Der Schatz des Pfarrers von Broby

Es herrschte Schweigen im Kavalierflügel. Die krummen Waldhörner, die in

Veranlassung des Marktes geputzt und mit neuen grünen Schnüren und

Quasten verziert waren, hingen unbenutzt in den Ecken. Die Violinen

lagen, in rohe Seide gewickelt, in ihren Kasten, den Bogen zur Seite,

das Harz und die Reservesaiten am Kopfkissen. Die Flöten waren nicht aus

dem Bade herausgenommen, in dem sie lagen, um dicht zu werden. Die

Bellmanslieder ertönten nicht, man hörte kein Scherzen und Lachen. Auf

dem großen Tisch, der voll weißer Ringe von den Groggläsern war, stand

noch das Tablett, aber niemand mischte den dampfenden Trunk.

Beerencreutz saß da und spielte mit den Karten, niemand aber machte

Miene, Geld auf den Spielteller zu werfen.

Diese Kavaliere, die zu Wächtern der Freude angestellt waren, glichen

jetzt den frierenden Winterfliegen, die in das Dunkel und den Schutz des

Ofens kriechen. Es war kalt und einsam um sie her geworden. Gestern war

Hauptmann Lennart gestorben, von seinem Sterbebett war Gösta Berling in

die Wälder und in die Wildnis hinausgeflüchtet, wie es seine Gewohnheit

war, wenn sein Gewissen eine neue, schmerzende Wunde erhalten hatte. Sie

wußten, daß er lange fortbleiben würde, vielleicht Wochen, bis die Zeit

sein Elend geheilt hatte. Ihre junge Gräfin hielt sich eingeschlossen

und wollte niemand von ihnen sehen.

Die Rosen waren verwelkt, die Blätter waren abgefallen, das Gras war

gelb geworden. Und die Kavaliere fingen an zu glauben, daß das Leben

selber ausgeblüht habe. Örneclou sah plötzlich, daß er alt und häßlich

war, Onkel Eberhard hatte sein großes wissenschaftliches Werk

abgeschlossen, Patron Julius' Gewissen wollte nicht schlafen,

Liliencrona sehnte sich nach Hause.

Und sie fragten sich selber, womit sie es verschuldet hatten, daß der

Wein seinen Geschmack verloren, daß das Kartenspiel ihnen keine Freude

mehr machte, daß die Musik sie nicht mehr belebte. Weshalb war die Macht

der Freude von ihnen gewichen? Welch Verbrechen hatten sie begangen, die

armen, elenden Kavaliere?

Da öffnete sich die Tür, und die Tochter des Pfarrers von Broby trat zu

den versammelten Kavalieren ein. Sie war eine energische kleine Person,

die das ganze Jahr hindurch gegen die liederliche Wirtschaft und die

Verschwendung angekämpft hatte. Es war etwas so Strenges,

Pflichtgetreues an ihr, daß die Kavaliere stets einen gewissen Respekt

vor ihr gehabt hatten, obwohl sie kaum die Kinderschuhe ausgezogen

hatte.

»Heute bin ich wieder zu Hause gewesen und habe nach dem Geld meines

Vaters gesucht«, sagte sie zu den Kavalieren. »Aber ich habe nichts

gefunden. Alle Schuldbeweise sind ausgestrichen, und Schubfächer und

Schränke stehen leer.«

»Das ist traurig für Sie, Jungfer«, sagte Beerencreutz.

»Als die Majorin aus Ekeby fortzog,« fuhr die Tochter des Pfarrers von

Broby fort, »bat sie mich, acht auf ihr Haus zu geben. Und falls ich nun

das Geld meines Vaters gefunden hätte, würde ich es dazu verwendet

haben, Ekeby wieder instand zu setzen. Da ich aber nichts anderes fand,

nahm ich einige von den Stöcken und Zweigen von meines Vaters

Schandhügel mit, denn es harrt meiner große Schande, wenn meine Herrin

heimkehrt und mich fragt, was aus Ekeby geworden ist.«

»Nehmen Sie sich doch eine Sache nicht so zu Herzen, an der Sie keine

Schuld haben, Jungfer«, entgegnete Beerencreutz.

»Aber ich habe nicht allein für mich Stöcke vom Schandhügel genommen«,

sagte das junge Mädchen. »Ich nahm auch einige für die guten Herren mit.

Bitte recht sehr, meine Herren! Mein Vater ist nicht der einzige

gewesen, der Schmach und Schande in diese Welt gebracht hat.«

Und sie ging von dem einen zum andern und legte vor einen jeden einige

der dürren Zweige. Mehrere von den Kavalieren fluchten, die meisten aber

ließen sie gewähren. Schließlich sagte Beerencreutz mit der ruhigen

Würde eines vornehmen Herrn:

»Es ist gut, Jungfer. Haben Sie Dank! Jetzt können Sie gehen.«

Als sie fort war, schlug er mit der geballten Faust auf den Tisch, so

daß die Gläser tanzten. »Von diesem Augenblick an«, sagte er, »trinke

ich nie wieder. So etwas soll der Branntwein nicht zum zweitenmal über

mich bringen.« Dann erhob er sich und ging hinaus, und tiefes Schweigen

lagerte sich wieder über den Kavalierflügel.

Aber vor einem jeden der Kavaliere lagen einige von den Hölzern und

Zweigen des Schandhügels. Und von ihnen ging eine Reihe unheimlicher

Fragen aus:

Wo ist die Majorin? Was ist aus Ekebys Ehre und Macht geworden? Weshalb

ist Gottes Gesandter getötet worden? Wo ist der Reichtum, der ehemals am

Löfsee herrschte?

Und es war plötzlich, als ertöne der Kavalierflügel von tausend Stimmen,

die alle antworteten. Es war den alten Herren, als säßen sie mitten in

einem summenden, stechenden Bienenschwarm. Denn auf alle diese Fragen

vernahmen sie stechende, beißende Antworten.

Die Kavaliere haben ihre Wohltäterin vertrieben, die Kavaliere, denen

sie ein Heim gab, haben sie heimatlos gemacht. Sie gab ihnen Speisung

und Freude, sie gaben ihr Hunger und Sorgen.

