Wie soll die Fabel vorgetragen werden? Ist hierin Aesopus oder ist
Phaedrus oder ist La Fontaine das wahre Muster?
Es ist nicht ausgemacht, ob Aesopus seine Fabeln selbst aufgeschrieben
und in ein Buch zusammengetragen hat. Aber das ist so gut als
ausgemacht, daß, wenn er es auch getan hat, doch keine einzige davon
durchaus mit seinen eigenen Worten auf uns gekommen ist. Ich verstehe
also hier die allerschönsten Fabeln in den verschiedenen griechischen
Sammlungen, welchen man seinen Namen vorgesetzt hat. Nach diesen zu
urteilen, war sein Vortrag von der äußersten Präzision; er hielt sich
nirgends bei Beschreibungen auf; er kam sogleich zur Sache und eilte
mit jedem Worte näher zum Ende; er kannte kein Mittel zwischen dem
Notwendigen und Unnützen. So charakterisiert ihn de La Motte, und
richtig. Diese Präzision und Kürze, worin er ein so großes Muster war,
fanden die Alten der Natur der Fabel auch so angemessen, daß sie eine
allgemeine Regel daraus machten. Theon unter andern dringet mit den
ausdrücklichsten Worten darauf.
Auch Phaedrus, der sich vornahm die Erfindungen des Aesopus in Versen
auszubilden, hat offenbar den festen Vorsatz gehabt, sich an diese
Regel zu halten; und wo er davon abgekommen ist, scheinet ihn das
Silbenmaß und der poetischere Stil, in welchen uns auch das
allersimpelste Silbenmaß wie unvermeidlich verstrickt, gleichsam wider
seinen Willen davon abgebracht zu haben.
Aber La Fontaine? Dieses sonderbare Genie! La Fontaine! Nein wider
ihn selbst habe ich nichts; aber wider seine Nachahmer, wider seine
blinden Verehrer! La Fontaine kannte die Alten zu gut, als daß er
nicht hätte wissen sollen, was ihre Muster und die Natur zu einer
vollkommenen Fabel erforderten. Er wußte es, daß die Kürze die Seele
der Fabel sei; er gestand es zu, daß es ihr vornehmster Schmuck sei,
ganz und gar keinen Schmuck zu haben. Er bekannte[1] mit der
liebenswürdigsten Aufrichtigkeit, "daß man die zierliche Präzision und
die außerordentliche Kürze, durch die sich Phaedrus so sehr empfehle,
in seinen Fabeln nicht finden werde. Es wären dieses Eigenschaften,
die zu erreichen, ihn seine Sprache zum Teil verhindert hätte; und
bloß deswegen, weil er den Phaedrus darin nicht nachahmen können, habe
er geglaubt, qu'il falloit en recompense egayer l'ouvrage plus qu'il
n'a fait." Alle die Lustigkeit, sagt er, durch die ich meine Fabeln
aufgestützt habe, soll weiter nichts als eine etwanige Schadloshaltung
für wesentlichere Schönheiten sein, die ich ihnen zu erteilen zu
unvermögend gewesen bin.--Welch Bekenntnis! In meinen Augen macht ihm
dieses Bekenntnis mehr Ehre als ihm alle seine Fabeln machen! Aber
wie wunderbar ward es von dem französischen Publico aufgenommen! Es
glaubte, La Fontaine wolle ein bloßes Kompliment machen, und hielt die
Schadloshaltung unendlich höher als das, wofür sie geleistet war.
Kaum konnte es auch anders sein; denn die Schadloshaltung hatte
allzuviel reizendes für Franzosen, bei welchen nichts über die
Lustigkeit gehet. Ein witziger Kopf unter ihnen, der hernach das
Unglück hatte, hundert Jahr witzig zu bleiben[2], meinte sogar, La
Fontaine habe sich aus bloßer Albernheit (par betise) dem Phaedrus
nachgesetzt; und de La Motte schrie über diesen Einfall: mot plaisant,
mais solide!
