II. Halbchor:

Laß viel im Ernst und viel im Spaß

Sich meine Zunge heut ergehn;

Und wenn ich würdig deines Fests

Gelacht, gespottet, laß mich dann

Als Sieger stehn im Kranze!

Chorführer:

Auf! Eia!

Nun auch den jugendschönen Gott

Ruft herbei mit Liedern,

Auf daß er uns Genosse sei

Dieses Reigentanzes!

Einzelne des Chores:

Jakchos, vielgefeierter, der des Festes

Anmutig Lied erfunden, komm, geleit uns

Zur Göttin hin,

Und zeige, wie du mühelos

Die weite Bahn zurücklegst!

Der ganze Chor:

Jakchos, heit'rer Tänze Freund, geleite mich!

Einzelne:

Denn du zerrissest, daß wir zum Gelächter

Armselig aussehn, dieses Paar Sandälchen,

Dies Fetzenkleid,

Und schafftest, daß wir ungestraft

In Spiel und Tanz uns freuen.

Der ganze Chor:

Jakchos, heit'rer Tänze Freund, geleite mich!

Einzelne:

Denn eben, als ich nach dem Dirnchen seitwärts

Hinüberblinzelte nach der allerliebsten Mittänzerin,

Da sah ich des Hemdchens Schlitz

Und weiße Brüstchen gucken.

Chorführer:

So wandelt

Jetzt nach der Göttin heiligem Rund,

Nach dem Blumenhaine,

Froh scherzend, ihr, des heiligen

Götterfestes Genossen!

Ich, sammt den Mädchen und Frau'n,

Ziehe hin zum Nachtfest

Der Göttin, um die heilige

Fackel dort zu tragen.

Chor:

Ja, wandeln wir zum Rosenhain,

Zu blumenreichen Auen,

Und scherzen in alter Art,

Zum lieblichsten Tanz gesellt,

Den wieder erwecken hier

Die seligen Mören.

Denn uns allein strahlt Sonnenglanz

Und heitern Lichtes Helle,

Uns, die die Weihen wir einst

Empfangen und frommen Brauch

An Fremdlingen stets geübt

Und Bürgern.

* * * * *

An einzelnen Tagen mußten die Mysten fasten, doch nur bis zum Anbruch der

Nacht. Alsdann genossen sie zuerst den Kykeon[595], einen Mischtrank aus

Mehl und Wasser, der mit Polei und anderen Zuthaten gewürzt war, und

darauf, wozu sie Lust hatten mit Ausnahme gewisser verbotener Speisen.[596]

Es wurde auch etwas Speise aus einer Kiste genommen, und nachdem man davon

gekostet, in einen Korb und aus diesem wieder in die Kiste gelegt. Darauf

bezieht sich die Formel, die als Erkennungszeichen für die Mysten gedient

haben soll: »Ich fastete, ich trank den Kykeon, ich nahm aus der Kiste, ich

kostete, ich legte in den Korb und aus dem Korbe in die Kiste.« Die Speise,

die man der Kiste entnahm, war wahrscheinlich Sesamkuchen. Solche Kuchen

wurden für die Feier in einer eigentümlichen Form, worüber später bei den

Thesmophorien näheres, gebacken. Man meint, die Kiste bedeutete die Erde,

aus der der Mensch seine Nahrung entnimmt, von der er einen Teil verzehrt,

einen anderen in der Scheuer (dem Korbe) verwahrt, um ihn dann aus dieser,

als Saatkorn, der Erde zurückzugeben.

Im Telesterion selbst, in Räumen, die nur für die Mysten selbst zugänglich

waren, -- jeder einzelne wird sich hier haben legitimieren müssen, nachdem

durch den Ruf des Hierokeryx, des heiligen Herolds, allen Profanen geboten

war, sich zu entfernen, -- fanden dann diejenigen liturgischen Akte statt,

die den eigentlichen Hauptteil der Mysterien ausmachten, -- die letzte

Weihe, +epopteia+ genannt. Nach einer Wiederholung des Mysten-Eides, der

Formeln, der sogen. kleinen Weihen, der Reinigung, des Glückwunsches an die

Initiierten (Neueingeweihten) fand im Vortempel die letzte Vorbereitung für

diese letzte Weihe statt. Darauf: »alle Schrecken der Nacht, Blitze, die

durchs Dunkel zuckten« (+Saintecroix I. p. 348. Dio Chrysost. Op. XII. V.