Die Kavaliere haben das stolzeste Gut in ganz Wermland ruiniert. Die

Kavaliere haben dem Gesandten Gottes sein eigenes Haus verschlossen. Der

Raufbold, der ihm das Leben nahm, hat ihm weniger Schaden zugefügt als

wir, die wir seine liebste Hoffnung töteten. Die Kavaliere haben die

Sorglosigkeit und den Trunk unter den Armen verbreitet, sie haben die

ganze Löfseer Harde ruiniert.

Diese Stimmen hatten nicht lange gesummt und gestochen, als ein Kavalier

nach dem andern sich erhob und hinausging. Und es traf sich so, daß sie

sich nach einer Weile alle unten am Gießbach zusammenfanden, dort, wo

die Mühle und die Schmiede gestanden hatten. Überall sah man Spuren der

Zerstörung. Der große Hammer ragte aus einem Haufen von Sparren und

Brettern hervor, die dicken Ofenmauern standen noch mitten in der

Zerstörung, und am Boden sah man noch die große Esse ihren weiten

Schlund öffnen.

Und seht nur! In all diesem Wirrwarr ging der Oberst umher und

arbeitete, er machte Platz für eine neue Schmiede und eine neue Mühle.

Und allmählich, als die anderen kamen, gingen auch sie an die Arbeit.

Bald waren sie alle da; sie schleppten Balken fort, brachen Steine auf,

gruben und zimmerten. Und bald fingen die Lieder wieder an zu klingen,

und Scherzen und Lachen erschallte im Kreise. Wieder waren sie mutig und

stark; sie würden Ekeby schon wieder aufrichten. Sie wollten die Majorin

heimholen; sobald es möglich war, sollte die Tochter des Pfarrers von

Broby zu ihr hinaufreisen. Die Armen am Löfsee sollten wieder Arbeit

haben.

Aber der Kontrakt, der schwarze, mit Blut geschriebene Kontrakt aus der

Christnacht? Ach -- sie handelten jetzt weit mehr kavaliermäßig als

ehedem. Sie arbeiteten, und sie wollten fortfahren zu arbeiten, ihr Lohn

aber sollte in Ehre bestehen und nicht in Geld.

Am Sonntagmorgen kam Gösta Berling nach der Brobyer Kirche. Der

Gottesdienst hatte bereits begonnen, infolgedessen war es vor der Kirche

leer, vor dem Portal aber stand ein in Eile zusammengeschlagener Sarg.

Es ward Gösta Berling schwer, an diesem Sarg vorüberzugehen. Er wußte,

daß der gute Hauptmann Lennart darin ruhte, und es war ihm, als wenn er

ihm den Weg zur Kirche versperre.

Gösta war einen Tag und zwei Nächte im Walde umhergewankt, er hatte

nichts gegessen, war müde, hungrig, erschöpft von Leiden. Jetzt war er

gekommen, um die armen Leute in der Kirche zu sehen, denn da droben in

der Einsamkeit hatte er an den Tag gedacht, da er am Schandhügel des

Pfarrers von Broby gesessen, an die Nacht, da er die finsteren Scharen

mit der Leiche des Mädchens von Nygaard hatte fortziehen sehen, da ihn

das Verlangen ergriff, der Diener und Freund der Armen zu sein. Jetzt

wollte er sie in der Kirche sehen, um Kraft zu sammeln, damit er ihnen

dienen könne.

Aber er konnte nicht an Hauptmann Lennarts Sarg vorüberkommen. Es war

ihm, als rufe der Tote ihm zu: »Gösta Berling, wie willst du den Armen

helfen? Du schleppst noch die Folgen all des Bösen, das du getan, hinter

dir her. Vorerst mußt du, müssen alle, die du liebst, die Früchte von

dem Unheil ernten, das du gesäet hast.«

Er trat an den Sarg heran und fiel davor auf die Knie. »Hilf mir, der

Helfer der Armen zu werden,« sagte er, »hilf mir, daß ich der Geliebten

nie wieder Kummer mache.« Und einmal über das andere wiederholte er:

»Hilf mir, daß ich fortan keinen Kummer, keine Schande, Not und anderes

Elend in diese Welt bringe!«

Da legte sich eine schwere Hand auf Göstas Schulter. Hinter ihm stand

Sintram.

»Gösta, willst du jemand einen tüchtigen Streich spielen, so leg dich

hin und stirb. Es gibt nichts so Raffiniertes, als zu sterben, nichts,

das einem braven Menschen einen ärgeren Strich durch die Rechnung macht,

wenn er es am wenigsten ahnt. Leg dich hin und stirb, sage ich dir!«

»Das wäre auch das Beste für mich«, meinte Gösta.

»Vorerst aber ersinne etwas, Gösta, wodurch ich den da im Sarge ärgern

kann.«

»Hat er dich angeführt?«

»Freilich hat er das! Sieh mich nur an, mein Junge! Ich bin ein

betrogener Mann. Weshalb mußte er sich auch so dumm anstellen und mich

zum besten haben, so daß ich an seine Dummheit glaubte, während er

schlau genug war, sich gerade im rechten Moment hinzulegen und zu

sterben. Aber er soll seinen Lohn haben! Ich reiße Flor und Kränze von

seinem Sarge, stoße ihn um und trete mit Füßen darauf.«

»Nicht, so lange ich lebe!« rief Gösta.

Sintram kreuzte die Arme über der Brust und hob den Kopf in die Höhe; es

lag etwas von der entsetzlichen Majestät des Bösen über diesem ihrem

Diener.

