehr bald. Ich dachte bis zuletzt, daß sie noch
länger leben würde. Am Abend vor ihrem Tode, kurz vor Sonnenuntergang,
besuchte ich sie. Ich glaube, sie erkannte mich, und ich drückte ihr zum
letztenmal die Hand. Wie abgezehrt diese Hand war! Und plötzlich am
nächsten Morgen kamen sie und sagten, daß Marie gestorben sei. Da konnte
man die Kinder nicht mehr zurückhalten: sie schmückten den ganzen Sarg
mit Blumen und setzten ihr einen Kranz aufs Haar. Der Pastor sagte kein
schlechtes Wort über die Tote in seiner Leichenrede. Es waren nur sehr
wenige zugegen, nur so -- aus Neugier waren einige gekommen; doch als
man den Sarg hinaustragen wollte, stürzten alle Kinder herbei, um ihn
selbst zu tragen. Natürlich waren sie zu schwach dazu, sie konnten beim
Tragen höchstens etwas helfen, aber dennoch liefen sie alle mit und alle
weinten herzbrechend. Maries Grab wurde von ihnen unermüdlich mit Blumen
geschmückt, und ringsum wurden von ihnen kleine Rosenstöcke gepflanzt
... Seit dieser Beerdigung wurde ich vom ganzen Dorf der Kinder wegen
verfolgt. Meine größten Feinde und die Hauptanstifter dieser Verfolgung
waren der Pastor und der Schulmeister. Den Kindern wurde strengstens
verboten, mit mir Umgang zu pflegen, und Schneider verpflichtete sich
sogar, mich besser zu beaufsichtigen und Annäherungen zu verhindern.
Aber wir kamen dennoch zusammen oder verständigten uns, wenn es nicht
anders ging, von ferne durch verschiedene Zeichen, oder sie schickten
mir heimlich ihre kleinen Briefe. Späterhin hörte das übrigens wieder
auf, und wir brauchten nicht mehr heimlich zu verkehren. Aber es war
doch hübsch so: ich trat ihnen gleichsam noch näher dadurch, daß ich
verfolgt wurde. Im letzten Jahre kam es zwischen mir und meinen beiden
Feinden, Thibaut und dem Pastor, sogar zu einer halben Aussöhnung.
Schneider stritt oft mit mir über mein schädliches >System< zur
Kindererziehung und redete viel darüber. Aber was hatte ich denn für ein
System! Schließlich sagte er mir noch etwas sehr Sonderbares -- einen
Gedanken, den er über mich hatte ... und das war kurz vor meiner
Abreise. Er sagte mir, er habe sich überzeugt, daß ich selbst ein
vollständiges Kind sei, ein wirkliches Kind, daß ich nur dem Alter und
dem Äußern nach einem Erwachsenen ähnlich sähe, in jeder geistigen
Beziehung dagegen, in der ganzen psychischen Entwicklung, als Charakter,
als Seele -- und vielleicht sogar meinen Verstand nicht ausgenommen --
sei ich kein Erwachsener, und so würde ich bleiben, wenn ich auch
sechzig Jahre alt würde. Ich lachte nicht wenig, als er mir das gesagt
hatte, natürlich hat er nicht recht, denn -- nicht wahr -- was bin ich
denn für ein Kind? Nur eines ist wahr: ich bin tatsächlich nicht gern
mit Erwachsenen zusammen, mit großen Menschen, daß habe ich selbst
bemerkt, -- nicht gern, weil ich es nicht verstehe, mit ihnen zusammen
zu sein. Was sie auch reden, und wie gut sie auch zu mir sein mögen, ich
fühle mich doch nicht wohl in ihrer Gesellschaft, es ist mir aus
irgendeinem Grunde schwer zumute, und ich bin sehr froh, wenn ich zu
meinen kleinen Freunden gehen kann, und das sind von jeher Kinder
gewesen -- nicht, weil ich selbst ein Kind bin, sondern ich fühle mich
eben immer zu ihnen hingezogen. Als ich noch zu Anfang meines
Aufenthaltes dort im Dorf umherstrich und die einsamen Berge aufsuchte,
um allein zu sein, begegnete mir bisweilen um die Mittagszeit die ganze
Schar der Dorfkinder, die aus der Schule mit Täschchen und
