7. _Zaretsch_, der Gegner Amerdads.

8. _Eschem_, einer der schlimmsten Druschts, Druscht der Gewaltthätigkeit,

Gegner des Serosch, Dämon der Grausamkeit, welcher Ahuramazdâs Volk mit

ganz besonderem Grimm bekämpft.

9. _Aschmogh_, raubt alle Güter, schwächt und kränkt die Menschen und

verursacht alle Übel der Erde. Er weiß, daß Avesta das wahre Gesetz

Ahuramazdâs ist, weigert sich aber infolge seiner grenzenlosen Bosheit

dasselbe auszuüben.

In dem beständigen Kampf der guten und bösen Geister, Menschen und Kräfte,

liegt nun die Mischung des Guten und Bösen, wie sie in der Welt in

Erscheinung tritt. Alles Gute, alle lebendige Kraft und Wirkung stammt von

Ahuramazdâ und führt wieder zu ihm zurück. Die Thätigkeit eines jeden

Wirkenden, sei er auch der Unterste der unendlichen Kette, reicht in ihren

Folgen wie in der Kette ihrer Ursachen bis hinab in die »unbegrenzte

Zeit[172]«. -- Ebenso verhält es sich mit dem Bösen. »Die Welt der Übel«

ist unter gute und böse Prinzipien, Wesen und wirkende Ursachen verteilt.

Des Guten ist nur soviel vorhanden, als wirkende Ursachen sind und

Angrômainyus mit seinen Dews geschlagen wird. Deshalb betrachtet sich der

Anhänger Zoroasters als einen Krieger Ahuramazdâs, welcher nicht sündigen

kann, ohne alle guten Izeds zu betrüben, die Kräfte des Guten in der Welt

Ahuramazdâs zu schwächen, und keine Todsünde begehen, ohne selbst ein

Darvand, ein Glied der Welt des Angrômainyus zu werden.

Der _Tod_ ist durch Angrômainyus durch die Sünde des ersten Menschenpaares

in die Welt gebracht worden. Er erlöst den Anhänger Zoroasters von seinem

Streit gegen Angrômainyus. Wenn er in seinem Leben treu war im Streit und

rüstig durch Tilgung des Bösen gegen Angrômainyus und die Dews kämpfte, so

hat er vom Tod nichts zu fürchten. Er geht über die Brücke _Tschinvad_ zur

Ruhe und Seligkeit ein.

Sofort nach seinem Abscheiden eilen die Dews herbei und wollen sich seiner

Seele bemächtigen. Ist sie aber gerecht und rein und hat sie sich im Leben

die Izeds zu Freunden gemacht, so sind diese zu ihrem Schutz bereit. Die

Seele des Gottlosen aber ist von allen verlassen, und da sie sich in ihrer

Ohnmacht nicht selbst wehren kann, so wird sie der Raub der Dews. Einige

Tage nach ihrem Hinscheiden kommt sie an die große Brücke Tschinvad, welche

die Scheidewand und Verbindung zwischen dieser und jener Welt bildet. Hier

untersuchen Ahuramazdâ und Bahman den Wandel des Menschen und verweisen

ihn, wenn sich Gutes und Böses annähernd die Wage halten, zu einem

_Mittelaufenthalt_ bis zur Auferstehung, der je nach dem Wandel mehr oder

weniger selig oder von Unseligkeit und Angst erfüllt ist.[173] -- Spricht

Ahuramazdâ Lob und Preis über des Menschen Leben, so wird er von den

heiligen Izeds über die Brücke in das Land der Freuden geführt, wo er einer

fröhlichen Auferstehung wartet. Im andern Fall kann er nicht über die

Brücke und muß in den Duzakh, den seine Thaten verdienen.

Zuletzt erfolgt die _Auferstehung der Toten_. Gute und Böse sollen

auferstehen, und Erde und Flüsse sollen die Gebeine der Menschen

wiedergeben. Ahuramazdâ will sie zusammensetzen und mit Fleisch und Adern

überziehen und neu beleben.[174] Gute sollen sich zu Guten und Böse zu

Bösen gesellen. Darauf soll die ganze Natur so neu werden wie der Mensch an

Leib und Seele. Nun folgen noch nach einem von der »anbeginnlosen Zeit«

festgestellten Ratschluß Versuche, den Sündern die Thore Gorotmans

aufzuschließen. Wenn die Verdammten durch Strafen im unterirdischen Duzakh

geläutert und gedemütigt worden sind, so müssen sie durch Feuerströme

geschmolzenen Metalls, wo sie die letzte Reinigung erfahren; alsdann

genießen sie mit den Gerechten die endlose Seligkeit. Die ganze Natur ist

alsdann am Endziel ihrer Bestimmung angelangt und Licht geworden. Selbst

Duzakh ist nicht mehr, sondern ist Paradies geworden. Das Reich des

Angrômainyus ist zertrümmert und das des Ahuramazdâ Alles in Allem

geworden. Das Gesetz Ahuramazdâs herrscht allein im Weltall und ist das

alleinige Element, in dem die Geschöpfe aller Stufen und Arten leben und

weben. Ahuramazdâ, im Gefolge die Amschaspands, und Angrômainyus, von den

vormaligen Erzdews begleitet, bringen dem Urwesen Zrvâna-akarana die Opfer

ewigen Lobes. Dies ist das Ende der begrenzten Zeit.

Zweites Kapitel.

Der zoroastrische Kultus.

Die Anbetung Ahuramazdâs, die Liebe gegen alles von ihm kommende, tödlicher

Haß gegen Angrômainyus und sein Reich ist die erste Pflicht des

Avestabekenners.

Liebe und Haß, Sympathie und Antipathie sind die +causa movens+ des

Parsismus, wie alles Bestehenden. Der Anhänger Zoroasters muß alles Gute,

die sichtbare und unsichtbare Lichtschöpfung Ahuramazdâs lieben, das Reich

des Angrômainyus aber hassen und bestreiten, so lange ein physisches und

moralisches Übel zu bekämpfen ist.

Ahuramazdâ ist Licht, sein Reich ist Licht, sein religiöses System ein

Lichtsystem, und der ganze Kultus bezweckt die Verherrlichung Ahuramazdâs,

wobei seine Glorie erkannt und durch Vermehrung des Lichtes Lebensgenuß und

Lebensmitteilung vermehrt werden. Dies ist das Wesen der Religion

Zoroasters, der heilige Dienst des lebendigen Worts.

Die Erkenntnis Ahuramazdâs ist die erste Pflicht des Parsen, der Anfang und

das Ende seiner Bestimmung, die Grundlage seines Denkens, Thuns und Lassens

in der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Ohne Ahuramazdâ würde alles Nacht

sein, tot und öde, durch ihn ist der Parse, was er ist, und hofft in alle

Ewigkeit an Kraft und Licht, Leben und Güte zu wachsen.

Ahuramazdâ muß erkannt werden als Gott und Schöpfer aller guten Wesen. Er

ist seinem Wesen nach Licht; Licht aber ist Leben, Lebenskraft, Güte und

Urwort. Aus ihm strömt Licht, Leben, Geist, Kraft, Güte und Wahrheit über

das ganze von ihm geschaffene Weltall aus. Er muß erkannt werden als der

allein alles Belebende, der alles zu Licht und Leben macht und Güte und

Seligkeit zu erkennen und genießen giebt.

Darum preisen auch die Gebete des Zendavesta alle Geschöpfe Ahuramazdâs

hoch, alle Izeds, alle reinen Menschen, reine Tiere und Pflanzen. Denn alle

leben mehr oder minder im Lichte Ahuramazdâs, durch seine belebende

Geisteskraft. Selbst Bahman, der höchste Amschaspand und seinem Wesen nach

Ahuramazdâ am nächsten stehend, bekennt in seinen Lobgesängen, daß er

seinen Verstand, sein Licht, seine Weisheit und vielzeugende Kraft nur von

Ahuramazdâ habe.

So muß Ahuramazdâ erkannt werden im Himmel und auf Erden von allen Wesen,

die ihn erkennen können.

Die Verehrung Ahuramazdâs muß aber zur _That_, zu _lebendigen Handlungen_

werden. Das Bild des Lichtes, welches ohne Unterlaß leuchtet, wärmt, belebt

und wirksam ist, muß die ganze Empfindung durchdrungen haben und _thätig

sein_. Obgleich Zoroaster in der heiligen Höhle seinen Geist nach

orientalischer Sitte lang in tiefe Betrachtungen versenkt hatte, so

gebietet er doch unähnlich dem indischen Quietismus keine empfindungslose

Geistesstille, keine Abtötung des Leibes, um durch Versenkung in die

Gottheit nur Geist zu werden. Bei ihm ist alles Leben und That, Wachsamkeit

und reger Dienst des Göttlichen bei Tag und Nacht. Deshalb auch konnte er

durch das Judentum und Christentum so unendlichen Einfluß auf die Völker

der kaukasischen Rasse gewinnen, welcher der faule Buddhismus gänzlich

zuwider ist.

Nach dem Zendavesta ist alles Lichte und Reine, alles, was Leben besitzt

und Leben mitteilt, gut; die ganze Welt Ahuramazdâs mit allen in ihr

lebenden Wesen ist gut, alles durch Gedanken, Wort und That Belebende ist

gut. Zoroaster faßt alles, was im einzelnen Wahrheit, Güte, Liebe, Leben,

Kraft, Geist, Segen und Seligkeit ist, in dem Worte Licht zusammen. Darum

schreibt er auch allen Wesen einen _Glanz_, einen _Lichtschein_ zu, dem

Baume wie dem edlen Menschen, dem nützlichen Tier wie dem Amschaspand. In

allen Wesen und Geschöpfen Ahuramazdâs ist Licht, und der Glanz eines

Geschöpfes ist der Inbegriff seines Geistes, seiner Kraft und seiner

Lebensregungen als Funken der Gottheit. Je nach Maßgabe der Beschaffenheit

dieser Funken ist der Grad des Glanzes größer oder geringer. In Ahuramazdâ

vereinigt sich alles, darum ist sein Glanz der höchste und vollkommenste.

Da nun der zoroastrische Kultus nur den Zweck hat, Ahuramazdâ in seiner

Schöpfung zu verherrlichen, so muß der Parse alles vom Schöpfer des Lichts

kommende Gute lieben, verehren und sich ihm gefällig zu machen suchen. Vor

allen Dingen aber muß er Ahuramazdâ in Gedanken, Worten und Thaten anbeten.

Kein Wesen darf er gleich Ahuramazdâ verehren außer Zrvâna-akarana, die

zuweilen auch der Urgrund und Abgrund aller Wesen genannt wird.

Nach dem Schöpfer alles Guten muß aber sein Geschöpf, die Welt, wie sie von

den Menschen erkannt wird, je nach der Stufe der Hoheit, Würde und

Vollkommenheit der Dinge geliebt und angerufen werden; denn die Welt

enthält, soweit sie gut ist, lauter Söhne Ahuramazdâs, von Ahuramazdâ

geliebte Geschöpfe, in welchen er sich mit Wohlgefallen widerspiegelt, über

die er sich freut wie beim Anbeginn der Dinge, da alles durch ihn geboren

ward. Darum richtet der Parse sein Gebet zuerst an die Amschaspands, die

ersten Abdrücke Ahuramazdâs, die Nächsten seines Glanzes und die Ersten an

seinem Thron. In den an sie gerichteten Gebeten und Lobpreisungen werden

die besonderen Eigenschaften eines jeden gerühmt, und sie werden um Schutz,

Hilfe und Segen angerufen, je nachdem ihnen Ahuramazdâ die verschiedenen

Teile der Schöpfung anvertraut hat.

Hieraus, wie aus den übrigen Anrufungen der Geschöpfe ergiebt sich, worin

deren Verehrung besteht. Sie besteht darin, daß ein jedes Geschöpf für das

erkannt wird, was es ist, daß dies in der Form eines Gebetes bekannt wird,

und daß man von jedem Geschöpf, je nach seinem Daseinszweck die Wohlthat

erbittet, welche zu erteilen ihm von Ahuramazdâ anbefohlen ist.

Der Zoroastrismus personifiziert im Geiste des alten Orients die guten oder

bösen Eigenschaften der Dinge in guten oder bösen geistigen Wesen und

glaubt z. B. seine Dankbarkeit für die wohlthätigen Eigenschaften des

Wassers nicht besser beweisen zu können, als wenn er dieselben in einem an

den Ized des Wassers gerichteten Lobhymnus preist, wobei indessen

Ahuramazdâ ebensowenig vergessen wird, als wenn er von einem Ized oder dem

ihm geweihten Gegenstand dessen wohlthätige Wirkungen erbittet.

Das Gebet an die himmlischen Geister bezieht sich genau auf ihre

Eigenschaften wie Funktionen und -- wenn es Himmelskörper sind -- auf die

Zeit ihrer Erscheinung. So wird z. B. die Sonne nur bei Tag angerufen, der

Mond aber bei Tag und bei Nacht.

Die Sonne als Quell alles Lichtes, die alles mit Leben und Freude erfüllt,

wird als sichtbares Bild Ahuramazdâs angerufen, als König des Himmels, der

ohne Ruhe im Lauf ist wie ein Held.

Die Anrufungen sind je nach den Tageszeiten verschieden. Das Morgengebet

geht dahin, daß Ahuramazdâ seinen Glanz erhöhen wolle wie der Sonne Glanz,

und das Abendgebet, daß der Beter durch Ahuramazdâs und aller Izeds Schutz

seinen Lebenslauf vollenden möge wie der himmlische Glanzkönig, um in

Gorotman einzugehen. Mithra wird in allen Gebeten nach seinem reinen Glanz

als Befruchter der Erde gepriesen, welcher Nahrungssaft über die ganze

Natur ausgießt, als Urheber des Friedens, als mächtiger Streiter wider alle

Dews des Streites, des Krieges und der Zerrüttung. Endlich richtet der

Parse sein Gebet an den eigenen Feruer und den aller reinen Menschen. Diese

Feruer werden schon im irdischen Leben eng verbunden gedacht als Glieder

jener lebendigen Gemeinde, welche in Gorotman noch mehr eins werden soll.

Auch die Tiere werden unter Hinweisung auf Ahuramazdâ gepriesen, und der

Gedanke an den himmlischen Stier, von welchem alle Menschen, Tiere und

Pflanzen kommen, giebt diesem Gebet Leben und inneres Gewicht.

Endlich wird alles von Ahuramazdâ kommende gepriesen: Feuer, Wasser und

Bäume, so namentlich das heilige Altarfeuer Behram, das heilige Wasser

Zare, welches auf dem Urberg Albordj entspringt, und der heilige Hombaum,

aus welchem der Lebenssaft das Wasser der Unsterblichkeit hervorquillt.

Nach der Anbetung Ahuramazdâs und der Hochschätzung aller wohlthätigen und

reinen Geschöpfe befiehlt der Zendavesta die Ausübung des Guten in

Reinigkeit des Gedankens, des Wortes und der That. Der Mensch soll im

ganzen Verhalten des äußern und innern Menschen wie Licht sein und wirken.

Dies ist der beste Beweis für die zu Ahuramazdâ getragene Liebe. Er soll

wirken wie das Licht, d. h. wie Ahuramazdâ, die Amschaspands, die Izeds,

wie Zoroaster und die reinen Menschen, in denen Ahuramazdâ sich gefällt,

weil sie ihm ähnlich sind. Je mehr Lichtreinheit und Güte ein Mensch in

seinem Wesen ausdrückt, um so näher sind ihm die himmlischen Geister, um so

mehr können sie ihn lieben und zu seinem Dienst bereit sein. In diesem

Geist muß man auch gegen die Menschen auf Erden handeln und wie die Izeds

alles mit Wohlthätigkeit segnen, so muß der Mensch die Natur zu veredeln

und überall Lebenslicht und Fruchtbarkeit auszustreuen suchen. In diesem

Sinn speist er die Hungrigen, pflegt die Kranken, beherbergt die Wanderer,

bepflanzt die Wüste mit Bäumen, tränkt die Erde und besäet sie zur Freude

der heiligen Sapandomad mit reinem Samen; er sorgt für die Nahrung und

Fortpflanzung der Tiere, stiftet Ehen usw. Dies alles thut er, damit er

nicht Finsternis sei, sondern Licht werde und die Finsternis durch sein

wohlthätiges Licht erleuchte, daß das Wüste fruchtbar werde, das Schwache

stark und das Tote lebendig.

