Schnell verließ er die Stube und das Haus des Pastors. -- Zwar zeigte
derselbe den Vorfall sogleich der Obrigkeit an, man spürte Stülpnern
einen ganzen Tag lang nach, allein abermals kehrten die Ausgesendeten
unverrichteter Sache zurück.
Als Stülpner kurz nach seinem Erscheinen beim Pastor in Thum im
Marienberger Walde sein Revier beging, wo damals der Hofjäger Pätzhold
aus Wüstenschlette seinen Jagdbezirk hatte, welcher mit unter die
eifrigsten Verfolger Stülpners gehörte, so trug es sich zu, daß
Stülpner mit einem seiner Kameraden den Laut von Jagdhunden hörte.
Sogleich wendete er sich nach der Gegend hin und erblickte einen
Achtzehnender, welchen die Hunde scharf verfolgten. Stülpner legte an
und schoß den Hirsch in vollem Jagen. Hierauf schleppte er ihn mit
Hilfe seines Kameraden in die Jugend, um ihn hier aufzubrechen.
Nachdem dies geschehen, begiebt sich Stülpner unter Zurücklassung
seines Gehülfen bei dem erlegten Hirsche auf eine Anhöhe um sich hier
nach den Jägern, welche den nun von ihm geschossenen Achtzehnender
verfolgten, umzusehen. Als er einige Zeit hier gestanden und
unterdessen seine Büchse wieder geladen hatte, bemerkte er in noch
ziemlicher Ferne auf einem großen Gehau eine Menge Reiter von der in
Marienberg stehenden Kürassier-Eskadron nebst einer großen Anzahl
Landleute, welche mit Hilfe der Forstbeamten aufgeboten waren, den
Wald zu durchstreifen und vorzüglich Stülpnern daselbst aufzuheben.
Dieser verließ jetzt, als er die ihm drohende Gefahr bemerkte, schnell
seinen Posten, kehrte zu seinem Kameraden zurück und schaffte mit
demselben den Hirsch fünfzehn Schritte von dem Aufbruchplatze in ein
gut verwahrtes Versteck, worin er selbst mit seinem Genossen blieb.
Als dieses bedeutende Streifkorps durch den Schuß von Stülpnern
aufmerksam gemacht, sich immer mehr der Gegend näherte, wo er den
Hirsch erlegt hatte und zuletzt dem Orte, wo er in seinem sichern
Gewahrsam weilte, so nahe kam, daß er alles vernehmen konnte, was
gesprochen wurde, so hörte er unter anderem den Hofjäger Torges aus
Steinbach, der über den Aufbruch des Hirsches, welcher noch ganz warm
war, sowie über das Verschwinden des Wilddiebes sehr aufgebracht wurde,
folgende Worte äußern: »Herr Hofjäger Pätzhold, es ist doch kein Hase,
den einer schießt und steckt ihn in die Tasche und steigt damit auf den
Baum; Sie haben mich heute das achtzehnte Mal zur Streifung eingeladen,
ich komme nicht wieder dazu; den Kerl (Stülpnern) hat der lebendige
Teufel!«
Hierauf nahm dieses ganze Streifkorps seine Richtung nach der
böhmischen Grenze zu, worauf Stülpner, sich nun sicher glaubend, mit
seinem Genossen wieder aus seinem Hinterhalte sich hervorwagte, den
erlegten Hirsch auf einem freien Platze zerwirkte und dann das Wildpret
in die stets bereit liegenden Säcke packte und so schwer beladen mit
seinem Gefährten ebenfalls seinen Weg der Grenze zu einschlug.
Auf der Landstraße angekommen, verweilte er in einem großen Steinbruch,
um einen Fuhrmann abzuwarten, der ihm sein Wildpret aufladen solle.
Nach Verlauf einiger Zeit kommt wirklich ein Vierspänner, welcher nach
Böhmen seinen Weg nimmt; sogleich geht Stülpner auf ihn zu, spricht
ihn an, ob er nicht für ein gutes Trinkgeld sein Wildpret bis auf den
böhmischen Gasthof in Reitzenhain mitnehmen wolle? Der Fuhrmann weigert
sich erst, seinen Wunsch zu erfüllen. Da greift Stülpner in die
Zügel der Pferde und droht dem Fuhrmann, »wenn er nicht sogleich sein
Wildpret aufladen wolle, mit seinem Gehilfen den Wagen umzustürzen.«
Eingeschüchtert durch die drohenden Worte, ladet der Fuhrmann
schließlich das Wildpret auf und nun geht es vorwärts, der böhmischen
Grenze zu. Stülpner geht 200 Schritte vor und sein Kamerad 200 Schritte
als Bedeckung nach dem Wagen. So gelangten sie, ohne unterwegs noch
jemandem weiter zu begegnen oder angehalten zu werden, nachdem es
schon sehr dunkel geworden war und überall die Lichter brannten, nach
Reitzenhain.
