I.

Nachdem ein Jahrhundert etwa vergangen ist seit jener Epoche, welche

uns die großen Schöpfungen des Maschinenwesens geboren hat, ist es

an der Zeit, die geschichtlichen Daten dieser und der folgenden Zeit

zu sammeln und festzustellen, damit dem späteren Forscher die Arbeit

erleichtert und der Vergessenheit so viel als thunlich entrissen werde.

Aber ~diese Geschichte kann nicht ohne Rückblick auf die früheren

Perioden geschrieben werden~, denn die Errungenschaften der neueren

Zeit stehen mit dem Schaffen der vorhergehenden Zeit in Verbindung;

häufig fußen sie in dem vormals Gefundenen und Versuchten, und das, was

in neuerer Zeit „gefunden“ wurde und wird, ist nicht immer gefunden,

sondern wiedergefunden, indem der schaffende Geist einzelner Vorfahren

denselben Gedanken, der Zeit vorauseilend, ausführte, aber in den

Verhältnissen der Zeit keinen fruchtbaren Boden haben konnte für das

Produkt der schöpferischen Thätigkeit. Zweierlei sind die Kennzeichen

der seitherigen Erfindungen gewesen, ob sie groß und anerkannt wurden,

oder ob sie vergessen blieben, -- erstens, daß sie etwas Neues

enthielten und darboten, was das Bestehende an Leistungsfähigkeit und

Nutzen überragte, -- zweitens, daß sie wohl Neues in sich bargen, aber

Neues, dessen Neuheit entweder nicht leistungsfähiger sich zeigte als

Bestehendes für gleichen Zweck, oder aber so außerordentlich viel mehr

leistete und so viel Neues mit sich brachte, daß der Menschengeist der

gewöhnlichen Menge der Zeit nicht ausreichte, diese hohe Leistung zu

begreifen, viel weniger zu benutzen. Ja nicht selten sind die Fälle,

wo an Spekulationen, selbst wenn sie Neues schafften und enthielten

ohne die Leistung des Bestehenden zu übertreffen, ein Menschengeist

zu Grunde ging und in eingebildetem Undank der Welt seinen geistigen

Tod fand, -- aber jene Fälle sind noch häufiger, daß das seiner Zeit

voreilende Genie Erfindungen machte, die seinen Zeitgenossen wegen der

Größe der Idee unheimlich, gefährlich, ja strafbar erschienen! Wie

viele frühere Entdeckungen uns verloren gegangen sind durch Aberglauben

und Wortglauben, durch die Verfolgungen der fanatischen Geistlichkeit,

die jeden denkenden Mann im Mittelalter zu verdächtigen für nothwendig

fand, und andererseits durch die Furcht vor den entsetzlichen Folgen

nur des Verdachtes einer Ungläubigkeit, die aus jeder That und jedem

Wort herauszudeduziren war, -- wir können es nicht ermessen. Allmählich

nur tauchen hier und da Notizen auf, Funde der fleißigen Forscher, daß

diese und jene neue Sache bereits vor Jahrhunderten versucht ward,

welche jetzt vollen Gebrauch genießt, nachdem sie wieder erstanden

ist. Die freiere Denkungsart unserer Zeit bricht sich nach allen

Richtungen hin Bahn, und was früher ängstlich verborgen ward, gelangt

allgemach zur Kenntniß, und bestätigt das, was wir oben angeführt. Es

ist aber nothwendig, bei der Beurtheilung der Leistungen der Jetztzeit

die früheren ernst zu berücksichtigen. Wir müssen uns daher damit

beschäftigen, den früheren Erfindern und Erfindern von Bedeutung

nachzuspüren, vielleicht erhält dann manches Blatt der Geschichte der

Erfindungen einen anderen Inhalt, und manches Bild gewinnt einen neuen

Reiz oder verblaßt im Scheine der Vorzeit.

