Nun muß ich diejenigen, die den langen See, die reichen Ebenen und die
blauen Berge schon kennen, bitten, daß sie einige Seiten überschlagen.
Sie können es ruhig tun, das Buch wird trotzdem lang genug.
Ein jeder wird verstehen, daß ich gezwungen bin, diese drei Szenerien
denen zu beschreiben, die sie noch nicht gesehen haben, denn sie waren
der Schauplatz, auf dem Gösta Berling und die Kavaliere ihr lustiges
Leben lebten. Aber für diejenigen, die sie gesehen haben, ist es gar
leicht zu verstehen, daß dies die Kräfte eines Menschen übersteigt, der
nur die Feder führen kann.
Am liebsten würde ich mich damit begnügen, _von dem See_ zu erzählen, daß
er der Löfsee heißt, daß er lang und schmal ist, daß er sich von den
großen einsamen Wäldern im nördlichen Wermland bis hinab in die
Niederungen des Wenersees nach Süden zu erstreckt; _von der Ebene_, daß
sie zu beiden Seiten des Sees dahinläuft, und _von den Bergen_, daß sie
mit ihren ragenden Ketten das ganze Tal umschließen. Aber das ist nicht
genug für mich, wenn ich den See meiner Kindheitsträume und das Leben
meiner Kindheitshelden schildern will.
Die Quellen des Sees liegen hoch oben im Norden, und da ist ein
herrliches Land für einen See. Wald und Berge werden niemals fertig,
Wasser für ihn zu sammeln, Elfe und Bäche stürzen das ganze Jahr
hindurch in ihn hinab. Er hat feinen, weißen Sand, auf dem er sich
ausstrecken kann, Landzungen und Inseln, die er widerspiegeln kann, da
ist freier Spielraum für den Wassermann und die Meerfrau, und er wächst
groß und schön heran. Da oben im Norden ist er munter und freundlich.
Ihr solltet ihn nur an einem Sommermorgen sehen, wenn er ganz wach
daliegt und unter dem Nebelschleier blitzt, wie lustig er da ist. Er
verbirgt sich erst eine Weile, dann schlüpft er leise, ganz leise aus
seiner lichten Hülle heraus, so bezaubernd schön, daß man ihn kaum
wiedererkennen kann. Aber dann, mit einem Ruck, wirft er die ganze Decke
ab und liegt da, bloß und frei und rosenrot und strahlt im Morgenlicht.
Aber der See begnügt sich nicht mit Spiel und Lustigkeit; er bricht sich
einen Weg durch einige Sandhügel nach Süden zu, schnürt sich zu einem
engen Sund zusammen und sucht sich ein neues Reich. Das findet er, wird
bald wieder groß und mächtig, hat eine bodenlose Tiefe auszufüllen und
eine fleißige Gegend zu schmücken. Aber nun wird das Wasser auch
dunkler, die Ufer werden weniger abwechselnd, die Winde schärfer, der
ganze Charakter wird strenger. Aber es ist noch immer ein stattlicher,
ein herrlicher See. Mannigfach sind die Schiffe und die Holzflöße, die
auf ihm fahren, und selten findet er vor Weihnacht Zeit, sich zur
Winterruhe zu legen. Oft ist er schlechter Laune; er kann weiß schäumen
und Boote umstürzen, aber er kann auch in träumerischer Ruhe daliegen
und den Himmel abspiegeln.
Aber der See will noch weiter hinaus in die Welt, obwohl die Berge
fester werden und der Platz enger wird, je weiter er hinabkommt, so daß
er schließlich wie ein schmaler Sund zwischen sandigen Ufern
dahinkriechen muß. Dann breitet er sich zum drittenmal aus, aber nicht
mit derselben Schönheit und Macht.
Die Ufer liegen flach und einförmig da, mildere Winde wehen, und der See
legt sich früh zur Winterruhe. Er ist noch schön, doch er hat die
Wildheit seiner Jugend und die Kraft seines Mannesalters eingebüßt -- er
ist ein See wie alle anderen. Mit zwei Armen tastet er sich nach dem
Wenersee hin, und wenn er den gefunden hat, stürzt er sich in
Altersschwäche steile Abhänge hinab, und mit dieser letzten Heldentat
begibt er sich zur Ruhe.
Die Ebene ist ebensolang wie der See, aber es wird ihr schwer, vor Seen
und Bergen weiter zu kommen, gleich von der Schlucht am nördlichen
Endpunkt des Sees an und bis sie sich behaglich an den Ufern des
Wenersees zur Ruhe legt. Natürlich würde die Ebene am liebsten an dem
See entlang laufen, von dem einen Ende bis zum andern; aber das erlauben
ihr die Berge nicht. Die Berge sind mächtige Mauern aus Granitgestein,
mit Wäldern bedeckt, voll von Schluchten, es ist schwierig, dort zu
wandern; reich sind sie an Moos und Flechten, und in alten Zeiten waren
sie die Heimstätte für Unmengen von Wild. Oft stößt man oben auf den
weitausgedehnten Bergrücken auf ein Moor mit Schlammboden oder auf einen
Sumpf mit schwarzem Wasser, und hier und da findet man einen Köhlerplatz
oder eine offene Stelle, wo Holz geschlagen ist, oder ein Stück
abgesengter Heide, und das zeugt davon, daß die Berge auch Arbeit
ertragen können; gewöhnlich aber liegen sie in sorgloser Ruhe da und
begnügen sich damit, Licht und Schatten ihr ewiges Spiel auf ihren
Abhängen spielen zu lassen.
