V.

Die Generalin war sehr stolz auf ihre Abstammung. Wie mußte ihr nun

zumute sein, als ihr so offen und ohne Vorbereitungen mitgeteilt wurde,

daß der letzte Träger ihres Namens nicht viel mehr als ein

bedauernswerter Idiot, fast ganz mittellos sei und sogar Almosen

annehme. Dem General war es um den denkbar größten Eindruck zu tun, um

sogleich ihr Interesse zu erwecken, sie von anderen Gedanken abzulenken

und hierdurch die Frage nach den Perlen in Vergessenheit zu bringen.

Die Generalin hatte die Angewohnheit, wenn etwas geschehen war, was ihr

nicht behagte, mit weit offenen Augen und unbestimmtem Blick, den

Oberkörper gewöhnlich etwas zurückgelegt, vor sich in die Luft zu

starren und kein Wort zu sprechen. Sie war eine stattliche Frau, in

gleichem Alter wie ihr Gatte, mit dunklem, schon stark graumeliertem,

doch noch recht dichtem Haar, einer leicht gebogenen Nase, mit

gelblichen, eingefallenen Wangen und dünnen Lippen. Ihre Stirn war hoch

und schmal; ihre grauen, ziemlich großen Augen konnten bisweilen einen

ganz unerwarteten Ausdruck annehmen. Sie hatte einmal die Schwäche

gehabt, zu glauben, daß ihr Blick sehr ausdrucksvoll sei, und diese

Überzeugung ließ sie sich auch jetzt noch nicht nehmen.

»Empfangen? Sie sagen, wir sollen ihn empfangen? Jetzt? Sogleich?«

Die Generalin sah ihren etwas unsicher geschäftigen Iwan Fedorowitsch

mit besagten großen Augen an.

»Oh, was das betrifft, so braucht man bei dem nicht alle

Etikettevorschriften und Zeremonien zu beobachten, vorausgesetzt, daß es

dir, mein Freund« (der General redete seine Gattin gewöhnlich mit »mein

Freund« an), »daß es dir nur zusagt, ihn zu empfangen,« beeilte er sich

erklärend hinzuzufügen. »Er ist ein vollständiges Kind und so ein armer

Junge: hat da gewisse Anfälle, wie er sagt, von einer Krankheit

wahrscheinlich; kommt soeben aus der Schweiz, direkt von der Bahn, ist

etwas eigenartig gekleidet, so--o ... nach deutscher Art gewissermaßen,

und hat zum Überfluß keine Kopeke in der Tasche, tatsächlich; er weinte

beinahe. Ich habe ihm fünfundzwanzig Rubel geschenkt und will ihm in

einer Kanzlei eine kleine Schreiberstelle zu verschaffen suchen. Und

euch, _mesdames_, bitte ich, ihn gefälligst zu bewirten; denn er wird,

glaube ich, auch hungrig sein ...«

»Ich verstehe Sie nicht,« fuhr die Generalin im selben Ton und mit

demselben Blick fort, »hungrig und hat Anfälle! Was für Anfälle?«

»Oh, die wiederholen sich nicht so oft, und dann -- er ist ja fast noch

ein großes Kind, übrigens nicht ungebildet. Und euch wollte ich bitten,

_mesdames_,« wandte er sich wieder an seine Töchter, »ihn ein wenig zu

examinieren; denn es ist doch immer gut, wenn man weiß, was für

Eigenschaften er hat.«

»Ex--a--mi--nie--ren?« fragte die Generalin gedehnt und begann in

größter Verwunderung bald ihre Töchter, bald wiederum ihren Gatten mit

fragendem Blick anzusehen.

»Ach, mein Freund, das war natürlich nicht so gemeint, versteh mich

nicht falsch ... übrigens, wie du willst. Ich hatte die Absicht, ihn gut

zu behandeln und in unser Haus einzuführen; denn das wäre doch ein gutes

Werk.«

»In unser Haus einzuführen? Aus der Schweiz?«

»Die Schweiz ist eine Sache für sich ... doch, übrigens, wie gesagt:

ganz wie du willst. Ich meine ja nur, weil er doch auch ein Myschkin

ist, und vielleicht sogar verwandt mit dir, und dann: er weiß nicht

einmal, wo er sein Haupt hinlegen soll. Ich glaubte, daß es dich

interessieren würde, ihn kennen zu lernen; denn er gehört doch

gewissermaßen, nun ja, zur Familie.«

»Gewiß doch, _maman_, wenn man mit ihm nicht so zeremoniell zu sein

braucht. Und nach der Reise wird er sicherlich Hunger haben, weshalb

also soll man ihm nicht zu essen geben, wenn er hier sonst keine

Menschenseele hat?« sagte Alexandra, die älteste Tochter.

»Und dann ist er ja wie ein Kind, mit ihm kann man noch Blindekuh

spielen.«

»Blindekuh spielen? Wie das?«

»Ach, _maman_, hören Sie doch auf, sich so zu verstellen, bitte!«

unterbrach Aglaja sie ärgerlich.

Die mittlere, Adelaida, konnte sich nicht bezwingen und brach in helles

Lachen aus.

»Lassen Sie ihn nur herbitten, Papa, _maman_ erlaubt es schon,«

entschied Aglaja.

Der General klingelte und ließ den Fürsten zur Generalin bitten.

»Aber nur unter der Bedingung, daß ihm eine Serviette um den Hals

gebunden wird, sobald er sich an den Tisch setzt,« sagte die Generalin.

»Ruft Fedor -- oder Mawra ... sie soll hinter seinem Stuhl stehen, wenn

er ißt. Ist er wenigstens ruhig, wenn er seine Anfälle hat? Macht er

nicht wilde Gesten?«

»Im Gegenteil, er ist sogar sehr nett erzogen, er hat vorzügliche

Manieren. Mitunter ist er vielleicht etwas gar zu treuherzig ... Ah, da

ist er ja selbst! Bitte, hier, stelle euch vor, meine Damen: Fürst Lew

Nikolajewitsch Myschkin, der Letzte dieses Namens. Ein Namensvetter von

dir, liebe Lisaweta Prokofjewna, und vielleicht sogar ein Verwandter.

Bitte, sich seiner gefälligst anzunehmen. Sogleich wird das Frühstück

aufgetragen, Sie erweisen uns doch die Ehre, Fürst ... Nun, ich aber,

Verzeihung, ich habe mich schon verspätet, ich muß eilen ...«

»Wir wissen schon, wohin Sie eilen,« sagte die Generalin bedeutsam.

»Ich eile, ich eile, mein Freund, habe mich nämlich schon verspätet!

Gebt ihm übrigens eure Albums, _mesdames_, damit er euch irgend etwas

einschreibt. Ihr ahnt gar nicht, was für ein Kalligraph er ist --

einfach ein Phänomen! Angeborenes Talent! Dort bei mir hat er mit

mittelalterlichen Buchstaben eine Unterschrift geschrieben: >In Demut

unterzeichnet dieses Igumen Pafnutij< -- großartig! ... Nun, also auf

Wiedersehen!«

»Pafnutij? Ein Abt? Warten Sie, aber so warten Sie doch, wohin gehen Sie

denn, was ist das für ein Pafnutij?« rief die Generalin mit ärgerlicher

Gereiztheit und fast aufgebracht ihrem eilig sich entfernenden Gatten

nach.

