III. Von der Einteilung der Fabeln

Die Fabeln sind verschiedener Einteilungen fähig. Von einer, die sich

aus der verschiednen Anwendung derselben ergibt, habe ich gleich

anfangs geredet. Die Fabeln nämlich werden entweder bloß auf einen

allgemeinen moralischen Satz angewendet und heißen einfache Fabeln,

oder sie werden auf einen wirklichen Fall angewendet, der mit der

Fabel unter einem und ebendemselben moralischen Satze enthalten ist,

und heißen zusammengesetzte Fabeln. Der Nutzen dieser Einteilung hat

sich bereits an mehr als einer Stelle gezeiget.

Eine andere Einteilung würde sich aus der verschiednen Beschaffenheit

des moralischen Satzes herholen lassen. Es gibt nämlich moralische

Sätze, die sich besser in einem einzeln Falle ihres Gegenteils als in

einem einzeln Falle, der unmittelbar unter ihnen begriffen ist,

anschauend erkennen lassen. Fabeln also, welche den moralischen Satz

in einem einzeln Falle des Gegenteils zur Intuition bringen, würde man

vielleicht indirekte Fabeln, so wie die andern direkte Fabeln nennen

können.

Doch von diesen Einteilungen ist hier nicht die Frage; noch viel

weniger von jener unphilosophischen Einteilung nach den verschiedenen

Erfindern oder Dichtern, die sich einen vorzüglichen Namen damit

gemacht haben. Es hat den Kunstrichtern gefallen, ihre gewöhnliche

Einteilung der Fabel von einer Verschiedenheit herzunehmen, die mehr

in die Augen fällt; von der Verschiedenheit nämlich der darin

handelnden Personen. Und diese Einteilung ist es, die ich hier näher

betrachten will.

Aphthonius ist ohne Zweifel der älteste Skribent, der ihrer erwähnst.

Tou de muJou, sagt er in seinen Vorübungen, to men esti logikon, to de

hJikon, to de mikton. Kai logikon men en w ti poiwn anJrwpoV

peplastai: mikton de to ex amjoterwn alogou kai logikou. Es gibt drei

Gattungen von Fabeln, die vernünftige, in welcher der Mensch die

handelnde Person ist, die sittliche, in welcher unvernünftige Wesen

aufgeführet werden, die vermischte, in welcher sowohl unvernünftige

als vernünftige Wesen vorkommen.--Der Hauptfehler dieser Einteilung,

welcher sogleich einem jeden in die Augen leuchtet, ist der, daß sie

das nicht erschöpft, was sie erschöpfen sollte. Denn wo bleiben

diejenigen Fabeln, die aus Gottheiten und allegorischen Personen

bestehen? Aphthonius hat die vernünftige Gattung ausdrücklich auf den

einzigen Menschen eingeschränkt. Doch wenn diesem Fehler auch

abzuhelfen wäre, was kann dem ohngeachtet roher und mehr von der

obersten Fläche abgeschöpft sein als diese Einteilung? Öffnet sie

uns nur auch die geringste freiere Einsicht in das Wesen der Fabel?