I, p. 387. Reiske+), Stimmen und furchtbare Töne, Schreckgestalten,

Todesangst (+Plutarch, Fragm. de anima p. 136+). »Einige werden zu Boden

geworfen, bei den Haaren ergriffen, geschlagen, ohne in der Finsternis den

Thäter entdecken zu können.« (+Achill. Tatian, V. 23+). Endlich wird der

Vorhang hinweggezogen, der bisher das Allerheiligste verhüllt hat. Dieser

Schlußakt heißt +autopsie+ »Selbstschau«. Ein taghelles Licht strahlt aus

dem Allerheiligsten hervor, die Priester stehen da in stattlichem und

bedeutungsvollem Schmuck, Chöre von Sängern und Musikern im Hintergrunde:

der Hierophant tritt hervor und zeigt die Heiligtümer, jedes einzeln, und

offenbart, was über ihre Bedeutung nur den Eingeweihten zu wissen vergönnt

ist: die Chöre lassen ihre Lieder zur Verherrlichung der Götter und ihrer

Macht und Segensgaben erschallen.

»Wir mögen begreifen«, bemerkt +Schoemann, griech. Altertümer II, 376+,

dessen Darstellung ich im wesentlichen folgte, »wie die Gläubigen, denen

jene Heiligtümer, jene Götter wirklich als Götter gelten, aufs Tiefste

davon ergriffen und von frommen Gefühlen erfüllt werden konnten. Dann aber

lassen ausdrückliche Zeugnisse uns nicht daran zweifeln, daß dieses Zeigen

der Heiligtümer und die sich daran schließenden Vorträge und Gesänge

keineswegs alles waren, sondern, daß es auch nachahmende Darstellungen

gegeben habe, durch welche, was in den heiligen Sagen von den Thaten und

Leiden der Götter überliefert war, in lebendiger Vergegenwärtigung der

Schauenden vor die Augen trat.« -- »Es ist übrigens wohl anzunehmen, daß

die Enthüllungen der mystischen Heiligtümer und die mimischen Darstellungen

der heiligen Geschichten nicht alle in einer und derselben Nacht

stattfanden, und nicht alle Mysten auf einmal zugelassen wurden, um zur

Epoptie zu gelangen, sondern daß sie in verschiedenen Abteilungen an die

Reihe kamen.«

Vorgestellt wurden wahrscheinlich 1. das Blumenpflücken und die Entführung

der Kore (Persephone). Vgl. +Ovid. Metamorph. V, v. 340-675+. Kore spielt

mit den Okeaninen. Auf grüner Wiese spielen die Götterkinder, Blumen

pflückend, Krokos, Veilchen, Rosen, und was sonst Griechenlands Fluren beim

ersten Frühlinge Anmutiges darbieten. Da läßt Gäa den verhängnisvollen

Narciß wachsen. Kore greift darnach; alsbald weicht die Erde unter ihren

Füßen und sie wird eine Beute des +Hades-Aïdoneus+.

