De La Motte

Dieser Mann, welcher nicht sowohl ein großes poetisches Genie als ein

guter, aufgeklärter Kopf war, der sich an mancherlei wagen und überall

erträglich zu bleiben hoffen durfte, erklärt die Fabel durch eine

unter die Allegorie einer Handlung versteckte Lehre [1].

{Fussnote 1: La Fable est une instruction deguisée sous l'allegorie

d'une action. Discours sur la fable.}

Als sich der Sohn des stolzen Tarquinius bei den Gabiern nunmehr

festgesetzt hatte, schickte er heimlich einen Boten an seinen Vater

und ließ ihn fragen, was er weiter tun solle? Der König, als der Bote

zu ihm kam, befand sich eben auf dem Felde, hub seinen Stab auf,

schlug den höchsten Mahnstängeln die Häupter ab und sprach zu dem

Boten: Geh, und erzähle meinem Sohne, was ich itzt getan habe! Der

Sohn verstand den stummen Befehl des Vaters und ließ die Vornehmsten

der Gabier hinrichten. [2]--Hier ist eine allegorische Handlung--hier

ist eine unter die Allegorie dieser Handlung versteckte Lehre: aber

ist hier eine Fabel? Kann man sagen, daß Tarquinius seine Meinung dem

Sohne durch eine Fabel habe wissen lassen? Gewiß nicht!

{Fussnote 2: Florus. lib. I. cap. 7.}

Jener Vater, der seinen uneinigen Söhnen die Vorteile der Eintracht an

einem Bündel Ruten zeigte, das sich nicht anders als stückweise

zerbrechen lasse, machte der eine Fabel? [3]

{Fussnote 3: Fabul. Aesop. 171.}

Aber wenn ebenderselbe Vater seinen uneinigen Söhnen erzählt hätte,

wie glücklich drei Stiere, solange sie einig waren, den Löwen von sich

abhielten und wie bald sie des Löwen Raub wurden, als Zwietracht unter

sie kam und jeder sich seine eigene Weide suchte [4]: alsdenn hätte

doch der Vater seinen Söhnen ihr Bestes in einer Fabel gezeigt? Die

Sache ist klar.

{Fussnote 4: Fab. Aesop. 297.}

Folglich ist es ebenso klar, daß die Fabel nicht bloß eine

allegorische Handlung, sondern die Erzählung einer solchen Handlung

sein kann. Und dieses ist das erste, was ich wider die Erklärung des

de La Motte zu erinnern habe.

Aber was will er mit seiner Allegorie?--Ein so fremdes Wort, womit nur

wenige einen bestimmten Begriff verbinden, sollte überhaupt aus einer

guten Erklärung verbannt sein.--Und wie, wenn es hier gar nicht einmal

an seiner Stelle stünde? Wenn es nicht wahr wäre, daß die Handlung

der Fabel an sich selbst allegorisch sei? Und wenn sie es höchstens

unter gewissen Umständen nur werden könnte?

Quintilian lehret: Allhgoria, quam Inversionem interpretamur, aliud

verbis, aliud sensu ostendit, ac etiam interim contrarium [5]. Die

Allegorie sagt das nicht, was sie nach den Worten zu sagen scheinet,

sondern etwas anders. Die neuern Lehrer der Rhetorik erinnern, daß

dieses etwas andere auf etwas anderes Ähnliches einzuschränken sei,

weil sonst auch jede Ironie eine Allegorie sein würde [6]. Die

letztern Worte des Quintilians, ac etiam interim contrarium, sind

ihnen hierin zwar offenbar zuwider, aber es mag sein.

{Fussnote 5: Quinctilianus lib. VIII. cap. 6.}

{Fussnote 6: Allegoria dicitur, quia allo men agoreuei, allo de noei.

Et istud allo restringi debet ad aliud simile, alias etiam omnis

Ironia Allegoria esset.}

Die Allegorie sagt also nicht, was sie den Worten nach zu sagen

scheinet, sondern etwas Ähnliches. Und die Handlung der Fabel, wenn

sie allegorisch sein soll, muß das auch nicht sagen, was sie zu sagen

scheinet, sondern nur etwas Ähnliches?