Batteux würde daher ohne Zweifel ebenso wohl getan haben, wenn er von

der Einteilung der Fabel gar geschwiegen hätte, als daß er uns mit

jener kahlen aphthonianischen abspeisen will. Aber was wird man

vollends von ihm sagen, wenn ich zeige, daß er sich hier auf einer

kleinen Tücke treffen läßt? Kurz zuvor sagt er unter andern von den

Personen der Fabel: "Man hat hier nicht allein den Wolf und das Lamm,

die Eiche und das Schilf, sondern auch den eisernen und den irdenen

Topf ihre Rollen spielen sehen. Nur der Herr Verstand und das

Fräulein Einbildungskraft und alles, was ihnen ähnlich siehet, sind

von diesem Theater ausgeschlossen worden, weil es ohne Zweifel

schwerer ist, diesen bloß geistigen Wesen einen charaktermäßigen

Körper zu geben, als Körpern, die einige Analogie mit unsern Organen

haben, Geist und Seele zu geben." [1]--Merkt man, wider wen dieses

geht? Wider den de La Motte, der sich in seinen Fabeln der

allegorischen Wesen sehr häufig bedienet. Da dieses nun nicht nach

dem Geschmacke unsers oft mehr eckeln als feinen Kunstrichters war, so

konnte ihm die aphthonianische mangelhafte Einteilung der Fabel nicht

anders als willkommen sein, indem es durch sie stillschweigend

gleichsam zur Regel gemacht wird, daß die Gottheiten und allegorischen

Wesen gar nicht in die aesopische Fabel gehören. Und diese Regel eben

möchte Batteux gar zu gern festsetzen, ob er sich gleich nicht

getrauet, mit ausdrücklichen Worten darauf zu dringen. Sein System

von der Fabel kann auch nicht wohl ohne sie bestehen. "Die aesopische

Fabel, sagt er, ist, eigentlich zu reden, das Schauspiel der Kinder;

sie unterscheidet sich von den übrigen nur durch die Geringfügigkeit

und Naivität ihrer spielenden Personen. Man sieht auf diesem Theater

keinen Cäsar, keinen Alexander: aber wohl die Fliege und die Ameise

etc."--Freilich, diese Geringfügigkeit der spielenden Personen

vorausgesetzt, konnte Batteux mit den höhern poetischen Wesen des de

La Motte unmöglich zufrieden sein. Er verwarf sie also, ob er schon

einen guten Teil der besten Fabeln des Altertums zugleich mit

verwerfen mußte, und zog sich, um den kritischen Anfällen deswegen

weniger ausgesetzt zu sein, unter den Schutz der mangelhaften

Einteilung des Aphthonius. Gleich als ob Aphthonius der Mann wäre,

der alle Gattungen von Fabeln, die in seiner Einteilung nicht Platz

haben, eben dadurch verdammen könnte! Und diesen Mißbrauch einer

erschlichenen Autorität, nenne ich eben die kleine Tücke, deren sich

Batteux in Ansehung des de La Motte hier schuldig gemacht hat.

{Fussnote 1: Nach der Ramlerschen Übersetzung, S. 244.}

Wolf [2] hat die Einteilung des Aphthonius gleichfalls beibehalten,

aber einen weit edlern Gebrauch davon gemacht. Diese Einteilung in

vernünftige und sittliche Fabeln, meinet er, klinge zwar ein wenig

sonderbar; denn man könnte sagen, daß eine jede Fabel sowohl eine

vernünftige als eine sittliche Fabel wäre. Sittlich nämlich sei eine

jede Fabel insofern als sie einer sittlichen Wahrheit zum Besten

erfunden worden, und vernünftig insofern, als diese sittliche Wahrheit

der Vernunft gemäß ist. Doch da es einmal gewöhnlich sei, diesen

Worten hier eine andere Bedeutung zu geben, so wolle er keine Neuerung

machen. Aphthonius habe übrigens bei seiner Einteilung die Absicht

gehabt, die Verschiedenheit der Fabeln ganz zu erschöpfen, und mehr

nach dieser Absicht als nach den Worten, deren er sich dabei bedient

habe, müsse sie beurteilet werden. Absit enim, sagt er--und oh, wenn

alle Liebhaber der Wahrheit so billig dächten!--, absit, ut negemus

accurate cogitasse, qui non satis accurate loquuntur. Puerile est,

erroris redarguere eum, qui ab errore immunem possedit animum,

propterea quod parum apta succurrerint verba, quibus mentem suam

exprimere poterat. Er behält daher die Benennungen der

aphthonianischen Einteilung bei und weiß die Wahrheit, die er nicht

darin gefunden, so scharfsinnig hineinzulegen, daß sie das vollkommene

Ansehen einer richtigen philosophischen Einteilung bekömmt. "Wenn wir

Begebenheiten erdichten, sagt er, so legen wir entweder den Subjekten

solche Handlungen und Leidenschaften, überhaupt solche Prädikate bei

als ihnen zukommen, oder wir legen ihnen solche bei, die ihnen nicht

zukommen. In dem ersten Falle heißen es vernünftige Fabeln, in dem

andern sittliche Fabeln, und vermischte Fabeln heißen es, wenn sie

etwas sowohl von der Eigenschaft der sittlichen als vernünftigen Fabel

haben."

