Sintram heißt der böse Gutsherr auf Fors, mit dem schwerfälligen Körper,
den langen Affenarmen, dem kahlen Kopf und dem häßlichen, grinsenden
Gesicht, der nichts Schöneres kennt als Unfrieden stiften.
Sintram heißt er, der nur Landstreicher und Raufbolde als Knechte
annimmt, der nur keifende, verlogene Mägde in seinem Dienst hat, er, der
die Hunde bis zur Raserei quält, indem er ihnen Knopfnadeln in die
Schnauze steckt, der sich am glücklichsten zwischen bösen Menschen und
wilden Tieren fühlt.
Sintram heißt er, dessen schönstes Vergnügen es ist, sich wie der
leibhaftige Teufel auszukleiden mit Hörnern und Schwanz und Pferdefuß,
und der dann plötzlich aus den dunklen Ecken, aus dem Backofen oder
hinter dem Holzschober hervorstürzt, um furchtsame Kinder und
abergläubische Frauen zu erschrecken.
Sintram heißt er, der sich freut, wenn er alte Freundschaft in
flammenden Haß verwandeln und die Herzen mit Lügen vergiften kann.
Sintram heißt er -- und eines Tages kam er nach Ekeby.
* * * * *
»Zieht den großen Brennholzschlitten in die Schmiede, stellt ihn in die
Mitte des Raumes, legt einen Karren darüber, den Boden nach oben
gewendet, dann haben wir einen Tisch. Hurra, der Tisch soll leben!
»Jetzt herbei mit Stühlen und mit allem, was sich zum Sitzen benutzen
läßt! Herbei mit dreibeinigen Schusterhockern und leeren Kisten! Herbei
mit zerfetzten Lehnstühlen ohne Lehne, und her mit dem alten
Einspännerschlitten ohne Kufen und mit der alten Karosse! Ha, ha! her
mit der alten Karosse! Das soll die Rednertribüne sein. Nein, seht nur,
das eine Rad ist ab, und der ganze Wagenkasten fehlt! Es ist nichts als
der Bock übriggeblieben. Das Polster ist zerfetzt, die Krollhaare
quellen daraus hervor, das Leder ist rot von Alter. Hoch wie ein Haus
ist das alte Stück Rumpelzeug. Stoßt, stoßt, sonst stürzt es um!«
Hurra! Hurra! Es ist Christnacht auf Ekeby!
Hinter den seidenen Gardinen des Doppelbettes schlafen der Major und die
Majorin, schlafen und glauben, daß auch der Kavalierflügel schläft.
Knechte und Mägde können schlafen, übersättigt von dem festlichen
Reisbrei, müde von dem starken Weihnachtsbier, nicht aber die Herren im
Kavalierflügel. Kann überhaupt jemand glauben, daß der Kavalierflügel
schläft?
Keine barfüßigen Schmiede rasseln mit den eisernen Stangen, keine
rußgeschwärzten Knaben ziehen die Kohlenkarren hinter sich her, der
große Hammer hängt wie ein Arm mit geballter Faust oben unterm Dach. Der
Amboß steht leer, die Öfen sperren ihren roten Schlund nicht auf, um
Kohlen zu verschlingen, die Bälge knirschen nicht. Es ist Weihnacht. Die
Schmiede schläft.
Sie schläft, schläft! O du Menschenkind, sie schläft, wenn die Kavaliere
wachen! Die langen Zangen stehen aufrecht auf dem Fußboden, halten
Talglichter in ihrem Schnabel. Aus dem Zehnkannenkessel aus blankem
Kupfer schlägt die blaue Flamme des Punsches zu dem dunklen Dach empor.
Beerencreutz' Hornlaterne hängt an dem Stangeneisenhammer. Der gelbe
Punsch schimmert in der Bowle wie die helle Sonne. Hier ist ein Tisch,
und hier sind Bänke. Die Kavaliere feiern Weihnachten in der Schmiede.
Hier ist Lärm und Lustigkeit und Musik und Gesang. Das mitternächtliche
Getöse weckt niemand. Aller Lärm, alles Geräusch aus der Schmiede
ertrinkt in dem mächtigen Brausen des Gießbaches da draußen.
