Ich seh' auch, daß sie zärtlicher Gefühle,
Der schönen Neigung fähig sind; mit Wonne
Entdeck' ich, daß sie ehren, was sie lieben.
Der ungebundnen Freiheit wollen sie
Entsagen, nicht dem Zügel des Gesetzes
Entzieht sich ihre brausend wilde Jugend,
Und sittlich selbst blieb ihre Leidenschaft.
--Und will dir's jetzo gern gestehn, Diego,
Daß ich mit Sorge diesem Augenblick,
Der aufgeschloßnen Blume des Gefühls
Mit banger Furcht entgegen sah--Die Liebe
Wird leicht zur Wuth in heftigen Naturen.
Wenn in den aufgehäuften Feuerzunder
Des alten Hasses auch noch dieser Blitz,
Der Eifersucht feindsel'ge Flamme schlug--
Mir schaudert, es zu denken--ihr Gefühl,
Das niemals einig war, gerade hier
Zum erstenmal unselig sich begegnet--
Wohl mir! Auch diese donnerschwere Wolke,
Die über mir schwarz drohend niederhing,
Sie führte mir ein Engel still vorüber,
Und leicht nun athmet die befreite Brust.
Diego.
Ja, freue deines Werkes dich. Du hast
Mit zartem Sinn und ruhigem Verstand
Vollendet, was der Vater nicht vermochte
Mit aller seiner Herrscher Macht--Dein ist
Der Ruhm; doch auch dein Glücksstern ist zu loben!
Isabella.
Vieles gelang mir! Viel auch that das Glück!
Nichts Kleines war es, solche Heimlichkeit
Verhüllt zu tragen diese langen Jahre,
Der Mann zu täuschen, den umsichtigsten
Der Menschen, und ins Herz zurückzudrängen
Den Trieb des Bluts, der mächtig, wie des Feuers
Verschloßner Gott, aus seinen Banden strebte!
Diego.
Ein Pfand ist mir des Glückes lange Gunst,
Daß Alles sich erfreulich lösen wird.
Isabella.
Ich will nicht eher meine Sterne loben,
Bis ich das Ende dieser Thaten sah.
Daß mir der böse Genius nicht schlummert,
Erinnert warnen mich der Tochter Flucht.
--Schilt oder lobe meine That, Diego!
Doch dem Getreuen will ich nichts verbergen.
Nicht tragen konnt' ich's, hier in müß'ger Ruh
Zu harren des Erfolgs, indeß die Söhne
Geschäftig forschen nach der Tochter Spur.
Gehandelt hab' auch ich--Wo Menschenkunst
Nicht zureicht, hat der Himmel oft gerathen.
Diego.
Entdecke mir, was mir zu wissen ziemt.
Isabella.
Einsiedelnd auf des Ätna Höhen haust
Ein frommer Klausner, von Uralters her
Der Greis genannt des Berges, welcher, näher
Dem Himmel wohnend, als der andern Menschen
Tief wandelndes Geschlecht, den ird'schen Sinn
In leichter, reiner Ätherluft geläutert
Und von dem Berg der aufgewälzten Jahre
Hinabsieht in das aufgelöste Spiel
Des unverständlich krummgewundnen Lebens.
Nicht fremd ist ihm das Schicksal meines Hauses,
Oft hat der heil'ge Mann für uns den Himmel
Gefragt und manchen Fluch hinweggebetet.
Zu ihm hinauf gesandt hab' ich alsbald
Des raschen Boten jugendliche Kraft,
Daß er mir Kunde von der Tochter gebe,
Und stündlich harr' ich dessen Wiederkehr.
Diego.
Trügt mich mein Auge nicht, Gebieterin,
So ist's derselbe, der dort eilend naht,
Und Lob fürwahr verdient der Emsige!
Zweiter Auftritt.
Bote. Die Vorigen.
Isabella.
Sag' an und weder Schlimmes hehle mir
Noch Gutes, sondern schöpfe rein die Wahrheit!
Was gab der Greis des Bergs dir zum Bescheide?
