Richer

Richer ist ein andrer französischer Fabulist, der ein wenig besser

erzählet als de La Motte, in Ansehung der Erfindung aber weit unter

ihm stehet. Auch dieser hat uns seine Gedanken über diese

Dichtungsart nicht vorenthalten wollen und erklärt die Fabel durch ein

kleines Gedicht, das irgendeine unter einem allegorischen Bilde

versteckte Regel enthalte [1].

{Fussnote 1: La Fable est un petit Poeme qui contient un precepte

caché sous une image allegorique. Fables nouvelles, Preface, p. 9.}

Richer hat die Erklärung des de La Motte offenbar vor Augen gehabt.

Und vielleicht hat er sie gar verbessern wollen. Aber das ist ihm

sehr schlecht gelungen.

Ein kleines Gedicht (Poeme)?--Wenn Richer das Wesen eines Gedichts in

die bloße Fiktion setzet: so bin ich es zufrieden, daß er die Fabel

ein Gedicht nennet. Wenn er aber auch die poetische Sprache und ein

gewisses Silbenmaß als notwendige Eigenschaften eines Gedichtes

betrachtet: so kann ich seiner Meinung nicht sein.--Ich werde mich

weiter unten hierüber ausführlicher erklären.

Eine Regel (Precepte)?--Dieses Wort ist nichts bestimmter als das Wort

Lehre des de La Motte. Alle Künste, alle Wissenschaften haben Regeln,

haben Vorschriften. Die Fabel aber stehet einzig und allein der Moral

zu. Von einer andern Seite hingegen betrachtet, ist Regel oder

Vorschrift hier sogar noch schlechter als Lehre; weil man unter Regel

und Vorschrift eigentlich nur solche Sätze verstehet, die unmittelbar

auf die Bestimmung unsers Tuns und Lassens gehen. Von dieser Art aber

sind nicht alle moralische Lehrsätze der Fabel. Ein großer Teil

derselben sind Erfahrungssätze, die uns nicht sowohl von dem, was

geschehen sollte, als vielmehr von dem, was wirklich geschiehet,

unterrichten. Ist die Sentenz:

In principatu commutando civium

Nil praeter domini nomen mutant pauperes

eine Regel, eine Vorschrift? Und gleichwohl ist sie das Resultat

einer von den schönsten Fabeln des Phaedrus [2]. Es ist zwar wahr, aus

jedem solchen Erfahrungssatze können leicht eigentliche Vorschriften

und Regeln gezogen werden. Aber was in dem fruchtbaren Satze liegt,

das liegt nicht darum auch in der Fabel. Und was müßte das für eine

Fabel sein, in welcher ich den Satz mit allen seinen Folgerungen auf

einmal anschauend erkennen sollte?

{Fussnote 2: Libri I. Fab. 15.}

Unter einem allegorischen Bilde?--Über das Allegorische habe ich mich

bereits erkläret. Aber Bild (Image)! Unmöglich kann Richer dieses

Wort mit Bedacht gewählt haben. Hat er es vielleicht nur ergriffen,

um von de La Motte lieber auf Geratewohl abzugehen, als nach ihm recht

zu haben?--Ein Bild heißt überhaupt jede sinnliche Vorstellung eines

Dinges nach einer einzigen ihm zukommenden Veränderung. Es zeigt mir

nicht mehrere oder gar alle mögliche Veränderungen, deren das Ding

fähig ist, sondern allein die, in der es sich in einem und

ebendemselben Augenblicke befindet. In einem Bilde kann ich zwar also

wohl eine moralische Wahrheit erkennen, aber es ist darum noch keine

Fabel. Der mitten im Wasser dürstende Tantalus ist ein Bild, und ein

Bild, das mir die Möglichkeit zeiget, man könne auch bei dem größten

Überflusse darben. Aber ist dieses Bild deswegen eine Fabel? So auch

folgendes kleine Gedicht:

Cursu veloci pendens in novacula,

Calvus, comosa fronte, nudo corpore,

Quem si occuparis, teneas; elapsum semel

Non ipse possit Jupiter reprehendere;

Occasionem rerum significat brevem.

Effectus impediret ne segnis mora,

Finxere antiqui talem effigiem temporis.

Wer wird diese Zeilen für eine Fabel erkennen, ob sie schon Phaedrus

als eine solche unter seinen Fabeln mit unterlaufen läßt [3]? Ein

jedes Gleichnis, ein jedes Emblema würde eine Fabel sein, wenn sie

nicht eine Mannigfaltigkeit von Bildern, und zwar zu einem Zwecke

übereinstimmenden Bildern, wenn sie, mit einem Worte, nicht das

notwendig erforderte, was wir durch das Wort Handlung ausdrücken.

{Fussnote 3: Lib. V. Fab. 8.}

Eine Handlung nenne ich eine Folge von Veränderungen, die zusammen ein

Ganzes ausmachen.

Diese Einheit des Ganzen beruhet auf der Übereinstimmung aller Teile

zu einem Endzwecke.

Der Endzweck der Fabel, das, wofür die Fabel erfunden wird, ist der

moralische Lehrsatz.

Folglich hat die Fabel eine Handlung, wenn das, was sie erzählt, eine

Folge von Veränderungen ist und jede dieser Veränderungen etwas dazu

beiträgt, die einzeln Begriffe, aus welchen der moralische Lehrsatz

bestehet, anschauend erkennen zu lassen.