Der zweite Teil des Ahuramazdâdienstes besteht im Streit gegen Angrômainyus

und seine Anhänger, im Haß gegen alles Böse und der Unterdrückung des

physischen und moralischen Übels. Jeder Parse muß Angrômainyus, den

Thronfürsten der Finsternis, Vater alles Bösen, durch Gedanken, Wort und

That, so sehr verwünschen und hassen, als er nur Kraft zu hassen hat. Wer

Angrômainyus und seine Gesellen anbetet, und als Darvand thut, was die Dews

thun, liebt was sie lieben, in irgend welcher Weise ihre feindlichen

Absichten fördert, ihre Einflüsse erleichtert und vermehrt, der ist

verwünscht an Leib, Seele und Vermögen; Flüche ruhen auf ihm zu Tausenden.

Zum Streit gegen Angrômainyus gehört besonders noch, daß der Anhänger

Zoroasters bekenne, von Angrômainyus und den Dews komme alles Böse her.

Zu den Anhängern des Angrômainyus gehören besonders die Zauberer, welche

Zoroaster als Hände und Füße, Augen und Zungen von Angrômainyus betrachtet.

Um so höher das Ansehen der Magier beim Volke gestanden hatte, um so mehr

verwünscht Zoroaster ihr Thun. Sie hören und Gemeinschaft mit ihnen haben,

ist Fluch und Verdammnis; sie verfolgen und vertreiben, ist die Freude

Ahuramazdâs und aller Izeds und Segen für alle Menschen und Geschöpfe.

Eine That ist edel, wenn die Dews dadurch erbittert werden, und bei jedem

amschaspandähnlichem Thun möchten sie vor Bosheit und Zornwut ohnmächtig

werden; jeder Anblick einer reinen hochstrebenden Seele -- wie z. B. die

Zoroasters -- macht sie mutlos und blaßgelb. Thaten des Lichts, reine, edle

Werke sind das beste Mittel, das Beginnen der Dews zu zerstören. Was die

Dews verheeren, muß der Anhänger Zoroasters blühend machen. Die Dews lehren

den Menschen das Gesetz Duzakhs und der Finsternis; der Mensch dagegen muß

das Wort des Lebens überall lebendig machen und das Gesetz des Lichts und

der Wahrheit in Gang bringen. So wie bei der Verehrung Ahuramazdâs nichts

als die That gilt, so ist der Kampf gegen Angrômainyus und sein Reich ganz

That und Streit durch Gebet im lebendigen Wort, durch Reinheit der Seele

und des Leibes und durch Vertreibung der Dews, wo sie oder ihre Anhänger

sich einfinden sollten.

Nach dem Zendavesta ist der Zweck der Religion Lichtwerdung der ganzen

Schöpfung Ahuramazdâs, Triumph des Guten, des Lichts der Wahrheit und des

Lebens, sowie Zerstörung des Todes, der Finsternis und Unseligkeit.

Der Anhänger Zoroasters ist nicht der Ansicht, daß er für sich und

Ahuramazdâ für Alle sorgen müsse, sondern betrachtet sich als ein Glied der

lebendigen Gesellschaft, das nur dann gesund ist, wenn der ganze Körper in

Gesundheit und Stärke blüht. Er wacht über die Mitanbeter Ahuramazdâs mit

der gleichen Sorgfalt wie über sich selbst, denn je mehr durch ihn die

ganze Schöpfung zum Licht emporgehoben wird, desto glücklicher ist sein

Zustand. So thun Ahuramazdâ wie die Izeds, und der Parse muß ihr Thun

nachahmen. Ahuramazdâ, seinem Wesen nach ganz Licht und Leben, hat bei

seiner Schöpfung und Regierung der Welt nur den Zweck, daß dieselbe Licht

und Leben werde, und alle Glieder seines Reiches, jedes nach seiner

Stellung zum Ganzen, zu Reinheit, Wahrheit, Vollkommenheit und Seligkeit

gelange, deren es fähig ist, und alles gewonnen werde und nichts verloren

gehe, daß alles in Ahuramazdâ, dem Schöpfer und Urquell alles Lichts und

aller Güte, zuletzt zusammenfließe.

Das Licht muß immer im Kampf sein mit der Finsterniß, und Ahuramazdâ mit

dem zahllosen Heer seiner Kräfte ist ohne Unterlaß geschäftig, die Mächte,

Wirkungen und Geschöpfe von Angrômainyus täglich zu schwächen, sein Volk

zu retten und zu reinigen von allen physischen und moralischem Übel, wo

eins das andere erzeugt, eins das andere verschlingt, und jedem seines

Volkes durch Verleihung von Kraft im Kampfe beizustehen. Dies ist das

tägliche Geschäft Ahuramazdâs, und darum soll jedes Glied seiner Welt durch

seine Kräfte in seiner Sphäre thun, was Ahuramazdâ im ganzen All seines

Reiches für alle Geschöpfe und durch die ganze Fülle seiner Licht- und

Lebenskräfte vollendet.

Im Zendavesta wird die allgemeine Harmonie alles Lebendigen, die Existenz

_eines_ Lebens in der ganzen Schöpfung gelehrt. Alle Einzelheiten, welche

Zoroaster dem Schöpfer alles Guten beigelegt, einigen sich im Begriff der

Allbelebung, der Allschöpfung und Allbeseligung, dessen Geist, Wort und

Kraft durch alle Glieder des Lebens und Webens der Schöpfung dringt, der in

allen Gliedern wohnt und sie alle leben, fühlen, thun und wachsen läßt wie

der menschliche Lebensgeist den menschlichen Organismus. Was nun Ahuramazdâ

für das All der Schöpfung ist, das soll jeder Ahuramazdâverehrer in seinem

Wirkungskreis sein, wobei er allezeit den großen Zweck Ahuramazdâs im Auge

haben muß, der das Ganze zu Einem machen will, voll Harmonie, Leben,

Wahrheit, Licht und lebendiger Wirksamkeit.

Die ganze Schöpfung ist _ein_ Wesen, worin alles in Harmonie verbunden ist

von Glied zu Glied, von Ursache zu Ursache, von Wirkung zu Wirkung.

Besonders werden alle Izeds, die Feruers des Lichts und alle Seelen reiner

Menschen als eine lebendige Gemeinde, als das Volk Ahuramazdâs vorgestellt,

worin derselbe König und Haupt ist und in allen und durch alle wirkt. Kein

Geschöpf kann im Licht der Wahrheit leben und wahre Seligkeit genießen,

wenn es nicht ein Teil dieser _Gemeinde der Lebendigen_ ist. In der

lebendigen Gemeinde der Ahuramazdâdiener hat ein jedes Glied einen Teil der

Kräfte des Alls. Diese Kräfte sind Kräfte des Lebens und kommen von

Ahuramazdâ; sie müssen gebraucht werden, wozu sie dienen, zur Zerstörung

des Bösen und Schaffung des Guten. Der Anhänger Zoroasters muß fortwährend

Licht schaffen, sonst weicht Ahuramazdâ von ihm und er selbst hört auf ein

Lebendiger zu sein. Jedes Glied der lebendigen Gemeinde hat eine von

Ahuramazdâ ihm angewiesene Wirkungssphäre, welche er durch sein Licht

beleuchten und den Samen seiner guten Thaten befruchten und beleben muß,

sonst wird sie öde Wüste, Sphäre der Finsternis und des Todes. Der

Wirkungskreis eines jeden Wesens in Ahuramazdâs Lichtwelt liegt in der

Sphäre, worin er lebt. So wirkt Bahman nicht in der Sapandomads, die Sonne

nicht in der des Mondes, und der Priester nicht in der Sphäre des gemeinen

Parsen. Wenn ein jeder Wirkende in der Kette lebendiger Ursachen sich und

was um ihn ist belebt, so ziehen alle übrigen Glieder aus seiner Fülle

Lebenssaft an sich und teilen ihn wieder mit; er macht vielen ihr Wirken

leicht und sie wieder ihm. Deshalb muß jeder Parse für Alle beten; der

Priester muß durch die Fülle seiner guten Handlungen und durch die

Erfüllung aller Pflichten Ahuramazdâ und Zoroaster nachahmen und so ein

Beispiel für das Volk und zum Segen für alle Stände werden. Vom

Ackerbautreibenden wird beständige Sorge für seine Ländereien und Herden

begehrt, damit er ein Quell des Überflußes für Viele werde.

So wie im himmlischen Reich Ahuramazdâs jeder Ized seine Verrichtungen mit

Freude und Leichtigkeit thun kann, weil sie sie alle freudig thun, so soll

nach dem Zendavesta ein jedes Glied eines jeden Standes im sichtbaren Reich

Ahuramazdâs auf Erden die Pflichten seiner Sphäre ganz und mit Reinigkeit,

Lust und Leben thun, damit alle sie thun können, und diese Gemeinde der

Ahuramazdâverehrer auf Erden ein Abbild sei der lebendigen Gemeinde des

Himmels, und sie immer höher gehoben und weiter gefördert werde, bis sie im

großen All des Lichtreiches von Ahuramazdâ aufgeht.

Ein jedes Glied der Gemeinde der Ahuramazdâdiener hat den Zweck,

_vollkommen_ zu werden; aber wie die Vollkommenheit des Auges nicht die

Vollkommenheit des Ohrs ist oder der Hand oder des Fußes, so hat auch in

der lebendigen Gemeinde jeder Obere wie jeder Untergeordnete eines jeden

Standes eine besondere Bestimmung, und im besten Erreichen _seiner_

Bestimmung besteht seine Vollkommenheit, darin beruht _sein_ Glanz, _seine_

Güte, _sein_ Leben und _sein_ Licht. Und obgleich der Glanz des Kriegers

nicht wie der Glanz des Priesters, noch der Glanz des Unterthanen wie der

Glanz des Königs, so hat doch ein jeder _seine_ Vollkommenheit, und darin

beruht sein Ruhm und Glanz. Wenn alle sind, was sie sein sollen, so fließt

daraus die Verherrlichung Ahuramazdâs wie die Lichtwerdung der ganzen

guten Welt. Alsdann freut sich die ganze Gemeinde im Lebensgenuß, ein jedes

Glied im Leben aller genießt und giebt zu genießen, jedes für alle und alle

für jedes.

Es soll also jeder Anhänger Zoroasters als Glied der lebendigen Gemeinde

die Verherrlichung Ahuramazdâs zum ersten und letzten Zweck haben sowohl

_für sich_ in dieser Welt dadurch, daß er sich von allem Bösen des Leibes

und der Seele reinigt, Angrômainyus und seine Diener im ganzen Reich der

Finsternis bestreitet, Licht wird und Licht schafft; und in der künftigen

Welt, daß er als treuer Diener Ahuramazdâs ewiges Leben genieße, ewig

Ahuramazdâ gefalle, und im Licht lebe und webe. Er soll aber auch die

Verherrlichung Ahuramazdâs zum ersten und letzten Zweck haben _für Andere_,

daß er die ganze Schöpfung verehre, in ihr Ahuramazdâ überall finde und mit

sich die Geschöpfe verschiedener Art veredle, die Geister nach ihrer

Hoheit, nach ihrem verschiedenen Glanz, nach ihrer mannigfaltigen

Wohlthätigkeit rühme und hoch erhebe und in ihnen lebendige Muster seines

ganzen Verhaltens erkenne. Die Menschen verehre und veredle er dadurch, daß

er für ihr Heil in diesem und jenem Leben sorge, für sie bete und über sie

wache, damit sie ihre Pflichten thun. Er nähre die Tiere, ziehe sie auf und

sorge, daß alle guten Geschöpfe auf Erden sich vermehren und die Elemente

rein erhalten bleiben, damit von Tag zu Tag alles in Licht und Reinheit,

Lebensgenuß, Güte, Freude wachse, und er mit allem, was ihn umgiebt, von

Tag zu Tag edler werde und von Finsternis zum Licht, vom Tod zum Leben, von

der Materie zum Geist sich entwickle und alles mit sich emporhebe in die

Nähe Ahuramazdâs, damit alles eins werde und eine Seligkeit des Lebens

genieße.

Zur Erreichung dieses Zwecks schrieb Zoroaster einen Kultus vor, dessen

genaue und sorgfältige Ausübung das Mittel dazu ist.

Zoroasters Gesetz ist der Körper des _Urworts_[175], das _vor_ allen Wesen

war, und ist als fortwährend schaffende göttliche Geistessprache im

Zendavesta wahrhaftig aufbehalten. Das _Wort_ war das Urwesen, durch

welches alle Wesen geworden sind, was sie sind. Es ist eins mit der

Lebenskraft und dem göttlichen Wesen, insofern es ganz Licht, Geist und

Kraft des Lebens ist und alles belebt, sobald Ahuramazdâ haucht. Insofern

Gottes Natur ganz Leben und Lebenskraft ist und weder von Anfang noch von

Ende weiß, heißt Gott das _Urwort_, und insofern Gottes Geist dieses Wort

spricht und durch dieses Sprechen außer sich andern Wesen außer sich Sein,

Leben und Wirksamkeit, d. h. Licht mitteilt, heißt dieses Sprechen Gottes

auch _Wort_, Wort der Belebung, lebendige Geistessprache Gottes. Die

Sprache Gottes ist blos geistig, ein unsichtbarer Zug der göttlichen

Willenskraft, der aus dem Mittelpunkt der Gottheit in die Izeds übergeht

und zugleich die Kraft zu beleben und zu schaffen mit sich führt. Diese

Sprache verstehen die Izeds vollkommen, denn sie ist die unmittelbare

Anschauung der Dinge, das Gefühl des Willens, wie es in Gott war und das

aus Gott in sie überging, was keine Menschenzunge aussprechen kann. Die

Izeds und Feruers selbst reden unter sich diese Sprache innerer Empfindung

und Anschauung, die Menschen aber sprechen mit dem von der Zunge gefaßten

Wort miteinander, darum wissen sie auch nicht, wie Gott spricht, und was

die Sprache und das Wort Gottes ist. Dieses Wort heißt auch das _erste

Gesetz_, die höchste Weisheit, Ahuramazdâs ursprünglichstes Element, das

mit dem Urlicht so zu sagen eins ist, der Ausfluß und die Seele

Ahuramazdâs, denn es enthält gewissermaßen die wahren Elemente Gottes; es

ist das ewige »_Ich bin_«, vor dem Beginn aller Dinge vorhanden, ewig die

Vollkommenheit selbst, Licht, schrecklich, lebendig und schnell. Ahuramazdâ

sprach es, und alle Wesen wurden. Er spricht es von Augenblick zu

Augenblick, und dadurch kommt aller Überfluß, alles Gute, aller Samen des

Lichts in die Welt; alle Dinge in der Welt sind nur ausgesprochene Worte

Ahuramazdâs. Wie Ahuramazdâ das _Wort_ der unbegrenzten Ewigkeit ist, so

ist die ganze Welt _sein_ Wort, und alles, was die Izeds wirken, ist _ihr_

Wort.

Dieses Wort wurde unter der Hülle des Gesetzes den Menschen offenbart, oder

-- besser gesagt: der Schöpfer aller Dinge wollte den Menschen Erkenntnis

und Licht der Natur der ewigen und in jedem Augenblick neu schaffenden

Gottheit geben und redete deshalb zu den Menschen in menschlicher Sprache,

die sie verstehen konnten, und so wurde das _Gesetz_, das im Zendavesta,

das himmlische, göttliche Gesetz genannt wird, das Gesetz des Lichts, der

Wahrheit und des Lebens.

