Lebenswege

Schwer sind die Wege, die die Menschen hier auf Erden wandern müssen.

Wüstenpfade, Sumpfpfade, Bergpfade.

Weshalb darf so viel Kummer seinen Gang gehen, bis er sich in der Wüste

verirrt oder in den Sumpf versinkt oder vom Berge herabstürzt? Wo sind

die kleinen Blumenmädchen, wo sind die kleinen Märchenprinzessinnen,

auf deren Spuren Rosen wachsen, wo sind die Wesen, die Blumen auf die

schweren Wege streuen sollen?

Jetzt hat Gösta Berling, der Poet, beschlossen, sich zu verheiraten. Er

sucht nur nach einer Braut, die arm genug, gering genug ist für einen

verrückten Pfarrer. Schöne und edle Frauen haben ihn geliebt, aber sie

sollen nicht vortreten und um seine Hand werben. Der Verstoßene wählt

unter den Verstoßenen. Wen soll er wählen, wen wird er finden?

Zuweilen kommt ein armes junges Mädchen aus einer einsamen Waldgegend

hoch oben zwischen den Bergen nach Ekeby, um Besen zu verkaufen. In

dieser Gegend, wo große Armut und stetes Elend herrschen, gibt es viele,

die nicht im Besitz ihres vollen Verstandes sind, und das Mädchen mit

den Besen ist eine von diesen vielen.

Aber schön ist sie. Ihr starkes, schwarzes Haar ist in zwei Zöpfe

geflochten, die so dick sind, daß sie kaum Platz auf ihrem Kopf haben,

und ihre Wangen sind fein gerundet, die Nase ist gerade und nicht sehr

groß, die Augen sind blau. Sie gehört zu jenen melancholischen,

madonnenähnlichen Schönheitstypen, wie man sie noch heute bei schönen

Mädchen an den Ufern des langen Löfsees findet.

Nun, da hatte Gösta ja eine Braut -- eine halbverrückte Besenverkäuferin

ist eine gute Frau für einen verrückten Pfarrer. Etwas Passenderes kann

es nicht geben. Er braucht nur nach Karlstad zu reisen, um die Ringe zu

bestellen, dann können die Leute am Löfsee wieder einen vergnügten Tag

haben. Sie sollen noch einmal über Gösta Berling lachen, wenn er sich

mit der Besenverkäuferin verlobt und Hochzeit mit ihr hält. Ja, lachen

sollen sie! Hat er jemals einen lustigeren Streich geplant?

Schwer sind die Wege, auf denen die Menschen wandern -- Wüstenpfade,

Sumpfpfade, Bergpfade.

Muß nicht der Verstoßene den Weg des Verstoßenen wandeln? Den Weg des

Zornes, den Weg des Kummers, den Weg des Unglücks? Was macht es, wenn er

stürzt, wenn er zugrunde geht? Ist da irgend jemand, der sich daran

kehrt, ihn zurückzuhalten? Ist da irgend jemand, der ihm eine stützende

Hand, einen labenden Trunk reicht? Wo sind die kleinen Blumenmädchen, wo

sind die kleinen Märchenprinzessinnen, wo sind alle die Wesen, die Rosen

auf die schweren Pfade streuen sollen?

Nein, nein, die junge, sanfte Gräfin auf Borg will Gösta Berling nicht

in seinen Plänen stören. Sie will an ihren Ruf denken, an den Zorn ihres

Mannes und den Haß ihrer Schwiegermutter, sie will nichts tun, um ihn

zurückzuhalten.

Während des langen Gottesdienstes in der Svartsjöer Kirche will sie ihr

Haupt beugen, will ihre Hände falten und für ihn beten. In schlaflosen

Nächten kann sie über ihn weinen und sich um ihn sorgen, aber sie hat

keine Blumen, um sie auf den Weg des Verstoßenen zu streuen, keinen

Tropfen Wasser, um ihn dem Durstenden zu reichen, keinen leisen

Händedruck, der ihn vom Rande des Abgrunds hätte zurückführen können.