Wir wollen sehen!--"Der Schwächere wird gemeiniglich ein Raub des

Mächtigern." Das ist ein allgemeiner Satz, bei welchem ich mir eine

Reihe von Dingen gedenke, deren eines immer stärker ist als das andere,

die sich also, nach der Folge ihrer verschiednen Stärke,

untereinander aufreiben können. Eine Reihe von Dingen! Wer wird

lange und gern den öden Begriff eines Dinges denken, ohne auf dieses

oder jenes besondere Ding zu fallen, dessen Eigenschaften ihm ein

deutliches Bild gewähren? Ich will also auch hier anstatt dieser

Reihe von unbestimmten Dingen eine Reihe bestimmter, wirklicher Dinge

annehmen. Ich könnte mir in der Geschichte eine Reihe von Staaten

oder Königen suchen; aber wie viele sind in der Geschichte so

bewandert, daß sie, sobald ich meine Staaten oder Könige nur nennte,

sich der Verhältnisse, in welchen sie gegeneinander an Größe und Macht

gestanden, erinnern könnten? Ich würde meinen Satz nur wenigen

faßlicher gemacht haben, und ich möchte ihn gern allen so faßlich als

möglich machen. Ich falle auf die Tiere, und warum sollte ich nicht

eine Reihe von Tieren wählen dürfen, besonders wenn es allgemein

bekannte Tiere wären? Ein Auerhahn--ein Marder--ein Fuchs--ein

Wolf--Wir kennen diese Tiere, wir dürfen sie nur nennen hören, um

sogleich zu wissen, welches das stärkere oder das schwächere ist.

Nunmehr heißt mein Satz: der Marder frißt den Auerhahn, der Fuchs den

Marder, den Fuchs der Wolf. Er frißt? Er frißt vielleicht auch nicht.

Das ist mir noch nicht gewiß genug. Ich sage also: er fraß. Und

siehe, mein Satz ist zur Fabel geworden!

Ein Marder fraß den Auerhahn,

Den Marder würgt ein Fuchs, den Fuchs des Wolfes Zahn. [7]

{Fussnote 7: von Hagedorn: Fabeln und Erzehlungen, erstes Buch. S. 77.}

Was kann ich nun sagen, daß in dieser Fabel für eine Allegorie liege?

Der Auerhahn, der Schwächste; der Marder, der Schwache; der Fuchs, der

Starke; der Wolf, der Stärkste. Was hat der Auerhahn mit dem

Schwächsten, der Marder mit dem Schwachen usw. hier Ähnliches?

Ähnliches! Gleichet hier bloß der Fuchs dem Starken und der Wolf

dem Stärksten, oder ist jener hier der Starke so wie dieser der

Stärkste? Er ist es.--Kurz, es heißt die Worte auf eine kindische Art

mißbrauchen, wenn man sagt, daß das Besondere mit seinem Allgemeinen,

das Einzelne mit seiner Art, die Art mit ihrem Geschlechte eine

Ähnlichkeit habe. Ist dieser Windhund einem Windhunde überhaupt, und

ein Windhund überhaupt einem Hunde ähnlich? Eine lächerliche Frage!

--Findet sich nun aber unter den bestimmten Subjekten der Fabel, und

den allgemeinen Subjekten ihres Satzes keine Ähnlichkeit, so kann auch

keine Allegorie unter ihnen statthaben. Und das nämliche läßt sich

auf die nämliche Art von den beiderseitigen Prädikaten erweisen.

Vielleicht aber meiner jemand, daß die Allegorie hier nicht auf der

Ähnlichkeit zwischen den bestimmten Subjekten oder Prädikaten der

Fabel und den allgemeinen Subjekten oder Prädikaten des Satzes,

sondern auf der Ähnlichkeit der Arten, wie ich ebendieselbe Wahrheit

itzt durch die Bilder der Fabel und itzt vermittelst der Worte des

Satzes erkenne, beruhe. Doch das ist soviel als nichts. Denn käme

hier die Art der Erkenntnis in Betrachtung und wollte man bloß wegen

der anschauenden Erkenntnis, die ich vermittelst der Handlung der

Fabel von dieser oder jener Wahrheit erhalte, die Handlung allegorisch

nennen: so würde in allen Fabeln ebendieselbe Allegorie sein, welches

doch niemand sagen will, der mit diesem Worte nur einigen Begriff

verbindet.

Ich befürchte, daß ich von einer so klaren Sache viel zuviel Worte

mache. Ich fasse daher alles zusammen und sage: die Fabel als eine

einfache Fabel kann unmöglich allegorisch sein.

Man erinnere sich aber meiner obigen Anmerkung, nach welcher eine jede

einfache Fabel auch eine zusammengesetzte werden kann. Wie, wenn sie

alsdenn allegorisch würde? Und so ist es. Denn in der

zusammengesetzten Fabel wird ein Besonderes gegen das andre gehalten;

zwischen zwei oder mehr Besondern, die unter ebendemselben Allgemeinen

begriffen sind, ist die Ähnlichkeit unwidersprechlich, und die

Allegorie kann folglich stattfinden. Nur muß man nicht sagen, daß die

Allegorie zwischen der Fabel und dem moralischen Satze sich befinde.

