Buße

Liebe Freunde! Wenn es geschehen sollte, daß ihr einem Armen, Elenden

auf eurem Wege begegnet, einem betrübten Wesen, das den Hut auf den

Rücken herabhängen läßt und seine Schuhe in der Hand trägt, um keinen

Schutz gegen den Sonnenbrand und gegen die Steine des Weges zu haben,

einem Verteidigungslosen, der aus freiem Willen alles Böse auf sein

Haupt herabbeschwört, so geht mit stillem Beben an ihm vorüber. Es ist

ein Büßer, versteht ihr wohl, ein Büßer auf der Wanderung zum Heiligen

Grabe.

Der Bußfertige muß einen groben Mantel tragen und von Wasser und Brot

leben, selbst wenn er ein König ist. Er muß gehen und darf nicht fahren.

Er muß betteln und darf nichts besitzen. Er muß zwischen den Disteln

schlafen, auf den Knien über die harten Grabsteine rutschen. Er muß die

knotige Geißel über seinem Rücken schwingen und kann keinen Genuß finden

außer im Leiden, keine Freude außer im Kummer.

Die junge Gräfin Elisabeth gehörte einstmals zu denen, die den groben

Mantel trugen und die dornenvollen Pfade gingen. Ihr Herz klagte sie der

Sünde an. Es trachtete nach Schmerz wie der Müde nach einem warmen Bade.

Not und Elend brachte sie über sich, indem sie jubelnd in die Nacht des

Lebens hinabstieg.

Ihr Mann, der junge Graf mit dem alten Kopf, kehrte am Morgen nach jener

Nacht, in der die Frühlingsfluten die Ekebyer Mühle und Schmiede

vernichtet hatten, von seiner Reise heim. Er war kaum angelangt, als

Gräfin Märta ihn rufen ließ und ihm wunderliche Dinge erzählte.

»Deine Frau ist über Nacht ausgewesen, Henrik. Sie ist viele Stunden

fortgewesen. Sie kam in Begleitung eines Mannes zurück. Ich hörte, wie

er ihr 'Gute Nacht' sagte; ich weiß auch, wer er ist. Ich hörte es, als

sie ging und als sie kam, wenn das auch wohl kaum ihre Absicht gewesen

ist. Sie hintergeht dich, Henrik! Sie hintergeht dich, das scheinheilige

Wesen, das filierte Gardinen vor alle Fenster hängt, nur um mich zu

ärgern. Sie hat dich nie geliebt, mein armer Junge. Ihr Vater wollte sie

nur gut verheiratet wissen. Sie nahm dich, um versorgt zu sein.«

Sie machte ihre Sache so gut, daß Graf Henrik ganz außer sich geriet. Er

wollte eine Scheidung beantragen. Er wollte seine Frau zu ihrem Vater

zurücksenden.

»Nein, mein Sohn,« sagte Gräfin Märta, »auf die Weise würde sie völlig

zugrunde gehen. Sie ist verzärtelt und hat eine schlechte Erziehung

gehabt. Ich will mich ihrer annehmen, ich will sie auf den Weg der

Pflicht zurückführen.«

Und der Graf rief die junge Gräfin herein und sagte ihr, daß sie fortan

unter seiner Mutter stehen solle. Ach, welch eine Szene nun folgte! Eine

elendere Komödie ist wohl niemals in diesem der Trauer geweihten Hause

gespielt worden.

Viele böse Worte ließ er sie hören. Er erhob die Hände gen Himmel und

klagte Gott an, weil er es erlaubt hatte, daß sein Name von einer

schamlosen Frau in den Schmutz geschleppt wurde. Er drohte ihr mit der

geballten Faust und fragte, welche Strafe sie groß genug für ihr

Verbrechen halte.

Sie war gar nicht bange vor ihrem Mann. Sie glaubte noch immer, daß sie

recht gehandelt habe. Sie sagte, sie habe schon einen schrecklichen

Schnupfen bekommen, das sei doch wohl Strafe genug.

»Elisabeth!« sagte Gräfin Märta, »dies ist nichts, worüber man scherzen

kann.«

»Wir beide«, erwidert die junge Frau, »haben uns nie darüber einigen

können, wann es Zeit sei, zu scherzen oder ernsthaft zu sein.«

»Aber du mußt doch begreifen können, Elisabeth, daß keine ehrbare Frau

ihr Haus mitten in der Nacht verlassen und mit einem berüchtigten

Abenteurer umherstreifen kann.«

Da begriff Elisabeth, daß ihre Schwiegermutter beschlossen hatte, sie

ins Elend zu stürzen. Sie begriff, daß sie bis zum äußersten kämpfen

müsse, damit es dieser Frau nicht gelänge, ein schreckliches Unglück

über sie zu bringen.