Für die Geschichtsschreibung über die Entwicklung der maschinellen

Apparate und Vorrichtungen ist im allgemeinen noch wenig gethan. Ist

doch überhaupt die geschichtliche Entwicklung der Technologie noch

ungenügend durchforscht, und alle Berichte darüber glänzen noch durch

ihre Lückenhaftigkeit. Im Ende des vorigen Jahrhunderts lebte kürzere

Zeit hindurch ein regeres Streben hierfür, und dieser Periode verdanken

wir die fleißigen Arbeiten Heeren’s, Beckmann’s, Poppe’s, Gmelin’s,

Murhard’s, Scheibel’s, Heilbronner’s, Meuken’s, Rosenthal’s u. A. und

der Encyklopädisten. Allein, wenn auch die encyklopädische Literatur

weiterwucherte, -- die eigentlich geschichtliche Forschung verlor an

Intensität. Mit Ausnahme einzelner spezieller Geschichtsschreibungen

über technische Einzelgebiete besitzen wir kein einziges umfassendes

Werk über Geschichte der Technologie, denn auch Karmarsch’s jüngst

erschienenes bedeutendes Werk hat nur die Geschichte der Technologie im

letzten Jahrhundert zum Vorwurf und greift nur hin und wieder wirklich

eingehender auf die frühere Zeit hinüber.

Nicht mit Unrecht hat man geltend gemacht, daß dieser Umstand seine

Entstehung der unvollkommenen Erledigung der Geschichtsschreibung für

diejenigen Wissenschaften zuzuschreiben habe, welche als Fundamente

der Technologie im umfassendsten Sinne gelten müssen. Wo wir auch

hingreifen im Gebiet der angewendeten Mechanik, immer finden wir

den Einfluß der induktiven Wissenschaften mächtig wirksam. Die

Naturbetrachtung und die Naturforschung ist die Mutter aller unserer

Hülfsgeräthe, und die Erzeugung der letzteren ist um so häufiger und

um so erfolgreicher, je mehr naturwissenschaftliche Studien getrieben

worden sind. Die Geschichte der induktiven Wissenschaften sowohl

als die Geschichte der alten Philosophen lehrt uns dies. Mit Thales

begann die Naturforschung um 600 v. Chr. einen bestimmten Karakter

zu gewinnen. Durch Pythagoras ward sie fortgeführt und nach gewissen

Richtungen hin ausgebildet. Hippokrates, Sokrates, Plato lernten von

der Natur und basirten ihre Philosophien auf solchen Anschauungen.

Herodot und Theophrastus wußten die Bedeutung der Naturwissenschaften

durchaus zu schätzen, und ihre Werke dienten denselben. Aristoteles

begriff vielleicht am besten die gewaltige Bedeutung der Naturforschung

durchweg und bemühte sich, den Gesetzen der Natur auf die Spur zu

kommen. Wenn er in vielen Dingen hierfür absolut falsche Bahnen

betrat, so war doch sein Wort und sein Bestreben von allerwichtigstem

Einfluß, und von ihm an, -- lange, zu lange sogar in fast sklavischer

Anerkennung seiner Autorität -- trieb man Mathematik, Mechanik,

Astronomie u. s. w. in seinem Geiste und in Nachfolge seiner Bahnen.

Das Museum zu Alexandria und seine Gelehrten konnten sich nicht vom

Aristotelischen Einfluß losmachen, wenn auch Einzelne wie Euklides,

Eratosthenes, Hipparchus, Aristarchus selbstständig auftraten. Die

Lehren des Aristoteles entbehrten der Klarheit, und ohne aus einer

wirklichen Erfahrung oder aus Versuchen hervorzugehen, enthielten

sie lediglich Spekulationen, zwar oft geistreich und hart an der

Wahrheit hinstreifend, aber ohne Beweis und Beleg aus der Natur der

Dinge selbst. Wie ein strahlender Held der wirklichen Forschung, der

Durchdringung der Gesetze der Natur taucht dazwischen Archimedes

(287-212 v. Chr.) auf, von dem Silius Italicus schreibt:

Ewige Zierde verlieh ein Mann der korinthischen Pflanzstadt,

Weit voraus an Talent den anderen Söhnen der Tellus,

Arm an Besitz, doch offen dem Auge lag Himmel und Erde!

und von dem unser Leibnitz sagt:

„Wer den Archimedes zu begreifen im Stande ist, der wird den

Entdeckungen der Neuzeit lauere Bewunderung schenken.“

Das Urtheil des Plutarch über die geistige Kraft dieses Mannes, über

seine Gesinnung und über seinen Eifer als Forscher ist für uns von

allerhöchster Bedeutung. Er sagt:[1]