{Fussnote 2: Philosoph. practicae universales pars post. S 303.}

Nach dieser Wolfischen Verbesserung also, beruhet die Verschiedenheit

der Fabel nicht mehr auf der bloßen Verschiedenheit der Subjekte,

sondern auf der Verschiedenheit der Prädikate, die von diesen

Subjekten gesagt werden. Ihr zufolge kann eine Fabel Menschen zu

handelnden Personen haben und dennoch keine vernünftige Fabel sein, so

wie sie eben nicht notwendig eine sittliche Fabel sein muß, weil Tiere

in ihr aufgeführet werden. Die oben angeführte Fabel von den zwei

kämpfenden Hähnen würde nach den Worten des Aphthonius eine sittliche

Fabel sein, weil sie die Eigenschaften und das Betragen gewisser Tiere

nachahmet; wie hingegen Wolf den Sinn des Aphthonius genauer bestimmt

hat, ist sie eine vernünftige Fabel, weil nicht das geringste von den

Hähnen darin gesagt wird, was ihnen nicht eigentlich zukäme. So ist

es mit mehrern: Z. E. der Vogelsteller und die Schlange [3], der Hund

und der Koch [4], der Hund und der Gärtner [5], der Schäfer und der Wolf

[6]: lauter Fabeln, die nach der gemeinen Einteilung unter die

sittlichen und vermischten, nach der verbesserten aber unter die

vernünftigen gehören.

{Fussnote 3: Fab. Aesop. 32.}

{Fussnote 4: Fabul. Aesop. 34.}

{Fussnote 5: Fab. Aesop. 67.}

{Fussnote 6: Fab. Aesop. 71.}

Und nun? Werde ich es bei dieser Einteilung unsers Weltweisen können

bewenden lassen? Ich weiß nicht. Wider ihre logikalische Richtigkeit

habe ich nichts zu erinnern; sie erschöpft alles, was sie erschöpfen

soll. Aber man kann ein guter Dialektiker sein, ohne ein Mann von

Geschmack zu sein; und das letzte war Wolf, leider, wohl nicht. Wie,

wenn es auch ihm hier so gegangen wäre, als er es von dem Aphthonius

vermutet, daß er zwar richtig gedacht, aber sich nicht so vollkommen

gut ausgedrückt hätte, als es besonders die Kunstrichter wohl

verlangen dürften? Er redet von Fabeln, in welchen den Subjekten

Leidenschaften und Handlungen, überhaupt Prädikate, beigelegt werden,

deren sie nicht fähig sind, die ihnen nicht zukommen. Dieses

Nicht-Zukommen kann einen übeln Verstand machen. Der Dichter, kann

man daraus schließen, ist also nicht gehalten, auf die Naturen der

Geschöpfe zu sehen, die er in seinen Fabeln aufführet? Er kann das

Schaf verwegen, den Wolf sanftmütig, den Esel feurig vorstellen; er

kann die Tauben als Falken brauchen und die Hunde von den Hasen jagen

lassen. Alles dieses kömmt ihnen nicht zu; aber der Dichter macht

eine sittliche Fabel, und er darf es ihnen beilegen.--Wie nötig ist es,

dieser gefährlichen Auslegung, diesen mit einer Überschwemmung der

abgeschmacktesten Märchen drohenden Folgerungen vorzubauen!