»Henrik,« bittet sie, »laß deine Mutter sich nicht zwischen uns stellen.

Ich will dir erzählen, wie das Ganze sich zugetragen hat. Du bist

gerecht, du wirst mich nicht ungehört verurteilen. Ich will dir alles

erzählen und du wirst sehen, daß ich so handelte, wie du mich zu handeln

gelehrt hast.«

Der Graf nickte schweigend als Zeichen seiner Zustimmung, und nun

erzählte Gräfin Elisabeth, wie sie dazu gekommen war, Gösta Berling auf

den Weg des Bösen zu stoßen. Sie erzählte alles, was sich in dem kleinen

blauen Kabinett zugetragen hatte, und wie ihr Gewissen sie getrieben,

den zu retten, dem sie unrecht getan.

»Ich hatte ja kein Recht, ihn zu verurteilen,« sagte sie, »und mein Mann

hat mich selbst gelehrt, daß kein Opfer zu groß ist, wenn man ein

Unrecht wieder gutmachen will. Nicht wahr, Henrik?«

Graf Henrik wandte sich an seine Mutter.

»Was sagst du dazu, Mutter?« fragte er. Sein kleiner Körper war jetzt

ganz steif vor Würde, und seine hohe, schmale Stirn hatte er in

majestätische Falten gelegt.

»Ich,« erwiderte die Gräfin, »ich sage, daß Anna Stjärnhök ein kluges

Mädchen ist und daß sie wohl wußte, was sie tat, als sie Elisabeth diese

Geschichte erzählte.«

»Du beliebst mich mißzuverstehen, Mutter,« sagte der Graf. »Ich frage,

was du zu dieser Geschichte sagst. Hat Gräfin Märta Dohna versucht, ihre

Tochter, meine Schwester, zu einer Ehe mit einem abgesetzten Geistlichen

zu überreden?«

Gräfin Märta schwieg einen Augenblick. Ach, wie dumm dieser Henrik doch

war! Jetzt war er auf ganz falscher Fährte. Der Jagdhund verfolgte den

Jäger selbst und ließ den Hasen laufen. Aber wenn Märta Dohna auch einen

Augenblick um die Antwort verlegen gewesen war, so besann sie sich doch

schnell.

»Lieber Sohn,« sagte sie mit einem Achselzucken, »wir haben allen Grund,

diese alten Geschichten von dem unglücklichen Mann ruhen zu lassen, es

ist derselbe Grund, der mich jetzt veranlaßt, dich zu bitten, allen

öffentlichen Skandal zu vermeiden. Es ist nämlich höchstwahrscheinlich,

daß er in dieser Nacht ums Leben gekommen ist.«

Sie sprach in einem sanften, beklagenden Ton, aber es war kein wahres

Wort an ihrer Rede.

»Elisabeth hat heute lange geschlafen und hat deswegen nicht gehört, daß

schon Leute rings um den See herum entsandt sind, um Herrn Berling zu

suchen. Er ist nicht nach Ekeby zurückgekehrt, und man fürchtet, daß er

ertrunken ist. Das Eis ist heute morgen aufgegangen. Sieh nur, der Sturm

hat es in tausend Stücke zersplittert.«

Gräfin Elisabeth schaute hinaus, der See lag beinahe eisfrei da. Da

schämte sie sich ihrer selbst. Sie hatte Gottes Gerechtigkeit entgehen

wollen. Sie hatte gelogen und geheuchelt. Sie hatte sich in den weißen

Mantel der Unschuld gehüllt.

Die Verzweifelte warf sich vor ihrem Gatten auf die Knie, und das

Bekenntnis rang sich aus ihrer Brust:

»Richte mich! Verstoße mich! Ich habe ihn geliebt. Ich zerraufe mir das

Haar, ich zerreiße meine Kleider vor Kummer. Mir ist alles gleichgültig,

jetzt, wo er tot ist. Ich mache mir nichts daraus, mich zu verteidigen.

Du sollst die ganze Wahrheit erfahren. Ich habe meinem Manne die Liebe

meines Herzens entzogen und sie einem Fremden geschenkt. Ach, ich

Unglückliche, ich habe mich zu verbotener Liebe verlocken lassen!«

Du junge Verzweifelte! Liege da zu den Füßen deiner Richter und sage

ihnen alles! Willkommen, Martyrium, willkommen, Entehrung, willkommen!