Als sie sich dem sächsischen Gasthof näherten, war das ganze Haus
voll von Militär, Forstbeamten und Landleuten, denselben, die zu
Stülpners Aufgreifung aufgeboten waren. Sogar der Hof, durch welchen
die Landstraße führte, war mit Menschen und Pferden angefüllt, dessen
Passage jedoch beim Herannahen des schweren Frachtwagens jetzt so
viel als möglich freigemacht wurde. Stülpner passierte nun ruhig,
seine Büchse über der Schulter hängend, ohne in der Dunkelheit erkannt
und angehalten zu werden, mitten durch seine Verfolger, und blieb,
glücklich bis an die Grenze gelangt, stehen, um zu sehen, ob auch der
Fuhrmann mit dem Wagen und sein Kamerad glücklich nachkämen, und da
auch diese nicht weiter aufgehalten wurden, so ging es über die Grenze.
Hier angelangt, naht sich Stülpner dem Fuhrmanne mit folgenden Worten:
»Nun, habe ich es nicht gesagt, daß es gehen wird?« »Ja«, erwiderte
derselbe, »wenn es so abläuft, da laß ichs mir gefallen; nun kennen wir
einander schon. Wenn ich daher künftig wieder dienen kann, so dürfen
Sie mir nur winken, ich werde gern und jederzeit zu Diensten stehen.«
Als ihn Stülpner hierauf bezahlen wollte, nahm er durchaus nichts,
sondern war damit hinlänglich befriedigt, ihm dadurch eine Gefälligkeit
erwiesen zu haben.
Hätten damals die so zahlreich versammelten Feinde und Verfolger
Stülpners ahnen können, ihrem so eifrig verfolgten Ziele so nahe zu
sein, so hätte er ihnen hier wohl schwerlich entwischen können und
würde gewiß seine Tollkühnheit schwer haben büßen müssen.
Jetzt folgt eine Scene, die in Bezug auf Stülpners spätere Befreiung
und Aufhebung der ihm gedrohten Strafe einen großen Einfluß hatte.
Als er einst gegen Abend in der Nähe der Heinzebank bei Marienberg
auf den Anstand ging, hörte er auf der Landstraße, noch unter der
Heinzebank, einen Wagen kommen und einen Postillon blasen, welcher aber
nur zwei Stöße in das Horn that, worauf weder von ihm noch vom Fahren
des Wagens weiter etwas gehört werden konnte. Stülpner glaubte daher,
es wäre etwas mit dem Wagen vorgegangen und begab sich deshalb auf eine
Anhöhe, von wo aus er die Landstraße eine große Strecke überblicken
konnte.
Er bemerkte drei Straßenräuber, die den Postillon vom Pferde gerissen
hatten und eben im Begriff waren, ihm den Garaus zu machen. Sogleich
that Stülpner, da er die Räuber wegen der zu großen Entfernung nicht
erreichen konnte, einen Schreckschuß. Sobald die Räuber den Schuß
gehört hatten, flüchteten sie sich etwas tiefer in den Wald hinein,
wo sie aber wieder Posto faßten, um zu sehen, was sich unterdessen
ereignen würde. Stülpner eilte so schnell als möglich nach dem
Postwagen hin und feuerte, als er die drei Kerle in dem Gebüsch
bemerkte, seine beiden scharfgeladen Pistolen auf sie ab, worauf sie
sich noch tiefer in den Wald hinein flüchteten.
Hierauf näherte er sich dem Postwagen und half zuerst dem Postillon,
welcher nur einige leichte Verwundungen erhalten hatte, wieder auf
die Beine, dann untersuchte er den Postwagen, worin außer einem
Handwerksburschen, welchen der Postillon aus alter Bekanntschaft
blind mitgenommen hatte, weiter kein Passagier zugegen war. Uebrigens
enthielt die Post ein Faß mit Geld, welches wahrscheinlich der
Zielpunkt der Räuber gewesen war und ohne Stülpners Dazwischenkunft
und schnelle Hilfe ein Raub derselben geworden wäre. Da der Postillon
noch eine große Strecke Weges durch den Wald zu fahren hatte und aus
Furcht vor der Rückkehr der Räuber denselben nicht allein passieren
wollte, so erbot sich Stülpner, ihn als Bedeckung zu begleiten und fuhr
bis an Marienberg mit heran, wo er unter den herzlichsten Dank- und
Segenswünschen des Postillons sich wieder von ihm entfernte, denselben
aber bat, seinen Vorgesetzten das soeben Geschehene mitzuteilen, was
der Postillon auch versprach und treulich erfüllte, da er überall diese
schöne, uneigennützige Handlung Stülpners erzählte, welche von seiten
der hohen Behörde sehr zu seinen Gunsten aufgenommen wurde.