Man erlaube mir also, mich auf meinen eigenen Weg wieder

zurückzuwenden. Ich will den Weltweisen so wenig als möglich aus dem

Gesichte verlieren; und vielleicht kommen wir, am Ende der Bahn,

zusammen.--Ich habe gesagt und glaube es erwiesen zu haben, daß auf

der Erhebung des einzeln Falles zur Wirklichkeit der wesentliche

Unterschied der Parabel, oder des Exempels überhaupt, und der Fabel

beruhet. Diese Wirklichkeit ist der Fabel so unentbehrlich, daß sie

sich eher von ihrer Möglichkeit als von jener etwas abbrechen läßt.

Es streitet minder mit ihrem Wesen, daß ihr einzelner Fall nicht

schlechterdings möglich ist, daß er nur nach gewissen Voraussetzungen,

unter gewissen Bedingungen möglich ist, als daß er nicht als wirklich

vorgestellt werde. In Ansehung dieser Wirklichkeit folglich ist die

Fabel keiner Verschiedenheit fähig, wohl aber in Ansehung ihrer

Möglichkeit, welche sie veränderlich zu sein erlaubt. Nun ist, wie

gesagt, diese Möglichkeit entweder eine unbedingte oder bedingte

Möglichkeit; der einzelne Fall der Fabel ist entweder schlechterdings

möglich, oder er ist es nur nach gewissen Voraussetzungen, unter

gewissen Bedingungen. Die Fabeln also, deren einzelner Fall

schlechterdings möglich ist, will ich (um gleichfalls bei den alten

Benennungen zu bleiben) vernünftige Fabeln nennen; Fabeln hingegen, wo

er es nur nach gewissen Voraussetzungen ist, mögen sittliche heißen.

Die vernünftigen Fabeln leiden keine fernere Unterabteilung, die

sittlichen aber leiden sie. Denn die Voraussetzungen betreffen

entweder die Subjekte der Fabel oder die Prädikate dieser Subjekte:

der Fall der Fabel ist entweder möglich, vorausgesetzt, daß diese und

jene Wesen existieren, oder er ist es, vorausgesetzt, daß diese und

jene wirklich existierende Wesen (nicht andere Eigenschaften als ihnen

zukommen; denn sonst würden sie zu anderen Wesen werden, sondern) die

ihnen wirklich zukommenden Eigenschaften in einem höhern Grade, in

einem weitern Umfange besitzen. Jene Fabeln, worin die Subjekte

vorausgesetzt werden, wollte ich mythische Fabeln nennen, und diese,

worin nur erhöhtere Eigenschaften wirklicher Subjekte angenommen

werden, würde ich, wenn ich das Wort anders wagen darf, hyperphysische

Fabeln nennen.--

Ich will diese meine Einteilung noch durch einige Beispiele erläutern.

Die Fabeln, der Blinde und der Lahme, die zwei kämpfenden Hähne, der

Vogelsteller und die Schlange, der Hund und der Gärtner, sind lauter

vernünftige Fabeln, obschon bald lauter Tiere, bald Menschen und Tiere

darin vorkommen; denn der darin enthaltene Fall ist schlechterdings

möglich, oder mit Wolfen zu reden, es wird den Subjekten nichts darin

beigelegt, was ihnen nicht zukomme.--Die Fabeln, Apollo und Jupiter [1],

Herkules und Plutus [2], die verschiedene Bäume in ihren besondern

Schutz nehmenden Götter [3], kurz, alle Fabeln, die aus Gottheiten, aus

allegorischen Personen, aus Geistern und Gespenstern, aus andern

erdichteten Wesen, dem Phönix z. E., bestehen, sind sittliche Fabeln,

und zwar mythisch sittliche; denn es wird darin vorausgesetzt, daß

alle diese Wesen existieren oder existieret haben, und der Fall, den

sie enthalten, ist nur unter dieser Voraussetzung möglich.--Der Wolf

und das Lamm [4], der Fuchs und der Storch [5], die Natter und die Feile

[6], die Bäume und der Dornstrauch [7], der Ölbaum und das Rohr [8] etc.