Da ist Lärm und Lustigkeit. Wenn die Frau Majorin sie jetzt sähe?
Nun, was dann? Sie würde sich sicher bei ihnen niederlassen und einen
Becher mit ihnen leeren. Eine tüchtige Frau ist sie, sie läuft nicht
davon vor einem donnernden Trinkliede, vor einem Spiel Rabouge. Die
reichste Frau in ganz Wermland, barsch wie ein Kerl und stolz wie eine
Königin. Gesang liebt sie, gellende Waldhörner und Violinen. Wein und
Spiel hat sie gern und lange Tische, umringt von fröhlichen Gästen. Sie
sieht es gern, wenn die Vorräte schwinden, wenn Tanz und Lustbarkeit in
Kammer und Saal herrschen und der Kavalierflügel voller Kavaliere ist!
Seht sie dort rings im Kreise um die Bowle sitzen, Kavalier an Kavalier!
Es sind ihrer zwölf, zwölf Männer! Keine Eintagsfliegen, keine
Modehelden, sondern Männer, deren Ruf erst spät in Wermland ersterben
wird, mutige Männer, starke Männer!
Keine dürren Pergamente, keine zugeschnürten Geldbeutel, sondern arme
Männer, sorglose Männer, Kavaliere vom Morgen bis zum Abend.
Keine Hängeweiden, keine schläfrigen Stubenhocker, wegefahrende Männer,
fröhliche Männer, Ritter von tausend Abenteuern.
-- -- Jetzt hat der Kavalierflügel schon seit Jahren leer gestanden. Ekeby
ist kein Zufluchtsort für heimatlose Kavaliere mehr. Pensionierte
Offiziere und arme Edelleute fahren nicht mehr in wackeligen Gefährten
auf den Landstraßen Wermlands umher; hier aber sollen sie wieder
auferstehen, die Fröhlichen, Sorglosen, die ewig Jungen!
Alle diese weitberühmten Männer konnten ein oder mehrere Instrumente
spielen. Alle sind sie so voller Eigenheiten, voller Redensarten,
Einfälle und Lieder wie der Ameishaufen voller Ameisen, aber ein jeder
von ihnen hat doch seine besondere vorzügliche Eigenschaft, seine
hochgeschätzte Kavaliertugend, die ihn von den übrigen unterscheidet.
Zuerst von alle denen, die um die Bowle herumsitzen, will ich
Beerencreutz nennen, den Obersten mit dem großen weißen Schnurrbart, den
Rabougespieler, den Bellman-Sänger, und neben ihm seinen Freund und
Kriegskameraden, den wortkargen Major, den großen Bärenjäger Anders
Fuchs, und als dritten im Bunde den kleinen Ruster, den Trommelschläger,
der lange Bursche des Obersten gewesen war, aber infolge seiner
Geschicklichkeit im Punschbrauen und im Generalbaß Kavalierrang erhalten
hatte. Dann muß der alte Fähnrich, Rutger von Örneclou, erwähnt werden,
der Herzenbrecher in Perücke, steifer Halsbinde und Jabot, der
geschminkt war wie eine Frau. Er war einer der hervorragendsten
Kavaliere, und das war auch Christian Bergh, der starke Hauptmann, ein
gewaltiger Held, aber ebenso leicht an der Nase herumzuführen wie der
Riese im Märchen. In Gesellschaft dieser beiden sah man oft den kleinen,
kugelrunden Patron Julius, fröhlich und munter, ein heller Kopf, Redner,
Maler, Liedersänger und Anekdotenerzähler. Er ließ seine gute Laune
gewöhnlich über den gichtbrüchigen Fähnrich und den dummen Riesen aus.