2. Das Suchen der Demeter: sie hört den letzten Schrei der Tochter, da

ergreift sie heftigster Schmerz. Es ist der Schmerz einer Mutter, der man

ihr Liebstes geraubt. Zerrissen der Schleier, die Locken gelöst, verhüllt

in das schwarze Gewand der Trauer, eilt die Göttin in fliegender Hast über

Land und Meer, immer spähend ohne Auskunft zu finden. Denn niemand wagt es,

ihr die Wahrheit zu sagen, »weder ein Gott, noch ein Mensch, noch ein

Vogel.«

3. Demeters Ankunft in Eleusis: Sie tilgt das Göttliche an ihrer

Erscheinung und wird eine gemeine Magd, bei hohen Jahren, von adeligem

Aussehen, aber leidend und des Trostes bedürftig. So war sie lange unter

den Menschen umhergeirrt, ungesellig, einsam in ihrem Grame. So kommt sie

nach Eleusis und setzt sich an der Landstraße, neben dem Brunnen der

Jungfrauen. Hier wird sie von der Baubo aufgenommen, die auch Jambe[597]

genannt wird, der Frau des Dysaules. Der Name Dysaules verrät die

Unwirtlichkeit der Lebensart, die Demeter vorfand. Es waren arme Menschen,

die unbekannt mit dem Segen des Ackerbaues von Beeren und Eicheln lebten.

Baubo bedeutet Pflegerin, Amme des Jakchos, des eleusinischen Dionysos oder

Zagreus, den Kore vor ihrer Entführung geboren hatte. Baubo ist es, die nun

der Göttin den Kykeon reicht und sie durch eine unzüchtige Geberde wieder

zum Lachen bringt. Daher das Kleideraufheben der Frauen und das Trinken des

Mischtrankes in den ausgelassenen Episoden der Feier. Demeter übernimmt nun

die Pflege des Kindes, dem sie, indem sie es ins Feuer hält, die

Unsterblichkeit zu verschaffen sucht; das Fleischliche als Sitz des

Sterblichen soll weggebrannt werden.

4. Das Wiederfinden der Persephone und die Stiftung des Ackerbaues. Von dem

Schweinehirten Eubulos erfährt Demeter den Ort, wo Pluton mit der Kore in

den Hades hinabgefahren. Eubulos und Triptolemos hatten ihre Heerden dort

geweidet, darum konnten sie Bericht geben. Demeter geht darauf selbst in

den Hades und führt die Kore wieder aus der Unterwelt empor. -- Aus

Dankbarkeit übergiebt sie dem Eubulos und Triptolemos die ersten Cerealien

und unterweist sie im Pflügen und Säen, und zwar in einem doppelten

Sinne.[598]

Zum Schluß Einsetzung der Mysterien, wobei Dysaules, Eumolpos, Triptolemos

die ersten Priester werden. Gegen Ende der Feierlichkeiten wurden zwei

thönerne Gefäße mit Wein gefüllt und das eine nach Osten, das andere nach

Westen unter Aussprechen mystischer Formeln ausgegossen. Auch bekränzten

sich die Mysten mit Myrten.

Endlich erfolgte der Beschluß, indem der Hierophant die Entlassungsformel

sprach. Diese Formel, welche %konx ompax% (+conx ompax+) lautete, hat zu

seltsamen Deutungen Veranlassung gegeben. Die griechische Bedeutung und

Herkunft der Worte ist nicht nachweisbar. Nicht geringes Aufsehen machte es

nun, als Mitte dieses Jahrhunderts der Engländer Wilforce in %konx ompax%

die indische Formel wiederzufinden glaubte, womit die _Braminen_ noch jetzt

ihre gottesdienstlichen Versammlungen schließen. Diese lautet:

+Canscha-Om-Pacsha+. +Canscha+ bezeichnet den Ort des höchsten Sehnens;

+Om+ das heilige Wort, womit die höchste Gottheit, das ewige Wesen,

bezeichnet wird; +Pacsha+ heißt Wechselung, Wanderung, Reihe, Ordnung,

Pflicht.

Forscher, wie Muenter, Creuzer (+Symbolik IV. 399+), Schelling, glaubten

hiermit sei das Rätsel gelöst und zugleich sei damit die Herkunft der

Mysterien von Indien bestätigt. Dagegen machte Lobeck in seinem höchst

gelehrten lateinisch geschriebenen Buche +Aglaophamus sive de theologiae

mysticae graecorum causis+, diese Ableitung lächerlich. Obwohl der Versuch

Lobecks seinerseits eine rein griechische Entstehung der Worte aus

Naturlauten, die das Umkippen der Wasseruhr nachahmen sollen, zu versuchen,

mir auch sehr zweifelhaft erscheint, möchte ich doch die Annahme einer

indischen Herkunft der fraglichen Entlassungsworte für ebenso gewagt

erachten.

