Stülpner: »Ich würde gern und augenblicklich zu meinem Regiment wieder
zurückkehren und mich der Strafe als Deserteur freiwillig unterwerfen,
wenn ich nur die Versicherung erhalten könnte, daß ich nicht als
Wilddieb bestraft würde.«
Pächter: »Diese Versicherung zu geben, steht nicht in meiner Gewalt,
doch käme es auf einen Versuch an.«
Stülpner: »Dieser Versuch möchte doch wohl zu gewagt sein. Ich
sehe wohl ein, daß ich mich ferner, auch bei dem besten Willen,
zurückzukehren und meinem Gewerbe zu entsagen, unstät und flüchtig
umhertreiben muß. Doch es sei. -- Nur noch eine Bitte habe ich wegen
meiner kranken Mutter an Sie, Herr Pächter, von deren Erfüllung ich bei
Ihrem edlen Charakter überzeugt bin. Wenden Sie womöglich ab, daß sie
mit in mein trauriges Geschick verflochten wird; denn ich kann Ihnen
bei Gott versichern, daß sie an meinen Unternehmungen keine Schuld hat,
und durchaus von meinem Aufenthalte nicht unterrichtet ist. Habe ich
mir bisher noch keine boshaften Handlungen zu schulden kommen lassen;
so könnte doch durch die Mißhandlungen meiner Mutter dazu fürchterlich
gereizt, sehr leicht die erste Mordthat auf meine Seele gebunden
werden.«
Pächter: »So wäre es wohl seine heilige Pflicht, für sie sich
aufzuopfern und hierdurch ihre Ruhe nicht ferner zu stören.«
Stülpner: »Wie gern würde ich dies thun, wenn nur ein Mittel da wäre,
mich von der schimpflichen Strafe zu befreien. Doch länger will ich Sie
nicht mehr aufhalten, da wir sonst bemerkt werden könnten. Nur noch die
Versicherung wollte ich Ihnen geben, daß ich mich ohne Erlassung der
mir drohenden Strafe auf keine Weise lebendig gefangen geben werde.
Können Sie übrigens etwas für mich thun, so werde ich es mit dem
dankbarsten Herzen anerkennen und Ihnen durch die That beweisen, daß
Sie sich für keinen so ganz Unwürdigen verwendet haben. Leben Sie wohl
und verzeihen Sie mir meine Ihnen verursachte Bemühung!«
Mit diesen Worten verschwand Stülpner wieder in sein Versteck, der
Pächter kehrte nicht ohne Bewegung und Teilnahme in seine Wohnung
zurück.
Der Pächter, von der Teilnahme des Majors für Stülpners Lage überzeugt,
konnte nicht umhin, seine Zusammenkunft mit demselben ihm mitzuteilen,
worüber der Major sich wirklich zu freuen schien, indem er hieraus
ersah, daß es Stülpners ernstlicher Wille sei, von seinem verbotenen
Lebenswandel abzustehen, was ihn noch mehr bewog, für die Milderung
seiner Lage zu wirken.
Kurze Zeit darauf begegnete Stülpner auf einem einsamen Spaziergange
selbst dem Major von Einsiedel, der in Begleitung des Rittmeisters von
Zinsky war. Ruhig und höflich seinen Hut zum Gruße ziehend, ging er
auf diese Herren zu, brachte in bescheidenen Worten die gewöhnliche
Entschuldigung und Verteidigung seiner Lebensart vor und versicherte
aufrichtig, daß er des wilden und jetzt sogar vogelfreien Lebens
herzlich müde sei und bat zugleich den Major sich seiner gnädig
anzunehmen und sich für ihn zu verwenden.
Ruhig und gleichsam wohlgefällig hatte der Major zugehört und seine
Miene deutete an, daß er die gute Meinung, welche er nach allem,
was ihm von Stülpner mitgeteilt worden war, für ihn gefaßt hatte,
bestätigt fand. Nachdem er ihm hierauf eine kurze Strafpredigt wegen
seines unerlaubten und sträflichen Gewerbes gehalten und ihm das
Widerrechtliche seiner Handlungsweise näher auseinandergesetzt hatte,
versprach er, sich unter der Bedingung für ihn zu verwenden, wenn er
von diesem Augenblicke an von seiner Lebensart als Wildschütz abstehe
und sich ganz ruhig verhalte.
Stülpner versprach hierauf mit Hand und Mund, daß er sich ganz nach dem
Wunsche und Befehle des Herrn Majors verhalten wollte und versicherte
nochmals, daß, wenn er nur als Wildschütz freigesprochen würde, er
sich unbedingt bei seinem Regiment einstellen und sich der Strafe als
Deserteur unterwerfen würde.
Als der Rittmeister von Zinsky, welcher bisher stillschweigend dieser
Verhandlung mit beigewohnt hatte, hierauf noch erwiderte, daß es wohl
gut sei, wenn Stülpner von nun an seinem bisher geführten unerlaubten
Lebenswandel entsage und keine tollen Streiche mehr begehe, aber
wovon solle er denn unterdessen leben, da er sich ja unter seinen
gegenwärtigen Umständen nichts verdienen könne? -- »Nun so,« entgegnete
der Major, »verspreche ich ihm wöchentlich bis zur Ausgleichung seiner
Sache, einen Laubthaler,« »und ich,« sprach der Rittmeister, »gebe ihm
alle vierzehn Tage ein Viertel Korn, das er sich bei mir abholen kann,
somit hat er Geld und auch Brot.«
Stülpner, der wirklich über die edle Teilnahme dieser beiden Herren
sehr überrascht und gerührt wurde, gelobte nochmals, unter dem
aufrichtigsten Dank für diese gnädige Unterstützung, daß er schon von
heute an sich ganz streng nach ihrem wohlgemeinten Rate verhalten und
seinem Leben als Wildschütz entsagen wolle, und bat und fragte den
Major, ob er sich wohl nun in der Behausung seiner Mutter aufhalten
dürfe?
»Gestatten kann ich dieses zwar nicht,« erwiderte der Major, »doch
es wird, wenn Du Dich ruhig verhältst, niemand etwas dagegen haben,«
und so schied er, nach kurzem Abschiedsgruß mit seinem Freunde nach
dem Schloß zurückkehrend, von Stülpnern, der noch lange in Gedanken
versunken diesen edlen Menschenfreunden nachblickte, und endlich den
Weg zu seiner Mutter einschlug, um diese von dem soeben Vorgefallenen
zu benachrichtigen, und gleich zu seinem gegenwärtigen Entschluß
Vorkehrungen zu treffen.