Hier sah man auch den großen Deutschen Kevenhüller, den Erfinder des
selbsttätigen Wagens und der Flugmaschine, ihn, dessen Name noch in den
sausenden Wäldern widerhallt. Ein Ritter war er von Geburt wie von
Gestalt, mit großem, gedrehtem Schnurrbart, spitzem Kinnbart, Adlernase
und kleinen schiefen Augen in einem Netz sich kräuselnder Falten. Hier
saß der große Kriegsheld, Vetter Kristoffer, der nie aus den vier Wänden
des Kavalierflügels herauskam, es sei denn, daß eine Bärenjagd oder
sonst ein verwegenes Abenteuer in Aussicht war; und neben ihm Onkel
Eberhard, der Philosoph, der nicht des Scherzes und der Lustbarkeit
halber nach Ekeby gezogen war, sondern um ungestört von Nahrungssorgen
seine große Arbeit in der Wissenschaft der Wissenschaften verrichten zu
können.
Zu allerletzt nenne ich die Besten der ganzen Schar: den sanften
Löwenberg, den frommen Mann, der zu gut war für diese Welt und sich so
blitzwenig auf ihr Treiben verstand, und Liliencrona, den großen
Musiker, der ein gutes Heim hatte und sich stets dahin sehnte, der aber
doch auf Ekeby bleiben mußte, weil sein Geist des Reichtums und der
Abwechselung bedurfte, um das Leben ertragen zu können.
Alle diese elfe hatten ihre Jugend hinter sich und waren ein gutes Stück
ins Alter hineingekommen; in ihrer Mitte aber gab es einen, der nicht
mehr als dreißig Jahre zählte und dessen geistige wie körperliche Kräfte
noch ungebrochen waren. Das war Gösta Berling, der Kavalier der
Kavaliere, er, der allein ein größerer Redner, Sänger, Musiker, Jäger,
Trinkheld und Spieler war als alle die andern zusammengenommen. Welch
einen Mann hatte nicht die Majorin aus ihm gemacht!
Seht ihn an, wie er jetzt da oben auf dem Rednerstuhl steht! Die
Dunkelheit senkt sich von dem rußgeschwärzten Dach in schweren Festons
auf ihn herab. Sein blondes Haupt schimmert daraus hervor wie das der
jungen Götter, jener jungen Lichtträger, die das Chaos ordneten.
Schlank, schön, abenteuerbegehrlich steht er da.
Aber er redet mit tiefem Ernst.
»Kavaliere und Brüder! Die Mitternacht naht heran, das Fest ist weit
vorgeschritten, es ist Zeit, den Becher auf das Wohl des Dreizehnten am
Tische zu trinken!«
»Lieber Bruder Gösta,« ruft Patron Julius, »hier ist kein Dreizehnter,
wir sind nur zwölf!«
»Auf Ekeby stirbt alljährlich ein Mann«, fährt Gösta mit immer finsterer
werdender Stimme fort. »Einer von den Gästen des Kavalierflügels stirbt,
einer von den Frohen, den Sorglosen, den ewig Jungen. Nun ja! Kavaliere
dürfen nicht alt werden. Wenn unsere zitternden Hände das Glas nicht
mehr halten können, wenn unsere halbblinden Augen die Karten nicht mehr
zu unterscheiden vermögen, was ist das Leben dann für uns, was sind wir
dann für das Leben? Einer von den Dreizehn, die die Christnacht in der
Schmiede auf Ekeby feiern, _muß_ sterben, aber jedes Jahr kommt ein neuer,
um die Zahl voll zu machen; ein Mann, der wohlerfahren ist in dem
Handwerk der Freude, ein Mann, der eine Violine streichen, der ein Spiel
Karten spielen kann, muß unsere Schar vollzählig machen. Alte
Schmetterlinge müssen zu sterben wissen, solange die Sonne scheint! Auf
das Wohl des Dreizehnten!«
»Aber Gösta, wir sind nur zwölf!« wandten die Kavaliere ein, und keiner
griff zum Glase.