Noch gewagter und meines Erachtens in verschiedenen Richtungen noch

leichter widerlegbar ist freilich der Versuch du Prels (+die Mystik der

alten Griechen S. 68-120+), zur Erklärung der Mysterien, wenigstens der

_Eleusinischen_, den _Spiritismus_ heranzuziehen. Er nimmt an, daß jene

geheimen Weihen, die wir eben beschrieben, nichts anderes als

spiritistische Sitzungen mit allen dazu gehörigen »physikalischen« und

»dämonischen« Phänomenen, »Materialisationen«, usw. gewesen seien. Schon

die große Menge der Beteiligten sollte diese Annahme selbst für einen von

der Möglichkeit derartiger »spiritistischer« Phänomene überzeugten

»Occultisten« ausschließen. Eigentlich spiritistische oder diesen analoge

hypnotische Manipulationen mögen bei einzelnen der späteren besonderen

Geheim-Conventikel syrischen und egyptischen Ursprungs zumal in der Zeit

des Verfalls der hellenischen Kultur üblich gewesen sein; im Rahmen der

staatlich offiziellen Eleusinien erscheinen sie undenkbar. Vielmehr sind

die Erscheinungen der eleusinischen Epoptie zweifellos durchweg auf

theatralische Vorstellungen ohne jeden Nebengedanken bewußter Täuschung

zurückzuführen und insofern den mittelalterlichen kirchlichen Mysterien,

deren Reste wir z. B. in den Oberammergauer Passionsspielen vor uns haben,

gleich zu stellen. Was gezeigt wurde, war wesentlich dramatische und

mimische Symbolik. Vielleicht war dieselbe in der nachklassischen Zeit auch

mit belehrenden, die »Allegorie« direkt erläuternden Vorträgen verbunden,

für die vorchristliche Zeit steht nach den gründlichen Untersuchungen

+Lobecks a. a. O.+ das Gegenteil fest; damals wurde das Verständnis des

tieferen Sinnes entweder vorausgesetzt oder der privaten Erklärung, etwa

durch den Mystagogen d. h. diejenige Person, welche die Einführung des

Einzelnen in den Geheimkult vermittelte, überlassen. Wir dürfen uns

freilich keine zu geringschätzige Ansicht über die Theatertechnik der alten

Griechen machen; dieselben verfügten über außerordentlich sinnreiche

Theatermaschinen. (Vgl. die Skene der Hellenen, von Gymnasiallehrer +R.

Kuhlenbeck, Gymnasial-Programm, Osnabrück 1875+.) In den Fundamenten des

von Perikles erbauten, 20-30000 Menschen fassenden Weihetempels zu Eleusis

hat man sogar interessante Überreste der Maschinenräume, von denen aus die

mystischen Phantasmagorien[599] ins Werk gesetzt worden sind, nachgewiesen.

(+S. Wheler, Chandler Reisen in Griechenland, Leipzig 1777.+) Die gewaltige

Wirkung ästhetisch-sinnlicher Symbolik, die wir ja heutzutage noch an der

Eindrucksfähigkeit des katholischen Kultus beobachten können, erklärt aber

auch genügend den überzeugenden unvergeßlichen Eindruck der heiligen

Handlungen auf die einer ästhetischen Entzückung mit allem künstlerischen

Raffinement durch eine Reihe von systematisch darauf abzielenden

Festlichkeiten immer näher geführten Epopten. Vgl. Schillers Marie Stuart:

Mortimer:

»Wie ward mir, Königin!