»Ja, ja, mein Freund, früher hat es einmal einen solchen Abt gegeben ...

ich muß zum Grafen, er erwartet mich, schon lange, und die Hauptsache:

er hat mich selbst bestellt ... Auf Wiedersehen, Fürst!«

Und Se. Exzellenz verschwand mit schnellen Schritten.

»Ich weiß schon, zu welchem Grafen er geht!« bemerkte die Generalin

scharf und wandte gereizt ihren Blick dem Fürsten zu. »Nun -- was war's

doch?« begann sie gereizt, indem sie sich ärgerlich des vorhergehenden

Gespräches zu erinnern suchte. »Wovon sprachen wir? Ach, richtig! --

nun, was war das für ein Abt?«

»_Maman_,« wollte Alexandra sich einmischen, und Aglaja klappte hörbar

mit der Fußspitze auf den Boden.

»Unterbrechen Sie mich nicht, Alexandra Iwanowna,« wandte sich die

Generalin eisig an ihre Älteste. »Ich will es wissen, was es mit diesem

Abt für eine Bewandtnis hat. Setzen Sie sich hierher, Fürst, hier auf

diesen Sessel mir gegenüber, nein, nein, hierher, mehr ins Licht, rücken

Sie der Sonne näher, damit ich Sie besser sehen kann. Nun, was ist das

für ein Abt?«

»Der Abt Pafnutij,« antwortete der Fürst mit aufmerksamem und ernstem

Gesicht.

»Pafnutij? Das ist interessant. Nun, und was ist's mit ihm?«

Die Generalin stellte ihre Fragen ungeduldig, schnell, schroff, ohne den

Blick vom Fürsten abzuwenden, und als dieser antwortete, nickte sie nach

jedem Satz mit dem Kopfe.

»Igumen Pafnutij lebte im vierzehnten Jahrhundert,« begann der Fürst,

»und stand einem Kloster an der Wolga in unserem jetzigen Gouvernement

Kostroma vor. Er war bekannt wegen seines gottesfürchtigen Lebens und

seiner Reise ins Reich der Goldenen Horde[6]. Ferner half er, Ordnung

und Ruhe in unseren damaligen Fürstentümern wiederherzustellen. Das

Faksimile seiner Unterschrift auf einer Urkunde kam mir zufällig in die

Hände. Seine Schrift gefiel mir, und ich versuchte sie nachzuahmen. Als

Ihr Herr Gemahl nun sehen wollte, wie ich schreibe, um mir vielleicht

eine Anstellung zu verschaffen, schrieb ich einige Sätze auf ein Blatt

Papier, unter anderem auch >In Demut unterzeichnet dieses Igumen

Pafnutij<, genau so, wie der Abt selbst geschrieben hat. Diese

Schriftprobe gefiel Seiner Exzellenz, und deshalb hat er sie auch

erwähnt.«

»Aglaja,« sagte die Generalin »merk dir: Pafnutij, oder notiere den

Namen, denn sonst vergesse ich ihn. Ich glaubte, daß es interessanter

wäre. Wo ist denn diese Schriftprobe?«

»Sie blieb, glaube ich, auf dem Tisch im Kabinett des Generals.«

»Schickt Fedor hin und laßt sie sofort herholen!« wandte sich die

Generalin an ihre Töchter.

»Aber ich kann es Ihnen ja nochmals aufschreiben, wenn Sie wollen.« --

»Gewiß, _maman_,« sagte Alexandra, »jetzt aber täten wir besser, zu

frühstücken; wir sind hungrig.«

»Ja, das können wir,« entschied die Generalin. »Gehen wir, Fürst!

Bringen Sie auch einen großen Hunger mit?«

»Ja, im Augenblick ist er sogar recht groß. Ich danke Ihnen.«

»Das gefällt mir, daß Sie höflich sind, und ich merke, Sie sind durchaus

nicht so ein ... Sonderling, als den man Sie uns zu schildern beliebt

hat. Nun, gehen wir ... Setzen Sie sich dorthin, mir gegenüber,« sagte

sie, geschäftig dem Fürsten einen Stuhl anweisend, als sie ins

Frühstückszimmer traten, »ich will Sie sehen. Alexandra, Adelaida, sorgt

dafür, daß der Fürst alles Nötige bekommt. Nicht wahr, er ist doch gar

nicht so ... krank? Vielleicht ist's auch gar nicht nötig, ihm die

Serviette ... Hat man Ihnen bei Tisch immer eine Serviette umgebunden,

Fürst?«

»Früher, als ich etwa siebenjährig war, allerdings, wie ich mich zu

erinnern glaube; jetzt jedoch lege ich die Serviette gewöhnlich auf die

Knie, wenn ich esse.«

»So macht man's auch. Aber Ihre Anfälle?«

»Anfälle?« wunderte sich der Fürst ein wenig. »Im allgemeinen habe ich

meine Anfälle jetzt ziemlich selten. Übrigens, ich weiß nicht: man sagt,

das hiesige Klima würde mir schädlich sein.«

»Er spricht sehr gut,« bemerkte die Generalin, sich an ihre Töchter

wendend, nachdem sie wieder zu jedem Satz des Fürsten genickt hatte.

»Ich hatte es gar nicht erwartet. Das ist wahrscheinlich alles nur

Erfindung, wie gewöhnlich. Essen Sie, Fürst, und erzählen Sie, wo Sie

geboren, wo Sie erzogen sind. Ich will alles wissen; Sie interessieren

mich sehr.«

Der Fürst dankte und begann, während er mit großem Appetit aß,

zwischendurch alles das zu erzählen, was er an diesem Morgen schon

zweimal über seine Person berichtet hatte. Die Generalin blickte ihn mit

wachsender Zufriedenheit an. Die jungen Mädchen hörten gleichfalls recht

aufmerksam zu. Man kam auf die Verwandtschaft zu sprechen; es zeigte

sich, daß der Fürst seinen Stammbaum kannte, aber wie sehr sie sich auch

mühten, es ließ sich doch so gut wie gar keine Verwandtschaft zwischen

ihnen herstellen. Ihre Großväter und Großmütter hätten sich vielleicht

noch als entfernte Verwandte betrachten können. Dieses verhältnismäßig

trockene Thema gefiel der Generalin ausnehmend gut, da sie sonst nie

Gelegenheit hatte, von ihrem Stammbaum zu sprechen, und so war sie sehr

guter Laune, als sie sich von der Frühstückstafel erhob.

»So, jetzt wollen wir in unser Versammlungszimmer gehen,« sagte sie,

»der Kaffee kann dort gereicht werden. Wir haben, müssen Sie wissen, ein

bestimmtes Zimmer, in dem wir uns regelmäßig zu versammeln pflegen, wenn

wir allein sind,« erzählte sie dem Fürsten, während sie sich mit ihm

dorthin begab. »Es ist im Grunde nichts anderes, als mein kleiner Salon,

in dem sich dann eine jede damit beschäftigt, wozu sie gerade Lust hat.

Alexandra, das ist diese hier, meine älteste Tochter, spielt Klavier,

oder sie liest oder näht. Adelaida malt Landschaften und Porträts --

kann aber leider nichts beenden. Und Aglaja sitzt und tut nichts. Mir

selbst fällt jede Arbeit aus den Händen: was ich auch beginne, es kommt

doch nichts dabei heraus. Nun, da sind wir. Setzen Sie sich, Fürst,

hier, an den Kamin, und erzählen Sie. Ich will wissen, wie Sie eine

Sache zu erzählen verstehen. Jetzt werde ich mich selbst überzeugen ...