„Solchen Stolz und solche Hoheit des Geistes und solchen Reichthum an

Wissen besaß Archimedes, daß er grade über die Dinge, durch welche er

sich den Namen und Ruhm nicht eines menschlichen, sondern beinahe eines

göttlichen Verstandes erworben hatte, nichts Schriftliches hinterlassen

wollte, weil er die Beschäftigung mit der Mechanik und überhaupt

jeder Kunst, die sich mit den praktischen Bedürfnissen befaßt, für

unedel und niedrig hielt. Mit Vorliebe beschäftigte er sich allein mit

solchen Gegenständen, die, ganz abgesehen von ihrer Nothwendigkeit,

schön und vortrefflich sind. Es ist nicht möglich, in der Geometrie

schwierigere und tiefsinnigere Aufgaben einfacher und klarer gelöst zu

finden. Und dies schreiben Einige dem angebornen Genie des Mannes zu,

Andere dagegen sind der Meinung, daß durch seinen außerordentlichen

Fleiß jedes Einzelne den Anschein von leicht und mühelos Gefertigtem

erhalten habe. Denn während man durch eigenes Nachdenken einen Beweis

nicht findet, entsteht zugleich mit dem Erlernen die Einbildung, daß

man ihn doch auch selbst hätte finden können; auf einem so leichten und

schnellen Wege führt Archimedes zu dem, was er beweisen will. Man hat

daher auch nicht Ursache, ~dem~ keinen Glauben zu schenken, was von ihm

erzählt wird, daß er nämlich, wie immer, von einer befreundeten und

vertrauten Sirene bezaubert, Essen und Trinken vergaß und die Pflege

seines Körpers vernachlässigte. Oft nöthigte man ihn mit Gewalt zum

Salben und Baden; aber auch dann bemalte er die Hände mit geometrischen

Figuren und zog auf dem gesalbten Leibe mit dem Striegel Linien, von

großem Vergnügen überwältigt und wirklich von den Musen in Verzückung

versetzt.“

Leider wissen wir sowohl von seinem Leben nur Unzureichendes als auch

von der augenscheinlichen Fülle seiner Arbeiten. Die Nachrichten,

welche uns darüber von anderen Schriftstellern aufbewahrt wurden,

lassen nur um so schmerzlicher die schweren Verluste beklagen. Wie

des Archimedes Erfindungsgeist die meisten Theile der Mathesis mit

wichtigen Entdeckungen bereicherte, so auch die Mechanik. Allein von

allen seinen Arbeiten sind uns seine Schriften über die Kugel und den

Cylinder, über die Ausmessung des Kreises, über Sandberechnung, über

die Spirale, über Conoïde und Sphäroïde, vom Gleichgewicht und über das

Centrum gravitatis, über die Quadratur der Parabeln bekannt. Und auch

diese haben wir nur aus der Rezension des Isodorus und seines Schülers

~Eutocius~ erhalten, welcher letztere einen werthvollen Kommentar

dazu gab. In manchen Schriften des Mittelalters klingt es freilich,

als ob noch andere Schriften des Archimedes vorhanden waren, -- allein

für uns scheinen sie verloren! -- Aber was noch viel beklagenswerther

war, mit Archimedes’ Tode waren auch seine Gesetze und Lehren schnell

vergessen. Man wußte wohl noch, wie sie lauteten, -- aber kannte die

Beweisführung dafür nicht mehr, und eine kurze Zeit nachher war wieder

alle Naturforschung auf die Aristotelische Methode zurückgekommen.