Ach, wie kannst du nur den Blitz des Himmels zwingen, auf dein junges

Haupt herabzufahren?

Sage deinem Gatten, wie du dich entsetzt hast, als die Leidenschaft dich

überwältigt hat, wie du bebtest über die Schlechtigkeit deines Herzens.

Lieber wärest du den Gespenstern auf dem Kirchhof begegnet, als den

Dämonen in deiner eigenen Brust.

Sage ihnen, wie du, die du von Gottes Angesicht verwiesen warst, dich

unwürdig fühltest, auf der Erde zu wandeln. In Gebet und Tränen hast du

gerungen. »Ach, Gott, errette mich! Ach, Sohn Gottes, du, der du die

bösen Geister austreibst, errette mich vor dem Verderben!« So hast du

gefleht.

Sage ihnen, daß du glaubtest, es sei das beste, alles zu verbergen.

Niemand sollte deine Schlechtigkeit kennen lernen. Du glaubtest, daß es

Gott wohlgefällig sei, wenn du so handeltest. Du glaubtest auch, daß du

auf Gottes Wegen wandeltest, als du den Mann erretten wolltest, den du

liebtest. Er ahnte nichts von deiner Liebe. Er sollte deinetwegen nicht

ins Verderben geraten. Wußtest du, was recht war? Wußtest du, was

unrecht war? Gott allein wußte es, und er hatte dich gerichtet. Er hatte

den Abgott deines Herzens getroffen. Er hatte dich auf den großen,

erlösenden Weg der Buße geführt.

Sage ihnen, daß du es weißt, daß in der Verheimlichung keine Erlösung

liegt. Die Dämonen lieben die Finsternis. Laß sich die Hände deiner

Richter nur um die Geißel ballen! Die Strafe wird wie lindernder Balsam

auf die Wunden der Sünde fallen. Dein Herz sehnt sich nach dem Leiden.

Sag ihnen dies alles, während du auf den Knien liegst und die Hände in

namenlosem Schmerz ringst, mit dem wilden Tonfall der Verzweiflung

redest und mit wildem Lachen den Gedanken an Strafe und Entehrung

begrüßest, bis dein Mann dich nimmt und dich vom Boden hebt.

»Benimm dich, wie es sich für eine Gräfin Dohna geziemt, sonst muß ich

meine Mutter bitten, dich wie ein Kind zu züchtigen.«

»Tue mit mir, was du willst!«

Da fiel das Urteil des Grafen: »Meine Mutter hat für dich gebeten,

deswegen darfst du hier in meinem Hause wohnen. In Zukunft aber wird _sie_

befehlen, und du wirst gehorchen.«

* * * * *

Seht den Weg der Buße!

Die junge Gräfin ist die Geringste von allen Dienstmägden geworden. Wie

lange, ach, wie lange?

Wie lange wird ein stolzes Herz sich beugen können? Wie lange werden

ungeduldige Lippen schweigen können, wie lange wird eine heftige Hand

zurückzuhalten sein?

Wohltuend ist das Elend der Erniedrigung. Während der Rücken von der

harten Arbeit schmerzt, schweigt das Herz. Zu dem, der nur wenige kurze

Stunden auf einem harten Strohlager schläft, kommt der Schlaf ungerufen.

Selbst wenn sich die alte Frau in einen bösen Geist verwandelt, um die

junge hinreichend peinigen zu können, so dankt sie ihrer Wohltäterin.

Noch ist das Böse nicht in ihr erstorben. Jage die Todmüde des Morgens

um vier Uhr auf! Gib der ungeübten Arbeiterin ein unmäßiges Tagewerk an

dem schweren Webstuhl! Das ist gut. Die Büßerin hat vielleicht selber

nicht Kraft genug, die Geißel mit genügender Heftigkeit zu schwingen.

Als die große Frühlingswäsche kommt, läßt Gräfin Märta sie an dem

Waschzober im Waschhaus stehen. Sie kommt selbst, um sich nach ihrer

Arbeit umzusehen. »Dein Wasser ist zu kalt«, sagt sie, schöpft siedendes

Wasser aus einem Kessel und gießt es über ihre nackten Arme.

Es ist ein kalter Tag, als die Waschfrauen am See stehen und die Wäsche

spülen müssen. Regenschauer ziehen über sie hin und durchnässen sie bis

auf die Haut. Ihre Kleider sind schwer wie Blei. Die Arbeit mit dem

Waschholz ist hart. Das Blut springt ihr unter den feinen Nägeln heraus.