Bote.
Ich soll mich schnell zurückbegeben, war
Die Antwort, die Verlorne sei gefunden.
Isabella.
Glücksel'ger Mund, erfreulich Himmelswort,
Stets hast du das Erwünschte mir verkündet!
Und welchem meiner Söhne war's verliehn,
Die Spur zu finden der Verlornen?
Bote.
Die Tiefverborgne fand dein ältster Sohn.
Isabella.
Don Manuel ist es, dem ich sie verdanke!
Ach, stets war dieser mir ein Kind des Segens!
--Hast du dem Greis auch die geweihte Kerze
Gebracht, die zum Geschenk ich ihm gesendet,
Sie anzuzünden seinem Heiligen?
Denn, was von Gaben sonst der Menschen Herzen
Erfreut, verschmäht der fromme Gottesdiener.
Bote.
Die Kerze nahm er schweigend von mir an,
Und zum Altar hintretend, wo die Lampe
Dem Heil'gen brannte, zündet' er sie flugs
Dort an, und schnell in Brand steckt' er die Hütte,
Worin er Gott verehrt seit neunzig Jahren.
Isabella.
Was sagst du? Welches Schreckniß nennst du mir?
Bote.
Und dreimal Wehe! Wehe! rufend, stieg er
Herab vom Berg; mir aber winkt' er schweigend,
Ihm nicht zu folgen, noch zurückzuschauen.
Und so, gejagt von Grausen, eilt' ich her!
Isabella.
In neuer Zweifel wogende Bewegung
Und ängstlich schwankende Verworrenheit
Stürzt mich das Widersprechende zurück.
Gefunden sei mir die verlorne Tochter
Von meinem ältsten Sohn, Don Manuel?
Die gute Rede kann mir nicht gedeihen,
Begleitet von der unglücksel'gen That.
Bote.
Blick' hinter dich, Gebieterin! Du siehst
Des Klausners Wort erfüllt vor deinen Augen;
Denn Alles müßt' mich trügen, oder dies
Ist die verlorne Tochter, die du suchst,
Von deiner Söhne Ritterschaar begleitet.
(Beatrice wird von dem zweiten Halbchor auf einem Tragsessel
gebracht und auf der vordern Bühne niedergesetzt. Sie ist noch
ohne Leben und Bewegung.)
Dritter Auftritt.
Isabella. Diego. Bote. Beatrice. Chor. (Bohemund, Roger, Hippolyt
und die neun andern Ritter Don Cesars.)
Chor. (Bohemund.)
Des Herrn Geheiß erfüllend, setzen wir
Die Jungfrau hier zu deinen Füßen nieder,
Gebieterin--Also befahl er uns
Zu thun und dir zu melden dieses Wort:
Es sei dein Sohn Don Cesar, der sie sendet.
Isabella (ist mit ausgebreiteten Armen auf sie zugeeilt und tritt
mit Schrecken zurück.)
O Himmel! Sie ist bleich und ohne Leben!
Chor. (Bohemund.)
Sie lebt! Sie wird erwachen! Gönn' ihr Zeit,
Von dem Erstaunlichen sich zu erholen,
Das ihre Geister noch gebunden hält.
Isabella.
Mein Kind! Kind meiner Schmerzen, meiner Sorgen!
So sehen wir uns wieder! So mußt du
Den Einzug halten in des Vaters Haus!
O, laß an meinem Leben mich das deinige
Anzünden! An die mütterliche Brust
Will ich dich pressen, bis, vom Todesfrost
Gelöst, die warmen Adern wieder schlagen! (Zum Chor.)
O, sprich! Welch Schreckliches ist hier geschehn?
Wo fandst du sie? Wie kam das theure Kind
In diesen kläglich jammervollen Zustand?
Chor. (Bohemund.)
Erfahr' es nicht von mir, mein Mund ist stumm.
Dein Sohn Don Cesar wird dir Alles deutlich
Verkündigen, denn er ist's, der sie sendet.
Isabella.
Mein Sohn Don Manuel, so willst du sagen?