{Fussnote 1: In der Vorrede zu seinen Fabeln.}
{Fussnote 2: Fontenelle.}
Unterdessen, da La Fontaine seine lustige Schwatzhaftigkeit, durch ein
so großes Muster, als ihm Phaedrus schien, verdammt glaubte, wollte er
doch nicht ganz ohne Bedeckung von seiten des Altertums bleiben. Er
setzte also hinzu: "Und meinen Fabeln diese Lustigkeit zu erteilen,
habe ich um so viel eher wagen dürfen, da Quintilian lehret, man könne
die Erzählungen nicht lustig genug machen (egayer). Ich brauche keine
Ursache hiervon anzugeben; genug, daß es Quintilian sagt."--Ich habe
wider diese Autorität zweierlei zu erinnern. Es ist wahr, Quintilian
sagt: Ego vero narrationem, ut si ullam partem orationis, omni, qua
potest, gratia et venere exornandam puto[3], und dieses muß die Stelle
sein, worauf sich La Fontaine stützet. Aber ist diese Grazie, diese
Venus, die er der Erzählung soviel als möglich, obgleich nach
Maßgebung der Sache [4], zu erteilen befiehlet, ist dieses Lustigkeit?
Ich sollte meinen, daß gerade die Lustigkeit dadurch ausgeschlossen
werde. Doch der Hauptpunkt ist hier dieser: Quintilian redet von der
Erzählung des Facti in einer gerichtlichen Rede, und was er von dieser
sagt, ziehet La Fontaine, wider die ausdrückliche Regel der Alten, auf
die Fabel. Er hätte diese Regel unter andern bei dem Theon finden
können. Der Grieche redet von dem Vortrage der Erzählung in der
Chrie--wie plan, wie kurz muß die Erzählung in einer Chrie sein!--und
setzt hinzu: en de toiV muJoiV aplousteran thn ermhneian einai dei kai
prosjuh· kai wV dunaton, akataskeuon te kai sajh: Die Erzählung der
Fabel soll noch planer sein, sie soll zusammengepreßt, soviel als
möglich ohne alle Zieraten und Figuren, mit der einzigen Deutlichkeit
zufrieden sein.
{Fussnote 3: Quinctilianus Inst. Orat. lib. IV. cap. 2.}
{Fussnote 4: Sed plurimum refert, quae sit natura ejus rei, quam
exponimus. Idem, ibidem.}
Dem La Fontaine vergebe ich den Mißbrauch dieser Autorität des
Quintilians gar gern. Man weiß ja, wie die Franzosen überhaupt die
Alten lesen! Lesen sie doch ihre eigene Autores mit der
unverzeihlichsten Flatterhaftigkeit. Hier ist gleich ein Exempel! De
La Motte sagt von dem La Fontaine: Tout Original qu'il est dans les
manieres, il etoit Admirateur des Anciens jusqu'a la prevention, comme
s'ils eussent été ses modeles. La brieveté, dit-il, est l'ame de la
Fable, et il est inutile d'en apporter des raisons, c'est assez que
Quintilien l'ait dit.[5] Man kann nicht verstümmelter anführen, als de
La Motte hier den La Fontaine anführet! La Fontaine legt es einem
ganz andern Kunstrichter in den Mund, daß die Kürze die Seele der
Fabel sei, oder spricht es vielmehr in seiner eigenen Person; er
beruft sich nicht wegen der Kürze, sondern wegen der Munterkeit, die
in den Erzählungen herrschen solle, auf das Zeugnis des Quintilians,
und würde sich wegen jener sehr schlecht auf ihn berufen haben, weil
man jenen Ausspruch nirgend bei ihm findet.
{Fussnote 5: Discours sur la Fable, p. 17.}
Ich komme auf die Sache selbst zurück. Der allgemeine Beifall, den La
Fontaine mit seiner muntern Art zu erzählen erhielt, machte, daß man
nach und nach die aesopische Fabel von einer ganz andern Seite
betrachtete, als sie die Alten betrachtet hatten. Bei den Alten
gehörte die Fabel zu dem Gebiete der Philosophie, und aus diesem
holten sie die Lehrer der Redekunst in das ihrige herüber.