Seine Mutter war über diese Botschaft ungemein erfreut, da ihr der
unstäte und strafbare Lebenswandel ihres Sohnes schon so manchen
Kummer verursacht hatte, und bot alles auf, um ihn in seinem löblichen
Vorhaben mit ihren geringen Kräften zu unterstützen.
Stülpner hielt auch der Verabredung mit dem Major gemäß streng sein
Versprechen, da er nicht nur seinem Gewerbe ganz entsagte, sondern sich
auch ganz ruhig bei seiner Mutter aufhielt und mit großem Verlangen
der Zeit entgegensah, wo er nicht mehr als ein aus der menschlichen
Gesellschaft Verbannter flüchtig herum zu irren brauche; er hatte
wirklich das bisher geführte Leben herzlich satt und sehnte sich nach
Ruhe.
So waren mehrere Wochen verflossen und obgleich Stülpnern im Verlaufe
dieser Zeit keine bestimmten Aussichten auf Begnadigung eröffnet
wurden, so war er doch auch nicht in seiner Zurückgezogenheit bei
seiner Mutter beunruhigt worden. Doch plötzlich zog sich ein so
heftiges Gewitter über seinem Haupte zusammen, welches alle seine
schönen Hoffnungen zu zertrümmern drohte.
Der Gerichtsdirektor G., Stülpners unversöhnlicher Feind, hatte es dem
Major von Einsiedel nicht vergessen können, daß er ihm wegen seines zu
strengen Verfahrens gegen Stülpnern einige Vorwürfe gemacht hatte und
bot alles auf, um sich auf irgend eine Art an ihm zu rächen.
Als er durch seine Kundschafter in Erfahrung gebracht hatte, daß sich
Stülpner schon seit einiger Zeit ganz ungescheut in der Behausung
seiner Mutter aufhalte, so glaubte er jetzt am besten seine Rache
befriedigen zu können, nur war ihm die Anwesenheit des Majors in
Scharfenstein noch im Wege, da er bei der Gegenwart desselben am
Gelingen seines Unternehmens zweifelte, doch auch dieses Hindernis
wurde bald zu seiner Freude beseitigt, der Major reiste auf einige
Zeit nach Glauchau zum Besuch. Kaum hatte der Gerichtsdirektor diese
Botschaft erhalten, als er auch die Forstbeamten der Umgegend, sowie
ein Militärkommando aufforderte, sich an einem bestimmten Abend, wo man
Stülpnern bei seiner Mutter gewiß vermutete, in Scharfenstein zu seiner
Aufhebung sofort einzufinden.
Dem Befehle Folge leistend, stellten sich die Forstbeamten, sowie der
Gerichtsverwalter selbst nebst seinem treuen Diener, dem Gerichtsfrohn
W., zur festgesetzten Zeit auf dem Schlosse zu Scharfenstein ein,
wo man sichs bei dem gastfreien Pächter bis zum Einbruch der Nacht
wohlgefallen ließ, ohne jedoch gegen denselben von dem wichtigen
Vorhaben etwas verlauten zu lassen, da man seine menschenfreundliche
Gesinnung kannte.
Nicht lange darauf traf auch nach eingebrochener Nacht ein Kommando
von 79 Mann unter Anführung des Premierlieutenant Oe. aus Annaberg,
wo ebenfalls ein Bataillon vom Regimente Prinz Maximilian stand, in
Scharfenstein in aller möglichen Stille ein.
Der Abend, es war gegen Ende des Novembers, war ganz zu diesem
Unternehmen geeignet; Rabenschwärze bedeckte die Erde, ein wilder Sturm
heulte durch den nahen Forst, zum Rauschen des Wehres gesellte sich das
Klappern der Schloßmühle.
Wer in die Zurüstung eingeweiht war, hielt Stülpnern für verloren.
Mit einer so großen Vorsicht und Stille, daß selbst der wachsamste
Kettenhund nicht einmal anschlug nahte man sich dem Hause und umringte
es so dicht als möglich.
Stülpner, von allen diesen ernsten Anstalten nichts ahnend, befand
sich wirklich, wie er seit der Verabredung mit dem Major zu thun
pflegte, bei der Ankunft dieser wohlbewaffneten Schar ganz sorglos in
der Behausung seiner Mutter und hatte sich soeben, da es schon 10 Uhr
war, auf die Ofenbank, seinem gewöhnlichen Lager, niedergelegt, als er
plötzlich ein heftiges Pochen an der Hausthür vernimmt.
Sogleich springt er von seinem Lager auf, um zu sehen, was es giebt.
Als er die Hausflur so leise als möglich öffnet, bemerkt er, trotz der
großen Finsternis, eine große Menge bewaffneter Menschen, und sofort
die ihm drohende Gefahr erkennend, verbirgt er sich schnell, ohne
weiter bemerkt zu werden, hinter der Hausthür. In aller Hast dringen
der Gerichtsdirektor mit seinen Helfershelfern, der Gerichtsdiener, der
Offizier und einige Unteroffiziere, die Jäger und das Gerichtspersonal
von Scharfenstein, alle wohlbewaffnet, mit versteckten Laternen in
das Haus und in die Wohnstube Stülpners ein, um ihn so geschwind
wie thunlich in ihre Gewalt zu bekommen. Stülpner, der in seinem
Hinterhalte durch das ungestüme Vordringen nicht bemerkt worden war,
näherte sich unterdessen schnell wieder der Hausflur und bahnt sich
nun durch einige kräftige Sätze und unsanft ausgeteilte Rippenstöße
einen Weg mitten durch die das Haus umzingelnde Besatzung, schlug sich
glücklich durch und eilte nach dem zunächst liegenden Dorfe Grießbach,
wo er bei einem Bauern seine Doppelbüchse in Verwahrung hatte, um damit
sogleich wieder nach Scharfenstein zurückzukehren.
Unterdessen wurde von den eingedrungenen Personen, die von Stülpners
Flucht sich immer noch nicht überzeugen wollten, das ganze Haus
durchsucht, alles umgestürzt und aufgebrochen, selbst die Dielen
aufgerissen und in die Feueresse geschossen, doch alles umsonst, kein
Stülpner war zu sehen, und der gehoffte Ruhm und die voreilige Freude
verwandelte sich in Mißmut und Unwillen.
Man fand weiter nichts von ihm, als den auf dem Tisch liegenden scharf
geschliffenen Hirschfänger, die an der Wand hängende Jagdtasche und
einen Rock, welche Gegenstände man mit Beschlag belegte.