Gösta Berling macht sich nichts daraus, seine Auserwählte in Seide zu

kleiden und mit Juwelen zu schmücken. Er läßt sie nach wie vor mit ihren

Besen von Gehöft zu Gehöft gehen, aber wenn er alle die vornehmen Männer

und Frauen aus der ganzen Gegend zu einem großen Gastmahl auf Ekeby

versammelt hat, da will er seine Verlobung veröffentlichen. Da will er

sie aus der Küche hereinrufen, so wie sie von ihren langen Wanderungen

heimgekehrt ist, den Staub und Schmutz der Landstraße auf den Kleidern,

vielleicht zerlumpt, vielleicht ungekämmt, mit wirrem Blick, einen

verwirrten Wortstrom auf den Lippen. Und dann will er die Gäste fragen,

ob er jetzt nicht eine passende Braut gewählt hat, ob nicht der

verrückte Pfarrer stolz sein muß auf eine so schöne Braut, auf dies

sanfte Madonnengesicht, auf diese blauen, schwärmerischen Augen. Es war

seine Absicht, daß niemand im voraus etwas davon erfahren sollte; aber

es gelang ihm nicht, das Geheimnis zu bewahren, und unter andern erfuhr

auch die junge Gräfin Dohna davon.

Aber was konnte sie tun, um ihn daran zu hindern? Der Verlobungstag ist

gekommen, die Dämmerung hat sich herabgesenkt. Die Gräfin steht in dem

blauen Kabinett und schaut gen Norden. Sie glaubt fast, daß sie Ekeby

sehen kann, obwohl Tränen und Nebel ihren Blick hemmen. Sie sieht so

deutlich das große, dreistöckige Haus, in dem drei Reihen erleuchteter

Fenster strahlen, sie stellt sich vor, wie der Champagner in die Gläser

geschenkt wird, wie die Toaste erschallen und Gösta Berling seine

Verlobung mit der Besenverkäuferin verkündet.

Wenn sie ihm nun nahe wäre und ganz leise ihre Hand auf seinen Arm

legte, oder ihm nur einen freundlichen Blick schenkte, würde er da nicht

umwenden von dem bösen Wege der Verstoßenen? Wenn ein Wort aus ihrem

Munde ihn zu einer so verzweifelten Handlung getrieben hatte, würde ihn

da nicht ein Wort von ihr zurückhalten können?

Sie schauderte vor dem Unrecht, das er an diesem armen, unglücklichen

Kinde begehen will, das jetzt verlockt werden soll, ihn zu lieben,

vielleicht nur für die Kurzweil eines einzigen Tages. Vielleicht auch --

und da schauderte sie noch mehr vor der Sünde, die er an sich selbst

beging -- vielleicht auch, um sie als drückende Fessel an seinen Fuß zu

schmieden, um für ewig seinem Geist die Kraft zu rauben, aufwärts zu

streben.

Und wenn sie schließlich alles genau erwog, so lag die Schuld bei ihr.

Sie hatte ihn mit einem Wort der Verdammnis auf den bösen Weg gestoßen.

Sie, die gekommen war, um zu segnen, um zu mildern, weshalb hatte sie

noch einen Dorn mehr in die Dornenkrone des Sünders geflochten?

Ja, jetzt weiß sie, was sie tun will. Sie will die schwarzen Pferde an

den Schlitten spannen lassen, will über den Löfsee fahren, in den Saal

zu Ekeby stürzen, sich gerade vor Gösta Berling stellen und ihm sagen,

daß sie ihn nicht verachtet, daß sie nicht wußte, was sie sagte, als sie

ihn aus ihrem Hause jagte. Nein, so etwas konnte sie doch nicht tun; sie

würde verschämt sein, unfähig, ein Wort hervorzubringen. Sie war ja

verheiratet und mußte vorsichtig sein. Es würde Anlaß zu so viel Klatsch

geben, wenn sie so etwas tat. Aber wenn sie es nicht tat -- was sollte

dann aus ihm werden?

Sie mußte von dannen!

Und dann denkt sie daran, daß es unmöglich ist, hinüberzugelangen. Um

diese Jahreszeit kann kein Pferd mehr über den See hinüber. Das Eis ist

schon im Begriff zu schmelzen; am Ufer hat es sich schon gelöst.

Unsicher, geborsten liegt es da, häßlich zu schauen. Das Wasser quillt

zwischen den morschen Eisschollen empor, an einzelnen Stellen hat es

sich in schwarzen Pfützen gesammelt, an andern Stellen ist das Eis

blendend weiß. Der größte Teil des Sees ist jedoch grau und schmutzig

von schmelzendem Schnee, und die Wege laufen wie lange schwarze Streifen

über seine Fläche.