»Es ist mein gutes Recht!« sagte er feierlich. »Es war ein großes Werk,

und der Plan war geschickt gelegt; er aber hat ihn zerstört. Es handelte

sich um die ganze Löfseer Harde. Hätte ich meinen Willen durchgesetzt,

würde die ganze Harde zugrunde gerichtet sein. Worauf habe ich denn

sonst dies ganze Jahr hindurch hingearbeitet? Ich habe die Majorin

vertrieben. Ich habe Melchior Sinclaire elend gemacht. Ich halte den

Schatz des Pfarrers von Broby verborgen. Ich habe die Kavaliere regieren

lassen. Und jetzt war das Volk so wild und unglücklich geworden, daß

niemand sie daran hindern konnte, sich ins Verderben zu stürzen,

niemand, mit Ausnahme dieses Mannes, der sich gerade im rechten

Augenblick hinlegte und starb. Sahest du es, mein Junge, sahest du es

wohl? Die Bauern rückten gegen die Westgotländer, die Dalekarlier gegen

die Bauern vor; hätte es nur eine Sekunde länger gewährt, so wäre der

ganze Marktplatz in einen großen Walplatz verwandelt gewesen. Frauen und

Kinder wären mit Füßen getreten, die Waren in den Schmutz geworfen

worden, Raub und Mord hätten gehaust. Wäre Hauptmann Lennart nicht

gestorben, so wäre das alles eingetroffen. Und hinterher wäre dann das

Gericht gekommen. Hungersnot, neue Aufstände, Einquartierungen würden

sie ausgesogen haben. Die ganze Harde wäre so häßlich, so verrufen, so

verhaßt geworden, daß niemand außer dem alten Sintram dort hätte wohnen

mögen. Wäre das nicht ein großes Werk gewesen?«

»Aber welchen Zweck sollte dies alles nur haben?«

Sintrams Augen sprühten Blitze, als er antwortete: »Es wäre mir eine

Freude gewesen, denn ich bin schlecht. Ich bin der Bär im Gebirge, ich

bin der Schneesturm auf der Ebene; meine Lust ist es, zu morden und zu

verfolgen. Fort, sage ich, fort mit den Menschen und mit dem

Menschenwerk! Ich kann sie nicht leiden. Ich kann sie zwischen meinen

Klauen hindurchlaufen und ihre Sprünge machen lassen -- das kann mich

eine kleine Weile amüsieren --, aber nun hatte ich das Spiel satt, Gösta,

nun wollte ich zuschlagen, jetzt wollte ich zerstören.«

Er wäre wahnsinnig, vollständig wahnsinnig. Er hatte vor langer Zeit zum

Scherz mit diesen Höllenkünsten begonnen, jetzt aber hatte die Bosheit

Oberhand über ihn gewonnen, jetzt glaubte er selber, daß er einer der

Geister der Hölle sei.

Gösta Berling aber, der vor Eifer entbrannte, den Notleidenden zu

helfen, war durch seine Worte wie vom Blitz getroffen.

»Weißt du, wo der Schatz des Pfarrers von Broby liegt?« fragte er.

Sintram antwortete mit einem schnellen, lauernden Blick. »Willst du

vielleicht der Helfer des Volkes sein, Gösta?«

»Ja«, erwiderte Gösta; er wußte, daß es am besten war, mit einem Manne

wie Sintram die Wahrheit zu reden.

Ein Lichtschimmer zuckte über Sintrams Antlitz. »Sieh, sieh!« sagte er,

»da will ich den im Sarge ruhig liegenlassen, denn dann weiß ich eine

bessere Rache.«

»Was hast du zu rächen? Der beste Freund des Volkes ist tot, und die Not

ist ebenso groß wie vorher.«

»Ich sage dir, alles ist verloren. Schau nur dahin! Siehst du? Heute

habe ich den Gefängniswagen als Equipage bekommen, und es hat mich viele

Tränen gekostet, den Landvogt zu bewegen, daß er draußen hält, während

ich ein Gebet am Sarge des frommen Mannes verrichte.«

Und Gösta sah, daß der Gefängniswagen an der Kirchhofsmauer hielt und

auf Sintram wartete.

»Ich wollte hierher und mich bei der Frau Hauptmann bedanken, daß sie

gestern in alten Papieren nachsuchte, um Beweise gegen mich in der

bewußten Pulvergeschichte zu finden, und mir dann die Obrigkeit auf den

Hals sandte, gerade als ich mich anschickte, zum Begräbnis dieses guten

Mannes zu gehen. Aber ich will den Sarg nicht anrühren, ich kann etwas

tun, was noch weit besser ist. -- Hör einmal! Ihr seid wohl jetzt wahre

Engel Gottes da oben in Ekeby? Wenn die Tochter des Brobyer Pfarrers ihr

Erbe bekommt, wollt ihr und sie dann alles unter die Armen austeilen?«

»Sie will es benutzen, um Ekeby wieder aufzurichten und den Armen zu

helfen; das hat sie oft gesagt.«

Sintram lachte vor sich hin. »Du wüßtest wohl für dein Leben gern, wo

das Geld steckt, Gösta?«

»Ja, das wüßte ich gern.«

»Willst du mir versprechen, geradeswegs von hier zu der Stelle im Walde

zu gehen, wo das Mädchen aus Nygaard sich zu Tode fiel, und dich dort

herabstürzen, so will ich dir sagen, wo das Geld ist. Es wäre so schön,

wenn du da sterben könntest; dann würden alle sagen, daß deine

schrecklichen Gewissensqualen dich in den Tod getrieben hätten.«

»Ich habe gelobt, mir das Leben nicht zu nehmen, so lange Anna Lisa im

Dienst der Majorin steht.«

»Gilt nicht!« erwiderte Sintram. »Wenn du ihr das Geld verschaffst,

dient sie ja nicht mehr.«

Aber bei Gösta Berling schien nun all das alte und all das neue Sehnen

sich zu dem einen zu vereinigen -- sterben zu dürfen. Es war niemals zur

Klarheit gekommen zwischen ihm und ihr, die er seine Gattin nannte. Er

war glücklich gewesen, daß er ihr dienen durfte wie die anderen

Kavaliere, wie es aber werden sollte, wenn ihre Zeit auf Ekeby um war,

das wußte er nicht. Er wußte nicht einmal, ob sie zu ihren Eltern

zurückkehren oder bei ihm bleiben würde. Eins aber stand fest: er konnte

ihr keinen größeren Dienst erweisen, als indem er ihr ihre Freiheit

wiedergab, und dazu hatte er jetzt die beste Gelegenheit. Jetzt konnte

er alle seine Gewissensqualen loswerden; jetzt konnte er die Wünsche

seiner besten Momente erfüllen, er konnte Gott und den Menschen dienen;

das alles und weit mehr lag in diesem schönen, herrlichen: sterben zu

dürfen.