Stülpners arme Mutter, die sich schon früher in ihre Kammer zur Ruhe
begeben hatte, wurde von dem tyrannischen Gerichtsdiener W. gewaltsam
aus dem Bette gerissen und in die Stube geschleppt, wo sie unter
Drohungen den Aufenthalt ihres Sohnes angeben sollte. Der Schreck, die
Verwirrung und die Angst der armen Frau waren so groß, daß sie erst
lange nicht vermögend war, die an sie gerichteten stürmischen Fragen
zu beantworten. Endlich, als sie unter den Anwesenden einige Bekannte
erblickte, kam sie wieder etwas zur Besinnung und gestand ganz offen,
daß ihr Sohn Karl allerdings noch vor einer Stunde dagewesen wäre,
daß sie aber durchaus nicht wisse, wohin er sich geflüchtet habe, da
sie sich schon früher niedergelegt und daher von seinem plötzlichen
Verschwinden gar nichts habe bemerken können.
Als man ihr hierauf die bittersten Vorwürfe machte, daß sie ihren Sohn
bei seinem verbotenen Gewerbe noch beherberge und daher selbst große
Strafe verdient habe, sagte sie: »Ich weiß wohl, daß mein Karl einen
unerlaubten Lebenswandel geführt hat, allein ich kann es mit einem Eid
beschwören, daß ich keine Schuld daran habe, sondern ihn im Gegenteil
oft flehentlich gebeten, davon abzustehen, da es doch endlich zu nichts
Gutem führen könne, worauf er mir in der letzten Zeit versicherte,
daß er sich fest vorgenommen, seinem Gewerbe zu entsagen und es auch
schon gethan habe. Von Seiten hochgestellter Herren wird für seine
Begnadigung gearbeitet und bis zur Ausgleichung seiner Sache könnte
ich, wie mir gesagt wurde, meinen Sohn beherbergen.«
Da man aus der Alten weiter nichts herausbringen konnte, wurde
beratschlagt, wie man mit ihr weiter verfahren solle. Einige schlugen
vor, sie in Gewahrsam zu nehmen, andere stimmten dahin, sie lieber auf
freiem Fuß zu lassen, um so durch Verstellung und List von ihr ein
andermal zu erfahren, was man eben jetzt vergeblich wünschte.
Freundlicher sprach man daher jetzt mit ihr, schien ihren Worten völlig
Glauben zu schenken und äußerte endlich die Gewißheit, daß ihr Sohn
eine gelinde Strafe bekommen werde, wenn man ihn aufgreifen würde
und beklagte nur, ihr heute diese Unruhe gemacht zu haben, was nicht
geschehen wäre, wenn sie nicht auf höheren Befehl hätten handeln müssen.
Unterdessen brach der Tag an und die Untersuchungen waren leider nicht
nach Wunsch beendigt.
Der Offizier, der Gerichtsverwalter und die Forstbeamten begaben
sich hierauf wieder auf das Schloß, um von den nächtlichen Strapazen
auszuruhen.
Das Militärkommando wurde in der Schenke und den zunächst liegenden
Häusern einquartiert und beordert, sich um 8 Uhr morgens am Fuße des
Schloßberges zum Rückmarsch nach Annaberg zu versammeln.
Während dies alles hier vorging, war Stülpner in Grießbach ebenfalls
nicht unthätig. Da er seine ganze Munition in seiner Jagdtasche
verwahrt hatte, welche er nebst seinem Hirschfänger wegen der Schnelle
seiner Flucht im Stiche hatte lassen müssen, so sah er sich jetzt
genötigt, aus Kommißkugeln kleinere Kugeln für die Mündung seines
Gewehrs mit dem Messer zu schnitzen, zu welch' saurer Arbeit er zwei
volle Stunden brauchte.
Als er damit fertig war, eilte er noch vor Tagesanbruch in der größten
Finsternis und bei schrecklichem Regenwetter wieder nach Scharfenstein
zurück, um zu sehen, wie die Sache inzwischen abgelaufen sei, und nahte
sich nun unerschrocken mit gespannter Büchse der Wohnung seiner Mutter.
Da die Besatzung kurz vor seinem Erscheinen wieder abgezogen war und
er niemand weiter gewahrte, klopfte er an den Fensterladen seines
Nachbars, um sich hier näher nach allem zu erkundigen.
Hier hörte Stülpner ausführlich sowohl die schändliche Behandlung
seiner schuldlosen Mutter als auch von der Beschlagnahme seiner
Utensilien, sowie überhaupt von der großen Verwüstung, welche bei dem
Durchsuchen des Hauses verübt worden war, und alles dies versetzte ihn
in solche Wut, daß er sogleich auf die Nachricht, der Gerichtsdirektor,
der Offizier und die Forstbeamten hätten sich aufs Schloß begeben,
auch das Militär wäre in der Schenke wie in deren Nähe einquartiert,
nach dem Schlosse zu stürmte, sich gegen 6 Uhr früh mit seiner
scharfgeladenen Büchse unten vor das erste Thor des Schlosses stellte,
um hier auf die Heimkehr der genannten Herren zu warten und sie so
höflich als möglich zu begrüßen.
Als er so einige Zeit, den Blick unverwandt auf das Schloß gerichtet,
dagestanden hatte, kamen die Lokalgerichtsbehörden von Scharfenstein
aus dem Schlosse, welche die mit Beschlag belegten Gegenstände
Stülpners, seinen Rock, den Hirschfänger und die Jagdtasche trugen, um
sie auf Befehl des Gerichtsdirektors sogleich an das Amt Wolkenstein
abzuliefern.
Sobald diese Stülpner sahen, donnerte er sie mit den Worten an: »Wo
wollt Ihr mit meinen Sachen hin? Sogleich legt Ihr sie hier vor mir
nieder oder (die Büchse auf sie anlegend) ich schieße Euch alle
zusammen!«
Bestürzt und vor Angst zitternd, befolgten die Behörden seinen Befehl,
woraus er denselben noch anbefahl, sogleich in das Schloß wieder
zurückzukehren: und den Herren daselbst zu sagen, daß sich Stülpner
selbst seines Eigentums wieder bemächtigt habe. Während diese froh,
ohne Schaden davon gekommen zu sein, auch hierin pünktlich Folge
leisteten und wieder in das Schloß zurückwanderten, zog unterdessen
Stülpner seinen Rock an, schnallte seinen Hirschfänger um, hing sich
seine Jagdtasche über, worin sich noch unangetastet seine ganze
Munition befand, und war froh, so wohlbewaffnet seine Feinde erwarten
zu können.
Als er sich wieder auf seinen Posten gestellt hatte, sah er plötzlich
den Offizier, den Gerichtsdirektor und die Forstbeamten, alle beritten,
aus dem Schloßthore herauskommen und rief ihnen ein fürchterliches
»Halt!« entgegen. Als diese Stülpnern in seiner drohenden Stellung
sahen, wollten sie sofort in das Schloß zurückreiten; da fielen
plötzlich zwei Schüsse, deren beide Kugeln das Hinterteil von dem
Braunen des Oberförsters Pügner aus Geyer trafen.