Ich will Sie gut kennen lernen und wenn ich die alte Fürstin

Bjelokonskaja wiedersehe, werde ich ihr von Ihnen erzählen. Ich will,

daß Sie auch alle anderen interessieren. Nun, reden Sie jetzt.«

»Aber, _maman_, so auf Kommando zu erzählen, ist doch sehr schwer,«

bemerkte Adelaida, die inzwischen ihre Staffelei zurechtgerückt hatte,

jetzt Pinsel und Palette zur Hand nahm und sich anschickte, an der

längst begonnenen Kopie einer Landschaft zu malen.

Alexandra und Aglaja setzten sich beide auf ein kleines Sofa und

schienen mit müßig im Schoß ruhenden Händen nichts als zuhören zu

wollen. Dem Fürsten fiel es auf, daß von allen Seiten mit ganz

besonderer, aufmerksamer Erwartung die Blicke auf ihn gerichtet waren.

»Ich würde nichts erzählen, wenn man mir befehlen wollte,« sagte Aglaja.

»Warum nicht? Was ist denn dabei so verwunderlich? Warum sollte er nicht

erzählen? Er ist doch nicht stumm. Ich will wissen, wie er zu erzählen

versteht. Nun, bitte, gleichviel wovon. Erzählen Sie, wie Ihnen die

Schweiz gefallen hat, wie war der erste Eindruck? Ihr werdet sehen, er

wird sogleich beginnen und wird sogar vorzüglich beginnen.«

»Der Eindruck war groß ...,« begann der Fürst, wurde jedoch sofort von

der Generalin unterbrochen.

»Seht! Was hab' ich gesagt?« wandte sie sich äußerst befriedigt an ihre

Töchter, »da hat er doch begonnen!«

»Aber so lassen Sie ihn doch wenigstens weitererzählen, _maman_,«

versuchte Alexandra sie aufzuhalten. »Dieser Fürst ist vielleicht sogar

sehr gerieben und nichts weniger als ein Idiot,« raunte sie unbemerkt

Aglaja zu.

»Zweifellos, das habe ich schon längst bemerkt,« flüsterte Aglaja ebenso

zurück. »Wie dumm von ihm, sich zu verstellen und eine solche Rolle zu

spielen. Glaubt er etwa, dadurch zu gewinnen?«

»Der erste Eindruck war ungeheuer groß,« wiederholte der Fürst. »Als man

mich aus Rußland fortbrachte und wir durch verschiedene deutsche Städte

fuhren, sah ich nur schweigend, was an uns vorüberzog, und ich weiß

noch, ich stellte keine einzige Frage. Es war das nach einer ganzen

Reihe von sehr starken und qualvollen Anfällen meiner Krankheit. Und

nach einer solchen Zeit, wenn meine Krankheit so heftig aufgetreten war

und die Anfälle sich mehreremal wiederholt hatten, verfiel ich

regelmäßig in vollkommene geistige Stumpfheit, verlor ganz und gar mein

Gedächtnis, und wenn der Verstand auch noch arbeitete, so wurde doch die

logische Entwicklung meiner Gedanken gleichsam immer abgeschnitten. Mehr

als zwei oder drei Gedanken vermochte ich nicht nacheinander zu denken.

So scheint es mir wenigstens jetzt. Ließen dagegen die Anfälle nach, so

wurde ich wieder gesund und kräftig, ganz so wie ich jetzt bin. Ja, ich

entsinne mich noch; es war eine unerträgliche Traurigkeit in mir; ich

hätte weinen mögen. Ich wunderte mich nur und war sehr unruhig. Doch am

entsetzlichsten wirkte auf mich, daß alles um mich herum mir so _fremd_

war; das begriff ich. Diese Fremdheit vernichtete mich förmlich. Aus

diesem Zustande, aus dieser Dunkelheit, dessen entsinne ich mich noch

deutlich, erwachte ich eines Abends -- es war in Basel, als wir in der

Schweiz angelangt waren -- und was mich erweckte, war der Schrei eines

Esels auf dem Marktplatz. Dieser Esel frappierte mich ungeheuer: er

gefiel mir aus irgendeinem Grunde über alle Maßen. Und im selben

Augenblick wurde es gleichsam hell in mir und die Dunkelheit

verschwand.«

»Ein Esel? Das ist sonderbar,« meinte die Generalin. »Aber übrigens; was

soll denn Sonderbares dabei sein -- manch eine verliebt sich in einen

Esel,« bemerkte sie mit zornigem Blick auf die lachenden Töchter. »Auch

in der Mythologie gibt es etwas Ähnliches. Fahren Sie fort, Fürst.«

»Seit der Zeit habe ich die Esel sehr lieb. Ich empfinde geradezu

Sympathie für sie. Ich erkundigte mich sofort nach ihnen -- es waren

meine ersten Worte seit langer Zeit. Ich wollte Näheres über sie hören,

denn ich hatte ja noch nie welche gesehn; und so überzeugte ich mich

bald selbst, daß sie überaus nutzbare Tiere sind: arbeitsam, stark,

geduldig, billig, ausdauernd. Durch diesen Esel aber begann mir von

Stund' an die ganze Schweiz zu gefallen, und so verging meine frühere

Traurigkeit.«

»Das ist alles sehr eigentümlich, aber ich denke, vom Esel brauchen Sie

uns jetzt nichts mehr zu erzählen. Gehen wir auf ein anderes Thema über.

Worüber lachst du die ganze Zeit, Aglaja? Und du, Alexandra? Der Fürst

hat ganz vorzüglich vom Esel erzählt. Er hat ihn selbst gesehn, was aber

hast du gesehn? Du bist noch nie im Auslande gewesen.«

»Ich habe aber doch schon einen Esel gesehn,« sagte Adelaida.

»Und ich habe sogar einen gehört! Einen vierbeinigen!« übertrumpfte sie

Aglaja.

Da brachen sie alle drei in Lachen aus und der Fürst lachte mit.

»Das ist aber sehr häßlich von euch,« bemerkte die Generalin, »Sie

müssen sie schon entschuldigen, Fürst, sie sind im Grunde gute Mädchen.

Ich muß sie ewig schelten, aber ich liebe sie doch. Sie sind

flatterhaft, leichtsinnig und im Augenblick einfach unzurechnungsfähig.«

»Weshalb denn das?« fragte der Fürst lachend. »Nur weil sie jetzt

lachen? Oh, auch ich würde die Gelegenheit nicht versäumen. Doch

trotzdem: ich habe den Esel in jeder Gestalt gern. Ein Esel ist immer

ein guter und nützlicher Mensch.«

»Aber Sie selbst, Fürst, sind Sie gut? Ich frage aus Neugier,« sagte die

Generalin ganz harmlos.

Wieder brachen alle in Lachen aus.

»Ach, das war doch nicht so gemeint! Ihr habt wirklich nichts anderes

als den Esel im Sinn!« rief die Generalin unwillig aus. »Glauben Sie

mir, Fürst, ich habe es nur so gesagt, ganz gedankenlos, ohne jede ...«

»Anspielung? Oh, ich glaube es Ihnen, zweifellos!«

Und der Fürst konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen.

»Es ist nur gut, daß Sie lachen. Das gefällt mir sehr. Ich sehe, Sie

sind ein guter Mensch,« sagte die Generalin.

»Mitunter auch kein guter,« antwortete der Fürst.