Chor. (Bohemund.)
Dein Sohn Don Cesar sendet sie dir zu.
Isabella (zu dem Boten).
War's nicht Don Manuel, den der Seher nannte?
Bote.
So ist es, Herrin, das war seine Rede.
Isabella.
Welcher es sei, er hat mein Herz erfreut;
Die Tochter dank' ich ihm, er sei gesegnet!
O, muß ein neid'scher Dämon mir die Wonne
Des heiß erflehten Augenblicks verbittern!
Ankämpfen muß ich gegen mein Entzücken!
Die Tochter seh' ich in des Vaters Haus,
Sie aber sieht nicht mich, vernimmt mich nicht,
Sie kann der Mutter Freude nicht erwiedern.
O, öffnet euch, ihr lieben Augenlichter!
Erwärmet euch, ihr Hände! Hebe dich,
Lebloser Busen, und schlage der Lust!
Diego! Das ist meine Tochter--Das
Die Langverborgne, die Gerettete,
Vor aller Welt kann ich sie jetzt erkennen!
Chor. (Bohemund.)
Ein seltsam neues Schreckniß glaub' ich ahnend
Vor mir zu sehn und stehe wundernd, wie
Das Irrsal sich entwirren soll und lösen.
Isabella (zum Chor, der Bestürzung und Verlegenheit ausdrückt).
O, seid ihr undurchdringlich harte Herzen!
Vom ehrnen Harnisch eurer Brust, gleichwie
Von einem schroffen Meeresfelsen, schlägt
Die Freude meines Herzens mir zurück!
Umsonst in diesem ganzen Kreis umher
Späh' ich nach einem Auge, das empfindet.
Wo weilen meine Söhne, daß ich Antheil
In einem Auge lese; denn mir ist,
Als ob der Wüste unmitleid'ge Schaaren,
Des Meeres Ungeheuer mich umständen!
Diego.
Sie schlägt die Augen auf! Sie regt sich, lebt!
Isabella.
Sie lebt! Ihr erster Blick sei auf die Mutter!
Diego.
Das Auge schließt sie schaudernd wieder zu.
Isabella (zum Chor).
Weichet zurück! Sie schreckt der fremde Anblick!
Chor (tritt zurück). (Bohemund.)
Gern meid' ich's, ihrem Blicke zu begegnen.
Diego.
Mit großen Augen mißt sie staunend dich.
Beatrice.
Wo bin ich? Diese Züge sollt' ich kennen.
Isabella.
Langsam kehrt die Besinnung ihr zurück.
Diego.
Was macht sie? Auf die Kniee senkt sie sich.
Beatrice.
Ich, schönes Engelsantlitz meiner Mutter!
Isabella.
Kind meines Herzens! Komm in meine Arme!
Beatrice.
Zu deinen Füßen sieh die Schuldige.
Isabella.
Ich habe dich wieder! Alles sei vergessen!
Diego.
Betracht' auch mich! Erkennst du meine Züge?
Beatrice.
Des redlichen Diego greises Haupt!
Isabella.
Der treue Wächter deiner Kinderjahre.
Beatrice.
So bin ich wieder in dem Schooß der Meinen?
Isabella.
Und nichts soll uns mehr scheiden, als der Tod.
Beatrice.
Du willst mich nicht mehr in die Fremde stoßen?
Isabella.
Nichts trennt uns mehr, das Schicksal ist befriedigt.
Beatrice (sinkt an ihre Brust).
Und find' ich wirklich mich an deinem Herzen?
Und Alles war ein Traum, was ich erlebt?
Ein schwerer, fürchterlicher Traum--O Mutter!
Ich sah ihn todt zu meinen Füßen fallen!
--Wie komm' ich aber hieher? Ich besinne
Mich nicht--Ach, wohl mir, wohl, daß ich gerettet
In deinen Armen bin! Sie wollten mich
Zur Fürstin Mutter von Messina bringen.
Eher ins Grab!
Isabella.
Komm zu dir, meine Tochter!
Messinas Fürstin--
Beatrice.