sind gleichfalls sittliche, aber hyperphysisch sittliche Fabeln; denn

die Natur dieser wirklichen Wesen wird erhöhet, die Schranken ihrer

Fähigkeiten werden erweitert. Eines muß ich hierbei erinnern! Man

bilde sich nicht ein, daß diese Gattung von Fabeln sich bloß auf die

Tiere und andere geringere Geschöpfe einschränke: der Dichter kann

auch die Natur des Menschen erhöhen und die Schranken seiner

Fähigkeiten erweitern. Eine Fabel z. E. von einem Propheten würde

eine hyperphysisch sittliche Fabel sein; denn die Gabe zu prophezeien,

kann dem Menschen bloß nach einer erhöhtern Natur zukommen. Oder wenn

man die Erzählung von den himmelstürmenden Riesen als eine aesopische

Fabel behandeln und sie dahin verändern wollte, daß ihr unsinniger Bau

von Bergen auf Bergen endlich von selbst zusammenstürzte und sie unter

den Ruinen begrübe: so würde keine andere als eine hyperphysisch

sittliche Fabel daraus werden können.

{Fussnote 1: Fab. Aesop. 187 [vgl. Lessings Fabel II 12].}

{Fussnote 2: Phaedrus libr. IV. Fab. 11 [vgl. Lessings Fabel II 2].}

{Fussnote 3: Phaedrus libr. III. Fab. 15.}

{Fussnote 4: Phaedrus libr. 1. Fab. 1.}

{Fussnote 5: Phaedrus libr. I. Fab. 25.}

{Fussnote 6: Phaedr.s libr. IV. Fab. 7.}

{Fussnote 7: Fab. Aesop. 313.}

{Fussnote 8: Fabul. Aesop. 143.}

Aus den zwei Hauptgattungen, der vernünftigen und sittlichen Fabel,

entstehet auch bei mir eine vermischte Gattung, wo nämlich der Fall

zum Teil schlechterdings, zum Teil nur unter gewissen Voraussetzungen

möglich ist. Und zwar können dieser vermischten Fabeln dreierlei sein;

die vernünftig mythische Fabel, als Herkules und der Kärrner [9], der

arme Mann und der Tod [10], die vernünftig hyperphysische Fabel, als

der Holzschläger und der Fuchs [11], der Jäger und der Löwe [12]; und

endlich die hyperphysisch mythische Fabel, als Jupiter und das Kamel

[13], Jupiter und die Schlange [4] etc.

{Fussnote 9: Fabul. Aesop. 336.}

{Fussnote 10: Fabul. Aesop. 20.}

{Fussnote 11: Fabul. Aesop. 127.}

{Fussnote 12: Fabul. Aesop. 280.}

{Fussnote 13: Fabul. Aesop. 197.}

{Fussnote 14: Fabul. Aesop. 189.}

Und diese Einteilung erschöpft die Mannigfaltigkeit der Fabeln ganz

gewiß, ja man wird, hoffe ich, keine anführen können, deren Stelle ihr

zufolge zweifelhaft bleibe, welches bei allen andern Einteilungen

geschehen muß, die sich bloß auf die Verschiedenheit der handelnden

Personen beziehen. Die Breitingersche Einteilung ist davon nicht

ausgeschlossen, ob er schon dabei die Grade des Wunderbaren zum Grunde

gelegt hat. Denn da bei ihm die Grade des Wunderbaren, wie wir

gesehen haben, größtenteils auf die Beschaffenheit der handelnden

Personen ankommen, so klingen seine Worte nur gründlicher, und er ist

in der Tat in die Sache nichts tiefer eingedrungen. "Das Wunderbare

der Fabel, sagt er, hat seine verschiedene Grade--Der niedrigste Grad

des Wunderbaren findet sich in derjenigen Gattung der Fabeln, in

welchen ordentliche Menschen aufgeführet werden--Weil in denselben das

Wahrscheinliche über das Wunderbare weit die Oberhand hat, so können

sie mit Fug wahrscheinliche oder in Absicht auf die Personen

menschliche Fabeln benennet werden. Ein mehrerer Grad des Wunderbaren

äußert sich in derjenigen Klasse der Fabeln, in welchen ganz andere

als menschliche Personen aufgeführet werden.--Diese sind entweder von

einer vortrefflichern und höhern Natur als die menschliche ist, z. E.