Die Gottheit hat sich schon vor Zoroaster offenbart und offenbart sich nach

ihm, aber Zoroaster ist ihr vornehmster Prophet.

Der Hauptinhalt des ganzen Gesetzes besteht in den Worten: Du mußt

Ahuramazdâ, den König der ganzen Welt, erkennen in Reinheit, seine

Schöpfung hochschätzen, Zoroaster für den wahren Propheten Gottes halten

und das Reich des Angrômainyus zerstören. Die Menschen sollen Gutes thun

wie der erste der Amschaspands, weise sein in ihrem Verstand, wahrhaftig in

der Rede, groß, edel und verstandvoll in ihrem Thun und Lassen.

Die einzelnen Vorschriften des Gesetzes bezwecken Ahuramazdâs Reich im

einzelnen und im ganzen zu verschönern, Licht, Leben, Wahrheit und

Seligkeit überall auszubreiten, und sind entweder moralisch oder

gottesdienstlich oder politisch-religiös.

Die moralischen Vorschriften beziehen sich auf die Seele, ihre inneren und

äußeren Wirkungen. Hier ist das Hauptgebot die größte Reinheit des inneren

und äußeren Lebens, Reinheit des Gedankens, Reinheit des Worts und der

That. Der Schwerpunkt liegt auf dem Innern der That.

Die Reinheit des Gedankens, aus welcher Reinheit der Rede und der That

entspringt, ist die Richtschnur, nach welcher die Handlungen bemessen und

beurteilt werden müssen. Die Reinheit des Gedankens verdammt alle bösen

Begierden, welche aus den Keimen Duzakhs entspringen. Jede unreine Lust hat

ihren eigenen Dew, wie jede Vollkommenheit und Tugend ihren besonderen

Ized. Jeder unreine Gedanke betrübt die Izeds und hindert sie dieser Seele

zu dienen, er schwächt das Licht und Leben der Seele und macht, daß die

Dews sich freuen und mehr Gewalt bekommen.

Die Reinheit des Worts besteht in der Güte und Wahrheit der Rede, in der

Harmonie zwischen Gedanken und Wort, Zunge und Herz. In der Bezeichnung

Reinheit der Rede wird im Zendavesta alles zusammengefaßt, was in der

Reinheit des Gedankens liegt, nur daß die Rede unsern Nebenmenschen

versinnlicht, was im Herzen Edles, Wahres und Gutes verborgen liegt.

Bekannt ist, daß die alten Schriftsteller nicht genug die Wahrheitsliebe

der Perser zu rühmen wissen, und nach Herodot bedeutete die Lüge bei den

Persern bürgerlichen Tod, und die Jugend wurde von früh an an die strengste

Wahrheitsliebe gewöhnt. Im Zendavesta heißt es sehr oft: »Sei wahrhaftig in

deinen Worten!« und von allen Persern wird Reinheit, Edelmut, Hoheit im

Denken und Wahrhaftigkeit im Reden vorzüglich verlangt. Ahuramazdâ, dessen

Wort lautere Wahrheit ist, wird beständig als Muster aller Muster

gepriesen, und Mithra ist der spezielle Ized der Wahrheit in der lebendigen

Gemeinde; er ist der Schutzengel der Wahrheit, der Einigkeit und des

Friedens. Die Lüge gilt im Zendavesta als das Häßlichste, wodurch der

Mensch zum Dew wird; Angrômainyus ist der Erzlügner und Vater aller Lügen.

Die Reinheit der That oder Gerechtigkeit ist der Tugendgeist und die

Lichtabsicht der Handlungen. Wie alles zwischen Ahuramazdâs und

Angrômainyus Reich, zwischen Licht und Finsternis, Reinheit und Unreinheit

geteilt ist, so auch die Thaten. Die Handlungen haben Licht und Glanz, wenn

der Geist des Gesetzes in ihnen lebt, wenn der sie erzeugende Trieb auf

Ahuramazdâ und die Verherrlichung seiner Schöpfung durch Vermehrung des

Guten gerichtet ist. Alles dagegen, was nicht hierauf abzielt, ist das Werk

der Finsternis, ein Werk von Angrômainyus. Im Zendavesta wird die Reinheit

der Handlungen nicht durch viele subtile Regeln bestimmt, sondern der

Unterricht ist, weil die Vorschriften für Menschen aller Stände bestimmt

sind, so beschaffen, daß alle bei der Befolgung des Gesetzes wissen können,

wie sie aus reinen Trieben zu handeln imstande sind. »Verehre Ahuramazdâ

und sein glänzendes Volk, das er im Anfang geschaffen hat, -- heißt es im

Zendavesta, -- wähle ihr Beispiel dir zum Muster und thue den Willen

Ahuramazdâs so, wie die Izeds im Himmel ihn thun, so handelst du rein.« --

Wenn die Anhänger Zoroasters beten, so müssen sie vorher in demütiger Reue

ihre Sünden bekennen, wodurch das Herz erleichtert und zum Gebet gereinigt

wird. Beim Spenden der Almosen, das den Parsen oft und dringend geboten

wird, müssen sie beständig an Ahuramazdâ und die Izeds gedenken und

betrachten, wie wohlthätig dieselben sind. Mit größter Bereitwilligkeit des

Herzens soll ein Parse dem andern wohlthun, der Reiche den Armen speisen,

weil auch dieser ein Verehrer Ahuramazdâs ist, weil alle im Gorotman eins

zu werden hoffen, und weil Ahuramazdâ und die Amschaspands sich vorzüglich

der Notleidenden annehmen. -- Der König soll hauptsächlich dahin streben,

daß sein Thun und Lassen rein sei, wozu gehört, daß er seinem Volk sei, was

Ahuramazdâ der ganzen Welt ist, Ernährer und Vater der Armen und Betrübten,

der Schützer und Helfer der Gerechten, daß er ihnen viel Freude mache und

mit seiner ganzen Gewalt das Böse unterdrücke, daß er seine Macht und Würde

allein als Ahuramazdâs Geschenk trage und sie nur zum Wohlthun benutze.

Weiterhin wird allen Ständen die Nachahmung Ahuramazdâs und seiner Izeds

anbefohlen, und jeder Stand hat einen besondern Ized, den er vorzugsweise

nachahmen soll, und wenn er dies befolgt, so trägt sein Thun zur

Verherrlichung und Lichtwerdung der Schöpfung Ahuramazdâs bei, was der

Zweck der Lebensthätigkeit eines jeden Geschöpfs sein soll. Jede darauf

hinzielende That ist rein, und je reicher jemand an reinen Thaten ist,

desto ähnlicher ist er Ahuramazdâ und seinen Lichtgeschöpfen.

Diese Reinigkeit des Herzens und der That ist das Endziel aller Parsen, und

wer sie besitzt, der soll Tag und Nacht dahin wirken, daß ihr Samen sich

vermehre. Ist erst jemand durch die Reinheit des Gedankens, des Worts und

der That so weit gereinigt, daß er nichts als Gutes thut und -- als Mensch

auf Erden betrachtet -- ganz Licht ist und immer mit ganzem Herzen

Ahuramazdâ anbeten kann, dessen Gewalt ist so groß, daß alle Darvands,

Druschts und Dews vor ihm fliehen müssen, daß er sie durch seinen Willen,

sein Gebet und das Licht seiner Thaten vollständig ohnmächtig macht. Jedoch

soll niemand glauben, daß er ohne die Kraft und den Beistand Ahuramazdâs,

der Izeds und namentlich Mithras sich in der Reinheit der Seele erhalten

könne.

Vorzugsweise soll der Parse die Sprache und die Kraft zu wirken heilig

halten, denn beide sind Ahuramazdâs Geschenke und die Mittel, wodurch der

Mensch Größe, Edelmut und Thatkraft im Dienste Ahuramazdâs beweisen und

vermehren kann.

Zur Erhaltung der Reinheit der Seele dient in erster Linie der Gebrauch des

Gesetzes. Das Lesen des Zendavesta ist eine der notwendigsten Pflichten,

und ein dem Urwort gebrachtes Opfer ist eine tägliche Nahrung der Seele,

ohne welche ihr Licht zu Finsternis wird. Nur durch dieses Opfer erhält

sich der Anhänger Zoroasters im Besitz des lebendigen Worts.

Außer dem Lesen des Gesetzes ist das Gebet die heiligste Pflicht der

Ahuramazdâverehrer und unumgänglich notwendig, weil dieselben mit den

täglichen Anläufen Angrômainyus und seiner Diener sowie mit den Lockungen

zum Bösen kämpfen müssen, welche nicht anders als durch das Gebet zu

überwinden sind. Das Gebet verleiht neue Kraft und neuen Eifer zum Streit

gegen das Böse und zum Streben nach dem Guten. Es erweckt den hohen

Gedanken, daß jeder Anhänger Zoroasters für Ahuramazdâ kämpfe, täglich in

der Seele von neuem und erhebt das Herz zum Himmel. Ohne das Gebet können

die Geister in ihrer Sphäre das nicht wirken, wozu sie geschaffen sind und

wovon die Diener Ahuramazdâs alles Gute erhoffen müssen.

Die Beschaffenheit des Gebets ist im Zendavesta vorgeschrieben. Zuerst legt

der Parse ein aufrichtiges Gebet seiner Sünden ab, deren Entstehungsarten

aufgezählt werden. Alsdann beklagt er seine und aller Menschen Sünden und

rühmt die grenzenlose Barmherzigkeit und Gnade Gottes, von welcher er

Vergebung erhofft. Hierauf beteuert er seine Liebe zu Ahuramazdâ und seinen

Haß gegen das Reich des Angrômainyus, seine Treue gegen das Gesetz und die

Notwendigkeit guter Thaten. Nach diesem Sündenbekenntnis und Gelübde folgen

Lobpreisungen Ahuramazdâs, der Amschaspands, Izeds und aller reinen

Menschen von Kaiomorts an bis zur Auferstehung sowie aller Söhne Gottes,

d. h. aller Geschöpfe, in denen Leben und Spuren von Ahuramazdâs Geist zu

finden sind.

Die Parsen beten nicht nur für sich, sondern für alle reinen Menschen,

welche den Schöpfer der Natur erkennen und verehren auf allen Teilen der

Erde. Besonders ist der Priester verbunden, für sich und alle zu beten: für

den König, den Ahuramazdâ über sein Volk gesetzt hat und so herab bis auf

alle Menschen, die noch bis an das Ende der Welt in Ahuramazdâs Reich leben

werden; er betet ferner für die Seelen und Feruer, gleichviel ob dieselben

auf Erden bereits verkörpert waren oder nicht. Damit das Gebet eine größere

innere Energie habe, vereinigt es der Priester mit dem Gebet aller reinen

Menschen auf der ganzen Erde, die gelebt haben, leben und bis zur

Auferstehung leben werden.

Ein Ahuramazdâdiener betet für Alle, und Alle für Einen. Der Priester

bekennt, daß er Teil nehme an den guten Werken aller von Ahuramazdâ

geliebten Seelen, wie sie umgekehrt alle an den Früchten seiner eigenen

guten Thaten teilnehmen.

Ebenso atmen alle religiösen Ceremonien und liturgischen Formen den Geist

der Gemeinsamkeit.

Unter den eigentlichen gottesdienstlichen Gebräuchen und Riten ist in

erster Linie der Feuerdienst zu nennen. Die Parsen glauben nämlich an ein

_Urfeuer_ und ein _materielles Feuer_, welches letztere ein Bild vom

Ersteren ist. Jenes ist von Ewigkeit, und dieses ist aus jenem entstanden.

Das Urfeuer ist das Band der Vereinigung und den in Zrvâna-akarana

verschlungenen Wesen; es ist der Samen, aus welchem Ahuramazdâ alle Wesen

erzeugt hat und was Ahuramazdâ durch sein Feuer erzeugt ist sein Sohn.

Deshalb heißen die Amschaspands, Izeds, Feruer, Sterne, Menschen, Tiere und

Pflanzen, alle Söhne Gottes, weil alle diese Wesen etwas vom Samen der

Allschöpfung und Allbelebung in sich tragen und dadurch sind, was sie sind.

Das Urfeuer hat sich von Anfang an unter verschiedenen Gestalten hier auf

Erden zu erkennen gegeben, teils in sichtbaren Feuererscheinungen, teils in

unsichtbaren Wirkungen seiner Kraft in den Geschöpfen. Alle großen Thaten,

alle Heldenthaten, alle Weisheit und alle Weissagung werden der Kraft des

Urfeuers zugeschrieben. Je reiner und stärker das Feuer ist, durch welches

die Menschen belebt werden, desto reiner, stärker und geistiger sind ihre

Wirkungen.

Das Urfeuer war von Ewigkeit in der unendlichen Gottheit und gab allen

Geschöpfen ihr Wesen, und das durch jenes entstandene und in alle Wesen

übergegangene Feuer, welches nun in Millionen und aber Millionen von

Geschöpfen unter den verschiedensten Äußerungen und Wirkungsarten das

einzige allschaffende, allwirkende und allbelebende Prinzip ist, das

Mittel, durch welches Ahuramazdâ die ganze Schöpfung in Leben und Bewegung

erhält. Das Feuer ist also der Ausfluß des Geistes und der Kraft Gottes,

das reinste Symbol der unaufhörlich schaffenden, allwirkenden und

allbelebenden Gottheit.

Zum Ruhm dieser Kraft Gottes stiftete Zoroaster den Feuerdienst, und weil

das göttliche Urfeuer unsichtbar ist, so befahl er, heilige Feuerherde,

Tempel zur Feuerverehrung (Dad-gah) zu errichten. Ihr Zweck war, die

Gottheit unter dem Symbol des Feuers zu verehren. Das Bild des Feuers

mußte also mit aller ihm zu Grund liegenden Kraft und Hoheit der Idee den

Seelen der Anhänger Zoroasters tief eingeprägt werden. Deshalb sagt

Strabo[176]: »Zu welcher Gottheit die Perser auch beten mögen, sie rufen

vor allen Dingen zuerst das Feuer an.«

Trotzdem verehren die Parsen das Feuer nicht als Gottheit selbst, sondern

beten in ihm nur die Eigenschaften des Schöpfers an, Ahuramazdâs belebende

und erzeugende Kraft. Die dem Feuer gebrachten Opfer dienen zur

Unterhaltung desselben, und die an das Feuer gerichteten Gebete sind Lob-

und Dankgebete für die genannten Äußerungen Ahuramazdâs. Auch die Elemente,

Izeds, Sterne usw. wurden nicht als eigentliche Gottheiten verehrt, sondern

als wohlthätige Kräfte, als belebte Wesen, durch welche Ahuramazdâ die Welt

regiert. Wenn die griechischen Schriftsteller derartigen von den Persern

verehrten Wesen Namen wie Zeus, Hestia usw. beilegen, so beweist dies nur,

daß es ihnen unmöglich ist, aus dem Bannkreis ihrer Mythologie

herauszukommen.

Außer dem Feuerdienst hatten die Perser noch andere rituelle Gebräuche, von

denen in erster Linie die Opfergeschenke zu nennen sind. Dieselben

bestanden in Miezd, Hom und Perahom genannten Kleidern für die Priester,

deren Darbringung durch Gebete an Ahuramazdâ und die Izeds und das Lesen

der heiligen Bücher begleitet wurde.