Er reichte Sintram die Hand, und dieser schlug ein.

»Das Geld liegt im Kirchturm zu Bro, unter den Dielen in der Nähe der

Schallöcher«, sagte Sintram. »Sorge nun aber dafür, daß du aus der Welt

bist, ehe es Abend wird, denn sonst werde ich es schon so einrichten,

daß die Tochter des Pfarrers von Broby ihr Geld selbst behält.«

Jetzt folgte ein schöner Tag für Gösta Berling. Er ging in die Kirche

und dachte mit feierlicher Freude daran, daß er sein Leben hingeben

wolle, um allen diesen Menschen zu helfen. Er ging in die Sakristei und

schrieb eine Bekanntmachung aus, daß die Arbeit in Ekeby wieder

aufgenommen werden solle und daß dort Korn an die Armen verteilt werden

würde. Und er vernahm das Gemurmel der Freude und des Staunens, das

durch die Menge ging, als das Manifest nach dem Gottesdienst verlesen

wurde. Er schrieb auch ein paar Worte an seine Gattin und teilte ihr

mit, wo der Schatz zu finden sei. Gegen seinen Willen lief die Feder

weiter, und er schrieb ihr einige Worte des Abschieds, falls sie

einander nie wiedersehen sollten. Er müsse etwas tun, um den Tod des

Mädchens aus Nygaard zu sühnen, schrieb er. Sobald er den Brief

abgesandt hatte, wunderte er sich, weshalb er das eigentlich geschrieben

hatte, und er bereute es.

Die Welt war ihm lange nicht so schön erschienen wie an diesem Tage.

Nach dem Gottesdienst sprach er mit Anna Stjärnhök und mit Marianne

Sinclaire. Sie baten ihn beide, sich aufzuraffen und ein Mann zu werden.

Er erfuhr, daß Anna Stjärnhök sich mit der Arbeit getröstet hatte; sie

bewirtschaftete jetzt ihre großen Güter selber, und man sagte von ihr,

daß sie eine zweite Majorin werden würde. Er fühlte, daß diese beiden

stolzen Frauen unter dem Bewußtsein litten, sich des Mannes schämen zu

müssen, den sie geliebt hatten. Jetzt, dachte er, werden sie sich

darüber freuen, daß ich mein Leben hingebe, um alle die Armen aus ihrer

Not zu erretten, um Ekeby wieder in seinem alten Glanz aufzurichten.

Nach dem Gottesdienst wurde Hauptmann Lennart begraben. Da er am

Markttage gestorben war, hatte sich die Kunde weithin verbreitet, und zu

Tausenden waren die Leute zur Kirche geströmt. Der ganze Kirchhof, die

Mauer und das an die Kirche grenzende Feld waren voll Menschen. Der alte

Probst war krank und predigte sonst nicht. Aber zu Hauptmann Lennarts

Beerdigung hatte er versprochen zu kommen. Und er kam, gesenkten Hauptes

und in seine eigenen Träume vertieft, wie er es jetzt in seinen alten

Tagen zu sein pflegte, und stellte sich an die Spitze des Leichenzuges.

Der Alte war vor vielen Leichenzügen hergegangen, er ging den bekannten

Weg ohne aufzublicken, er warf Erde auf den Sarg, verrichtete die Gebete

und merkte nichts Ungewöhnliches. Als aber der Küster den Gesang

anstimmte, wurde er von hundert und aber hundert Stimmen gesungen,

Männer, Frauen und Kinder sangen mit. Da erwachte der Alte aus seinen

Träumen. Er strich sich über die Augen, als wenn die Sonne ihn blende,

und stieg auf den aufgeschütteten Erdhügel, um sich umzuschauen. Niemals

hatte er einen solchen Gesang an einem Grabe gehört, niemals eine solche

Schar von Trauernden gesehen. Die Männer hatten die alten, abgetragenen

Begräbnishüte aufgesetzt, die Frauen ihre weißen Schürzen mit den

breiten Falten umgebunden. Sie trugen alle Trauer, sie weinten und

sangen alle.

Der alte Probst zitterte vor Bewegung. Er empfand eine heilige Freude,

als er die Liebe des Volks zu dem Verstorbenen sah. Als der Gesang

verstummt war, streckte er dem Volk seine Arme entgegen. Er sprach

einige Worte mit schwacher Stimme, hielt dann aber inne. Wieder begann

er, aber nur die Zunächststehenden hörten seine Worte. Auf einmal aber

schöpfte seine Stimme Kraft und Klang aus dem liebevollen Verlangen,

dies trauernde Volk zu trösten.

Er erzählte seinen Zuhörern alles, was er von dem Gesandten Gottes

wußte. Er erinnerte sie daran, daß weder äußerer Glanz noch großes

Vermögen diesem Mann zu seinem Ansehen verholfen hatte, sondern nur das

eine, daß er stets auf Gottes Wegen gewandelt war. Und nun bat er sie,

um Gottes und Christi willen ein gleiches zu tun. Ein jeder solle seinen

Nächsten lieben und ihm behilflich sein. Ein jeder solle das Beste von

seinem Nächsten glauben, ein jeder solle so handeln wie dieser gute

Hauptmann Lennart; denn dazu bedürfe es keiner großen Gaben, sondern nur

eines frommen Sinnes. Und er setzte ihnen auseinander, daß alles, was in

diesem Jahr geschehen war, eine Vorbereitung sei zu der Zeit der Liebe

und des Glückes, die ihnen jetzt bevorstehe. Er habe in diesen Jahren

oft menschliche Güte in zerstreuten Strahlen hervorbrechen sehen; jetzt

werde sie als helle, glänzende Sonne hervortreten.