Aristoteles hat nicht in seiner Dichtkunst, sondern in seiner Rhetorik
davon gehandelt; und was Aphthonius und Theon davon sagen, das sagen
sie gleichfalls in Vorübungen der Rhetorik. Auch bei den Neuern muß
man das, was man von der aesopischen Fabel wissen will, durchaus in
Rhetoriken suchen; bis auf die Zeiten des La Fontaine. Ihm gelang es
die Fabel zu einem anmutigen poetischen Spielwerke zu machen, er
bezauberte, er bekam eine Menge Nachahmer, die den Namen eines
Dichters nicht wohlfeiler erhalten zu können glaubten als durch solche
in lustigen Versen ausgedehnte und gewässerte Fabeln; die Lehrer der
Dichtkunst griffen zu; die Lehrer der Redekunst ließen den Eingriff
geschehen; diese hörten auf, die Fabel als ein sicheres Mittel zur
lebendigen Überzeugung anzupreisen; und jene fingen dafür an, sie als
ein Kinderspiel zu betrachten, das sie, soviel als möglich auszuputzen,
uns lehren müßten.--So stehen wir noch!--
Ein Mann, der aus der Schule der Alten kömmt, wo ihm jene ermhneia
akataskeuoV der Fabel so oft empfohlen worden, kann der wissen, woran
er ist, wenn er z. E. bei dem Batteux ein langes Verzeichnis von
Zieraten lieset, deren die Erzählung der Fabel fähig sein soll? Er
muß voller Verwunderung fragen: so hat sich denn bei den Neuern ganz
das Wesen der Dinge verändert? Denn alle diese Zieraten streiten mit
dem wirklichen Wesen der Fabel. Ich will es beweisen.
Wenn ich mir einer moralischen Wahrheit durch die Fabel bewußt werden
soll, so muß ich die Fabel auf einmal übersehen können; und um sie auf
einmal übersehen zu können, muß sie so kurz sein als möglich. Alle
Zieraten aber sind dieser Kürze entgegen; denn ohne sie würde sie noch
kürzer sein können: folglich streiten alle Zieraten, insofern sie
leere Verlängerungen sind, mit der Absicht der Fabel.
Z. E eben mit zur Erreichung dieser Kürze braucht die Fabel gern die
allerbekanntesten Tiere; damit sie weiter nichts als ihren einzigen
Namen nennen darf, um einen ganzen Charakter zu schildern, um
Eigenschaften zu bemerken, die ihr ohne diese Namen allzuviel Worte
kosten würden. Nun höre man den Batteux: "Diese Zieraten bestehen
erstlich in Gemälden, Beschreibungen, Zeichnungen der Örter, der
Personen, der Stellungen."--Das heißt: Man muß nicht schlechtweg z. E.
ein Fuchs sagen, sondern man muß fein sagen:
Un vieux Renard, mais des plus fins,
Grand croqueur de poulets, grand preneur de lapins,
Sentant son Renard d'un lieue etc.
Der Fabulist brauchet Fuchs, um mit einer einzigen Silbe ein
individuelles Bild eines witzigen Schalks zu entwerfen; und der Poet
will lieber von dieser Bequemlichkeit nichts wissen, will ihr entsagen,
ehe man ihm die Gelegenheit nehmen soll, eine lustige Beschreibung
von einem Dinge zu machen, dessen ganzer Vorzug hier eben dieser ist,
daß es keine Beschreibung bedarf.
Der Fabulist will in einer Fabel nur eine Moral zur Intuition bringen.
Er wird es also sorgfältig vermeiden, die Teile derselben so
einzurichten, daß sie uns Anlaß geben, irgendeine andere Wahrheit in
ihnen zu erkennen, als wir in allen Teilen zusammengenommen erkennen
sollen. Viel weniger wird er eine solche fremde Wahrheit mit
ausdrücklichen Worten einfließen lassen, damit er unsere
Aufmerksamkeit nicht von seinem Zwecke abbringe oder wenigstens
schwäche, indem er sie unter mehrere allgemeine moralische Sätze
teilet.--Aber Batteux, was sagt der? "Die zweite Zierat, sagt er,
bestehet in den Gedanken; nämlich in solchen Gedanken, die
hervorstechen und sich von den übrigen auf eine besondere Art
unterscheiden."
Nicht minder widersinnig ist seine dritte Zierat, die Allusion--Doch
wer streitet denn mit mir? Batteux selbst gesteht es ja mit
ausdrücklichen Worten, "daß dieses nur Zieraten solcher Erzählungen
sind, die vornehmlich zur Belustigung gemacht werden". Und für eine
solche Erzählung hält er die Fabel? Warum bin ich so eigensinnig, sie
auch nicht dafür zu halten? Warum habe ich nur ihren Nutzen im Sinne?
Warum glaube ich, daß dieser Nutzen seinem Wesen nach schon anmutig
genug ist, um aller fremden Annehmlichkeiten entbehren zu können?