Gösta Berling, den sie den Poeten nannten, obwohl er niemals einen Vers
schrieb, fuhr mit ungestörter Ruhe fort: »Kavaliere und Brüder! Habt ihr
vergessen, wer ihr seid? Ihr haltet die Freude in Wermland am Leben. Ihr
bringt Fahrt in den Strich des Fiedelbogens, ihr haltet den Tanz im
Gange, laßt Gesang und Spiel durch das Land erschallen. Wenn ihr nicht
wäret, so würde der Tanz ersterben, die Rosen würden sterben,
Kartenspiel und Gesang würden sterben, und in diesem ganzen herrlichen
Lande würde es nichts weiter geben als Eisenwerke und Grundbesitzer. Die
Freude wird leben, solange ihr lebet. Sechs Jahre habe ich jetzt die
Christnacht in der Schmiede zu Ekeby gefeiert, und niemals hat sich
jemand geweigert, auf das Wohl des Dreizehnten zu trinken. Wer von euch
fürchtet sich, zu sterben?«
»Aber Gösta!« riefen sie, »wenn wir doch nur zwölf sind, wie können wir
da auf das Wohl des Dreizehnten trinken?«
Tiefe Bekümmernis malt sich auf Göstas Zügen. »Sind wir nur zwölf?«
fragt er. »Und weshalb denn? Sollen wir aussterben? -- Sollen wir im
nächsten Jahr nur elf und in dem darauffolgenden nur zehn sein? Soll
unser Leben eine Sage werden, soll unsere Schar zugrunde gehen? Ich rufe
ihn herbei, den Dreizehnten, denn ich habe mich erhoben, um auf sein
Wohl zu trinken. Aus der Tiefe des Meeres, aus den Eingeweiden der Erde,
vom Himmel herab, aus der Hölle herauf rufe ich ihn, der die Zahl der
Kavaliere vervollständigen soll!«
Da rasselt es im Schornstein, da schlagen die Flammen des Schmelzofens
auf, da kommt der Dreizehnte. Behaart kommt er mit Schwanz und
Pferdehuf, mit Hörnern und spitzigem Bart, und bei seinem Anblick fahren
die Kavaliere mit einem lauten Aufschrei in die Höhe.
Aber unter nicht endenwollendem Jubel ruft Gösta Berling: »Der
Dreizehnte ist gekommen -- auf das Wohl des Dreizehnten!«
So ist er denn gekommen, der alte Feind der Menschheit, gekommen zu den
Verwegenen, die den Frieden der heiligen Nacht stören. Der Freund der
Hexen vom Blocksberg, der seine Kontrakte mit Blut auf kohlschwarzes
Papier schreibt, er, der sieben Tage mit der Gräfin auf Ivarsnäs tanzte
und den sieben Pfarrer nicht vertreiben konnten -- er ist gekommen.
In stürmischer Eile fliegen die Gedanken bei seinem Anblick den alten
Abenteurern durch die Köpfe. Sie grübeln darüber nach, um wessentwillen
er wohl über Nacht unterwegs sein mag.
Viele von ihnen sind nahe daran, vor Angst fortzulaufen; bald aber
verstehen sie, daß er nicht gekommen war, um sie in sein finsteres Reich
hinabzuholen, sondern daß der Becherklang und der Gesang ihn
herbeigelockt hatte. Er wollte teilhaben an der Freude der Menschen in
der heiligen Christnacht und die Last der Regierung in dieser Zeit der
Freuden abschütteln.
Kavaliere! Kavaliere! Wer von euch denkt wohl daran, daß dies die
Christnacht ist! Jetzt singen die Engel den Hirten auf dem Felde ihren
Gruß zu, jetzt liegen die Kinder in den Betten und fürchten sich zu fest
zu schlafen, so daß sie nicht rechtzeitig zu der schönen Frühmette
erwachen. Bald ist es Zeit, die Weihnachtskerzen in der Kirche zu Bro
anzuzünden, und weit weg in der Waldhütte hat der Jüngling einen Haufen
knisternder Tannenzweige in Brand gesteckt, die seiner Herzliebsten auf
dem Wege zur Kirche leuchten sollen. In allen Hütten haben die Frauen
Lichter in die Fenster gestellt, die angezündet werden sollen, wenn die
Kirchgänger vorüberziehen. Der Küster überhört sich im Traum die
Weihnachtsgesänge, und der alte Probst liegt im Bett und stellt Versuche
an, ob er noch Stimme genug hat, um »Ehre sei Gott in der Höhe und
Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen« zu singen.