Als mir der Säulen Pracht und Siegesbogen

Entgegenstieg, des Kolosseums Herrlichkeit

Den Staunenden umfing, ein hoher Bildnergeist

In seine heitre Wunderwelt mich einschloß.«

Wie wurde mir, als ich ins Innre nun

Der Kirchen trat, und die Musik der Himmel

Herunterstieg, und der Gestalten Fülle

Verschwenderisch aus Wand und Decke quoll,

_Das Herrlichste und Höchste gegenwärtig,

Vor den entzückten Sinnen sich bewegte,

Als ich sie selbst nun sah, die Göttlichen,

Den Gruß des Engels, die Geburt des Herrn,

Die heil'ge Mutter, die herabgestieg'ne

Dreifaltigkeit, die leuchtende Verklärung_, usw.

So wird es uns begreiflich, wenn Pindar[600] singt:

»Glücklich ist, wer der eleusinischen Wahrheiten Kenner

In die Gruft des Todes hinabsteigt.

Er kennt den Ausgang des Lebens,

Kennt den gottverliehenen Anfang.«

oder Sophokles:

»Wie höchstbeglückt gelangen die ins Schattenreich,

Die eingeweiht sind. Sie leben dort allein,

Den andern ist nur Not und Ungemach bestimmt.«

oder wenn Isocrates schreibt, daß die, welche in die eleusinischen

Mysterien eingeweiht sind, beseligende Hoffnungen bezüglich des Lebensendes

und der ganzen Ewigkeit erlangen; und Cicero: »Athen hat zwar manches

Vortreffliche geschaffen, aber gewiß nichts Besseres, als jene Mysterien,

durch die wir aus einer rohen und uncivilisierten Lebensweise zur wahren

Bildung geführt sind und in die wahren Prinzipien des Lebens eingeweiht,

über das Rätsel des Lebens aufgeklärt werden, sodaß wir nicht nur mit

größerer Freude das Leben zu genießen, sondern auch mit besserer Hoffnung

zu sterben gelernt haben.«

Was war denn nun der wesentliche Inhalt der Lehre, die der Eingeweihte aus

den Symbolen und dramatischen Handlungen der eleusinischen Mysterien

entnahm? Zunächst allerdings nichts »occultistisches«, sondern die

civilisatorische Bedeutung des Ackerbaues, wie sie Schiller in seinem

Gedicht: das »eleusinische Fest« so unübertrefflich schildert.

»Ceres«, singt Ovid, »Ceres zuerst hat Schollen mit hackigem Pfluge

gewühlet,

Ceres zuerst gab Früchte dem Land' und mildere Nahrung;

Ceres gab die Gesetze; durch Ceres Geschenk sind wir Alles!«

* * * * *

Vor allem verehrte man in der Demeter die unerschöpfliche üppige ewig

jugendliche Naturkraft, die starke, nährende Mutter der lebenden Wesen; und

_dementsprechend trug die Feier vorwiegend den Charakter des freudigen

Erntefestes_.

»Deo, du göttliche _Mutter_ des All's, vielnamiges Wesen,

_Jugendernährerin_ du, Glückspenderin, hehre Demeter,

Segenquell', im Ährengesproß, allgebende Gottheit,

Welche der Frieden ergötzt und die Mühsal ihres Berufes;

_Dein ist die Saat, dein Garben und Tenn'_, o Göttin des _Fruchtgrüns_,

Die Du Dir Wohnung erkorst in Eleusis heiligen Hallen!

_Anmutsvoll, liebreizend, der Menschen Ernährerin allwärts_;

Welche zuerst zum Pflügen gebeugt den Nacken des Stieres,

_Und dem Sterblichen gab den lieblichen Segen der Nahrung_;

Wuchernder Blüte, Genossin des Bromios, glänzender Ehre

Fackel umstrahlt, urrein, die im Sommer sich freute der Sichel,

Jetzt in der Tief', aufsteigend anjetzt, jetzt jeglichem milde,

_Kinderbeglückt, den Jünglingen hold, du Nährerin, Männin_,

Welche mit Drachengebiß den rollenden Wagen bespannt hat,

Und in kreisendem Lauf um den eigenen Thron froh jauchzet!

