I.

Seit Jahrzehnten schon ist reiches Material zur Feststellung

der Entwickelungsgeschichte der mittelalterlichen Bewaffnung

zusammengetragen worden, und es sind vielleicht über keinen Zweig der

mittelalterlichen Archäologie die Studien reifer für einen Abschluß,

als gerade hier. Trotzdem aber zeigt es sich, daß auch fast für kein

Gebiet die Kenntniß auf engere Kreise von Specialisten beschränkt ist,

als eben hier. So mag es gerechtfertigt erscheinen, in einem Blatte,

welches nicht blos für Spezialisten dieses Gebietes bestimmt ist,

nochmals Beiträge zu liefern, welche geradezu auf die Quellenwiedergabe

sich beschränken, und auf diese Weise auch weitere Kreise indirekt

noch auf andere Quellen aufmerksam zu machen, deren Erschließung ihnen

möglich ist.

Leider sind Originalwaffen aus dem Mittelalter außerordentlich selten;

wohlerhalten finden sie sich fast nur eben aus dem Schlusse, und selbst

diese Stücke gelten als besondere Schätze der Waffensammlungen. Wir

Deutsche waren zudem nicht einsichtig genug, zu sammeln zur Zeit, als

„verrückte Engländer“ „hohe“ Preise für „alten Plunder“ zahlten und

uns von dem Wenigen, was der Ungunst der Zeiten zum Trotze sicher

halten hatte, das Meiste „außer Landes führten“. Als man nun auch bei

uns zur Erkenntniß gekommen, daß es wichtig sei, nicht blos aus den

literarischen Quellen die Kriegsereignisse kennen zu lernen, sondern

zum richtigen Verständnisse auch die Waffen zu studieren, welche

das Schicksal der Schlachten entschieden haben, blieb uns nur die

Nachlese, die denn auch rasch zu solch enormen Preisen sich erhob, daß

die „hohen Preise“ der „verrückten Engländer“ recht niedrig erscheinen

und wir abermals gerade die seltenen, deshalb aber für das ernstliche

Studium der Waffenkunde nicht minder nothwendigen Stücke, welche noch

durch das sich hebende Interesse da und dort entdeckt wurden, in den

meisten Fällen abermals nicht bezahlen können und sie dem Auslande

oder vielleicht einzelnen reichen Liebhabern überlassen müssen. So

haben wir trotz jener Sammlungen, welche eine Fülle der kostbarsten

Prunkwaffen des 16. und 17. Jahrh. dem Kunstfreunde vor Augen führen,

in Deutschland keine solche, in welcher die Geschichte des Waffenwesens

im Mittelalter so gut studiert werden könnte, als es eben das Material

überhaupt zuläßt.