die heidnischen Gottheiten--oder sie sind in Ansehung ihres Ursprungs

und ihrer natürlichen Geschicklichkeit von einem geringern Rang als

die Menschen, als z. E. die Tiere, Pflanzen etc.--Weil in diesen

Fabeln das Wunderbare über das Wahrscheinliche nach verschiedenen

Graden herrschet, werden sie deswegen nicht unfüglich wunderbare und

in Absicht auf die Personen entweder göttliche oder tierische Fabeln

genannt--" Und die Fabel von den zwei Töpfen, die Fabel von den Bäumen

und dem Dornstrauche? Sollen die auch tierische Fabeln heißen? Oder

sollen sie und ihresgleichen eigne Benennungen erhalten? Wie sehr

wird diese Namenrolle anwachsen, besonders wenn man auch alle Arten

der vermischten Gattung benennen sollte! Aber ein Exempel zu geben,

daß man, nach dieser Breitingerschen Einteilung, oft zweifelhaft sein

kann, zu welcher Klasse man diese oder jene Fabel rechnen soll, so

betrachte man die schon angeführte Fabel von dem Gärtner und seinem

Hunde oder die noch bekanntere von dem Ackersmanne und der Schlange;

aber nicht so, wie sie Phaedrus erzählet, sondern wie sie unter den

griechischen Fabeln vorkommt. Beide haben einen so geringen Grad des

Wunderbaren, daß man sie notwendig zu den wahrscheinlichen, das ist

menschlichen Fabeln, rechnen müßte. In beiden aber kommen auch Tiere

vor; und in Betrachtung dieser würden sie zu den vermischten Fabeln

gehören, in welchen das Wunderbare weit mehr über das Wahrscheinliche

herrscht als in jenen. Folglich würde man erst ausmachen müssen, ob

die Schlange und der Hund hier als handelnde Personen der Fabel

anzusehen wären oder nicht, ehe man der Fabel selbst ihre Klasse

anweisen könnte.

Ich will mich bei diesen Kleinigkeiten nicht länger aufhalten, sondern

mit einer Anmerkung schließen, die sich überhaupt auf die

hyperphysischen Fabeln beziehet und die ich, zur richtigern

Beurteilung einiger von meinen eigenen Versuchen, nicht gern

anzubringen vergessen möchte.--Es ist bei dieser Gattung von Fabeln

die Frage, wie weit der Fabulist die Natur der Tiere und andrer

niedrigern Geschöpfe erhöhen und wie nahe er sie der menschlichen

Natur bringen dürfe? Ich antworte kurz: so weit und so nahe er immer

will. Nur mit der einzigen Bedingung, daß aus allem, was er sie

denken, reden und handeln läßt, der Charakter hervorscheine, um dessen

willen er sie seiner Absicht bequemer fand als alle andere Individua.

