IV. Von dem Vortrage der Fabeln

Wie soll die Fabel vorgetragen werden? Ist hierin Aesopus oder ist

Phaedrus oder ist La Fontaine das wahre Muster?

Es ist nicht ausgemacht, ob Aesopus seine Fabeln selbst aufgeschrieben

und in ein Buch zusammengetragen hat. Aber das ist so gut als

ausgemacht, daß, wenn er es auch getan hat, doch keine einzige davon

durchaus mit seinen eigenen Worten auf uns gekommen ist. Ich verstehe

also hier die allerschönsten Fabeln in den verschiedenen griechischen

Sammlungen, welchen man seinen Namen vorgesetzt hat. Nach diesen zu

urteilen, war sein Vortrag von der äußersten Präzision; er hielt sich

nirgends bei Beschreibungen auf; er kam sogleich zur Sache und eilte

mit jedem Worte näher zum Ende; er kannte kein Mittel zwischen dem

Notwendigen und Unnützen. So charakterisiert ihn de La Motte, und

richtig. Diese Präzision und Kürze, worin er ein so großes Muster war,

fanden die Alten der Natur der Fabel auch so angemessen, daß sie eine

allgemeine Regel daraus machten. Theon unter andern dringet mit den

ausdrücklichsten Worten darauf.

Auch Phaedrus, der sich vornahm die Erfindungen des Aesopus in Versen

auszubilden, hat offenbar den festen Vorsatz gehabt, sich an diese

Regel zu halten; und wo er davon abgekommen ist, scheinet ihn das

Silbenmaß und der poetischere Stil, in welchen uns auch das

allersimpelste Silbenmaß wie unvermeidlich verstrickt, gleichsam wider

seinen Willen davon abgebracht zu haben.

Aber La Fontaine? Dieses sonderbare Genie! La Fontaine! Nein wider

ihn selbst habe ich nichts; aber wider seine Nachahmer, wider seine

blinden Verehrer! La Fontaine kannte die Alten zu gut, als daß er

nicht hätte wissen sollen, was ihre Muster und die Natur zu einer

vollkommenen Fabel erforderten. Er wußte es, daß die Kürze die Seele

der Fabel sei; er gestand es zu, daß es ihr vornehmster Schmuck sei,

ganz und gar keinen Schmuck zu haben. Er bekannte[1] mit der

liebenswürdigsten Aufrichtigkeit, "daß man die zierliche Präzision und

die außerordentliche Kürze, durch die sich Phaedrus so sehr empfehle,

in seinen Fabeln nicht finden werde. Es wären dieses Eigenschaften,

die zu erreichen, ihn seine Sprache zum Teil verhindert hätte; und

bloß deswegen, weil er den Phaedrus darin nicht nachahmen können, habe

er geglaubt, qu'il falloit en recompense egayer l'ouvrage plus qu'il

n'a fait." Alle die Lustigkeit, sagt er, durch die ich meine Fabeln

aufgestützt habe, soll weiter nichts als eine etwanige Schadloshaltung

für wesentlichere Schönheiten sein, die ich ihnen zu erteilen zu

unvermögend gewesen bin.--Welch Bekenntnis! In meinen Augen macht ihm

dieses Bekenntnis mehr Ehre als ihm alle seine Fabeln machen! Aber

wie wunderbar ward es von dem französischen Publico aufgenommen! Es

glaubte, La Fontaine wolle ein bloßes Kompliment machen, und hielt die

Schadloshaltung unendlich höher als das, wofür sie geleistet war.

Kaum konnte es auch anders sein; denn die Schadloshaltung hatte

allzuviel reizendes für Franzosen, bei welchen nichts über die

Lustigkeit gehet. Ein witziger Kopf unter ihnen, der hernach das

Unglück hatte, hundert Jahr witzig zu bleiben[2], meinte sogar, La

Fontaine habe sich aus bloßer Albernheit (par betise) dem Phaedrus

nachgesetzt; und de La Motte schrie über diesen Einfall: mot plaisant,

mais solide!