Auf diese tollkühne That Stülpners ward sofort das Thor verrammelt und
aus den Schloßfenstern auf das Wirtshaus hinabgerufen, daß das daselbst
befindliche Militärkommando sogleich aufbrechen und auf Stülpnern, der
seinen Posten noch immer keck behauptete, Feuer geben solle.
Stülpner hörte den Befehl ruhig an, lud seine Büchse wieder und begab
sich von seinem Posten in den herrschaftlichen Bleichgarten, um hier
das Militär zu erwarten. Als das Militär in Sturmschritt anrückte,
schrie Stülpner mit donnernder Stimme ihnen zu:
»Hat einer Lust, auf mich Feuer zu geben, so schieß er in drei
Teufelsnamen, mich schießt keiner tot!« (Dies sind seine eignen Worte,
bemerkt hierzu Schönberg und fügt noch hinzu, daß Stülpner heute noch
die wahnsinnige Idee behaupte, kugelfest zu sein; im Stockböhmischen
habe ihm ein Mönch ein Präservativ gegeben, das allen Kugeln Trotz
biete).
Ohne nur im mindesten von den Musketen Gebrauch zu machen, eilte
sämtliches Militär an Stülpner vorüber und auf das Schloßthor zu,
welches, nachdem alle in den Schloßhof eingetreten waren, wieder
zugeschlossen und so fest wie möglich verrammelt wurde.
Stülpner, der früh 6 Uhr seinen Posten betrat, behauptete denselben
bis fast zum Einbruch der Nacht, ohne daß die so zahlreiche und
wohlbewaffnete Besatzung im Schlosse einen Ausfall auf ihn zu machen
wagte, und begab sich hierauf, nachdem er erst bei seiner Mutter
eingekehrt war, wieder nach Grießbach.
Als die Herren vom Schlosse aus Stülpnern endlich wieder abziehen
sahen, wagten sie erst ihre Heimkehr anzutreten, doch ohne sich wieder
zu Pferde zu setzen, sondern von dem Kommando als Schutzwache umgeben,
ließen sie ihre Pferde nachführen.
So endete diese Szene, die unstreitig mit zu den tollkühnsten
Handlungen gehört, die Stülpner verübte.
Viele der freundlichen Leser werden vielleicht selbst diese
Tollkühnheit Stülpners, die allerdings das Glaubhafte zu übersteigen
scheint, bezweifeln, doch lebten zu Schönbergs Zeiten in Scharfenstein
und Umgegend noch viele, die Augenzeuge dieses tollen Vorganges gewesen
waren; und dann muß man voraussetzen, daß Stülpner überhaupt nichts zu
verlieren und zu gewinnen hatte, auch des unstäten Umhertreibens höchst
überdrüssig war; er scheute den Tod nicht und nur zu gut wußte man,
daß derjenige, welcher überhaupt Miene machte, auf ihn zu schießen,
mit ihm zugleich sein Grab gefunden haben würde. Seine körperliche
Stärke, seine Geistesgegenwart und seine Sicherheit im Schießen waren
allbekannt. Dazu kam noch, daß das Militärkommando von Stülpners
früherem Regimente Prinz Maximilian war, unter welchem er noch viele
Anhänger und Bekannte hatte, welches daher nur im äußersten Notfalle
den Befehl, welcher überhaupt damals in Scharfenstein nicht von dem
Offizier, sondern von dem Gerichtsdirektor ausgegangen war, auf ihn zu
schießen, würde respektiert haben. Wenn man daher dieses alles erwägt,
wird man es gar nicht so unbegreiflich finden, daß Stülpner seinen
so zahlreichen Verfolgern nicht nur glücklich entging, sondern sich
sogar keck genug ihnen, zum Kampfe gerüstet, entgegen stellte und sie
gleichsam auf Leben und Tod herausforderte.
Zwei Tage nach diesem merkwürdigen Vorfall und mißlungenen Streifzug
gegen Stülpner begegnete ihm ein Mann aus Geyer, dem er auftrug, zum
Oberförster Pügner zu gehen und ihm im Auftrage Stülpners zu sagen, daß
der Oberförster ja nicht glauben solle, jener Schuß am Schloßberge habe
seiner Person gegolten und die Kugel hätte durch einen Fehlschuß nur
sein Pferd getroffen. Stülpner hätte ihm nur zeigen wollen, daß er sich
in seiner Nähe befinde und daß er überhaupt geladen hätte. Wenn sich
aber künftig der Herr Oberförster noch mehr um ihn bekümmern würde,
dann gäbe es Kugeln für ihn selbst, und er würde wohl wissen, daß
Stülpner noch nie gefehlt habe.
Allgemeines Aufsehen mußte natürlich dieser abenteuerliche Feldzug
gegen Stülpner erregen, zumal da die große und wohlgerüstete Anzahl
seiner Verfolger, trotz ihrer mit so vieler Vorsicht und Mühe
getroffenen Maßregeln, anstatt ihn in ihre Gewalt zu bekommen, zuletzt
vor ihm selbst flüchteten. Ueberall wurde Stülpners Bravour gerühmt und
verbreitet; nur der Gerichtsdirektor G., der als Urheber der ganzen
Sache mit seinem treuen Gerichtsdiener so unrühmlich wieder abziehen
mußte, konnte der Schadenfreude, die ihm aus den meisten Gesichtern so
deutlich entgegenleuchtete, nicht entgehen, und war über das Mißlingen
seines so gut ausgedachten Planes ganz niedergeschlagen und trostlos.
Er wurde es aber noch weit mehr, als Stülpner ebenfalls wie nach
Geyer zum Oberförster Pügner ihm sagen ließ, daß er ihm zwar das
Wiedererscheinen in Scharfenstein nicht verwehre, aber er zweifle sehr,
ob er dasselbe mit gesunder Haut wieder verlassen würde. Diese Drohung
schüchterte den guten Mann so ein, daß er eine Zeit lang nicht wagte,
seine Wohnung zu verlassen, noch viel weniger getraute er sich nach
Scharfenstein zu reisen, um daselbst Gerichtstag zu halten.
Die fürchterlichste Rache aber schwur Stülpner dem Gerichtsdiener W.,
welchem er es nicht vergessen konnte, daß er seine arme, schuldlose
Mutter bei jener Hausvisitation so schändlich gemißhandelt und weil er
auch früher immer geäußert hatte, wenn ihm nur Stülpner einmal in den
Weg käme, er wolle gewiß mit ihm fertig werden. Wir werden bald hören,
wie Stülpner ihn für seine Prahlerei und die Mißhandlung seiner Mutter
bestraft.