Ach, Kavaliere, es wäre besser für euch gewesen, wenn ihr in dieser
Nacht des Friedens in euren Betten gelegen hättet, statt Umgang mit dem
Fürsten der Finsternis zu pflegen!
Aber sie begrüßen ihn mit Willkommensrufen, wie es Gösta bereits getan
hat. Einen Becher, gefüllt mit dem brennenden Trank, setzen sie vor ihn
hin, und sie räumen ihm den Ehrenplatz am Tische ein. Beerencreutz ladet
ihn zu einem Spiel Rabouge ein, Patron Julius singt ihm seine schönsten
Lieder vor, und Örneclou redet mit ihm über schöne Frauen, diese
himmlischen Wesen, die das Leben versüßen. Er befindet sich äußerst
wohl, der Gehörnte, während er sich mit königlicher Haltung gegen den
alten Kutscherbock lehnt und den gefüllten Pokal an den grinsenden Mund
hebt.
Gösta Berling hält natürlich eine Rede auf ihn.
»Euer Gnaden,« sagt er, »wir haben Sie lange hier auf Ekeby erwartet,
denn Sie haben wohl kaum Zutritt zu einem andern Paradies. Hier lebt
man, ohne zu säen oder zu spinnen, wie Euer Gnaden wohl schon weiß. Hier
fliegen einem die gebratenen Tauben in den Mund; hier fließt starkes
Bier und süßer Branntwein in allen Bächen und Strömen. Hier ist gut
sein, merkt Euch das, Euer Gnaden!
»Wir Kavaliere haben uns wirklich nach Ihnen gesehnt, denn wir sind
bisher nicht recht vollzählig gewesen. Denn wir sind ein wenig mehr, als
wofür wir uns ausgeben: wir sind der Dichtung alte Zahl der Zwölfe, die
sich durch alle Zeiten hindurchzieht. Zwölf waren wir, als wir die Welt
da oben auf dem wolkenumkränzten Gipfel des Olympos regierten, zwölf,
als wir gleich Vögeln in Yggdrasils grüner Krone wohnten. Saßen wir
nicht zu Zwölfen um König Arturs Tafelrunde, und gingen nicht zwölf
Genossen in Carolus Magnus' Heer? Einer von uns ist Thor gewesen, ein
anderer Jupiter, das muß uns ein jedes Kind noch heute ansehen können.
Man kann noch den Götterglanz unter den Lumpen, die Löwenmähne unter der
Eselshaut erkennen. Die Zeit hat uns arg mitgenommen, hier aber wird uns
die Schmiede zum Olymp, der Kavalierflügel zu Walhall!
»Aber, Euer Gnaden, wir sind nicht vollzählig gewesen. Wir wissen ja,
daß in der Schar der Zwölfte in der Dichtung stets ein Loke, ein
Prometheus, ein Ganelon sein mußte. Den haben wir vermißt.
»Euer Gnaden! Ich heiße Sie willkommen!«
»Seht, seht!« sagte der Böse. »Schöne Worte, schöne Worte. Und ich, der
ich keine Zeit habe zu antworten! Geschäfte, meine Freunde, Geschäfte!
Ich muß gleich fort, sonst stünde ich euch zu jeglicher Rolle zu
Diensten. Habt Dank für eure freundliche Aufnahme, Kameraden. Auf
Wiedersehen!«
Da fragen die Kavaliere, wohin es ihn denn so eilig zieht, und er
antwortet, daß die Herrin auf Ekeby, die Majorin selber ihn erwartet, um
ihren Kontrakt zu erneuern.
Große Verwunderung ergreift die Kavaliere. Eine strenge und tüchtige
Frau ist sie, die Majorin auf Ekeby. Sie hebt eine Tonne Roggen auf ihre
breiten Schultern. Sie führt den Erztransport von den Gruben bis nach
Ekeby. Sie schläft wie ein Fuhrknecht auf der Tenne, einen Sack als
Kopfkissen unter dem Haupt. Im Winter kann sie einen Kohlenmeiler
beaufsichtigen, im Sommer eine Bretterladung den Löfsee hinabflößen.