Wie kann sie nur daran denken, fort zu wollen? Ihre Schwiegermutter, die

alte Gräfin Märta, würde ihr so etwas niemals erlauben. Den ganzen Abend

muß sie an ihrer Seite in dem großen Wohnzimmer sitzen und die alten

Hofgeschichten mit anhören, die das Entzücken der Alten sind.

Doch die Nacht kommt, und ihr Mann ist verreist, und nun ist sie frei.

Fahren kann sie nicht, sie wagt es nicht, die Dienstboten zu wecken,

aber die Angst treibt sie heraus aus ihrem Heim. Sie kann nicht anders.

Schwer sind die Wege, die die Menschen auf Erden wandern -- Wüstenpfade,

Sumpfpfade, Bergpfade.

Womit aber soll ich diesen natürlichen Weg über das schmelzende Eis

vergleichen? Ist das nicht derselbe Weg, den auch die kleinen

Blumenmädchen zu gehen haben, ein unsicherer, schwankender, schlüpfriger

Weg, der Weg derer, die die geschlagene Wunde heilen wollen, der Weg

derer, die wieder gutmachen wollen, des leichten Fußes, des schnellen

Auges, des mutigen, liebevollen Herzens Weg?

Es war über Mitternacht, als die Gräfin das Ufer bei Ekeby erreichte.

Sie war auf dem Eise gefallen, sie war über breite Risse gesprungen, sie

war leicht hinweggehuscht über Stellen, wo das hervorquellende Wasser

die Fußspuren füllte, sie war geglitten, sie war gekrochen. Es war eine

schwere Wanderung gewesen, und sie hatte geweint, während sie ging. Sie

war naß und müde geworden, und da draußen auf dem Eise hatten die

Dunkelheit, die Einsamkeit und die Leere ihre Gedanken beschwert. Jetzt,

kurz vor Ekeby, hatte sie in fußhohem Wasser waten müssen, um das Land

zu erreichen. Und als sie auf das Ufer hinaufgekommen war, hatte sie

keinen Mut zu etwas anderem gehabt, als sich auf einen Stein zu setzen

und vor Müdigkeit und Hilflosigkeit zu weinen.

Schwere Wege wandern die Menschenkinder, und die kleinen Blumenmädchen

sinken oft neben ihrem Korbe nieder, gerade im selben Augenblick, wo sie

denjenigen erreicht haben, dessen Weg sie mit Blumen bestreuen wollten.

Diese junge, vornehme Dame war doch eine liebenswerte kleine Heldin.

Solche Wege war sie in ihrem sonnigen Heimatlande nicht gewandert. Da

ist es denn kein Wunder, daß sie am Ufer dieses unheimlichen,

entsetzlichen Sees sitzt, naß, müde und unglücklich, wie sie ist, und an

die sanften, blumenverbrämten Pfade ihres südlichen Geburtslandes denkt.

Ach, für sie handelt es sich nicht mehr darum, ob Süd, ob Nord. Sie

steht mitten im Leben. Sie weint nicht vor Heimweh. Sie weint, das

kleine Blumenmädchen, die kleine Heldin, weil sie so müde ist, daß sie

den nicht mehr erreichen kann, dessen Weg sie mit Blumen bestreuen will

-- sie weint, weil sie glaubt, daß sie zu spät gekommen ist.

Da kommen einige Menschen den Strand entlang gelaufen. Sie eilen an ihr

vorüber, ohne sie zu sehen, aber sie hört ihre Worte: »Stürzt der Damm,

so ist die Schmiede verloren!« sagt der eine. »Und die Mühle und die

Werkstätten und die Häuser der Schmiede«, fügt ein anderer hinzu.

Da faßt sie neuen Mut, erhebt sich und folgt ihnen.

* * * * *

Die Mühle und die Schmiede von Ekeby lagen auf einer schmalen Landzunge,

die der Björkseebach umbraust. Er stürzte sausend auf die Landzunge

herab, weißschäumend von dem gewaltigen Fall, und um die bebaute Strecke

gegen das Wasser zu schützen, war ein großer Wellenbrecher vor der

Landzunge angebracht. Aber der Damm war jetzt alt, und die Kavaliere

regierten. Die ließen den Tanz über Stock und Stein gehen; niemand aber

ließ sich Zeit, nachzusehen, wie der Strom und die Kälte und der Zahn

der Zeit an dem alten Steindamm gearbeitet hatten.

Und dann kommt der Frühling, und der Damm fängt an nachzugeben.