Einen äußerst wichtigen Teil der parsistischen Ceremonien machen die

Reinigungen aus. Die Reinheit des Leibes ist das Bild der Reinheit des

Herzens und dieses ist Alles in Allem. Das Herz kann aber nicht rein sein

ohne Reinheit des Körpers, weshalb diese die größte Sorgfalt und

Wachsamkeit erfordert. Den unreinen Körper besitzen eine Menge Dews, aber

vor dem reinen müssen sie weichen. Die Menschen werden von Natur unrein

geboren, denn sie stammen alle von Kaiomorts, welcher durch Angrômainyus

verunreinigt ist.[177]

Aus dem Glauben an die Unreinheit des Körpers sind verschiedene rituelle

Gebräuche entstanden. So das Gebot, beim Gebet und Essen den untern Teil

des Angesichts mit dem Penom[178] verhüllt zu halten, weil der Speichel

irgend etwas verunreinigen könne. Daher rührt auch das Gebot, nichts vom

oder aus dem Körper Kommendes in das Wasser oder Feuer zu werfen; auch

dürfen die Parsen beim Beten, Essen und Verrichten der Notdurft nur eine

Zeichensprache reden, weil sich sonst Dews in den Körper einschleichen

können, wenn sich das Gemüt nicht in gehöriger Sammlung, Stille und

Wachsamkeit befindet. -- Ähnliche Anschauungen gingen bekanntlich in den

Talmud über.

Die Unreinheit des inneren Körpers kann nicht ganz aufgehoben werden,

weshalb der Parse wenigstens für die Reinhaltung des äußeren sorgen und

durch beständige Aufmerksamkeit auf alles, was verunreinigen kann, verhüten

muß, daß die Unreinheit des Innern wachse. Dabei muß sein Blick sowohl auf

die Außenwelt als auf sich selbst gerichtet sein, weil dies die beiden Wege

sind, auf welchen sich Verunreinigungen einschleichen können. Auf die

Außenwelt, damit er keinem unreinen Menschen oder Tier nahe, und daß er

nichts Totes berühre, ohne die vorgeschriebenen Bräuche beobachtet zu

haben. Auf sich selbst insofern, als er in allen Fällen, in welchen Dews

ihn verunreinigen können, besonders wachsam auf sich ist und sich nicht

durch sinnliche Gegenstände zerstreuen läßt. Ist der Mensch, was nicht zu

vermeiden, verunreinigt worden, so muß er sich durch das Wasser reinigen.

Das Wasser wird im Zendavesta eben so hoch gepriesen als das Feuer. Es

gehört mit zum Ursamen aller Dinge, und das reinste Himmelswasser fließt

vor dem Throne Ahuramazdâs, es belebt die Natur, reinigt die Körper der

Natur, giebt ihnen Nahrungssaft, Samen, Gehirn, Verstand, Mark und Kraft,

Milch und Fruchtbarkeit zur Zeugung, es erneuert die Wesen und giebt

Überfluß aller Art. Ahuramazdâ hat das Wasser dem Menschen zum Schutz gegen

die Dews und ihre Erzeugnisse gegeben; es hat einen heiligen Ized und muß

des Morgens beim Krähen der Hähne angerufen werden. Das Wasser ist -- wie

Feuer und Licht -- Symbol alles Guten und unterstützt das Feuer in seinen

Wirkungen. So wie das Feuer alle Geschöpfe durchdringt und in allen

Geschöpfen Wirkungen des Lebens äußert, so auch das Wasser, welches den

Lebenssaft aller Menschen, Tiere und Pflanzen enthält.

Die Parsen haben zwei heilige Wässer, _Zur_ und _Hom_. Das Wasser Zur wird

zu Mitternacht unter mancherlei Ceremonien und Gebeten aus gemeinem Wasser

bereitet, während Hom, das Wasser des Lebens und der Unsterblichkeit, aus

dem Saft des Hombaumes bereitet wird.

Die Fälle, in welchen der Parse der Wasserreinigung bedarf, sind: nach

Verrichtung der Notdurft, bei Frauen nach der Menstruation, das Kind nach

der Geburt, überhaupt nach jeder Verunreinigung usw. usw. Ist der Parse

verhindert, sich zu reinigen, so ersetzen Reue und Gebet die Reinigung.

Auch die gesetzlichen Strafen gelten als Reinigungsmittel, und die

reinigende Kraft der Todesstrafe ist so groß, daß die Sünde dadurch getilgt

und der Sünder in Gorotman aufgenommen wird.

Das Fasten hält Zoroaster weder für nötig, noch für verdienstlich, noch

überhaupt für erlaubt. Er befiehlt Mäßigkeit, aber der Parse soll seinen

Leib pflegen, damit er Ahuramazdâ zu Ehren wirken und gegen die Dews

kämpfen könne, und damit der Hunger seinen Geist nicht von der

Aufmerksamkeit auf das Gesetz abziehe. Die religiösen Feste der Parsen

beziehen sich auf die Schöpfung und das Naturleben überhaupt. So die sechs

je fünftägigen _Gahanbars_ auf die sechs Perioden der Schöpfung, das

allerheiligste _No-ruz_ (Neujahr) als Frühlingsfest auf die Vollendung der

Schöpfung, auf den Triumph Kaiomorts über den Dew Eschem, auf die Schaffung

des ersten Menschenpaares und die Neubelebung der Natur an diesem Tag. Dem

No-ruz ist die Mithrafeier _Mehrdjan_ als Herbstfest entgegengesetzt.

Drittes Kapitel.

Auszug aus dem Bun-Dehesch[179], der parsistischen Kosmogonie.

Im Urbeginn wurde Ahuramazdâ und Angrômainyus das Wesen mitgeteilt. Darauf

nahm die Welt ihren Anfang und was sie sein wird bis ans Ende, bis zur

Wiederherstellung aller Dinge.[180] Ahuramazdâ lebt erhaben über alles mit

höchster Weisheit und Heiligkeit im Lichtkreise der Welt. Dieser

Lichtthron[181] Ahuramazdâs wird »das erste Licht« genannt und ist als

alles übertreffende Weisheit und Reinheit Ahuramazdâs Gesetz.

Ahuramazdâ und Angrômainyus sind im Laufe ihrer Existenz allein »das Volk

der unbegrenzten Zeit«. Der wahre Schöpfer ist die Zeit, welche keine

Schranken kennt, nichts über sich und keine Wurzel hat, die ewig gewesen

ist und ewig sein wird. Deshalb spricht der Verständige nicht: Woher ist

die Zeit gekommen? In der Größe, worin die Zeit war, war nichts

Geschaffenes, das sie Schöpfer nennen konnte, denn es war noch nichts

geschaffen. Darauf ward Feuer und Wasser, und aus ihrer Vereinigung

Ahuramazdâ. Die Zeit war der Schöpfer und führte die Herrschaft über alle

Geschöpfe. Ahuramazdâ war in der Zeit und wird sein in Ewigkeit.

Angrômainyus wohnt mit seinem Gesetz in der ersten Finsternis und war

allein ihre Mitte. Die beiden Urprinzipien, in Unendlichkeit des Guten und

Bösen verschlungen und ohne Grenzen der Fortdauer, wurden sichtbar durch

Vermischung. Ihre Wohnungen, des großen Ahuramazdâ erstes Lichtreich und

Angrômainyus Urfinsternis, waren ebenfalls ohne Grenzen. Sie lebten einsam

in der Mitte dieser _Abgründe_, und einer näherte sich dem andern. Ein

jedes dieser Wesen war durch seine Hülle begrenzt. -- Angrômainyus weiß

alles, wie Ahuramazdâ, und beide haben alles, was ist, geschaffen.

Ahuramazdâ ist ohne Grenzen, denn er durchschaut die Schranken der Macht

beider in Unendlichkeit verschlungenen Wesen. Angrômainyus ist Sklave und

König.

Ahuramazdâs Volk wird bis zur Auferstehung der Toten endlos dauern, ewig

wie der Lauf der Wesen.

Die Genossen des Angrômainyus werden, wenn dereinst die Toten neu belebt

sind, schwinden. Er selbst wird ohne Ende sein.

Ahuramazdâ kannte durch seine ihm von der unbegrenzten Zeit gegebene

allumfassende Wissenschaft das listige Unterfangen der argen Wünsche des

Angrômainyus, wie er bis an das Ende der Dinge seine Werke mit den Werken

des guten Wesens vermischen dürfe, und wie seine Macht sich endigen werde.

Darauf sprach Ahuramazdâ: Ich muß durch meine Macht das Volk des Himmels

schaffen. Da schuf er in dreitausend Jahren den Himmel und sein Volk. Und

Angrômainyus, fort und fort auf Böses sinnend zum Widerstand des Guten, war

unbekümmert um das, was vorging. Angrômainyus wußte nicht, was Ahuramazdâ

wußte.

Endlich erhob sich der Grundarge und näherte sich dem Licht. Wie er nun

Ahuramazdâs Licht erblickte, wollte er, dem nie Gutes in den Sinn kommt,

der nichts denkt, als wie er als Druscht alles schlagen und zerstören mag,

er wollte das Licht verschlingen. Aber durch dessen Schönheit, Glanz,

Erhabenheit geblendet, stürzte er von selbst in seine vorige dicke

Finsternis zurück und zeugte ein großes Heer von Dews und Druschts zur

Plage der Welt.

Ahuramazdâ, der alles weiß, erhob sich, sah Angrômainyus Volk, sein

gräßlich-schreckliches Volk; sein Hauch war Fäulnis, Bosheit und der

Schöpfung unwert. Angrômainyus erblickte das Volk Ahuramazdâs, das Volk in

Scharen, das Volk in Herrlichkeit, über welches der in Ewigkeit

verschlungene den Schöpfungsrat fassen mußte, das der Schöpfung wert war

und welches Ahuramazdâ für würdig erklärt hatte.

Ahuramazdâ indessen, welcher wußte, daß zuletzt Angrômainyus Werk doch ein

Ende nehmen müsse, bot ihm Friede und sprach: O Angrômainyus, hilf der

Welt, die ich geschaffen habe, ehre sie, und deine Schöpfung soll

unsterblich sein, nicht altern, sich nicht zerrütten und nie Mangel haben.

Angrômainyus, der Lügenvater, schuf Akuman, den ersten der Dews und

Widersacher Bahmans.

Der Himmel war die erste Schöpfung Ahuramazdâs in der reinen Welt; ihm ward

Bahman vorgesetzt. Er sah, daß seine Schöpfungen bis zur Auferstehung

dauern würden, und ließ Ardibehescht, Schahriver, Sapandomad, Chordad und

Amerdad der Folge nach werden. In der dunkeln Welt schuf Angrômainyus

Akuman, Ander, Savel, Nakaed, Tarik und Zaretsch.

Nach dem Himmel schuf Ahuramazdâ das Wasser, die Erde, die Pflanzen, die

Tiere und die Menschen.

Ahuramazdâ ließ Licht werden zwischen Himmel und Erde, Fixsterne und

Planeten, Sonne und Mond, wie gesagt ist: Er schuf anfangs den Himmel. Die

Fixsterne der Sichtbarkeit ordneten sich in zwölf Gestirne wie in eben so

viel Stammmütter. Ihre Namen sind: Lamm, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe,

Ähre, Wage, Scorpion, Bogen, Steinbock, Schöpfeimer und Fische. Diese

Konstellationen sind seit ihrem Ursprung in achtundzwanzig _Kordehs_[182]

männlichen Geschlechts eingeteilt, welche heißen: Pesch, Parviz, Peruesch,

Pehe, Aveser, Beschen, Rekhad, Tarehe, Avre, Nehn, Meian, Avdem, Maschahe,

Sapner oder Sapur, Hohro, Srob, Nor, Guel, Grefsche, Vareand, Gao, Goi,

Moro, Bonde, Kehtser, Veht, Meian, Keht.

Alle diese Gestirne wurden anfangs geschaffen, um in der Welt immerfort

Stand zu halten, damit, wenn der Feind sich darstellt, wenn Peetiaré[183]

selbst zu schaden trachtet, durch ihren Beistand die Geschöpfe von den

Übelthätern gerettet werden.

Dieser Sterne sind sechstausend und vierhundert und zwanzigtausend zum

Dienst des großen Gestirns geschaffen worden. Noch hat Ahuramazdâ an den

vier Enden des Himmels vier Wachen aufgestellt, welche auf die Fixsterne

achten müssen. Ein jeder steht da als Wächter seines Kreises und seiner

Himmelsgegend durch seine Kraft und Macht, er, der Schöpfer der

Sternenheere, wie gesagt ist: Taschter schützt den Osten, Satevis den

Westen, Venand den Mittag und Haftorang den Norden.

Meschgah ist ein großer Stern in der Mitte des Himmels, und wenn der Feind

mit seinem Heer herannaht, so deckt derselbe -- auch Rapitan genannt -- den

Mittag. Um den Gah Rapitans[184] lobsingt Ahuramazdâ mit den Amschaspands

himmlische Izeschné.[185] Izeschné giebt jedem Kraft, Peetiaré zu schlagen.

Notwendig ist dieser Dienst.

Zu gleicher Zeit führte die allwissende und vortrefflichste Weisheit den

Menschen Feruer zu und sprach: Welcher Gewinn für euch, Körper in der Welt

zu beleben! Seid daher im Kampfe gegen die Druschts und macht die Druschts

schwinden! Am Ende sollt ihr in den ersten Zustand zurückkehren. Seligkeit

soll euch werden, Unsterblichkeit ohne Veraltung, ohne Übel. Meine Fittige

sollen euch gegen den Feind decken! -- Darauf kam des Menschen Feruer,

durch des Allwissenden Geist gegen die Druschts des Angrômainyus geschützt,

in die Welt und ward sichtbar. Am Ende der Zeit wird er, vom Feinde

Peetiaré errettet, des ersten Glücks genießen, wenn die Toten neu leben,

durch alle Ewigkeiten der Wesendauer.

Angrômainyus, der Machtberaubte, und alle Dews mit ihm sahen den Menschen

und stürzten vor seiner Macht zu Boden. Eine Zeitlänge von drei

Jahrtausenden mußte Angrômainyus angekettet liegen, und wie er so gebunden

lag, sprach jeder der Dews zu ihm: Auf und mit mir! Ich will diesen

Ahuramazdâ und die Amschaspands in dieser Welt bestürmen und

zusammentreiben! -- Der Arge überlegte zweimal und war sehr unzufrieden,

denn Furcht vor dem reinen Menschen hielt Angrômainyus zurück. Am Schluß

der dreitausend Jahre kam der Darvand Djé zu ihm und sprach: O

Angrômainyus, mache dich auf mit mir! Ich will hinaus in die Welt,

Ahuramazdâ und die Amschaspands bekriegen und sie ängstigen! -- Der

Übelthäter überzählte zweimal seine Dews, aber mit Verdruß. -- Angrômainyus

wollte sich gern von seinem Kummer beim Anblick des reinen Menschen

losmachen, aber der Darvand Djé sprach: Auf, mit mir zum Krieg! Welche

Plagen will ich über die reinen Menschen und arbeitenden Rinder ausgießen!

Wenn ich meinen Willen an ihnen vollbracht habe, so sollen sie, so wahr ich

bin, nicht leben! Zerstören will ich ihr Licht, durchdringen das Wasser,

die Bäume, das Feuer Ahuramazdâs, ja alle Geschöpfe Ahuramazdâs.

Der nichts als Böses thut übersah nochmals seine Heere, und siehe, wie

außer sich vor Freude, sprang er aus dem Kleinmut, welcher bis jetzt

gefangen hielt, und küßte Djés Haupt. Djé ist der Schöpfer der

Unreinigkeit, die man der Weiber Zeit nennt. Angrômainyus sprach zu Djé:

Was du nur immer wünschen kannst, nimm von mir! Djés Bitte war: Mit

Menschengestalt wollte ich bekleidet sein, gieb sie mir! -- Angrômainyus

bildete eines fünfzehnjährigen Jünglings schönen Leib und zeigte ihn Djé,

und Djé, unsauber in Gedanken, trug ihn davon.

Nach diesem stellte sich Angrômainyus in Begleitung aller Dews vors Licht

und sah den Himmel, und die nur Zerrüttung sinnenden Dews gedachten, wie

sie ihn stürzten. Angrômainyus allein drang in den Himmel. In

Schlangengestalt sprang er vom Himmel auf die Erde.