Eine willensstarke Frau ist sie. Sie flucht wie ein Kerl und regiert
ihre sieben Besitzungen und die Güter ihrer Nachbarn, regiert ihr
eigenes Kirchspiel und die benachbarten Kirchspiele, ja das ganze schöne
Wermland. Den heimatlosen Kavalieren aber ist sie eine Mutter gewesen,
und deswegen haben sie ihre Ohren verschlossen, wenn das Gerücht zu
ihnen drang, daß sie mit dem Teufel im Bunde stehe. Also fragen sie ihn
mit großem Staunen, welchen Kontrakt sie mit ihm geschlossen hat.
Und er, der Schwarze, antwortete ihnen, daß er der Majorin ihre sieben
Besitzungen geschenkt hat, gegen das Versprechen, daß sie ihm
alljährlich eine Seele sendet.
O, welch ein Entsetzen schnürt da die Herzen der Kavaliere zusammen!
Sie wußten es ja, aber sie haben es bisher nicht verstanden. Auf Ekeby
stirbt alljährlich ein Mann, einer von den Gästen des Kavalierflügels
stirbt, einer von den Fröhlichen, den Sorglosen, den ewig Jungen stirbt.
Nun ja, -- Kavaliere dürfen nicht alt werden! Wenn ihre zitternden Hände
kein Glas mehr halten können, wenn ihre halbblinden Augen die Karten
nicht mehr zu unterscheiden vermögen -- was ist das Leben da für sie, was
sind sie für das Leben? Schmetterlinge müssen zu sterben wissen, solange
die Sonne scheint.
Aber erst jetzt verstanden sie die rechte Bedeutung der Sache.
Wehe der Frau! Deswegen also hat sie ihnen so manche gute Mahlzeit
gereicht, deswegen läßt sie sie ihr starkes Bier, ihren süßen Branntwein
trinken, damit sie vom Trinksaal und den Spieltischen auf Ekeby zu dem
Fürsten der Finsternis hinabstürzen, einer alljährlich -- einer in jedem
flüchtigen Jahr!
Wehe der Frau, wehe der Hexe! Starke, herrliche Männer waren nach
diesem Ekeby gekommen, um zu vergehen. Und sie stürzte sie ins
Verderben; ihre Gehirne wurden zu Schwämmen, ihre Lungen zu trockener
Asche, ihr Geist war umnachtet, wenn sie auf das Totenbett sanken, um
ohne Hoffnung, ohne Seele diese lange Reise anzutreten. Wehe der Frau!
So sind alle die gestorben, die bessere Männer waren als sie, und so
sollen auch sie sterben.
Lange aber stehen die Kavaliere nicht vom Schrecken gelähmt da.
»Du Fürst der Verdammnis!« rufen sie. »Mit der Hexe sollst du nie wieder
deine mit Blut geschriebenen Kontrakte schließen; sie soll sterben.
Christian Bergh, der starke Hauptmann, hat den schwersten Hammer der
Schmiede über die Schulter geworfen; der soll in dem Kopf dieses
Ungeheuers begraben werden. Sie soll dir keine Seele mehr opfern. Und du
selber, du Gehörnter, dich legen wir auf den Amboß, und dann lassen wir
den Stangeneisenhammer los. Während die Hammerschläge fallen, halten wir
dich mit den Zangen fest; wir wollen dich lehren, auf Jagd nach
Kavalierseelen auszugehen!«
Feige ist er, der schwarze Herr, das ist eine alte Geschichte, und die
Aussicht, unter den großen Hammer zu kommen, sagt ihm nicht zu. Er ruft
Christian Bergh zurück und fängt an, mit den Kavalieren zu unterhandeln.
»Nehmt die sieben Eisenwerke in dem kommenden Jahr, nehmt sie selber,
Kavaliere, und überlaßt mir die Majorin!«
»Glaubst du, daß wir ebenso niedrig denken wie sie?« ruft Patron Julius.