Aber Gräfin Elisabeth klagt nicht. Gelobt sei Gottes Güte! Gibt es wohl

eine andere Erquickung für die bußfertige Seele als das Leiden? Die

scharfen Knoten der Geißel fallen weich wie Rosenblätter auf den Rücken

der Bußfertigen.

Die junge Frau erfährt bald, daß Gösta Berling lebt. Die Alte hat ihr

nur ein Geständnis entlocken wollen. Ja, was dann? Es ist Gottes Wille

gewesen! Auf die Weise hat er die Sünderin auf den Weg der Buße gelockt.

Nur eins beängstiget sie. Wie soll es ihrer Schwiegermutter ergehen,

deren Herz Gott um ihretwillen so verhärtet hat? Ach, er wird sie milde

richten. Sie muß böse sein, um der Sünderin zu helfen, Gottes Liebe

wieder zu gewinnen.

Sie weiß nicht, wie oft eine Seele, die alle anderen Genüsse gekostet

hat, eine wahre Wollust in der Grausamkeit sucht. Wenn die unduldsame,

verfinsterte Seele Schmeicheleien und Liebkosungen und den Rausch des

Tanzes und den Reiz des Spiels entbehren muß, da taucht sie in ihre

finstere Tiefe hinab und holt die Grausamkeit hervor. Es gibt noch einen

Freudenquell für die erschlafften Gefühle, nämlich die Tier- und

Menschenquälerei.

Die Alte ist sich keiner Bosheit bewußt. Sie glaubt nur, daß sie eine

leichtfertige Gattin züchtigt; und so liegt sie denn des Nachts oft

stundenlang wach und grübelt über neue Martern nach. Wehe ihr, welche

Tempelschändung begeht sie! Die Arbeit, diese große Wohltat, verwandelt

sie in eine Marter, in eine Strafe!

Eines Abends geht sie durch das Haus und läßt sich von der jungen Gräfin

mit einem Licht leuchten. Sie trägt es ohne Leuchter in der Hand.

»Das Licht ist herabgebrannt«, sagt die Junge.

»Ist das Licht herabgebrannt, so laß den Leuchter brennen«, erwidert

Gräfin Märta.

Und sie gehen weiter, bis der qualmende Docht auf der verbrannten Hand

erlischt.

Aber dies sind nur Kleinigkeiten. Es gibt Qualen für die Seele, die alle

körperliche Pein übersteigen. Gräfin Märta ladet Besuch ein und läßt die

Hausfrau die Gäste an ihrem eigenen Tische bedienen.

Siehe, dies ist der große Tag der Bußfertigen! Fremde Menschen sollen

sie in ihrer Erniedrigung sehen. Sie sollen sehen, daß sie nicht mehr

würdig ist, an ihres Mannes Tische zu sitzen.

O, mit welchem kalten Hohn werden die kalten Blicke nicht auf ihr ruhen!

Aber es soll tausendmal schlimmer werden! Kein Blick begegnet dem ihren.

Alle am Tische, Männer wie Frauen, sitzen schweigsam, verstimmt da.

Sie aber sammelt das alles wie glühende Kohlen und legt sie auf ihr

Haupt. Ist ihre Sünde denn so erschrecklich? Ist es eine Schande, in

ihrer Nähe zu weilen?

Und dann kommt die Versuchung: Anna Stjärnhök, die ihre Freundin gewesen

ist, und der Amtmann aus Munkernd, Annas Tischnachbar, umarmen sie, als

sie zu ihnen kommt, nehmen ihr die Bratenschüssel aus der Hand, schieben

ihr einen Stuhl hin und wollen sie nicht loslassen.

»Setz dich zu uns, mein Kind«, sagt der Amtmann; »du hast nichts Böses

getan.«

Und wie aus _einem_ Munde erklären alle Gäste, wenn sie nicht am Tische

sitzen bleibt, so werden sie das Haus verlassen. Sie sind keine Büttel.

Sie tanzen nicht nach Gräfin Märtas Pfeife. Sie lassen sich nicht so

leicht zum Narren haben wie der schwachsinnige Graf!