Am Tage Ahuramazdâ des Monats Farvardin[186] lief er von Süden aus und sah

den Himmel, aber Schauder und Schreck durchfuhr ihn, wie das Schaf vor dem

Wolf. Er zog in die Wolken, sah unter sich die Erde und drang durch die

gemachte Öffnung in die Mitte der Erde. Darauf durchfuhr er die Bäume, den

Stier, Kaiomorts[187] und das Feuer. In Fliegengestalt durchstreifte er

alles Geschaffene. Gegen Süden, in Mittag verheerte er die Erde durchaus,

und Alles überzog Schwärze wie Nacht. Danach schickte er fressende

_Kahrfesters_ auf die Erde, welche Gift haben, wie Schlangen, Skorpione,

Kröten usw. Alles verbrannte bis zur Wurzel, und nichts konnte den

Kahrfesters widerstehen. Glutheißes Wasser regnete auf die Bäume und machte

sie im Augenblick verdorren. Der grausam plagende Verin und Boschasp[188]

mußten sich auf den Stier und Kaiomorts stürzen, um sie an der Brust zu

fassen.

Vor des Stiers Erscheinung schuf Ahuramazdâ Binak, das Wasser der

Gesundheit. Wer daraus an der Quelle trank, mußte ihre ganze Heilkraft

spüren.

Der, dessen ganzer Wille Böses war, schlug durch sein Gift den Stier, daß

er krank darnieder sank und seufzend starb.

Im Sterben sprach er noch: Siehe, was geschehen muß für die Tiere, die noch

werden sollen. Mein Wille ist, sie vor dem Bösen zu schützen!

Ehe Kaiomorts ward, schuf Ahuramazdâ das Wasser Chei[189] und brachte es zu

ihm. Mit großem Ruhm spricht das Gesetz von dem Wasser Chei, welches

Kaiomorts Lichtglanz und Jugend verlieh.

Kaiomorts sah die Welt in Finsternis wie die Nacht, und wie die durch

Kahrfesters verbrannte Erde kaum noch bestand. Am Himmel liefen Sonne und

Mond in ihren Bahnen, und die Dews von Mazenderan kämpften gegen die

Fixsterne. Denn Angrômainyus hatte außer dem, was er gegen Kaiomorts Böses

im Sinne hatte, einen Plan, welcher war der ganzen Welt Zerstörung.

Astruiad[190] mußte mit tausend Dews, Kunstmeistern des Todes, Kaiomorts

besitzen; aber seine Zeit war noch nicht gekommen, daher vermochten sie

nichts an seinem Körper, denn es heißt: Zur Zeit der Ankunft Angrômainyus

Peetiarés war Kaiomorts schon im Leben; schon dreißig Jahre war er König.

Nach der Ankunft Peetiarés lebte er noch dreißig Jahre. Kaiomorts sprach zu

ihm: Du bist wie ein Feind gekommen; aber alle Menschen meines Samens

werden thun, was rein ist, verdienstvolle Werke und dich zu Boden stürzen!

Nach diesem drang Angrômainyus ins Feuer und ließ schwarzen Rauchdampf

daraus aufsteigen. Geschützt durch ein Heer von Dews mischte er sich unter

die Planeten und versuchte sich mit dem Sternenhimmel zu messen und drang

durch die Fixsterne und an allen Orten hervor. Durch neunzig Tage und

neunzig Nächte standen des Himmels Izeds im Kampfe mit Angrômainyus und den

Dews aller Welt. Die Dews stürzten entkräftet in den Abgrund, und der

Himmel half den Izeds, daß Angrômainyus sich nicht mehr an sie wagen

durfte. Aus des Abgrunds Mitte stieg Angrômainyus auf die Erde, durchbrach

sie, zeigte sich darauf und durchreiste sie; Alles in der Welt kehrte er

um. Als Feind des Guten mischte er sich in Alles, zeigte sich in Allem und

suchte Böses zu schaffen oben und unten.

Es steht ferner geschrieben, daß im Augenblick, da der noch einzig

geschaffene Urstier starb, Kaiomorts aus seiner rechten Schulter

hervorging. Nach seinem Tode kam aus seiner linken Schulter Goschorun als

Seele des einzig geschaffenen Stiers. Goschorun, also geboren, verweilte

bei dem Leichnam des Stiers und erhob ein lautes Geschrei wie tausend

Menschen. Er trat vor Ahuramazdâ mit diesen Worten: Wen hast du zum König

der Erde gesetzt? Angrômainyus geht darauf aus, in Eile die Erde zu

zertrümmern, die Bäume zu schädigen und sie durch feuriges Wasser zu

verbrennen. Ist es dieser Mensch, von dem du gesagt hast, ich will ihn

schaffen, daß er lerne sich vor dem Argen zu schützen? Ahuramazdâ

antwortete: Krank ist der Stier geworden durch Angrômainyus Krankheit; aber

dieser Mensch ist für eine Erde und Zeit aufgehoben, wo Angrômainyus nicht

wird Gewalt üben können.

Goschorun ging und zog durch die Sphären der Sterne und den Himmel der

Sonne wie des Mondes. Nun zeigte ihm Ahuramazdâ Zoroasters Feruer und

sprach: Ihn will ich der Welt schenken, und er soll sie lehren, wie man

sich vor dem Bösen rein bewahre. Goschorun wurde freudig, zollte dem

Verlangen Ahuramazdâs Beifall und sprach: Ich werde für der Welt Geschöpfe

sorgen. -- --

Über die Welt sind sieben Fixsterne als Wächter bestellt:

1. Taschter, von dem Planeten Tir (Jupiter) begleitet.

2. Haftorang, " " " Beram (Mars) "

3. Venant, " " " Anhuma (Merkur) "

4. Satevis, " " " Anahid (Venus) "

5. Mesch, " " " Revans (Saturn) "

6. Gurzscher und

7. Dodjdom Muschever mit ihren Schweifen (Kometen), stehen unter der

Wache der Sonne und des Mondes.

Albordj ging hervor. Dieser Berg umkreist die Welt und steht in der Mitte

der Erde.

Wie das Wasser, so geht auch die Sonne im Kreislauf, schwebend in der Mitte

der Welt, beginnend bei Albordj, beim Zeichen Varé.[191]

Hundert und achtzig Tage läuft die Sonne östlich und eben so viel

westlich.[192] Tag für Tag besucht sie Albordj mit ihrem Licht. Das macht

einen Tag.

Fixsterne wie Planeten, sichtbar in ihrem Lauf, durchschwärmen alle Tage

drei Keschwars und einen halben[193], wie deine Augen sehen können.

Jedes Jahr hat zweimal Gleichheit der Tage und Nächte. Am ersten Kordeh zur

Frühlingszeit beginnt die erste Gleichheit zwischen Dunkel und Licht.

Längster Tag ist am ersten Kordeh des Krebses, die zweite Gleichheit des

Tages und Dunkels am Kordeh der Wage, wo Anfang des Herbstes ist, und am

Kordeh des Steinbocks ist die längste Dauer der Nacht. Hier beginnt der

Winter, und wenn Varé wieder sichtbar wird, so ist neue Gleichheit zwischen

Licht und Dunkel, so daß die Sonne von Beginn ihres Laufs bis zur Rückkehr

360 Tage braucht. Dazu kommen die fünf Tage der Gahs.[194] Wer in ihnen die

vorgeschriebenen Gebete vollendet, der soll die Geheimnisse der Dews wissen

und wird dieselben binden können.

Angrômainyus lief hinaus in die Welt, und beim Anblick der Schönheit,

Reinheit und Stärke der Izeds ergriff er von neuem die Flucht. Der Himmel

stellte sich wie ein Streiter im Harnisch vor Angrômainyus zum Kampf.

Ahuramazdâ half aus dem festen Himmel, seinem Wohnsitz, dem Himmel, der

umläuft. Die Feruer der Krieger und Reinen, mit Lanzen und Keulen in der

Hand, rüsteten sich zur Unterstützung des Himmels, der sich umdreht, und

halfen ihm mit der That. Angrômainyus ward zur neuen Flucht gezwungen,

indem er sah, daß seine Dews flohen und er selbst seine Kraft verlieren

werde, weil der endliche Sieg Ahuramazdâ aufbehalten ist, von der

Auferstehung der Toten an durch die ewige Dauer der Wesen hindurch.

Ahuramazdâ und Angrômainyus wirkten beide bei der Schöpfung des Wassers.

Als nämlich der Stern Taschter im Krebs war, floß Wasser im Kordeh

Avré.[195] Am Tage, da der Feind im Wassergebiet seinen Lauf hatte, kehrte

Taschter in seiner Bahn zurück[196] und schien im Kordeh Avré westwärts,

denn jeder Monat hat sein besonderes Zeichen. Der Tirmonat ist der vierte

des Jahres. Der Krebs ist das vierte Zeichen vom Lamm an. Wie Taschter

dieses Zeichen berührt hatte, ließ er Regen kommen, der allen Dingen

Wachstum giebt, und daraus zog er mit der Kraft des Windes Wasser in die

Wolken. Taschter fand Schutz an Bahman und dem Ized Hom[197], den der

gesegnete Ized Barso[198] begleitete, und reine Seelen wachten mit Sorge

über Taschter. Dreißig Tage und dreißig Nächte lang glänzte sein Licht

hoch[199], und unter jedem Körper gab er zehn Tage Regen, wie es von den

Fixsternen heißt: jeder dieser Sterne hat drei Körper.

Jeder Wassertropfen war wie eine Schale, und die Erde war in der Höhe eines

Menschen mit Wasser bedeckt. Alle Kharfesters auf Erden starben durch

diesen Regen[200]; er durchdrang alle Öffnungen. In der Folge teilte sich

ein Wind vom Himmel dem Wasser mit und trug es in den Wolken mit sich fort

und gab ihm die Erde zum Pfand. So ward Zaré Ferakh kand[201] gebildet.

Die toten Kharfesters blieben auf Erden zurück und teilten derselben Gift

und Fäulnis mit. Um die Erde von der großen Menge Kröten zu reinigen, kam

Taschter in Gestalt eines weißen Pferdes mit langem Schwanz in den Zaré

herab, und der Dew Apevesch[202] in der Hülle eines schwarzen Pferdes mit

starkem Schwanz zog ihm entgegen in den Streit. Taschter wurde geschwächt

und überwunden und mußte ein Stück zurückfliehen, bat aber Ahuramazdâ um

den Sieg, der ihm Übermacht schenkte, denn es heißt: Alsobald bekam

Taschter von Ahuramazdâ zehn junge Pferde, eben so viel Kameele und Stiere,

zehn Berge und zehn Flüsse. Der Dew Apevesch wurde schwach und floh als

Überwundener ein Stück zurück. Tschem[203] soll keine Stütze gewesen sein

wie Tir[204] die Taschters. Darauf wirkte Hom in der Höhe mit großer Macht,

daß das Wasser über die Erde schwemmte.

Jetzt ist Frage über das Wasser, das Taschter aus dem Zaré nahm. Er ließ es

in wunderbarer Menge regnen, und es fielen Tropfen in der Größe eines

Rinder- und Menschenkopfs, größere und kleinere. Unter Taschters Regen

versuchte der Dew Apevesch in Roßgestalt Böses zu thun. Taschter

schleuderte aber den Blitz (das Vadjeschtefeuer) auf ihn und

Aspotschereh[205] erhob ein fürchterliches Gebrüll.

Wie beide so wirkten, regnete es zehn Tage und Nächte und die Flüsse

wurden. Die Erde behielt Kröten in Menge und Gift der Kharfesters, die sich

in alles Wasser mischten und es salzig machten. Denn alle Kharfesterkeime,

die der Erde blieben, verursachten giftige Fäulnis. Darauf stürmte ein

heftiger Wind drei Tage lang allerseits Wasser über die Erde; daraus

sammelten sich drei große Zarés und dreiundzwanzig kleine. Zwei

Zaréquellen, Tetscheschtvar und Sumbar, fingen an zu springen, welches zwei

große Quellen sind, die sich bei dem Quell der Zarés einigen.

Von der Nordseite aus flossen zwei Wasser, eines ost- und das andere

westwärts, Arg und Veh, wie es heißt: Ahuramazdâ ließ nach seiner höchsten

Liebe gegen die Menschen von seinem Thron aus zwei Wasser fließen, die

ihren Kreislauf über die Oberfläche der Erde nehmen und zuletzt im Zaré

Ferakh kand in eins zusammenfließen. Diese zwei Wasser fließen aus Quellen,

woraus Gott achtzehn andere ausgehen läßt, und daraus kommt alles übrige

Gewässer, das er zuletzt wieder in den Arg und Veh zurückfließen läßt, er

der da ist der Weltenschöpfer.

Während sich Angrômainyus in das Innere der Erde zurückzog, ward den Bergen

ihre Kraft anerschaffen, die Erde gleichsam zu entwickeln. Im Anfang

entstand Albordj, darauf die übrigen Berge der Erde. Wie sich Albordj nach

allen Seiten weit ausgedehnt hatte, gelangten alle andern Berge auch zur

Vervielfältigung, da sie aus der Wurzel von Albordj entsprossen waren. Sie

stiegen tief aus der Erde in die Höhe empor, wie ein Baum, dessen Wurzel

bald hoch, bald in die Tiefe wächst. So kam es, daß alle Berge aller Wurzel

Sprossen waren, sich durch den ganzen Erdkörper ausbreiteten und seit der

Wesenschöpfung gesehen worden sind.

Das Erdwasser quillt in den Bergen, wo die Ader verborgen liegt. Aller

Berge Wurzel ist in Höhen und Tiefen gepflanzt; man sieht ihre Ausbreitung

durch die Erde, den Verschlingungen der Baumwurzeln in der Erde gleich, und

wie alle Adern des menschlichen Körpers in einen Stamm zusammenlaufen und

dem ganzen Körper Kraft und Stärke geben.

Außer dem Albordj wuchsen innerhalb hundertundsechzig Jahren aus und über

der Erde alle Berge mit allem ihrem Überfluß und ihrer Fruchtbarkeit.

Ahuramazdâ und Angrômainyus waren beide Schöpfer des Baumes. Anfangs war

derselbe dürr, aber der Amschaspand Amerdad, dem der Baum zugehört, setzte

ihn, als er noch klein war, in das Wasser Taschters, als Taschter durch

einen allgemeinen Regen Wasser über die ganze Erde führte. Der Baum wuchs

wie Haar des Menschenhauptes, und aus einem Baum sproßten zehntausend

fruchtbare Baumarten zur Heilung der Zehntausenden von Krankheiten, welche

Angrômainyus in der Welt geschaffen hat. Diese zehntausend Gattungen von

Bäumen gaben wieder die Keime zu einhundertundzwanzigtausend Arten von

Gewächsen, welche sich -- aus einem Keim entspringend -- fruchtbar

vermehrten.

Ahuramazdâ legte den Keim aller Pflanzen in den Zaré Ferakh kand, worin

dieser Keim wuchs, der alle Pflanzenarten mit ihren Vervielfältigungen in

sich schloß. Neben diesen Urkeim aller Pflanzen setzte Ahuramazdâ den Baum

Gogard, welcher alle verjüngende und reichmachende Kraft in sich

schloß.[206]

Ahuramazdâ und Angrômainyus sind der Schöpfer des Urstiers. Als derselbe

tot war, gingen aus seinem Schweif fünfundfünfzig Arten Getreidepflanzen

und zwölf Arten gesundmachender Bäume hervor, die sich auf Erden

vervielfältigten. Den Samen des Lichts und der Stärke des Stiers übergaben

die Izeds dem Mondhimmel, wo er durch das Mondlicht geläutert wurde.

Ahuramazdâ bildete daraus einen wohlgebauten Körper, belebte ihn, und

daraus wurden zwei andere Stiere, männlichen und weiblichen Geschlechts.

Aus diesen entwickelten sich wieder 282 Tierarten auf Erden, die Vögel in

der Luft und die Fische im Wasser.