»Nun, ich bin immer gut,« bemerkte die Generalin ganz unerwartet, »ich

bin tatsächlich immer gut, und das ist mein einziger Fehler; denn man

soll nicht immer gut sein. Ich ärgere mich sehr oft über diese drei

hier, zum Beispiel, und über Iwan Fedorowitsch besonders, doch dumm ist

nur, daß ich noch besonders gut bin, wenn ich mich ärgere. Vorhin, kurz

bevor Sie kamen, ärgerte ich mich wieder und tat, als begriffe ich

nichts, und als könnte ich auch nichts begreifen. Das kommt bei mir so

vor, ganz als wäre ich ein Kind. Aglaja hat mir eine Lektion erteilt,

hab' Dank dafür, Aglaja. Übrigens, das ist ja doch alles Unsinn. Ich bin

noch nicht so dumm, wie ich scheine und wie mich meine kleinen Töchter

machen wollen. Ich habe Charakter und bin nicht zimperlich. Ich sage das

jetzt nur so, nicht etwa, weil ich ihnen böse bin. Komm her, Aglaja, gib

mir einen Kuß ... Nun, genug der Zärtlichkeit,« sagte sie, als Aglaja

ihr nach einem Kuß auf den Mund auch noch zärtlich die Hand küßte.

»Fahren Sie fort, Fürst. Vielleicht fällt Ihnen noch etwas

Interessanteres ein als das vom Esel.«

»Ich begreife nicht, wie man so auf Kommando erzählen kann,« wunderte

sich Adelaida, »ich würde es wirklich nicht können.«

»Der Fürst aber kann es, wie du siehst. Das kommt natürlich daher, weil

er intelligent ist und mindestens zehnmal klüger als du, vielleicht

sogar zwölfmal. Ich hoffe, daß du es bald selbst einsiehst. Beweisen Sie

es ihnen, Fürst. Fahren Sie fort. Den Esel kann man, denke ich, auch in

dieser Geschichte beiseite lassen. Nun was haben Sie denn außer dem Esel

im Auslande gesehn?«

»Aber auch das, was der Fürst vom Esel sagte, war interessant,« bemerkte

Alexandra. »Der Fürst hat wirklich fesselnd seinen krankhaften Zustand

geschildert und wie ihm dann alles, durch einen äußeren Stoß gleichsam,

mit völlig unerwarteter Plötzlichkeit in einem ganz anderen Lichte

erschien. Es hat mich immer zu wissen interessiert, wie es wohl sein

mag, wenn man den Verstand verliert und dann später wieder gesund wird.

Besonders wenn es ganz plötzlich geschieht.«

»Nicht wahr? Nicht wahr?« fragte die Generalin lebhaft. »Ich sehe, auch

du kannst mitunter klug sein. Nun, genug jetzt gescherzt. Sie blieben,

glaube ich, bei der Schweizer Landschaft stehen, Fürst, -- nun?«

»Wir kamen nach Luzern und man brachte mich über den See. Ich fühlte

seine Schönheit, aber es war mir dabei unsäglich schwer zumute,«

erzählte der Fürst.

»Warum?« fragte Alexandra.

»Das weiß ich nicht. Beim ersten Anblick einer solchen Natur ist mir

immer schwer zumute und eine gewisse Unruhe erfaßt mich; schön ist es

und doch -- beunruhigend. Aber das war ja alles noch während der

Krankheit.«

»Oh, ich möchte gern einmal die Schweiz sehen!« sagte Adelaida. »Wann

werden wir endlich einmal ins Ausland reisen? Da sitze ich nun hier und

kann seit zwei ganzen Jahren keinen Vorwurf zu einem Gemälde finden.

>Was in Westen und Süden wir lieben,

Ist schon längst und vielfach beschrieben<«

zitierte sie. »Suchen Sie mir ein Sujet, Fürst.«

»Ich verstehe davon nichts. Ich denke: man schaut und malt.«

»Ich verstehe aber nicht zu schauen ...«

»Von was für Rätseln redet ihr? -- das soll ein Mensch verstehen! Kein

Wort begreife ich!« unterbrach sie die Generalin. »Weshalb verstehst du

denn nicht zu schauen? Du hast doch Augen, mach' sie auf und sieh.

Verstehst du es hier nicht, so wirst du's auch dort im Auslande nicht

lernen. Erzählen Sie lieber, was und wie Sie selbst geschaut haben,

Fürst.«

»Ja, das wird besser sein,« meinte auch Adelaida. »Sie haben ja doch im

Auslande das Schauen gelernt.«

»Ich weiß nicht, ob ich es getan habe. Ich habe dort nur Heilung von

meiner Krankheit gesucht. Ob ich aber zu schauen gelernt habe, das weiß

ich wirklich nicht. Ich war die ganze Zeit dort sehr glücklich.«

»Glücklich! Sie verstehen es, glücklich zu sein?« rief Aglaja aus. »Wie

können Sie dann sagen, daß Sie nicht zu schauen gelernt hätten! Sie

werden auch uns noch das Schauen lehren.«

»Ach, bitte, lehren Sie's uns!« bat Adelaida lachend.

»Ich kann nichts lehren,« gab auch der Fürst lachend zurück. »Fast die

ganze Zeit, die ich im Auslande gewesen bin, habe ich dort in jenem

Schweizerdorf verbracht; nur selten unternahm ich eine kurze Reise. Was

vermag ich da zu lehren? Anfangs konnte ich nur sagen, daß ich mich

nicht langweilte, dann aber -- meine Gesundheit besserte sich schnell --

dann wurde mir jeder Tag teuer, und je länger ich da war, desto teurer,

so daß es mir selbst auffiel. Ich war so zufrieden, wenn ich zu Bett

ging, und wenn ich aufstand, war ich geradezu glücklich. Weshalb aber

das alles so war, ist ziemlich schwer zu erklären.«

»So daß Sie sich nirgendwohin mehr fortsehnten, sich nirgendwohin mehr

fortgerufen fühlten?« fragte Alexandra.

»Anfangs, ja, ganz zu Anfang -- da rief es mich fort und mich überkam

dann eine große Unruhe. Ich dachte immerwährend daran, wie ich einst

leben würde. Ich wollte mein Schicksal erforschen und in manchen

Augenblicken wurde die Unruhe fast unerträglich. Wissen Sie, es gibt

solche Augenblicke, namentlich in der Einsamkeit. Wir hatten dort einen

Wasserfall, keinen sehr großen; der fiel von einem hohen Berge. Wie ein

schmales, dünnes Band sah er aus, und er fiel fast senkrecht, -- weiß,

rauschend, mit spritzendem, zerstäubendem Gischt. Er stürzte von hoch

oben herab und schien dabei doch gar nicht so hoch zu sein, er war

vielleicht eine halbe Werst entfernt, und es schien, als seien nur

fünfzig Schritt bis zu ihm. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte,

lauschte ich seinem Rauschen; in solchen Minuten wuchs dann meine Unruhe

und wurde beklemmend. Auch mitten am Tage, wenn man so zuweilen

irgendwohin in die Berge ging -- da blieb man plötzlich stehen: ringsum

nichts als Fichten, alte, große, harzige Stämme; über einem auf dem

Felsen die Ruinen eines mittelalterlichen Schlosses; unser Dorf weit

unten, kaum noch sichtbar; die Sonne so grell, der Himmel blau,

unheimlich wurde die Stille. Da scheint es einem denn, daß man

irgendwohin gerufen wird, und ich dachte oft, wenn man immer geradeaus

und lange, lange ginge, bis dorthin zu jenem Strich, wo sich Himmel und

Erde vereinen -- daß dort des Rätsels Lösung sei und man dort sogleich

ein neues Leben sehen würde, ein tausendmal stärkeres und

geräuschvolleres als bei uns. So dachte ich mir immer eine große Stadt,

wie etwa Neapel, in der nur Paläste sind und Geräusch, und Lärm, und

Leben ... Doch wer kann das alles erzählen, was man so zusammengedacht

hat! Und dann schien mir wiederum, daß man auch im Gefängnis ein

unermeßlich großes Leben finden kann.«

»Diesen löblichen Gedanken habe ich schon in meiner Chrestomathie

gelesen, als ich noch zwölf Jahre alt war,« sagte Aglaja.