„Archimedes hatte die intellektuelle Welt aus ihrer Ruhe aufgeweckt,

aber sie fiel gleich wieder in ihre frühere passive Ruhe zurück, und

die Wissenschaft der Mechanik blieb dort stehn, wo man sie hingestellt

hatte.“

Unter den späteren Naturforschern ragt noch Ptolomaeus hervor, soweit

wir ihn aus den Ueberbleibseln seiner Schriften kennen, und vor ihm war

Hipparchus für die Astronomie von hervorragender Bedeutung. Von den

Arbeiten dieser bedeutenden Männer blieb nur spärliche Kunde. --

Die Methode des Mittelalters, die Natur zu betrachten, wandte sich

mit vollen Segeln der Aristotelischen Weise zu, und der Einfluß des

Archimedes war erloschen. Schon die Gelehrten, die noch wesentlich

im klassischen Alterthum fußten, wie Pappus, einer der besten

Mathematiker der alexandrinischen Schule (400 v. Chr.), hatten

keine Kenntniß mehr von den klaren Lehren des Archimedes, und jene

kommentatorische und kritische Arbeit des Isodorus und Eutocius über

die archimedischen Schriften ward ignorirt und erst nach Jahrhunderten

wieder hervorgeholt, ja neu aufgefunden. Die Lehre des Aristoteles aber

ward überall, ohne Kritik fast, acceptirt, sie ward ein effektives

Glaubensbekenntniß, dem selbst die Araber ihre Anhänglichkeit

schenkten, und von der das christliche Mittelalter entzückt war

und dem es blind angehörte -- freilich mit dem öfters wiederholten

Bedauern, daß „Herr Aristoteles leider ein Heide gewesen!“ Daß in den

mechanischen Dingen eine solche absolute Dunkelheit und Verwirrung

herabgesunken war und diese schwer und dauernd auf den Geistern

des Mittelalters ruhte, -- hatte die Folge, daß im Mittelalter ein

Fortschritt in Anwendung der Mechanik und überhaupt der Naturgesetze

sehr wenig bemerkbar wurde. Die damaligen Verbesserungen an

Handwerksgeräth und Hausmaschinen waren Kinder der Zufälligkeit, nicht

des begründeten Handelns. --

In dieser Dunkelheit erschien dann 1214-1293 ein hellerer Geist, ein

jedenfalls merkwürdiger Mann, mit Begriffen und Ansichten, die sich

aus der lahmen Denkweise seiner Zeit kräftig abhoben. Er beobachtete

schärfer, als es in seiner Zeit Gebrauch war, er machte sich mehr

frei von den Banden aristotelischer Weisheit als einer seiner

Zeitgenossen oder Gelehrten vor ihm, er predigte die Wichtigkeit des

Experimentes und blickte auf die Kenntniß seiner Zeit herab wie auf

die Kindheit der Wissenschaft, wie Whewell richtig bemerkt. Aus den

arabischen Schriftstellern, wie man oft behauptet, konnte dieser

Mann, ~Roger Bacon~, nicht schöpfen, sie waren ebenfalls den

aristotelischen Lehren ergeben, und er erhebt sich so weit darüber

hinaus! Alleinstehend in seiner Zeit bezeichnet uns Roger Bacon doch

eine erste Regung des gebildeten Geistes zu selbstständigen Gedanken

und selbstthätigem Schaffen, und er beginnt eigentlich die Kette

der Philosophen, die es versuchten, die Banden der hergebrachten

Anschauungsweise zu zerbrechen. Der Beginn eines Erwachens der

Wissenschaften, die an die Natur sich anschließen, wird durch ihn

eröffnet. Nach der allgemeinen Annahme ersteht mit Galilei dann

die Naturwissenschaft aus ihrem Schlummer gänzlich 1602. Ueber die

dazwischen liegende Periode ist wenig bekannt. Warum? Wir finden,

daß der Glanz der Ideen und Gesetze des Kopernikus und des Galilei

die unmittelbar vorangehende Vorbereitungszeit verdunkelte! daß die

schnelle Fortentwicklung der induktiven Wissenschaften durch sie und

nach ihnen vergessen machte zu untersuchen, was vorher bekannt war,

wer vorher in gleicher Richtung gearbeitet hatte. Man wußte nicht, wie

weit die Ideen beider Originalideen waren, und begnügte sich mit der

Thatsache der Neuschöpfung der Wissenschaft. Aber jede große Zeit

hat ihre vorhergehende oft langsame Vorbereitung, und sie fehlte auch

dieser Periode nicht. Aus der Entwicklung der Handwerke und Künste

heraus entstanden Anregungen für die wissenschaftliche Beobachtung,

entstanden Erfahrungen und Fakta, welche unbezweifelt dastanden, aber

in ihrer Entstehungsweise unerklärt geblieben waren, ihres Beweises und

ihrer Begründung entbehrten.