{Fussnote 1: In der Vorrede zu seinen Fabeln.}

{Fussnote 2: Fontenelle.}

Unterdessen, da La Fontaine seine lustige Schwatzhaftigkeit, durch ein

so großes Muster, als ihm Phaedrus schien, verdammt glaubte, wollte er

doch nicht ganz ohne Bedeckung von seiten des Altertums bleiben. Er

setzte also hinzu: "Und meinen Fabeln diese Lustigkeit zu erteilen,

habe ich um so viel eher wagen dürfen, da Quintilian lehret, man könne

die Erzählungen nicht lustig genug machen (egayer). Ich brauche keine

Ursache hiervon anzugeben; genug, daß es Quintilian sagt."--Ich habe

wider diese Autorität zweierlei zu erinnern. Es ist wahr, Quintilian

sagt: Ego vero narrationem, ut si ullam partem orationis, omni, qua

potest, gratia et venere exornandam puto[3], und dieses muß die Stelle

sein, worauf sich La Fontaine stützet. Aber ist diese Grazie, diese

Venus, die er der Erzählung soviel als möglich, obgleich nach

Maßgebung der Sache [4], zu erteilen befiehlet, ist dieses Lustigkeit?

Ich sollte meinen, daß gerade die Lustigkeit dadurch ausgeschlossen

werde. Doch der Hauptpunkt ist hier dieser: Quintilian redet von der

Erzählung des Facti in einer gerichtlichen Rede, und was er von dieser

sagt, ziehet La Fontaine, wider die ausdrückliche Regel der Alten, auf

die Fabel. Er hätte diese Regel unter andern bei dem Theon finden

können. Der Grieche redet von dem Vortrage der Erzählung in der

Chrie--wie plan, wie kurz muß die Erzählung in einer Chrie sein!--und

setzt hinzu: en de toiV muJoiV aplousteran thn ermhneian einai dei kai

prosjuh· kai wV dunaton, akataskeuon te kai sajh: Die Erzählung der

Fabel soll noch planer sein, sie soll zusammengepreßt, soviel als

möglich ohne alle Zieraten und Figuren, mit der einzigen Deutlichkeit

zufrieden sein.

{Fussnote 3: Quinctilianus Inst. Orat. lib. IV. cap. 2.}

{Fussnote 4: Sed plurimum refert, quae sit natura ejus rei, quam

exponimus. Idem, ibidem.}

Dem La Fontaine vergebe ich den Mißbrauch dieser Autorität des

Quintilians gar gern. Man weiß ja, wie die Franzosen überhaupt die

Alten lesen! Lesen sie doch ihre eigene Autores mit der

unverzeihlichsten Flatterhaftigkeit. Hier ist gleich ein Exempel! De

La Motte sagt von dem La Fontaine: Tout Original qu'il est dans les

manieres, il etoit Admirateur des Anciens jusqu'a la prevention, comme

s'ils eussent été ses modeles. La brieveté, dit-il, est l'ame de la

Fable, et il est inutile d'en apporter des raisons, c'est assez que

Quintilien l'ait dit.[5] Man kann nicht verstümmelter anführen, als de

La Motte hier den La Fontaine anführet! La Fontaine legt es einem

ganz andern Kunstrichter in den Mund, daß die Kürze die Seele der

Fabel sei, oder spricht es vielmehr in seiner eigenen Person; er

beruft sich nicht wegen der Kürze, sondern wegen der Munterkeit, die

in den Erzählungen herrschen solle, auf das Zeugnis des Quintilians,

und würde sich wegen jener sehr schlecht auf ihn berufen haben, weil

man jenen Ausspruch nirgend bei ihm findet.

{Fussnote 5: Discours sur la Fable, p. 17.}

Ich komme auf die Sache selbst zurück. Der allgemeine Beifall, den La

Fontaine mit seiner muntern Art zu erzählen erhielt, machte, daß man

nach und nach die aesopische Fabel von einer ganz andern Seite

betrachtete, als sie die Alten betrachtet hatten. Bei den Alten

gehörte die Fabel zu dem Gebiete der Philosophie, und aus diesem

holten sie die Lehrer der Redekunst in das ihrige herüber.