Was die Fabel erzählt, muß eine Folge von Veränderungen sein. Eine

Veränderung oder auch mehrere Veränderungen, die nur nebeneinander

bestehen und nicht aufeinander folgen, wollen zur Fabel nicht

zureichen. Und ich kann es für eine untriegliche Probe ausgeben, daß

eine Fabel schlecht ist, daß sie den Namen der Fabel gar nicht

verdienet, wenn ihre vermeinte Handlung sich ganz malen läßt. Sie

enthält alsdenn ein bloßes Bild, und der Maler hat keine Fabel,

sondern ein Emblema gemalt.--"Ein Fischer, indem er sein Netz aus dem

Meere zog, blieb der größern Fische, die sich darin gefangen hatten,

zwar habhaft, die kleinsten aber schlupften durch das Netz durch und

gelangten glücklich wieder ins Wasser."--Diese Erzählung befindet sich

unter den aesopischen Fabeln [4], aber sie ist keine Fabel, wenigstens

eine sehr mittelmäßige. Sie hat keine Handlung, sie enthält ein

bloßes einzelnes Faktum, das sich ganz malen läßt; und wenn ich dieses

einzelne Faktum, dieses Zurückbleiben der größern und dieses

Durchschlupfen der kleinen Fische, auch mit noch so viel andern

Umständen erweiterte, so würde doch in ihm allein, und nicht in den

andern Umständen zugleich mit, der moralische Lehrsatz liegen.

{Fussnote 4: Fab. Aesop. 154}

Doch nicht genug, daß das, was die Fabel erzählt, eine Folge von

Veränderungen ist, alle diese Veränderungen müssen zusammen nur einen

einzigen anschauenden Begriff in mir erwecken. Erwecken sie deren

mehrere, liegt mehr als ein moralischer Lehrsatz in der vermeinten

Fabel, so fehlt der Handlung ihre Einheit, so fehlt ihr das, was sie

eigentlich zur Handlung macht, und kann, richtig zu sprechen, keine

Handlung, sondern muß eine Begebenheit heißen.--Ein Exempel:

Lucernam fur accendit ex ara Jovis,

Ipsumque compilavit ad lumen suum;

Onustus qui sacrilegio cum discederet,

Repente vocem sancta misit Religio:

Malorum quamvis ista fuerint munera,

Mihique invisa, ut non offendar subripi;

Tamen, sceleste, spiritu culpam lues,

Olim cum adscriptus venerit poenae dies.

Sed ne ignis noster facinori praeluceat,

Per quem verendos excolit pietas Deos,

Veto esse tale luminis commercium.

Ita hodie, nec lucernam de flamma Deûm

Nec de lucerna fas est accendi sacrum.

Was hat man hier gelesen? Ein Histörchen, aber keine Fabel. Ein

Histörchen trägt sich zu, eine Fabel wird erdichtet. Von der Fabel

also muß sich ein Grund angeben lassen, warum sie erdichtet worden, da

ich den Grund, warum sich jenes zugetragen, weder zu wissen noch

anzugeben gehalten bin. Was wäre nun der Grund, warum diese Fabel

erdichtet worden, wenn es anders eine Fabel wäre? Recht billig zu

urteilen, könnte es kein andrer als dieser sein: der Dichter habe

einen wahrscheinlichen Anlaß zu dem doppelten Verbote, weder von dem

heiligen Feuer ein gemeines Licht noch von einem gemeinen Lichte das

heilige Feuer anzuzünden, erzählen wollen. Aber wäre das eine

moralische Absicht, dergleichen der Fabulist doch notwendig haben

soll? Zur Not könnte zwar dieses einzelne Verbot zu einem Bilde des

allgemeinen Verbots dienen, daß das Heilige mit dem Unheiligen, das

Gute mit dem Bösen in keiner Gemeinschaft stehen soll. Aber was

tragen alsdenn die übrigen Teile der Erzählung zu diesem Bilde bei?

Zu diesem gar nichts, sondern ein jeder ist vielmehr das Bild, der

einzelne Fall einer ganz andern allgemeinen Wahrheit. Der Dichter hat

es selbst empfunden und hat sich aus der Verlegenheit, welche Lehre er

allein daraus ziehen solle, nicht besser zu reißen gewußt, als wenn er

deren so viele daraus zöge als sich nur immer ziehen ließen. Denn er

schließt:

Quot res contineat hoc argumentum utiles,

Non explicabit alius, quam qui repperit.

Significat primo, saepe, quos ipse alueris,

Tibi inveniri maxime contrarios.

Secundo ostendit, scelera non ira Deûm,

Fatorum dicto sed puniri tempore.

Novissime interdicit, ne cum malefico

Usum bonus consociet ullius rei.

Eine elende Fabel, wenn niemand anders als ihr Erfinder es erklären

kann, wieviel nützliche Dinge sie enthalte! Wir hätten an einem genug!

--Kaum sollte man es glauben, daß einer von den Alten, einer von

diesen großen Meistern in der Einfalt ihrer Plane, uns dieses

Histörchen für eine Fabel [5] verkaufen können.

{Fussnote 5: Phaedrus libr. IV. Fab. 10}

Abhandlungen über die Fabel · 第 6 / 12 题