Politische Ereignisse pflegen stets mit den Kulturentwicklungen

Hand in Hand zu gehen! Und so finden wir den Schlüssel, daß Italien

die Stätte der Aufklärung werden mußte, jenes Land, wo in jener

Periode das Individuum eine Stellung gewann, wo in vielen kleinen

Republiken und Staaten die Arbeit neben dem Streben nach Erhaltung der

Unabhängigkeit alles durchlebte bis in die kleinste Hütte hinein, wo

Venedigs meerbeherrschende Flotte den Orient zum Occident herantrug,

wo die Sehnsucht nach der Konstituirung der Macht in der Blüthe

der Handwerke und Künste gestillt ward und kein Mittel unversucht

blieb, die Industrie an gewisse Stätten zur Wahrung ihrer Macht zu

bannen, -- wo Kriege von dem Einen unternommen wurden, um lediglich

Industrien dem Andern zu entreißen und sich zuzueignen, -- wo die

Erfindungen Nationaleigenthum und so hoch geschätzt wurden, daß

deren Verrath gleichsam als ein Verrath am Vaterlande sogar mit dem

Tode bestraft wurde! Solche Ansichten, solche Maßnahmen durchzogen

jene Zeit; Hand in Hand mit den politischen Ereignissen gingen die

industriellen Ereignisse. Roger II. von Sicilien wollte seinem Lande

die Seidenzucht und die Seidenweberei schaffen, weil er sah, daß

beides den griechischen Landen Reichthum brachte -- und er überzog

Griechenland mit Krieg und führte im Siege alles mit hinweg, was zur

Gründung der Seidenindustrie in Palermo nothwendig war. Als Lucca im

Besitz des Seidenbaues und der Seidenmanufactur war, schloß es sich eng

ab und gab so durch Macht und Reichthum, aus dieser Quelle entsprossen,

Anlaß zum Neide der Nachbarn, dem dann die Zerstörung der Stadt durch

Uebermacht folgte. Bologna genoß fast 120 Jahre die Segnungen eine

Spinnmaschine von Borghesano und gewann Macht und Marmorpaläste, bis

das Geheimniß der Maschine verrathen ward, und in Folge davon nach

Angabe der Chronisten 30,000 Menschen brodlos wurden. Dieses Beispiel

zumal zeigt uns den gewichtigen und merkwürdigen Einfluß bedeutender

Erfindungen und die eigenthümliche Stellung der Handwerksfortschritte

in der Kleinstaaterei Italiens. In ganz ähnlicher Weise konnten sich

die Glasmacher auf Murano in Venedig von aller Welt isoliren und ihre

Kunst geheimhalten zu eigenem Vortheil. In gleicher Stellung wurde das

florentinische Tuchbereitungsgewerbe als Unicum erhalten etc.

Alle diese Thatsachen aber weisen auf eine Vorbereitungszeit hin,

-- über welche wir wenig bisher wissen. Es muß in jener Zeit

hervorragende Erfinder und Verbesserer für die Handwerke gegeben

haben, und zwar reichlicher, als die wenigen Namen andeuten, die uns

bisher bekannt wurden. Aus der Entwicklung der Industrie aber mußten

nothwendig neben dem Reichthum und der Macht zahlreiche Anregungen

hervorgehen, zu Studien, zur Erforschung der Naturkräfte, die in

den zur Industrie benutzten Mitteln sichtbar oder unsichtbar sich

konstatirten. Eine Geschichte der Technologie kann nicht geschrieben

werden ohne eingehendste Durchforschung der Quellen, welche über

diese Vorbereitungsperiode berichten, ebensowenig eine Geschichte der

induktiven Wissenschaften. Was sagt Whewell in seiner Geschichte der

induktiven Wissenschaften über die Vorperiode der Galilei’schen Zeit?

„Der Scharfsinn des großen Mannes (Archimedes) war nahe daran, die so

tief verborgene Wahrheit (der Statik) zu entdecken, aber der dichte

Nebel, den er auf einen Augenblick durchbrach, schloß sich sofort

hinter seinen Schritten, und die alte Finsterniß und Verwirrung lagerte

sich wieder auf das ganze Land. Und diese dunkle Nacht währte beinahe

volle zwei Jahrtausende bis auf die Epoche Galilei’s, namentlich bis

zur ersten Ausbreitung der Kopernikanischen Entdeckung.“

Whewell hat wohl den Fortschritten der astronomischen Entwicklung

manche werthvolle Leistung aus der Periode vom 13., 14. und 15.