Er erhob seine Augen und Hände und verkündete Frieden über das Land. »In

Gottes Namen,« sagte er, »der Unfriede höre auf! Der Friede wohne in

euren Herzen und in der ganzen Natur! Möchten die toten Dinge und die

Tiere und Pflanzen Ruhe finden und aufhören, Schaden anzurichten.«

Und es war Gösta und ihnen allen, als hörten sie einen Seher reden. Alle

wollten einander lieben, alle wollten gut sein. Es war, als sei ein Mann

Gottes gekommen, der Macht über alles Erschaffene habe. Ein heiliger

Friede senkte sich auf die Erde herab. Es war, als strahlten die Berge,

als lächelten die Täler, und die Herbstnebel kleideten sich in

Rosenschimmer.

Schließlich bat er um einen Helfer für das Volk. »Es wird einer kommen«,

sagte er. »Es ist nicht Gottes Wille, daß ihr jetzt vergehen sollt. Gott

wird einen erwecken, der die Hungernden sättigt, der euch auf seine Wege

lenkt.«

Da fühlte Gösta, daß der Alte von ihm redete, der sein Leben schon um

der Armen willen verkauft hatte. Und viele von denen, die die

Kundmachung gehört hatten, gingen heim und erzählten, nun würde sich

schon alles zum Guten wenden, habe doch der tolle Pfarrer auf Ekeby

gelobt, ihnen zu helfen.

Gösta aber schlug den Weg in die westlichen Berge ein und verschwand in

der Finsternis der tiefen Wälder.

* * * * *

Es war lange vor jenem Jahr, in dem die Kavaliere auf Ekeby herrschten.

Der Hirtenbube und das Hirtenmädchen spielten zusammen im Walde, bauten

Häuser aus flachen Steinen, pflückten Beeren und schnitten

Holunderflöten. Sie waren beide im Walde geboren, dort war ihr Heim, ihr

Reich. Sie lebten in Frieden mit allem, was da drinnen war, wie man mit

dem Gesinde und mit den Haustieren in Frieden lebt.

Die Kleinen nannten die Luchse und die Füchse ihre Hofhunde, das Wiesel

war ihre Katze, Hasen und Eichhörnchen ihre Spielgefährten, Bären und

Elentiere ihr Großvieh. Eulen und Auerhähne saßen in ihren Vogelbauern,

die Tannen waren ihre Diener und die jungen Birken ihre Gäste bei ihren

Festen. Sie kannten wohl die Höhlen, in denen die Otter im Winterschlaf

zusammengerollt lag, und wenn sie badeten, hatten sie die Natter durch

das klare Wasser schwimmen sehen; aber sie fürchteten sich weder vor

Schlangen noch vor Waldgeistern, die gehörten ja mit zum Walde, und der

war ihr Heim. Nichts konnte sie erschrecken.

Tief drinnen im Walde lag die Hütte, wo der Junge wohnte. Ein hügeliger

Waldpfad führte dahin, ringsumher schatteten die Berge, grundlose Moore

lagen in der Nähe und entsandten das ganze Jahr hindurch ihre eiskalten

Nebel. Für die Bewohner der Ebene hat eine solche Wohnung sehr wenig

Verlockendes.

Der Hirtenbube und das Hirtenmädchen wollten einmal im Laufe der Jahre

Mann und Frau werden, wollten dort in der Waldhütte wohnen und von ihrer

Hände Arbeit leben. Ehe sie sich aber verheiraten konnten, brach das

Unglück des Krieges über das Land herein, und der junge Mann ließ sich

werben. Er kehrte heim ohne Wunden oder körperliche Gebrechen, aber

diese Kriegsjahre hatten ihm fürs ganze Leben ihren Stempel aufgedrückt.

Er hatte zu viel von der Schlechtigkeit der Welt und der Grausamkeit der

Menschen gegen ihre Mitmenschen gesehen, so daß er jetzt das Gute nicht

mehr erblicken konnte.

Anfangs war keine Veränderung an ihm zu bemerken. Er ging mit seiner

Jugendliebe zum Pfarrer und bestellte das Aufgebot. Die Waldhütte

oberhalb Ekeby ward ihr Heim, wie sie es sich längst ausgemalt hatten;

aber das Glück sollte nicht in diesem Heim wohnen.

Die junge Frau ging einher und schaute ihren Mann an wie einen Fremden.

Seit er vom Kriege heimgekehrt war, hatte sie ihn nicht wiedererkennen

können. Er lachte so hart und redete wenig. Sie fürchtete sich vor ihm.

Er tat nichts Böses und war ein fleißiger Arbeiter. Doch war er nicht

beliebt, denn er traute allen Menschen Böses zu. Er fühlte sich selber

wie ein verhaßter Fremdling; jetzt waren die Tiere des Waldes seine

Feinde, der Berg, der ihn beschattete, das Moor, das seine Nebel

entsandte, waren seine Gegner. Der Wald ist eine unheimliche Wohnung für

jemand, der sich mit bösen Gedanken trägt.

Wer in öden Gegenden wohnt, muß sich einen Vorrat von lichten

Erinnerungen schaffen. Sonst sieht er nur Mord und Unterdrückung unter

Tieren und Pflanzen, wie er es unter den Menschen gesehen hat. Er

erwartet Böses von allem, was ihm begegnet.

Jan Hök, der Soldat, konnte selber nicht verstehen, was ihm war, aber er

merkte, daß ihm alles zuwiderging. Sein Heim bot ihm nur geringen

Frieden. Die Söhne, die dort heranwuchsen, wurden stark, aber wild;

abgehärtete, mutige Männer waren sie, aber auch ihre Hand war gegen

alle, wie aller Hand gegen sie war.

Seine Frau ließ sich von ihrem Kummer verlocken, die Geheimnisse der

Natur zu erforschen. In Mooren und Dickichten suchte sie heilende

Kräuter. Sie ergründete das Wesen der Unterirdischen und wußte, welche

Opfer erforderlich waren. Sie konnte Krankheiten heilen, konnte guten

Rat gegen Liebeskummer erteilen. Sie stand in dem Ruf, Zauberkräfte zu

besitzen, und ward gemieden, obwohl sie den Menschen großen Nutzen

erwies.

Einmal faßte die Frau sich ein Herz und redete mit dem Mann über seinen

Kummer. »Seit du in den Krieg gingst, bist du wie verhext«, sagte sie.