Hinsichtlich des Militärkommandos that es Stülpnern leid, gestehen zu
müssen, daß es sich nicht wie eine zivilisierte Truppe benommen hätte,
bei der Hausdurchsuchung hatten sie von dem Boden seine sämtliche
Wäsche, bestehend in drei Dutzend Hemden, zwei Dutzend Strümpfen, einem
Dutzend Taschentüchern und einem Paare neuen kalbledernen Stiefeln,
sowie aus der Vorratskammer alle Würste, Schinken und dergleichen mit
sich genommen.
Als der Major von Einsiedel kurz darauf wieder nach Scharfenstein
kam und den ganzen Hergang der Sache, von welcher er übrigens schon
in Glauchau Nachricht erhalten hatte, näher erfuhr, war er über
den Gerichtshalter, der dieses alles während seiner Abwesenheit
unternommen, höchst unwillig und aufgebracht, zumal derselbe schon
längere Zeit keinen Gerichtstag in Scharfenstein gehalten hatte.
Der Major und sein Pächter Philipp suchten Stülpnern persönlich bei
seiner Mutter auf, um ihm zu sagen, daß er den Verlust der bei jener
Hausvisitation entwendeten oder zertrümmerten Gegenstände angeben
solle, welche der Gerichtsverwalter gern unter der Bedingung ersetzen
werde, wenn er künftighin ihn ungehindert nach Scharfenstein passieren
lasse.
Stülpner ließ sich endlich durch vieles Zureden dazu bewegen und
verlangte 50 Thaler Schadenersatz, indem er dem Major mit Handschlag
versprach, den Gerichtsdirektor nicht weiter zu beunruhigen, sobald er
dieses Geld erhalten hätte; doch nur die einzige Bedingung noch, der
Gerichtsverwalter solle nie wieder seinen Gerichtsdiener mitbringen,
wenn dieses geschehe, könne er nicht dafür stehen, daß er lebend
nach Thum zurückkehre. Der Major versprach ebenfalls Stülpnern, daß,
so lange er leben würde, kein Gerichtsfrohn bei dem zu haltenden
Gerichtstage Scharfenstein betreten solle.
Nach diesem geschlossenen Friedensvertrage wurde sogleich ein Bote
nach Thum abgesendet, um dem Gerichtsdirektor diese Botschaft zu
überbringen. Wer war froher als dieser, durch so leichten Kauf sein
Leben wieder gesichert zu sehen. Sogleich siegelte er die geforderte
Summe von 50 Thalern ein und übersendete dieselbe an den Pächter
Philipp, um sie Stülpnern einzuhändigen. Stülpner ärgert sich heute
noch, bemerkt hierzu Schönberg, nicht 100 Thaler verlangt zu haben,
vielleicht hätte er dieselben ebenso bereitwillig erhalten.
Drei Tage darauf kam schon der Gerichtsdirektor, um Gerichtstag
zu halten, doch dem Vertrage gewiß, ohne seinen treuen Diener
mitzubringen. Allein nach Verlauf von einem halben Jahr, als der
Gerichtsdirektor eine Exekution in Scharfenstein hatte, brachte er
wirklich seinen Gerichtsfrohn wieder mit, wahrscheinlich hoffte er,
daß entweder Stülpner nicht anwesend sei, oder daß seine Wut gegen
denselben sich abgekühlt habe. Doch er täuschte sich, denn kaum hatte
Stülpner von seinem Wiedererscheinen in Scharfenstein gehört, als er
sich sogleich aufmachte, um ihm aufzulauern und seine Drohung wahr zu
machen.
Als daher der Gerichtsdiener wieder nach Thum zurückkehren wollte,
erwischte ihn Stülpner ungefähr 300 Schritte vom Schlosse entfernt
und rief ihm mit seiner gewöhnlich donnernden Stimme zu: »Bist Du
der Büttel aus Thum?« worauf dieser, seinen Todfeind erblickend,
mit stotternder Stimme »Ja« antwortete. Hierauf sprang Stülpner auf
ihn zu und richtete erst folgende kräftige Worte an ihn: (Stülpners
eigene Worte) »Du bist also der Schurke, der meine alte Mutter so
schändlich gemißhandelt hat, und Du hast geprahlt, mich in Deine Gewalt
zu bekommen und sei ich in einer Entfernung von zwei Stunden! Hast
Du Teufelskünste, so zeige sie!« Bei diesen letzten Worten stürzte
der arme Diener der Themis auch schon von Stülpners kräftiger Faust
getroffen, zusammen, raffte sich aber schnell wieder auf und entfloh
bis in die Nähe des Richters, wo ihn Stülpner wieder einholte, wie ein
Blitz ihm sein großes, spanisches Rohr entwandt und damit so lange auf
ihn losschlug, bis es zuletzt in Stücke zersprang, welche Ueberreste
seines stolzen Paniers er ihm mit den Worten ins Gesicht warf: »Hier
Kerl, hast Du vollends den Dank für Deine Prahlerei und für die an
jenem Abende bei der Hausvisitation an meiner armen Mutter ausgeübte
Mißhandlung.«
Der am ganzen Körper zerfetzte und auf dem Boden sich herumkrümmende
Gerichtsdiener richtete sich endlich mit vieler Mühe wieder auf
und wollte vor Scham und Wut knirschend wieder nach dem Schlosse
zurückkehren, um sich daselbst Hilfe zu verschaffen; allein Stülpner,
der seinen Plan sogleich erkannte, vertrat ihm den Weg mit den Worten:
»Du gehst dorthin (ihm den Weg nach Thum zeigend) oder das Donnerwetter
soll Dich vollends zerschlagen.« Willig und ohne ein Wort weiter
zu erwidern, eilte der für seine Prahlerei so reichlich bezahlte
Gerichtsdiener seiner Heimat zu, ohne sich weiter umzusehen und
Scharfenstein je wieder zu betreten.
Der Major von Einsiedel, der Rittmeister von Zinsky, der
Gerichtsverwalter G., der Pächter Philipp, sowie noch mehrere anwesende
Gäste sahen, durch das klägliche Geschrei des Gerichtsdieners und durch
das kräftige Accompagnement Stülpners aufmerksam gemacht, diese Szene
vom Schlosse aus mit an, und alle, mit Ausnahme des Gerichtsdirektors,
der das Gesicht ungeheuer dabei verzog, aber seinem treuen Diener keine
Hilfe zu senden wagte, teils aus Furcht vor Stülpnern selbst, teils
weil er ihn trotz der dringenden Vorstellung des Majors mitgebracht
hatte, freuten sich herzlich, daß der wegen seines brutalen,
habsüchtigen Benehmens allgemein verhaßte Gerichtsfrohn seine schon
längst verdiente Strafe so reichlich hier erhielt.