Ist dieses, denken, reden und tun sie durchaus nichts, was ein ander

Individuum von einem andern oder gar ohne Charakter ebensogut denken,

reden und tun könnte: so wird uns ihr Betragen im geringsten nicht

befremden, wenn es auch noch soviel Witz, Scharfsinnigkeit und

Vernunft voraussetzt. Und wie könnte es auch? Haben wir ihnen einmal

Freiheit und Sprache zugestanden, so müssen wir ihnen zugleich alle

Modifikationen des Willens und alle Erkenntnisse zugestehen, die aus

jenen Eigenschaften folgen können, auf welchen unser Vorzug vor ihnen

einzig und allein beruhet. Nur ihren Charakter, wie gesagt, müssen

wir durch die ganze Fabel finden; und finden wir diesen, so erfolgt

die Illusion, daß es wirkliche Tiere sind, ob wir sie gleich reden

hören und ob sie gleich noch so feine Anmerkungen, noch so

scharfsinnige Schlüsse machen. Es ist unbeschreiblich, wieviel

Sophismata non causae ut causae die Kunstrichter in dieser Materie

gemacht haben. Unter andern der Verfasser der Critischen Briefe, wenn

er von seinem Hermann Axel sagt: "Daher schreibt er auch den

unvernünftigen Tieren, die er aufführt, niemals eine Reihe von

Anschlägen zu, die in einem System, in einer Verknüpfung stehen und zu

einem Endzwecke von weitem her angeordnet sind. Denn dazu gehöret

eine Stärke der Vernunft, welche über den Instinkt ist. Ihr Instinkt

gibt nur flüchtige und dunkle Strahlen einer Vernunft von sich, die

sich nicht lange emporhalten kann. Aus dieser Ursache werden diese

Fabeln mit Tierpersonen ganz kurz und bestehen nur aus einem sehr

einfachen Anschlage oder Anliegen. Sie reichen nicht zu, einen

menschlichen Charakter in mehr als einem Lichte vorzustellen; ja der

Fabulist muß zufrieden sein, wenn er nur einen Zug eines Charakters

vorstellen kann. Es ist eine ausschweifende Idee des Pater Bossu, daß

die aesopische Fabel sich in dieselbe Länge wie die epische Fabel

ausdehnen lasse. Denn das kann nicht geschehen, es sei denn, daß man

die Tiere nichts von den Tieren behalten lasse, sondern sie in

Menschen verwandle, welches nur in possierlichen Gedichten angehet, wo

man die Tiere mit gewissem Vorsatz in Masken aufführet und die

Verrichtungen der Menschen nachäffen läßt etc."--Wie sonderbar ist

hier das aus dem Wesen der Tiere hergeleitet, was der Kunstrichter aus

dem Wesen der anschauenden Erkenntnis, und aus der Einheit des

moralischen Lehrsatzes in der Fabel hätte herleiten sollen! Ich gebe

es zu, daß der Einfall des Pater Bossu nichts taugt. Die aesopische

Fabel, in die Länge einer epischen Fabel ausgedehnet, höret auf, eine

aesopische Fabel zu sein; aber nicht deswegen, weil man den Tieren,

nachdem man ihnen Freiheit und Sprache erteilet hat, nicht auch eine

Folge von Gedanken, dergleichen die Folge von Handlungen in der Epopee

erfordern würde, erteilen dürfte, nicht deswegen, weil die Tiere

alsdenn zu viel Menschliches haben würden: sondern deswegen, weil

die Einheit des moralischen Lehrsatzes verlorengehen würde,

weil man diesen Lehrsatz in der Fabel, deren Teile so gewaltsam

auseinandergedehnet und mit fremden Teilen vermischt worden, nicht

länger anschauend erkennen würde. Denn die anschauende Erkenntnis

erfordert unumgänglich, daß wir den einzeln Fall auf einmal übersehen

können; können wir es nicht, weil er entweder allzuviel Teile hat oder

seine Teile allzuweit auseinanderliegen, so kann auch die Intuition

des Allgemeinen nicht erfolgen. Und nur dieses, wenn ich nicht sehr

irre, ist der wahre Grund, warum man es dem dramatischen Dichter, noch

williger aber dem Epopeendichter, erlassen hat, in ihre Werke eine

einzige Hauptlehre zu legen. Denn was hilft es, wenn sie auch eine

hineinlegen? Wir können sie doch nicht darin erkennen, weil ihre