Nenne sie nicht mehr!
Mir gießt sich bei dem unglücksel'gen Namen
Ein Frost des Todes durch die Glieder.
Isabella.
Höre mich.
Beatrice.
Sie hat zwei Söhne, die sich tödtlich hassen;
Don Manuel, Don Cesar nennt man sie.
Isabella.
Ich bin's ja selbst! Erkenne deine Mutter!
Beatrice.
Was sagst du? Welches Wort hast du geredet?
Isabella.
Ich, deine Mutter, bin Messinas Fürstin.
Beatrice.
Du bist Don Manuels Mutter und Don Cesars?
Isabella.
Und deine Mutter! Deine Brüder nennst du!
Beatrice.
Weh, weh mir! O, entsetzensvolles Licht!
Isabella.
Was ist dir? Was erschüttert dich so seltsam?
Beatrice (wild um sich her schauend, erblickt den Chor).
Das sind sie, ja! Jetzt, jetzt erkenn' ich sie.
Mich hat kein Traum getäuscht--Die sind's, Die waren
Zugegen--Es ist fürchterliche Wahrheit!
Unglückliche, wo habt ihr ihn verborgen?
(Sie geht mit heftigem Schritt auf den Chor zu, der sich von ihr
abwendet. Ein Trauermarsch läßt sich in der Ferne hören.)
Chor.
Weh! Wehe!
Isabella.
Wen verborgen? Was ist wahr?
Ihr schweigt bestürzt--Ihr scheint sie zu verstehn.
Ich les' in euren Augen, eurer Stimme
Gebrochnen Tönen etwas Unglücksel'ges,
Das mir zurückgehalten wird--Was ist's?
Ich will es wissen. Warum heftet ihr
So schreckensvolle Blicke nach der Thüre?
Und was für Töne hör' ich da erschallen?
Chor. (Bohemund.)
Es naht sich! Es wird sich mit Schrecken klären.
Sei stark, Gebieterin, stähle dein Herz!
Mit Fassung ertrage, was dich erwartet,
Mit männlicher Seele den tödtlichen Schmerz!
Isabella.
Was naht sich? Was erwartet mich?--Ich höre
Der Todtenklage fürchterlichen Ton
Das Haus durchdringen--Wo sind meine Söhne?
(Der erste Halbchor bringt den Leichnam Don Manuels auf einer
Bahre getragen, die er auf der leer gelassenen Seite der Scene
niedersetzt. Ein schwarzes Tuch ist darüber gebreitet.)
Vierter Auftritt.
Isabella. Beatrice. Diego. Beide Chöre.
Erster Chor. (Cajetan.)
Durch die Straßen der Städte,
Vom Jammer gefolget,
Schreitet das Unglück--
Lauernd umschleicht es
Die Häuser der Menschen,
Heute an dieser
Pforte pocht es,
Morgen an jener,
Aber noch keinen hat es verschont.
Die unerwünschte
Schmerzliche Botschaft,
Früher oder später,
Bestellt es an jeder
Schwelle, wo ein Lebendiger wohnt.
(Berengar.)
Wenn die Blätter fallen
In des Jahres Kreise,
Wenn zum Grabe wallen
Entnervte Greise,
Da gehorcht die Natur
Ruhig nur
Ihrem alten Gesetze,
Ihrem ewigen Brauch,
Da ist nichts, was den Menschen entsetze!
Aber das Ungeheure auch
Lerne erwarten im irdischen Leben!
Mit gewaltsamer Hand
Löst der Mord auch das heiligste Band,
In sein stygisches Boot
Raffet der Tod
Auch der Jugend blühendes Leben!
(Cajetan.)
Wenn die Wolken gethürmt den Himmel schwärzen,
Wenn dumpftosend der Donner hallt,
Da, da fühlen sich alle Herzen
In des furchtbaren Schicksals Gewalt.
Aber auch aus entwölkter Höhe
Kann der zündende Donner schlagen
Darum in deinen fröhlichen Tagen
Fürchte des Unglücks tückische Nähe!