So endeten denn alle diese Ereignisse, die, obgleich anfangs so drohend
und hinsichtlich der angewendeten Mittel so gefahrvoll für Stülpnern
erscheinen mußten, zuletzt doch zu seinem Ruhme und bezweckten endlich
für ihn noch das Gute, daß er seit der Zeit von seinen Feinden nicht
wieder beunruhigt wurde, da sie wohl einsahen, daß Stülpner nicht mit
sich spaßen lasse.
Ueberdies verhielt er sich auch in Bezug auf seine frühere Lebensart
seinem Versprechen gemäß ruhig und blieb wie zuvor größtenteils bei
seiner Mutter in Scharfenstein, wo er ganz sorglos umherging und von da
auch oft Ausflüge in die Umgegend machte. So reiste er während dieser
Zeit in seinem Jägerkostüme dreimal nach Chemnitz, wo er in der Regel
der Wachtparade seines früheren Regiments ganz nahe beiwohnte und
jedesmal seinen alten Gönner, den Major von Gundermann, mit besuchte,
von welchem er stets reichlich beschenkt (er erhielt bei jedem Besuch
vier Laubthaler) und gut bewirtet, wieder schied, ohne in dem so
volkreichen Chemnitz, obgleich er von allen erkannt, verfolgt zu werden.
Inzwischen wurde an seiner Begnadigung von seiten des Majors von
Einsiedel und des Rittmeisters von Zinsky, wozu sich noch ein dritter
Menschenfreund, der Kammerherr von Nostiz gesellte, thätig gearbeitet.
Doch obgleich schon sechzehn Bittgesuche nach Dresden an die Regierung
deshalb eingesandt worden waren, so schien doch immer das gehoffte
Resultat noch nicht zu erfolgen. Endlich wendete sich Stülpner noch
mit zwei Bittschreiben an den würdigen Pater Herz, dem damaligen
Beichtvater unseres höchstseligen Königs Friedrich August.
Der Pater Herz antwortete Stülpnern eigenhändig wieder, daß er, was in
seinen Kräften stünde, gern zur Erleichterung und Begünstigung seines
Geschickes thun wolle, nur müsse er erst die dazu günstige Gelegenheit
abwarten. Als daher einst bei der damals noch kurfürstlichen Tafel
Friedrich August gut gelaunt war, leitete Pater Herz absichtlich das
Gespräch auf Stülpnern und bat um dessen Begnadigung. Da sämtliche
anwesende hohe Gäste schon im voraus zu Gunsten Stülpners gestimmt,
sich ebenfalls mit für ihn verwendeten und besonders hervorhoben, daß
Stülpner durch Mangel an Erziehung, durch Unwissenheit und allerlei
Umstände zu seiner unerlaubten Lebensart verleitet worden wäre, er aber
durchaus kein gefährlicher Mensch sei, sondern die schönsten Beweise
von dem Gegenteil an den Tag gelegt habe, so konnte der stets wahrhaft
großmütige und nachsichtsvolle Fürst diesen Bitten nicht länger mehr
widerstehen und gab sogleich nach aufgehobener Tafel Befehl, den über
Stülpnern geschleuderten Bannfluch aufzuheben.
Wie öffentlich Stülpner früher für vogelfrei erklärt worden war,
ebenso öffentlich wurde er aufgefordert, daß er bei einer freiwilligen
Rückkehr zu seinem Regimente als Wilddieb nicht weiter bestraft werden
solle.
Welche Freude für den Geächteten, als er sich von der Wahrheit dieser
Versicherung überzeugen durfte. Ihm war, als wenn sich eine drückende
Last von ihm gewälzt, als wenn Sklavenketten seinen Gliedern entfallen
wären, da er frei wieder in sein Vaterland zu seinen Verwandten und
Freunden zurückkehren durfte.
Ungesäumt verließ Stülpner jetzt die Wohnung seiner Mutter, wo er sich
seit der neuen Gestaltung seines Schicksales aufgehalten hatte und
eilte in das Stabsquartier seines Regiments, um sich als freiwillig
zurückkehrender Deserteur zu melden. Daselbst angelangt, trat er, ohne
irgend eine Strafe weiter zu erhalten, wieder in die Reihe seiner
Musketiere ein. Mit Eifer und musterhafter Ordnungsliebe unterzog er
sich der ihm obliegenden Pflichten und gewann durch ein bescheidenes
und stilles Betragen in kurzer Zeit das Vertrauen und Wohlwollen seiner
Vorgesetzten, sowie die Liebe seiner Kameraden wieder.
Im gesellschaftlichen Umgange war er zurückhaltend und einsilbig, denn
er bemerkte nur zu oft, daß er der Gegenstand der Neugierde war und
schlich sich öfters aus der Gesellschaft fort, die um seinetwillen sich
versammelt hatte.
Er selbst schwieg stets von seinen Thaten, ob sie doch gleich so viel
Aufsehen erregt hatten und nur von seinen Oberen aufgefordert, brachte
er es über sich, davon zu erzählen. Weder prahlend noch furchtsam
sprach er dann, aber offen und wahr, und gab über manche vorher
unbegreifliche Dinge Aufschluß. Vergeblich versuchte man von ihm etwas
von seinen Mitschuldigen und den Abnehmern seiner Beute zu erfahren,
worüber er stets die größte Verschwiegenheit bewahrte und gewöhnlich
mit den Worten das Gespräch abbrach: »Ich habe sie nicht gekannt,«
oder: »Ich will und werde sie nicht nennen.«
Ueberhaupt leuchtete aus seinem ganzen Benehmen hervor, daß er einen
unerschütterlichen Ernst und eine nicht gewöhnliche Gewalt über sich
besaß, sowie eine gewisse Abneigung gegen das Gewöhnliche während
seines abenteuerlichen und verhängnisvollen Lebens gewonnen hatte.
Kurz nachdem Stülpner wieder zu seinem Regimente zurückgekehrt
war, verehelichte er sich mit der Tochter des Richters Wolf aus
Scharfenstein, mit welcher er schon seit mehreren Jahren in näherer
Verbindung gestanden, aber wegen seines frühern, unstäten und
unerlaubten Lebenswandels die Einwilligung der Eltern zur Trauung nicht
erhalten hatte. Jetzt, da er wieder auf freien Fuß gestellt war und
sich eifrig bestrebte, durch rege Thätigkeit und treue Pflichterfüllung
seine begangenen Vergehen wieder gut zu machen, konnte der alte Wolf
(seine Gattin war kurz vorher gestorben) den wiederholten Bitten der
Tochter seine Genehmigung zur Verbindung mit ihrem Karl zu geben, nicht
länger mehr widerstehen. Stülpners Gattin blieb in der Behausung ihres
Vaters, da das geringe Traktement in der Garnison nicht ausreichte, sie
hinlänglich versorgen zu können, und beschenkte ihn nicht lange darauf
mit einem munteren Knaben.