»Ach, ihr guten Herren! Ach, ihr lieben Freunde! Seid nicht so

barmherzig! Ihr zwingt mich, meine Sünde selber auszuposaunen. Da ist

einer, den ich zu lieb gehabt habe.«

»Aber Kind, du ahnst ja nicht, was Sünde ist! Du weißt nicht, wie

unschuldig du bist. Gösta Berling wußte ja nicht einmal, daß du ihn

liebhattest. Nimm jetzt wieder deinen Platz in deinem Hause ein! Du hast

nichts Böses getan.«

Sie halten ihren Mut eine Zeitlang aufrecht und sind selbst plötzlich

fröhlich wie die Kinder. Scherz und Lachen erschallt rings im Kreise.

Die heißblütigen, leichtgerührten Menschen sind so gut; aber trotzdem

sind sie vom Versucher gesandt. Sie wollen ihr einreden, daß sie eine

Märtyrerin ist, und verhöhnen Gräfin Märta ganz öffentlich, als sei sie

eine alte Hexe. Aber sie verstehen es nicht. Sie wissen nicht, wie sich

die Seele nach Reinheit sehnt, sie wissen nicht, wie der Bußfertige von

seinem Herzen gezwungen wird, sich den Steinen des Weges und dem Brand

der Sonne auszusetzen.

Zuweilen muß Gräfin Elisabeth ganze Tage still am Stickrahmen sitzen,

und da erzählt die alte Gräfin ihr unendliche Geschichten von Gösta

Berling, diesem Pfarrer und Abenteurer. Reicht ihr Gedächtnis nicht aus,

so erdichtet sie etwas und sorgt nur dafür, daß sein Name der jungen

Frau den ganzen Tag in den Ohren klingt. Das fürchtet sie am meisten. An

solchen Tagen sieht sie ein, daß ihre Buße niemals ein Ende nehmen wird.

Ihre Liebe will nicht sterben. Sie glaubt, daß sie selber eher sterben

wird. Ihre Körperkräfte fangen an zu schwinden. Sie ist oft sehr krank.

»Wo bleibt denn dein Ritter?« fragt die Gräfin höhnend. »Tag für Tag

habe ich ihn an der Spitze der Kavaliere erwartet. Weshalb erstürmt er

Schloß Borg nicht, setzt dich auf den Thron und wirft mich und deinen

Mann gebunden in den Turm? Hat er dich schon vergessen?«

Sie empfindet fast das Bedürfnis, ihn zu verteidigen und zu sagen, daß

sie selber ihm verboten hat, ihr irgendwelche Hilfe angedeihen zu

lassen. Aber nein, es ist am besten zu schweigen, zu schweigen und zu

leiden.

Von Tag zu Tage schwindet sie mehr dahin im Feuer der Überanstrengung.

Sie fiebert beständig und ist so matt, daß sie sich kaum

aufrechtzuhalten vermag. Sie hat nur einen Wunsch: zu sterben. Die

starken Kräfte des Lebens sind gebannt. Die Liebe und die Freude wagen

nicht, sich zu rühren. Sie hat keine Furcht mehr vor dem Leiden.

* * * * *

Es ist, als habe ihr Mann keine Ahnung mehr von ihrer Existenz. Er sitzt

fast den ganzen Tag in seinem Zimmer eingeschlossen und studiert halb

unleserliche Handschriften und alten, klecksigen Druck.

Er liest Adelsbriefe auf Pergament mit dem schwedischen Reichssiegel,

groß und gewaltig, aus rotem Wachs und in einer gedrechselten hölzernen

Kapsel verborgen. Er studiert alte Schildabzeichen mit Lilien in weißem

Felde und Greifen in blauem. Auf dergleichen Sachen versteht er sich,

die weiß er mit Leichtigkeit auszulegen. Und er liest wieder und wieder

alte Leichenreden und Personalia von den edlen Grafen Dohna, in denen

ihre Taten mit denen der Helden Israels und der Götter Griechenlands

verglichen werden.

Diese alten Sachen haben ihm immer Freude gemacht. An seine junge Frau

aber mag er nicht mehr denken.

Gräfin Märta hat ein Wort gesagt, das alle Liebe in ihm ertötet hat:

»Sie hat dich deines Geldes wegen genommen!« So etwas kann wohl kein

Mann ertragen. Das löscht alle Liebe aus. Jetzt war es ihm einerlei, wie

es dieser jungen Frau erging. Wenn seine Mutter sie auf den Weg der

Pflicht zurückführte, so war das gut. Graf Henrik hegte eine große

Bewunderung für seine Mutter.