Schiefertafeln schreiend, lachend, spielend und streitend nach Hause
eilte, und meine ganze Seele strebte dann zu ihnen hin. Ganz plötzlich
kam es. Ich weiß nicht, was es war, aber mich ergriff jedesmal ein
großes Glücksempfinden, wenn ich ihnen begegnete. Ich blieb stehen und
lachte vor Glück, wenn ich diese kleinen Beinchen sah, die so flink und
unermüdlich durcheinanderliefen, diese kleinen Buben und Mädel, die in
bunter Schar nach Hause eilten, dazu ihr Lachen und ihre Tränen -- denn
viele hatten unterwegs Zeit genug, sich zu balgen und zu weinen, sich zu
versöhnen und von neuem zu spielen -- und vergaß dann mein Leid. Und die
ganzen drei folgenden Jahre konnte ich deshalb auch nicht begreifen,
warum die Menschen sich grämen. Ich wollte den Kindern mein ganzes Leben
widmen. Ich hatte es mir ja nicht träumen lassen, daß ich jemals das
Dorf verlassen und gar nach Rußland zurückkehren würde. Es schien mir,
daß ich ewig dort bleiben sollte, aber dann sah ich selbst ein, daß
Schneider mich doch nicht ewig unterhalten konnte, und hinzu kam gerade
noch eine Angelegenheit von so großer Wichtigkeit, daß Schneider selbst
mir zur unverzüglichen Abreise riet und mir auch das nötige Reisegeld
vorstreckte. Ich will nun sehen, was es damit eigentlich für eine
Bewandtnis hat. Ich werde mich wohl zuerst an einen Rechtsanwalt wenden
müssen, damit er mir wenigstens einen Rat erteilt; denn ich selbst habe
keine Ahnung, wie man solche Sachen anfassen muß. Es ist möglich, daß
meine Verhältnisse sich sehr bald ändern werden ... aber das ist ja
nicht die Hauptsache! Wichtig ist vielmehr, daß sich mein ganzes Leben
geändert hat. Ich habe viel dort zurückgelassen, gar zuviel. Alles
Bekannte liegt jetzt weit zurück. Als ich im Waggon saß, dachte ich:
>Jetzt gehe ich zu den erwachsenen Menschen; vielleicht weiß ich noch
nichts von ihnen, vielleicht -- jedenfalls beginnt jetzt ein neues
Leben.< Ich beschloß, meine Aufgabe ehrlich und in Treue zu erfüllen.
Ich werde es vielleicht schwer haben unter den Menschen und werde mich
einsam fühlen. Ich will aber, so beschloß ich, gegen alle ehrlich und
offen sein -- mehr wird doch niemand von mir verlangen. Vielleicht wird
man mich auch hier für ein Kind halten, -- nun gut! Mich halten jetzt
alle aus irgendeinem Grunde für einen Idioten ... ich war allerdings
einmal so krank, daß ich fast einem Idioten glich. Aber wie kann ich
denn jetzt ein Idiot sein, wenn ich doch selbst sehr wohl begreife, daß
man mich für einen Idioten hält? Wenn ich irgendwo eintrete, denke ich:
>Da hält man mich nun für einen Idioten, aber ich bin ja doch bei vollem
Verstande, und das errät man hier nicht einmal.< Diesen Gedanken habe
ich sogar sehr oft. Als ich in Berlin die ersten kleinen Briefe meiner
kleinen Freunde erhielt, begriff ich erst, wie sehr ich sie liebte. Es
tut weh, wenn man einen ersten Brief erhält. Wie traurig sie waren, als
wir Abschied nahmen! Schon einen ganzen Monat vor meiner Abreise fingen
wir an, Abschied voneinander zu nehmen. >Léon geht fort, Léon geht für
immer fort!< sagten sie tieftraurig. Wir versammelten uns jeden Abend am
Wasserfall, wie wir es auch früher getan hatten, und sprachen nur davon,
wie wir uns trennen würden. Mitunter ging es ebenso heiter her wie
früher; nur wenn wir bei Anbruch der Nacht auseinandergingen, umarmten
sie mich geradezu krampfhaft, was sie früher nicht getan hatten. Einige
von ihnen kamen ganz allein und heimlich, so daß niemand sie sah, zu mir