Während des dreißigtägigen Regens, welchen Taschter über die Erde ausgoß,

teilte sich dieselbe in sieben Teile, deren mittelster, um welchen sich die

sechs anderen gruppieren, Khunnerets (Iran) ist. In Khunnerets hat

Ahuramazdâ alles gelegt, was im höchsten Grad rein ist, und seit Anbeginn

schon sucht Angrômainyus diesen Erdteil zu schädigen, weil er sah, daß

Khunnerets das Vaterland des Keans (reinen, weisen Menschen) sein, und das

reine Gesetz in Keans gegeben werden würde, von wo aus es erst die andern

Teile der Erde erhalten, und daß der Sosiosch in Khunnerets geboren werden

würde, der bestimmt ist, Angrômainyus ohnmächtig zu machen und die

Auferstehung der Toten sowie die Wiederherstellung der Leiber zu

bewirken.[207] -- --

Im Gesetz steht geschrieben: Als der Urstier tot war, ging aus dem Mark

seines Leibes Samen in Mannigfaltigkeit aus, wie es heißt: Aus dem Marke

kamen Schöpfungen verschiedener Art, denn im Marke liegt alles verborgen.

Aus den Hörnern des Stiers wuchsen die Früchte, aus seiner Nase die

Laucharten, aus seinem Blute die Trauben, aus denen der Wein gekeltert

wird, welcher das Blut vermehrt. Aus seiner Brust keimte Espand[208],

welches gegen Fäulnis und Hauptkrankheiten dient.

Als der Same des Stiers im Mondhimmel gereinigt worden war, wurden aus ihm

verschiedene Tiergattungen gebildet, zuerst zwei Stiere männlichen und

weiblichen Geschlechts. Darauf setzte Ahuramazdâ von jedem Tierpaare eines

auf die Erde, welche sich in Iran-vedj vermehrten und einen Hesar von drei

Farsangs mit mit ihren Jungen anfüllten.[209] Diese Tiere blieben tausend

Tage und tausend Nächte ohne Nahrung, danach tranken sie Wasser und nährten

sich von den Bäumen.

Aus dem Stierpaar wurden zuerst Ziegen und Schafe, dann Kameel und Rindvieh

und endlich Pferd und Esel geschaffen. Diese wurden zuerst und zum Gebrauch

der Reinen erzeugt. In zweiter Linie schuf Ahuramazdâ Soweje[210], dessen

Lauf schnell ist, und den Hirsch, Tiere, die keine Hand zähmt. Drittens

schuf Ahuramazdâ die Wassertiere.

Diese Tiere teilte Ahuramazdâ in fünf Gattungen: in solche mit gespaltenem

Huf zum Gebrauch der Reinen, in Tiere mit ungespaltenem Huf, in Tiere mit

fünf Klauen, in Vögel und Fische. -- Im Bun-Dehesch werden die Säugetiere

in 282, die Vögel und Fische in je zehn Arten geteilt.

Es ist auch von einem mystischen Hund Sura am Himmel nach der Seite des

Gestirns Haftorang zu die Rede, den Ahuramazdâ zur Wache über die Menschen

und zum Schutz der Tiere schuf. Wenn Menschen und Tiere zusammenkommen, ist

er in der Welt und bewacht sie. Er ist es, welcher durch die Hilfe des

Arduisurwassers aus einem Menschen eine unzählige Menge hat entstehen

lassen. Sein Haar ist ihm Kleid, und er wacht mit Thätigkeit und Größe.

Der lebendige Sa (Wolf) ist vom Haupte der bösen Geister geschaffen und

richtet unter den Herden viel Unheil an. In Abwesenheit des Hundes vermehrt

er die Furcht.

Ahuramazdâ sagt: Ich habe den Vogel Varescha in großer Anzahl wider das

Böse in der Welt geschaffen und besonders wider den, der -- durch das

Gesetz erleuchtet -- häufig die Werke Angrômainyus thut. Ich habe ihn

geschaffen, damit die Wünsche des Menschen Darvand nicht erfüllet werden.

Du wirst dich nicht sättigen können, wenn du den Wasservogel schlägst. Ohne

den Vogel Varescha würde Angrômainyus Darvand alle Arten von Übeln über die

Körper verhängen; die Welt würde nicht bestehen können.[211]

Der Hund Sura vervielfältigt alle Tierarten, und Angrômainyus zerrüttet

eines wie das andere, daß zuletzt nur eines übrig bleibt.

Nach dem Tode Kaiomorts wurde dessen Same durch das Licht der Sonne

gereinigt, und nach Ablauf von vierzig Jahren ging eine Reivaspflanze aus

der Erde hervor, die wie ein Baum aufwuchs fünfzehn Jahre mit fünfzehn

Sprößlingen. Dieser Baum ist wie zwei nebeneinander gestellte Körper, da

einer dem andern die Hand ans Ohr hält und beide -- so miteinander

vereinigt -- gleichsam ein Leib sind.[212] -- Sie waren so genau

miteinander verbunden, daß man weder männliches noch weibliches voneinander

unterscheiden, noch sehen konnte, ob Ahuramazdâ das männliche Glied zuerst

erschaffen habe, wie gesagt wird in Hinsicht auf das Erstgeschaffene, ob es

das Glied oder der Leib gewesen. Ahuramazdâ sagt davon, daß er zuerst die

Hand und darauf den Körper gemacht und dann jenes Glied dem Körper angefügt

habe; daß er dem Körper seine eigentümliche Wirkungskraft anerschaffen, um

sein Werk zu thun und zu leben. Aber die Seele ist von ihm vor dem Körper

erschaffen worden. Wie Körper und Seele aus Pflanzenwesen in Menschenwesen

umgebildet waren, so bekam das Glied von Ahuramazdâ seine Stelle, und die

Seele nahm ihre Wohnung im Körper.

Der Baum wuchs empor und trug zehn Menschenarten als Früchte.

Ahuramazdâ redete von Meschia und Meschiane. Der Mensch als Weltvater

wurde. Der Himmel ward ihm bestimmt mit der Bedingung der Herzensdemut,

Gehorsam gegen den Willen des Gesetzes, der Reinheit in Gedanken, der

Reinheit in Reden, der Reinheit in Thun und Lassen, und daß er keine Dews

anbete. Durch Beharren in diesem Geist sollten der Mann zum Glücke des

Weibes und das Weib zum Glücke des Mannes leben. So waren auch im Anfang

ihre Gedanken und ihre Werke. Sie nahten sich einander und hatten

Gemeinschaft zusammen.

Anfangs sprachen sie: Ahuramazdâ ist es, von dem Wasser und Erde, Bäume und

Tiere, Sterne, Sonne, Mond und alles Gute kommt, das reine Wurzel und reine

Frucht hat. Darauf bemächtigte sich Angrômainyus ihrer Gedanken, verdarb

ihre Seele und gab ihnen ein, er sei es, der Wasser und Erde, Bäume und

Tiere und alles Gute geschaffen habe. Das glaubten sie, und so gelang es

Angrômainyus, sie gleich anfangs zu betrügen durch Irrtümer in der Lehre

von den Dews, und von Anfang bis zu Ende suchte der Grausame nichts als

Betrug. Meschia und Meschiane wurden durch den Glauben an diese Lüge

Darvands, und ihre Seelen müssen bis zur Neubelebung der Leiber im Duzakh

verharren.

Meschia und Meschiane kleideten sich dreißig Tage lang schwarz; danach

gingen sie auf die Jagd und fanden eine weiße Ziege, aus deren Zitzen sie

die Milch sogen; die war ihnen liebliche Nahrung. Meschia und Meschiane

sprachen: ich habe noch nichts so angenehmes genossen wie diese Milch, sie

hat mich ungemein erquickt. Das war aber ein Übel für ihren Körper, denn

dadurch sündigten sie gegen ihren Leib und wurden gestraft.

Angrômainyus, dessen Rede ganz Lüge ist, zeigte sich -- durch jenen Betrug

noch beherzter -- ihnen zum zweiten Mal und gab ihnen Früchte, die sie

aßen. Dadurch verloren sie die hundert Glückseligkeiten, die sie bisher

genossen hatten, bis auf eine. Nach dreißig Tagen und dreißig Nächten kam

ein fetter weißer Schöps zu ihnen, dem sie das linke Ohr abschnitten. Die

himmlischen Izeds hatten sie gelehrt, Feuer aus dem Konarbaum zu ziehen,

dessen Holz sie mit einem scharfen Eisen rieben. Beide legten das Feuer an

den Baum und machten durch ihr Blasen, daß es in einer Flamme ausschlug.

Zuerst brannten sie Holz von Konarbaum, darauf von Datteln und Myrten. Den

Schöps brieten sie und teilten ihn dreifach, und von den zwei Teilen, die

sie nicht aßen, wurde ein Teil durch den Vogel Kehrkas gen Himmel getragen.

Anfangs kleideten sie sich in Hundsfelle, denn Hundefleisch war ihre

Speise, danach jagten sie fleißig und machten sich Kleider von den Fellen

des Rotwilds.

Es steht auch geschrieben, daß Meschia und Meschiane eine Öffnung in die

Erde machten. Darin fanden sie Eisen, woraus sie eine Axt fertigten,

nachdem sie es mit Steinen geschärft hatten. Diese legten sie einem Baum an

die Wurzel, hieben ihn ab und bauten sich eine Wohnung, ohne Gott zu

danken. Dadurch bekamen die Dews große Gewalt über sie. Einer wurde der

Feind des andern, einer entbrannte in Neid und Haß gegen den andern, einer

lehnte sich gegen den andern auf, schlug und beschädigte ihn und erlitt ein

Gleiches. Endlich schrie der Fürst der Dews aus seiner finstern Wohnung

gewaltig: O, betet an, ihr Menschen, betet an die Dews! Der Dew des Neides

und des Hasses setzte sich auf seinen Thron. Meschia nahte sich, zog Milch

von seiner Kuh und goß sie nordwärts aus. Dadurch bekamen die Dews größere

Macht, und Meschia und Meschiane wurden unfruchtbar. In fünfzig Jahren

dachten sie an keine leibliche Vereinigung. Am Ende der fünfzig Jahre bekam

Meschia zuerst Lust zur Zeugung und danach Meschiane. Meschia sprach zu

Meschiane: Ich möchte deine Schlange sehen, denn die meinige erhebt sich

mit Macht. Danach sprach Meschiane: O Bruder Meschia, ich sehe deine große

Schlange, sie fährt auf wie ein leinen Tuch. Darauf sahen sie sich, und

dieses Sehen ward ihnen verderblich, denn sie thatens mit Ausschweifung,

indem jedes bei sich selbst dachte: schon seit fünfzig Jahren hätte ich das

thun sollen. Nach neun Monaten wurden ihnen Zwillinge, ein Knäblein und ein

Mägdlein, geboren. Von diesen geliebten Kindern pflegte die Mutter das eine

und der Vater das andere. In der Folge nahm ihnen Ahuramazdâ diese

Lieblinge ab und sorgte für ihre Erziehung; sie blieben auf der Erde.

Meschia und Meschiane sahen noch sieben Paar Nachkommen männlichen und

weiblichen Geschlechts von ihnen. Alle waren Brüder und Schwestern. Jedes

Paar zeugte Kinder bis zum fünfzigsten Jahr und gegen das hundertste starb

es. Unter diesen sieben Paaren waren Siamakh, der Mann, und Veschak, die

Frau, welche wieder zwei Kinder beiderlei Geschlechts miteinander hatten,

Frevak und Frevakein.

Von diesen wurden fünfzehn Paare Kinder geboren, von denen ein jedes die

Eltern eines besonderen Volkes wurde, und auf welche alle Völker der Erde

zurückgehen. -- Dabei sei nebenbei bemerkt, daß im Bun-Dehesch monströse

Menschen -- ähnlich wie bei Berosus -- angeführt werden, so Menschen mit

einem Ohr, einem Auge, einem Haarschweif, einem Pferde- oder Hundskopf usw.

Von der Zeugung sagt das Gesetz, daß eine Frau, nachdem sie vom

Daschtan[213] gekommen ist, innerhalb zehn Tagen und zehn Nächten nach

ihrer Empfängnis schwanger wird. Der Beginn ihrer Schwangerschaft ist das

Ende ihrer Periode. Ist der Same des Mannes kräftiger, so wird ein Knabe

geboren, ist es der weibliche Same, ein Mädchen. Hat der Same von Mann und

Frau gleichviel Kraft und Geist, so wird die Geburt zwei- und dreifach.

Tritt der Samen des Mannes zuerst aus, so wird die Frau Mutter; quillt aber

der weibliche Samen zuerst, so ist es bloßes Blut, und sie hat Ungemach

davon.

Der Samen des Weibes ist blutähnlich und kommt aus der Seite als eine

weißlich-rot-gelbe Flüssigkeit. Der feurige und trockene Samen des Mannes

quillt aus dem Haupt und Marke, ist flüssig, weiß, stark und in Menge

ausschießend. Sobald der weibliche Samen in die Mutter dringt, ist er

wirksam; der männliche bedeckt ihn und erfüllt die Mutter; aller nachmalige

geht in die Adern der Mutter und wird zu Blut, und nach der Geburt wird er

zu Milch, der Nahrung des Kindes, denn alle Muttermilch kommt vom

männlichen Keime.

Vier Dinge sind Mutter. Himmel, Metalle, Wind und Feuer sind zeugende Väter

und werden nie etwas anderes; aber Wasser, Erde, Bäume und Mond sind

weiblich ohne alle Verwandlung. Alles übrige ist männlich und weiblich.

Das Gesetz spricht von fünf Arten Feuer: vom Feuer Berezesengh in

Ahuramazdâ und den Königen; von Voh freiann in den Menschen und Tieren; von

Oruazescht in den Tieren und Gewächsen; von Vazescht, dem Feuer des Blitzes

und dem Feuer des Beehenescht, welches den Bedürfnissen des Menschen dient

und aus dem das heilige Feuer Behram zubereitet wird. Das Behramfeuer

stammt aus der reinsten Lichtmaterie aller Feuer.

Nachdem der Menschenkörper im Mutterleib gebildet ist, kommt die Seele vom

Himmel herab und belebt ihn. So lange er durch sie lebt und sich bewegt,

begleitet sie ihn unablässig. Wenn der Mensch stirbt, wird sein Leib Staub,

und die Seele kehrt in den Himmel zurück.

Im Bun-Dehesch folgt nun eine Art mystischer Zoologie, worin namentlich

dargestellt ist, welche Tiergattungen gegen gewisse Dämonen schützen, eine

Anschauung, welche sich bekanntlich bis in das Mittelalter fortspinnt. Aus

den diesbezüglichen Anführungen des Bun-Dehesch will ich nur folgende, als

bei den Juden, den Neuplatonikern und im Mittelalter noch besonders in

Ansehen stehend mitteilen, obschon die Erinnerung an die Quelle dieser

Anschauung verloren gegangen war:

Der Hahn ist den Dews und Zauberern feind. Er unterstützt den Hund, wie im

Gesetz steht: Unter den die Druschts plagenden Geschöpfen vereinigen der

Hahn und der Hund ihre Kräfte. -- Das Gesetz sagt: wenn der Hund und der

Hahn gegen Druscht streiten, so entkräften sie ihn, der sonst Menschen und

Vieh peinigt. Daher heißt es: Durch ihn werden alle Feinde des Guten

überwunden; seine Stimme zerstört das Böse. Der Hund verlangt vom Menschen

nichts als Fleisch und Fett; ihm es geben, ist Quelle der Gesundheit, die

Ahuramazdâ schenkt. Nichts Schädliches darf ihm gegeben werden. Wer ihm --

auch unbewußt -- etwas Faules giebt, der muß von den Desturs, welche die

fünf nötigen Eigenschaften haben, gestraft werden. Nährt man ihn aber mit

dem, was vorgeschrieben ist, so macht man alle Dews zu Schanden.