»Was haben sie dir angetan?«

Da fuhr er auf und war nahe daran, sie zu schlagen, und so ging es

jedesmal, wenn sie den Krieg erwähnte. Er wurde wie wahnsinnig vor Zorn.

Er duldete es nicht, daß jemand das Wort Krieg aussprach, das wurde bald

bekannt; da nahmen sich denn die Leute vor diesem Thema in acht.

Aber keiner seiner Kriegskameraden konnte sagen, daß er mehr Böses getan

hatte als andere. Er hatte wie ein guter Soldat gekämpft. Nur all das

Entsetzliche, das er gesehen, hatte es ihm so angetan, daß er fortan

nur noch das Schlechte sehen konnte. Es war ihm, als wenn die ganze

Natur ihn hasse, weil er an dergleichen teilgenommen hatte. Diejenigen,

die es besser wissen, können sich damit trösten, daß sie für das

Vaterland und die Ehre kämpfen. Was wußte er davon? Er wußte nur, daß

alles ihn haßte, weil er Blut vergossen und Gewalt geübt hatte.

Zu jener Zeit, als die Majorin aus Ekeby vertrieben wurde, wohnte er

allein in seiner Hütte. Seine Frau war gestorben, und seine Söhne waren

fortgezogen. Aber zur Marktzeit war die Hütte doch voller Gäste. Die

dunkelhäutigen Zigeuner kehrten dort ein, sie gedeihen am besten bei

dem, den die Menschen scheuen. Kleine, langhaarige Pferde kamen dann den

Waldweg hinaufgeklettert, die Wagen voll von verzinnten Gerätschaften,

Kindern und Lumpen. Früh gealterte Frauen mit vom Trunk und vom

Tabakrauchen angeschwollenen Gesichtern und Männer mit bleichen,

scharfen Zügen und sehnenstarken Gliedern folgten den Wagen. Wenn sie an

der Waldhütte anlangten, wurde die Stimmung heiter, Branntwein und

Karten und Spektakel führten sie mit sich, sie erzählten von

Diebstählen, Pferdetausch und blutigen Schlägereien.

Es war an einem Freitag, als der Brobyer Markt begann und Hauptmann

Lennart getötet wurde. Der starke Måns, der Mörder, war der Sohn des

Alten in der Waldhütte. Als deswegen die Zigeuner am Sonntagnachmittag

da oben zusammensaßen, reichten sie dem alten Jan Hök die

Branntweinflasche häufiger als sonst und sprachen mit ihm von

Gefängnisleben und Gefangenenkost und Verhören, denn das kannten sie.

Der Alte saß auf dem Haublock in der Ofenecke und sprach nicht viel.

Seine großen, glanzlosen Augen starrten über die wilde Schar hin, die

die Stube füllte. Die Dämmerung war hereingebrochen, aber das flackernde

Fichtenholz erleuchtete den Raum. Es beschien Lumpen und Elend und Not.

Die Tür öffnete sich leise und zwei Frauen traten ein. Es war die junge

Gräfin Elisabeth, gefolgt von der Tochter des Pfarrers von Broby.

Sonderbar wollte es dem Alten erscheinen, als sie, liebenswert und

strahlend in ihrer milden Schönheit, in den Lichtkreis des Feuers trat.

Sie erzählte ihnen, daß Gösta Berling sich seit Hauptmann Lennarts Tod

nicht auf Ekeby hatte sehen lassen. Sie und ihr Mädchen hätten den

ganzen Nachmittag den Wald durchsucht. Jetzt sähe sie, daß hier Männer

seien, die weit umhergewandert waren und alle Wege kannten. Hatte

niemand von ihnen Gösta bemerkt? Sie sei hereingekommen, um zu fragen,

ob ihn jemand gesehen habe.

Vergebliche Frage. Niemand hatte ihn gesehen.

Sie rückten ihr einen Stuhl ans Feuer, sie sank darauf nieder und saß

eine Weile schweigend da. Der Lärm im Zimmer war verstummt; alle sahen

sie an und wunderten sich über sie. Dann ward ihr das Schweigen

unheimlich, sie fuhr zusammen und suchte nach einem gleichgültigen

Gesprächsstoff.

»Wenn ich mich nicht irre, bist du Soldat gewesen?« wandte sie sich an

den Alten. »Erzähle uns doch etwas vom Kriege!«

Das Schweigen wurde nur noch unheimlicher. Der Alte saß da, als habe er

nichts gehört.

»Ich möchte gern etwas vom Kriege hören, von einem, der mit dabeigewesen

ist«, sagte die Gräfin. Aber sie hielt plötzlich inne, denn ihre

Begleiterin machte ihr ein Zeichen mit dem Kopf. Sie mußte etwas

Unpassendes gesagt haben; alle da drinnen starrten sie an, als habe sie

gegen die ersten Anstandsregeln verstoßen. Plötzlich begann eine der

Frauen mit scharfer Stimme: »Ist das nicht die ehemalige Gräfin auf

Borg?«

Ja, die sei sie.

»Die sollte doch auch was Besseres tun, als dem tollen Pfarrer im Walde

nachzulaufen. Pfui!«

Die Gräfin erhob sich und sagte Adieu, sie habe jetzt genügend geruht.

Die Frau, die vorhin gesprochen hatte, begleitete sie hinaus.

»Ich wollte der Frau Gräfin nur sagen, daß ich meine Äußerung von vorhin

gar nicht so gemeint habe. Ich mußte nur etwas sagen, denn der Alte wird

wie rasend, wenn er von Krieg reden hört. Ich meinte es ja nicht böse.«

Die Gräfin eilte weiter, aber sie stand bald wieder still. Sie sah den

drohenden Wald, den schattenwerfenden Berg, den dampfenden Sumpf. Es

mußte unheimlich sein hier zu wohnen, wenn der Sinn mit bösen

Erinnerungen angefüllt war. Sie hatte Mitleid mit dem Alten, der da

drinnen saß, die dunklen Zigeuner als einzige Gesellschaft.