Eingeburt, _an Sprößlingen reich_, voll waltender Obmacht,

In der Gestalten Gedräng' hehrblühender, buntes Geblümes,

Selige, komm, urreine, _beladen mit Früchten der Ernte_;

Frieden bringe zurück und des Rechtes gefällige Satzung,

_Überströmende Füll' und königliche Gesundheit_.«[601]

Soweit geht die Lehre auf vollste Lebensbejahung, auf einen genußreichen

Optimismus.

Aber dem Herbste folgt der Winter, dem Leben der Tod. Und so hat das

Erntefest auch seine Kehrseite. Hier nun setzt der Mythus vom Raub der

Persephone ein, und damit zugleich der tiefere »occultistische« Kern der

Geheimlehre. Die Vegetation der Erde verfällt dem Tode; allein gleichzeitig

ist die Hoffnung auf ihre _Wiederkehr_ im Kreislauf des Jahres, die

Hoffnung auf das neue Erwachen im Frühling begründet. Die Saat wird in die

Erde gesenkt, aber nur um aus scheinbarer Verwesung aufs Neue zu erblühen.

So entnimmt der Mensch für sich selber aus der Natur die Hoffnung der

eigenen Unsterblichkeit, der Wiederkehr zum Leben. Aus dem einfachen

Erntefeste wird so eine Feier der Unsterblichkeit. In welcher Weise man

sich diese Unsterblichkeit denken wollte, das wurde in der klassischen Zeit

dem einzelnen überlassen. Vgl. +Preller, Demeter und Persephone, S. 233+.

Man zog nach dem uralten Symbol des Saatkorns auch andere Natur-Analogien

z. B. die der Raupe, aus deren Puppe der Schmetterling des nächsten Jahres

entsteht, herbei, und nachweislich ist ja die reizende Sage von Eros und

Psyche ebenfalls ein Zubehör des eleusinischen Dichtungskreises.

Später nahm man zumeist das irdische Dasein selber für das niedere, aus dem

der Tod für die Eingeweihten wenigstens den Aufgang zu einem besseren

himmlischen Dasein eröffnet. »Was der Mythus Unterwelt nennt«, schreibt +W.