»Das ist alles Philosophie,« meinte Adelaida, »Sie sind ein Philosoph,

Fürst, und sind hergekommen, um uns zu belehren.«

»Sie haben vielleicht recht,« sagte der Fürst lächelnd, »ich bin ... ja,

ich bin tatsächlich ein Philosoph und habe vielleicht auch wirklich die

Absicht, zu lehren ... Das ist schon möglich ... sogar sehr möglich.«

»Und Ihre Philosophie ist von genau derselben Art, wie die Jewlampia

Nikolajewnas,« griff wieder Aglaja auf. »Das ist eine Beamtenfrau --

übrigens ist sie Witwe -- sie besucht uns oft und sitzt dann

stundenlang. Bei ihr liegt das ganze Lebensrätsel in der -- Billigkeit.

Nur wie man billiger leben könnte, nur von Kopeken spricht sie, und

dabei nicht zu vergessen -- sie _hat_ Geld. Genau so ist auch Ihr großes

Leben im Gefängnis, und vielleicht auch Ihr vierjähriges Glück im Dorf,

für das Sie Ihre große Stadt Neapel verkauften und, wie mir scheint,

noch mit Profit, wenn auch nur von Kopeken.«

»Was das Leben im Gefängnis betrifft, so kann man auch anderer Meinung

sein,« sagte der Fürst. »Ich habe einmal gehört, wie ein Mensch, der

zwölf Jahre im Gefängnis verbracht hatte, von diesem Leben erzählte. Es

war das einer von den Patienten meines Professors. Er hatte Anfälle, war

bisweilen sehr unruhig, weinte und wollte sich einmal sogar das Leben

nehmen. Sein Leben im Gefängnis war ein sehr trauriges gewesen, dessen

kann ich Sie versichern, doch sicherlich nicht nur von Kopekenwert.

Seine ganzen Erlebnisse beschränkten sich auf eine Spinne und einen

kleinen Baum, der unter dem Fenster herangewachsen war ... Doch ich

werde Ihnen lieber von einem anderen Menschen erzählen, den ich im

vorigen Jahre kennen lernte. Hier ist ein Umstand von besonderer

Merkwürdigkeit -- eben weil man einen solchen Menschen nur äußerst

selten trifft: dieser Mensch war einmal zusammen mit anderen aufs

Schafott geführt worden und hatte sein Todesurteil gehört: sie alle

sollten wegen eines politischen Verbrechens erschossen werden. Nach etwa

zwanzig Minuten wurde ihre Begnadigung verlesen, und sie wurden zu einer

milderen Strafe verurteilt. Einstweilen aber, die Zeit zwischen den

beiden Verlesungen, also etwa ganze zwanzig Minuten, hatte er natürlich

in der festen Überzeugung verbracht, daß er nach wenigen Minuten

jählings sterben würde. Ich wollte furchtbar gern einmal hören, wie er

seine damaligen Eindrücke jetzt wohl wiedergeben mochte, und versuchte

mehrmals, das Gespräch auf jenes Erlebnis zu bringen. Er entsann sich

noch jeder Einzelheit ungewöhnlich deutlich und versicherte, daß er

niemals auch nur das Geringste vergessen würde, was er in diesen Minuten

gesehen oder gedacht. Zwanzig Schritte vom Schafott, das viel Volk und

Soldaten umstanden, waren drei Pfähle eingerammt; denn der Verurteilten

waren mehrere. Die ersten drei wurden zu den Pfählen geführt und

angebunden; man zog ihnen das >Sterbekleid< an -- lange weiße Kittel --

und über die Augen wurden ihnen weiße Kapuzen gezogen, damit sie nicht

sähen, wie auf sie gezielt wurde. Vor jedem Pfahl wurde ein Kommando

Soldaten, bestehend aus einigen Mann, aufgestellt. Mein Bekannter war

der Achte in der Reihe, folglich mußte er als einer der Letzten zu den

Pfählen gehen. Der Geistliche trat an jeden heran und segnete ihn mit

dem Kreuz. Es blieben ihm noch fünf Minuten auf Erden, nicht mehr. Doch

diese fünf Minuten schienen ihm eine unendlich lange Frist, ein

unschätzbarer Reichtum; es schien ihm, daß er in diesen fünf Minuten

noch so viel Leben zu durchleben habe, daß er an den letzten Augenblick

vorläufig noch gar nicht zu denken brauche, und er entwarf noch einen

ganzen Plan für die Ausnutzung dieser kurzen Zeit: für den Abschied von

den Kameraden bestimmte er zwei Minuten; weitere zwei Minuten bestimmte

er dazu, um zum letztenmal noch einmal still für sich zu denken, und die

letzte Minute, um noch einmal, zum letztenmal, rings um sich zu schauen.

Er entsann sich dieser Zeiteinteilung noch bis auf jede Einzelheit, er

wußte genau, welche Gedanken er gehabt, und daß er sich gerade diese

Reihenfolge vorgenommen. Er war damals siebenundzwanzig Jahre alt, als

er sterben sollte, gesund und kräftig. Als er von seinen Freunden

Abschied nahm, stellte er, dessen entsann er sich noch deutlich, an

einen von ihnen irgendeine nebensächliche Frage und vernahm sogar sehr

interessiert dessen Antwort. Darauf, als er von ihnen Abschied genommen,

begannen die zwei Minuten, die er dazu bestimmt hatte, um _still für

sich zu denken_. Er wußte, worüber er nachdenken würde: er wollte es

sich immer einmal vorstellen, möglichst schnell und klar und grell, wie

denn das eigentlich sei: soeben lebt er noch, er _ist_, nach drei

Minuten aber _ist_ er _nicht_, nach drei Minuten wird er ein

_Irgend-etwas_ sein -- aber was denn, wo denn? Und alles das glaubte er

in diesen zwei Minuten entscheiden zu können. Nicht weit von jenem

Platz, auf dem sie erschossen werden sollten, war eine Kirche, und das

vergoldete Dach des Turmes glänzte im hellen Sonnenschein. Er wußte

noch, daß er unverwandt, daß er fast starr auf diesen goldenen Turm und

die Strahlen, die von ihm ausgingen, gesehen hatte; er vermochte sich

nicht loszureißen von diesen Strahlen: es schien ihm, daß sie seine neue

Natur seien, daß er nach drei Minuten irgendwie mit ihnen

ineinanderfluten würde ... Die Ungewißheit und der Ekel vor diesem

Neuen, das unfehlbar sogleich eintreten mußte und dann ewig sein würde,

waren für ihn auch in der Erinnerung noch grauenvoll. Doch trotzdem sei

ihm in diesen Augenblicken nichts schwerer gewesen, erzählte er, als der

unausgesetzte Gedanke: >Wie aber, wenn du nicht zu sterben brauchtest?