Nicht an die Güter hänge dein Herz,
Die das Leben vergänglich zieren!
Wer besitzt, der lerne verlieren,
Wer im Glück ist, der lerne den Schmerz.
Isabella.
Was soll ich hören? Was verhüllt dies Tuch?
(Sie macht einen Schritt gegen die Bahre, bleibt aber unschlüssig
zaudernd stehen.)
Es zieht mich grausend hin und zieht mich schaudernd
Mit dunkler, kalter Schreckenshand zurück.
(Zu Beatrice, welche sich zwischen sie und die Bahre geworfen.)
Laß mich! Was es auch sei, ich will's enthüllen!
(Sie hebt das Tuch auf und entdeckt Don Manuels Leichnam.)
O himmlische Mächte, es ist mein Sohn!
(Sie bleibt mit starrem Entsetzen stehen--Beatrice sinkt mit einem
Schrei des Schmerzens neben der Bahre nieder.)
Chor. (Cajetan, Berengar, Manfred.)
Unglückliche Mutter! Es ist dein Sohn!
Du hast es gesprochen, das Wort des Jammers,
Nicht meinen Lippen ist es entflohn.
Isabella.
Mein Sohn! Mein Manuel!--O, ewige
Erbarmung--So muß ich dich wieder finden!
Mit deinem Leben mußtest du die Schwester
Erkaufen aus des Räubers Hand!--Wo war
Dein Bruder, daß sein Arm dich nicht beschützte?
--O, Fluch der Hand, die diese Wunde grub!
Fluch ihr, die den Verderblichen geboren,
Der mir den Sohn erschlug! Fluch seinem ganzen
Geschlecht!
Chor.
Wehe! Wehe! Wehe! Wehe!
Isabella.
So haltet ihr mir Wort, ihr Himmelsmächte?
Das, das ist eure Wahrheit? Wehe Dem,
Der euch vertraut mit redlichem Gemüth!
Worauf hab' ich gehofft, wovor gezittert,
Wenn dies der Ausgang ist!--O, die ihr hier
Mich schreckenvoll umsteht, an meinem Schmerz
Die Blicke weidend, lernt die Lügen kennen,
Womit die Träume uns, die Seher täuschen!
Glaube noch einer an der Götter Mund!
--Als ich mich Mutter fühlte dieser Tochter,
Da träumte ihrem Vater eines Tages,
Er säh' aus seinem hochzeitlichen Bette
Zwei Lorbeerbäume wachsen--Zwischen ihnen
Wuchs eine Lilie empor; sie ward
Zur Flamme, die der Bäume dicht Gezweig ergriff
Und, um sich wüthend, schnell das ganze Haus
In ungeheurer Feuersfluth verschlang.
Erschreckt von diesem seltsamen Gesichte,
Befrug der Vater einen Vogelschauer
Und schwarzen Magier um die Bedeutung.
Der Magier erklärte: wenn mein Schooß
Von einer Tochter sich entbinden würde,
So würde sie die beiden Söhne ihm
Ermorden und vertilgen seinen Stamm!
Chor. (Cajetan und Bohemund.)
Gebieterin, was sagst du? Wehe! Wehe!
Isabella.
Darum befahlt der Vater, sie zu tödten;
Doch ich entrückte sie dem Jammerschicksal.
--Die arme Unglückselige! Verstoßen
Ward sie als Kind aus ihrer Mutter Schooß,
Daß sie, erwachsen, nicht die Brüder morde!
Und jetzt durch Räubershände fällt der Bruder,
Nicht die Unschuldige hat ihn getödtet!
Chor.
Wehe! Wehe! Wehe! Wehe!
Isabella.
Keinen Glauben
Verdiente mir des Götzendieners Spruch,
Ein beßres Hoffen stärkte meine Seele.
Denn mir verkündigte ein andrer Mund,
Den ich für wahrhaft hielt, von dieser Tochter:
"In heißer Liebe würde sie dereinst
"Der Söhne Herzen mir vereinigen."