Der Wasserfall bei Ekeby ist eine gewaltige Granittreppe, über die die

Wogen des Björkseebaches herabgebraust kommen. Sie werden schwindlig von

dem eiligen Lauf, überschlagen sich, prallen gegeneinander. Sie fahren

in Zorn auf, bespritzen sich gegenseitig mit Schaum, straucheln über

einen Stein, über einen Baumstamm, raffen sich dann wieder auf, um

wieder und wieder unter Schäumen und Prusten und Brüllen zu straucheln.

Und diese wilden, erregten Wogen, berauscht von der Frühlingsluft,

schwindlig von der wiedergewonnenen Freiheit, laufen nun Sturm gegen

die alte Steinmauer. Sie kommen keuchend und stöhnend, stürmen hoch auf

die Mauer hinauf und ziehen sich wieder zurück, als hätten sie ihre

weißgelockten Köpfe gestoßen. Es ist ein Sturm, wie er nicht heftiger

sein kann; die großen Eisschollen dienen ihnen als Schilde, die

Baumstämme als Mauerbrecher, sie stürzen, brechen, brausen gegen diese

arme Mauer, bis es plötzlich aussieht, als habe ihnen jemand ein »Gebt

acht!« zugerufen. Da stürzen sie zurück, und hinter ihnen drein kommt

ein großer Stein, der sich von dem Damm losgelöst hat und polternd im

Strom versinkt.

Es hat fast den Schein, als habe dies sie erschreckt; sie stehen still,

sie jubeln, sie ratschlagen -- und dann: vorwärts mit frischem Mut! Da

sind sie wieder mit Eisschollen und Baumstämmen, voll von lustigen

Streichen, unbarmherzig, wild, toll vor Zerstörungslust.

Wäre nur der Damm fort -- sagen die Wellen -- wäre nur der Damm fort, da

sollte gar bald die Reihe an die Schmiede und an die Mühle kommen!

Der Tag der Freiheit ist da -- fort mit Menschen und Menschenwerk! Sie

haben uns schwarz und rußig gemacht mit ihren Kohlen, sie haben uns

eingestäubt mit ihrem Mehl, sie haben uns das Arbeitsjoch aufgelegt wie

den Ochsen, sind im Kreise mit uns herumgefahren, haben uns

eingeschlossen, unsern Lauf gehemmt, uns gezwungen, die schweren Räder

zu treiben, die klotzigen Baumstämme zu tragen. Aber nun wollen wir uns

freimachen!

Der Tag der Freiheit ist da! Hört es, ihr Wogen oben im Björksee, hört

es, ihr Brüder und Schwestern in Mooren und Sümpfen, in Bergbächen und

Waldbächen! Kommt, kommt! Stürzt euch herab, vereinigt euch mit uns,

kommt mit frischen Kräften, polternd, zischend, bereit, das

hundertjährige Joch zu zertrümmern! Kommt! Das Bollwerk der Tyrannei

soll fallen. Tod und Verderben über Ekeby!

Und sie kommen. Woge auf Woge stürzt sich in den Fall hinab, um den Kopf

gegen den Damm zu stoßen, um das große Werk fördern zu helfen. Berauscht

von der neuerrungenen Lenzfreiheit, mannesstark, einig, kommen sie und

lösen Stein auf Stein, Erdschicht auf Erdschicht von dem schwankenden

Wellenbrecher.

Weshalb aber lassen denn die Menschen die wilden Wellen tosen, ohne

Widerstand zu leisten? Ist Ekeby ausgestorben?

Nein, die Menschen sind da, eine verwirrte, ratlose, hilflose

Menschenschar. Die Nacht ist dunkel, sie können einander nicht sehen,

können nicht sehen, wohin sie treten. Der Wasserfall braust stark, es

ist ein entsetzliches Getöse von zertrümmerndem Eis und

zusammenprallenden Baumstämmen; sie können ihr eigen Wort nicht

verstehen. Die Wildheit, die die brausenden Wellen ergriffen hat, füllt

auch die Gehirne der Menschen, sie haben keinen Gedanken in ihren

Köpfen, sie sind ganz ohne Besinnung.

Die Fabrikglocken ertönen, wer Ohren hat zu hören, der höre! Wir hier

unten an der Ekebyer Schmiede sind nahe daran zu vergehen. Der Bach

stürzt über uns hinweg. Der Damm schwankt, die Schmiede ist in Gefahr,

die Mühle ist in Gefahr und unsere eigenen armseligen Wohnungen, die wir

trotz all ihrer Geringheit lieben.