Aristoteles hat nicht in seiner Dichtkunst, sondern in seiner Rhetorik

davon gehandelt; und was Aphthonius und Theon davon sagen, das sagen

sie gleichfalls in Vorübungen der Rhetorik. Auch bei den Neuern muß

man das, was man von der aesopischen Fabel wissen will, durchaus in

Rhetoriken suchen; bis auf die Zeiten des La Fontaine. Ihm gelang es

die Fabel zu einem anmutigen poetischen Spielwerke zu machen, er

bezauberte, er bekam eine Menge Nachahmer, die den Namen eines

Dichters nicht wohlfeiler erhalten zu können glaubten als durch solche

in lustigen Versen ausgedehnte und gewässerte Fabeln; die Lehrer der

Dichtkunst griffen zu; die Lehrer der Redekunst ließen den Eingriff

geschehen; diese hörten auf, die Fabel als ein sicheres Mittel zur

lebendigen Überzeugung anzupreisen; und jene fingen dafür an, sie als

ein Kinderspiel zu betrachten, das sie, soviel als möglich auszuputzen,

uns lehren müßten.--So stehen wir noch!--

Ein Mann, der aus der Schule der Alten kömmt, wo ihm jene ermhneia

akataskeuoV der Fabel so oft empfohlen worden, kann der wissen, woran

er ist, wenn er z. E. bei dem Batteux ein langes Verzeichnis von

Zieraten lieset, deren die Erzählung der Fabel fähig sein soll? Er

muß voller Verwunderung fragen: so hat sich denn bei den Neuern ganz

das Wesen der Dinge verändert? Denn alle diese Zieraten streiten mit

dem wirklichen Wesen der Fabel. Ich will es beweisen.

Wenn ich mir einer moralischen Wahrheit durch die Fabel bewußt werden

soll, so muß ich die Fabel auf einmal übersehen können; und um sie auf

einmal übersehen zu können, muß sie so kurz sein als möglich. Alle

Zieraten aber sind dieser Kürze entgegen; denn ohne sie würde sie noch

kürzer sein können: folglich streiten alle Zieraten, insofern sie

leere Verlängerungen sind, mit der Absicht der Fabel.

Z. E eben mit zur Erreichung dieser Kürze braucht die Fabel gern die

allerbekanntesten Tiere; damit sie weiter nichts als ihren einzigen

Namen nennen darf, um einen ganzen Charakter zu schildern, um

Eigenschaften zu bemerken, die ihr ohne diese Namen allzuviel Worte

kosten würden. Nun höre man den Batteux: "Diese Zieraten bestehen

erstlich in Gemälden, Beschreibungen, Zeichnungen der Örter, der

Personen, der Stellungen."--Das heißt: Man muß nicht schlechtweg z. E.

ein Fuchs sagen, sondern man muß fein sagen:

Un vieux Renard, mais des plus fins,

Grand croqueur de poulets, grand preneur de lapins,

Sentant son Renard d'un lieue etc.

Der Fabulist brauchet Fuchs, um mit einer einzigen Silbe ein

individuelles Bild eines witzigen Schalks zu entwerfen; und der Poet

will lieber von dieser Bequemlichkeit nichts wissen, will ihr entsagen,

ehe man ihm die Gelegenheit nehmen soll, eine lustige Beschreibung

von einem Dinge zu machen, dessen ganzer Vorzug hier eben dieser ist,

daß es keine Beschreibung bedarf.

Der Fabulist will in einer Fabel nur eine Moral zur Intuition bringen.

Er wird es also sorgfältig vermeiden, die Teile derselben so

einzurichten, daß sie uns Anlaß geben, irgendeine andere Wahrheit in

ihnen zu erkennen, als wir in allen Teilen zusammengenommen erkennen

sollen. Viel weniger wird er eine solche fremde Wahrheit mit

ausdrücklichen Worten einfließen lassen, damit er unsere

Aufmerksamkeit nicht von seinem Zwecke abbringe oder wenigstens

schwäche, indem er sie unter mehrere allgemeine moralische Sätze

teilet.--Aber Batteux, was sagt der? "Die zweite Zierat, sagt er,

bestehet in den Gedanken; nämlich in solchen Gedanken, die

hervorstechen und sich von den übrigen auf eine besondere Art

unterscheiden."

Nicht minder widersinnig ist seine dritte Zierat, die Allusion--Doch

wer streitet denn mit mir? Batteux selbst gesteht es ja mit

ausdrücklichen Worten, "daß dieses nur Zieraten solcher Erzählungen

sind, die vornehmlich zur Belustigung gemacht werden". Und für eine

solche Erzählung hält er die Fabel? Warum bin ich so eigensinnig, sie

auch nicht dafür zu halten? Warum habe ich nur ihren Nutzen im Sinne?

Warum glaube ich, daß dieser Nutzen seinem Wesen nach schon anmutig

genug ist, um aller fremden Annehmlichkeiten entbehren zu können?

Freilich geht es dem La Fontaine, und allen seinen Nachahmern, wie

meinem Manne mit dem Bogen[6]; der Mann wollte, daß sein Bogen mehr als

glatt sei; er ließ Zieraten darauf schnitzen; und der Künstler

verstand sehr wohl, was für Zieraten auf einen Bogen gehörten; er

schnitzte eine Jagd darauf: nun will der Mann den Bogen versuchen, und

er zerbricht. Aber war das die Schuld des Künstlers? Wer hieß den

Mann, so wie zuvor, damit zu schießen? Er hätte den geschnitzten

Bogen nunmehr fein in seiner Rüstkammer aufhängen und seine Augen

daran weiden sollen! Mit einem solchen Bogen schießen zu wollen!