--So widersprachen die Orakel sich,
Den Fluch zugleich und Segen auf das Haupt
Der Tochter legend--Nicht den Fluch hat sie
Verschuldet, die Unglückliche! Nicht Zeit
Ward ihr gegönnt, den Segen zu vollziehen.
Ein Mund hat, wie der andere, gelogen!
Die Kunst der Seher ist ein eitles Nichts,
Betrüger sind sie oder sind betrogen.
Nichts Wahres läßt sich von der Zukunft wissen,
Du schöpfest drunten an der Hölle Flüssen,
Du schöpfest droben an dem Quell des Lichts.
Erster Chor. (Cajetan.)
Wehe! Wehe! Was sagst du? Halt ein, halt ein!
Bezähme der Zunge verwegenes Toben!
Die Orakel sehen und treffen ein,
Der Ausgang wird die Wahrhaftigen loben!
Isabella.
Nicht zähmen will ich meine Zunge, laut,
Wie mir das Herz gebietet, will ich reden.
Warum besuchen wir die heil'gen Häuser
Und heben zu dem Himmel fromme Hände?
Gutmüth'ge Thoren, was gewinnen wir
Mit unserm Glauben? So unmöglich ist's,
Die Götter, die hochwohnenden, zu treffen,
Als in den Mond mit einem Pfeil zu schießen.
Vermauert ist dem Sterblichen die Zukunft,
Und kein Gebet durchbohrt den ehrnen Himmel.
Ob rechts die Vögel fliegen oder links,
Die Sterns so sich oder anders fügen,
Nicht Sinn ist in dem Buche der Natur,
Die Traumkunst träumt, und alle Zeichen trügen.
Zweiter Chor. (Bohemund.)
Halt ein, Unglückliche! Wehe! Wehe!
Du leugnest der Sonne leuchtendes Licht
Mit blinden Augen! Die Götter leben,
Erkenne sie, die dich furchtbar umgeben!
(Alle Ritter.)
Die Götter leben, die Götter leben,
Erkenne sie, die dich furchtbar umgeben!
Beatrice.
O Mutter! Mutter! Warum hast du mich
Gerettet! Warum warfst du mich nicht hin
Dem Fluch, der, eh' ich war, mich schon verfolgte?
Blödsicht'ge Mutter! Warum dünktest du
Dich weiser, als die Alles Schauenden,
Die Nah' und Fernes an einander knüpfen
Und in der Zukunft späte Saaten sehn?
Dir selbst und mir, uns allen zum Verderben
Hast du den Todesgöttern ihren Raub,
Den sie gefordert, frevelnd vorenthalten!
Jetzt nehmen sie ihn zweifach, dreifach selbst.
Nicht dank' ich dir das traurige Geschenk,
Dem Schmerz, dem Jammer hast du mich erhalten!
Erster Chor (Cajetan.) (in heftiger Bewegung nach der Thüre sehend).
Brechet auf, ihr Wunden,
Fließet, fließet!
In schwarzen Güssen
Stürzet hervor, ihr Bäche des Bluts!
(Berengar.)
Eherner Füße
Rauschen vernehm' ich,
Höllischer Schlangen
Zischendes Tönen,
Ich erkenne der Furien Schritt!
(Cajetan.)
Stürzet ein, ihr Wände!
Versink, o Schwelle,
Unter der schrecklichen Füße Tritt!
Schwarze Dämpfe, entsteiget, entsteiget
Qualmend dem Abgrund! Verschlinget des Tages
Lieblichen Schein!
Schützende Götter des Hauses, entweichet!
Lasst die rächenden Göttinnen ein!
Fünfter Auftritt.
Don Cesar. Isabella. Beatrice. Der Chor.
Beim Eintritt des Don Cesar zertheilt sich der Chor in fliehender
Bewegung vor ihm; er bleibt allein in der Mitte der Scene stehen.
Beatrice.
Weh mir, er ist's!
Isabella (tritt ihm entgegen).
O mein Sohn Cesar! Muß ich so
Dich wiedersehen--O, blick her und sieh
Den Frevel einer gottverfluchten Hand!