Schloß Scharfenstein war zu Stülpners Zeiten im Besitz der altadeligen
Familie von Einsiedel. Der derzeitige Herr von Scharfenstein hatte
ebenfalls wie seine Vorfahren sich dem Militärdienst gewidmet und
österreichische Dienste genommen, als Major in einem ungarischen
Husarenregiment unter Laudons siegreichen Fahnen bei der Belagerung
von Belgrad mehrere Wunden empfangen, die ihn unfähig machten, seine
rühmliche Heldenbahn weiter fortzusetzen. Er nahm daher seinen
Abschied, welcher ihm auf die ehrenvollste Art erteilt wurde, und
hielt sich bis zur völligen Heilung seiner Wunden erst in Ofen und
dann in Wien auf. Doch da ihm das Treiben und das Volksgewühl dieser
großen Residenz bald zum Ueberdruß wurde, beschloß er, wieder nach
Sachsen zurückzukehren und in der ländlichen Stille seines Schlosses
die ihm noch vergönnte Lebenszeit zu genießen.
Während seiner langen Abwesenheit wurde das Rittergut Scharfenstein
von einem Pächter, Philipp mit Namen, verwaltet, der als wohlhabender,
rechtschaffener Mann die Achtung der ganzen Umgegend genoß.
Groß war die Freude und der Jubel der Bewohner und sämtlicher
Unterthanen von Scharfenstein, als sie aus der geschäftigen Eile, womit
das Innere des Schlosses zu einem festlichen Empfang geschmackvoll
eingerichtet und vorbereitet wurde, nun auf die baldige Ankunft ihres
allverehrten Herrn schließen konnten, und als er endlich plötzlich in
Scharfenstein eintraf, eilte Jung und Alt in den Schloßhof, um ihn
nach so langer Abwesenheit wieder zu sehen und freundlich zu begrüßen.
Liebreich trat der edle Major in ihre Mitte und versicherte seinen
treuen Unterthanen, sie nun nie wieder zu verlassen, und als Freund und
Vater für sie fernerhin Sorge tragen zu wollen.
Da die Bewirtschaftung des Ritterguts wie früher dem Pächter anvertraut
blieb, so verwendete der Major, um sein gegebenes Versprechen treu
zu erfüllen, meistenteils seine Mußestunden dazu, sich von den
spezielleren Verhältnissen seiner Unterthanen in Kenntnis zu setzen.
Liebevoll nahm er an den Schicksalen armer, bedrängter Familien teil
und spendete überall gern Hilfe, wo es nötig war; auch in moralischer
Hinsicht trug er viel zum Wohle seiner Untergebenen bei.
Im Gerichtsarchiv fand er einen Stoß Akten vor, die, Stülpnern
betreffend, seine Aufmerksamkeit auf letzteren lenkten; er hatte
übrigens auch schon früher von ihm gehört und beschloß, auch diesen
seine Teilnahme erregenden Menschen näher kennen zu lernen. Der Major
erkundigte sich in Scharfenstein und in der Nachbarschaft genau nach
Stülpners Erziehung, Charakter und Lebenswandel. Da nun das Resultat
der Meinungen gewöhnlich immer darin übereinstimmte, daß Stülpner
hinsichtlich seines Gewerbes allerdings wider die Gesetze gehandelt
und noch handle, er aber durchaus kein bösartiger und gefährlicher
Mensch sei, sich außer seinem verbotenen Treiben als Wildschütz noch
nie eine schlechte Handlung habe zu Schulden kommen lassen und daß er
wahrscheinlich ein sehr brauchbarer und nützlicher Mensch geworden
wäre, wenn er gleich von vorn herein eine bessere Erziehung erhalten
hätte, so beschloß der Herr von Einsiedel, seiner traurigen Lage eine
bessere Wendung zu geben und womöglich durch seinen Bekanntenkreis am
Hofe ihm eine Begnadigung des Landesherrn auszuwirken.
Doch konnte er nicht umhin, den schon früher erwähnten Inspektor G. in
Thum und damaligen Gerichtsverwalter zu Scharfenstein, als er kam, um
dem Major seine Aufwartung zu machen, über das schnelle Verfahren gegen
Stülpner einige Verweise zu geben, indem er ihm zu verstehen gab, daß
wohl mancher Mensch nicht zum Verbrecher herabsänke, wenn er oft anders
behandelt worden wäre und daß dies wohl auch der Fall bei Stülpnern
sein könne.