--Freilich würde nun auch Plato, der die Dichter alle mitsamt ihrem

Homer aus seiner Republik verbannte, dem Aesopus aber einen rühmlichen

Platz darin vergönnte, freilich würde auch er nunmehr zu dem Aesopus,

so wie ihn La Fontaine verkleidet hat, sagen: Freund, wir kennen

einander nicht mehr! Geh auch du deinen Gang! Aber, was geht es uns

an, was so ein alter Grillenfänger, wie Plato, sagen würde?--

{Fussnote 6: S. die erste Fabel des dritten Buchs.}

Vollkommen richtig! Unterdessen, da ich so sehr billig bin, hoffe ich,

daß man es auch einigermaßen gegen mich sein wird. Ich habe die

erhabene Absicht, die Welt mit meinen Fabeln zu belustigen, leider

nicht gehabt; ich hatte mein Augenmerk nur immer auf diese oder jene

Sittenlehre, die ich, meistens zu meiner eigenen Erbauung, gern in

besondern Fällen übersehen wollte; und zu diesem Gebrauche glaubte ich

meine Erdichtungen nicht kurz, nicht trocken genug aufschreiben zu

können. Wenn ich aber itzt die Welt gleich nicht belustige, so könnte

sie doch mit der Zeit vielleicht durch mich belustiget werden. Man

erzählt ja die neuen Fabeln des Abstemius ebensowohl als die alten

Fabeln des Aesopus in Versen; wer weiß, was meinen Fabeln aufbehalten

ist und ob man auch sie nicht einmal mit aller möglichen Lustigkeit

erzählet, wenn sie sich anders durch ihren innern Wert eine Zeitlang

in dem Andenken der Welt erhalten? In dieser Betrachtung also, bitte

ich voritzo mit meiner Prosa--

Aber ich bilde mir ein, daß man mich meine Bitte nicht einmal aussagen

läßt. Wenn ich mit der allzumuntern und leicht auf Umwege fahrenden

Erzählungsart des La Fontaine nicht zufrieden war, mußte ich darum auf

das andere Extremum verfallen? Warum wandte ich mich nicht auf die

Mittelstraße des Phaedrus und erzählte in der zierlichen Kürze des

Römers, aber doch in Versen? Denn prosaische Fabeln; wer wird die

lesen wollen!--Diesen Vorwurf werde ich ohnfehlbar zu hören bekommen.

Was will ich im voraus darauf antworten? Zweierlei. Erstlich, was

man mir am leichtesten glauben wird: ich fühlte mich zu unfähig, jene

zierliche Kürze in Versen zu erreichen. La Fontaine, der ebendas bei

sich fühlte, schob die Schuld auf seine Sprache. Ich habe von der

meinigen eine zu gute Meinung und glaube überhaupt, daß ein Genie

seiner angebornen Sprache, sie mag sein, welche es will, eine Form

erteilen kann, welche er will. Für ein Genie sind die Sprachen alle

von einer Natur; und die Schuld ist also einzig und allein meine. Ich

habe die Versifikation nie so in meiner Gewalt gehabt, daß ich auf

keine Weise besorgen dürfen, das Silbenmaß und der Reim werde hier und

da den Meister über mich spielen. Geschähe das, so wäre es ja um die

Kürze getan und vielleicht noch um mehr wesentliche Eigenschaften der

guten Fabel. Denn zweitens--Ich muß es nur gestehen; ich hin mit dem

Phaedrus nicht so recht zufrieden. De La Motte hatte ihm weiter

nichts vorzuwerfen, als "daß er seine Moral oft zu Anfange der Fabeln

setze und daß er uns manchmal eine allzu unbestimmte Moral gebe, die

nicht deutlich genug aus der Allegorie entspringe". Der erste Vorwurf

betrifft eine wahre Kleinigkeit; der zweite ist unendlich wichtiger,

und leider gegründet. Doch ich will nicht fremde Beschuldigungen

rechtfertigen; sondern meine eigne vorbringen. Sie läuft dahinaus,

daß Phaedrus, sooft er sich von der Einfalt der griechischen Fabeln

auch nur einen Schritt entfernt, einen plumpen Fehler begehet.