»Ekeby und alle sieben Besitztümer wollen wir haben, mit der Majorin
aber mußt du dich selber abfinden.«
»Was sagt Gösta? Was sagt Gösta?« fragt der sanfte Löwenberg. »Gösta
Berling soll reden. Bei einer so wichtigen Angelegenheit müssen wir
seine Ansicht hören.«
»Das Ganze ist Unsinn!« sagt Gösta Berling. »Kavaliere, laßt euch nicht
von ihm anführen! Was sind wir gegen die Majorin? Mit unseren Seelen mag
es gehen, wie es will, aber mit meinem freien Willen werden wir nicht zu
undankbaren Wichten, benehmen wir uns nicht wie Schurken und Verräter.
Ich habe das Brot der Majorin zu lange Jahre gegessen, um sie jetzt im
Stich zu lassen.«
»Ja, fahr du zur Hölle, Gösta, wenn du Lust dazu hast! Wir wollen Ekeby
lieber selber regieren.«
»Aber seid ihr denn ganz toll, oder habt ihr all euren Sinn und Verstand
vertrunken? Glaubt ihr, daß das die Wahrheit ist? Glaubt ihr, daß das
der Teufel ist? Könnt ihr denn nicht merken, daß das Ganze eine
verdammte Lüge ist?«
»Sieh, sieh, sieh!« sagt der schwarze Herr. »Er merkt noch nicht, daß Er
auf dem besten Wege ist, zur Hölle zu fahren, und doch ist Er schon
sieben Jahre auf Ekeby gewesen! Er merkt nicht, wie weit Er schon
gekommen ist.«
»Ach was, Unsinn, Alter! Ich bin dir ja selber behilflich gewesen, dort
in den Ofen hineinzukriechen!«
»Als ob das einen Unterschied machte. Als ob ich deswegen nicht
ebensogut ein Teufel sein könnte wie jeder andere. Ja, ja, Gösta
Berling! Dich habe ich sicher. Du hast dich schon recht nett entfaltet
unter der Behandlung der Majorin.«
»Sie hat mich gerettet!« sagt Gösta. »Was wäre ich wohl ohne sie
gewesen?«
»Sieh, sieh! Als ob sie nicht ihren eigenen Zweck dabei gehabt hätte,
als sie dich auf Ekeby zurückhielt. Du kannst viele in die Falle locken;
du hast große Gaben. Einmal suchtest du dich von ihr zu befreien, du
ließest dir von ihr ein Haus geben, und du wurdest Arbeiter; du wolltest
dein eigenes Brot essen. Jeden Tag ging sie an dem Hause vorüber, und
sie hatte schöne Mädchen in ihrem Gefolge. Eines Tages war Marianne
Sinclaire bei ihr; da warfest du Spaten und Schurzfell weg, Gösta
Berling, und wurdest wieder Kavalier.«
»Der Weg führte an meinem Hause vorüber, du Dummkopf.«
»Freilich führte der Weg dort vorüber. Später kamst du nach Borg,
wurdest Henrik Dohnas Hauslehrer und wärest fast der Schwiegersohn der
Gräfin Märta geworden. Wer war schuld daran, daß die junge Gräfin Ebba
Dohna erfuhr, daß du nur ein verabschiedeter Pfarrer seiest, so daß sie
dir einen Korb gab? Daran war die Majorin schuld, Gösta Berling! Sie
wollte dich wieder zurück haben.«
»Ei was!« erwidert Gösta. »Ebba Dohna starb bald darauf. Die hätte ich
doch nicht bekommen.«
Da trat der schwarze Herr dicht an ihn heran und zischte ihm ins
Gesicht: »Starb -- ja freilich starb sie. Gemordet hat sie sich um
deinetwillen -- das tat sie, aber dir hat das niemand gesagt.«
»Du bist kein so übler Teufel!« sagt Gösta.
»Die Majorin hat das Ganze besorgt, sage ich dir! Sie wollte dich wieder
für ihren Kavalierflügel haben!«
Gösta lachte laut auf. »Du bist kein so übler Teufel!« rief er wild.