Jahrhundert anzureihen, -- aber in der Entwicklung der mechanischen

Gesetze kann er uns zwischen Archimedes und Galilei wenige aufführen,

die von einiger Bedeutung waren, und auch diese, wie Cardanus, Ubaldi,

Benedetti, Varro gehörten schon dem 16. Jahrhundert an. Er gesteht

auch einfach ein, daß er diese Zeit nicht kannte, da sie bis dahin

undurchforscht geblieben! Er sagt zum Schluß des Abschnittes, nachdem

er gezeigt, wie Benedetti 1551 in einer Begründung über den Steinwurf

mit hervorragender Klarheit den Begriff der accelerirenden Bewegung

(die selbst Galilei erst später sich zu eigen machte) darlegte:

„Obschon Benedetti solchergestalt auf dem Wege war, das erste Gesetz

der Bewegung, das Gesetz der Trägheit, zu entdecken, nach welchem

alle Bewegung geradlinig und gleichförmig ist, so lange sie nicht

durch äußere Kräfte verändert wird, -- so konnte doch dieses Prinzip

nicht eher allgemein aufgefaßt, noch gehörig bewiesen werden, bis

auch das andere Gesetz, durch welches die eigentliche Wirkung der

Kräfte bestimmt wird, in Betrachtung gezogen wurde. Wenn also auch

eine unvollkommene Appreziation dieses Prinzips der Entdeckung

der Bewegungsgesetze vorausgegangen war, so muß doch die wahre

Aufstellung desselben erst in die Periode, wo alle diese Gesetze selbst

entdeckt wurden, das heißt, in die Periode des Galilei und seines

ersten Nachfolgers gesetzt werden.“ Als Whewell dieses harte Dogma

ausgesprochen und niedergeschrieben hatte, da fiel ihm ein Buch in

die Hand, welches von ~einigen~ Lehren aus Leonardo da Vinci’s

Manuskripten berichtete. Der erstaunte Geschichtsschreiber las und

sah, wie in Leonardo’s Lehren vieles bisher Vermißte und Unaufgeklärte

deutlich enthalten war -- und das Wenige, was ihm hiervon vorlag,

reichte schon hin, Whewell zu bewegen, folgenden Nachsatz zu machen,

nachdem er anerkannt, daß Galilei’s Ansichten und Lehren an vielen

Orten mit denen des Leonardo viel Aehnlichkeit haben, und nachdem

er gezeigt hatte, daß Leonardo dem Galilei in Anspruch einer Reihe

von wichtigen mechanischen Gesetzen zuvorkam, --: „Die allgemeine

Betrachtung, zu der diese Bemerkungen Anlaß geben, ist wohl die,

daß die ersten wahren Ansichten von der Bewegung der Himmelskörper

um die Sonne und von der Bewegung überhaupt seit dem Anfang des 16.