(Führt ihn zu dem Leichnam.)
Don Cesar (tritt mit Entsetzen zurück, das Gesicht verhüllend).
Erster Chor. (Cajetan, Berengar.)
Brechet auf, ihr Wunden!
Fließet, fließet!
In schwarzen Güssen
Strömet hervor, ihr Bäche des Bluts!
Isabella.
Du schauderst und erstarrst!--Ja, das ist Alles
Was dir noch übrig ist von deinem Bruder!
Da liegen meine Hoffnungen--Sie stirbt
Im Keim, die junge Blume eures Friedens,
Und keine schöne Früchte sollt' ich schauen.
Don Cesar.
Tröste dich, Mutter! Redlich wollten wir
Den Frieden, aber Blut beschloß der Himmel.
Isabella.
O, ich weiß, du liebtest ihn, ich sah entzückt
Die schönen Bande zwischen euch sich flechten!
An deinem Herzen wolltest du ihn tragen,
Ihm reich ersetzen die verlornen Jahre.
Der blut'ge Mord kam deiner schönen Liebe
Zuvor--Jetzt kannst du nichts mehr, als ihn rächen.
Don Cesar.
Komm, Mutter, komm! Hier ist kein Ort für dich,
Entreiß dich diesem unglücksel'gen Anblick! (Er will sie fortziehen.)
Isabella (fällt ihm um den Hals).
Du lebst mir noch! Du, jetzt mein Einziger!
Beatrice.
Weh, Mutter! Was beginnst du?
Don Cesar.
Weine dich aus
An diesem treuen Busen! Unverloren
Ist dir der Sohn, denn seine Liebe lebt
Unsterblich fort in deines Cesars Brust.
Erster Chor. (Cajetan, Berengar, Manfred.)
Brechet auf, ihr Wunden!
Redet, ihr stummen!
In schwarzen Fluthen
Stürzet hervor, ihr Bäche des Bluts!
Isabella (Beider Hände fassend).
O meine Kinder!
Don Cesar.
Wie entzückt es mich,
In deinen Armen sie zu sehen, Mutter!
Ja, laß sie deine Tochter sein! Die Schwester--
Isabella (unterbricht ihn).
Dir dank' ich die Gerettete, mein Sohn!
Du hieltest Wort, du hast sie mir gesendet.
Don Cesar (erstaunt).
Wen, Mutter, sagst du, hab' ich dir gesendet?
Isabella.
Sie mein' ich, die du vor dir siehst, die Schwester.
Don Cesar.
Sie meine Schwester?
Isabella.
Welche andre sonst?
Don Cesar.
Meine Schwester?
Isabella.
Die du selber mir gesendet.
Don Cesar.
Und seine Schwester!
Chor.
Wehe! Wehe! Wehe!
Beatrice.
O, meine Mutter!
Isabella.
Ich erstaune--Redet!
Don Cesar.
So ist der Tag verflucht, der mich geboren!
Isabella.
Was ist dir? Gott!
Don Cesar.
Verflucht der Schooß, der mich
Getragen!--Und verflucht sei deine Heimlichkeit,
Die all dies Gräßliche verschuldet! Falle
Der Donner nieder, der dein Herz zerschmettert,
Nicht länger halt' ich schonen ihn zurück--
Ich selber, wiss' es, ich erschlug den Bruder,
In ihren Armen überrascht' ich ihn;
Sie ist es, die ich liebe, die zur Braut
Ich mir gewählt--den Bruder aber fand ich
In ihren Armen--Alles weißt du nun!
--Ist sie wahrhaftig seine, meine Schwester,
So bin ich schuldig einer Gräuelthat,
Die keine Reu' und Büßung kann versöhnen!
Chor. (Bohemund.)
Es ist gesprochen, du hast es vernommen,
Das Schlimmste weißt du, nichts ist mehr zurück!
Wie die Seher verkündet, so ist es gekommen,
Denn noch Niemand entfloh dem verhängten Geschick.