Die Waffensammlung des germanischen Museums ist jung. Der Versuch

einer systematischen Zusammenstellung fiel schon in die Zeit, als

bereits die Preise so hoch waren, daß es besonderen Reichthums bedurft

hätte, um Vieles zu erhalten, und so mußten wir selbst Stücke, die

verhältnißmäßig billig waren, als unerreichbar ins Ausland ziehen

lassen, so jene kostbare Rüstung für Mann und Roß aus dem 15. Jahrh.,

welche, aus Hohenschau stammend, der Hofantiquar Pickert in Nürnberg

um 6000 fl. dem Museum zu überlassen bereit war, die später die

Sammlung des Grafen Nieuwerkerke in Paris zierte und nach dem Falle

der napoleonischen Herrschaft an den Engländer Wallace um, wenn die

Kunde richtig ist, 40000 frcs. verkauft wurde; so eine Serie von

etwa 20 Helmen der verschiedenen Epochen, welche derselbe Besitzer um

weit geringeren Preis dem germ. Museum gelassen hätte, als er, sie

nach Paris verkaufen konnte. Wie vieler ähnlicher Fälle hat sich das

germanische Museum, wie vieler haben sich andere öffentliche Sammlungen

Deutschlands mit Schmerzen zu erinnern, von jenem frühmittelalterlichen

Helme an, der in Würzburg aus der Sammlung des Frhrn. zu Rhein als

Helm Heinrich’s des Löwen zum Verkaufe kam und um 4000 fl. in die

Sammlung Basilewski nach Paris wanderte, bis zu dem Dolche, welchen

vor einigen Monaten die Stadt Cösfeld verkauft hat und für welchen

keine deutsche öffentliche Sammlung Geld genug hatte, obwohl auch er

für die Waffenkunde hochwichtig und nur eben deshalb theuer ist, weil

uns so wenige Stücke aus jener Zeit überhaupt erhalten sind. Natürlich

würde auch der Vorstand einer Sammlung, welcher bei höherer Instanz den

Ankauf beantragte, ungerechtfertiger „Liebhaberei“ geziehen werden,

weil bei uns noch in den Augen selbst der Gebildeten die Begriffe von

„theuer“ und „Luxus“, also überflüssig, identisch sind. Wenn es unserer

gegenwärtigen kleinen Arbeit gelingen sollte, da und dort zu beweisen,

daß auch jene Objekte für das Studium wichtig sind, welche vieles Geld

kosten, ja daß sie gerade um so wichtiger, weil sie eben jetzt so

selten sind, während sie zur Zeit ihres Gebrauches keine Luxusobjekte

waren, sondern dem ernsten Kampfe dienten und das Schicksal der

Nationen von ihrer richtigen und rechtzeitigen Verwendung abhieng, so

würde unsere Arbeit damit von größtem Nutzen sein. Deshalb möge es uns

gestattet werden, auf Manches hinzuweisen, was dem Waffenkundigen nicht

neu ist.

Von dem Wenigen freilich, was im Original aus dem Mittelalter erhalten

ist, besitzt das germanische Museum das Wenigste; aber eben weil

wenig erhalten ist, müssen doch die uns erhaltenen Abbildungen auf

Gemälden, in Miniaturen und (für die spätere Zeit) in Druckblättern

zu Hülfe genommen werden; es müssen die Skulpturen, besonders die

Grabsteine und Siegel trotz mancher Unvollkomenheit der Darstellung

uns über Manches belehren. Da sind dann insbesondere die letzteren

hochwichtig, und es gehört zu den dankenswerthesten Gaben, welche uns

die jetzt so eifrig gepflegte Siegelkunde bietet, daß sie uns über

die Bewaffnung genau zu datierende Aufschlüsse gibt; denn nur wenige

Gemälde und Miniaturen sind datiert. Die Grabsteine sind oft lange,

selbst erst Jahrhunderte nach dem Tode der Dargestellten verfertigt. Es

bedarf also in jedem Einzelfall gründlicher Prüfung. Die Siegel aber,

sofern sie echt sind, sind stets gleichzeitig mit dem Siegler, und aus

ihnen können wir, wenn sie das Bild des Mannes in Waffen wiedergeben,

über die Zeit des Aufkommens bestimmter Waffen, über das Land, dem

diese ihre Entstehung danken, sowie über Zeit und Land ihres letzten

Gebrauches die zuverlässigsten Aufschlüsse erhalten. An der Hand der

Siegel allein können wir die nicht datierten bildlichen Darstellungen

und die wenigen erhaltenen Originale hinsichtlich der Gebrauchs- und

Entstehungszeit feststellen. Allerdings lassen uns die Siegel über die

wichtigste Frage, über die Zweckmäßigkeit für den Gebrauch, von der

ja das Schicksal der Schlachten abhängt, ohne Auskunft. Wie heute der

Feldherr sich um das Gewicht jedes Waffenstückes, mit welchem seine

Mannschaft ausgestattet ist, oder ausgestattet werden soll, um den Grad

der Beweglichkeit, den die Waffe dem Manne läßt, zu kümmern hat, wie es

für die Gebrauchsfähigkeit in Frage kommt, ob die Waffe in den Händen

dessen, der sie nicht besonders sorgfältig zu behandeln versteht, an

Widerstandsfähigkeit einbüßt, oder etwa zum Gebrauche untauglich wird,

so kommen alle diese Fragen auch für die Beurtheilung des jeweiligen

Zustandes eines Heeres der Vergangenheit in Betracht, und aus ihnen

erklärt sich, ebenso wie zu unserer Zeit, zu großem Theile der Gang,

den die Ereignisse genommen. Solche Studien lassen sich freilich

nur an der Hand der Originale machen; und deshalb sind sie wichtig,

deshalb gesucht, deshalb ist der hohe Preis in ihrem Werthe und ihrer

Wichtigkeit begründet.

Wir dürfen nun allerdings, nach dem oben Gesagten, den Lesern nicht

viele solche Originalwaffen aus dem Mittelalter vor Augen führen, aber

doch einzelne, da immerhin das Museum Einiges von hohem Werthe in sich

schließt; wir haben aber merkwürdige Zeichnungen und schöne Miniaturen,

wir haben Grabsteine u. a. Denkmale, denen so Vieles zu entnehmen ist,

daß wir unserer Arbeit eine Eintheilung in mehrere Aufsätze geben

können. Wir werden dabei freilich im Interesse der Leser eine etwas

bunte Reihenfolge einhalten und oft in einer späteren auf Abbildungen

früherer Abtheilungen zurückzuweisen haben, die für Mehreres von

Interesse sind.

+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.

Drei Briefe des Johannes Aurifaber an den Rathsherrn Paulus Behaim in

Nürnberg.[167]

1.