In der deutschen Volkssage spielt bekanntlich ein dreibeiniger gespenstiger

Schimmel eine bedeutende Rolle, während im Bun-Dehesch von einem ähnlichen

dreibeinigen weißen Esel die Rede ist. Offenbar walten hier uralte

Reminiscenzen arischer Völker ob, deren Sinn verloren gegangen ist.

Vom Wasser wird im Bun-Dehesch allerlei Mystisches berichtet: Das erste

Wasser ist das der Pflanzen; das zweite, das aus den Bergen quillt und

Quellen bildet; das dritte Wasser ist der Regen; das vierte das in Brunnen

gegrabene; das fünfte der menschliche und tierische Samen; das sechste der

Schweiß; das siebente das Rückenmark; das achte der Urin; das neunte der

Speichel; das zehnte das menschliche und tierische Fett; das elfte der

menschliche und tierische Lebenssaft; das zwölfte der von unten

aufsteigende Baumsaft, von welchem es heißt: Der Saft in den Bäumen gleicht

Wassertropfen, die ausquellen, wenn man den Baum nahe an das Feuer legt.

Das dreizehnte Wasser endlich ist die Milch der Tiere und Menschen.

Wenn alle diese Dinge ein Nefa[214] berührt oder wenn ein aus dem Wasser

gezogener Leichnam oder ein Stück davon sich wieder mit dem Wasser der Ruds

vermischt, alsdann sind, wie geschrieben steht, die drei Ruds: Arg, Muru

und Itmand, sie die himmlischen, mit Unreinheit geschlagen; ihr Fluß tränkt

die Welt nicht mehr; und wenn eine Frau nach unzeitiger Geburt aus dem

besondern Ort ihrer Entfernung dieses Wasser anschauet, so zeigt sich in

diesen Fällen das Wirken des Menschenfeindes.[215] Aber Zoroaster hat auch

dafür gesorgt, denn Ahuramazdâ spricht: Ich gebe euch das sechste Wasser

Zur. Wen ihr damit begießt, der gelangt zur ersten Reinheit. Von diesem

Wasser heißt es: Wenn wenig Her[216] und viel Zur ist, so kommt das Wasser

in drei Jahren wieder zur Quelle; sind Her und Zur gleich, so geschieht es

in sechs Jahren; ist aber mehr Her als Zur, so bedarf es neun Jahre, und

dann kehrt es zurück, um den Bäumen Glanz zu geben.

Es folgt im Bun-Dehesch wieder eine längere naturgeschichtlich-mystische

Exkursion, aus welcher ich nur hervorheben will, daß die Affen als eine Art

Dews betrachtet werden, erzeugt aus der Ehe der Schwester Djemschids mit

einem Dew. Bekanntlich hält noch Luther in seinen Tischreden die Affen für

Teufel.

Hinsichtlich der Chronologie will ich nur folgende Stellen des Bun-Dehesch

anführen.

Es heißt, daß im Jahr, durch der Monate Lauf Wärme und Kälte und Kälte und

Wärme sich innerhalb sechzig Tagen zweimal miteinander vereinigen. Die

Monate Farvardin, Ardibehescht, Chordad machen Frühling; Tir, Amerdad,

Schahriver Sommer, Meher, Avan, Ader Herbst und Din, Bahman und Sapandomad

sind Wintermonate. Die Sonne vollendet vom Kordeh Vareh (Widder), bis sie

wieder an diesen Ort kommt, in ihrem Lauf 365 Tage und fünf kleine

Zeitteile. Das macht ein Jahr. Alsdann kehrt sie dahin, woher sie gekommen

ist. In drei Monaten durchläuft sie drei Himmelszeichen mehr oder minder

sichtbar und kehrt wieder zurück.

Alle Zeit vollendet sich in zwölf Jahrtausenden. Im Gesetz steht, daß das

Himmelsvolk in den ersten drei Jahrtausenden allein war, daß damals das

Heer des Feindes nicht in die Welt ausstreifte. Kaiomorts und der Stier

machen bis zur Erscheinung der Welt drei andere Jahrtausende. Das sind also

sechs Jahrtausende. Diese Tausende Gottes bilden sich ab in den sechs

ersten himmlischen Zeichen: Lamm, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Kornähre.

Diese begreifen die sechs Jahrtausende Gottes.

Nach den Tausenden Gottes kam die Wage. Angrômainyus lief aus in die Welt.

Nach der Zeitrechnung des Bun-Dehesch würde die Gegenwart unter dem Zeichen

des Steinbocks stehen.

Ich will bemerken, daß die Verteilung der Zeit unter die Himmelszeichen und

Planeten auf die ganze Astrologie nachwirkte.

Noch sei erwähnt, daß auch im Bun-Dehesch die biblische Anschauung von

einem paradiesischen unschuldigen Urzustand der Natur vertreten ist. Es

heißt:

»Vor des Feindes Ankunft in der Welt hatten die Bäume weder Dornen noch

Rinde. Seit Angrômainyus Peetiaré, der sich in alles, was ist, mischte,

tragen sie Stachel und Rinde. Am stärksten wirkte seine Macht auf die

Gewächse, denn ihre Schädlichkeit übertrifft alles andere Übel; ihr

Giftsaft tötet durch seinen Genuß Menschen und Tiere.«

Von den Druschts heißt es: Dew Tarmat ist der Dew des Hochmuts. Dew Medokht

ist Angrômainyus. Dew Areschk ist Urheber des Neids. Der mächtigste dieses

argen Volkes ist Dew Eschem, wie geschrieben steht. Sieben Kräfte werden

Eschem gegeben zur Zerrüttung der lebendigen Geschöpfe. Durch seine

siebenfachen Kräfte schlug er zu seiner Zeit die Keans, lebendige Bewohner

der sieben Keschvars. Ein einziger Keschvar kämpfte gegen ihn, Medokht kam

dahin, und Areschk ward darüber froh. Eschem kehrte alles um. Eschem

eroberte eine Gegend, woselbst er viele Geschöpfe zerrüttete und in großer

Zahl zu Grund richtete. Eschem ist es eigentlich, der gegen das von

Ahuramazdâ geschützte Volk feindselig handelt. Die Keans, Geschöpfe des

Lebens, wurden durch die Bosheit Eschems gedrückt, wie es heißt: Eschem

Khruidrosch schuf Dew Odjescht, der Tag und Nacht frißt in der Welt und der

Toten Seelen mit Furcht quält, ihnen Schrecken einflößt und vor dem

Höllenthor sich aufhält. Er schuf Dew Ode, der den Menschen, er sitze am

Orte der Aufmerksamkeit oder speise an einem himmlischen Ort, auf die

Schulter schlägt und ihm zuredet, Unreines zu essen, damit er nicht zu den

reinen Wohnungen der Seligkeit (Behescht) gelangen möge.

Von der Auferstehung der Toten und Wiederherstellung der Leiber berichtet

das Gesetz, daß so, wie Meschia und Meschiane, Erdengezeugte, zuerst von

bloßem Wassertrinken lebten, nachmals festere Nahrung, Baumfrüchte,

genossen, dann Milch und endlich Fleisch, so in umgekehrter Ordnung die

Menschen, welche durch die ganze Zeitdauer von ihnen abstammen, zuerst

Fleisch, dann Milch und Brot zur Nahrung machen werden, bis sie wieder

dahin gebracht sind, daß sie von nichts als Wasser leben.

Im Jahrtausend Oscheder mah wird noch Kraft in der Natur sein, aber

abnehmen. Die Menschen werden nur in je drei Tagen ein Izeschné[217]

vollenden, eines wie das andere essen und sich am Ende der Tage erkennen.

Darauf werden sie nicht mehr Fleisch essen, sondern Baumfrüchte und Milch

wird ihre Nahrung sein. Dann werden sie auch nicht mehr Milch genießen,

sondern blos von Gewächsen leben und Wasser trinken. Im letzten Jahr der

Erscheinung des Sosiosch wird der Mensch ohne alle Nahrung leben.

Danach wird Sosiosch die Toten beleben, wie geschrieben steht: Zoroaster

fragte Ahuramazdâ und sprach: Der Wind führt den Staub der Körper fort,

Wasser nimmt ihn mit sich; wie soll der Tote auferstehen? Ahuramazdâ

antwortete: Ich bin es, der den allweiten sternreichen Asman (Himmel) im

Raum des Äthers hält; der macht, daß er -- hier zeigte er auf das Antlitz

des Himmels -- in Tiefen und Weiten Licht, das einst in Nacht begraben war,

ausstrahlen muß. Durch mich ist die Erde geworden zur Dauer und Bestand,

die Erde, darauf der Herr der Welt wandelt. Ich bin es, der den Glanz der

Sonne, des Monds und der Sterne durch die Wolken leuchten läßt. Ich bin der

Schöpfer des Samenkorns, das nach der Verwesung in der Erde von neuem keimt

und sich vermehrt ins Unendliche. Ich bin es, der den Bäumen Adern des

Saftes und Wurzeln mancherlei Art geschaffen. Durch meine Kraft lebt in den

Bäumen und allen Geschöpfen ein Feuer, das nicht verzehrt. Ich bin es, der

die lebendige Frucht in die Mutter legt nach ihrer Art, der allen Wesen

besonders giebt Haut, Nägel, Blut, Fuß, Auge, Ohr. Ich bin es, der Wasser

in den Tiefen schafft und in den Höhen, damit die Welt getränkt werde durch

Flüsse und Regen. Ich bin es, der den Menschen macht, dessen Auge Licht

ist, dessen Lebenskraft im Hauche des Mundes liegt; will er sich heben

durch die unsichtbare Kraft des Lebens, das ich in ihn gelegt, so kann kein

Arm ihn niederdrücken. Ich bin Schöpfer aller Wesen. Trete der Arge auf und

versuche die Auferweckung; er wird sie umsonst versuchen und keinen

Leichnam beleben können. Sicher und gewiß sollen deine Augen einst durch

die Auferstehung neu leben sehen. Gerippe sollen Sehnen und Adern bekommen.

Und ist die Belebung der Toten vollendet, so wird sie kein zweites Mal

erfolgen. Denn um diese Zeit wird die verklärte Erde Gebeine und Wasser,

Blut und Pflanzen, Haar und Feuer und Leben geben wie beim Beginn der

Dinge.

Kaiomorts wird der Erstling der Auferstehung sein und Meschia und Meschiane

nach ihm; nach diesen wird das übrige Menschengeschlecht Leben bekommen.

Der Mensch soll wieder auf Erden sichtbar werden. Rein oder Darvand, jeder

Mensch soll nach dieser Ordnung neu leben. Ihre Seelen sollen erst sein;

alsdann sollen alle Leichname der ganzen Welt, so weit sie ist, ganz so neu

werden wie beim Anbeginn der Schöpfung. Ein Lichtstrahl der Sonne wird

Kaiomorts Licht und Glanz geben, ein anderer der übrigen Menschenmenge.

Jede Seele wird die Leiber erkennen: Siehe, mein Vater! meine Mutter! mein

Bruder! mein Weib! meine Freunde und Verwandten! Alsdann werden die Wesen

aller Welt mit dem Menschen auf Erden versammelt sein. In dieser

Versammlung wird jeder sein Gutes und Böses, das er gethan hat, sehen. In

dieser Versammlung wird der Darvand sein wie ein weißes Tier unter den

schwarzen. In dieser Weltversammlung wird der Darvand den Gerechten, dessen

Freund er hier war, besonders an sich ziehen und sagen: Ach, warum hast du

mich doch auf Erden, da ich doch dein Freund war, nicht gelehrt, mit

Reinheit zu handeln. Du, o Reiner, hast mich nicht zum Guten geleitet, und

darum bin ich unter diesen Seligen!

Danach wird eine Scheidung sein zwischen den Gerechten und Darvands. Die

Gerechten werden in Gorotman eingehen, und alle Darvands werden von neuem

in den Abgrund gestürzt werden. Drei Tage und drei Nächte hindurch müssen

Leib und Seele büßen, unterdessen der Gerechte in der Himmelswohnung die

Lieblichkeiten der Seligen mit Leib und Seele schmecken wird, denn so steht

geschrieben. Am Tage der Scheidung des Reinen von Allem, was Darvand ist,

wird jeder Befleckte in die Tiefe sinken.

Dann wird der Vater von seinen Geliebten, die Schwester vom Bruder, der

Freund vom Freund geschieden sein. Jeder wird nehmen nach seinen Werken.

Unbefleckte werden weinen über die Darvands, und die Darvands über sich

selbst. Von zwei Schwestern wird die eine rein sein, die andere Darvand.

Zohak und Afrasiab aus Turan und ihnen Ähnliche werden die Strafe der Sünde

Marguerzan (Tod) erleiden. Die Menschen werden jener Läuterung von drei

Tagen und drei Nächten nicht entrinnen.

Beim Beginn dieser Auferstehung werden von den noch lebenden Reinen fünfzig

männlichen und fünfzig weiblichen Geschlechts dem Sosiosch zu Hilfe kommen.

Wenn einst Gurzscher[218] vom sublunarischen Himmel auf die Erde stürzen

wird, so wird die Erde krank sein gleich dem Schaf, das mit Zittern und

Zagen vor dem Wolf niederfällt. Alsdann werden durch des Feuers Hitze große

und kleine Berge mit Metallen zerfließen. Das geschmolzene Erz bildet einen

großen Strom, und alles, was Mensch heißt, muß hindurch zur Reinigung. Der

Reine durchgeht ihn wie einen warmen Milchfluß. Die Darvands müssen auch

hindurch, sie fühlen sich dazu gezwungen, und so muß die ganze Welt den

geschmolzenen Erzstrom durchgehen, damit sie rein und glücklich werde,

Vater, Sohn, Schwester, Freund, Einer wie der Andere, und Einer mit dem

Andern werden Gutes thun.

Wenn nun die Seelen, es sei der Gerechten oder Darvands, sprach Zoroaster,

über die ich deinen Unterricht gesucht habe, so gereinigt worden sind, was

wird dann weiter aus dem Menschen, sowohl der Seele als dem Leibe nach,

werden? Ahuramazdâ sprach: Alle Menschen werden sich zu einem Werk

vereinigen und werden Ahuramazdâ und den Amschaspands mit lebendigem Eifer

ein großes Setaesch[219] bringen. Wenn nun um diese Zeit alle Schöpfungen

Ahuramazdâs vollendet sein werden, wird er nichts mehr hinzuthun. Die

Neubelebten werden dem Knechtsdienst entrissen sein. Sosiosch wird mit

allen belebten Toten lobpreisen, und der Stier Hedeiavesch wird einstimmen.

Die Toten werden leben durch das, was vom Stier ausgeht und dem weißen Hom.

Sosiosch wird allen Menschen von diesen Säften zu trinken geben, und sie

werden groß und unvergeßlich sein, so lange Wesen dauern. Alle Tote, groß

und klein, werden davon trinken und neu leben.

Endlich wird Sosiosch auf Befehl des gerechten Richters Ahuramazdâ von

einem erhabenen Ort aus allen Menschen geben, was ihre Thaten wert sind.

Der Reinen Wohnung wird der glänzende Gorotman sein, Ahuramazdâ selbst wird

ihre Körper zu sich in Gorotmans Höhen ziehen, und sie werden alle

Ewigkeiten hindurch unter seinem Schutze wandeln.

Dann werden Ahuramazdâ und Angrômainyus, Bahman und Akuman, Ardibehescht

und Ander, Schahriver und Savel, Sapandomad und Darmad, Naonghes, Kordad,

Amerdad, Tarik und Zaretch, Serosch und Eschem vereinigt Izeschné

anstimmen.

Alsdann wird Druscht Angrômainyus bleiben und in Ahuramazdâs Welt

zurückkehren. Er selbst, Djuti[220] und Serosch und Raspi[221] werden den

Evanguin[222] in der Hand führen. Alsdann wird Angrômainyus, des Argen,

Macht, die nichts als Böses thut, geschlagen sein. Er wird vom Himmel zur

Brücke Tschinvad eilen und sich von neuem in die dichte Finsternis stürzen.