Freilich geht es dem La Fontaine, und allen seinen Nachahmern, wie
meinem Manne mit dem Bogen[6]; der Mann wollte, daß sein Bogen mehr als
glatt sei; er ließ Zieraten darauf schnitzen; und der Künstler
verstand sehr wohl, was für Zieraten auf einen Bogen gehörten; er
schnitzte eine Jagd darauf: nun will der Mann den Bogen versuchen, und
er zerbricht. Aber war das die Schuld des Künstlers? Wer hieß den
Mann, so wie zuvor, damit zu schießen? Er hätte den geschnitzten
Bogen nunmehr fein in seiner Rüstkammer aufhängen und seine Augen
daran weiden sollen! Mit einem solchen Bogen schießen zu wollen!
--Freilich würde nun auch Plato, der die Dichter alle mitsamt ihrem
Homer aus seiner Republik verbannte, dem Aesopus aber einen rühmlichen
Platz darin vergönnte, freilich würde auch er nunmehr zu dem Aesopus,
so wie ihn La Fontaine verkleidet hat, sagen: Freund, wir kennen
einander nicht mehr! Geh auch du deinen Gang! Aber, was geht es uns
an, was so ein alter Grillenfänger, wie Plato, sagen würde?--
{Fussnote 6: S. die erste Fabel des dritten Buchs.}
Vollkommen richtig! Unterdessen, da ich so sehr billig bin, hoffe ich,
daß man es auch einigermaßen gegen mich sein wird. Ich habe die
erhabene Absicht, die Welt mit meinen Fabeln zu belustigen, leider
nicht gehabt; ich hatte mein Augenmerk nur immer auf diese oder jene
Sittenlehre, die ich, meistens zu meiner eigenen Erbauung, gern in
besondern Fällen übersehen wollte; und zu diesem Gebrauche glaubte ich
meine Erdichtungen nicht kurz, nicht trocken genug aufschreiben zu
können. Wenn ich aber itzt die Welt gleich nicht belustige, so könnte
sie doch mit der Zeit vielleicht durch mich belustiget werden. Man
erzählt ja die neuen Fabeln des Abstemius ebensowohl als die alten
Fabeln des Aesopus in Versen; wer weiß, was meinen Fabeln aufbehalten
ist und ob man auch sie nicht einmal mit aller möglichen Lustigkeit
erzählet, wenn sie sich anders durch ihren innern Wert eine Zeitlang
in dem Andenken der Welt erhalten? In dieser Betrachtung also, bitte
ich voritzo mit meiner Prosa--
Aber ich bilde mir ein, daß man mich meine Bitte nicht einmal aussagen
läßt. Wenn ich mit der allzumuntern und leicht auf Umwege fahrenden
Erzählungsart des La Fontaine nicht zufrieden war, mußte ich darum auf
das andere Extremum verfallen? Warum wandte ich mich nicht auf die
Mittelstraße des Phaedrus und erzählte in der zierlichen Kürze des
Römers, aber doch in Versen? Denn prosaische Fabeln; wer wird die
lesen wollen!--Diesen Vorwurf werde ich ohnfehlbar zu hören bekommen.
Was will ich im voraus darauf antworten? Zweierlei. Erstlich, was
man mir am leichtesten glauben wird: ich fühlte mich zu unfähig, jene
zierliche Kürze in Versen zu erreichen. La Fontaine, der ebendas bei
sich fühlte, schob die Schuld auf seine Sprache. Ich habe von der
meinigen eine zu gute Meinung und glaube überhaupt, daß ein Genie
seiner angebornen Sprache, sie mag sein, welche es will, eine Form
erteilen kann, welche er will. Für ein Genie sind die Sprachen alle
von einer Natur; und die Schuld ist also einzig und allein meine. Ich
habe die Versifikation nie so in meiner Gewalt gehabt, daß ich auf
keine Weise besorgen dürfen, das Silbenmaß und der Reim werde hier und
da den Meister über mich spielen. Geschähe das, so wäre es ja um die
Kürze getan und vielleicht noch um mehr wesentliche Eigenschaften der
guten Fabel. Denn zweitens--Ich muß es nur gestehen; ich hin mit dem
Phaedrus nicht so recht zufrieden. De La Motte hatte ihm weiter
nichts vorzuwerfen, als "daß er seine Moral oft zu Anfange der Fabeln
setze und daß er uns manchmal eine allzu unbestimmte Moral gebe, die
nicht deutlich genug aus der Allegorie entspringe". Der erste Vorwurf
betrifft eine wahre Kleinigkeit; der zweite ist unendlich wichtiger,
und leider gegründet. Doch ich will nicht fremde Beschuldigungen
rechtfertigen; sondern meine eigne vorbringen. Sie läuft dahinaus,
daß Phaedrus, sooft er sich von der Einfalt der griechischen Fabeln
auch nur einen Schritt entfernt, einen plumpen Fehler begehet.