Und wer sich vermißt, es klüglich zu wenden,
Der muß es selber erbauend vollenden.
Isabella.
Was kümmert's mich noch, ob die Götter sich
Als Lügner zeigen, oder sich als wahr
Bestätigen? Mir haben sie das Ärgste
Gethan--Trotz biet' ich ihnen, mich noch härter
Zu treffen, als sie trafen--Wer für nichts mehr
Zu zittern hat, der fürchtet sie nicht mehr.
Ermordet liegt mir der geliebte Sohn,
Und von dem lebenden scheid' ich mich selbst.
Er ist mein Sohn nicht--Einen Basilisken
Hab' ich erzeugt, genährt an meiner Brust,
Der mir den bessern Sohn zu Tode stach.
--Komm, meine Tochter! Hier ist unsers Bleibens
Nicht mehr--den Rachegeistern überlass' ich
Dies Haus--ein Frevel führte mich herein,
Ein Frevel treibt mich aus--Mit Widerwillen
Hab' ich's betreten und mit Furcht bewohnt,
Und in Verzweiflung räum' ich's--Alles dies
Erleid' ich schuldlos; doch bei Ehren bleiben
Die Orakel, und gerettet sind die Götter.
(Sie geht ab. Diego folgt ihr.)
Sechster Auftritt.
Beatrice. Don Cesar. Der Chor.
Don Cesar (Beatricen zurückhaltend).
Bleib, Schwester! Scheide du nicht so von mir!
Mag mir die Mutter fluchen, mag dies Blut
Anklagend gegen mich zum Himmel rufen,
Mich alle Welt verdammen! Aber du
Fluche mir nicht! Von dir kann ich's nicht tragen!
Beatrice (zeigt mit abgewandtem Gesicht auf den Leichnam).
Don Cesar.
Nicht den Geliebten hab' ich dir getödtet!
Den Bruder hab' ich dir und hab' ihn mir
Gemordet--Dir gehört der Abgeschiedne jetzt
Nicht näher an, als ich, der Lebende,
Und ich bin mitleidswürdiger, als er,
Denn er schied rein hinweg, und ich bin schuldig.
Beatrice (bricht in heftige Thränen aus).
Don Cesar.
Weine um den Bruder, ich will mit dir weinen,
Und mehr noch--rächen will ich ihn! Doch nicht
Um den Geliebten weine! Diesen Vorzug,
Den du dem Todten gibst, ertrag' ich nicht.
Den einz'gen Trost, den letzten, laß mich schöpfen
Aus unsers Jammers bodenloser Tiefe,
Daß er dir näher nicht gehört, als ich--
Denn unser furchtbar aufgelöstes Schicksal
Macht unsre Rechte gleich, wie unser Unglück.
In einen Fall verstrickt, drei liebende
Geschwister, gehen wir vereinigt unter
Und theilen gleich der Thränen traurig Recht.
Doch wenn ich denken muß, daß deine Trauer
Mehr dem Geliebten als dem Bruder gilt,
Dann mischt sich Wuth und Neid in meinen Schmerz,
Und mich verläßt der Wehmuth letzter Trost.
Nicht freudig, wie ich gerne will, kann ich
Das letzte Opfer seinen Manen bringen;
Doch sanft nachsenden will ich ihm die Seele,
Weiß ich nur, daß du meinen Staub mit seinem
In einem Aschenkruge sammeln wirst.
(Den Arm um sie schlingend, mit einer leidenschaftlich zärtlichen Heftigkeit.)
Dich liebt' ich, wie ich nichts zuvor geliebt,
Da du noch eine Fremde für mich warst.
Weil ich dich liebte über alle Grenzen,
Trag' ich den schweren Fluch des Brudermords,
Liebe zu dir war meine ganze Schuld.
--Jetzt bist du meine Schwester, und dein Mitleid
Fordr' ich von dir als einen heil'gen Zoll.
(Er sieht sie mit ausforschenden Blicken und schmerzlicher
Erwartung an, dann wendet er sich mit Heftigkeit von ihr.)