Der Gerichtsdirektor wollte entschuldigend einwenden, daß er während
der Abwesenheit des Gerichtsherrn nicht habe anders handeln können,
doch ließ dies der Major nicht gelten.
Mit dem Herrn von Einsiedel vereinigte sich unterdessen zur
Befreiung Stülpners auch der Rittmeister von Zinsky auf Hilmersdorf,
welcher ebenfalls die edlen Gesinnungen des Majors teilte und nun
gemeinschaftlich mit diesem für seine Begnadigung wirkte.
Während dieser Zeit erhielt eines Tages der Pächter Philipp durch
unbekannte Hand ein Billet, worin er ersucht wurde, zu einer bestimmten
Stunde im nahen Walde allein zu erscheinen, ein alter Bekannter habe
etwas Notwendiges mit ihm zu besprechen. Der Pächter wunderte sich zwar
über diese sonderbare Einladung, doch beschloß er, bei dem Bewußtsein
seiner Rechtschaffenheit, ohne Bedenken zur festgesetzten Zeit an der
bezeichneten Stelle zu erscheinen.
Kaum war er daselbst angelangt, als Stülpner wie gewöhnlich mit
gespannter Büchse aus den schattigen Bäumen heraustrat, und da er
den Geladenen allein sah, den Hahn wieder in Ruhe setzend, mit einem
höflichen Gruß auf den Pächter zuging. Mit bescheidenem, aber festem
Tone bat er hierauf denselben um Verzeihung, daß er ihn hierher bemüht
habe, legte seine Gesinnung und die Ursache seiner Handlungsweise
unumwunden dar und gestand nun ganz offenherzig, daß er nicht geglaubt
hätte, daß sich seine Angelegenheiten auf eine so traurige Art
gestalten würden. Zugleich bat er den Pächter, sich für ihn bei dem
Major von Einsiedel zur Milderung seiner Lage zu verwenden.
Mit ernster Miene erwiderte hierauf der Pächter, daß er am
allerwenigsten hier mit ihm zusammen zu kommen erwartet hätte, es sei
doch eine große Dreistigkeit, bei den seinetwegen ergangenen Befehlen
sich ihm hier noch zu zeigen.
»Verzeihen Sie, Herr Pächter,« entgegnete Stülpner, »eben diese Befehle
veranlaßten mich, Sie hierher einzuladen. In meiner Lage ist es leider
fast unmöglich, auf direktem Wege mit einem rechtschaffenen Manne
ein Wort sprechen zu können, weshalb ich mich genötigt sah, diesen
einzuschlagen, um Sie wegen meiner Lage um Ihren guten Rat zu fragen.«
Pächter: »Ich muß gestehen, daß Er mich in eine große Verlegenheit
versetzt, da es mir sehr zum Nachteile gereichen kann, wenn ein Dritter
uns hier beisammen sieht; ein jeder ist ja verpflichtet, Ihn zu
verhaften.«
Stülpner: »Einem so rechtschaffenen Mann wie Sie kann dies keinen
Nachteil bringen, wie wollten Sie mich auch allein (lächelnd nach der
Büchse greifend) verhaften? Außerdem zwinge ich Sie ja nicht, mir Rede
zu stehen. Doch ich will Sie nicht länger aufhalten, darum zur Sache:
Welche Strafe würde mich wohl treffen, wenn man mich in die Gewalt
bekäme?«
Pächter: »Das Entspringen aus dem Arrest wird für doppelte Desertion
angerechnet werden, welche Strafe Ihm bekannt sein wird, und als
Wilddieb droht ihm Festungsbau.«
Stülpner wurde bei den letzten Worten sehr bewegt. »Festungsbau?« rief
er erschüttert. »Also doch diese harte Strafe für ein Vergehen, welches
ich durchaus nicht als ein so großes Verbrechen erachtet habe. Wenn es
da keinen Mittelweg giebt, dann muß es wohl beim Alten bleiben, und da
mag es kommen, wie es will.«
Da ihm der Pächter entgegnete, daß seine Begriffe in Bezug auf die
Wilddieberei sehr falsch wären, bei solch allgemeiner Willkür würde das
Wild in kurzer Zeit ausgerottet sein, gestand es Stülpner zu und wollte
auch seinen gewöhnlichen Grundsatz darin nicht weiter rechtfertigen.
Hierauf fragte er den Pächter, ob er wohl eine Milderung seiner Strafe
zu erwarten hätte, wenn er sich freiwillig der Obrigkeit ausliefere.