Wieviel Beweise will man? Z. E.
Fab. 4. Libri I
Canis per flumen, carnem dum ferret natans,
Lympharum in speculo vidit simulacrum suum etc.
Es ist unmöglich; wenn der Hund durch den Fluß geschwommen ist, so hat
er das Wasser um sich her notwendig so getrübt, daß er sein Bildnis
unmöglich darin sehen können. Die griechischen Fabeln sagen: Kuwn
kreaV ecousa potamon diebaine; das braucht weiter nichts zu heißen,
als: er ging über den Fluß; auf einem niedrigen Steige muß man sich
vorstellen. Aphthonius bestimmt diesen Umstand noch behutsamer: KreaV
arpasasa tiV kuwn par authn dihei thn ocJhn; der Hund ging an dem
Ufer des Flusses.
Fab. 5. Lib. I
Vacca et capella, et patiens ovis injuriae,
Socii fuere cum leone in saltibus.
Welch eine Gesellschaft! Wie war es möglich, daß sich diese viere zu
einem Zwecke vereinigen konnten? Und zwar zur Jagd! Diese
Ungereimtheit haben die Kunstrichter schon öfters angemerkt; aber noch
keiner hat zugleich anmerken wollen, daß sie von des Phaedrus eigener
Erfindung ist. Im Griechischen ist diese Fabel zwischen dem Löwen und
dem wilden Esel (OnagroV). Von dem wilden Esel ist es bekannt, daß er
ludert; und folglich konnte er an der Beute teilnehmen. Wie elend ist
ferner die Teilung bei dem Phaedrus:
Ego primam tollo, nominor quia leo;
Secundam, quia sum fortis, tribuetis mihi;
Tum quia plus valeo, me sequetur tertia;
Male afficietur, si quis quartam tetigerit.
Wie vortrefflich hingegen ist sie im Griechischen! Der Löwe macht
sogleich drei Teile; denn von jeder Beute ward bei den Alten ein Teil
für den König oder für die Schatzkammer des Staats beiseite gelegt.
Und dieses Teil, sagt der Löwe, gehöret mir, basileuV gar eimi; das
zweite Teil gehört mir auch, wV ex isou koinwnwn, nach dem Rechte der
gleichen Teilung; und das dritte Teil kakon mega soi poihsei, ei mh
eJelhV jugein.
Fab. 11. Lib. I
Venari asello comite cum vellet leo,
Contexit illum frutice, et admonuit simul,
Ut insueta voce terreret feras etc.
- -
Quae dum paventes exitus notos petunt,
Leonis affliguntur horrendo impetu.
Der Löwe verbirgt den Esel in das Gesträuche; der Esel schreiet; die
Tiere erschrecken in ihren Lagern, und da sie durch die bekannten
Ausgänge davonfliehen wollen, fallen sie dem Löwen in die Klauen. Wie
ging das zu? Konnte jedes nur durch einen Ausgang davonkommen? Warum
mußte es gleich den wählen, an welchem der Löwe lauerte? Oder konnte
der Löwe überall sein?--Wie vortrefflich fallen in der griechischen
Fabel alle diese Schwierigkeiten weg! Der Löwe und der Esel kommen da
vor eine Höhle, in der sich wilde Ziegen aufhalten. Der Löwe schickt
den Esel hinein; der Esel scheucht mit seiner fürchterlichen Stimme
die wilden Ziegen heraus, und so können sie dem Löwen, der ihrer an
dem Eingange wartet, nicht entgehen.
Fab. 9. Libr. IV
Peras imposuit Jupiter nobis duas,
Propriis repletam vitiis post tergum dedit,
Alienis ante pectus suspendit gravem.
Jupiter hat uns diese zwei Säcke aufgelegt? Er ist also selbst Schuld,
daß wir unsere eigene Fehler nicht sehen und nur scharfsichtige
Tadler der Fehler unsers Nächsten sind? Wieviel fehlt dieser
Ungereimtheit zu einer förmlichen Gotteslästerung? Die bessern
Griechen lassen durchgängig den Jupiter hier aus dem Spiele; sie sagen
schlechtweg: AnJrwpoV duo phraV ekastoV jerei; oder: duo phraV
exhmmeJa tou trachlou usw.
Genug für eine Probe! Ich behalte mir vor, meine Beschuldigung an
einem andern Orte umständlicher zu erweisen, und vielleicht durch eine
eigene Ausgabe des Phaedrus.