Wieviel Beweise will man? Z. E.

Fab. 4. Libri I

Canis per flumen, carnem dum ferret natans,

Lympharum in speculo vidit simulacrum suum etc.

Es ist unmöglich; wenn der Hund durch den Fluß geschwommen ist, so hat

er das Wasser um sich her notwendig so getrübt, daß er sein Bildnis

unmöglich darin sehen können. Die griechischen Fabeln sagen: Kuwn

kreaV ecousa potamon diebaine; das braucht weiter nichts zu heißen,

als: er ging über den Fluß; auf einem niedrigen Steige muß man sich

vorstellen. Aphthonius bestimmt diesen Umstand noch behutsamer: KreaV

arpasasa tiV kuwn par’ authn dihei thn ocJhn; der Hund ging an dem

Ufer des Flusses.

Fab. 5. Lib. I

Vacca et capella, et patiens ovis injuriae,

Socii fuere cum leone in saltibus.

Welch eine Gesellschaft! Wie war es möglich, daß sich diese viere zu

einem Zwecke vereinigen konnten? Und zwar zur Jagd! Diese

Ungereimtheit haben die Kunstrichter schon öfters angemerkt; aber noch

keiner hat zugleich anmerken wollen, daß sie von des Phaedrus eigener

Erfindung ist. Im Griechischen ist diese Fabel zwischen dem Löwen und

dem wilden Esel (OnagroV). Von dem wilden Esel ist es bekannt, daß er

ludert; und folglich konnte er an der Beute teilnehmen. Wie elend ist

ferner die Teilung bei dem Phaedrus:

Ego primam tollo, nominor quia leo;

Secundam, quia sum fortis, tribuetis mihi;

Tum quia plus valeo, me sequetur tertia;

Male afficietur, si quis quartam tetigerit.

Wie vortrefflich hingegen ist sie im Griechischen! Der Löwe macht

sogleich drei Teile; denn von jeder Beute ward bei den Alten ein Teil

für den König oder für die Schatzkammer des Staats beiseite gelegt.

Und dieses Teil, sagt der Löwe, gehöret mir, basileuV gar eimi; das

zweite Teil gehört mir auch, wV ex isou koinwnwn, nach dem Rechte der

gleichen Teilung; und das dritte Teil kakon mega soi poihsei, ei mh

eJelhV jugein.

Fab. 11. Lib. I

Venari asello comite cum vellet leo,

Contexit illum frutice, et admonuit simul,

Ut insueta voce terreret feras etc.

- -

Quae dum paventes exitus notos petunt,

Leonis affliguntur horrendo impetu.

Der Löwe verbirgt den Esel in das Gesträuche; der Esel schreiet; die

Tiere erschrecken in ihren Lagern, und da sie durch die bekannten

Ausgänge davonfliehen wollen, fallen sie dem Löwen in die Klauen. Wie

ging das zu? Konnte jedes nur durch einen Ausgang davonkommen? Warum

mußte es gleich den wählen, an welchem der Löwe lauerte? Oder konnte

der Löwe überall sein?--Wie vortrefflich fallen in der griechischen

Fabel alle diese Schwierigkeiten weg! Der Löwe und der Esel kommen da

vor eine Höhle, in der sich wilde Ziegen aufhalten. Der Löwe schickt

den Esel hinein; der Esel scheucht mit seiner fürchterlichen Stimme

die wilden Ziegen heraus, und so können sie dem Löwen, der ihrer an

dem Eingange wartet, nicht entgehen.

Fab. 9. Libr. IV

Peras imposuit Jupiter nobis duas,

Propriis repletam vitiis post tergum dedit,

Alienis ante pectus suspendit gravem.

Jupiter hat uns diese zwei Säcke aufgelegt? Er ist also selbst Schuld,

daß wir unsere eigene Fehler nicht sehen und nur scharfsichtige

Tadler der Fehler unsers Nächsten sind? Wieviel fehlt dieser

Ungereimtheit zu einer förmlichen Gotteslästerung? Die bessern

Griechen lassen durchgängig den Jupiter hier aus dem Spiele; sie sagen

schlechtweg: AnJrwpoV duo phraV ekastoV jerei; oder: duo phraV

exhmmeJa tou trachlou usw.

Genug für eine Probe! Ich behalte mir vor, meine Beschuldigung an

einem andern Orte umständlicher zu erweisen, und vielleicht durch eine

eigene Ausgabe des Phaedrus.

Abhandlungen über die Fabel · 第 11 / 12 题