Gottes gnad vnd fried durch Christum Jhesum vnsern heiland. Erbar vnd

vhester, grosgonstiger lieber herr vnd förderer. dieweil ich zufellige

vnd vergebliche[168] bothschafft nach Nurmberg hatte, hab ich nicht

vnterlassen kennen, diess kleine briefflein an euer ehrenvhest mit

zuschreiben, wiewol ich nichts besonders hatte, das ich schreiben

kondte. aber dieweil ich alhier zu Eisleben einen deutschen tomum von

tieschreden doctoris Martini Lutheri hab in druck verferttiget vnd

denselbigen zum theil euern herrn einem erbarn vhesten vnd wolweisen

rath der keiserlichen reichstadt Nurmberg didicjret vnd zugeschrieben,

so vberschicke euer ehrenvhest ich alhier bej[169] brieffszeigern ein

exemplar desselbigen tomj vnd thue euch darmit verehren, dienstlich

bittende: wollet dieß kleine geschencke von mir zu gonstigem gefallen

annemen. wen euer ehrenvhest ich in mehrem dienen kondte, so wolt ich

dasselbige gahr gerne thun. ich lasse ein exemplar itzt einbinden,

das wil euern herrn einem erbarn rath ich förderlich[170] zuschicken.

es ist ein fein nutzlich werck vnd sind darinnen die tieschreden fein

zusamen getragen in locos communes vnd werden euer ehrenvhest darinnen

viel hehrlicher schöner historien finden, die dem christlichem leser

zur lere, vnterricht vnd trost dienstlich vnd nutzlich sein mögen.

Ich hette bej diesem zufelligem Eislebischen bothen euer ehrenvhest

auch gerne neue zeittung zugeschrieben. so ists alhier gahr stille.

allein das man sorge tregt, die excution der acht werde noch ergehen,

den der churfürst zu Sachsen vnd hertzog Heinrich von Braunschweig

hardt drauff dringen soll. was der eldter hertzog zu Sachsen des reichs

gesanthen fur eine antwort gegeben hab, das werdet ir wohl erfharen

haben.[171] man saget, s. f. g. lassen dieselbige antwort itzt im

offentlichem druck ausgehen, sich darmit zu entschuldigen, worumb s. f.

g. die echter[172] biß anhehr bej sich hab gehabt. Grumbach vnd Wilhelm

vom Stein sollen noch zu Gotha sein, aber Ernst von Mandelslohe ist fur

acht tagen[173] von dannen abgezogen vnd sich durch die graffschafft

Mansfeldt geschleifft[174] nach der Marckt, vnd man helts darfur, das

er nach Poln sich begeben habe.

Der churfurst zu Sachsen hat noch zwej tausend pferde in bestallung,

welche Johan von der Assenburg vnd Heinrich von Staupitz werben.

dergleichen hat er seine haubtleuthe auch alle bej einander zu Dresden

gehabt, vnd mit inen gehandelt, 10 fenlein knechte ime zu werben. haben

allen bescheidt, allein das sie nur noch auffs geldt wartten, das

alsdan der lauff[175] mit den knechten wurde angehen. worzu s. churf.

g. solche reuter vnd knechte nun gebrauchen wil, das wirdt man mit der

zeit erfharen.

Vom Schwedischen kriege[176] ist es auch stille, allein das der

Schwede mit funfftzig kriegsschieffen ist in der see vnd nur eine

meile von Coppenhagen gewesen und alda sich sehen lassen vnd wider von

dannen in die see gefharen und als im die denische vnd Lubische armada

nachgeiaget, die nur sieben vnd dreissig schieff hat gehabt, do hat der

Schwede sechs vnd sechszig holendische kauffschieff in der see genommen

vnd nach den Schwedischen scheren[177] sie gebracht vnd den 9. tag

Julij zu Stockholm mit grossem triumph angefhuret. man sol die wahre

auff den schieffen in Schweden bezalet haben vnd hat allerlej notturfft

von tuch vnd anderm, so im konigreich biß anhehr sonst gemangelt hat,

der konig auff diesen schieffen bekommen, das sich also dieser krieg

noch lange verweilen wil.

Befhele euer ehrenvhest hirmit in den gnadenreichen schutz gottes des

almechtigen mit erbiettung meines gebets vnd vnuerdrossenen willigen

diensten. Gegeben zu Eisleben den 17. tag Augustj anno 1566.

Euer williger diener Joannes Aurifaber.

+Außen:+

Dem erbarn vnd vhesten Paulus Behaim rathsherrn zu Normberg meinem

grosgonstigem lieben herrn vnd förderern.

+Von Behaims Hand:+

Adi 22 Augusto 1566 jar von Eisleben von Johan Fabrj samptt dem buch

empfangen.

+Meißen.+ W. +Loose+.

(Schluß folgt.)

Zur mittellateinischen Spruchpoesie.

Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, 27. Band, 1880 Organ des Germanischen Museums · 第 78 / 173 题