gelaufen, nur um mich unter vier Augen umarmen und küssen zu können. Sie
waren zu verschämt, um es in Gegenwart anderer zu tun. Und als ich dann
endlich fortfuhr, begleitete mich die ganze Schar bis zur Station. Die
war etwa eine Werst weit von unserem Dorf. Sie bezwangen sich, um nicht
zu weinen, doch viele konnten die Tränen nicht unterdrücken und weinten
laut, besonders die kleinen Mädchen. Wir mußten schnell gehen, um uns
nicht zu verspäten; doch plötzlich warf sich bald dieses, bald jenes
mitten auf dem Wege mir entgegen, umklammerte mich mit seinen kleinen
Ärmchen und küßte mich -- und hielt uns alle dadurch auf -- die anderen
Kinder aber blieben, obschon wir eilen mußten, jedesmal gleichfalls
stehen und warteten so lange, als unsere Umarmung dauerte. Und als ich
schon im Waggon saß und der Zug sich in Bewegung setzte, riefen sie alle
>Hurra!< und standen noch lange und sahen dem Zuge nach. Auch ich sah
noch lange aus dem Fenster ... Wissen Sie, als ich vorhin hier eintrat
und Ihre lieben Gesichter erblickte, -- ich betrachte jetzt immer sehr
aufmerksam die Gesichter der Menschen -- und als ich Ihre Worte hörte,
da wurde mir zum erstenmal wieder leicht ums Herz. Ich war auch sogleich
bereit, mich für ein Glückskind zu halten: ich weiß ja, daß man
Menschen, die man auf den ersten Blick liebgewinnt, nicht so leicht
findet, Sie aber sind die ersten, die ich hier, kaum daß ich angekommen
bin, kennen gelernt habe. Ich weiß sehr wohl, daß die Menschen im
allgemeinen sich schämen, von ihren Gefühlen zu reden, Ihnen aber
erzähle ich von meinen Gefühlen und schäme mich nicht. Ich bin
menschenscheu und werde vielleicht lange Zeit nicht zu Ihnen kommen. Nur
fassen Sie das, bitte, nicht falsch auf: ich sage es nicht, weil ich Sie
nicht schätze, und denken Sie auch nicht, daß ich Ihnen irgend etwas
übelgenommen habe. Sie fragten mich, inwiefern ich Sie durch Ihre
Gesichter kenne, was ich aus ihnen herauszulesen weiß, -- jetzt werde
ich es Ihnen gern sagen. Sie, Adelaida Iwanowna, Sie haben ein
glückliches Gesicht, das sympathischste von allen dreien. Ganz abgesehen
davon, daß Sie sehr hübsch sind, denkt man, wenn man Sie ansieht: >Sie
hat das Gesicht einer guten Schwester.< Sie kommen einem einfach und
heiter entgegen, doch verstehen Sie auch, das Innere der Menschen zu
erraten. Das wäre es, was mir aus Ihrem Gesicht zu sprechen scheint.
Sie, Alexandra Iwanowna, haben gleichfalls ein schönes und ein sehr
liebes Gesicht, aber Sie haben vielleicht irgendeinen geheimen Kummer;
Sie sind zweifellos ein herzensguter Mensch, aber Sie sind nicht
eigentlich fröhlich. Sie haben einen gewissen ... einen ganz besonderen
Zug im Gesicht, ähnlich der Holbeinschen Madonna in Dresden. Nun, das
wäre Ihr Gesicht. Habe ich das Richtige erraten? Sie sind ja doch der
Meinung, daß ich es erraten könne. Und was nun Ihr Gesicht betrifft,
Lisaweta Prokofjewna,« wandte er sich plötzlich an die Generalin, »so
scheint es mir nicht nur, sondern ich bin sogar fest überzeugt, daß Sie
ein vollständiges Kind sind, in jedem, in jedem guten wie jedem
schlechten Sinne, obschon Sie eine bejahrte Frau sind. Sie nehmen es mir
doch nicht übel, daß ich so offen rede? Sie wissen doch, was ich für
Kinder übrig habe, und wieviel ich von ihnen halte. Glauben Sie nicht,
daß ich Ihnen alles das über Ihre Gesichter aus bloßer Einfalt so offen
gesagt habe -- o nein, durchaus nicht! Vielleicht habe auch ich meine
Gedanken dabei gehabt.«