So schien sich denn das Schicksal, das Stülpnern zeither immer so
hart verfolgt hatte, wieder mit ihm auszusöhnen und ihm nach so vielen
sturmbewegten und gefahrvollen Tagen wieder heitere Stunden gewähren zu
wollen. Denn wenn er sich auch jetzt als Ehegatte und Familienvater oft
kümmerlich behelfen mußte, da der geringe Sold kaum für ihn hinlangte
und er außer seiner Dienstzeit sich allen möglichen Handarbeiten
unterzog, um seiner Familie einiges zufließen zu lassen, so befand er
sich doch glücklich in seiner Lage und man hörte nie eine Klage über
seine Lippen kommen.
Hierzu kam noch, daß man ihm einige Hoffnung auf Erlangung einer
Försterstelle in den weitläufigen Waldungen seines Gerichtsherren
unter der Bedingung gemacht hatte, daß er zuvor noch einige Jahre im
Militärdienste ausharre und jeden auf ihm ruhenden Verdacht vertilge.
Diese für ihn so günstige Aussicht ließ ihn daher jetzt gern alle
Mühseligkeiten seiner oft drückenden Lage überwinden.
So waren denn wieder einige Jahre für Stülpner verflossen, ohne daß
seine so sehnliche Hoffnung nach einem gewissen Brote sich erfüllt
hätte; denn so sehr man sich auch überzeugte, daß Stülpner einen
solchen Posten am besten verwalten würde und ganz dafür geeignet sei,
so sehr man hoffen konnte, was auch Stülpners ernstlicher Wille war,
seine begangenen Fehler durch treue und geschickte Verwaltung einer
solchen Stelle in etwas wieder gut zu machen, so blieb doch immer
dieser sein inniger Wunsch noch unerfüllt. Denn wenn auch das hier und
da noch nicht erloschene Mißtrauen ihm nicht die größten Hindernisse in
den Weg legte, so waren es doch die Forstbeamten, die ihn aus leicht zu
erratenden Gründen nicht gern auf diese Art angestellt sehen wollten.
Während so sich Stülpner immer noch der täuschenden Hoffnung hingab,
bald durch eine lebenslängliche Anstellung der kümmerlichen Sorge für
seine Familie, die unterdessen durch die Geburt eines Mädchens vermehrt
worden war, überhoben zu werden, türmten sich auf einmal am südlichen
Horizonte eine Menge schwarzer Gewitterwolken auf, die durch ihr
schnelles Herannahen und Herabstürzen auf unsern vaterländischen Boden
so manche schöne Hoffnungen zertrümmerten.
Das Jahr 1806 nämlich war es, wo der Welterstürmer Napoleon mit seinen
Siegesscharen auch unser Vaterland heimsuchte und in kurzer Zeit ganz
Deutschland damit überflutete.
Unter den 20000 Mann Sachsen, welche im September 1806 in Thüringen
einmarschierten, um sich dem linken Flügel des preußischen Heeres
anzuschließen, befand sich auch das Chemnitzer Regiment, und unter
ihm Stülpner. Auf der Flucht nach der unheilvollen Doppelschlacht
von Jena und Auerstädt ward Stülpner, der während der Schlacht als
Scharfschütze treue Dienste geleistet hatte, von seinem Regimente
versprengt und auf der Retirade nach Weimar gefangen genommen. Mit
einer Menge ebenfalls gefangener Preußen wurde er nun von französischen
Husaren nach Querfurt transportiert und daselbst auf dem Schlosse in
Verwahrung gebracht. Stülpner hatte schon mehrere Tage gehungert und
in Querfurt wurde ihm auch nur ein wenig Brot und Wasser verabreicht,
er beschloß deshalb auch hier durch die Flucht seiner Gefangenschaft
zu entgehen. Vermittelst einiger Stricke, die er sich zu verschaffen
gewußt hatte, ließ er sich zwei Tage nach seiner Ankunft in Querfurt
während einer stürmischen Nacht mit noch vier anderen Kameraden drei
Stockwerk hoch von seinem Gewahrsam herunter und entkam mit seinen
Gefährten glücklich bis nach Merseburg, inzwischen aber war die
Neutralität Sachsens erklärt worden. Von hier aus nahm er in gerader
Richtung seinen Weg in die Heimat zu seiner Familie, die ihn zwar mit
großer Freude, aber zugleich auch in Trauer empfing. Acht Tage vor
seiner Ankunft in Scharfenstein war seine Mutter in einem Alter von 89
Jahren an Altersschwäche gestorben, ihr innigster Wunsch, vor ihrem
Hinscheiden ihren Karl noch einmal zu sehen, war ihr nicht erfüllt
worden. Stülpnern betrübte diese Nachricht sehr, hing er doch an der
Mutter mit großer Liebe; jetzt besuchte er ihren einfachen Grabeshügel
und weihte ihr Thränen wahrer kindlicher Liebe.
Nachdem er sich einigermaßen bei den Seinen in Scharfenstein von den
überstandenen Strapazen erholt hatte, ging er nach Chemnitz zu seinem
Regimente zurück, das nach der Jenaer Schlacht und nach der erklärten
Neutralität Sachsens wieder sein Standquartier, leider sehr geschwächt,
bezogen hatte; viele von den braven Musketieren waren in der Schlacht
geblieben, viele tödlich verwundet worden.
Nach achtzehnjähriger Dienstzeit forderte Stülpner seinen Abschied, der
ihm jedoch nicht gewährt wurde, weil man bei dem nahe bevorstehenden
Kriege solche tüchtige Scharfschützen und brave Leute nicht entbehren
konnte. Stülpner war hierüber sehr unzufrieden, nahm auf sechs Wochen
Urlaub in seine Heimat und da man ihm das Versprechen, nach höchstens
vierjähriger Dienstzeit nach seiner freiwilligen Stellung ihn wieder zu
verabschieden, nicht gehalten hatte, so glaubte er nun auch nicht so
pflichtgetreu handeln zu müssen; er desertierte abermals nach Böhmen,
wo er sich in der Nähe von Sebastiansberg auf dem St. Christoph Hammer
eine Schenke pachtete und seine Familie dahin nachkommen ließ.