»Weshalb sollten wir nicht einen Kontrakt mit dir schließen? Du kannst
uns, wenn du willst, die sieben Eisenwerke verschaffen.«
»Gut, daß du deinem Glück nicht mehr im Wege stehst.«
Die Kavaliere atmeten erleichtert auf. So weit war es mit ihnen
gekommen, daß sie nichts mehr ohne Gösta unternehmen mochten. Wäre er
nicht darauf eingegangen, so wäre der ganze Pakt nicht zustande
gekommen. Und doch war es keine Kleinigkeit für die armen Kavaliere, die
Herrschaft über sieben Eisenwerke zu bekommen!
»Gebt jetzt acht,« sagte Gösta, »daß wir die sieben Besitzungen
annehmen, um unsere Seelen zu retten, nicht aber um reiche Gutsherren zu
werden, die Geld zählen und Eisen wiegen; keine trocknen Pergamente,
keine zugeschnürten Geldbeutel wollen wir werden, sondern Kavaliere
wollen wir sein und bleiben.«
»Goldene Körner der Weisheit!« murmelte der schwarze Herr.
»Wenn du uns deswegen die sieben Besitzungen auf ein Jahr geben willst,
so nehmen wir sie an, merk dir aber eins: wenn wir während der Zeit
etwas tun, was nicht kavaliermäßig ist, wenn wir irgend etwas tun, was
nützlich oder klug oder schurkenhaft ist, so kannst du uns alle zwölfe
holen, wenn das Jahr um ist, und die Eisenwerke geben, wem du willst.«
Der Böse rieb sich vor Wonne die Hände.
»Dahingegen aber, wenn wir uns stets benehmen wie wahre Kavaliere,« fuhr
Gösta fort, »so darfst du nie wieder einen Kontrakt in bezug auf Ekeby
schließen und erhältst in diesem Jahr keinen Lohn, weder von uns noch
von der Majorin.«
»Das sind harte Bedingungen«, sagte der Böse. »Ach, lieber Gösta, du
könntest mir immerhin eine Seele gönnen, eine einzige kleine Seele.
Könnte ich nicht die Majorin bekommen? Weswegen schonst du nur die
Majorin?«
»Ich treibe keinen Handel mit dergleichen Waren«, brüllt Gösta. »Willst
du aber eine Seele haben, so hol dir den alten Sintram auf Fors; der ist
reif für die Hölle, dafür steh ich ein!«
»Sieh, sieh, sieh! Das läßt sich hören«, sagt der alte Herr, ohne zu
blinken. »Die Kavaliere oder Sintram -- das geht gegeneinander auf. Das
wird ein fettes Jahr.«
Und dann wird der Kontrakt mit Blut aus Göstas kleinem Finger
geschrieben auf das schwarze Papier des Bösen und mit seiner Gänsefeder.
Als das aber getan ist, jubeln die Kavaliere. Jetzt soll die
Herrlichkeit der Welt ihnen ein ganzes Jahr lang gehören -- und später
wird man schon einen Ausweg finden.
Sie rücken die Stühle beiseite, reichen einander die Hände und bilden
einen Kreis um den Punschkessel mitten auf dem schwarzen Fußboden und
schwingen sich in wildem Tanz herum. In der Mitte des Kreises tanzt der
Böse mit hohen Sprüngen, schließlich läßt er sich, so lang er ist, neben
dem Kessel fallen, neigt ihn zu sich heran und trinkt.
Da wirft sich Beerencreutz neben ihm und Gösta Berling nieder, und dann
lagern sie sich alle im Kreis um den Kessel, der von dem einen Mund zum
andern geneigt wird. Schließlich bekommt er einen Stoß, so daß er
umstürzt und der ganze heiße, klebrige Trank sich über die Lagernden
ergießt.
Als sie sich fluchend erheben, ist der Böse verschwunden, aber seine
goldenen Versprechungen schweben gleich strahlenden Kronen über den
Scheiteln der Kavaliere.