Werke viel zu weitläuftig sind, als daß wir sie auf einmal zu

übersehen vermöchten. In dem Skelette derselben müßte sie sich wohl

endlich zeigen; aber das Skelett gehöret für den kalten Kunstrichter,

und wenn dieser einmal glaubt, daß eine solche Hauptlehre darin liegen

müsse, so wird er sie gewiß herausgrübeln, wenn sie der Dichter auch

gleich nicht hineingelegt hat. Daß übrigens das eingeschränkte Wesen

der Tiere von dieser nicht zu erlaubenden Ausdehnung der aesopischen

Fabel die wahre Ursach nicht sei, hätte der kritische Briefsteller

gleich daher abnehmen können, weil nicht bloß die tierische Fabel,

sondern auch jede andere aesopische Fabel, wenn sie schon aus

vernünftigen Wesen bestehet, derselben unfähig ist. Die Fabel von dem

Lahmen und Blinden, oder von dem armen Mann und dem Tode, läßt sich

ebensowenig zur Länge des epischen Gedichts erstrecken als die Fabel

von dem Lamme und dem Wolfe, oder von dem Fuchse und dem Raben. Kann

es also an der Natur der Tiere liegen? Und wenn man mit Beispielen

streiten wollte, wieviel sehr gute Fabeln ließen sich ihm nicht

entgegensetzen, in welchen den Tieren weit mehr als flüchtige und

dunkle Strahlen einer Vernunft beigelegt wird und man sie ihre

Anschläge ziemlich von weitem her zu einem Endzwecke anwenden siehet.

Z. E. der Adler und der Käfer [15]; der Adler, die Katze und das

Schwein [16] etc.

{Fussnote 15: Fab. Aesop. 2.}

{Fussnote 16: Phaedrus libr. II. Fab. 4.}

Unterdessen, dachte ich einsmals bei mir selbst, wenn man

demohngeachtet eine aesopische Fabel von einer ungewöhnlichen Länge

machen wollte, wie müßte man es anfangen, daß die itztberührten

Unbequemlichkeiten dieser Länge wegfielen? Wie müßte unser Reinicke

Fuchs aussehen, wenn ihm der Name eines aesopischen Heldengedichts

zukommen sollte? Mein Einfall war dieser: Vors erste müßte nur ein

einziger moralischer Satz in dem Ganzen zum Grunde liegen; vors zweite

müßten die vielen und mannigfaltigen Teile dieses Ganzen, unter

gewisse Hauptteile gebracht werden, damit man sie wenigstens in diesen

Hauptteilen auf einmal übersehen könnte; vors dritte müßte jeder

dieser Hauptteile ein besonders Ganze, eine für sich bestehende Fabel,

sein können, damit das große Ganze aus gleichartigen Teilen bestünde.

Es müßte, um alles zusammenzunehmen, der allgemeine moralische Satz in

seine einzelne Begriffe aufgelöset werden; jeder von diesen einzelnen

Begriffen müßte in einer besondern Fabel zur Intuition gebracht werden,

und alle diese besondern Fabeln müßten zusammen nur eine einzige

Fabel ausmachen. Wie wenig hat der Reinicke Fuchs von diesen

Requisitis! Am besten also, ich mache selbst die Probe, ob sich mein

Einfall auch wirklich ausführen läßt.--Und nun urteile man, wie diese

Probe ausgefallen ist! Es ist die sechzehnte Fabel meines dritten

Buchs und heißt die Geschichte des alten Wolfs in sieben Fabeln. Die

Lehre, welche in allen sieben Fabeln zusammengenommen liegt, ist diese:

"Man muß einen alten Bösewicht nicht auf das Äußerste bringen und ihm

alle Mittel zur Besserung, so spät und erzwungen sie auch sein mag,

benehmen." Dieses Äußerste, diese Benehmung aller Mittel zerstückte

ich, machte verschiedene mißlungene Versuche des Wolfs daraus, des

gefährlichen Raubens künftig müßig gehen zu können, und bearbeitete

jeden dieser Versuche als eine besondere Fabel, die ihre eigene und

mit der Hauptmoral in keiner Verbindung stehende Lehre hat.--Was ich

hier bis auf sieben und mit dem Rangstreite der Tiere auf vier Fabeln

gebracht habe, wird ein andrer mit einer andern noch fruchtbarern

Moral leicht auf mehrere bringen können. Ich begnüge mich, die

Möglichkeit gezeigt zu haben.

Abhandlungen über die Fabel · 第 10 / 12 题