Hier lebte Stülpner fünf Jahre lang in stiller Zurückgezogenheit
mit den Seinigen, deren Zahl sich unterdessen noch durch die Geburt
eines Knaben vermehrt hatte und befand sich ganz erträglich.
Sein abenteuerliches Leben zog immer viele Gäste herbei, die bei
dem Anhören seiner Thaten und seiner erlittenen Schicksale beim
Bierkruge so manchen Kreuzer sitzen ließen. Mit dem Jahre 1813
zogen die Oesterreicher nach Sachsen gegen Napoleon, Sachsen erließ
Generalpardon, was Stülpner veranlaßte mit seiner Familie in seine
Heimat Scharfenstein zurückzukehren und seinen Abschied zu fordern, der
ihm diesmal auch gewährt wurde.
Im Spätherbste desselben Jahres durchstreiften eine Menge Kosaken,
spottweise Bauernkosaken genannt, unser Gebirge, die überall plündernd
eindrangen und einstmals auch wohl 200 Mann stark nach Scharfenstein
kamen, um alles, was sie fortbringen konnten, mit sich zu nehmen.
Auch Stülpners Familie blieb nicht verschont, das Raubgesindel trug
ihr sämtliche Habseligkeiten weg. Enrüstet über diese Frechheit eilte
Stülpner zwei Nachzüglern nach und warf sie, nach einigen unsanft
ausgeteilten Rippenstößen in die Zschopau, um ihnen hier ein russisches
Dampfbad zu bereiten. Kurz darauf befreite er das Dorf Grießbach,
wo auch eine Menge Kosaken plünderten, mit Hilfe eines ungarischen
Husarenunteroffiziers, der auf dem Schlosse Scharfenstein als
Salvegarde lag, von diesen Räubern, und hatte sich durch seine längst
anerkannte Bravour und Kühnheit einen solchen Ruf erworben, daß er
überall in der Umgegend, wo solche Plünderungen verübt wurden, zu Hilfe
herbeigerufen wurde und durch seine Geistesgegenwart und derben Fäuste
so manche Mißhandlung der armen Einwohner sowie den Verlust ihres
Eigentums verhinderte.
Im Jahre 1814 kaufte sich Stülpner ein Haus in Großolbersdorf,
welches später seine Tochter besaß, die an den Holzhändler Schönherr
verheiratet war. Nachkommen dieses Schönherr, also Enkelkinder und
Urenkel Stülpners, leben heute noch in Marienberg, in Lauterbach und in
Lauta.
In Großolbersdorf blieb Stülpner 5 Jahre, wanderte dann, von seinem
unruhigen Geist immer wieder fortgetrieben, abermals nach Böhmen, wo
er sich in Preßnitz niederließ und mit glücklichem Erfolg Paschhandel
betrieb.
Stülpner blieb bis zum Jahre 1828 in Böhmen, wo ihn das große Unglück
traf, durch den Staar ganz zu erblinden. In dieser für ihn höchst
traurigen Lage brachte er bis 1831 zu, wo er sich in Mittweida einer
Operation unterwarf, aber nur auf dem linken Auge die Sehkraft wieder
erlangte.
Als er im 73. Lebensjahre stand, entwirft Schönberg über seine
Persönlichkeit folgende Beschreibung: Stülpner ist zwar noch rüstig und
gesund und bietet allen Elementen Trotz, doch seine Hand, vermittelst
welcher er sonst seine tödliche Kugel so sicher zu dem verfolgten
Ziele sendete, zittert, und seine Sehkraft ist so geschwächt, daß er
stets einen Blendschirm tragen muß, und ist deshalb nicht vermögend,
durch irgend eine Handarbeit seine kümmerliche Existenz zu fristen.
Er besitzt noch alle Zähne, die wohl erhalten sind, und seine Sprache
ist, vorzüglich wenn er bei dem Erzählen seiner Thaten in jugendliche
Hitze gerät, noch so kräftig und donnernd, daß oft die Fensterscheiben
davon erklirren möchten. Ebenso ist seine ganze Haltung noch
gravitätisch genug, um mit einer spanischen Grandezza darin wetteifern
zu können. Seine Länge beträgt 76 sächsische Zoll und seine braune
männliche Physiognomie verrät sogleich das ihm angeborene treuherzige
Wesen, aber auch, wenn er gereizt wird, seine leicht aufbrausende
Hitze. Die Aussprache Stülpners gleicht dem höhern erzgebirgischen
Provinzialdialekt.
In seinem hohen Alter ist Stülpner, da er vollständig erwerbsunfähig
geworden war und kein Vermögen besaß, ganz und gar auf die
Unterstützung anderer Menschen angewiesen gewesen, doch ist es falsch,
wie man hier und da hört, daß er bettelnd umhergezogen und zuletzt im
Armenhaus gestorben sei. Unter den Jagdgenossenschaften hatte man an
verschiedenen Orten Sammlungen für Stülpner veranstaltet. Herr Pastor
Maximilian Lindner in Großolbersdorf schreibt mir: »Der Wilddieb
und Abendteurer Karl Stilpner (nicht »Stülpner,« wie sich jetzt die
Nachkommen seines Bruders, in Scharfenstein wohnhaft, schreiben), hatte
sich zwar gar nichts für sein hohes Alter erspart, aber so oft er sich
bei seinem Schwiegersohne hier besuchsweise aufhielt und da schon halb
erblindet war, ist er nicht von fremden Leuten unterstützt worden. Sein
Lebensabend in Scharfenstein wurde ihm, dem ehemaligen herrschaftlichen
Holzwärter, von der immer sehr gnädigen Familie von Einsiedel auf
Schloß Scharfenstein, einer stillen Beschützerin, durch ansehnliche
Spenden dergestalt erleichtert, daß es ihm an Nahrung und Kleidung
nicht mangelte.«
Laut Kirchenbuch zu Großolbersdorf ist Karl Stülpner am 24. September
1841 in Scharfenstein an Entkräftung gestorben und am 27. desselben
Monats auf dem Gottesacker zu Großolbersdorf christlich beerdigt worden.
Ueber Stülpners Sohn teilt mir gütiger Weise Herr Pastor Lindner
weiter mit: »Stülpners Sohn, in Böhmen geboren, diente als Jüngling
von ungefähr 18 Jahren bei Fabrikdirektor Leonhardt in Scharfenstein.
Im Jahre 1845 habe ich mit Herrn Leonhardt diesen Stülpner als Soldat
in Theresienstadt gesehen. Im Jahre 1875 oder 1876 hat mich dieser
Stülpner hier besucht und befand sich in schlechtem Zustande. Wo er
sich jetzt aufhält, ist mir unbekannt.«
_Ende._