Dies Elend währte einen Monat. Aber die ganze Zeit war ja nicht so

stürmisch und bewegt, wie es den Anschein haben mag, wenn die Ereignisse

auf einige geschriebene Seiten zusammengedrängt sind. Gräfin Elisabeth

soll stets ein ruhiges Äußere zur Schau getragen haben. Nur das einemal,

als sie hörte, daß Gösta Berling tot sein solle, war sie von

Gemütsbewegung überwältigt worden. Aber so groß war ihre Reue darüber,

daß sie ihrem Manne ihre Liebe nicht hatte bewahren können, daß sie sich

wahrscheinlich von Gräfin Märta hätte zu Tode martern lassen, wenn nicht

eines Abends ihre alte Wirtschafterin mit ihr geredet hätte.

»Frau Gräfin _müssen_ mit dem Herrn Grafen sprechen«, sagte sie. »Mein

Gott, Frau Gräfin sind so ein Kind. Frau Gräfin wissen wohl selber

nicht, was im Anzuge ist, aber ich sehe sehr wohl, wie es damit bestellt

ist.«

Aber das war ja gerade dies, was sie ihrem Manne nicht sagen konnte,

solange er einen so schwarzen Verdacht gegen sie hegte.

In jener Nacht kleidete sie sich lautlos an und ging aus dem Hause. Sie

trug die Kleidung eines gewöhnlichen Bauernmädchens und hatte ein Bündel

in der Hand. Es war ihre Absicht, aus ihrem Heim zu entfliehen und nie

wieder dahin zurückzukehren. Sie floh nicht, um sich der Qual und der

Marter zu entziehen. Jetzt aber glaubte sie, daß Gott ihr ein Zeichen

gegeben habe, daß sie gehen dürfe, um die Gesundheit und die Kräfte

ihres Körpers zu bewahren.

Sie zog nicht gen Westen über den See; denn dort wohnte der, den sie

liebhatte. Sie ging auch nicht gen Norden, denn dort wohnten viele von

ihren Freunden, und auch nicht gen Süden, denn weit hinab gen Süden lag

ihr Vaterhaus, und dem wollte sie keinen Schritt näher kommen. Sondern

sie wanderte gen Osten, dort, wußte sie, hatte sie kein Heim, keinen

geliebten Freund, keinen Menschen, den sie kannte, keine Hilfe, keinen

Trost.

Sie ging nicht mit leichten Schritten, denn sie glaubte sich nicht mit

Gott versöhnt. Aber trotzdem war sie froh darüber, daß sie in Zukunft

die Last ihrer Sünde unter Fremden tragen sollte. Gleichgültige Blicke

sollten auf ihr ruhen, lindernd wie kalter Stahl, der auf ein

geschwollenes Glied gelegt wird.

Sie wollte gehen, bis sie eine armselige Hütte am Waldesrande fand, wo

niemand sie kannte. »Ihr seht, wie es um mich steht,« wollte sie sagen,

»und meine Eltern haben mich fortgejagt. Gebt mir Nahrung und Kleider

und ein schützendes Dach, bis ich mir selbst mein Brot verdienen kann.

Ich bin nicht ganz ohne Geld.«

Und so wanderte sie in der hellen Juninacht dahin, denn der Mai war

unter ihren schweren Leiden verstrichen. Ach, der Mai, die schöne Zeit,

in der die Birken ihr lichtes Grün mit dem Dunkel der Tannenwälder

vermischen, wo der Südwind von weither wärmegesättigt über das Meer

kommt.

Ich muß undankbarer als andere erscheinen, die du mit deinen Gaben

erfreut hast, du schöner Monat! Nicht mit einem Wort habe ich deine

Schönheit gepriesen.

Ach, Mai, du lieber, heller Monat! Hast du jemals ein Kind beachtet, das

auf seiner Mutter Schoß sitzt und Märchen erzählen hört? Solange das

Kind von grausigen Kämpfen und dem bitteren Leiden schöner Prinzessinnen

hört, hält es Kopf und Augen offen, wenn aber die Mutter anfängt, von

Glück und Sonnenschein zu reden, schließt das Kind die Augen und

entschlummert sanft, den Kopf gegen ihre Brust geschmiegt.

Sieh, du schöner Monat, so ein Kind bin auch ich. Laß andere den

Erzählungen von Blumen und Sonnenschein lauschen, ich für mein Teil, ich

wähle die dunklen Nächte voller Erscheinungen und Abenteuer, ich wähle

die dunklen Geschicke, die trauererfüllten Leidenschaften der verirrten

Herzen.

Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland · 第 24 / 56 题