Menzel a. a. O. S. 29+, »ist unsere sichtbare mit Menschen und anderen

Geschöpfen erfüllte Oberwelt und als untere nur deshalb bezeichnet, weil

die himmlische Welt über ihr liegt. Das in die Erde begrabene Saatkorn,

welches wieder zum Licht emporgrünt, ist nur ein Sinnbild der aus dem

Himmel ins irdische Dasein gefallenen, aber wieder zu ihm zurückkehrenden

Seele.« Persephone wird damit eine Personifikation der Menschheit, die vom

Himmel herabsank. »Demeter wird die _himmlische_ Mutter, welche über ihre

in unsere irdische Natur verbannten Kinder wacht, ganz wie die deutsche

Göttin Bertha über ihre Heimchen.«

Wie sich der dionysische Geheimdienst (durch Jakchos) allmählich mit der

eleusinischen, ursprünglich rein cerealischen Feier verquickt, so wird auch

Ceres, Demeter eine Gottheit mit doppeltem Charakter, wie Dionys, eine

Gottheit der Erniedrigung und Erhöhung. Es giebt einen Aufgang und

Niedergang der Geister, und über diesem waltet die Allmutter, Demeter und

die Königin der Geister, die Manenkönigin Persephone. Ob man sich nach dem

Tode wieder zu weiterem Niedergang oder zum Aufgang wendet, das hängt von

der Erkenntnis ab, vom Wiedererinnern des göttlichen Ursprungs, aus dem

Neugierde zum Fall und Vergessenheit führte (Eros und Psyche). Diese

Erkenntnis verschafft die Weihe. »Nur die in den Mysterien Eingeweihten,

die durch Reinigungen und Belehrungen sich der Erreichung höherer

Erkenntnisstufen würdig gemacht haben, erfreuen sich schon in diesem Leben

aller Vorteile der Gesetzlichkeit und Civilisation, und werden die Einzigen

sein, denen die Unsterblichkeit und die ewigen Freuden im Himmel zu teil

werden«; ihnen allein »strahlt Sonnenglanz und Lichtes Helle.«

* * * * *

+Creuzer, Symbolik IV § 21+ giebt folgende _spekulative_ Analyse des

Inhalts der eleusinischen Lehre auf Grund der Theologumenen des Nicomachus:

Die Pythagoräer haben die Zweiheit (Dyas) auch Demetra und Eleusinia

genannt. -- Darum ist sie die heilige Zahl der _Ehe_ und heißt auch Mutter

und Amme (Maria). Nach Plotinos ist die Seele eine Zahl, hervorgetreten und

abgefallen aus dem Einen. Warum, fragt er, ist das Eins nicht in sich

geblieben, und warum das Viele daraus hervorgeflossen? -- Die Weltseele ist

schon ein Abfall aus der Einheit, die Menschenseele wird gar, durch eine

Trunkenheit schwindelnd gemacht, herabgezogen in den Leib, Ceres (Demeter)

aber ist die Erdseele, und heißt bestimmt Dyas. Die Dyas ist die Mutter der

Zahl und heißt weiblich, und als solche +alma mater+, Nährmutter. Insofern

aber das weibliche Prinzip nicht außer, sondern noch in der Einheit ist,

ist es die Kraft in Zeus (%aretê%); es ist Hecate (Kore), die das

Jungfräuliche nicht lassen will, Artemis die reine Jungfrau, Minerva in

Jupiters Haupt. Das sind die drei Jungfrauen der alten Mysterien. Aber wenn

Kore sich mit Zeus und Pluto begattet, so heißt das nach Eleusinischer

Lehre: Die Kore ist _Lebensquell im Weltall_. Sie webt; ihr Gewebe ist die

Schöpfung beseelter Wesen. Aber Minerva ist auch ganz in ihr. Minerva ist

in ihr %philosophos philopolemos%, Krieg- und Weisheit liebende, und sie in

der Minerva. Kore ist aber auch die Kraft, die von der Demeter _nach unten_

wirkt, die _zeugende Seele_; als Jungfräuliche aber in der Höhe die

Zurückführerin der Seelen _nach oben_. Nun werden wir wohl von selbst die

verschiedenen Namen der Dyas bei den Pythagoräern (offenbar Orphische Lehre

und zugleich Lehre der Eleusinien) verstehen, welche nichts als mythische

Ausdrücke für theologische sind: %hê mythoplastia theologei%, sagt

Nicomachus.

Diese Namengebung ist aber nicht blindlings ersonnen, sondern sie hat sich

an _Tradition_ und _alte Lehre_ gehalten. Wir wissen jetzt den _Grund_,

warum die Dyas _Demeter_ hieß und _Eleusinia_. _Das war die Weltmutter, die

einst den bunten Becher der geteilten Natur ausgeleert hatte; Isis, die

ihrem Sohne Horus den Naturbecher reicht. Es war die Erdseele, die Materie,

die Weberin materieller Leiber; die Nährmutter, die das Samenkorn und mit

ihm geteilten Besitz und Hader und Tod gebracht. Die Toten sind Demetrier._

Die obere Kore führt sie wieder aus dem Vielen durch das Zwei in das Eine

zurück. Das Widerstreben des sich in der bunten Welt gestaltenden

Menschengeistes stellt die Eleusinische Lehre in Bildern dar. Es bedarf

Kämpfe und Reinigungen: Das ist der Kampf und Krieg von Eleusis, und darum

nannte, von der Haderstadt Eleusis, der Pythagoräer die Zweiheit und

Zwietracht Demeter und Eleusine.

Der Occultismus des Altertums · 第 139 / 155 题