Die Wogen glauben wohl, daß die Glocken ihre Genossen herbeirufen

sollen, denn es zeigt sich kein Mensch. Aber draußen in den Wäldern und

Mooren entsteht ein geschäftiges Treiben. »Zu Hilfe! Zu Hilfe!« rufen

die Glocken. »Nach hundertjähriger Sklaverei haben wir uns endlich

befreit. Kommt! Kommt!« Die brausenden Wogen und die läutenden

Fabrikglocken singen Ekebys Ehre und Glanz den Totengesang.

Und indessen wird ein Bote nach dem andern zu den Kavalieren aufs Schloß

geschickt.

Sind die in der Stimmung, an Schmiede und Mühle zu denken? Hunderte von

Gästen sind in den großen Sälen von Ekeby versammelt. Die

Besenverkäuferin wartet draußen in der Küche. Der spannende Augenblick

der Überraschung ist gekommen. Der Champagner perlt in den Gläsern;

Julius erhebt sich, um die Festrede zu halten. Alle die alten Abenteurer

auf Ekeby freuen sich auf das stumme Staunen, das sich der Versammlung

bemächtigen wird.

Draußen auf dem Eis des Löfsees wandert die junge Gräfin Dohna einen

unheimlichen, lebensgefährlichen Weg, um Gösta Berling ein warnendes

Wort ins Ohr zu flüstern. Unten am Gießbach laufen die Wogen Sturm gegen

Ekebys Macht und Ehre, aber in den großen Sälen herrscht nur Freude und

gespannte Erwartung; die Wachskerzen strahlen, und der Wein strömt, da

drinnen denkt niemand an das, was da draußen in der dunklen, stürmischen

Frühlingsnacht vor sich geht.

Gerade jetzt ist der Augenblick gekommen. Gösta erhebt sich und geht

hinaus, um seine Braut zu holen. Er muß durch den Vorsaal gehen, die

großen Türen sind weit geöffnet -- er bleibt stehen, er schaut hinaus in

die stockfinstere Nacht -- und er hört, er hört.

Er hört die Glocken läuten, er hört den Gießbach brausen. Er hört das

Gepolter des krachenden Eises, den Lärm der zusammenprallenden

Baumstämme, die brausende, höhnende, siegreiche Freiheitshymne der

aufrührerischen Wogen.

Da vergißt er alles und stürzt in die Nacht hinaus. Seinetwegen können

die da drinnen mit erhobenen Gläsern stehenbleiben und bis an den

Jüngsten Tag warten; er macht sich nichts mehr aus ihnen. Seine Braut

kann warten. Patron Julius' Rede mag ihm auf den Lippen ersterben. Heut

nacht werden keine Ringe gewechselt, kein stummes Staunen wird sich der

glänzenden Versammlung bemächtigen.

Jetzt wehe euch, ihr aufrührerischen Wogen, jetzt gilt es in Wahrheit,

für die Freiheit zu kämpfen, jetzt ist Gösta Berling an den Gießbach

hinabgekommen, jetzt haben die Leute einen Führer bekommen, jetzt steht

der Verteidiger auf den Mauern, jetzt beginnt ein fürchterlicher Kampf.

Hört, wie er der Menge zuruft, er befiehlt, er versetzt alle in

Tätigkeit.

»Licht müssen wir haben, vor allen Dingen Licht! Hier genügt die

Hornlaterne des Müllers nicht. Nehmt die Reisigbündel da, tragt sie

auf den Hügel und zündet sie an! Das ist eine Arbeit für Frauen und

Kinder. Nur schnell! Macht einen großen Scheiterhaufen aus dürren

Zweigen! Das soll uns bei unserer Arbeit leuchten, das soll bis

weithin scheinen und Hilfe herbeirufen. Und sorgt dafür, daß das Feuer

nicht erlischt, holt Stroh und Holz, und laßt die Flammen hell zum

Himmel emporschlagen. -- -- --

»Seht, ihr Männer, hier ist Arbeit für euch! Hier ist Holz, hier sind

Balken, zimmert einen Notdamm, den wir vor diese schwankende Mauer

hinabsenken können. Schnell, schnell an die Arbeit, macht sie sicher und

stark! Haltet Steine und Sandsäcke bereit, um das Gerüst hinabzusenken!