Dieser Morddrache wird in dem Flusse geschmolzenen Erzes ausbrennen: Alles

Faule und Unreine des Duzakh wird darin aufgelöst und geläutert werden. Der

unterirdische Angrômainyus wird von neuem erscheinen, des Abgrunds Erde

durch den Erzstrom ziehen und sie zum fruchtreichsten Land machen. Auch

wird die Welt durch das Wort bei der Auferstehung ewige Dauer bekommen.

Viertes Kapitel.

Die Orakel Zoroasters.

Wie bereits gesagt, galt -- wenn auch durchaus irrtümlicher Weise -- im

ganzen Altertum Zoroaster als der Erfinder und größte Adept der Magie.

Deshalb standen auch bei den Magiern und Theurgen, Neuplatonikern und

Gnostikern ihm zugeschriebene Aphorismen, die sogenannten +Oracula magica

Zoroastris+, im höchsten Ansehen.

Läßt sich nun auch ein Zusammenhang dieser Orakel mit der Person Zoroasters

nicht nachweisen, so vertreten sie doch entschieden zoroastrische Ideen,

obschon dieselben neuplatonisch und gnostisch überfirnißt erscheinen. Uralt

sind sie gewiß; und wenn der um 220 gestorbene Kirchenvater Clemens von

Alexandria in seinen »+Stromata+« sagt: »Pythagoras machte zuerst auf den

berühmten persischen Magier Zoroaster aufmerksam, dessen Geheimschriften

die Anhänger des Prodicus zu besitzen vorgaben«, so haben wir in dem den

»magischen Orakeln Zoroasters« zu Grund liegenden Original vielleicht eine

solche Geheimschrift zu sehen, welche -- von den alten Pythagoräern wollen

wir ganz absehen -- zweifelsohne den Neupythagoräern, Neuplatonikern und

Gnostikern bekannt war. Dafür spricht außer dem sachlichen Inhalt auch der

Umstand, daß sie von dem gelehrten Byzantiner _Michael Psellos_

(gest. 1106) kommentiert wurden, von demselben Psellos, der so viele

neuplatonische Schriften dem Untergang entriß und mit Commentaren versah.

Auch ist sie den von Marsilius Ficinus mitgeteilten »Symbolen des

Pythagoras« sehr ähnlich.

Ich habe von dem den magischen Orakeln zu Grund liegenden Original

gesprochen und zwar mit Recht, denn die uns heute unter diesem Namen

vorliegenden Aphorismen sind ganz offenbar nicht das Original, sondern

Fragmente, welche sich in vier verschiedenen Fassungen mit eben soviel

Kommentaren erhalten haben. Drei Fassungen tragen neuplatonisches, die

vierte anscheinend gnostisches Gepräge.

Ich wende mich zuerst zu den neuplatonischen Bearbeitungen samt ihren

Kommentaren. Der erste Commentator der Orakel ist der oben genannte

Psellos, der zweite ist der als Rat des Manuel und Theodor Paläologos und

berühmter Philosoph der Renaissance bekannte, wahrscheinlich 1452

gestorbene _Georgios Gemistios Plethon_, der dritte, aber der hier

beobachteten Reihenfolge nach der erste, ist ungenannt. Ich vermute in

diesem unbekannten Kommentator einen gewissen _Johannes Opsopoeus_, welcher

diese mystischen Fragmente mit den Kommentaren des Psellos und Plethon

unter dem Titel herausgab: +Oracula magica Zoroastris cum scholiis+ unter

+Plethonis et Pselli nunc primum edita, e bibliotheca regia stud. Joh.

Opsopoei, Graec. et Lat. Paris. 1607. 8°.+ Beigebunden sind noch die

sogenannten metrischen Orakel des Jupiter, Apollo, Serapis und der Hekate,

sowie die von Joseph Scaliger besorgte Ausgabe der Oneirokritik des

Astrampsychus.

Opsopoeus schickt seiner Zusammenstellung der drei verschiedenen

Redaktionen der zoroastrischen Fragmente eine Sammlung von Stellen aus

Platos »Alcibiades«, aus Plutarchs »Isis und Osiris«, »Über den Verfall der

Orakel«, aus Plinius »Naturgeschichte«, aus Suidas Ammianus Marcellinus,

Clemens von Alexandria und Eusebius über die Person &c. Zoroasters voraus,

welche wir hier übergehen können. Darauf läßt er die erste Fassung der

»Orakel« mit dem Kommentar des Ungenannten, alsdann die Fassung und den

Kommentar des Psellos folgen. An denselben giebt er eine kurze Erläuterung

der chaldäischen[223] Religionslehren durch Psellos, aus welcher ich nur

herausheben will, daß Psellos sagt:

»Die Chaldäer nehmen sieben Welten an, eine feurige, drei ätherische und

drei materielle, deren letzte die unter dem Mond befindliche irdische ist.«

Weiterhin sagt Psellos noch, daß nach chaldäischer Lehre die Seelen sich

nach dem Tode nach Maßgabe ihres Läuterungsbedürfnisses zerstreuten und

sich in teilbare und unteilbare Naturen absonderten. Das Übrige dieses

Abschnittes über die chaldäischen Lehren enthält nichts als bekannte

exoterische Äußerlichkeiten. Den Schluß des Buches von Opsopoeus bilden die

zoroastrischen Orakel in der Fassung, wie sie Plethon kannte, mit dem

Kommentar des selben. -- Am meisten gleichen sich die erste Fassung der

Orakel und die des Plethon; die Fassung des Psellos weicht erheblich ab.

Ich gebe nun eine vergleichende Zusammenstellung der Orakel sowohl als der

Kommentare.

Der erste Aphorismus in der ersten Fassung lautet:

»Erforsche den Weg der Seele, woher sie komme und weshalb sie dem Leib

dienen müsse. Trachte dahin, daß du sie an den Ort zurückbringst, von dem

sie ausgegangen ist.«

Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in dieser Fassung des

Plethon:

»Erforsche die Reihenstufe, auf welcher deine Seele steht, welchen Rang sie

vor ihrer Verbindung eingenommen; mittelst magischer Worte und Gebräuche

wirst du sie zu ihrer früheren Würde wieder aufrichten.«

Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu, daß nach Annahme der Magier die

Seele unsterblich vom Himmel herabkomme, um sich auf der Erde mit dem

Körper analog dem Verhältnis des Mannes zur Frau zu verbinden und ihn

dereinst wieder behufs ihrer Rückkehr in den Himmel zu verlassen. Ob sie

aber thatsächlich in den Himmel zurückkehre, komme auf ihr Verhalten

während des irdischen Lebens an, ob sie sich nämlich mehr den Prinzipien

des Lichts oder der Finsternis zugeneigt habe &c. »Darauf deutet nun

ermahnend der Spruch hin, daß wir über den reinen Spruch der Seele

nachdenken sollen; denn kennen wir den Weg, welchen sie aus dem Himmel

genommen hat, so wird sie ihn auch zurückfinden.« -- Bestimmter spricht

sich Plethon aus:

»Die Magier aus der Schule Zoroasters glaubten, daß die Seele wegen

früherer Verschuldung mit dem Körper sich verbinde, sich aber derselben in

dieser Verbindung nicht mehr entsinnen könne. Nur wenn die Seele während

ihres irdischen Aufenthaltes einen tugendhaften Wandel geführt habe, stehe

ihr die Rückkehr in die himmlische Heimat frei. Weil aber mannigfache

Wohnungen der Seele bereitet sind, so ist es natürlich und begreiflich, daß

der Aufenthalt der einen ein lichtumflossener, der der andern ein

undurchdringliches Dunkel sein muß. Der Zug der Seele führt sie dahin, wo

ihr die während der Verbindung mit dem Leibe begangenen Handlungen eine

Stelle anweisen. Das Orakel ermahnt uns daher, daß wir über den Ursprung

der Seele und über unsere Handlungen auf Erden nachdenken und darauf durch

Gebet und gottgefällige Ceremonien ihre Erhebung in den Himmel zu bewirken

trachten.«

Unter diesen Ceremonien sind die sogenannten »theurgischen Hülfen« zu

verstehen, welche nach Philo und den Neuplatonikern, wie überhaupt nach den

Mystikern aller Zeiten in der Zurückgezogenheit von der Welt und Stille, in

der Enthaltsamkeit von überflüssiger Nahrung, Fleischspeisen, alkoholischen

Getränken und physischer Liebe, in der Zurücksetzung weltlicher Geschäfte,

Meditation und Betrachtung gewisser Worte und Symbole bestehen. Von diesen

sagt _Proklos_[224]:

»Die Vollbringung geheimer, über alle Vernunft gehender, den Göttern

wohlgefälliger Handlungen und die Kraft der von den Göttern allein

erkannten unaussprechlichen Symbolen gewährt nur die theurgische

Vereinigung. Daher wird sie nicht durch das Denken bewirkt, und wir bringen

sie nicht durch die Thätigkeit der Vernunft in uns hervor. Die göttlichen

Charaktere oder Symbole (%symbola% oder %synthêmata%) bringen vielmehr,

ohne daß wir denken, die theurgische Vereinigung (%theougikên henôsis%, bei

Porphyrius %synousia%) hervor, also daß die verborgene Kraft der Götter,

worauf sich jene beziehen, durch sich selbst ihre eigenthümlichen Bilder

erkennt.«[225]

Der zweite sich dem Sinn nach völlig an den ersten anschließende Aphorismus

lautet in der ersten Fassung:

»Wende dich nicht rückwärts! Das Verderben ist auf der Erde, und sieben

Wege sind es, welche dich vom Bessern abziehen und dem Schicksal

unterwerfen.«

Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in der Fassung des Plethon:

»Damit du nicht zum Abgrund hinneigst und abermals dem Schicksal

verfällst.«

Der anonyme Kommentator versteht unter dem »Verderben« das Laster, die

sittliche Verdorbenheit und das sittliche Elend; unter Erde den irdischen

Leib, die sinnliche Natur, unter »Feuer« das Göttliche im Menschen. Die

sieben den Menschen dem Schicksal unterwerfenden Wege sind die sieben nach

der alten Weltanschauung von den Planeten abhängigen Kardinalfehler, die

Todsünden der katholischen Kirche. Nach diesem Kommentator erhebt sich der

Mensch durch die Anwendung seiner sittlichen Kraft über das Fatum oder die

vorher bestimmte Versuchung, indem er der unsittlichen Neigung, welche

sich, je nach dem in ihm herrschenden Temperamente, seiner Seele am meisten

zu bemächtigen droht, den kräftigsten Widerstand entgegensetzt.

Plethon versteht unter dem »Abgrund« die Erde als Gegensatz zur Lichtwelt

und giebt dem Aphorismus folgenden Sinn: »Lebe so, daß du vor der

Wiederverkörperung behütet werdest, denn solltest du zu einem abermaligen

Wandeln auf der Erde verurteilt werden, so befindest du dich wieder unter

der Herrschaft der Nothwendigkeit.«

Der dritte Aphorismus lautet in der ersten Fassung und bei Plethon

übereinstimmend:

»Dein Gefäß werden die Thiere der Erde bewohnen« und beide Kommentatoren

verstehen einstimmig unter dem »Gefäß der Seele« den Leib, und unter seinen

Bewohnern die Würmer. Psellos dagegen, in dessen Fassung dieser Aphorismus

der Reihenfolge nach der neunzehnte ist, versteht unter »Gefäß« das

Temperament des aus allen Elementen zusammengesetzten Leibes, und unter den

Bewohnern des Gefäßes die sich eines jeden Menschen, der seine

Leidenschaften nicht beherrschen kann, sich bemächtigenden Dämonen nach dem

Grundsatz, daß Gleiches von Gleichem angezogen wird.

Der vierte Aphorismus lautet in der ersten Fassung:

»Strebe nicht dein Schicksal zu erweitern, denn die Vorsehung giebt allen

Dingen ihr bestimmtes Maaß, und ihre Handlungen sind nicht unvollkommen.«

Bei Plethon und Psellos (bei letzterem Aph. 29):

»Erweitere nicht dein Schicksal.«

Der anonyme Kommentator erklärt diesen Aphorismus allgemein moralisierend

und sagt, daß diese Mahnung diejenigen angehe, welche mit der ihnen im

Leben angewiesenen Stellung unzufrieden seien und wähnen, daß sie selber

ihr Schicksal machen und die Beschlüsse der Gottheit verbessern könnten.

Psellos und Plethon fassen das Schicksal (%heimarmenê%, +fatum+, des

Grundtextes) im landläufigen Sinn auf und sagen, es sei thöricht, durch

Wünsche und Gebete die unabwendbaren Beschlüsse der Gottheit abändern zu

wollen.

Die zweite Hälfte des vierten Aphorismus der ersten Fassung bildet in der

Reihenfolge Plethons den fünften und lautet hier:

»Denn es geht nichts Unvollkommenes vom Vater der Seelen aus.«

Der Kommentar dazu sagt:

»Du bist nicht im Stande, dein Erdenlos zu verbessern, denn alle Ereignisse

geschehen nach naturgemäßem Lauf, und es ist eines die Folge des andern bis

zum Zeitpunkt der Schöpfung zurück; alle Begebenheiten greifen harmonisch

in einander, nirgends nimmt man einen Zufall wahr. Wo ist also

Unvollkommenheit?«

Dieser wie der fünfte Aphorismus der ersten oder der sechste der

Plethonischen Fassung fehlt bei Psellos. Bei dem fünften (sechsten)

Aphorismus zeigt sich jedoch recht deutlich, daß die auf uns gekommenen

Fassungen Varianten eines alten, verloren gegangenen Originals sind.

Derselbe lautet in der ersten Fassung:

»Der Seelen Vater gestattet nicht solche Ausschweifungen des Eigenwillens;«

bei Plethon:

»Er kann nicht auf deine Wünsche achten, so lange die Binde der

Vergessenheit deinen Blick umschleiert, bis endlich diese fallen wird, und

das heilige Zeichen des Vaters sich deinem Gedächtniß einprägt.«

Was bei Plethon Text ist, wird in der ersten Fassung ähnlich im Kommentar

gesagt, denn daselbst heißt es:

»Erst dann wird unsere Seele sich freier bewegen, wenn sie die Binde der

Vergessenheit ihrer himmlischen Heimath zugleich mit den Banden des sie

umnachtenden Leibes abgestreift hat. Dann besitzt sie wieder das Vermögen,

in die tiefste Vergangenheit und in die ernste Zukunft zu blicken. Aber es

kann dieses Vermögen auch schon bei Lebzeiten des Leibes zum Theil erreicht

werden, wenn man sich eines heiligen Wandels befleißigt und gewisse

magische Sprüche erlernt hat, welche dem Reinen die Pforten der Geisterwelt

öffnen.«

Plethon kommentiert:

»Die Vergessenheit der früheren Zustände (Incarnationen) ist eine Folge der

Verbindung der Seele mit dem Leibe. Erst nach der Auflösung des letzteren

wird ihr Blick wieder freier, und sie begreift nun auch, indem sie ihres

früheren Seins wieder bewußt wird, daß ihr Schicksal auf der Erde nur die

notwendige Folge ihrer Handlungen und deshalb unabänderlich war.[226] Die

freigewordene Seele ist alsdann wieder gottähnlich und allwissend; das ist

das Zeichen des Vaters, welches ihr Gedächtniß auffrischt.«

Der sechste Aphorismus der ersten Fassung ist bei Psellos der sechzehnte

und bei Plethon der siebente. Sein Wortlaut in den drei Redaktionen ist der

Reihenfolge nach:

1. »Eile, daß du zum Urlicht zurückkehrst, zum Glanze deines himmlischen

Erzeugers, von dem deine Seele ausgeflossen ist.«

2. »Das Göttliche erfülle deine Seele!

Den Blick zum Himmel stets gewendet!«[227]

Der Occultismus des Altertums · 第 98 / 155 题