Wenn man dir das Leben wiedergeben würde -- welch eine Ewigkeit! Und all

das gehörte dann mir! Oh, jede Minute würde ich in ein ganzes

Jahrhundert verwandeln, nichts würde ich verlieren, jede Minute würde

ich zählen, nichts, nichts würde ich verlieren, keinen Augenblick würde

ich ungenützt vergeuden!< Er sagte, daß dieser Gedanke in ihm

schließlich zu einem so brennenden Ingrimm geworden sei, daß er nur noch

gewünscht habe, schneller erschossen zu werden.«

Der Fürst verstummte plötzlich. Alle erwarteten, daß er noch fortfahren

und etwas Besonderes daraus folgern würde.

»Haben Sie beendet, was Sie erzählen wollten?« fragte Aglaja.

»Was? Ach so -- ja,« sagte der Fürst, aus seiner Gedankenverlorenheit

auffahrend.

»Wozu haben Sie uns denn das erzählt?«

»So ... es fiel mir gerade ein ... weil wir darauf zu sprechen kamen

...«

»Sie scheinen gern so plötzlich abzubrechen,« bemerkte Alexandra, »Sie

wollten damit gewiß sagen, daß mitunter fünf Minuten wertvoller als ein

Schatz sein können. Das ist ja alles recht schön und gut, aber, erlauben

Sie mal, -- was tat denn dieser Ihr Bekannter, der Ihnen diese Marter

geschildert hat: er wurde doch begnadigt, folglich erhielt er diese

>Ewigkeit< geschenkt. Nun, und was tat er denn später mit diesem

Reichtum? Lebte er wirklich so, daß er keinen Augenblick mehr >ungenützt

vergeudete<?«

»O nein, er hat mir selbst gesagt -- auch ich stellte diese Frage an ihn

--, daß er längst nicht so gelebt und viele, viele Augenblicke vergeudet

und verloren habe ...«

»Nun, dann kann Ihnen ja dies sogleich als Beispiel dienen, und wie Sie

daraus sehen, kann man doch nicht so leben, daß man keinen Augenblick

ungenützt vergeudet. Aus irgendeinem Grunde ist es eben unmöglich.«

»Ja, aus irgendeinem Grunde ist es eben unmöglich,« sprach der Fürst

gedankenverloren nach, »mir selbst hat es auch so geschienen ... Aber

dennoch -- man will es gleichsam nicht glauben ...«

»Das heißt, Sie glauben klüger als alle anderen zu leben?« fragte

Aglaja.

»Ja, auch das habe ich mitunter geglaubt.«

»Und glauben es auch jetzt noch?«

»Und ... glaube es auch jetzt noch,« antwortete der Fürst, der mit

demselben stillen und nachdenklichen Lächeln Aglaja ansah. Alsbald

jedoch lachte er wieder und sah sie heiter an.

»Sehr bescheiden!« Aglaja ärgerte sich fast.

»Aber wie mutig Sie sind, Sie lachen ganz harmlos, während mich das

alles so heftig traf und erschütterte, daß es mir noch lange nachher im

Traum erschien; gerade diese fünf Minuten habe ich oft im Traum

durchlebt ...«

Ernst und prüfend betrachtete er nochmals seine Zuhörerinnen.

»Sie ärgern sich doch nicht aus irgendeinem Grunde über mich?« fragte er

plötzlich, offenbar etwas verwirrt, doch blickte er dabei allen offen in

die Augen.

»Weshalb?« Alle drei Mädchen wunderten sich über seine plötzliche Frage.

»Nun, weil es doch so den Anschein hat, als wolle ich belehren ...«

Da brachen sie von neuem in Lachen aus.

»Wenn Sie mir böse sind, so ... tragen Sie es mir nicht nach,« bat er.

»Ich weiß es ja selbst, daß ich weniger als alle anderen gelebt habe und

weniger als alle vom Leben verstehe. Ich spreche mitunter vielleicht

sehr sonderbar ...«

Und der Fürst verstummte, nun wirklich verwirrt.

»Wenn Sie sagen, daß Sie glücklich gewesen sind, so haben Sie nicht

weniger, sondern mehr gelebt -- weshalb verstellen Sie sich dann und

entschuldigen sich?« fragte Aglaja streng, fast händelsüchtig. »Und

beunruhigen Sie sich nicht darüber, daß Sie uns belehren, hier kann von

einem Triumph Ihrerseits gar nicht die Rede sein. Mit Ihrem Quietismus

kann man auch ein Leben von hundert Jahren mit Glück ausfüllen. Ihnen

kann man eine Hinrichtung zeigen oder einen kleinen Finger, Sie werden

aus dem einen wie aus dem anderen einen gleich lobenswerten Schluß

ziehen und überdies noch sehr zufrieden sein. So kann man schon leben.«

»Weshalb ärgerst du dich wieder -- das versteh' ich nicht!« unterbrach

sie die Generalin, die schon längere Zeit verwundert die Gesichter der

Sprechenden betrachtet hatte, »und wovon ihr redet, kann ich überhaupt

nicht begreifen. Was soll dieser kleine Finger? -- Und dieser ganze

Unsinn? Der Fürst spricht vorzüglich, nur ein wenig traurig. Weshalb

entmutigst du ihn? Als er zu erzählen begann, lachte er noch, jetzt aber

hast du ihn ganz verwirrt gemacht.«

»Tut nichts, _maman_. Schade, daß Sie keine Hinrichtung gesehen haben,

Fürst, ich würde Sie sonst etwas gefragt haben.«

»Ich habe eine Hinrichtung gesehen,« antwortete der Fürst.

»Ja??« fragte Aglaja ganz überrascht. »Eigentlich hätte ich es mir

denken können! Das ist nun das Letzte, das fehlte noch! Aber wenn Sie

eine Hinrichtung gesehen haben, wie können Sie dann sagen, daß Sie die

ganze Zeit glücklich gewesen sind? Nun, hab' ich nicht recht?«

»Wurde denn auch in Ihrem Dorf hingerichtet?« fragte Adelaida.

»Nein, ich habe in Lyon eine Hinrichtung gesehen. Ich war mit Professor

Schneider hingefahren, er nahm mich mit. Als wir ankamen, gerieten wir

gerade auf den Platz ...«

»Nun, und es gefiel Ihnen sehr? Es enthielt wohl viel Erbauliches,

Nützliches?« fragte Aglaja.

»Es gefiel mir durchaus nicht und ich war nachher krank, aber ich muß

gestehen, daß ich wie gebannt hinsah, ich konnte meinen Blick nicht

losreißen.«

»Auch ich hätte meinen Blick nicht losreißen können,« sagte Aglaja.

»Dort sieht man es sehr ungern, wenn Frauen einer Hinrichtung beiwohnen,

sogar in den Zeitungen wird dann dagegen geschrieben.«

»Das heißt also, daß man es nicht für eine Frauensache hält, sondern nur

für eine Männersache, und damit will man's rechtfertigen. Ich gratuliere

zu dieser Logik. Und Sie sind natürlich derselben Ansicht.«

»Erzählen Sie uns von jener Hinrichtung,« unterbrach Adelaida die

Schwester.