Mit diesen Bergen liegt die Ebene -- die fromm und fruchtbar ist und die
Arbeit liebt -- in einem ewigen Krieg.
»Könnt ihr euch nicht damit begnügen, Mauern um mich her zu errichten?«
sagt die Ebene zu den Bergen; »das ist Sicherheit genug für mich.«
Aber die Berge lauschen dieser Rede nicht. Sie entsenden lange Reihen
von Hügeln und kahlen Hochebenen bis ganz hinab an den See. Sie bauen
prächtige Aussichtstürme auf jeder Landzunge und weichen so selten von
dem Ufer des Sees zurück, daß sich die Ebene nur an ganz einzelnen
Stellen in dem weichen Sand des Ufers rollen kann. Aber es nützt ihr
nicht, zu klagen.
»Freue du dich, daß wir hier stehen«, sagen die Berge. »Denk an die Zeit
vor Weihnacht, wenn die eiskalten Nebel Tag für Tag über den Löfsee
dahinrollen. Wir tun gute Dienste da, wo wir stehen!«
Die Ebene klagt darüber, daß sie zu wenig Platz und zu schlechte
Aussicht hat.
»Du Törin!« antworten die Berge; »du solltest nur fühlen, wie es hier
unten am See weht. Man muß allermindestens einen Rücken aus Granitstein
haben und einen Pelz aus Tannen, um das aushalten zu können. Und im
übrigen kannst du froh sein, daß du uns ansehen darfst!«
Und darüber ist die Ebene auch wirklich froh. Sie kennt sehr wohl jedes
wunderliche Wechseln von Licht und Schatten, das über die Berge
hinhuscht. Sie hat sie in der Mittagsbeleuchtung gleichsam bis zu dem
Horizont hinabsinken sehen, niedrig und ganz hellblau, hat sie sich in
der Morgen- und Abendbeleuchtung zu ehrwürdiger Höhe emporheben sehen,
klar, blau wie der Himmel im Zenit. Zuweilen kann das Licht so scharf
auf sie herabfallen, daß sie grün oder schwarzblau werden, und jede
Furche, jeden Weg, jede Schlucht sieht man da aus meilenweiter
Entfernung.
Aber dann geschieht es an einzelnen Stellen, daß die Berge ein wenig zur
Seite weichen und die Ebene nach dem See hinablugen lassen. Aber wenn
sie dann den See in seinem Zorn erblickt, wie er faucht und speit gleich
einer Wildkatze, oder wenn sie ihn mit dem kalten Rauch bedeckt sieht,
der daher kommt, daß die Wasserleute büken oder brauen, da gibt sie gar
bald den Bergen recht und zieht sich wieder in ihr enges Gefängnis
zurück.
Seit Olims Zeiten haben die Menschen die herrliche Ebene bebaut, und sie
ist gut bevölkert. Wo sich nur ein Bach mit seinem weißschäumenden
Wasserfall das Ufer hinabstürzt, lag ein Sägewerk oder eine Mühle.
Auf den offenen, hellen Stellen, wo die Ebene bis an den See hinabging,
lagen Kirchen und Pfarrhäuser; aber am Talrande, halbwegs am Abhang, auf
den mit Steinen angefüllten Feldern, wo kein Korn gedeiht, lagen die
Gehöfte der Bauern, die Offiziershäuser und hin und wieder ein
Herrensitz.
Aber man darf nicht vergessen, daß die Gegend in den zwanziger Jahren
lange nicht so angebaut war wie jetzt. Große Strecken, die heute
fruchtbare Felder tragen, lagen damals als Wald, Sumpf und See da. Die
Bevölkerung war auch nicht so zahlreich und ernährte sich teils durch
Fuhren, teils durch Arbeit in Mühlen und Sägewerken und an fremden
Orten; der Ackerbau konnte ihnen das Leben nicht fristen. Zu jener Zeit
kleideten sich die Bewohner der Ebene in selbstgewebte Stoffe, sie aßen
Haferbrot und begnügten sich mit zwölf Schilling Tagelohn. Die Not war
oft groß unter ihnen; aber sie wurde gemildert durch einen leichten und
munteren Sinn, durch Tüchtigkeit, Handgeschicklichkeit, die namentlich
an fremden Orten zur Entfaltung gelangten.
Aber alle diese drei, der lange See, die reiche Ebene und die blauen
Berge, bildeten die schönste Landschaft, und das tun sie noch heutigen
Tages, und das Volk ist noch heute kräftig, mutig und gut begabt. Jetzt
hat es auch große Fortschritte in bezug auf Wohlstand und Bildung
gemacht.
Möge es denen gut ergehen, die dort oben an dem langen See und an den
blauen Bergen wohnen! Was ich hier schildern will, sind einige von ihren
Erinnerungen.