»Anna Lisa,« sagte sie, »laß uns umkehren! Sie waren gut gegen uns dort

in der Hütte, ich aber habe mich nicht gut aufgeführt. Ich will mit dem

Alten über freundlichere Dinge reden.« Und glücklich, jemand gefunden zu

haben, den sie trösten konnte, begab sie sich wieder in die Hütte

zurück.

»Ich fürchte,« sagte sie, »daß Gösta Berling hier im Walde umhergeht mit

dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Deswegen ist es wichtig, daß man

ihn bald findet und ihn daran verhindert. Anna Lisa und ich haben oft

gemeint ihn zu sehen; aber er ist uns immer wieder entschwunden. Er hält

sich gewiß in der Nähe des Berges auf, wo das Mädchen von Nygaard ums

Leben kam. Da fiel es mir eben ein, daß ich wohl nicht ganz bis Ekeby

zurückzugehen brauche, um Hilfe zu holen. Hier sind so viele starke

Männer, daß sie Gösta Berling sicher fangen können!«

»Auf, ihr Männer!« rief die Frau aus. »Wenn die Frau Gräfin sich nicht

für zu gut hält, unsere Leute um einen Gefallen zu bitten, so sollt ihr

gleich gehen!«

Die Männer erhoben sich und gingen hinaus, um zu suchen.

Der alte Jan Hök saß still und starrte glanzlosen Blickes vor sich hin,

so finster und hart, daß man bange vor ihm werden konnte. Der jungen

Frau wollte gar kein Wort einfallen, das sie an ihn hätte richten

können.

Da sah sie, daß ein Kind krank auf einem Bündel Stroh lag und daß eine

der Frauen eine kranke Hand hatte. Gleich begann sie, den Kranken zu

helfen. Sie ward bald vertraut mit den geschwätzigen Frauen und ließ

sich die kleinsten Kinder zeigen.

Eine Stunde später kamen die Männer zurück. Sie führten Gösta Berling

gebunden in die Hütte und legten ihn vor das Feuer nieder. Seine Kleider

waren zerrissen und beschmutzt, seine Züge verzerrt, und die Augen

rollten ihm wild im Kopf. Er war in den letzten Tagen auch wild

umhergestürmt. Er hatte auf der nassen Erde gelegen, hatte Hände und

Gesicht in den Schlamm des Moors hineingebohrt, hatte sich über

Felsblöcke hinweggeschleppt und war in das dichteste Dickicht gedrungen.

Jetzt wußte er, daß der Tod nicht so leicht zu finden ist. Stunde auf

Stunde war er da oben umhergeschwankt, mit seiner aufflammenden

Lebenslust ringend. Gutwillig war er den Männern nicht gefolgt, sie

hatten ihn überwältigen und binden müssen.

Als seine Frau ihn so sah, ward sie zornig. Sie besaß auch ihren Stolz,

und sie fühlte sich gedemütigt, ihren Mann in einem solchen Zustand zu

erblicken. Sie löste seine gebundenen Glieder nicht, sondern ließ ihn am

Boden liegen.

»Wie du aussiehst!« sagte sie.

»Ich wollte dir ja nicht vor die Augen treten«, erwiderte er.

»Bin ich denn nicht deine Gattin? Habe ich nicht das Recht, zu erwarten,

daß du mit deinem Kummer zu mir kommst?«

»Ich weiß nicht, für was du dich ansiehst. Ich weiß nicht, welche Pläne

du für dein Leben hast. Aber ich weiß, daß ich dir keinen größeren

Dienst erweisen kann, als wenn ich sterbe.«

Sie sandte einen unsagbar verächtlichen Blick zu ihm hinüber. »Du

wolltest mich zur Witwe eines Selbstmörders machen!«

Sein Antlitz verzog sich schmerzlich. »Elisabeth, laß uns unter vier

Augen miteinander reden.«

»Weshalb sollten diese Menschen uns nicht anhören können?« rief sie mit

scharfer Stimme aus. »Sind wir besser als sie? Hat jemand von ihnen mehr

Kummer und Sorge hervorgerufen als wir? Sie sind die Kinder des Waldes

und der Landstraße, aller Hand ist gegen sie erhoben. Laß sie nur hören,

daß auch dem Herrn von Ekeby Sünde und Schmach anhaftet, ihm, dem von

allen geliebten Gösta Berling. Glaubst du, daß ich mich für besser halte

als sie -- oder tust du es?«

Er richtete sich mit Anstrengung aus seiner liegenden Stellung auf und

sah sie mit aufflammendem Trotz an. »Ich bin nicht so elend, wie du

meinst.« Und in seinem Zorn erzählte er ihr von der Begeisterung des

Vormittags und der Übereinkunft vor der Kirchentür.

»Es wäre längst mit mir aus gewesen, wenn du nur nicht in den Wald

gekommen wärest«, sagte er schließlich. »Ich konnte nicht sterben,

während du mir so nahe warst. Laß mich jetzt aber frei, damit ich mein

Wort einlösen kann!«

»Ach,« sagte sie, als er geendet hatte, »wie gut ich das alles kenne!

Heldenphrasen! Heldenmanieren! Stets bereit, die Hände ins Feuer zu

stecken, Gösta, stets bereit, dich selber wegzuwerfen. Wie groß habe ich

das nicht einstmals gefunden! Wie sehr liebe ich jetzt aber Ruhe und

Besonnenheit! Wenn du deine Hand auf den Sarg des guten Mannes gelegt

und in Sintrams Gegenwart geschworen hättest, zu leben, um diesen armen

Leuten zu helfen, die er ins Verderben stürzen wollte, dann würde ich

dich gepriesen haben. Daß du ihnen aber durch ein Verbrechen helfen, daß

du Versöhnung durch ein Verbrechen suchen wolltest -- wie kannst du

erwarten, daß ich das schön finden soll?«

Er sah sie voller Verzweiflung an. »Ich mußte Versöhnung suchen!« rief

er aus; »und was habe ich zu geben, wenn nicht mein Leben? Du vergißt,

daß ich ein abgesetzter Pfarrer bin, verworfen von den Menschen,

verworfen von Gott.«

»Wie wagst du es, so zu reden, Gösta! Man ist dir mit zu viel Liebe

begegnet, das ist das Unglück. Frauen und Männer haben dich geliebt.