Sie befindet sich zwischen der Fabel und dem wirklichen Falle, der zu

der Fabel Gelegenheit gegeben hat, insofern sich aus beiden

ebendieselbe Wahrheit ergibt.--Die bekannte Fabel vom Pferde, das sich

von dem Manne den Zaum anlegen ließ und ihn auf seinen Rücken nahm,

damit er ihm nur in seiner Rache, die es an dem Hirsche nehmen wollte,

behülflich wäre: diese Fabel sage ich, ist sofern nicht allegorisch,

als ich mit dem Phaedrus [8] bloß die allgemeine Wahrheit daraus ziehe:

{Fussnote 8: Lib. IV. fab. 3.}

Impune potius laedi, quam dedi alteri.

Bei der Gelegenheit nur, bei welcher sie ihr Erfinder Stesichorus

erzählte, ward sie es. Er erzählte sie nämlich, als die Himerenser

den Phalaris zum obersten Befehlshaber ihrer Kriegsvölker gemacht

hatten und ihm noch dazu eine Leibwache geben wollten. "O ihr

Himerenser, rief er, die ihr so fest entschlossen seid, euch an euren

Feinden zu rächen; nehmet euch wohl in acht, oder es wird euch wie

diesem Pferde ergehen! Den Zaum habt ihr euch bereits anlegen lassen,

indem ihr den Phalaris zu eurem Heerführer mit unumschränkter Gewalt

ernannt. Wollt ihr ihm nun gar eine Leibwache geben, wollt ihr ihn

aufsitzen lassen, so ist es vollends um eure Freiheit getan."

[9]--Alles wird hier allegorisch! Aber einzig und allein dadurch, daß

das Pferd hier nicht auf jeden Beleidigten, sondern auf die

beleidigten Himerenser; der Hirsch nicht auf jeden Beleidiger, sondern

auf die Feinde der Himerenser; der Mann nicht auf jeden listigen

Unterdrücker, sondern auf den Phalaris; die Anlegung des Zaums nicht

auf jeden ersten Eingriff in die Rechte der Freiheit, sondern auf die

Ernennung des Phalaris zum unumschränkten Heerführer; und das

Aufsitzen endlich nicht auf jeden letzten tödlichen Stoß, welcher der

Freiheit beigebracht wird, sondern auf die dem Phalaris zu

bewilligende Leibwache gezogen und angewandt wird.

{Fussnote 9: Aristoteles Rhetor. lib. II. cap. 20.}

Was folgt nun aus alle dem? Dieses: da die Fabel nur alsdenn

allegorisch wird, wenn ich dem erdichteten einzeln Falle, den sie

enthält, einen andern ähnlichen Fall, der sich wirklich zugetragen hat,

entgegenstelle, da sie es nicht an und für sich selbst ist, insofern

sie eine allgemeine moralische Lehre enthält, so gehöret das Wort

Allegorie gar nicht in die Erklärung derselben.--Dieses ist das zweite,

was ich gegen die Erklärung des de La Motte zu erinnern habe.

Und man glaube ja nicht, daß ich es bloß als ein müßiges,

überflüssiges Wort daraus verdrängen will. Es ist hier, wo es steht,

ein höchst schädliches Wort, dem wir vielleicht eine Menge schlechter

Fabeln zu danken haben. Man begnüge sich nur, die Fabel, in Ansehung

des allgemeinen Lehrsatzes, bloß allegorisch zu machen, und man kann

sicher glauben, eine schlechte Fabel gemacht zu haben. Ist aber eine

schlechte Fabel eine Fabel?--Ein Exempel wird die Sache in ihr

völliges Licht setzen. Ich wähle ein altes, um ohne Mißgunst recht

haben zu können. Die Fabel nämlich von dem Mann und dem Satyr. "Der

Mann bläset in seine kalte Hand, um seine Hand zu wärmen, und bläset

in seinen heißen Brei, um seinen Brei zu kühlen. Was? sagt der Satyr,

du bläsest aus einem Munde warm und kalt? Geh, mit dir mag ich nichts

zu tun haben!" [10]--Diese Fabel soll lehren, oti dei jeugein hmaV taV

jiliaV, wn amjiboloV estin h diaJesiV; die Freundschaft aller

Zweizüngler, aller Doppelleute, aller Falschen zu fliehen. Lehrt sie

das? Ich bin nicht der erste, der es leugnet und die Fabel für

schlecht ausgibt.