»Ich würde jetzt nichts weniger als gern davon erzählen ...,« sagte der

Fürst sehr ernst, und er runzelte ein wenig die Stirn, während es wie

ein Schatten über sein Gesicht zog.

»Das sieht ja ganz aus, als sei es hier nicht der Mühe wert,« stichelte

Aglaja.

»Nein, ich sagte es nur, weil ich von dieser Hinrichtung vorhin schon

erzählt habe.«

»Wem haben Sie davon erzählt?«

»Ihrem Diener, als ich dort wartete ...«

»Welchem Diener?« ertönte es von allen Seiten.

»Nun, dem, der dort im Vorzimmer sitzt, mit dem graumelierten Haar und

roten Gesicht. Ich wartete im Vorzimmer, bis Iwan Fedorowitsch mich

empfing.«

»Das ist sonderbar,« meinte die Generalin.

»Der Fürst ist ein Demokrat,« warf Aglaja kurz hin. »Freilich, wenn Sie

es unserem Alexei erzählt haben, können Sie es uns nicht mehr erzählen.«

»Ich will es aber unbedingt hören!« bestand Adelaida auf ihrem Wunsch.

»Vorhin,« wandte sich der Fürst wieder etwas ermutigter an Adelaida (wie

es schien, faßte er sehr schnell Mut und war dann überhaupt sehr

zutraulich), »vorhin hatte ich allerdings einen Gedanken, als Sie um ein

Sujet für ein Bild baten: zeichnen Sie das Gesicht eines zum Tode

Verurteilten, wenn er auf dem Schafott steht, kurz bevor er den Kopf auf

den Block gelegt hat, eine Minute vor dem Niederfallen des Beiles.«

»Wie, das Gesicht? Nur das Gesicht?« fragte Adelaida. »Das ist doch ein

etwas eigentümliches Sujet, und was wäre denn das für ein Bild?«

»Ich weiß nicht ... aber warum nicht?« fragte der Fürst, der mit Eifer

bei der Sache war. »Ich habe in Basel vor nicht langer Zeit ein

ähnliches Bild gesehen. Ich würde es Ihnen gern beschreiben ... nun, ein

anderes Mal ... Es hat sich mir unvergeßlich eingeprägt.«

»Oh, das Baseler Bild müssen Sie mir unbedingt einmal beschreiben; jetzt

aber sagen Sie mir, wie Sie sich das Bild dieser Hinrichtung denken.

Können Sie es so wiedergeben, wie Sie es sich selbst vorstellen? Wie

soll ich denn das Gesicht malen? Nichts als ein Gesicht? Was muß denn

das für ein Gesicht sein?«

»Das Gesicht eines zum Tode Verurteilten, eine Minute vor der

Hinrichtung,« begann der Fürst mit ersichtlicher Bereitwilligkeit. Es

hatte den Anschein, als ließe er sich von der Erinnerung ganz

gefangennehmen, und als hätte er alles übrige schon vollständig

vergessen. »Das Gesicht in dem Augenblick, wenn er gerade die kleine

Treppe emporgestiegen ist und sich nun plötzlich auf dem Schafott sieht

... Er blickte zufällig in die Richtung, in der ich stand: ich sah sein

Gesicht und begriff alles ... Aber wie soll man das in Worten

wiedergeben! Ich würde -- ich weiß nicht was darum geben, wenn Sie oder

sonst jemand dieses Gesicht zeichneten! Wenn Sie das könnten! Ich dachte

schon damals, daß ein solches Bild von großem Nutzen sein würde. Wissen

Sie, man müßte in diesem Gesicht alles wiedergeben, was vorhergegangen

ist, alles, alles! Er hatte im Gefängnis gesessen und, wie ich später

las, erst nach einer Woche die Hinrichtung erwartet. Er hatte auf

Verzögerung gerechnet, darauf, daß die Papiere noch irgendwo eingereicht

werden müßten und nicht vor einer Woche zurückkommen könnten. Und nun

plötzlich hatten alle Formalitäten viel weniger Zeit in Anspruch

genommen. Um fünf Uhr morgens schlief er noch. Es war Ende Oktober: da

ist es um fünf Uhr kalt und dunkel. Der Gefängnisaufseher trat mit der

Wache leise ein und berührte vorsichtig seine Schulter; jener erwachte,

richtete sich auf, sah das Licht und die Wachen. >Was ist?< -- >Um zehn

Uhr findet die Hinrichtung statt.< Zuerst soll er es gar nicht geglaubt

haben, es hieß, er habe sogar gestritten und behauptet, die Papiere

könnten nicht vor einer Woche zurückkommen. Doch als er nach dem jähen

Erwachen vollends zu sich kam, da hörte er auf zu widersprechen und

verstummte -- so wurde später erzählt. Darauf soll er noch gesagt haben:

>Es ist doch schwer, so plötzlich ...< worauf er wieder verstummte. Die

ersten drei oder vier Stunden vergehen über den Vorbereitungen: da kommt

der Geistliche, dann das Frühstück, zu dem er Wein, Kaffee und

Rindfleisch erhält -- ist das nicht ein wahrer Spott und Hohn? Wenn man

nur bedenkt, wie grausam das alles ist! Und doch, bei Gott, diese

unschuldigen Leute sind in ihrer Herzenseinfalt vollkommen überzeugt,

daß es ein Werk der Nächstenliebe sei! Darauf folgt das Ankleiden des

Verurteilten -- Sie wissen doch, worin das besteht? -- nun, und dann

wird er durch die Stadt zum Schafott geführt ... Ich glaube, auch hier

muß es dem Betreffenden scheinen, daß noch ein unendlich langes Leben

vor ihm liegt, während er hingeführt wird. Sicherlich denkt er

unterwegs: >Oh, es ist ja noch weit, noch drei ganze Straßen weit habe

ich zu leben; jetzt habe ich noch die erste vor mir, dann kommt erst die

zweite und dann erst die dritte, wo rechts der Bäckerladen ist ... oh,

bis wir erst zum Bäckerladen kommen!< Ringsum drängt sich das Volk,

ringsum Geschrei und Lärm, zehntausend Gesichter, zehntausend Augenpaare

-- alles das muß er ertragen, doch das Schrecklichste ist der Gedanke:

>Da sind ihrer zehntausend, und von ihnen wird keiner hingerichtet, nur

ich allein werde hingerichtet!< Und das ist alles erst der Anfang! Eine

kleine Treppe führt zum Schafott hinauf; vor dieser Treppe brach er

plötzlich in Tränen aus und war doch dabei ein starker Mensch mit

männlichem Charakter und ein großer Missetäter, wie man erzählte. Der

Geistliche wich keinen Augenblick von seiner Seite, er fuhr auch im

Verbrecherkarren mit ihm zum Richtplatz und sprach die ganze Zeit auf

ihn ein, doch wird dieser ihm wohl kaum zugehört haben, -- und wenn er

auch hingehört haben sollte, so wird er ihn nach dem dritten Wort doch

nicht mehr verstanden haben. So hat es unbedingt sein müssen. Endlich

begann er die Treppe emporzusteigen. Die Füße waren ihm ja gefesselt,

und so bewegte er sich nur mit kleinen Schritten vorwärts. Der

Geistliche muß ein verständiger Mann gewesen sein: er hörte auf zu reden

und hielt ihm immer nur das Kreuz zum Küssen hin. Vor der Treppe war er

sehr bleich, als er aber oben anlangte und auf dem Schafott stand, da

wurde er plötzlich weiß, buchstäblich so weiß wie Papier, vollkommen wie

ein Blatt weißes Schreibpapier. Zweifellos wurden seine Füße schwach und

steif, und es quälte ihn eine gewisse Übelkeit -- als wenn ihn etwas auf

die Kehle drücke und dort gewissermaßen ein Kitzeln erzeuge --, haben

Sie noch nie diese Empfindung gehabt, nach einem großen Schreck

vielleicht oder im Augenblick entsetzlicher Angst, wenn die Vernunft

zwar noch in Ordnung bleibt, jedoch gar keine Macht mehr besitzt? Ich

glaube, daß, wenn man zum Beispiel unabwendbarem Untergang preisgegeben

ist, wenn etwa ein Haus auf einen niederstürzt oder etwas Ähnliches

geschieht, daß man dann am liebsten sich hinsetzen und die Augen

schließen möchte: laß kommen, was da kommen mag! ... Hier nun, als diese

Schwäche bei ihm eintrat, hielt ihm der Geistliche mit einer schnellen

Geste und ohne ein Wort zu sagen, das Kreuz zum Kuß hin, fast so nah,

daß es die Lippen berührte -- es war ein kleines silbernes Kreuz -- und

immer wieder hielt er es ihm hin, in jeder Minute. Und sobald nur das

Kreuz seine Lippen berührte, öffnete der Verurteilte die Augen und

belebte sich wieder für ein paar Sekunden ... und die Füße gingen

wieder. Gierig küßte er das Kreuz, ja, er beeilte sich geradezu, es zu

küssen, ganz wie man sich beeilt, irgend etwas als Vorrat für alle Fälle

mitzunehmen; doch ist es nicht anzunehmen, daß er dabei irgendeinen

religiösen Gedanken hatte oder sich einer religiösen Handlung bewußt

war. Und so ging er bis zum Block ... Ist es nicht merkwürdig, daß in

diesen letzten Sekunden so selten ein Verurteilter in Ohnmacht fällt? Im

Gegenteil, das Gehirn scheint ungemein tätig zu sein, es arbeitet

rastlos, unermüdlich, ohne Unterlaß, wie eine Maschine in vollem Gang.

Ich denke mir, daß es sehr verschiedene Gedanken sind, die einem dann

durch den Sinn jagen, die man alle nicht zu Ende denkt, und vielleicht

sind es sogar sehr lächerliche und ganz nebensächliche Gedanken, wie zum

Beispiel: >Dieser lange Mensch dort hat eine Warze auf der Stirn -- hier

der untere Knopf am Kittel des Scharfrichters ist verrostet ...<

Gleichzeitig aber kann er doch nichts vergessen, kann er nicht einmal in

Ohnmacht fallen. Und um dieses eine Unvergeßliche dreht sich alles in

seinem Hirn. Und das dauert bis zur letzten Viertelsekunde, wenn der

Kopf bereits auf dem Block liegt und wartet und -- _weiß_ und dann

plötzlich hört, wie das Eisen über ihm rutscht! Das muß man ja doch

unbedingt noch hören! Ich würde, wenn mein Kopf auf dem Block läge,

absichtlich hinhorchen und unfehlbar das Geräusch des Niederfallens

hören. Es dauert das vielleicht nur ein Zehntel eines Augenblicks, aber

man muß es doch unbedingt hören! Und denken Sie, bis jetzt noch streitet

man darüber, ob nicht der Kopf, wenn er schon abgeschlagen ist, noch

eine Sekunde lang weiß, daß er jetzt abgeschlagen ist und herunterfliegt

-- können Sie sich das vorstellen? Und wenn er es nun nicht nur eine

Sekunde, sondern ganze fünf Sekunden lang weiß? ... Zeichnen Sie das

Schafott so, daß man nur die oberste Stufe ganz deutlich und möglichst

nah sieht. In der Mitte steht der Verurteilte, sein Gesicht ist weiß,

vollkommen weiß, der Priester hält ihm das Kreuz hin, das jener gierig

mit seinen blauen Lippen küssen will -- er streckt schon die Lippen vor

und sieht und sieht und -- _weiß alles_. Das Kreuz und der Kopf -- das

ist die Hauptsache, das Gesicht des Priesters, der Henker, dessen zwei

Gehilfen, und dann noch unten ein paar Köpfe und Augen, -- das kommt

alles erst in dritter Linie, als Beiwerk ... Das wäre das ganze

Gemälde.«

Der Fürst verstummte und sah seine Zuhörerinnen an.

»Das sieht jedenfalls nicht nach Quietismus aus,« sagte Alexandra

halblaut vor sich hin.

»Nun, und jetzt erzählen Sie mal, wie Sie verliebt waren,« bat Adelaida.

Der Fürst blickte sie verwundert an.

»Hören Sie,« fuhr Adelaida schnell fort, als wolle sie sich mit der

Begründung ihrer Bitte beeilen, »Sie sind mir noch die Beschreibung des

Baseler Bildes schuldig, ich weiß, aber zuerst will ich hören, wie und

wo und wann Sie verliebt gewesen sind. Leugnen Sie es nicht, Sie sind

verliebt gewesen. Zudem hören Sie sogleich auf Philosoph zu sein, sobald

Sie zu erzählen beginnen.«

»Wenn Sie etwas erzählt haben, scheinen Sie sich sogleich dessen zu

schämen, was Sie erzählt haben. Weshalb das?« fragte Aglaja.

»Pfui, das ist mir denn doch zu dumm!« schnitt ihr die Generalin

ungehalten das Wort ab.

»Ja, es ist nicht gerade klug,« pflichtete ihr Alexandra bei.

»Achten Sie nicht auf sie, Fürst,« wandte sich die Generalin an ihren

Gast, »sie sagt es nur, um sich über Sie lustig zu machen. Sie ist gar

nicht so schlecht erzogen. Denken Sie, bitte, nichts Schlechtes von

ihnen, weil sie Ihnen so zusetzen; sie haben sich wohl wieder etwas in

den Kopf gesetzt, aber ich sehe schon, daß sie Sie trotzdem liebhaben.

Ich kenne ihre Gesichter.«

»Auch ich kenne ihre Gesichter,« sagte der Fürst mit besonderem

Nachdruck.

»Wie das?« fragte Adelaida neugierig.

»Was wissen Sie von unseren Gesichtern?« fragten wißbegierig auch die

anderen.

Doch der Fürst schwieg und blieb ernst; alle warteten, was er wohl

antworten würde.

»Ich werde es Ihnen später sagen,« sagte er schließlich halblaut und mit

ernstem Gesicht.

»Sie wollen ja durchaus unser Interesse erwecken,« neckte Aglaja, »und

dazu welche Feierlichkeit!«

»Nun gut,« fiel wieder Adelaida in ihrer schnellen Redeweise lustig ein,

»aber wenn Sie ein solcher Kenner der Menschengesichter sind, so sind

Sie gewiß auch verliebt gewesen, folglich habe ich ganz richtig geraten.

Erzählen Sie also!«

»Ich bin nicht verliebt gewesen,« antwortete der Fürst ebenso leise und

ernst, »ich bin anders glücklich gewesen.«

»Wie das? Auf welche Weise?«

»... Gut, ich werde es Ihnen erzählen,« sagte der Fürst nach einer

Weile, wie in Gedanken verloren.

Sämtliche Werke 3-4 · 第 16 / 75 题