Jahrhunderts in den bessern Köpfen sich zu regen und zu fermentiren

begannen, und daß sie allmählich Klarheit und Festigkeit schon etwas

vor jener Zeit angenommen haben, wo sie öffentlich aufgestellt sind!“

Die Thatsache, welche dem Whewell entgegentrat, daß Leonardo volle

hundert Jahr früher als Galilei bereits klare Ansichten über die

Anwendung der Hebelgesetze, über die schiefe Ebene, über die Zeit des

freien Falls etc. hatte, imponirte, wie wir sehen, dem geistreichen

Geschichtsschreiber, aber seine Zeit bot ihm noch keine Hülfsmittel, um

seinen ersten Ausspruch sehr wesentlich zu modifiziren, -- er kannte

ja selbst Leonardo’s Leistungen nur unvollständig und unklar. Seitdem

ist hier und da ein neuer Beleg aufgetaucht für die Nothwendigkeit der

näheren Durchforschung der wissenschaftlichen Geschichtsquellen, um

jene Zeit aufzuhellen. -- Weshalb, diese Frage stößt uns auf, wissen

wir so wenig aus jener Zeit? --

Schon oben führten wir aus, wie die Industrien der Staaten sich

abschlossen! Ebenso eifersüchtig war man anfangs in wissenschaftlichen

Dingen, -- man denke doch nur an die Disputationen und Kothwerfereien

zwischen den italiänischen Universitäten des Mittelalters, die über

die einfachsten, sowie über die absurdesten Dinge mit gleicher

Heftigkeit geführt wurden, -- ohne irgend einen Kern von Geist

undWissenschaft! Man denke an den religiösen Einfluß, der jede freie

Meinungsäußerung, die von kanonisirten Vorschriften abwich, verfluchte

und vernichtete. Die eigentliche Scholastik und der Nominalismus haben

naturwissenschaftliche Forschungen nicht verhindert, -- wohl aber that

es der Verfall der scholastischen Philosophie im 15. Jahrhundert,

während welcher Zeit „der Dogmatismus unterging und der Skeptizismus

sein Haupt erhob.“ Wenn man über Fragen eifrig debattirte, wie die,

„welches Kleid der Engel angehabt, der der heiligen Jungfrau die

Meldung des Himmels brachte?“ und andere, wie sie die Quaestiones

Quodlibeticae enthielten, -- dann muß man von vornherein annehmen,

daß ernste Arbeiten ohne Berücksichtigung blieben und keine

Oeffentlichkeit erlangten. Alles hatte sich gleichsam in jener Periode

dem Bekanntwerden besserer und aufgeklärter Ansichten widersetzt: die

Kirche, die Universität, die Staatseinrichtung, die industriellen

und kommerziellen Einrichtungen und Maßnahmen. -- Wie sehr die

Publikationen vergessen wurden, davon zeugt die gänzliche Vergessenheit

und Unbekanntschaft der Manuskripte Leonardo’s schon zu seiner Zeit.

Keiner der Schriftsteller über Mechanik, Mathematik, Metallurgie,

Handwerke u. s. w. im 16. Jahrhundert nennt seinen Namen. Vannuccio

Biringoccio, der in seinem Handbuch der Metallurgie nur frühere Werke

exzerpirte (1540), zitirt ihn nicht, ebenso die ganze Schaar späterer

Schriftsteller, trotzdem Leonardo da Vinci der Metallurgie nahe stand.

Ebenso kennen ihn die Autoren über Mechanik nicht u. s. w. Einzig

bekannt und anerkannt waren seine Schriften zur Hydraulik, die zu

seinen Lebzeiten bereits in die Oeffentlichkeit drangen. Solche Fälle

sind nicht selten gewesen; sie kehrten oftmals wieder und sind theils

begründet in den politischen Ereignissen, -- mehr noch hängen sie davon

ab, ~in wessen Hände nachgelassene Manuskripte übergehen~! und

hierin liegt, wie wir noch ausführlicher mittheilen werden, der Grund

für die Einflußlosigkeit der Aufzeichnungen des Leonardo, die wir tief

beklagen müssen nach jeder Richtung hin. --

Wenn wir oben bemüht waren zu zeigen, welche Nothwendigkeit

vorherrscht, für die Klarlegung der Geschichte der induktiven

Wissenschaft und auch speziell der Geschichte der Technik ein

Geschichtsstudium zu fordern, welches sich auf die vor-Galilei’sche

Periode bezieht, um zu einer richtigen Würdigung der Galilei’schen

Epoche selbst zu gelangen und die Geschichtsfakta organisch zu regeln

und richtig zu benutzen, um die Größe und den Werth der Fortschritte

der Neuzeit zu ermessen, so haben wir damit gleichsam ein Motiv

beigebracht für unsere nachstehenden Studien über Leonardo da Vinci,

als ~den hervorragendsten Vorgänger Galilei’s~ und besonders auch als

~den Schriftsteller, der über die Ansichten und Kenntnisse seiner Zeit

Licht verbreitet~.

[1] Plutarchi vit. parall.: Marcellus.

Leonardo da Vinci als Ingenieur und Philosoph Ein Beitrag zur Geschichte der Technik und der induktiven Wissenschaften · 第 21 / 36 题