Schnell! Schwingt eure Äxte, laßt die Hammerschläge erdröhnen, laßt den

Bohrer sich tief ins Holz nagen und die Säge in den trocknen Brettern

kreischen!

»Und wo sind die Buben? Herbei mit euch, ihr wilden Strolche! Holt

Stangen, holt Bootshaken und kommt hierher, mitten ins Kampfgewühl! Auf

den Damm hinaus mit euch, Buben, mitten in die Wellen hinein, die

schäumen und brausen und uns mit weißem Gischt bespritzen! Wehrt sie ab,

schwächt sie, weist sie zurück, diese Angriffe, die die Mauern bersten

machen! Schiebt die Baumstämme und die Eisschollen zur Seite, werft euch

nieder, wenn nichts weiter helfen will, und haltet die Steine mit euren

Händen fest, beißt in sie hinein, umklammert sie mit eisernen Klauen!

Kämpfet, ihr Buben, ihr Taugenichtse, ihr Wildfänge! Auf die Mauer

hinaus mit euch! Wir müssen um jeden Zoll breit Erde kämpfen!«

Gösta selber stellt sich auf die äußerste Kante des Dammes und steht

dort, von Schaum umspritzt, während der Grund unter ihm schwankt. Die

Welle brüllt und tobt, sein wildes Herz aber schwelgt in der Gefahr, in

der Unruhe, in dem Kampf. Er lacht, er hat muntere Einfälle, die er den

Knaben zuruft; nie hat er eine lustigere Nacht erlebt.

Das Rettungswerk schreitet schnell vorwärts, die Flammen schlagen hoch

zum Himmel empor, die Äxte der Zimmerleute dröhnen, der Damm steht noch

immer.

Auch die andern Kavaliere und die hundert Gäste sind an den Wasserfall

hinabgekommen. Von nah und fern kommen die Leute herbeigestürzt, alle

arbeiten, sie schüren das Feuer, sie zimmern den Notdamm, sie füllen die

Säcke, sie wehren den Wogen draußen auf dem schwankenden, zitternden

Steindamm.

Jetzt ist der Notdamm fertig, jetzt soll er vor den schwankenden

Wellenbrecher hinabgesenkt werden. Haltet Steine und Sandsäcke bereit,

und Bootshaken und Stricke, so daß sie nicht fortgerissen werden, daß

die Menschen den Sieg davontragen und die unterjochten Wellen in die

Sklaverei zurückkehren!

Da geschieht es, gerade im entscheidenden Augenblick, daß Göstas Blick

auf eine Frauengestalt fällt, die auf einem Stein am Bach sitzt. Die

auflodernden Flammen lassen ihren Schein auf sie fallen, wie sie dasitzt

und in die Wogen hinausstarrt, er kann sie nicht klar und deutlich

sehen, Nebel und Schaum hindern ihn, aber sein Auge kehrt wieder und

wieder zu ihr zurück. Immer wieder muß er sie ansehen. Es ist ihm, als

habe diese Frau einen Auftrag an ihn auszurichten.

Unter all den Hunderten, die am Ufer des Gießbaches arbeiten und sich

bewegen, ist sie die einzige, die stillsitzt, und sein Blick sucht sie

unaufhörlich, er sieht niemand außer ihr.

Sie sitzt so weit hinaus, daß die Wellen gegen ihre Füße schlagen und

sie mit ihrem Schaum bespritzen. Sie muß ganz durchnäßt sein. Sie ist

dunkel gekleidet, trägt einen großen Schal um den Kopf und sitzt

zusammengekauert da, das Kinn in die Hände gestützt, und starrt

unablässig zu ihm dort oben auf dem Wellenbrecher hinüber. Er fühlt, daß

diese starrenden Augen ziehen und locken, obwohl er nicht einmal ihr

Antlitz unterscheiden kann, er denkt nur an sie, wie sie dort am Ufer

zwischen den weißen Wogen sitzt.

»Das ist die Meermaid aus dem Löfsee, die hier in den Bach

hinausgekommen ist, um mich ins Unglück zu locken«, denkt er. »Sie sitzt

da und lockt -- ich muß sie noch fortjagen.«

Es ist ihm, als seien alle diese Wellen mit den weißen Kämmen das Heer

der schwarzen Frau; sie hat sie aufgestachelt, sie hat sie zum Angriff

gegen ihn geführt.

»Ich bin ja gezwungen, sie fortzujagen«, sagt er.