{Fussnote 10: Fab. Aesop. 126}

Richer [11] sagt, sie sündige wider die Richtigkeit der Allegorie; ihre

Moral sei weiter nichts als eine Anspielung und gründe sich auf eine

bloße Zweideutigkeit. Richer hat richtig empfunden, aber seine

Empfindung falsch ausgedrückt. Der Fehler liegt nicht sowohl darin,

daß die Allegorie nicht richtig genug ist, sondern darin, daß es

weiter nichts als eine Allegorie ist. Anstatt daß die Handlung des

Mannes, die dem Satyr so anstößig scheinet, unter dem allgemeinen

Subjekte des Lehrsatzes wirklich begriffen sein sollte, ist sie ihm

bloß ähnlich. Der Mann sollte sich eines wirklichen Widerspruchs

schuldig machen, und der Widerspruch ist nur anscheinend. Die Lehre

warnet uns vor Leuten, die von ebenderselben Sache ja und nein sagen,

die ebendasselbe Ding loben und tadeln: und die Fabel zeiget uns einen

Mann, der seinen Atem gegen verschiedene Dinge verschieden braucht,

der auf ganz etwas anders itzt seinen Atem warm haucht, und auf ganz

etwas anders ihn itzt kalt bläset.

{Fussnote 11:--contre la justesse de l'allegorie.--Sa morale n' est

qu'une allusion, et n'est fondée que sur un jeu de mots équivoque.

Fables nouvelles, Preface, p. 10.}

Endlich, was läßt sich nicht alles allegorisieren! Man nenne mir das

abgeschmackte Märchen, in welches ich durch die Allegorie nicht einen

moralischen Sinn sollte legen können!--"Die Mitknechte des Aesopus

gelüstet nach den trefflichen Feigen ihres Herrn. Sie essen sie auf,

und als es zur Nachfrage kömmt, soll es der gute Aesop getan haben.

Sich zu rechtfertigen, trinket Aesop in großer Menge laues Wasser, und

seine Mitknechte müssen ein Gleiches tun. Das laue Wasser hat seine

Wirkung, und die Näscher sind entdeckt."--- Was lehrt uns dieses

Histörchen? Eigentlich wohl weiter nichts, als daß laues Wasser, in

großer Menge getrunken, zu einem Brechmittel werde? Und doch machte

jener persische Dichter [12] einen weit edlern Gebrauch davon. "Wenn

man euch", spricht er, "an jenem großen Tage des Gerichts, von diesem

warmen und siedenden Wasser wird zu trinken geben: alsdenn wird alles

an den Tag kommen, was ihr mit so vieler Sorgfalt vor den Augen der

Welt verborgen gehalten; und der Heuchler, den hier seine Verstellung

zu einem ehrwürdigen Manne gemacht hatte, wird mit Schande und

Verwirrung überhäuft dastehen!"--Vortrefflich!

{Fussnote 12: Herbelot Bibl. Orient. p. 516. Lorsque l'on vous

donnera à boire de cette eau chaude et brulante, dans la question du

Jugement dernier, tout ce que vous avez caché avec tant de soin,

paroitra aux yeux de tout le monde, et celui qui aura acquis de

l'estime par son hypocrisie et par son deguisement, sera pour lors

couvert de honte er de confusion.}

Ich habe nun noch eine Kleinigkeit an der Erklärung des de La Motte

auszusetzen. Das Wort Lehre (instruction) ist zu unbestimmt und

allgemein. Ist jeder Zug aus der Mythologie, der auf eine physische

Wahrheit anspielet oder in den ein tiefsinniger Baco wohl gar eine

transzendentalische Lehre zu legen weiß, eine Fabel? Oder wenn der

seltsame Holberg erzählet: "Die Mutter des Teufels übergab ihm

einsmals vier Ziegen, um sie in ihrer Abwesenheit zu bewachen. Aber

diese machten ihm so viel zu tun, daß er sie mit aller seiner Kunst

und Geschicklichkeit nicht in der Zucht halten konnte. Diesfalls

sagte er zu seiner Mutter nach ihrer Zurückkunft: Liebe Mutter, hier

sind Eure Ziegen! Ich will lieber eine ganze Compagnie Reuter

bewachen als eine einzige Ziege!"--Hat Holberg eine Fabel erzählet?

Wenigstens ist eine Lehre in diesem Dinge. Denn er setzet selbst mit

ausdrücklichen Worten dazu: "Diese Fabel zeiget, daß keine Kreatur

weniger in der Zucht zu halten ist als eine Ziege." [13]--Eine wichtige

Wahrheit! Niemand hat die Fabel schändlicher gemißhandelt als dieser

Holberg!--Und es mißhandelt sie jeder, der, eine andere als moralische

Lehre darin vorzutragen, sich einfallen läßt.

{Fussnote 13: Moralische Fabeln des Baron von Holbergs, S. 103.}

Abhandlungen über die Fabel · 第 5 / 12 题