Wenn du nur scherztest und lachtest, wenn du nur sangest und spieltest,

dann verziehen sie dir alles. Alles, was du ausführtest, fanden sie gut.

Und hörtest du nicht die Rede des Propstes am Grabe? Hörtest du nicht,

was Gott von dir erwartet? Die armen Menschen gingen nach Hause und

sprachen von dir als von ihrem Erretter, und du gingest in den Wald und

wolltest sterben. Du bist aller Held, Gösta, und du willst sie

verlassen!«

»Wie kann ich ihnen ohne Geld helfen? Habe ich nicht Sintram

versprochen, zu sterben, sobald ich dies Geld bekommen hätte?«

»Wir auf Ekeby,« erwiderte die Gräfin, und ihre Stimme bebte vor Zorn

und Kummer, »wir wußten gestern abend schon, wo das Geld war. Major

Fuchs fiel es plötzlich ein, er hatte den Schatz in einer Nacht

entdeckt, als er in den Kirchturm geschlichen war, um Glockenerz zu

einer Kugel zu holen.«

Gösta schloß die Augen und führte die gebundenen Hände an seine Brust,

als wolle er die Qualen seines Herzens beschwichtigen.

»Aber das macht in bezug auf dich gar keinen Unterschied,« fuhr die

Gräfin fort. »Sintram hat dir ehrlich gesagt, wo das Geld steckt, du

schuldest es ihm also, zu sterben. Ach, wie kannst du nur glauben, daß

Geld einer Not wie der unsern zu steuern vermag! Und siehe, Gösta,

welch ein herrlicher Abschluß für dein Leben! Man wird dich mit Tränen

zur letzten Ruhestätte geleiten, und du wirst nicht weniger gepriesen

werden als der gute Hauptmann Lennart, denn auch du hast ja dein Leben

für das Volk dahingegeben. Und ich allein weiß, daß du es fröhlich

hingabst, weil du Reue und Buße schuldetest. Jetzt aber sage ich dir,

daß du leben sollst, und du sollst ganz einfach hingehen und deine

Pflicht tun.

»Du sollst nicht von Heldentaten träumen, du sollst nicht glänzen und

Staunen erregen, du sollst dafür sorgen, daß dein Name nicht zu viel in

aller Leute Munde ist. Bedenke dich aber wohl, ehe du dein Sintram

gegebenes Wort zurücknimmst! Du hast dir nun eine Art von Anrecht

erworben zu sterben, und in Zukunft wird dir das Leben wohl nicht mehr

viele Freude bieten. Es hat bisher keine rechte Klarheit zwischen uns

bestanden, Gösta; du hast es nicht gewagt, mich als deine Gattin zu

betrachten, und ich habe nicht gewußt, ob es Gottes Wille war, der uns

zusammenführte, oder nur die Folge einer krankhaften Überspanntheit von

meiner Seite. Es war eine Zeit hindurch mein Wunsch, gen Süden zu

ziehen, ich glaubte, es sei ein zu großes Glück für mich Schuldbeladene,

deine Gattin zu sein und an deiner Seite durchs Leben zu wandern. Aber

jetzt will ich hierbleiben. Wenn du den Mut hast zu leben, will ich

hierbleiben. Erwarte aber keine Freude davon; ich werde dich zwingen,

die Wege der schweren Pflichten zu wandern. Niemals darfst du von mir

Worte der Freude und der Hoffnung erwarten. All den Kummer, all das

Unglück, das wir beide hervorgerufen haben, will ich als Wächter an

unserm Herd aufstellen. Kann wohl ein Herz, das so viel gelitten hat

wie das meine, noch lieben? Ohne Tränen, ohne Freude werde ich an deiner

Seite wandern. Bedenke dich wohl, Gösta, ehe du deine Wahl triffst! Es

ist der Weg der Buße, den wir wandern werden.«

Sie wartete nicht auf Antwort. Sie winkte ihrer Begleiterin und ging.

Als sie in den Wald kamen, fing die Gräfin bitterlich an zu weinen und

weinte, bis sie Ekeby erreichten. Dort angekommen, fiel es ihr plötzlich

ein, daß sie ganz vergessen hatte, mit Jan Hök, dem Soldaten, über

freundlichere Dinge als über den Krieg zu reden.

In der Waldhütte ward es still, als sie gegangen war.

»Herr Gott, dir sei Preis und Ehre!« sagte plötzlich der alte Soldat.

Alle sahen ihn an. Er hatte sich erhoben und schaute eifrig um sich.

»Schlechtigkeit -- alles ist Schlechtigkeit gewesen«, sagte er. »Alles,

was ich gesehen habe, seit ich die Augen aufschlug, war Schlechtigkeit.

Böse Männer, böse Frauen, Haß und Zorn in Wald und Feld. Sie aber ist

gut. Ein guter Mensch hat in meinem Hause geweilt. Wenn ich nun allein

hier sitze, werde ich ihrer gedenken. Auf den Waldpfaden wird sie mir

nahe sein.«

Er beugte sich über Gösta herab, löste seine Bande und richtete ihn auf.

Dann ergriff er feierlich seine Hand.

»Von Gott verlassen,« sagte er und nickte, »das ist die Sache! Jetzt

aber bist du es nicht mehr, und auch ich bin es nicht mehr, seit sie in

meinem Hause geweilt hat. Sie ist gut.«

Am nächsten Tage kam der alte Jan Hök zum Amtsrichter Scharling. »Ich

will mein Kreuz auf mich nehmen«, sagte er. »Ich bin ein böser Mann

gewesen, deswegen habe ich böse Söhne bekommen.« Und er bat, ob er

nicht statt seines Sohnes ins Gefängnis kommen könne. Aber das ließ sich

natürlich nicht machen.

Die schönste von den alten Geschichten aber ist die, die davon handelt,

wie er seinen Sohn begleitete, neben dem Gefängniswagen herwanderte, vor

seiner Zelle schlief und nicht von ihm wich, bis er seine Strafe verbüßt

hatte. Die findet wohl auch mal ihren Erzähler.

Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland · 第 47 / 56 题