Er ergreift einen Bootshaken, springt ans Land und eilt zu der

Frauengestalt hin. Er verläßt seinen Platz auf der äußersten Spitze des

Wellenbrechers, um die Meerfrau zu vertreiben. Es ist ihm in diesem

Augenblick der Erregung, als kämpften die bösen Mächte der Tiefe gegen

ihn. Er weiß nicht, was er denkt, was er glaubt -- er muß die schwarze

Gestalt dort vom Stein am Elfufer fortjagen.

Ach, Gösta! Weshalb steht dein Platz im entscheidenden Augenblick leer?

Jetzt kommen sie mit dem Notdamm, eine lange Reihe von Männern stellt

sich auf dem Wellenbrecher auf; sie haben Stricke und Steine und

Sandsäcke bereit, um ihn zu beschweren und ihn niederzuhalten; sie

stehen bereit, sie warten, sie lauschen. Wo ist der Befehlshaber?

Vernimmt man denn seine Stimme nicht, die gebieten und anordnen soll?

Aber Gösta Berling macht Jagd auf die Meerfrau. Sie sah ihn, wie er mit

dem Bootshaken auf sie zugestürzt kam. Ihr ward bange. Es sah aus, als

wolle sie sich ins Wasser stürzen, aber sie besinnt sich und flüchtet

ans Land.

»Meerweib!« ruft Gösta und schwingt den Bootshaken über ihr. Sie läuft

zwischen das Erlengestrüpp am Ufer, das hält sie mit seinen dichten

Zweigen fest, und sie bleibt stehen.

Da wirft Gösta Berling den Bootshaken hin und legt ihr seine Hand auf

die Schulter.

»Sie sind in dieser Nacht spät draußen, Gräfin Elisabeth!« sagt er.

»Lassen Sie mich, Herr Berling! Lassen Sie mich nach Hause gehen!«

Er gehorcht augenblicklich und wendet sich von ihr ab.

Da sie aber nicht nur eine vornehme Dame, sondern auch ein herzensgutes

Geschöpf ist, das den Gedanken nicht ertragen kann, einen Menschen zur

Verzweiflung getrieben zu haben, da sie ein kleines Blumenmädchen ist,

das stets Rosen genug in ihrem Korb hat, um den einsamsten Weg damit zu

schmücken, bereut sie es sofort, geht hinter ihm drein und ergreift

seine Hand.

»Ich kam«, sagte sie stammelnd -- »ich kam, um -- ach, Herr Berling! Sie

haben es doch nicht getan -- sagen Sie, daß Sie es nicht getan haben! Ich

ward so erschrocken, als Sie hinter mir hergelaufen kamen, und doch habe

ich nur Sie gesucht. Ich wollte Sie bitten, zu vergessen, was ich

neulich gesagt habe, und wieder zu uns zu kommen wie ehedem.«

»Wie sind die Frau Gräfin hierhergekommen?«

Sie lacht nervös. »Ich wußte ja, daß ich zu spät kommen würde, aber ich

wollte niemand erzählen, daß ich hierherging, und dann wissen Sie ja,

kann man nicht mehr über den See fahren.«

»Sind die Frau Gräfin über den See gegangen?«

»Freilich bin ich das. Aber, Herr Berling, sagen Sie mir doch -- sind Sie

verlobt? Sie begreifen wohl, daß ich es sehr gern sehen würde, wenn es

nicht der Fall wäre! Es ist ja doch ein Unrecht, und ich habe ein

Gefühl, als wenn ich schuld an dem Ganzen wäre. Sie hätten keinen so

großen Wert auf meine Worte legen sollen! Ich bin eine Fremde, die die

Sitten des Landes nicht kennt. Es ist so leer auf Borg gewesen, seit Sie

Ihre Besuche eingestellt haben, Herr Berling.«

Wie Gösta Berling so dasteht zwischen dem nassen Erlengestrüpp auf dem

sumpfigen Boden, ist es ihm, als wenn ihn jemand über und über mit Rosen

bestreue. Er watet bis an die Knie in Rosen, sie schimmern im Dunkeln

vor seinen Augen, begehrlich atmet er ihren Duft ein.

»Ist es wirklich geschehen?« wiederholt sie.

Er muß sich entschließen, ihr zu antworten und ihrer Angst ein Ende zu

machen, obwohl er so glücklich darüber ist. Wie warm es doch in ihm

wird, und wie hell, wenn er daran denkt, welchen Weg sie zurückgelegt

hat, wie naß sie ist, wie erfroren, wie angsterfüllt sie sein muß, und

wie verweint ihre Stimme klingt.

»Nein,« sagt er, »ich bin nicht verlobt.«

Da ergreift sie noch einmal seine Hand und streichelt sie. »Ich bin so

glücklich, so glücklich!« sagt sie, und ihre Brust, die die Angst

zusammengeschnürt hatte, erbebt jetzt von Schluchzen.

Da ist der Weg des Poeten ganz mit Blumen bedeckt. Alles Dunkle, Böse

und Gehässige schmilzt aus seinem Herzen fort.

»Wie gut Sie sind, wie gut Sie sind!« sagt er.

Dicht neben ihnen laufen die Wogen Sturm gegen Ekebys ganze

Herrlichkeit und Ehre. Jetzt haben die Leute keinen Führer mehr,

niemand, der ihnen Mut und Hoffnung einflößt, jetzt stürzt der

Wellenbrecher, die Wogen schlagen darüber zusammen und stürzen sich

siegesstolz gegen die Landzunge, wo die Mühle und die Schmiede liegen.

Niemand arbeitet mehr, um den Wellen Widerstand zu leisten, niemand

denkt an etwas anderes, als sein Leben und sein Hab und Gut zu retten.

Die beiden jungen Menschen finden es ganz in der Ordnung, daß Gösta die

Gräfin nach Hause begleiten muß; er kann sie ja nicht allein lassen in

der dunklen Nacht, kann sie nicht noch einmal allein über das

schmelzende Eis wandern lassen. Sie denken nicht einmal daran, daß man

seiner oben bei der Schmiede bedarf, sie sind so glücklich, daß die alte

Freundschaft jetzt wiederhergestellt ist.

Es liegt so nahe zu glauben, daß diese jungen Menschenkinder eine warme

Liebe zueinander hegen, aber wer kann das sicher wissen? In

abgerissenen, einzelnen Stücken ist das strahlende Märchen ihres Lebens

bis zu mir gelangt. Ich weiß ja nichts, so gut wie nichts von dem, was

in ihrer innersten Seele wohnte. Was kann ich von den Beweggründen zu

ihren Handlungen sagen? Ich weiß nur, daß eine junge Frau in jener Nacht

ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Ehre, ihren guten Namen aufs Spiel

setzte, um einen armen, elenden Mann wieder auf den rechten Weg

zurückzuführen. Ich weiß nur, daß Gösta Berling in jener Nacht den Glanz

und die Macht des geliebten Besitztums fallen ließ, um sie zu begleiten,

die um seinetwillen die Furcht vor dem Tode, die Furcht vor der Schande,

die Furcht vor der Strafe überwunden hatte.

Oft habe ich sie in Gedanken in dieser entsetzlichen Nacht über das Eis

verfolgt, in dieser Nacht, die doch für sie ein so gutes Ende nahm. Ich

glaube nicht, daß sich etwas Verstecktes, Verbotenes in ihrer Seele

findet, das unterdrückt, das erstickt werden muß, gerade jetzt, wo sie

über das Eis wandern, fröhlich über alles plaudernd, was ihnen während

dieser Zeit der Trennung begegnet ist.

Er ist wieder ihr Sklave, ihr Page, der zu ihren Füßen liegt, und sie

ist seine Dame. Sie sind nur froh, nur glücklich. Keins von beiden sagt

ein Wort, das von Liebe spricht. Lachend patschen sie durch das Wasser

am Ufer. Sie lachen, wenn sie den Weg finden, wenn sie sich verirren,

wenn sie ausgleiten, wenn sie fallen, wenn sie wieder aufstehen -- stets

lachen sie.

Es ist wieder zu einem fröhlichen Spiel geworden, dies schöne Leben, und

sie sind Kinder, die unartig waren und sich gezankt haben. Ach, wie

schön ist es, wieder versöhnt zu sein und das Spiel von neuem zu

beginnen!

Die Gerüchte kamen und die Gerüchte gingen. Im Laufe der Zeiten kam die

Erzählung von der Wanderung der Gräfin auch bis zu Anna Stjärnhök.

»Da sieht man doch,« sagte sie, »daß Gott mehr als eine Saite auf seinem

Bogen hat. Ich will mein Herz zur Ruhe bringen und bleiben, wo man

meiner bedarf. Gott kann auch ohne meine Hilfe einen Mann aus Gösta

Berling machen.«

Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland · 第 23 / 56 题